Ausgabe 
28.6.1910 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Römer, statt, -der in dieser Woche seine neue Stelle in Großcn-Linden antritt. Nach der Predigt int Vormittags- gottcsdienst, (u dem sich eine überaus zahlreiche l^emcinbc zusammengesiinden hatte, gedachte der Ortsgeistlichc, Pfarrer Nies von Ettingshansen, in herzlichen Worten des scheiden« den Lehrers. Er hob die außerordentlichen Leistungen des Lehrers, die Zuverlässigkeit des charakterfesten Menschen, der den Geistlichen stets ein treuer Freund und Heiser gewesen war, hervor, dem allerseits mit Vertrauen begegnet wurde, und der dies Vertrauen nie täuschte. Im Namen der Ge­meinde wünschte er Herrn Römer auch in der neuen Heimat Gottes Segen für Haus und Amt. Tic tiefe Ergriffenheit der Gemeinde konnte Herrn Römer der beste Beweis jein für die Liebe und Treue, mit der man seiner hier gedenkt. Als Zeichen seiner dankbaren Mterkennung überreichte der Kirchenvorstand eine Kiinstlcrmappe. Auch die bürgerliche Gemeinde hatte es sich nicht nehmen lassen, des Scheidenden zu gedenken. Vom Ortsvorstand wurde ihm ein prachtvolles Bild gewidmet. Welch großer Beliebtheit sich Herr Römer erfreute, taut aud) gelegentlich der Abschiedsfeier zum Aus­druck, die der Gesangverein seinem langjährigen Dirigenten veranstaltete.

X Unter-Schmitten, 27. Juni. Bei den schweren Wettern, die gestern wieder über unsere Gegend zogen, schlug der Blitz in das am Südausgang unseres Dorfes gelegene Anwesen des Gastwirts Köchlin (früher Jean Uhl). Der Strahl traf die Scheuer, die alsbald brannte. Zum Gluck war nach fein Heu eingesahren und nur noch ein Rest Stroh saß darin. Der Dachstuhl wurde van der Feuerwehr zusammengerissen; dach mußte die ganze Nacht durch Wache gehalten werden, weil immer wieder Flammen austahten. Die Scheuer liegt auf dem höchsten Punkt van Unter-Schmitten.

Kirche und LebuSe.

Apologctilchc Vorträge. G l a u b en 2 g n ad e und Glaube nsgesah reu war das Thema des gestrigen Vorträges des Prof. Schwarz in der katholischen Kirche. Es wurde dargelegt, daß und wie der zum .Heile führende Glaubensakt ein übernatürliaier Akt ist. Es ist zu unterscheiden ber, Gnadenzustand nnd der Gnadenbeistand. Der Gnadenzustand ist sozusagen das übernatürliche Lebensprinziv, womit auch die ein- gegossene Tugend des Glaubens gegeben wird. Der Gnaden- beiftaitb regt dieses Lebensprinziv zu der ihm eigentümlichen Tätigkeit an oder wenn der Gnadenzustand iwch nicht da ist ermöglicht überhaupt erst den übernatürlichen Akt. So wird durch den Gnadenbeistand jeder befähigt, den übernatürlichen Glaubensakt zu erwecken. Die Einwirkung der Gnade ist außer­ordentlich mannigfaltig. Sie beginnt sicherlich schon bei dem Urteil über die Glaubwürdigkeit der vorgelegten Offenbarung, weist hin auf die Glaubenspflicht und erbebt den Menschen zum übernatürlichen Glaubensakte selbst. So ist es also zu verstehen, wenn man sagt, der Glaube ist eine Gnade, d. h. Gott bietet jedem, der tut was er soll, diesen übernatürlichen Beistand irgendwie und damit die Möglichkeit, zum .Heile zu gelangen, an. Nun zeigen sich auch die Wege zu den Glaubensgesahren. Die Glaubens­gefahren sind die Glaubensschwierigkeiten, insoweit sie die freie, feste Zustimmung zur Offenbarung Gottes erschüttern können. Sie dringen ein durch den Verstand und durch den Willen. Glaubensgefahren sind besonders: Selbstverschuldete Unwissenheit, Leichtfertigkeit des Urteils und namentlich Halbwisserei. Vom Willen kommen die Glaubensgesahren aus sittlicher Schwäche upd Selbstüberhebung. Glauben heißt aber nicht sich selbst, sondern einem anderen zustimmen, einer Autorität sich beugen. Die 'Glaubenswahrheiten sind selbst dunkel. Obendrein berichten sie uns Tatsachen der tiefsten Demut, z. B. das Kreuz Christi, und schließlich verlangen sie sogar vom Menschen direkt große Demut, ja, die Nachfolge des Gekreuzigten Das alles ist dem stolzen Geiste ein Greuel, und so werden die Glaubensschwierig- Tciten schnell zu großen Glaubensgefahren, denen der Hochmütige unterliegt.^Zmn Abfall vom Glauben genügt eine Portion Stolz Den Stolzen widersteht Gott, den Tcnuitigeit gibt er seine .Gnade. Der Vortrag war wieder gut besucht. Der nächste Vortrag über ,,d i e Rechtsstellung der Kirche" wird Montag, 11. Juli, gehalten werden.

Landwirtschaft.

X Queckborn, 27. Juni. Welchen Vorteil es hat, wenn hie Heuernte frühzeitig begonnen wird, sieht man dieses Jahr wieder. Unsere Gemeinde hat schon seit acht Tagen die Heu­ernte beendet, es tarn gut heim und schon jetzt stehen die Wiesen mit frischem Grün bedeckt. In den Nachbarorten des Wettertals und anderen Orten liegt entweder das Heu jetzt seit Dienstag rm Regenwetter, oder cs ist noch gar nicht gemäht. Der gestrige Gewitterregen bat die Wiesen vollständig aufgeweicht.

X Lich, 26. Juni. Die guten Hoffnungen, zu denen die Heuernte berechtigte, sind durch das seit Mittwoch anhaltende Regenwetter zu Master geworden. Schon beinahe 8 Tage liegen große Mengen Heu auf den Wiesen und haben durch die feuchte Witterung sehr an Qualität gelitten. Der sich in einer Länge von fast zwei Stunden im Wetter tat von Kolnhausen bis Ober- Bessingen hinziehende, weit und breit bekannte LicherWies- grund", der Hauptreichtum unserer Gemarkung, muß immer erst amtlich in drei Abteilungen nacheinanderamgetan" werden, da es so lange die Feldbereinigung noch nicht durchgeführt ist den meisten Wiesen an zuführenden Wegen fehlt. Der untere nnd mittlere Grund sind soweit eingeerntet worden. Am ver­gangenen Montag und Dienstag tonnte man sich wieder an dem intcreifanrtü und eigenartigen Bild erfreuen, das Lich alljährlich zur Zeit der Heuernte zeigt: Wagen hinter Wagen fuhren, mit schwerem Heu beladen, vom frühen Morgen bis zum 'bäten Abend in ununterbrochener Kette durch die Stadt, dabei die alten iulnd sonst so stillen Straßen b eleb en b. Ein Bild, das von neuem wieder beredtes Zeugnis ablegte von der Fruchtbar­keit und dem Reichtum des oberen Wettertals, das die meifkn umliegenden Orte, wie Langsdorf, Birklar, Muschenheim, Dors- