Ausgabe 
26.10.1910 Zweites Blatt
 
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160* Jahrgang

Nkr. Sri Zweites Blatt

Mittwoch 26. Oktober 1910

Erscheint tL-Nch mit Ausnahme bei Sonntag«.

Dierietzener Famtliendlätter" werden dem .Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da« Kreisblott für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen * erscheinen monatlich zweunal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen UnwersuälS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: &L

Rebaftioiueoili. Tel.-Adru AnzelgerGießen.

ziehen würde. Ein Antrag der Fortschrittspartei will die Äesahr einerStrafverfolgung" überhaupt zur Grundlage deL Zeugnisverweigerungsrechts machen; damit würden auch die diszip­linären Strafverfolgungen getroffen werden. Ter Antrag wurde mit 13 gegen 10 Stimmen abgelebnt. In der ersten Lesung hatte jer Ausschuß die Regierungsvorlage zu § 54 geändert und be-- stimmt, daß Zeugen, die das Zeugnis verweigern können, hierauf .chnzuweisen sind, und daß der Zeuge besonders auf das ihm aus Dem eben erwähnten § 52 zu stehende Verweigerungsrecht hinzu- lveisen ist, wenn ein Verdächtiger noch nicht ermittelt ist. Ttt Ausschuß blieb zwar bei diesem Beschlüsse erster Lesung, machte jedoch aus der Zwangsvorschrift für den Richter eine sogenanntL Zollvorschrift. Kommt der Richter der Vorschrift nicht nach/ so ist daraus kein Revisionsgrund herzuleiten.

Tie Vorschriften des § 55, der die Vernehmung zur Sache regelt, hängen mit den Fragen politisä>er Natur zusammen, die gestern einem Unterausschuß überwiesen wurden. Daher wurde auch dieser Paragraph an den Unterausschuß gegeben.

Tie §§ 61 bis 64 regeln die Art und Weise der Ver­eidigung. In § 61 wird der Nacheid eingeführt. In § 62 wird die Vereidigung dahin umgestaltet, daß der Zeuge nicht mehr die Eidesnorm, sondern nur die Eidesformel zu sprechen hat? Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe." Tie Worte, daß der Zeuaenichts hinzugefügt" habe, sind in der Eidesnorm ge=i strichen. Weiter gibt § 62 die Möglichkeit, mehrere Zeugen gleich­zeitig zu vereidigen. Die Sozialdemokraten beantragen, die Eidesnorm und die Eidesformel dahin Zu ändern, daß die Berufung auf Gott wegfällt und nur aus Antrag des Zeugen hirrzuzufügen ist. Ter Antrag wurde iuw lebhafter Aussprache abgelehnt.

Ter Abschnitt über die Zeugen wurde erledigt, ebenso der übet die Sachverständigen und den Augenschein (bis § 86). Von einer Seite wurden die Kamelen gegen die Unterbringung eines An-, geklagten in eine Irrenanstalt für ungenügend erachtet und ein Zusatz beantragt, vor der Anordnung durch das Gericht auf Antrag nod) einen zweiten Sachverstäirdigen zu hören. Der Zusatz wurde abgelehnt.

Weiterberatung: Mittwoch vormittag.

Die Reid)$oerfid]erungsorönung.

: Ä Berlin, 25. Okt.

