Nr. 275
Der
triefetm* täglich, auuet eonniaflS. - Beüagen: DlfTma! wöchentlich -lthtnerZamilienblStler; »wkunal wöchentl-Mri»' dlatl kurven rlreis Stehen (Dienstag unD^reitaq); Jtreiiiial monatL Land. Virltchaftliche Scitfraaeu RemlPied)-x2l)i|d)lufje: für die Redaktion 1'3, Verlag u. Expkdition'51 ybrefit iür Tepelcbeiu
Anzeiger Gießen. Xnnaijmt von »nzetgeA für die Tagesnunnner bi- vormittags 9 Uhr.
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Erster Blatt
Anzeiger für
Mttvoch, 25. November |9|0 9ve,«gSpreiS: monatlich 75 Pf^ vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 66 Pf.; durch diePost Mk. 2.—viertel- jährl. ausfchl. Bestetlg. Zeilenpreis: lokal 15Pf., auswärts 20 Pfennig.
— Chefredakteur: A. Goetz.
Verantwortlich für den politischen Teil: August | Goetz; für .Feurlle-
1 ton^, .Vermischtes" und
»Gerichtssaal": K. Neu-
votationrdruck tmb Verlag der vrühl'lchei, Univ..vllch- und Steindruckerri 1L Lange. Redaktion, Expedition uud Druckerei: Schulstrahe r. ftJL'Ä “nb Expedition für Büdingen: vahnhosstratze 16a. - Telephon Nr. 50. Anzeigenteil: 'h. Beck.
Die heutige Nummer umsatzt 12 Seiten.
Die Siegener ZtadtverordnetenVahlen.
(Sieben, 23. N!ov.
ES wurden gestern gewählt:
a) auf 9 Iahrer
bitt Stimmen
Ludwig Huhn, Stadtverordneter . 2923
Wtlh. Grünewald, Stadtverordneter < 2600
Herrn. Eichenauer, Stadtverordneter 2453
Karl A u g. Faber, Stadtverordneter s 2440
Dr. Robert Sommer, Professor .. N 2408
Ka rl Orbig, Stadtverordneter . B 2155
£ o u i 3 Emmelius, Stadtverordneter . 2069
Friedrich Helm, Stadtverordneter * 1950
Max Friedberger, Kaufmann . , 1791
Otto Urstadt, Professor, Oberlehrer » 1712
Friedrich Vetter-, Redakteur N 1508
Karl Iann, Stadtverordneter 6 t 1479 b) auf 6 Jahre:
Friedrich Helfrich, Stadtverordneter e 1456
Außerdem erhielten
Georg Beckmann, Kontrolleur » < 1451
Franz Schnell, Privatbeamter , 1351
Franz Brück, Hoflieferant . 4 „ 969
Karl Brück, Stadtverordneter . . 895
Wilhelm Homberger, Kaufmann . 6 895
Christian Jnderthal, Fabrikant s 849
E. h. Müller, Schreinermeister . , 727
Joseph Luley, Oberlehrer s * 713
Karl Krailing, Schlossermeister . < 688
Adolf Schmidt, Agent . * * 548
Max JaSkowsky, Gastwirt s * 536
vr. Spohr, Rechtsanwalt * N N „ 98
Hans Meyer, Architekt , - „ 96
Die Wahl und Qual ist vorüber. Es ist so gekommen, wie man eZ sich hat denken können: weder der Kandidaten- zettcl der Freisinnigen und Sozialdemokraten, noch derjenige des Bürgerschastsausschusses ist unverändert als Sieger aus der Wahlurne hervocgegangen, dageaen flössen die Fäden herüber und hinüber. Der Kampf drehte sich um die aufgestellten sozialdemokratischen Kandidaten. Die Bürgerschaft setzte der freisinnig-sozialdemokratischen Abmachung mit Erfolg ihren Widerspruch entgegen: statt zweier „Genossen" auf dem Zettel der Linken wurden zwei national- liberale Kandidaten auf dem Bürgerausschuß-Zettel gewühlt.
Man darf daher den Ausgang der Wahl als erfreulich begrüßen. Die alten Stadtverordneten, ehrenwerte, bewahrte Manner, ziehen bis auf einen, wieder ins Stadtparlament ein, und die 4 Neugewählten sind gleichfalls Persönlichkeiten, die sich allgemeiner Achtung erfreuen. Die Herren Genossen werden mit einem lacheirden und einem weinenden Auge das Ergebnis betrachten. Viel hätte nicht gefehlt, dann würde der Vorstand der Fortschrittspartei es zuwege gebracht haben, daß auch die beiden anderen Genossen noch gesiegt hätten: Herr Beckmann erhielt nur 5 Stimmen weniger als der wiederaewählte Stadtv. Helfrich! Und Genosse Schnell hat wohl nur darum 100 Stimmen weniger bekommen als Beckmann, weil er in der Sonntag-Veriamm- lung gar zu wuchtig seine Anschauungen in Worte üoersetzt hat. Etwa 30 Proz. der abgegebenen 3100 Stimmen (also etwa 900) gehörten der sozialdemokratischen Partei an. Wenn man die Stimmzahlen der auf dem Bürgerschaftszettel
ausgestellten nicht zum Siege gelangten Kandidaten betrachtet, so darf man sagen, daß sie, wenn man die Sozialdemokratie für sich allein stellt, gegenüber den rein fortschrittlichen Kandidaten sich das Gleichgewicht gehalten hätten. Der fortschrittliche Vorstand kann also nicht behaupten, daß sein Bündnis mit der Sozialdemokratie die Billigung der Mehrheit unserer bürgerlichen Wähler gefunden habe.
Gewählt sind sonach die ausscheidenden Stadtverordneten bis auf Rentner Karl Brück. Trotzdem Herr Brück auf keinem der drei Parteivorschläbe stand, erhielt er 895 Stimmen, ein Beweis dafür, daß ferne Tätigkeit als Stadtverordneter Anerkennung gefunden hat. Neu treten in die Versammlung ein Universitätsprofesfor Dr. Robert Sommer, Professor Otto U r st a d t, Rentner Max Friedberger und Redakteur Friedrich Vetters.
Der Parteistellung ihrer gewählten Mitglieder nach wird sich die Stadtverordnetenversammlung in den nächster: 9 Jahren zusammensetzen aus 17 Fortschrittlern, 13 Nationalliberalen (einschl. zwei ihnen nahestehenden Parteilosen), 1 Liberalen und 3 Sozialdemokraten.
Die Wahlbeteiligung war von Anfang an recht lebhaft und steigerte sich gegen Abend noch erheblich, da der eingerichtete S ch l e p p e r d i'e n st viele lässige Wähler an die Wahlurne brachte. Selbst nach 7 Uhr sausten noch mit Wäylern besetzte Automobile heran, allerdings vergeblich, da die Wahlhandlung schon geschlossen war. „Ich bin wenigstens einmal Automobil gefahren", sagte zu seinem eigenen Trost ein zu spät Gekommener. Bis nachmittags 5 Uhr hatten rund 2000 Wähler ihren Stimmzettel abgegeben; bis 6 Uhr waren es 2700 und bis 7 Uhr hatten von 4347 Wahlberechtigten 3162 gewählt. Die Zahl der abstimmenden Wähler wäre ohne die Steuerrückstandsklausel sicher noch erheblich größer gewesen. Immerhin stimmten 72,74o/o der Wahlberechtigten ab, während es 1907 70,65o/o und 1904 gar nur 67o/o waren.
Trotzdem die Zahl der ernstlich in Betracht kommenden Kandidaten wesentlich geringer war als bei den beiden vorhergehenden Wahlen (24 bei 13 zu besetzenden Mandaten gegen 41 bei 14 freien Stadtverordnetensitzen im Jahre 1907 und 30 bei 16 zu Wählenden im Jayre 1904) wurden bedeutend mehr gestrichene und abgeänderte Zettel abgegeben als bei den letzten Wahlen, wodurch sich die vorläufige Feststellung des Wahlergebnisses bis um 1% Uhr hinzog.
An ungeänderten Zetteln tourben abgegeben 722sozialdemokratische,289fortschrittliche,' 260 des Bürgerschaftsausschusses und 132 des von einigen Wählern verschickten Wahlvorschlags, der die Namen der zehn ausscheidenden Stadtverordneten enthielt und deshalb scherzhafter Weise der konservative genannt wurde. Die Verteilung der abgeänderten Wahlzettel auf die einzelnen Parteigruppierungen ist nur schätzungsweise auf Grund von Teilergebnissen und dem Stimmenergebnis möglich, da sie nicht durchweg nach den einzelnen Gruppen sortiert worden sind. Ungefähr werden abgeändert angegeben worden sein 800 Bürgerscbasts- zettel, 600 fortschrittliche, 200 sozialdemokraiifche und 150 „konservative" Zettel. Viele Zettel enthielten weniger Namen, als die zu wählende Zahl betrug, manche sogar nur einen Namen. Vereinzelte Stimmen wurden auch für andere Namen abgegeben, die teilweise aus Eigenbrödelei, teilweise, um einen Witz zu machen, abgegeben wurden. Gerade durch diese Stimmen wird das Zählgeschäft außer-1 ordentlich erschwert.
Der Verfassungskampf in England.
London, 22. Nov. Schatzsekretär Lloyd George hielt gestern abend in Mile End (Grafschaft Essex) eine Rede, in der er aussührte, die letzte Wahl habe es b-eiD Liberalen ermöglicht, das Budget durchzubringen. Die kommende Wahl werde es dem erblichen Hause unmöglich machen, jemals wieder eines tzu verwerfen. Geld für soziale Reformen habe sich in England gefunden, während die schutzzöllnerischen Budgets ausländischer Staaten die erforderlichen Einkünfte, nicht hätten aufbringen können. In Deutschland habe man es sogar für nötig befunden, wegen der Vermehrung der Kosten der Lebenshaltung die Zivilliste des Kaisers zu erhöhen. Die Regierung gehe jetzt daran, für weitere 200 000 arme alte Leute zu sorgen und sie zu Staatspensionären gleich den Herzögen zu machen. Noch mehr: Man habe sogac Geldmittel erlangt, um zwei Millionen Arbeiter gegen Arbeitslosigkeit zu versichern und ferner, um im nächsten Jahr eine Versicherung von 15 Millionen Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung gegen die Erkrankung ihres Ernährers in die Wege zu leiten. Das letzte irische Schreckgespenst habe man in amerv« konischen Dollars geahnt: Ich möchte aber wissen, seit wann die britische Aristokratie den amerikanischen Dollars verschmäht. Man müsse darauf bestehen, daß wenn ein Volk beschlossen habe, daß gewisse Maßnahmen Gesetz werden sollen, niemand, weder ein Großer noch ein Äerner, das Recht haben sol e, das zu verhindern. Wenige französische tyreibeuter aus der 9tormanbie hätten seinerzeit die Besitzer des Grund und Bodens in England getötet und eine Totensteuer von 100 Prozent erhoben. Auf diese Weise sei die britische Aristokratie entstanden. Der Schatzkanzler schloß mit der Mahnung, den Weg dafür zu ebnen, daß die ®e* rechtigkeit einen ebenso leichten Zugang habe zu den grauen Häusern des Volkes wie zu den Palästen der Mächtigen.
Die unionistischen Blätter sind der Ansicht, daß Lansdownes Antrag aus Vertagung der Aussprache über die Vetobill der Regierung, um dem Oberhause die Aussprache eines eigenen Reformplanes zu ermöglichen, einen wirksamen Gegenhieb bedeute, indem er das Land vor die klare Alternatioe einer Reform oder völligen Umwälzung stelle. — Die liberalen Blätter meinen dagegen, daß der Antrag die Absicht der Regiermrg auf sofortige Auflösung rechtfertige, da daraus hervoraehe, daß das Oberhaus niemals ein Kompromiß beabsichtige.
Die „Morning Post" brandmarkt die Rede von Lloyd George als leichtfertig und gemein und erklärt, er versuche durch rohen Spott und schändliche Andeutungen die Leidenschaft des Mobs aufzureizen, um nicht nur das Oberhaus, fonoern die ganze Aristokratie zu vernichten Das Blatt richtet zum Schluß den Appell an alle gemäßigten Männer, sich mit den Konservativen zu vereinigen, um ein nationales Unglück abzuwenden.
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U n ter hauL
London, 22. Nov. (Unterhaus.) Asquith sagte in der Beantwortung der Anfragen: Ich habe d^e Absichten der Regierung bezüglich Diäten für die Mitglieder des Hauses bereits angeoeutet. Wir werden die Vorlage einbringen, wodurch den Trade Unions erlaubt werden soll, in ihren Satzungen die Bildung eines Fonds vorzuseyen, der für die Aktion im Parlament und ut den Gemeindeverwaltungen, für Repräsentation und ähnliche Zwecke bestimmt ist.
Der erste Punkt der Tagesordrmng war die zweite Lesung der Finanzbill. Austen Chamberlain erklärte, daß er angesichts des Vorgehens der Regierung
Die Beerdigung Tolstois.
