Ausgabe 
27.10.1910 Zweites Blatt
 
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beginnen, nachdem er 8 Wochen teng geschlossen blieb. Auch unsere Stadtkirche, die in den vorhergehenden Jahren den Winter über nicht geöffnet war, wird nunmehr, da sie Hei- rungsanlage besitzt, Wintergottesdienst Haven. Ter Dekan des Dekanats Friedberg, Pfarrer Schrimpf von Butzbach, trat mit dem 1. Oktober in den Ruhestand und die Deka­natssynode Friedberg steht vor der Neuwahl eines Dekans.

l. Ost he im b. Butzbach, 26. Okt. Der hier und (in der Umgegend angewandte Mäusebazillus hat soviel wie keine Wirkung gehabt. In manchen Gemeinden sind über 100 Laib Brot dazu verwendet worden, doch ohne Erfolg. Eine etwas bessere Wirkung hat der jetzt angewandte Giftweizen zu verzeichnen. Ganze Scharen vytn Mäusen liegen auf den Aeckern, aber dennoch sind noch ei,ne Unmenge vorhanden, die nach Ansicht der Landleute afüch nicht eher Weggehen, bis Msse mit darauffolgender Mlte gekommen. Feuchtigkeit tut dringend not, auch zur i'ussaat des Winterweizens, der infolge der anhaltenden 'rockenheit sehr spät hinauskommt. Die 'Aecker sind so art, daß an eine Bearbeitung eben kaum zu denken ist. Das 'orn macht auch schleckte Fortschritte, auch tun hier die Muse das ihrige, so daß, wenn nicht bald Regenwetter Eintritt, im nächsten Jahre eine schlechte Kornernte zu er­warten ist.

Hessen-Nassau.

'() Marburg, 26. Okt. In der Dreihäuser Ba­saltsteinindustrie tritt jetzt auch der Kreis Mar­burg als Unternehmer auf. Der Kreisausschuß hat näm­lich, um billiges Material für die dem Kreise jetzt zu- ttefaflene Unterhaltung der Landwege zu gewinnen, unweit jer Kreisbahn in der Gemarkung Dreihausen ein 9098 Qua­dratmeter großes Gelände zur Anlage eines B a s a l t st e i n - bruchs zum Preise von 14903 Mk. erworben. Während im vorigen Herbst ein Teil der Studentenschaft wegen der Bierverteuerung den B o y k o t t über das B o p p - sche Bier verhängt hatte, hat nunmehr das hiesige Ge- werkschastskartell wegen der Nichtanerkennung der Brauerorganisation seitens der Firma die gleiche Maßregel ergriffen.

s. Bischoffen, 26. Okt. Nach einer 55j ährig en Dienstzeit ist Lehrer Diakont Hierselbst in den wohl­verdienten Ruhe st and versetzt worden. Dem bewähr­ten Nestor der Hinterländer Lehrer wurde durch Landrat Dr. Daniels in Gegenwart der Gemeindevertretung und des Schulvorstandes der Kronenorden 4. Klasse überreicht. Fast die gesamte Einwohnerschaft hat zu Füßen des alten Lehrers gesessen.

= Battenberg, 26. Okt. Auf Donnerstag, 17. No­vember, ist die Eröffnung der Teilstrecke Allen- dors Hatzfeld (Ederbahn) festgesetzt. Die Einladungen dazu sind ergangen und die Interessenten zu einem Fest­essen eingelaoen. Die Eröffnung der Strecke Hatzfeld-Ar- seld kann erst im nächsten Frühjahr erfolgen.

w. Fulda, 26. Okt. Der Bcchnwärter Wolf von Kerzell wurde von einem Schnellzug üb er fahr en und 'war sofort tot.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 25. Okt.

Wegen Vergehens gegen das Sühstoffgeseh

wurde der Kaufmann H. H. zu Vilbel durch das Schöffengericht zu 50 und die Witwe E. G. zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt. Das Süßstoffgesetz verbietet den Besitz von über 50 Gramm eines eilt künstlichem Wege hergeftellten Stoffes, der eine höhere Süß­kraft als'raffinierter Rohr- oder Rübenzucker, aber nicht den entsprechenden Nährwert besitzt, ohne von einer zur Abgabe eines solck^en Stoffes befugten Person bezogen zu sein. H. hatte früher ein Saecharinegeschäft im großen betrieben. Beim Inkrafttreten des Süßstoffgesetzes hatte er noch für etwa 10 000 Mark des! Stoffes aus Lager, bei dessen Absetzen er mit den Zollbehörden und dem Gesetz in Konflikt geriet, was zu seinem geschäftlichen Ruin führte, da er außer gerichtlichen Strafen für Zollstrafen allein 53 000 Mark zahlen mußte. Nach seinen Angaben hatte er im vorigen Jahre noch von diesem Süßstoff im Besitz und da ihm infolge einer Anzeige eine Haussuchung drohte, habe er Frau G. einen mit Saccharinsläschchen gefüllten Korb und einen Koffer pm Aufbewahren gegeben. Frau G. bestreitet, gewußt zu haben, daß sie sich int Besitz von Saccharin befinde, vielmehr habe sie von H. nur einen Koffer bekommen, als Pfand für ein Darlehen, der angeblich nur Silberzeug enthalten sollte. H., von dem es sich her aus stellte, daß er einem Kaufmann zugemutet hat, er möge ihm seinen noch vorrätigen Saccharin an Brauereien ab­

setzen, beruhigte sich bei dein! Urteil; Frau G. aber erhob Be­rufung, indem sie vorbrachte, sie habe weder gewußt, daß sie im Besitze von Saccharin, noch daß der Besitz dieses Süßstoffes strafbar sei. Auf Grund früherer Angaben der Angeklagten» müßte angenommen werden, daß sie gewußt hat, daß ste sich im Besitz von Saccharin befindet, ob sie gewußt hat, daß der Besitz desselben strafbar ist, kommt nicht in Betracht. Ihre Berufung mußte deshalb zurückgcwiesen werden.

Urkundenfälschung und Vergehen gegen da8 Viehfeuchengesetz

ist dem Landwirt I. K. IV. von Mi11elseemen und seinem Sohn K. K. zur Last gelegt. Die Angeklagten sind auch Schweine­züchter und besuchen häufig die Ferkelmarkte, wozu sie mit einem von der Ortspolizeibehörde ausgestellten Ursprungszeugnis ver­sehen sein müssen. Kürzlich wollten sie den Markt in Gedern be­suchen und da sich am Abend zuvor feine Gelegenheit zur Aus­stellung des Zeugnisses durch den Bürgermeister bot, sie aber in der Frühe schon ausbrechen mußten, änderte der alte K., um den Bürgermeister nicht stören zu müssen, einen alten Schein ab, den der Sohn dem Gendarmen auf dem Markt vorzeigte. Beide Angeklagten waren geständig: sie wollen aber nicht gewußt haben, daß sie sich strafbar machen. Da ihre Angaben glaubhaft erschienen und ihr Verhalten keine schlimme Folgen hatte, kam der alte K. mit 3 Tagen Gefängnis durch. Der Sohn wurde wegen zweier Vergehen zu je 3 Tagen Gefängnis verurteilt, woraus eine Ge­samtstrafe von 5 Tagen gebildet wurde.

Eine Zurückweisung der Berufung

wegen ungenügender Entschuldigung erfuhr der Buchdruckerei­befitzer P. M. von Bad-Nauheim, der vom Schöffengericht wegen Beleidigung verurteilt worden ist. In einem kurz vor dem Termin eingelaufenen Brief ersuchte er um Absetzung des Termins, da sein Hauptzeuge krank sei. In der Annahme, der Termin würde abgesetzt, erschien der Angeklagte nicht. Nach der Strafprozeß­ordnung muß in einem solchen Falle die Berufung verworfen werden, was auch geschah. Wäre der Angeklagte erschienen und hätte seinen Antrag wiederholt, so wäre das Gericht in der Lage gewesen, die Sache zu vertagen.

(ScricbtsfnaL

Trier, 26. Oft Im Mordprozeß gegen den Renn­fahrer Breuer ist eine neue Verzögerung eingetreten. Um Schießversuche auf Leichen zu veranstalten hatten sich mehrere Fachleute und Aerzte von Trier nach Berlin begeben. Ein dortiges klinisches Institut wollte die Leichen liefern. Der Polizei­präsident hat jedoch die Genehmigung zu den Schießver- I heben nicht erteilt und dies auf wefteres untersagt.

London, 26. Okt. Dr. Crippen hat beschlossen, gegen das gegen ihn ergangene Urteil Berufung einzulegen.

. Nom, 26. Oft. Der Kassationshof hat die Berufung der Gräfin Tarnowska und des Advokaten P r i l u k o w gegen das Urteil des Schwurgerichts von Venedig abgewiesen. Naumow, der seine Strafe bereits verbüßt, hatte keine Berufung eingelegt.

