Nr. 174
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^ol. Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen-
Die Gießener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" Biennal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
— Kurze Nachrichten aus Kunst u. W i s s c n s ch a f t. Der o. Prof, für römisches Recht an der Universität Würzburg, Geheimrat Dr. Hugo v. Burck Hardt, tritt mit Schluß des Sommersemesters in den Ruhestand; er ist 72 Jahre alt. — Der Schriftsteller und frühere Generalintendant des Stuttgarter Hoftheaters, Dr. der Philosophie Julius v. Werthcr, ist in Pertisau am Achensee in Tirol im Alter von 72 Jahren gestorben Werthcr begann in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts als Schauspieler und Regisseur in Weimar, leitete dann in den 60er Jahren das .Hof- und Nationaltheater in Mannheim später von 1873-1875, das Hoftheater in Darmstadt urch wurde nachdem er in den 80er Jahren inzwischen noch einmal 7 Jahre hindurch an der eW der Mannheimer Buhne qt* ftanben hatte, im Jahre 1884 Generalintendant des Stuttgarter Hostyeaters.
Dichter fehlten nicht, und für den Tasso bezeugte er eine große Vorliebe. Die besten neuen Reisebeschreibungen waren auch vorhanden . . . nicht weniger hatte er sich mit den nötigsten Hilfsmitteln umgeben, mit Wörterbüchern aus verschiedenen Sprachen, mit Reallexika, so daß man sich also nach Belieben Rat erholen konnte, sowie mit manchem andern, was zum Nutzen und Vergnügen gereicht."
Das mit trefflichen Gemälden geschmückte Heim am Hirschgraben in Frankfurt machte dem ästhetischen Empfinden des Kaiserlichen Rates alle Ehre. Er liebte es, die damaligen Künstler der Mainstadt um sich zu versammeln und ihnen Aufträge zu erteilen. Mit großem Interesse verfolgte er die schriftstellerische Entwicklung seines Sohnes und tat willig für ihn Sekretärdienste. Freilich wollte er den Sohn auch nicht in den Armen eines brotlosen Literatentums sehen, deshalb drang er auf ein geordnetes Studium. Er hatte oft den Leichtsinn des Sohnes zu tadeln, ließ ihn aber auch in seinen „Possen" gewähren und hielt ihn zu allerlei schönen Künsten an.
Der große Sohn in Weimar hielt es nicht unter seiner Würde, sich um häuslickte Angelegenheiten zu kümmern. Auch den Vater erkennen wir aus dem von Ruland herausgegebenen Haushaltungsbuch (biber domcsticus) als verständig sorgendes Familienoberhaupt. In diesem eigenhändig geführten Ausgabenbuch notierte Rat Goethe gewissenhaft alle Ausgaben, die int Jahr durchschnittlich 2570 Reichsgulden betrugen. Einen nicht unbedeutenden Posten im Jahresbudget nehmen Geschenke und Almosen ein. Besonders gut honorierte,Rat Goethe die Lehrer seiner Kinder. Das Mobiliar ließ er oft durch Ankäufe bereichern. Regelmäßig besuchte er mit seiner Gattin Konzerte und Theater. Sein Sohn erhielt während der Leipziger Studienzeit den für damalige Verhältnisse sehr anständigen Monatswechsel von 200 Mark. Fast dieselben väterlichen Mahnungen, mit denen der Dichter aus dem Elternhause entlassen wurde, begleiteten den jungen Studiosus August Goethe von Weimar nach Heidelberg. Das große Ereignis im Leben deö Kaiserlichen Rats war seine Reise nach Italien, von der er oft und gern erzählte. Einen Teil der Aufzeichnungen seiner Reiseerlebnisse besitzt das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Aus diesen wichtigen Schriftstücken erkennen wir, wie der Vater gleich dem Sohne das Typische im individuellen und das Einzelne km allgemeinen betrachtete. Alle Erscheinungen des vielgestaltigen italienischen Lebens wollte er zu eigenem Nutz" in sich auf- nehmen. Wir sehen ihn umherschweifen und mit dem Sammeln von Naturalien beschäftigt. Wir sehen aber auch den Kunstfreund, der sich für italienische Malerei und Plastik begeistert. Die prächtigen Kirchenbauten und pomphaften Paläste Venedigs flößen ihm „heilige Ehrfurcht" ein. Auch die Musik Italiens zieht ihn an. Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in Venedig erfreut er sich an der Oper „Adriano in Siria." Er
haupMrsammIung der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst.
4- Görlitz, 25. Julw
Unter zahlreicher Beteiligung von Gartenarchitekten sowie privaten, städtischen und staatlichen Gartendirektoren aus alten Teilen Deutschlands trat hier die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst zu ihrer .2 3. Hauptversammlung zusammen. Eingeleitet wurden die Beratungen mit einer Vor- standssitzung, in der interne Angelegenheiten verhandelt wurden. — In der ersten öffentl. Versammlung hielt nach den Begrüßungsansprachen Gartenarchitekt Hoemann (Düsseldorf) einen Vortrag über Zweck und Ziele der Verschönern ngsvereine^ Der Redner ging davon aus, daß die Verschönerungsvereine überall den redlichen Wunsch haben, die Heimat zu verschönern, und daß trotzdem gerade von Verschönerungsvereinen so viel Unschönes, ost geradezu Abstoßendes geschaffen wird. Wenn jemand etwas verschönern wolle, so müsse er vor allem wissen, was schön tfL Diese Vorbedingung wird von den Vereinen meistens nicht erfüllt. Das liegt daran, daß wir in unserem Baterlande noch keine gemeinsame Welt- und Lebensaussassung haben. Erst wenn das her Fall sein wird, werden wir wieder einen einheitlichen volkstümlichen Stil als Ausdruck unserer Zeit gewinnen. Die erste Aufgabe der Verschönerungsvereine ist daher, sich über den Begriff des Schönen überhaupt zu unterrichten. In dieser Beziehung fallen die Aufgaben der Verschönerungsvereine mit denen der Bildungs- Vereine, von Schule und Haus zusammen. Durch Vorträge muß die echte rechte Heimatliebe und der Heimatschutz gefördert und gestärkt werden. Jeder Mensch muß sich der Pflicht bewußt sein, daß Sträucher unb Blumen in der Nähe der Stadt im Interesse der Allgemeinheit geschätzt sind. Jeder Mann muß selbständig diesen Schutz ausüben, jede Mutter muß hierzu ihre Kinder erziehen. Parallel mit dem Blumenschutz muß der Tierschutz gehen. Es ist nicht nötig, daß jeder hohle Baum beseitigt wird, wodurch zahlreichen Vogelarten ihre natürliche Nistgelegenheit verkümmert wird. Eine weitere Aufgabe der Verschönerungsvereine bildet die Erhärtung der Schönheit der heimatlichen Landschaft. In dieser Beziehung ist erfreulicherweise, namentlich imRheinlande viel geschehen. Ucberall gibt es eigenartige Schönheiten zu erhallen: die Linde am Bauernhaus, den Schlehdorn am Raine, Haselnuß und Eberesche am Waldesrande, den Hollunderstranch an der Arbeiter- Hütte. Leider räumt unsere intensive Forstkultur mit diesen beiten immer mehr unbarmherzig auf. Auch der jetzt viel be-
Iteuer seitens des Reiches erhoben werden sollte, dieser Zuschlag' auch noch nach Einführung der Zuwachssteuer unb neben derselben weiter erhoben werden sollte. Die im vorigen Jahre eingeführte Talonsteuer ist anstatt zu einer Besitzsteuer zu einer Schuldnersteuer geworden, die den kreditbedürftigen Hausbesitzer belastet.
Auf dem Geldmärkte trat gegen Ende des Jahres 1909 wiederum eine merkbare Verschlechterung ein. Die Zinssätze haben weiter eine steigende Tendenz gezeigt, so daß zum Schlüsse des Geschäftsjahres Zinssätze von 4Vs bis 4Vr Prozent auch für allerbeste Beleihungen die Regel bildeten. In maßgebenden Kreisen glaubt man an eine Geldversteifung im Herbst. Daß die Verhältnisse des Geldmarktes im vergangenen Jahre noch keineswegs befriedigend waren, geht auch aus dem Umstand hervor, daß die Zahl der Zwangsversteigerungen nur in sehr wenigen Städten in nennenswertem Umfange zurückgegangen ist. Auch wenn man voraussetzt, daß teilweise andere Verhältnisse die Ursache der Zwangsversteigerung gewesen sind, so wird doch wohl in der Mehrzahl der Fälle die Nichterneueruna einer gekündigten Hypothek die Ursache des wirtschaftlichen Zusammenbruches gewesen sein. Abgesehen von der Schädigung des Volksvermögens liegt hierin aber auch eine solche Fülle von Tragik, daß die Schaffung von Organisationen für den Realkredit auf landschaftlicher Grundige als die allerwichtigste Aufgabe nicht nur des Hausbesitzes, ' ?ern auch der öffentlichen Gewalten erscheinen muß. Die Bau- - u t i g f e i t ist trotz der mancherlei Schwierigkeiten der letzten Zeit im verflossenen Jahre im allgemeinen verhältnismäßig lebhaft gewesen. Infolgedessen hat auch die ohnehin schon sehr hohe Zahl der leerstehenden Wohnungen eine erhebliche Vermehrung erfahren. Für Groß-Berlin wurde sie anfangs des Jahres auf insgesamt 40 000 geschätzt. Sehr bedauerlich ist es, daß auch das Reich fortfährt, Baugenossenschaften mit Darlehen unb billigem Gelände zu unterstützen an solchen Orten, wo ein übergroßer Vorrat von leerstehenden Wohnungen das gesamte Wirtschaftsleben an sich schon äußerst ^nachteilig beeinflußt. Es steht dies im Widerspruch mit den Zusicherungen, die dem Reichstage seinerzeit bei der Bewilligung der in Frage kommenden Gelder gegeben worden sind.
Goethes Vater.
(Zum 29. Juli.)
Von Herman Krüger, We'stend (Othmarschen).
In der Beurteilung von Goethes Vater, der vor 200 Jahren, am 29. Juli 1710, geboren wurde, ist in früheren Jahren viel gefünbigt worden. Man hat kritiklos die Urteile der Zeitgenossen (Karl Alexander, Herzogin Amalie, Merck, Lavater, Wieland) übernommen, die in Johann Kaspar Goethe nur einen zähen Sprößling dos Kleinbürgertums mit halsstarrigem Wesen erblickten. Erst eine selbständige Nachprüfung hat ergeben, daß her Mann, ber über bie Jugend des großen Goethe .wachte, durchaus unserer Bewunderung würdig ist. Dieser Mann verfügte über höhere Eigenschaften als Bildungstrieb, Pflichttreue und die landläufige Ehrenhaftigkeit. Ja, bei näherer Betrachtung ^drängt sich die Aehnlichkeit im Charakter zwischen Vater und Sohn überzeugend auf.
Der starken individuellen Persönlichkeit des Kaiserlichen Rats ist bis auf den heutigen Tag niemano gerechter geworden als der Sohn. Wer mit unbefangenen Augen die Schilderung in Dichtung und Wahrheit liest, wird gestehen müssen, daß 'Rat Goethe nicht nur über eine gründliche wissenschaftliche Bildung verfügte, sondern auch ein für alles Schöne urtb Erhabene begeisterungsfähiger Kunstfreunb war. Seine Ordnungsliebe und Sammlerleidenschaft finden wir beim Sohne wieder. Auch war I. K. Goethe kein Haustyrann, der die heitere Lebenssonne der Frau Rat trübte. Der zärtliche Gatte und sorgsame Vater hatte nur die besten Absichten für seine Familie. Als Kind seiner Zeit ließ er sich in Erziehungsfragen von strengen Prinzipien leiten, die freilich mit dem stürmischen Drängen des jugendlichen Wolfgang nicht immer in Einklang zu bringen waren. Hätte der Vater die Zügel aus den Händen gegeben, wer weiß, was aus dem kleinen Wolfgang geworden wäre. Frei von dem Zwange eines Berufs, erblickte Rat Goethe in der Erziehung seiner Kinder feine Lebensaufgabe. Und man kann nur sagen, daß er sie mit ber glücklichsten Hand gelöst hat. Die allseitige Ausbildung der Persönlichkeit war für ihn daS erstrebenswerteste Ziel. Sein Ideal sah er darin, ein von Kunst unb Wissenschaft erfülltes Dasein zu führen. Seiner Doktorarbeit über den Erbschaftsantritt nach römischem unb vaterländischem Recht brauchte sich auch heute noch fein Jurist zu schämen. Ständig sorgte der Rat für Vervollständigung seiner umfangreichen Bibliothek. „Er besaß," wie der Sohn berichtet, „bie schönen hollänbischen Ausgaben der lateinischen Schriftsteller, welche er ber äußeren lieber- einstimmung wegen sämtlich in Quart anzu sch assen suchte; sodann vieles, was sich auf die römischen Antiquitäten unb oie elegantere Jurisprudenz bezieht. Die vorzüglichen italienischen
schreibt: „Ich war starr, als ich in bie Oper von San Chry- sostonw eingetreten war; bie Musik, bas Orchester, etwa 40 brs 50 gute Spieler, die Kostüme der Hauptpersonen, alles sehr prächtig und besonbers glänzenb der wohlersonnene Aufbau" Tie Primadonna Fumagalli findet seine höchste Bewunderung Auch dem Schauspiel widmet er ein eifriges Interesse Die bekannte Miniatur-Pastellmalerin Rosalba ((tarriera) wird mit fol- genbem Lob bedacht: „In ihren Gemälden ist Leben und Kunst und Natur über alles Maß nachgeahmt, so daß, wer sie sichte sie immer zu sehen wünscht." Goethes Vater machte in Italien die Bekanntschaft vieler berühmter Männer. Den alten Dichter Apostolo Zeno hat er wiederholt besucht. Er notierte sich 'Inschriften an Bauwerken, Monumenten und Grabstätten. Ueberall offenbarte er fein großes Kunstverständnis, seinen scharfen Sinn und sein kritisches Vermögeii. Er bereicherte seine Sprachkenntnis und drang mit Verständnis in das System des venetianischen: Staatswesens ein.. Während des Karnevals in Venedig ver- pnügte er sich auf Bällen und plauderte mit schönen Damen bis -zum Anbruch des Morgens.
.. Dieser alte Herr war gewiß kein Philister. In allen seinen Auszeichnungen, die einmal vereinigt werden müssen zu einem großen umfassenden Lebensbild des Kaiserlichen Rats, drängen sich die verwandten Beziehungen zwischen Vater unb Sohn auf. Die festen Grundlagen seines universellen Wissens verdankt ber Sohn der Einsicht des Vaters. Vom Vater wurde der Grundstock zum Goetheschen Lebenswerk gelegt. Von ihm hatte der Sohn Nicht nur die Statur und des.Lebens ernste Führung, sondern auch bie grundlegenden Züge seiner Wesens- unv Charaktereigenschaften als Erbstück übernommen.
Wovon die Menschen hauptsächlich leben.
Die „Deutsche volksw. Korrcsp." schreibt:
Unentbehrlich geworden sind ber Menschheit drei Gattungen von Felbfrnchten: Brotkorn, Kartoffeln und Reis Die Er- nährung der meisten Menschen beruht auf diesen Früchten. Gewaltige Mengen davon werden alljährlich geerntet, im Jahre 1907 beziehungsweise 1908 von den wichtigsten Staaten ber Erbe ins- ^antt rund 129 Millionen Tonnen (zu je 1000 Kilo) Kartoffeln, 74 Millionen Tonnen Weizen unb dazu 39 Millionen Tonnen Roggen, enblich 80 Millionen Tonnen Reis.
In einem Jahrhundert, in dem der Dampf König war, ferner durch die Erfindung ber Arbeitsmaschinen und der Elektrizität, mit Hilfe der modernen Verkehrsmittel unb ber Wunder ber Technik fnib große Industriestaaten entstanden und sehen sich genötigt, sehr beträchtliche Mengen von Nahrungsmitteln einzu- führen, ote_ von den großen Agrikulturstaaten erzeugt werden.« Dennoch läßt sich noch heute aus ber heimischen Ernte ber euro- PäNchcn wie ber außereuropäischen Länder ersehen, welche Art von Feldfrucht von ber Bevölkerung bevorzugt wird.
Der W e i z e n ist namentlich in Form von Gebäck bie Grundlage für bie Ernährung ber Englänber, Franzosen und Spanier, ferner für bie Süditaliener, während in Norditalien der Mais starker hervortritt, auch für die Madjaren, und herrscht ausschließlich m Amerika und Australien. Weizen wirb zwar auch von den Deutschen Mitteleuropas verbraucht, aber durchaus nicht so überwiegend ober gar ausschließlich wie in ben genannten Ländern. Im deutschen Mitteleuropa bevorzugt man Roggenbrot nicht ans Armut, wie manche Englänber glauben, fonbern weil man es wohlschmeckender findet. In Rußland wird vielleicht aus jenem Grunde das Roggenbrot bevorzugt.
Deutschland ist das Land ber Kartoffeln und des R o g - gens. Im Jahre 1908 erzeugte cs 46 Millionen Tonnen Kartoffeln, mehr als ein Drittel der gesamten Welternte, erheblich mehr als irgend ein anderes Land, selbst als Rußland, dessen Erzeugung an Kartoffeln sich in Europa auf 29 Millionen Tonnen belief. Auch Oesterreich unb Frankreich haben mit je 14 Millionen Tonnen eine beträchtliche Kartoffelernte. In diesen Ländern ist die Kartoffel am beliebtesten, wird stark bevorzugt unb gehört zu den unentbehrlichen Lebensmitteln, namentlich da, wo, wie in ben deutschen Mittelgebirgen, Getreide weniger gut gedeiht. Auch bie Bewohner ehemals keltischer Gegenden wie außer in Nord- srankreich, in Belgien, Holland unb Jrlanb sind noch heute Kar- iofielener. Dagegen ist bie Kartoffel in anderen größeren Kultur- staaten. namentlich in Enaland, Italien und Svanien, in Amerika Asien und Australien entweder nur als eine verhältnismäßig seltene Zuspeise oder aber gar nicht bekannt.
Die meisten asiatischen Völkerschaften leben wesentlich von Reis. Er ist in Indien, China. Japan, Siam, Java usw. das überwiegende Nahrungsmittel. Nur verhältnismäßig unbedeutende Mengen kommen nach Europa. Deutschland bezog im Jahre 1907 noch nicht ganz 300000 Tonnen Reis.
Ehedem war die Hirse in Europa stark verbreitet und die tägliche Speise der Massen, ist aber allmählich zurückgedrängt worben unb wird heute noch von den Slawen im Osten unb auch von ben Negern in Afrika viel gebaut. Ein Hirsebrei wars, ben vor 300 Jahren die Züricher in einem Tage auf einem Kahn rhein- abwärts nach Straßburg noch im warmen Zustande brachten. Als Brei wird heute noch der Reis zumeist genoffen, und sicherlich wurde auch das Getreide als Brei zubereitet, bevor man dazu kam, es zu Brot zu verbacken.
Der König von Italien und die LinschrSnknng der Rüstungen.
0 Paris, 26. Juli.
Bei einer Besprechung der verfchiebenen Bemühungen, den ins Unermeßliche steigenden Wettbewerb der Nationen in Rüstungen einzuschränken, kommt Senator Gervais im „Matin", ohne die Quelle anzugeben, aus einen Plan des Königs von Italien, der darauf abzielte, den Marinevergrößer- ungen Einhalt zu gebieten. Seiner nicht ^anz glaubwürdigen, besonders in dem durchsichtigen Hinweis auf das ablehnende Verhalten des deutschen Kaisers vielleicht gefärbten Darstellung zufolge hatte Viktor Emanuel III. folgende Ansichten entwickelt:
Für jede Kategorie von Fahrzeugen sollten Ziffern des Tonnengehalts, der Geschivindigkeit, der Ausrüstung usiv. em -für alle Mal ieftaeleqt werden; über diese dürfte nicht binmeggegnnqeii werden. Jede Nation konnte nach 'Maßgabe ihrer Mittel eine beliebige Anzahl von Fahrzeugen jedes Tyuus schaßen. Nur das Hasten nach immer größeren Schiffen, nach immer furchtbarerer Geschwindigkeit, nach immer stärkerer Ausrüstung sollte gehemmt werden. Der König war überzeugt, daß eine derartige Anregung den Weltfrieden fördern müßte, und liefe sich darüber an den geeigneten Stellen vernehmen, aber erfolglos. Denn er erklärte Vertrauten: ,,3d) habe die Idee dem unterbreitet, der durch seine Stellung meiner Auffassung ihre ganze wirtsame Kraft geben konnte; aber man hat mich nicht verstehen wollen".
