Ausgabe 
19.12.1910 Zweites Blatt
 
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vr. 297

Svea« Matt

16(l Jahrgang

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DieGfthener F»«ltte»tzNM«- werd«, km tBnÄdger' vierm«! wöchentlich beigdeft, X Krdsblett für kl Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. DieLimbwirtschaftliche« Lett- fragen" erscheinen mvnattich grocimoL

Montag, 19. vezemder W

Rotatisnsdruck und Verlag der vrüblichen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerd.

Ä* Senge, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Berlag: «Edi. Redaktion:«-« 112. Tel.-AbruAnzngerGießen,

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

und nun habe der Polizelleuttimtt die Gäste seinerseits rum Ver­lassen des Lokals auf gefordert. Erst in diesem AugMLlick wollen die Zeugen Kugegriften unb den Borten des Lsitmutts mehr Nachdruck gegeben haben. Die Gäste hätten dann geschinwft und mit verschiedenen Gegenstände» geworfen. AuchJei ein Stuhl hoch- gehoben worden, worauf der LeutnantEtnhauen" kommaud'ert habe. Einer der Beteiligten Schutzleute gibt auf eingehendes Befragen der Verteidigung die Möglichkeit zu, daß der eine oder der andere seiner Kollegen auch schon vor diesem Kommando zugeschlagen haben könne, da sie bereits mit gezogenem Säbel m das Lokal getreten seien.

Küfer meister Dregolt will unschuldigerweise gleichfalls von Schutzleuten geschlagen worden sein und bekundet noch weiter: er habe später mit dem Zimmermeister Otto und noch zwei unbe­kannten Männern in dem Lokal an einem Tisch gesessen. Einer dieser unbekannten Männer habe erklärt, es gebe heute noch einen ganz anderen Abend. 40 Mann hätten sich zusammen getan und wollten die Polizei auf eine bestimmte Stelle locken, damit man sie einmal fassen könnte. Dann sollte aus einen Pfiff die Rostocker Straße dunkel gemacht werden. Als der Zeuge dem Polizeileutnant Fotte von diesem Gespräch Mitteilung machte, habe sich dieser zunächst entschuldigt und gesagt, es sei ja be­kannt, daß bei solchen Anlässen auch unschuldige Leute etwas abbekämen. Abends sei dann auch das eingetwffen, was der unbekannte Mann erzählt habe.

Der Rechtsanwalt Leine frggt: Glauben Sie, daß jemand, der so schwarze Pläne hat, dies osten erzählt? Zeuge: Es ist aber doch alles eingetrvffen. Polizeileutnant Fo l te be­stätigt, daß der Zeuge ihm diese Angaben gemacht haabe.

Zeuge Otto bestätigt ebenfalls das Gespräch mit den beiden unbekannten Männern.

Zeuge Organist Siedelt hat beobachtet, daß ein Schutzmann einen Arrkstanten, den er am Kragen hatte, freilassen mußte, weil die Menge den Schutzmann bedrohte.

Die Zeugin Frau Funze, die mit ihren vier Kindern vom Waschen nach Hause gehen wollte, sah sich in der Beußelstraße einer großen Menge gegenüber. Die Frau fragte einen Polizei­leutnant, ob sie die Straße passieren dürfe, was dieser bejahte. Trotzdem erhielt die Frau, als sie sich auf dem Damme befand, von Polizisten Säbelhiebe.

Verteidiger R.-A. Liebknecht stellt hierauf den Antrag, sämttiche auf die Moabits Vorgänge bezüglichen Akten der Staats­anwaltschaft und der Polizei zur Stelle zu schaffen, aus denen hervorgehen werde, daß in ungefähr 200 Fällen das bereits ein­geleitete Verfahren wieder rückgängig gemacht worden. Es sei dies zumindest ein auffälliger Vorgang und lasse den Schluß ziehen, daß die Staatsanwaltschaft nicht immer aus rein ob- lektiven Gründen gehandelt habe, zumal wenn man in Erwägung ziehe, daß im Falle Weidemann die Angelegenheit durch Geld geregelt werden sollte. Der Erste Staatsanwalt erwidert, daß die betreffenden Verfahren nur wegen Mangels an Beweisen ein­gestellt worden seien. Der Gerichtshof lehnte nach kurzer Be­ratung den Antrag der Verteidigung ab, worauf die Verhandlung auf Montag vertagt wurde.

Kreistag des Kreises Büdingen.