Kirchliche Nachrichten.

Israelitische Religionsgemeinde.

Gottesdienst in der Zynaaoge (Süd-Anlage).,

Samstag den 29. Oktober 1910:

Vorabend: 5.00 Uhr.

Morgens: 9.00 Uhr.

Nachmittags: 3.30 Uhr. Schrifterkläruug.

Sabbatausgang: 5.55 Uhr.

Israelitische ttrtigionsgejellschast.

Gottesdienst.

Sabbatieier am 29. Oktober 1910:

Freitag abend 4.40 Uhr.

Samstag vormittag 8.30 Uhr.

Nachmittags 3.30 Uhr.

Sabbat-Ansgang 5.55 Uhr.

Wochengottesdienst: Morgens 6.80 Uhr, abend« 4.30 Uhr.

Meteorologische Beobachtungen der Station Siehen

Wetter

Höchste Temveratur am

Niedrigste , ,

Okt.

1910

25.

25.

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bis 26. Oktober = 4- 11,5 , 26. , 4- 2.9

26.

2"

752,1

11.4

7,5

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SSW

2

0

Sonnenschein

26.

9

752,6

3,5

5,5

93

NE

2

0

Klarer Himmel

27.

7"

751,1

5,9

96

NE

2

10

Bed. Himmel

Kleine rageSchronir.

In Berlin wurden in einem Ju w elierlad en der Oranienstraße Waren im Werte von 40 000 Mk. durchs einen Deckeneinbruch aus dem aderen Stock gestohlen. Die Einbrecher entkamen.

Nach einer Meldung aus Altenahr erfolgte bei den Bahnarbeiten am Saad}er Tunnel eine Explosion, wo­durch vier Arbeiter schwer verletzt würden. Einer; starb bald daraus.

Die Tribünen und Stallungen auf der Rennbahn im Gräfenberger Wald bei Düsseldorf sind in der vergangenen Nacht vollständig abgebrannt. EH liegt Brandstiftung vor.

Märkte.

F.C. Wiesbaden. Diehhoi-Marktbericht vom 26. Okt.

Austrieb: Rinder 35, Kälber 156, Schaft 90, Schweine 349.

Tendenz: Rmder, Kälber, Schafe und Schweine mittelntäßig. Preis Durch-

pro 100 Pfd. schnUlspreis

von-blSvon-bis

89-92

51

90

85-87

46

86

8083

41

81

Ochsen.

Voll fleischige, ansgemästete, höchsten

liebcnb« Smlachf pro 100 Pfund geivicht , uebenb« Schlacht« gewicht

Schlachlwerleö, höchstens 6 Jahre alt 4953 Junge, fftlschige, nicht au§gemä|iele und

altere ausgemästete......4448

'Mäßig genährte junge und gut ge­nährte ältere.........4043

Färsen, Kühe.

Vollfleischige ausgelnästete Färjen höchst. Schlachtivertes........ 45-51 8289 48 85

VoUstelichlge ansgemästete Kühe höchst. Schlachtivertes bts zu 7 Jahren. . 40-45 7782 42 79

'Hellere ansgemästete Kühe nnd wenig

gut entwickelte simgereKühe u. Färjen 3639 7275 37 73

Mäßig genährte Kühe nnd Färsen . . 2632 54-64 29 59

Kälber.

Feinste Mast- (VoUmtlchmast) und beste

Saugkälber......... 60-64 100-107 62 103

Mittlere Mast- und gute Saugkälber . 5359 89-98 56 93

Geringere Saugkälber..... 4550 7586 47 80

Schale.

Mastlämmer und jüngere Masthammel 4000 80 00 40 80

Schweine.

Vollfleischige Schweine bis zu 2 Zentner

Lebendgewicht........ 5758 7374 57 73

Vollfleischige Schweine über 2 Zentner

Lebendgewicht........ 57-58 7374 57 73

Fleischige Schweine...... 5456 7072 55 71

Limburg a. d. Lahn, 26. Okt. Fruch tmarkt. Durch- schnittspreis pro Malter. Roter Weizen (itaffauiidier) 16,50 'Dlt, weißer Weizen (angebaute Fremdsorte) 16,10 Mk., Korn 11,00 Mk., Gerste: Fnttergerste 9,50 Mk., Braugerste 00,00 Mk.. Haier, alter, 0,00 Pik., neuer 7,00 Mk., Erbsen 0,00 fülL, Kartoffeln 6,00-7,00 Mk.

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