Nr. 206
Zweites Blatt
160. Jahrgang
Samstag 3< September 1910
Gießener Anzeiger
Erscheint tügNch mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
Die ,,-ietzener Kamiiiendlütter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „KreisNott für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschastlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: e=^51. Redaktion: 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.
Der „Wahlsieg" der Regierung in Portugal.
Die Befürchtungen daß es bei den Neuwahlen zur Deputiertenkammer in Portugal, Me am1 28. August begannen, zu einer Revolution oder z-u größeren Wahlaus- jchreitungen kommen würde, haben keine Bestätigung gefunden. Trotz aller .Volkserregung ging es in Lissabon und 'den übrigen großen Städten Portugals ziemlich ruhig zu, nur aus dem Lande fanden auch diesmal kleinere Tumulte statt, wie das ja in romanischen Ländern üblich ist. Daß Portugal nicht in innere Wirren hineirrgezogen wurde, ist das Verdienst seines Premierministers Antonio Texeira de Souza, der durch umfangreiche militärische Maßnahmen dafür gesorgt hatte, daß namentlich in Lissabon alles ruhig blieb —। trotz der von den Klerikalen angekündigten Militär- revolte. Wie prekär aber die Lage trotzdem war, geht zur Genüge daraus hervor, «daß de Souza sich genötigt sah, eine Anzahl unzuverlässiger Offiziere vorher aus Lissabon zu entfernen, ja, sogar Kriegsschiffe, deren Besatzung antimonarchisch gesinnt war, aus dem Tejo auslaufen und während der Wahlen an der portugiesischen Küste kreuzen zu lassen.
Und voller Verwicklungen ist die Lage in Portugal auch heute noch, trotzdem die Wahlen eine Mehrheit für die Regierung ergeben haben. Denn wenn diese auch immerhin 29 beträgt — die konservativ-klerikale Opposition hat es gegenüber den 92 Ministeriellen auf 49 Abgeordnete gebracht, und die Republikaner haben gar ihre bisherigen sieben Mandate verdoppelt. Das könnte nun auf den ersten Blick angesichts der konservativ-klerikalen und republikanischen A^itatton, die durch die schlechte finanzielle und wirtschaftliche Lage Portugals Aufwasser genug erhielt, noch einigermaßen günstig für das Kabinett de Souza erscheinen, ist es aber bei näherer Betrachtung der parlamentarischen Verhältnisse nicht. Denn ganz abgesehen davon, daß obige Berechnung der Wahlergebnisse offiziösen Ursprungs ist, also schon an sich sehr zweifelhaft sein muß (die Köln. Ztg. berechnet in einem Privattelegramm die Regierungsmehrheit nur auf zwei Stimmen), finden sich auch unter den ministeriellen Monarchisten nur zu viele, die entweder mit dem bemäßigten Liberalismus de Souzas oder mit seiner völlig rm englischen Fahrwasser schwimmenden auswärtigen Politik nicht einverstanden sind. Außerdem aber sind, wie das die Abspaltung der progressistischen Dissidenten von den Liberalen und eines Teils der Regeneradores von den Konservativen beweist, die portugiesischen Parteiverhältnisse so schwankend und zerfahren, daß die Regierungsmehrheit von heute sich nur zu leicht in eine Regierungsminderheit von morgen verwandeln kann, wenn das liberale Konzentrationsministerium de Souza auch nur irgend einer Partei bet ministeriellen Monarchisten Veranlassung gibt, unzufrieden mit ihm zu sein. De Souza wird das natürlich in jeder Weise zu vermeiden suchen; ob es ihm aber gelingt, mit der jetzigen Majorität positiv zu arbeiten, erscheint, wenn ihm die Zusammenfassung der Progressisten mit den progressiv stischen Dissidenten und den liberalen Regeneradores nicht möglich ist, ziemlich unwahrscheinlich. In Lissabon heißt es denn auch jetzt schon, daß das Ministerium de Souza abtreten und einem klerikalen Platz machen werde, was natürlich den Zusammentritt der jetzt gewählten Depu- tiertenkanrmer verhindern und abermals Neuwahlen nötig machen würde.
Wir glauben, .offen gestanden, noch nicht daran. Denn mag auch die Zunahme der konservativ-klerikalen Stimmen noch so sehr für eine Neuorientierung der portugiesischen Politik sprechen, die ^Verdoppelung der republikanischen Mandate trotz des für die Republikaner ungünstigen Wahlgesetzes, trotz der reichen Geldmittel ihrer Gegner und der Inanspruchnahme des behördlichen Wahlapparats, die Tatsache, daß sie nicht nur in Lissabon 10 Mandate errungen; sondern auch 4 in der Provinz, und ihnen zur Eroberung der Mandate von Oporto, Vizou, Eoimbra, Evora usw. nur sehr wenige Stimmen fehlten, beweist zur Genüge, wie sehr die Stimmung des portugiesischen Volkes jetzt von den Monarchisten beider Schattierungen zu den Republikanern abgeschwenkt ist oder abzuschwenken im Begriff steht. Bei solchen Anzeichen aber abermals Neuwahlen vornehmen zu lassen und, wenn sie keine kompakte konservativ-klerikcüe Mehrheit ergeben und Unruhen im Gefolge haben, zum Auskunftsmittel der Militärdiktatur greisen, wie es in Lissabon vorgeschlagen wird, hieße doch den Teufel mit Beelzebub austreiben. Denn das kann keinem Zweifel unterliegen: viele Liberale, die jetzt noch Anhänger der Monarchie sind, würden dann ohne weiteres ins republikanische Lager übergehen, zumal man sich hier dafür verbürgt hat, daß im Falte einer Umwälzung den Mitgliedern der Königsfamilie kein Haar gekrümmt werden solle.
Angesichts eines noch größeren Anschwellens der der Monarchie von den Republikanern drohenden Gefahr bei einem Kabinettswechsel und der damit im Zusammenhang stehenden Auflösung der Deputiertenkammer, sowie der Ausschreibung von Neuwahlen wird man es verstehen, daß de Souza, um sich am Ruder zu halten, vorerst alles darauf anlegt, die Republikaner bis zu einem' gewissen Grade mit seinem Regiment zu versöhnen, damit die jetzigen Wahlen nicht, wie der Führer der Republikaner, Alfonso Costa, es aussprach, die letzten gewesen sind, die unter der Dynastie Braganza stattgefunden haben. Heißt es doch, daß de Souza nicht nur gewisse Punkte des republikanischen Programms, namentlich in Finanzfragen, annehmen, sondern auch zwei Enqueten, näurtich über die Berechtigung der Niederlassung klösterlicher Genossenschaften und über die Einmischung der Weltgeistlichkeit in die Politik, einleiten wolle. Damit stößt er freilich den Klerikalen und einem Teil der Konservativen vor den Kopf; er macht aber sein Regime gleichzeitig populärer und kann, wenn auch nicht auf dre direkte Heeresfolge der Radikalen und Republikaner, so doch aus eine Abschwächung ihrer Opposition und Agitation hoffen. Möglich, daß das Kabinett de Souza auf diese Weise noch einige Zeit am Ruder bleibt. Trotzdem wird man in Portugal noch immer mit schweren inneren Krisen, ja, vielleicht auch mit einer Aenderung der Staatsform rechnen müssen. Das Menetekel der jetzigen Wahlen mit ihrem Anschwellen der republikanischen Stimmen und Mandate spricht zu deutlich dafür, und die monarchistischen Parteien können ihm bei ihrer Zerfahrenheit keinen Damm entgegensetzen.
Internationaler Zoziatistenkongreh.
4 Kop enhagen, 2. Sept.
Am heutigen Sedantage beriet der Internationale Sozialiftenkongreß, der schon einige Tage hier Verhandlungen führt, den Hauptpunkt der Tagesordnung: die a n t i m i l i t a r i st i s ch e Agitation, um die schon auf dem Stuttgarter Par^itage von Liebknecht jr., Gustave HervS und anderen Heißspornen der Partei heftig gekämpft wurde. Der Berichterstatter zu dem Thema war der deutsche Reichstagsabgeordnete Ledebour, der eine von der Kommission vorgelegte umfangreiche Entschlie^mg begründete, in der es u. a. heißt:
„Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Bureaus, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksam st en erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen."
Zur Durchführung dieser Maßnahmen weist der Kongreß das Internationale Bureau an, bei drohender Kriegsgefahr sofort die nötigen Schritte einzulciten, um zwischen den Arbeiterparteien der betreffenden Länder das Einvernehmen für ein einheitliches Vorgehen zur Verhütung des Krieges herbeizuführen. Ein Amendement der Engländer und Franzosen zu dieser Entschließung empfiehlt als besonders zweckmäßiges Mittel gegen den Krieg den allgemeinen Streik der Arbeit e,r, hauptsächlich in den Industrien, die für den Krieg die Materialien liefern. Das Amendement schwächt also die deutsche Entschließung wesentlich ab.
Ledebour kam in seinen Ausführungen auch auf die deutsch-englischen Beziehungen zu sprechen und machte den Engländern den V o r w u r f, daß sie für das Budget und die Flottenrüstungen gestimmt hätten. Er polemisiert ferner gegen die Unterdrückung der nationalen Minderheiten.. Den stärksten Anstoß, die Stuttgarter Entschließung zu erneuern und zu verstärken, habe dieRededes Kaisersin Königsberg gegeben, der sich dort für das absolute Regime aussprach. Die Rede habe aber auch ihre guten Seiten. Ein österreichischer Genosse habe ihm schon gesagt: Ihr in Deutschland habt wiedereinmal ein Schweineglück, dieRedebringt euch 2 0 0 0 0 0 Stimmen ein. Das werde noch nicht reichen. Der Kaiser bekomme, wie in dem Andersenschen Märchen vom Teufelsspiegel, nur ein verzerrtes Bild von den Verhältnissen. Im Anschluß daran erging sich der Redner in scharfen Ausführungen gegen den Kaiser. Er schloß: Nicht bei den Monarchen und Heerführern, sondern bei dem.klassenbewußten Proletariat liegt das Heil der Menschheit.
In der Aussprache beschwerte sich I a u r 6 s , daß Ledebour, der seine Rede selbst in das Englische übersetzt hatte, alle Spitzen gegen die Engländer weggelassen hätte.
Ter bekannte englische Arbeiterführer Keir Hardie ent» gegnete Ledebour. Budget und Rüstungen seien nicht dasselbe. Ueber Budget und Rüstungen werde in England getrennt abgestimmt. Erste Aufgabe der englischen Sozialisten sei es, das Seebeuterecht abzuschaffen, das ein Hindernis für die Verständigung zwischen Deutschland und England auf dem Haager Kongreß gewesen fri.
Renner (Oesterreich) erklärte, daß die Genossen in Oesterreich die Psyche eines Volkes vor einem Kriege kennen gelernt hätten. Sie hätten hieraus aber nicht den Mut geschöpft, den Generalstreik jedem Genossen als Pflicht aufzuerlegen. Diese Bemerkung rief lebhafte Bewegung hervor.
Nach weiterer Aussprache wurde schließlich beschlossen, die Entschließung und das Amendement dem Internationalen Bureau zur Berichterstattung an den nächsten Kongreß zu überweisen. Es bedeutet das ein Begräbnis erster Klasse In später Abendstunde beschäftigte sich der Kongreß noch mit der böhmischen Frage. Morgen findet die Schlußsitzung dec Kongresses statt.
2Ius Stabt unb Land.
Gießen, 3. Sept. 1910.
Geht der Bier-Verbrauch zurück!
M-erm man die Zahlen der letzten Jahre vergleicht, dann wird mit jedem' Jahr weniger Bier getrunfen und der gegenwärtige Rückgang ist ganz erhebUch. Auf den Kopf der Bevölkerung kommen im letzten abgeschlossenen Jahr 1908 nur noch 111 Liter Bier, d. i. ein Rückgang von 14 Litern gegen das Jahr 1899, wo der höchste Bierverbrauch zu verzeichnen war,. Das ist eine bedeutende Abnahme, denn nicht einmal die Hälfte aller Deutschen kann zu den Biertrinkern gerechnet werden, da in der Kopfzahl ja auch die Kinder einbegriffen sind. Somit erhöht sich die Ab-j nahmeziffer für die Bierkonsumenten erheblich. Das Jahr 1909 'bringt aller Voraussicht nach noch niedrigere Ziffern und 1910 erst recht. Nun wäre es aber durchaus verfehlt, wenn man der Statistik blindlings folgen wollte sie gibt Uns überhaupt keinen.Aufschluß über den Bierverbrauch, denn die amtlichen Ziffern stellen eigentliche nur den Ma t e- rialienverb rauch fest und können die gebraute Biermenge keineswegs erfassen. Daher wäre sogar eine wesend, liche Zunahme des Konsums mit den fallenden Zahlen in Einklang zu bringen, sofern das Bier entsprechend dünner geworden ist. Und für die letztere Annahme sprechen alle Umstände, auch die Ergebnisse der chemischen Untersuchung des Vieres.' Früher veröffentlichten die Brauereien ihre Produktions- und Absatzzifsem, heute geschieht dies aber nicht mehr und so ist einer genaueren Berechnung des Bierverbrauchs jede Grundlage genommen. Eine Mainzer Groß-, brauerei hat jüngst festgestellt, paß selbst die wesentliche Erhöhung des Verkaufspreises eine nennenswerte Verminderung des Verbrauchs nicht gebracht habe, anderweitige Mitteilungen stimmen damit überein. Nach allem kann gesagt werden: Wenn überhaupt, ist der Rückgang des Bierkonsums nicht entfernt so stark, wie ihn die amtliche Statistik aus-» zuweisen scheint, sicher aber ist, daß der Biertrinker heute bedeutend weniger Extraktstoffe und Alkohol in derselben Menge Bier erhält als früher. Ohne Zweifel hat dabei das Bier, da die Brauart nicht nur schwächer, sondern auch immer vollkommener geworden ist, an Wohlgeschmack und Zuträglichkeit noch gewonnen und man im kann im ganzen zufrieden sein. Was die obigen Durchschnittszahlen betrifft, so gehen die verschiedenen /Mierländer" natürlich' stark da-.
rüber hinaus. So kamen 1899 auf den Kopf der Bevölkerung (d. h. auf den Durchschnittsbiertrinker viel mehr) 248 Liter in Bayern, 193 Liter in Württemberg, 170 Liter in Baden Entsprechend müßiger sind dann die übrigen Bundesstaaten.
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"Gießener Volksbad. Im August wurden 10031 Bader verabreicht gegen 12 754 tm Juli 1910 und 9866 im August 1909 oder im Durchschnitt täglich 324 Bäder gegen 411 im Juli 1910 und 318 im August 1909. Der Besuch im einzelnen hat sich wie folgt verteilt:
Schwimmbad: 3536 Männer, darunter 945 zu 10 Pfg., „ 1424 Frauen, „ 426 „ 10 „
Wannenbäder I. Kl.: 291 Männer, 161 Frauen,
„ H. „ 876 „ 544
Brausebäder I. „ 987 „ 320 „
„ II. „ 1328 „ 447
Dampf- und Heißluftbäder sowie Massage zusammen 105 Männer, 12 Frauen. Die Personenwage wurde von 280 Personen benutzt, das Bad von 6 Personen besichtigt.
*• Billige Briefe nach Amerika. Folgende Schiffe befördern Briefe nach den Vereinigten Staaten von Amerika zum Preise von 10 Pfg. für je 20 Gramm: „Kronprinzessin Geeilte* ab Bremen 6. September, „Cincinnati" ab Hamburg 8. Septbr., „Kronprinz Wilhelm" ab Bremen 13. Septbr., „Kaiserin Auguste Victoria" ab Hamburg 17. Sept., „Kaiser Wilhelm II." ab Bremen 20. Sept., „Deutschland" ab Hamburg 24. Sept., „Kaiser Wilhelm der Große" ab Bremern 27. Sept., „George Washington" ab Bremen 1. Oktober, „Kronprinzessin Cecilie" ab Bremen 4. Oft, „Amerika" ab- Hamburg 6. Okt., „Kronprinz Wilhelm" ab Bremen 11. Oft., „Cincinnati" ab Hamburg 13. Okt. Alle diese Schiffe außer „Cincinnati" sind Schnelldampfer, oder solche, die für eine bestimmte Zeit vor dem Abgang die schnellste Beförderungsgelegenheit bieten. Es empfiehlt sich, die Briefe mit einem Leitvermerk, wie „direkter Weg" oder „über Bremen oder Hamburg", zu versehen. Die Portoermäßigung erstreckt sich nur auf Briefe, nicht auch auf Postkarten, Drucksachen usw. und gilt nur für Briefe nach den Vereinigten Staaten von Amerika, nicht auch nach anderen Gebieten Amerikas, 5. B. Kanada.
— Bad^Nauheim, 2. Sept. Bis zum 1. Sept, sind 29868 Kurgäste angekommen, wovon an genanntem Tage noch 58*Ä anwesend waren. Bäder wurden bis zum 1. September 376 890 abgegeben.