Saßjeka, 22. Nov. Um 8 Uhr früh traf der Trauer- iug feier ein und wurde von einer großen Menschenmenge erwartet. Die Kinder T o l st o i s und Bauern trugen den Sarg drei Werst tont bis 3 a 6 n a j a Poljana. Voran schritten Bauern, die weiße Leinwandstteifen mit der Aufschrift trugen: ^Lew Nckola- jewüsch, das Andenken an Deine Güte wird unter uns verwaisten Bauern nie erlöschen." Es folgten Studentenchöre, abwechselnd den Choral ^Ewiges Gedenken" smgend. Dann kamen vier Wagen mit Kränzen. In Jaßnaja Poljana wurde der Sarg in einem Gemach aufgebahrt, aus dem außer dem Bücherschrank, der Büste Buddahs und dem Porträt des Bruders Tolstois alle Möbel entfernt waren. Eine lange Reihe Menschen, die von Tolstoi Abschied nehmen wollen, zieht zur Bahre hin. Zuerst traten oie Bauern von Jaßnaja Poljana an den offenen Sarg heran. Nachdem der lange Zug der Abschiednehmenden an der offenen Bahre Tolstois vorbeigezogen war, wurde der Sarg von den Söhnen Tolswis, Studenten und Bauern hinausgetragen, toäljrcitu die Menge auf die Stuiee fiel und den Choral „Ewiges Gedenken" sang. Der Leichenzug bewegte sich durch den Garten zum Grabe, das von den Bauern gegraben und von neun Eichen umgeben ist. An der Spitze des Zuges schritten Abordnungen, der -ängerdjor und Kranztrager, hinter dem Sarg die Grasin und oie übrigen Verwandten. Wahrend der ganzen Zeit der Grab- ll'gnn, verharrte die Menge unter dem Gesänge des Chorals kmeeud. Viele'weinten, Reden wurden nicht gehalten. Lin Uiibetannter ries in die Menge hinein: Der große Leo ist ge- Iwrben' Es lebe sein Geist! Mögen seine Gebote des Christentums und der Liebe sich verwirklichen! — Um 41/« Ufer war die Beisegungsseierlichkeit beendet.
Am LienStag natfeinULag versammelten sich vor der Kasan- 'atbeöraie in Petersburg zahlreiche Studenten und Stu- oent innen. Die Polizei war rechtzeitig auf dem Platze und drangtr' die Menge zurück, die friedlich auseinander ging und feiet» bei bnv >>'D „Ewiges Gedenken" Jang. — Wie aus Astapowv gc- melbcf_n)irb, ließ die Bahnverwaltung am Sterbel-ause Tolstois blue Lasel, anbringen mit der Inschrift: Am 20. November Harb hier Leo Nikolajewitsch Tolswi. Das Sterbefeous Tolstoi's >oll naa- Anordnung der Direktion der Rjaesan-Uralbafen geräumt werden, um zu einem Tolstoi-Museum eingerichtet zu werden.
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Düsseldorfer Thcaterbrief. Knut Hamsun aus 5ut ter üciuicncn Bühne. Man schreibt und aus Düsseldorf: -enut o o m) u n hat als Fünszigjahrrger ein neues Schauspiel
geschrieben, das im Nonveguchen den Titel „11 d e t i v o l d" führt. Dieser Tftel ist schlecht zu übersetzen: lioet ivold hciA etwa „von dem unbarmherzigen Leben gedolt". Und so hat das Düsseldorfer Schauspielhaus, das dem Schauspiel die deutsche Uraufführung bereitete, im Einverständnis mit dem Dichter und dem Uebersetzer Karl Morburger dem Stück den Namen „Vom Teufel geholt" gegeben. Hamsuns Schauspiel hat viele große Vorzüge, aber es ist kein Drama. Es ist der Abschluß eines Lebensabschnittes, ein Spiel um die Jahreswende einer Frau, die starke erotische Neigungen hat und nun doch um die Vierzig herum einen nach dem andern ihrer Liebhaber fortgleiten sieht. Die Handlung wird nicht von innen heraus, nicht aus einem mächtigen Kraftzentrum l-eraus bewegt, sie gleitet lediglich nach dem Gesetze der Zeit weiter. Hamsun will uns diese Frau, die nicht alt werden will, von allen Setten zeigen, aber er hat nebenbei noch das Bedürfnis, andere Personen vorzusühren, und recht ausgiebig vorzuführen, obgleich sie der Tragödie dieser Frau nicht sehr nahe stehen. Er braucht eine lange Vorgeschichte, auf die immer wieder feingewiesen wird, er läßt die Personerr durcheinander laufen und holt sie einzeln heran, um sie bann in einem Zuge sich produzieren zu lassen, kurz er zeigt an allen Ecken und Enden sein dramatisches Ungeschick, allerdings neben der glänzenden Gesäncklichkeit eines, Liefen Seelenkenners und feinen Epikers. T-er letzte Liebhaber der Heldin, eine Hauptperson also, tut drei Akte hindurch nichts, als daß er auf einen Boten wartet, um dann eiwlich im vierten, letzten Akte, als der Bote da ist, uns zu sagen, wes Geistes Kind er ist. Gewiß, es sind Szenen von dramatischer Spannung in diesem Drama der ^ehemaligen Sängerin und jetzigen Bürgersfrau Gihle, Szenen, wie wir sie in jedem guten Roman finden, aber ein Drama feat Hamsun nicht geschrieben. Tie feine Schilderung der Frau, des allen kindischen Greises Gihle, dem es bei dem Spötter Hamsun sehr sck)lecht ergeht, eines südamerikanischcn Nabobs, eines verkommenen Musikers, geiftreid>e Bizarrerien und ein paar gewaltsame Knalleffekte können nickst darüber hinwegtäuschen, daß der Dramatiker Hamsun versagt. Das Düsseldorfer Schauspielhaus hatte versucht, durch energische Kürzungen des allzu langen Werkes bewegtes Leben zu schaffen, aber die Kürzungen nahmen dem Stück nur viele epische Feinheiten, ohne ihm dramatisch Helsen zu können.