Uebrigens soll sich der König in Privatgespröchen immer als echter Demokrat bekunden und noch vor kurzem gesagt haben: „Wie hoch schätze ich das Ansehen, das die Tatsache verleiht, von dem Volke ausgezeichnet, erkoren und gewählt zu werden." Natürlich findet der Herrscher Italiens mit einer derartigen Haltung die freudigste Beistimiuung des republikanischen Senators.
Die Lage des städtischen haus- und Grundbesitzes.
4 Braunschweig, 26. Juli.
Zu der bevorstehenden Tagung des Zentralverbandes der städtischen Haus- und Grunbbcsitzer-Bereme Deutschlands hat der erste Stellvertreter des Verbandsdirektors Justizrat Dr. Baumert (Spandau) einen Bericht über die Lage des städtischen Haus- und Grundbesitzes erstattet, der unter anderem folgende Angaben enthält:
. Die Befürchtungen, mit denen der deutsche Haus- unb Grundbesitz in bas vergangene Jahr eingetreten ist, haben im verflossenen Jahre leider vollkommene Bestätigung gefunden. Von einer Besserung der Lage, und fei es auch nur in gewisser Hinsicht, ist feine Rebe, noch weniger aber von derjenigen Schonung unb Rücksicht, welche ber private Hausbesitz als nützliches und notwendiges Glied im heutigen Wirtschaftsleben, besonders in steuerlicher unb rechtlicher Hinsicht wohl ein Recht zu erhoffen hätte. Allerdings darf man vei Beurteilung der allgemeinen Lage die Lage nicht unberücksichtigt lassen, wie sie anfangs des Jahres einerseits durch gesetzgeberische Maßnahmen, andererseits durch die herrschenden Anschauungen und Strömungen gegeben war. Diese Lage war derart, baß für bie nächste Zeit mit weiteren steuerlichen Belastungen des Hausbesitzes acredjnct werben mußte. Aber niemanb konnte auch nur ahnen, daß bie Reichs- regierung den Privatbesitz mit einem so außerordentlich harten, allen Grundsätzen gerechter Steuertheorie direkt hohnsprechenden, lediglich von bobenresormerischen unb' fiskalischen Anschauungen getragenen Z u w a ch s ft e u e r g e s e tz zu strafen die Absicht haben würde, eine Absicht, bie zunächst allerbings an ber Einsicht des Reichstages gescheitert ist, insofern, als ber Ausschuß des Reichstages bereits bie schlimmsten Härten unb handgreiflichsten Unmöglichkeiten „des Gesetzentwurfes beseitigt hat, ohne baß es dadurch indessen allen billigen Anforderungen gerecht worden wäre. Es barf heute schon als sicher angesehen werden, baß das Gesetz in der Fassung ber Regierungsvorlage vom Reichstage nicht gutgeheißen werben wird. Diese Regierungsvorlage hat aber das eine Gute gehabt, daß sich enblich einmal weitere Kreise mit bent Problem der Besteuerung des unverdienten Gewinnes am Grunb und Boden etwas eingehender beschäftigt haben, und sich infolgedessen manche, vor dem lediglich auf Grund der hoben* reformerischen Lehren gebildete Meirnmg gewandelt, mancher Irrtum eine Richtigkeit gefunden hat. Insbesondere ist dies auch in ben Kreisen ber Politiker ber Fall gewesen. Fortwährend wirb das Problem noch, erörtert, so daß es noch keineswegs ausgeschlossen ist, daß ein Reichszuwachs st euerge setz überhaupt nicht zustande kommt. Uebrigens hat das Gesetz bereits feine Schatten vorausgeworfen. Die vom Zentralverbande schon immer betont worden ist, führt bie, wenn auch nur teilweise Fortsteuerung des Gewinnes dahin, daß die Terraingesellschaften künftig ihr baureifes Land einfach nicht mehr verkaufen, sondern es selbst bebauen und die Häuser auch selbst verwalten. Dahin- gelienbe Besprechungen haben bereits unter den Leitern der großen Terraingesellschaften stattgesunden. Bezeichnend für die Zumutungen der Regierung an den städtischen Grundbesitz ist auch die Tatsache, daß im Gegensatz zu der klaren Bestimmung im § 90 des Reichsstempelgesetzes, wonach der Zuschlag von 100 Prozent vom Reichsumsatzstempel nur bis zur Einführung der Zuwachs-
Zweites Blatt t«V. Jahrgang Donnerstag »8. Juli
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General-Anzeiger für Sberhesten