Der Reichsversicherungsausschuß führte durch seine heurigL Beschlußfassung das durch den Entwurf beseitigte VorbefcheidÄ- verfahren wieder ein. Die neue Regelung erfolgte durch die An- nahnre eines Antrags Dr. Semler (Natl.), der eine Reihe von Paragraphen (§§ 1564 a bis f) in den Entwurf einschiebt. Gegen den Vorbescheid kann ein Einspruch binnen zwei Wochen nach Zu­stellung bei dem Versicherungsträger und zwar auch durch Vermitt­lung des Kuständigen Versicherungsamts erhoben werden und be­gründet dann das Recht des Verletzten oder seiner Hinterbliebenen auf persönliches Gehör. Auch unabhängig davon kann der Ver­letzte die Einholung eines Gutachtens eines von ihm bestimmten Arztes verlangen, wenn er die Kosten vorlegt. Ist nicht sclwU durch den Versicherungstrag er ein Arzt gehört worden, dem der Versicherte nach eigner Wahl seine Behandlung übertragen hat, so hat auf deu bei der Vernehmung zu stellenden Antrag des Versicherten und nach Anhörung des Versicherten das Ver­sicherungsamt das Gutachten eines bisher noch nicht gehörten Arztes einzuholen. Wenn der Berechtigte die Kosten im v-orauS entrichtet, so steht ihm die Bestimmung des zu hörenden Arztes zu. Dies sind die wesentlichsten Bestiinmungen aus diesem viel- umstrittenen Beschlüsse der Kommission. Weiter wurde auf Grund von Anträgen Dr. Semler (Natl.) in § 1569 und einem neuen § 1569 a beschlossen, daß ein neuer Vor- und Endbescheid zu erteilen ist, wenn eine Unsallentschädigung wegen Aenderung btt Verhältnisse herabgesetzt oder entzogen werden soll; des Vorbe­scheides bedarf es nickst bei Ruhen einer Unfallrente oder wenn der Verletzte oder seine Hinterbliebenen sich im Auslände befinden. Auf Antrag der Sozialdemokraten wird diesen Bestimmungen hin­zugefügt, daß eine anderweite Feststellung der Unfallrente noch Ablauf von fünf Jahren von der Rechtskraft der ersten Entscheidung ab nur auf Antrag mtb zwar durch Entscheidung des Ober- versicherungsarntes erfvlgt, falls nicht zwischen dem Persicherungs­träger und dem Empfangsberechtigten ein ausdrückliches> Verständnis über die anderweite Feststellung der Rente erfolgt. Der Abschnitt über das Verfahren bei der Unfallversicherung wurde erledigt und auch zum größten Teile der Abschnitt über das Verfahren bei der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung (bis § 1590). Weiterberatung Mittwoch vormittag.

.(Sunt) (soz. Rad.) erklärte, die Forderungen der Eisenbahn bediensteten seien berechtigt, bestritt aber deren Recht auf einet lusstand. (Sollt) (Soz.) tadelte Briand in heftigen Worten er eine hassenswerte, verächtliche Rolle gespielt habe, indem c Jie Führer der Eisenbahnbediensteten habe verhaften lassen, nach »em er früher selbst den Generalstreik gepreoigt habe. Das ist agte Colly, sich an Briand wendend, Schufterei voi Ihrer Seite. (Beifall auf der äußersten Linken, Protestrus auf den anderen Bänken.)

Brisson ermahnte den Redner, sich einer maßvolleret Sprache zu bedienen. (Briand zuckt die Schulterns

Schließlich wandte sich Colly dagegen, daß Militär zun Vorteil der Eisenbahngesellschaften Vcrfw ndung finde und erklärte S sei die Regierung und nicht die Sozialisten, die den Klassen campf schüre.

Ministerpräsident Briand führte darauf aus:

Er lehne es ab, auf die Persönlichen Angriffe zu antworten Der Ausstand sei keine gewerbliche Bewegung gewesen. Ti- Regierung habe sich einem Versuch gegenüber befunden, bas Land zugrunde zu richten, dem Arbeiter lediglich al; Werkzeuge gedient hätten. Die Regierung habe den Bewest für das Vorhandensein einer anarchistischen Bewegunl gehabt und habe Maßnahmen zur nationalen Sicherheit er greifen müssen. Der Ministerpräsident führte zahlreiche Fälb von Sabotage an unter wiederholten Protestrusen der Sozia listen, die für den Augenblick seine Stimme übertönten. Brian! machte eine Geste, als wollte er von der Tribüne herabsteigen fuhk dann aber fort und erklärte, er befinde sich gegenüber der sistematischen Organisation der Sabotage, einer Kampfes Organisation, deren Fäden die Regierung in der Hand zu Haber hoffe. Der Ministerpräsident verlas sodann ein zur Zeit bei Postftreikes an Beamte versandtes Zirkular, das genaue An Weisungen für die Zerstörung von Telegraphendrähten gibt (Er neute Unterbrechungen von den Bänken der Sozialisten) uni fügte hinzu, die Organisatoren des Eisenbahnerausstandei hätten ein ähnliches Schreiben unterzeichnet. (Rufe bei der Sozialisten: Welche Organisatoren?) Das werden Sie bali erfahren, vielleicht ftüher, als Ihnen lieb ist. Des weiterer bemerkte Briand unter andauerndem Lärm der Sozialisten trotz ihrer Beklemmung angesichts der Gefahr, in der sich da- Land befand, habe die Regierung nur gesetzliche Mittel an­gewandt. Die Freiheit, die die Sozialisten verteidigen, sei nichti als eine häßliche Figur von zerbrechlicher und anarchistische! Freibeuterei. (Beifall links und im Zentrum.) Die Freiheit der Syndikate bestehe nicht in Gewalttätigkeiten gegen die Ar­beiter, die polilisckn Freiheit bestehe nicht in einer Haltung wi« sie die äußerste Linke gegenwärtig einnehme. (Lärm auf bei äußersten Linlken.) Er sei auf der Seite der Freiheit gewesen als die Sozialisten, wie bas Land gesehen habe, für Sklavere lunb Tyrannei eintrat. (Beifall im ganzen Haus, außer bei bei äußersten Linken.) Unter ernsten Umstünden, fuhr Briand fort die bas Land einem Bürgerkrieg aus setzen, muß eine Re­gierung, die dieses Namens würdig ist, das tun, was wii getan haben. Die Regierung hat untersucht, welche Mittel dai Land vor ähnlichen Attentaten schützen können, ohne der Frei­heit der Syndikate näher zu treten. Sie werden erklären, ob si< Vertrauen zu diesem Vorgehen der Regierung haben. (Beifall auf fast allen Bänken, außer denen der äußersten Linken.)

Ter Ministerpräsident wurde, als er die Tribüne verließ, vor seinen Freunden herzlichst beglückwünscht. Die Weiterberatung der Interpellation wurde auf nächsten Dienstag vertagt und die Sitzung alsdann geschlossen.

In seiner Rede hatte btt Ministerpräsident auch erklärt, daß es unmöglich fei, schon jetzt die Verantwortlichkeit seiner Kollegen zu erörtern bezüglich der gesetzgeberischen Maßnahmen, die bestimmen, eine Wiederkehr der heute in bei Kammer verhandelten Vorkommnisse zu verhindern. Diese Acu- ßerung wurde in den Wandelgängen der Kammer lebhaft besprochen. Man glaubte in dieser Aeußerung ein stillschweigendes Zuge- ständnis zu sehen, daß Meinungsverschiedenheiten im Ministerium bestehen und daß eventuell mit einer Neubildung des Kabinetts zu rechnen ist. Diese Ansicht wurde aber von Personen aus der Umgebung der bedeutendsten Mitglieder des Kabinetts mit dem Bemerken für unttckstig erklärt, daß es ver­früht sei, über Meinungsverschiedenheiten und über Projekte zu sprechen, die im einzelnen erst in dem am Samstag stattfin­denden Ministerrat besprockmi werden sollen. Der Minister Vioiani erklärte auf Befragen, daß er nicht daran denke, zurückzutreten.

zur Eröffnung der französischen Dcputicrtenfamiw. Als E Frühling dieses Jahres neugewählte fran zSsisck)e Deputtertenkammer am 12. Juli tn die geriet ping, hatte sie neben einer ausgedehnten Aussprache übe Dieallgemeine Politik" nur die üblichen formalen Sachen wie die Vier direkten Steuern und die Nachtragskredite erledigt, letzt, wo sie wieder Zusammentritt, soll nur ihre eigentliche Arbeit beginnen, und das Kabinett Briand das bisher die von ihm proklamierte Politik dertoeifev Mäßigung" nur durch Reden zum Ausdruck brachte, wird zu zeigen haben, ob es diese Mäßigung auch gesetzgeberifcl auSmunzen kann, ohne darüber zu stürzen.

Die Gefahr dafür liegt nahe genug, wenn man berück sichtigt, daß der Ministerpräsident Briand, der vor etwa 15 Jahren als Advokat nach Paris kam, sich auffallend rascl vom blutigen sozialistischen Revolutionär zum Vertretei der kapitalisttschen, ruhebedürftigen Bourgeoisie gemaufer; hat, und Zwar so rasch, daß ihm nicht einmal seine späteren Freunde, die Radikalsozialisten, darin folgen konnten. Au, diese 150 Mitglieder zählende Gruppe ist er aber durchaus angewiesen, wenn er nicht immer weiter nach Rechts, also zu den Proaressisten, Klerikalen und Monarchisten gebrängl werden will. Zwar ist der Regierungsblock in Frankreich heute schon ein anderer als der vom Jahre 1902 und 1906 Hieß es damals: links keine Feiude ünd rechts keine Freunde, so stehen heute, wo die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt ist und man von den Monarchisten absolut keine Gefahr mehr für die Republik befürchtet, die Feinde des Blockes eigentlich nur links von den den linken Flügel des Blockes bildenden Radikalsozialisten. Diese sind aber für das Ministerium Briand recht unsichere Kantonisten geworden, wenngleich sie kurz vor den Ferien, nachdem ihr Führer Berteaux in einem Rededuell Briand unterlegen, mit diesem Frieden schlossen. Denn die Vertreter der alten kombistischen Ideen werden stets suchen, Briand Schwierig­keiten zu machen, da dieser nicht kulturkämpserisch gesonnen ist, die Caillauxsche Einkommensteuer in kapitalistischem Sinne umarbeiten und die Arbeiterpensionen auf die lange Bank schieben will. So kann es nur zu leicht kommen, daß die Radikalsozialisten von Briand abfallen und dieser sich seine Mehrheit immer weiter nach Rechts suchen muß, bis er schließlich am Ende der Möglichkeit einer Mehr­heitsbildung steht.

Ob dieses schon "in der bevorstehenden Parlamentstagung geschieht, ist allerdings fraglich. Denn auf der anderen Seite hat sich Briand durch seine Beruhigungspolitik, so­wie durch sein reges Interesse für Heer und Marine und die ganze Art feiner Persönlichkeit so viele Freunde unter dem französischen Volk selbst erworben, daß die Kombisten sich vielleicht doch in Rücksicht auf ihre Wähler vorläufig noch hüten, ihm aus der Verwässerung der Einkommens­steuer, der Verschiebung der Arbeiterpensionen, der neuen Wablvorlage nach dem Proporttonalsystem und der Ver­waltungsorganisation einen Strick zu drehen. Wenigstens l)aiic löciaiiö, als er am 12. Oktober auf dem Bankett des republikanischen Komitees für Handel und Industrie noch­mals eine Programmrede hielt, damit einen außerordent­lichen Erfolg.

Was Briand vielleicht mehr bedroht, als die oben­genannten, zwischen ihm und den Radikalsozialisten sttitttgen Gesetze, ist trotz seiner gewinnenden Persönlichkeit, glänzen­den Rednergabe und gewandten Parlamentstaktik bie Tat­sache, daß ihm die Festigkeit einer politischen Ueberzeugung, der Glaube an ein politisches Ideal fehlt. So hat der un- aemein schnell Wandelbare sich nacheinander den Haß der Geeinigten Sozialisten und Sozialistischen Republikaner zu- aezogen, die Radikalsozialisten begegnen ihm mit offenem Argwohn bietet er also den Progressisten und der Rechten, an die er sich unter Umständen anlehnen muß, die nötige vupillarische Sicherheit, daß er sich nicht wieder rückwärts foanbeU? Es ist deshalb nur zu leicht möglich, daß Briand nicht den gesuchten Anschluß nach Rechts findet, wenn ihn die Radikalsozialisten verlassen, sondern sich infolge der Wandelbarkeit seines politischen Charakters im Zeichen der Versöhnung und Anpassung so recht zwischen zwei Stühle gesetzt hat.