-I-Büdingen, 17. Dez. In der heute vormittag im Kreis­amtsgebäude abgehaltenen SitzungdesKreistages widmete Kreisrat Boeckmann dem kürzlich verstorbenen Kreis aus schuß- mitgliede Braun-Nidda einen ehrenden Nachruf. &err Braun, so führte der Vorsitzende, aus, fehle heute zulm ersten Male. 35 Jahre habe Braun dem Kreisausschusse und ebenso dem Provinzial- ausschusse angehört und von 350 Ausschußsitzungeu nur in 6 ge­fehlt ; er sei ein hehres Vorbild für die Verwaltung eines östent- lichen Amtes gewesen, der Kreis verdanke ihm viel. Der Kreistag ehrte das Andenken an den Verstorbenen durch Erheben von den Sitzen.

Die Verhandlung über den Kreisstraßen-Unterhattungs-Vor- anschlag für 1911 wurde mit Rücksicht auf die voraussichtlich lange Tauer der Beratung des 2. Punktes der Tagesordnung: Hilfs- tätigkeit für die Mitglieder der Vorschußkasse Ober- Mockstadt abgebrochen. Wie erinnerlich, erlitt die Vorschuß- kasse Ober-Mockstadt infolge der Unterschlagungen des Bankiers Rothschild in Büdingen so erhebliche Verluste, daß über die Kasse das Konkursverfahren eingeleitet wurde. Der Konkurs bebeutet für die meisten Mitglieder dieser als eingetragene Genossenschaft m. il H. tätigen Kasse den wirtschaftlickMi Ruin, für die etwa 900 Gläubiger, zum größten Teile Anleger von sauer erworbenen Spargroschen den Verlust ihres Vermögens, und mußte die öffent­liche Mildtätigkeit angegangen werden, um das Mißgeschick von den Beteiligten einigermaßen fernzuhalten. Kreisrat Boeckmann berichtete ausführlich über die bisher zur Abwendung der Gefahr unternommenen Schritte, speziell über den Erfolg, den der s. Z erlaffene Aufruf, dem sich ein Aufruf der Mitglieder beider Kammern anschloß, gezeitigt, über das Ergebnis der von ver- schied-enen Setten, auch der Presse, eingeletteten Sammlungen und der Bereitwilligkeit zur Hilfeleistung von Banken, Genossen­schaften, des Sozialen Skusschusses in Frankfurt a. M., von Pri­vaten usw. Man war im allgemeinen von vornherein, besonders auf Seite der Genossenschaften, darüber einig, daß der Hilfe­leistung der Charakter als Almosen genommen und durch frinaabc von Darlehen, nötigenfalls ohne Zinsenleistung, der Not ge­steuert werden könne, ohne die Opferwilligkeit reicher Leute von der Hand zu weisen. Die Sammlung von Geldern, auf deren Rückersatz verzichtet wird, ergab den Betrag von 3-1000 Mark toe beioerschwdenen Kassen angelegt sind, es fehlen zur Schaffung eines Hilfsfonds noch etwa 36 000 Mark, die zu beschaffen Auf­gabe der emgeteiteten Hilfsaktion sein wird.

Wie s. Zt. berichtet wurde, beträgt die von dem einzelnen Mrtgliede aufzubringende Haftsumme 2300 Mark. 54 Mitglieder haben den vollen Betrag entrichtet, bei weiteren 40 Mitgliedern AAe "" Arrangement erzielt, nach dem Zahlung von 180 bis 2200 Mark erreicht wurde.

Die Absicht, eine Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht ins Leben zu rufen, mußte aus verschiedenen Gründen aufgegeben werden. Ebenso wurde eine Wohlfahrts Lotterie in Erwägung ge­zogen, davon aber wieder Abstand genommen, weil eine solche nicht besonders sympathisch erschien und auch Widerstand bei der preußnch-hesftschen LandeSlotterie gefunden hoben würde Tas Ergebnis der weiteren mühevollen Tätigkeit des Ausschusses, die vor allem darauf gerichtet war, den Verlauf des Kvnkursoer- fahrens zu beschleunigen und die beteiligten vor weiteren Ver­lusten zu schützen, führte zu Verhandlungen mit der Hessischen Landeshypothekenbank in Darmstadt. Zur heutigen Verhandlung waren $toei Vertreter der Bank erschienen. Das Ergebnis der ca. wer stündigen Verhandlung war die Vorlage eines Ver- trag es, nach dem die Landeshypothekenbank gegen Erstattung ihrer Auslaaen tne Forderungen der Gläubiger bis zu «ner bestimmten Höhe auf kau ft und sie ix Raten v-n ben Mitgliedern der Bank wieder einzieht. Noch dem dem Verttage zugrunde liegenden Plane wird das Verfahren bis zum Ende