X Lorbach, 2. Sept. Die hiesige Gemeinde veranstaltete zur 40jährigen Wiederkehr deZ Tages von Sedan gestern abend eine würdige Feier. Nach Eintritt der Dunkelheit bewegte sich ein stattlicher Festzug auf die Stunde entfernte „Haarn", woselbst sich bereits unzählige Schaulustige aus den Gemeinden Diebach und Vonhausen eingefunden hatten. Fast alle Teilnehmer trugen bunte Lampions, waS sich in der dunklen Nacht ungemein schön. ausnahm. Hoch loderten bereits die Feuerflammen zum nächtlichen Himmel empor, als der Zug oben anlangte. Die Musik spielte, der Gesangverein trug zur Eröffnung ein passendes Lied vor, woraus Lehrer Heusohn eine längere Ansprache hielt, in welcher er an die großen Taten von 1870/71 erinnerte und in kraftvollen Worten zur Treue gegen Kaiser und Reich aufforderte. Nach Absingung von „Deutschland, Deutschland über alles" und der „Wacht am Rhein" ging es unter den Klängen der Musik dem Heimatdorfe zu. Allen Teilnehmern wird die schöne Feier unvergeßlich bleiben.
Die Wunderdoktoren von Hartenrod.
(Nachdruck verboten.)
IV,
D Marburg, 2. Sept.
Heute wurden Protokolle der Inzwischen verstorbenen Fnut Orth aus Wetter und der erkrantten Frau Debus aus Schlierbach, die in der Behandlung Dikomeits gewesen sind, verlesen. Landwirt Wege aus Bellnhausen litt seit langen Jahren an schlimmen Augen. Auch er wurde in H arteirr od mittels Baunfcheidtschev Methode behandelt. Im Journal war die Krankheit als Gehiru- erweiterung bezeichnet. Er gab an, daß nach der BehandluiM sein ganzer Körper mit Geschwüren bedeckt gewesen sei. Proft Hildebrand versicherte, daß sich bei diesem Mann infolge der Behandlung mit Baunscheidtscher Methode eine schwere Venenentzündung herausgebildet habe. Die Witwe Debus aus Schlierbach litt an einer Fußkrankheit. Sie wurde mit dem Apparat am Fuße geimpft und zwar abwechselnd von Dikomeit und Zimmermann. Letzterer bemerkte hier, daß die Frau zweifellos gesund geworden wäre, wenn man sie nicht den Auftegungen der Untersuchung ausgesetzt hatte. Gastwitt Franz aus Oberweirnar gab an, daß er durch die Behandlung Dikomeits von seinem altert Leiden befreit worden sei. Der verstorbene Maschinist K 0 ft auZ Hartenrod litt zwei Jahre lang an Niereukraukheit und Wassersucht. Dikomeit stellte Blasenleiden fest und versichette zugleich mit 3man ermann, daß die Heilung in drei Wochen erfolgt sei. Seine Frau gab Auskunft darüber, daß ihr Manu mittels Baunscheidtscher Methode behandelt und dann voller Geschwüre gewesen sei. Dikomeit versichette, daß er die Frau nur habe! trösten wollen, denn er habe sofott gesehen, daß hier alle Kunst vergeblich sei. Zimmermann, der allein vernommen wurde, drückte sich in ähnlicher Weise aus; sie hätten versucht, den Kranken das Leben zu verlängern. Prof. Hildebrand und Dr. Tennbaum! führten die Verschlechterung im Zustande des Mannes auf die Einreibung mit dem Oel nach dem Impfen zurück. Bei diesen Nierenerkrankung hatte 'die Einschmierung das Gegertteil von derung hervorgerufen.
Ein junger Bursche wollte gern feine Plattfüße los sein. Als ihm der Arzt nicht helfen konnte, ging er zu Dikomeit, den ihm die Füße mit dem Baunscheidtscyen Apparat behandelte.^ Dikomeit bekundete, daß sich der junge Mann damals dadurch, daß er anstatt sich ins Bett zu legen, herumgelaufen sei, eine Verschlimmerung seines Leidens herbeigeführt habe. Prof. Hildebrand glaubt, daß die Verschlimmerung der Füße nicht auf die Anwendung des Bauuscheidtismus .zurückzuführen war. Einee Frau aus Günterod hatte Dikomeit einen Schlaftrunk verschrieben; sie sollte abends vor dem Schlasengeheu einen Eßlöffel voll neimtciL, Statt dessen nabm sie den Trank von 2 zu 2 Stunden eim Die Frau ist bald darauf gestorben. Dikomeit und Zimmermann bekunden, daß auf dem Rezept und dem Fläschchen die Benutzuirg des Tranks richtig angegeben worden fei. Auf dem Fläschchen, das zur Stelle war, stand dies auch zu lesen. Den Trank bat Dr. Haun damals mitgenommen. Der Sachverständige Dr rned Walther-Karlsruhe gab Auskunft über Schlaftrunk, per Brom-