Die französische Deputtertenkammer wird int Zeichen des energisch niedergeschlaaenen Eisenbahnstteiks und der gescheiterten türkischen Anleihe eröffnet. Auch Atoei Mo­mente, die das Ministerium Briand nur äu leicht in Ge­fahr bringen können. Denn wenn auch Die Bekämpfung der Auswüchse des Syndikalismus jetzt zu den Programm- Punkten des Regierungsblockes gehört, so wird man es doch dem Ministerium Briand zum Vorwurf machen, daß es, zumal der Streik schon monatelang vorher bekannt war, feine Vorsorge gegen feinen Ausbruch getroffen hatte. Und nun das Scheitern der türkischen Anleihe! Es wird dem Minister des Auswärttgen, Pichon, schwer werden, seine Haltung in dieser Frage zu verteidigen. Man wird ihm mit Recht zum Vorwurf machen, das Interesse des fran» zösiscben Kapitalmarktes Forderungen geopfert zu haben, von denen er sich jagen mußte, daß die neue Türkei nie­mals auf sie entgegen würde. Man wirb Pichon vielleicht auch vorhalten, was Frankreich eigentlich von seiner teuer erkauften Allianz mit Rußland und mit England habe, wenn er es zuließe, daß diese beiden Mächte sich in Persien aufs neue Reibungsflächen schafften.

So ist die Sage des Kabinetts Briand im Augenblick der Eröffnung der französischen Deputiertenkammer keines­wegs rosig zu nennen. Seine Schonzeit ist abgelaufen, und es ist unter Umstünden vielleicht nicht ausgeschlossen, daß auch das Kabinett Briand bald zur Strecke gebracht wird

Paris, 25. Okt. Die neue Session der Kammer wurde heute nachmittag eröffnet. In der Kammer hatten sich zahlreiche Personen eingefunden, um die Anfragen über den Eisen­bahn-Ausstand mitanzuhören. Vor Beginn der Sitzung stießen oie Sozialisten Pfuirufe gegen den Polizeipräfekten Lüpim aus, welcher sich in der Nähe der Eingangstüren aufhielt. Die anderen Deputietten protestierten hiergegen. Es entwickelte sich kin unbeschreiblicher Tumult. Da die Sozialisten immer lautere Rufe ausstteßen, sah sich der Präsident Brisson veranlaßt, me Sitzung zu suspendieren.

, Nach Wiederaufnahme der Sitzung wurden aus Verlangen -onands alle Anfragen über den Eisenbahnstreik vereinigt und Dlc sofortige Besprechung beschlossen.

In der Kammer ist ein Gelbbuch über Marokko ver­teilt worden, das diplomatische Schriftstücke aus der Zeit vom 18. Oktober 1908 bis 15. September 1910 umfaßt. Die Schrift­stücke 1910 beziehen sich auf bekannte Vorgänge, insbesondere auf bie zwischen Frankreich und Marokko getroffenen Vereinbarungen auf Unterbrückung von Kriegskontrebande an btt Küste von Ma­rokko, bie Angelegenheit btt Gebrüder Mannesmann, die Reise Mae! Aeinins nach Fez, bie Regelung ber Ansprüche der Frem­den und bie Verhaftung bes Pasck>as von Fez Ben Aisas. Die letzten Depesckien behandelten die von den Vertretern Frank­reichs zur Befreiung der Gattin Ben Aissis unternommenen Schritte.

Paris, 25. Oft. Der Präsident ber Republik hat einen vom Kriegsminister ausgearbeiteten Gesetzentwurf unter­zeichnet, burch ben ber General stabsbien ft nach bem Muster des großen deutschen General st abs um­gestaltet werden soll. Der Entwurf, der demnächst dem Par­lament vorgelegt werden wird, bestimmt insbesondere, daß der Generalstabsdienst sowohl durch Offiziere aller Waffengattungen mit Generalstabspatent, sowie durch Hilfsoffiziere ohne Gcneral- 'tabspatent versehen iverben soll. Hierdurch werde es möglich ein, bie Generalstabsoffiziere weniger zum Bureanbienst heran­zuziehen und dafür längere Zeit im aktiven Truppendienst zu verwenden.

Paris, 25. Okt. Mehrere Blätter melden, die Polizei et in den Besitz eines Rundschreibens gelangt, in bem eine Anzahl Terrioriften angekündigt, daß sie bie Ermor­dung der höchsten Beamten der Republik wegen ihres Verhaltens beim Eisenbahnftreik beschlossen habe. Der mit der Ueberwachung ber Anarchisten betraute Polizeikommissar Guichart fahnde gegenwärtig nach einer geheimen Druckerei, in welcher das Rundschreiben hergestellt worden sei. Zum Sckmtze der bedrohten Persönlichkeiten seien aNe Vorkehrungen getroffen worden. Die Polizei stellt Nachforschungen nach den Ur­hebern von Drohbriefen an, die täglich bem Polizeipräfekten und anderen Polizeibeamten, sowie verschiedenen Gettchtspersonen zugingen._____________________________________________

Vie zweite Lesung der Justizgesetze im riusschuh.

:: Berlin, 25. Okt.

Ter Strafprozeßausschuß setzte heute die Beratung des Ab- chnittes über bie Zeugen fort. § 52 bes Entwurfs gibt wie das geltende Gesetz jedem Zeugen baS Recht, bie Auskunft auf einzelne Fragen zu verweigern, wenn bereu Beantwortung ihm ober einem seiner Angehörigen die Gefahr strafgerichtlicher Verfolgung zu­

X)ieWahrheit vor Gericht.

IL

4 Berlin, 25. Oft.«

Zp ber heutigen zweiten Sitzung im Erpresserprozeß Bruhn und Genossen waren bie ersten Zeugen erschienen. Zunächst wurde die Vernehmung des Reichstagsabgeorbneten Bruhn über das Zustandekommen einer Reihe weiterer Artikel seinerWahrheit"^ in benen Angriffe gegen Warenhausbesitzer, Inhaber von Nacht­lokalen, Kaffeehausbesitzer imb Witte enthalten sind, fortgesetztz. Bruhn bleibt babei, baß er mit diesen Artikeln Kritik an be­stehenden Sck>aden, nicht aber Revolver-Journalistik üben wollte. Von 104 in der Voruntersuchung vernommenen Zeugen hätte kein einziger behauptet, daß irgend n^e^^^e Drohungen vor dem Erscheinen solck)tt Artikel von ihm, dem Angeklagten, erfolgt seien; ebensowenig batten bie vernommenen Inserenten bekunden können, daß sie die Inserate auf Drohungen hin aufgegeben hätten. Ter Vorsitzende Landaerickstsrat Lamve hält bem Angeklagten darauf vor, daß die Inserate einiger Leute aber doch wohl als Angstprodukte anzusehen seien. Bruhn bestreitet jedoch, daß für bie Betreffenden ein Anlaß vorlag, sich vor ihm zu fürchten. Dem Hinweis herauf, baß auch in Berliner Journalistenkreisen! dieWahrheit" als Eipresserorgan gelte, das seine Inserate ge­wissermaßen mit bem Brecheisen hole, begegnet Bruhn mit dem Hinweise daraus, daß bie Berliner öffentlich Meinung in ber Haupt sack)« von ben Satten gemacht werde, die er als antisemi­tischer Reick)stagsabgcorbneter bekämpfe, nämlich von Juden. Wei­ter behauptet Bmhn, baß alle Berliner Zeitungen ähnlickie Jn- eratengeschäste macksten wie er und baß er nur das Opfer der in Berlin allerbings weitverbreitetat aber irrigen Ansicht sei, baß man es bei einer Zeitung gut habe, wenn man reckst viel bei ihr inseriere.

Ter Verteidiger Rechtsanwalt Brederek macht bann darauf aufmerksam, daß er in dieser Beziehung jedenfalls ben auch im Saale anwesenden Satiriker A. O. Weber als Zeugen laben werde, weshalb dieser ben Saal verlassen muß. Gleick;>zeitia weist der Verteidiger darauf bin, baß im Inseratenteil ber Vossisctien Zeitung, den der als Sackwerständige aiuucfenbe Jnseratenckx'f Kluge leitet, heute früh nickst weniger als 63 Massensen-Jn- erate erschienen seien. lGroße Heitttkeit.) Der Sachver- t ä n b i g e erwidert, daß er solche Anzeigen mit Genchmignwg der Polizei aufnehme. Bors.: Es gibt doch aber auch mirr lich harmlose Masseusen. (Heiterkeit.) Angekl. Bruhn- Aber in der Vossisck-en Zeitung werden die Vornamen der Damen in fetten Zeilen auffällig hervorgehobcn. Sachv. Kluge- Ja Herr Bruhn, wie Sie Ihren Artikeln auffallende Uebttschriften geben, so wollen vielleicht auch die Masseusen etwas auffallen (Stürmtsche Heiterkeit, in die auch der Gerichtshof mit cinftimmtj