,1.916 abgeschlossen fein. Hierbei ist vorausgesetzt daß dre Gläubiger sich zu einem Nachlaß bis zu 20 Prozent ihres Guthabens verstehen und der Kreis Büdingen zu fünf Sechstel der Kreis Friedberg zu ein Fünftel Gewährschaft leistet Ein' gehend wurden die Gesichtspunkte erörtert, nach denen sich das voroescküli'iene Verfahren rechtfertigt, besonders ün Himblick auf bie Bttchlemngurrg deL KoubusverUmseS, auf fcü. Möglichkeit, fc*

gül-ll-iiii ____l______-'M

Gläubiger vor weiteren Zinsverlusten zu bewahren, wenn siL durch die unter dem vorgeschlagenen Verzicht auf einen Teil ihrer Forderungen ausgezahlten Kapttalien in die Lage versetzt werden, diese wieder zinsbar anzulegen und vor allem wieder Vertraueui und Ruhe in die Bevölkerung der von dem Zusammenbruch der Kasse beunruhigten Gemeinden emfebrt Von dem Erfolge deS mrt der Landeshypothekenbank ab^uschließenden Vertrages wird e5 abhängen, ob am Ende des Verfahrens ein Ueberschuß ver­bleibt, der an die bedürftigen Genossen vertritt iverden soll und es ferner ermöglicht, auch den Gläubigern weitere zwei Prozent ihrer Guthaben zurückzuzahlen. Ter Kreistag trat mit Änstim- mrgkeit dem Vertragsentwurf mit der Landeshypothekenbank bei unb ermächtigte den Kreisausschuß, die Gewährschaftsurkunde, die noch einer redaktionellen Aenderung zu unterziehen ist, fest- zusetzen.

Kreisstraßen-Unterhaltungsvorans chlag inr 1911 nnrb von Kreis-Amtmann B o e ck m ann erläutert. ^on den 390 Kilom.-Straßen, deren Unterhaltung dem Kreise-" drngen obliegt, sollen im Boranschlagsjahr 1911 ca. 34V2 Kilom. eingewalzt werden, wofür an Kosten 167 109,98 Mk. eingestellt werden. Von den im ganzen 108 986,50 Mk. betragenden Kosten entsallen auf die Bezirke Altenstadt 27 382,50 Mk., Büdingen 26 040 Mk., Echzell 20 870 Mk., Nidda 18 279 Mk, Ortenberg 16 424 Mk. Der Kreisausschuß wird beauftragt, über den Umbau ^b5?Eraßenstrecke vor Wippcnbach Vorlage zu machen Die Anlage erhöhten Banketts von Ranstadt nach Dauernheinr soll in den 2-^^en,Vor anschlag eingestellt iverden. Zu dem Antrag der ^tadt Büdrngeck, die für 1912 in Aussicht genommene Einwalzung der lm Zuge der Ortsdurchfahrt liegenden Bahnhofstraße schon im ^hve 1911 auszuführen, lvirb beschlossen, die zu 2500 Mk. veran- ^^^ikosten aus Ersparnissen zu verwenden. Die in Anrechnung gebrachte Herstellung der bezeichneten Straßenstrecke tn Klernpiläster soll ausgeführt werden, in der Voraussetzung,' bap Die Provinz die Hälfte bet Kosten übernimmt und die Stadt -oubtngen vorher die schadhaft geworbenen Telle der Wasserlellung erneuern läßt. Mit der Erbauung einer neuen Drücke bei den Hosen, die vom Königreich Preußen erbaut unb unterhalte« tDtrb, erflart fifb der Kreistag einverstanden. Die Gehalts- ?cr(Säl?niHe des Kreiskasserechners werden nach den Anträgen des Kreisausschusses derart geregelt, daß der KreiK- kasserechner in die Gehaltsstufe der Kreisamtsgehilfen, und zwar mit dem Höchstgehalt unb mit Wirkung vorn 1. April 1911 an ein* gerecht wirb. Die Summe von 30 000 Mk., mit der biel Kreiskasse bisher am Scheckverkehr beteiligt war, wird, nach--' nn^^J^^ifccnbe die Nützlichkeit der Einrichtung bargelegt, auf> 36Q00 Mk., angelegt zu 5 Proz.- bei ber Mittelbeutschen Ätehit* bank erhöht.

An Stelle des verstorbenen KreisauSschnßmitgliedes Braun- Nidda wird Kommerzienrat Cloos-Nidda, an Stelle des auf leihen Wunsch ausscheidenden Mitgliedes Mühlenbes. Erk-NiddM Bürgermeister B i r ken stock-Ranstadt neu- und bas bisherige Kreistagsmitglied Hahn- Thiergarten wiedergewählt. Zu Ab-- gt»tt>neten zum Provinzialtag wurden Kommerzienrat Cloos- Nidda (wieder-) und Geh. Justizrat Rabenau- Büdingen (neu*) gewählt. In die Militär-Ersatzkommission für die Jahre 191i brs 1913 wurden an Stelle ber ausscheidenden Mitglieder Braun- Nidda, Schäfer-Höchst unb Hinkel-Büdingen bie Bürgermeister Erk- Nidba, Kröll- Altenftabt und Fendt- Büdingen gewählt, und zum Ersatzmichlieb zur Genossenschaftsversammlung der land- und wrstwirtschaf tlichen Berufsgenossen schäft für den verstorbenen Oberförster Kalkhof Forstmeister Bücking-Büdingen.

Kreisrat Boeckmann teilt noch mit, daß der Straßen^ umbau L 0 r b a ch - D i e b a ch als gut gelungen bezeichnet unö ber Gemeinde Lorbach das freigewordene Gelände des alten Straßentells überlassen werden könne. Dem langjährigen Mit-- gliede des Kreisausschusses, Erk-Nidda, der wegen hohen AtterL von einer Wiederwahl abzusehen gebeten hatte, wurde während der Sitzung ber Dank für feine langjährige treue Arbeit ob* gestattet.

Ulis Stadt Und Lanv.

Gießen, 19. Dezember 1910.

** Ordensangelegenheiten. Der Grvßhev- zog hat dem Hilfsbademeister Schneider zu Bad-Rmp« heim die Erlaubnis zur Annahme und Lum Tragen den ihm von dem Sultan von Zanzibar verliehenen 5. Stufv bex 2. Klasse des OrdensStrahlender ©terit" erteilt undi dem Bürgermeister, Ortsgerichtsvorftcher und Standes­beamten Wilh. Treut zu Bauernheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür langjährige treue Dienste" am Bande des Phttipps-Ärdens verliehen.

** Lehrerpersonalien. Uebertragen wurden den Lehrern Konr. Pi m p e r zu Lauterbach und Otto We­ber zu Deckenbach Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Butzbach: dem Lehrer Beruh. Warnte zu Klein-Zimmern- eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Roden" dem Schulamtsaspiranten Ernst Borger aus Wein­heim (Kr. Alzey) eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eppertshausen; dem Schulamtsaspiranten Phil. Fei- ling aus Meder-Weisel eine Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Rendel. Erledigt ist eine evang. 'Schulstelle zu Balkhausen.

** Erledigt ist eine Stelle für einen Oberlehrer oder Assessor mit LehrbesShigung in Geschichte, Deutsch und Latein an der höheren Madchmschule und dem Lehrer- innensemrnar zu Mainz von Begnrn des Schuljahres» 1911/12 an. Meldungen sind bis längstens zum 23. Dez. bei der Minisderialabteilung für Schulangelegenheiten ein-> zureichen.

** Landeshypotheken bank. Der Großherzog hat den Hilfsarbeiter bei der Landeshyvothekenbank Direktor: Dr. Rernh. Arnold zum Direktor dieser Bank ernannt/

** Ernannt wurde der Gefangenaufseher an dent Landeszuchtbaus Marienschloß Friedr. Schmalz zum Gv- fangenaufseher an der Zellenstrafanstalt Butzbach.

** Maul- und Klauenseuche. Neue Aus-: b r ü ch e der Seuche sind gemeldet aus: N e e r ft e d t, Groß- Azogtum Oldenburg. Er10schen ist die Seuche in: Hoß (Biehhoft, Regierungsbezirk OberfraEn.

** Dies. Jahresversammlung des Vereins evangelisch er Organistenund Chordirigenten im Grotzberzogtum Hesten findet am 27. Dezember im Pfeil Hotel zu

, Versammlung wird sich u. a. auch mit ber vorn UbertoniUtorwm heraus gegebenen Dienstordnung für die Orga- jti^en ber evangelischen Kirche beschäftigen. In Organistenkreffen- hat biefe tm Lauft des Jahres erschienene Äenstorbnung wnioe Freude gchmben. Der Lnein evang. Organisten unb Ehorbiri- genten zahlt zur Zett 56 Mltglleber.

** Auf die praktischen Meisterkurse für Hand- »brkSmerster und altere Gesellen, die von Großh, e -^r -?ie ^werbe in Darmstadt bei ausreichlmd^e Beteingung im^01^« aWbalten werden, sei nochmals tzin- gemiefen. Vorgesehen find: Zwei dreiwöchige Kurse in Txmn&M unb zwar einer für .Schuhmacher fn der ?knfertigung vo^

Der versassungreutwurf für Elsaß Lothringeu.

Der Bundesrat hat am Freitag den langerwartete» Entwurf eines Gesetzes über die Verfassung Elsatz-Lothrin- aens, zugleich mit einem Entwurf über oie Wahlen zur Zweiten Kammer verabschiedet, und zwar, wie amtlich ver- sick>ert wird,einstimmig". Man wird dazu seine eigenen Gedanken haben, zumal wenn man sich erinnert, daß nach amtlicher Darstellung auch der Schissahrrsabgabengesetz- entwurf vom Bundesrateinstimmig" angenommen worden sein soll, obgleich Sachsen und Baben suh sogar in einer Eingabe an den Reichstag gegen ihn verwahrten. Heber» dies wußte man aus irrdiskreten Pressemeldungen zur Ge­nüge, daß der Bundesratsvertreter Sachsens, oer hier als Berichterstatter tätig war, allerlei Bedenken gegen den unter preußischer Aegide zustands gekommenen Entwurf geltend gemacht hatte., Freilich nicht in dem Sinne, daß diese Einwände in einer Feindschaft des HauseS Wettin gegen das .Haus HohenzvUern zu suchen waren, von der im Ernste nicht die Rede sein kann, aber doch in der sehr berechtigten Erwägung, daß man das, was man einem Lande, oas erst vor 40 Jahren mit Waffengewalt erobert wurde, an verfassungsmäßigen Freiheiten gewährt, auch alten Bestandteilen des Deutschen Reiches, wie z. B. Preußen, Sachsen und Mecklenburg, incht vorenthalten dürfe, sowohl hinsichtlich der Zusammensetzung des Herrenhauses, als auch hinsichtlich des Wcchlrechts zur Zweiten Kammer. Denn hier sollen die Reichslande gegenüber den Bundesstaaten den Vorzug genießen, daß sich ihre Erste Kammer zur Hälfte aus von bestimmten; Bevölkerungsgruppen gewählten Mitgliedern, unter denen nur die Arbeiter fehlen, zusammen­setzt, während das Wahlrecht zur Zweiten Kammer dem Reichstagswahlrecht sehr nahekommt, also ein geheimes, direktes ist, wenn es auch Pluralstinrmen für ein höheres Lebensalter vorsieht und das Wahlrecht von einer An­sässigkeit von 3 Jahren, bei gewissen gehobenen Bevölke­rungsschichten von einer'solchen von einem Jahr abhängig macht. Einen großen Vorzug hat überdies das elsaß- lothringische Landtagswahlrecht vor dem Reichstagswahl­recht dadurch, daß es keine Stichwahlen fermen soll, sondern über das Mandat 7 Tage nach der Hauptwahl durch ein­fache Majorität entschieden wird. Eine Bestimmung, über die viel gestritten werden kann, ist die, daß die Einteilung der Wahlkreise völlig dem Ermessen des Kaisers anheim­gestellt wird, so daß man durch die Ansässigkittts- vedingung den Einfluß der fluktuierenden Arbeiterbevölke­rung mattzusetzen vermag. Auf der anderen Seite aber räumt man wieder durch die Zuerkennung des Plural­wahlrechts allen Klassen der Bevölkerung, also auch der industriellen, so viele Rechte ein, daß der Enttvurf als kein einheitlicher bezeichnet werden kann.

Der so zum Teil in liberalem Fahrwasser schwimmen­den Verfafsnngsreform für Elsaß-Lothringen ist allerdings nun dadurch ein Bleigewicht an die Füße gehängt, daß Elsaß-Lothringen Reichsland bleibt, mit dem Kaiser, bezw. seinem Statthalter, an der Spitze. Die Hoffnung der Elsaß- Lothringer auf eine Sekundogenitur des Hauses Hvyen- zollern, auf eil'/Wahlfürstentum'oder gar auf eine Republik haben sich also ebensowenig erfüllt, wie die damtt in engstem Zusammenhang stehenden Erwartungen der Erhebung der Reichslande zu einem selbständigen Bundesstaat. Wohl scheiden jetzt Bundesrat unb Reichstag, sowie die Verord­nungsgewalt des Kaisers aus der Legislative der Reichs­lande aus, und an ihre Stelle tritt der reichSländische Landtag, dessen Beschlüsse der Kaiser oder der ihn ver­tretende Statthalter guthetßt oder ablehnt, aber an eine Einwirkung Elsaß-Lothringens auf die allgemeine oder auch nur wirtschaftliche Politik des Deutschen Reiches ist, solange das Reichsland nicht ün Bundesrat vertreten ist nicht zu den­ket!. Ter Bersassungsentwurs erfährt denn auch sogar von der reichsländischen Presse eine offene Mlehnung. Und wenn man auch mit der Zweiten Kammer int allgemeinen zu­frieden ist und hier nur das Pluralwahlrecht und die An- säsfigkeitsbestimmungen tadelt, so findet und darin besteht das Sicherung-Ventil gegen iranzisisch-kler.kale und foz al- demokratische Tendenzen in Iden Neichslanden dre Be­stimmung, daß der Kaiser die zweite Hälfte der Ersten Kammer zu ernennen hat, vom elsaß-lothringischen Stand­punkt aus Widerspruch. Wenn 18 Mitglieder der Ersten Kammer schon dem ganzen Charakter chrer Stellung nach das reichsdeutsche, d. h. hier preußische Element verkörpert!, so werden die übrigen 18 vom Kaiser ernannten natürlich mir desto sicherer in dieselbe Kerbe schlagen. Wir wollen nicht entscheiden, ob Elsaß-Lothringen, auch bei den vorge­sehenen Sicherungsmaßregeln, für eine derartige Verfassung überhaupt reif ist. Sie bedeutet einen großen Vertrauens- Wechsel auf die reichsdeutsche Gesinnung der Elsaß-Loth­ringer, den der Bundesrat ihnen mit Annahme des Ver- jassungsentwurss ausgestellt hat.

Die Moabiter Ztratzenttawalle vor Gericht.

4 Berlin, 17. Dez^

Tie gestern abgebrochene Beweisaufnahme über die Bov- Sänge in dem Lokal to*dn Lanzerath wurde heute fortgesetzt. Tie Räumung dieses Lokals erfolgte bekanntlich, weil ber Polizei­leutnant Falte von feinem Kollegen Hecht II. die Meldung erhielt, daß aus dem Lokal hevcms mit Flaschen u. Steinen gewvrftmwvrden fei. Tie hinausgeworfenen Leute sollen bann von ben dort ste­henden Schutzleuten in Empfang genommen und verprügelt worben sein. Nachdem in der gestrigen Sitzung der Zimmermeister Otto leine Behauptungen, daß keine Aufforderung zum Verlassen des Lokals ergangen sei, daß die Beamten vielmehr sofort nach Betreten des Lokals die hort aniuefenbcn Gäste geprügelt hätten imb baß man braußen erneut Prügel bekommen hätte, aufrecht erhalten hatte, nnitben in langer Reche die beteiligten Beamter über die Vorgänge bei Lanzerath vernommen. Es ergibt sich daß bas Lokal an jenem Abenb zweimal ausgeväuntt wurde, unb baß ber Zimmermcister Otto zwischen der ersten und zweiten Aus­räumung in bas Lokal hineingekommen war. Nach der ersten Ausräumung hatte ber Wirt Lanzerath vorsichtshalber nur noch einige Bekannte eingelassen., zu benen Otto gehörte. Tie Beamten behaupten, baß trotchem auch Leute in bas Lokal gelangt seien, bie auf ber Straße nach ber Polizei geworfen hatten unb daß auch Gäste, bie in ber Tür stauben, weiterhin mit Bicrgläsern unb Flaschen geworfen hatten. Der Leutnant Hecht habe zunächst den Wirt aufgeforbert, er möchte Schluß machen und feinen Nisten das Lokal verbieten. Ter Wirt habe sich befteu aeweigert