— Napoleon III. und Elba. Als sich im Jahre 1871 der Tag näherte, an dem der Kriegsgefangene von Wilhelmshöhe das Schloß bei Kassel micber verlassen sollte, ging das Gerücht, daß Napoleon sich zur Erholung nach Elba begeben wolle, der kleinen Insel, die durch den Aufenthalt seines großen Vorfahren
einen weltgeschichtlichen Namen er hatten hat. Als der Bürger^ meister des Städtchens, Portoferrato, der Hauptstadt der Insel, davon Hörle, beeilte er sich, an den entthronten Kaiser der Franzosen ein Schreiben zu richten, das von allen maßgebenden Perlon! ichkeiten dar Stadt unterschrieben war und in dem man Napoleon die Gastfreundschaft Portoferratos feierlich antrug und schilderte, wie sehr man sich freuen würde, den Kaiser zu begrüßm. Der preußische Gesandte beim italienisck-en Hose übernahm die Uebermittümg des Schreibens. In der Rassegna nazionale ver- ö ff ent licht nun Licurgo Cappelletti die Antwort Napoleons auf diese zuvorkommende Einladung der Portoferraten. Sie ist au5 Wil Helms höhe, 10. März 1871, datiert und lautet: , Herr Bürgermeister! Ich empfing die Lldresse, in der mir die Bewohner von Portoferrato die Gastfreundschaft ihrer Stadt anbieten in dem Glauben, daß ich die Insel Elba zu meinem Wohnsitz erwählt hätte. Wenn auch diese Nachricht jeder Begründung entbehrt, so freue ich mich doch über dies Seiden der Shmpathie, das durch das Gerücht hervorgerufen wurde uird mich wirvich geführt hat. Ich bitte Sie, Herr Bürgermeister, sich zum Dolmetsch meines Tankes an Ihre Mitbürger zu mack-en. Ich grüße Sie aufrichtig. Napoleon."
— Der Tribut der Syphilis. In der „Neuen Preuß. Korrespondenz" bespricht ein Arzt ausführlich die drohende Schädigung der wirtschaftlichen Lage der Aerzte und namcntlidj der Hautärzte durch Chrlicki-Hatas Syphilis-Heilmittel „606", „wenn es wirklich fein Versprechen weiter erfüllt"; er meint, daß die Einspritzungen, die sich in kürzester Zeit schon um 7 bis 10 Mark ausführen lassen werden, da die Kosten des Präparats nur 4 Mark betragen, von keinem Arzte unter 50 Mark vorgenommen werden sollten, damft die Aerzte wenigstens teillveise für ihren großen Schaden Ersatz erhalten. Bisher habe ein Syphilis kranker dem Arzt bis zur Heilung 300 bis 500 Mark, also durchschnittlich 100 Mark im Jahre, eingetragen, und noch ergiebiger war der chronische Verlaiis der K>ankhett. Hautärzte insbesondere batten zu 75 Prozent Syphiliskranke als Patienten. „In jedein Falle aber muß rechtzeitig etwas geschehen, wenn der Seifen der Eyr- lichschen Erfindung für viele Tausende von Aerzten nicht zu einem Fluch werden soll." — Soweit find wir also schon.
— Kurze Nachrichten a u s K u u st u. W i s s e u s ch a f t. Der Königsberger Straf-- und Prozeßrechtslehrer, Gelx, Justizrat Professor Dr. jur. Karl Güterbock, Mitglied i>'s Herrenhauses, begeht am 26. d. Mts. das 50jährige Doktor- iubüäum. Karl Eduard Güterbock ist am 18. April 1830 zu Königsberg i. Pr. geboren.


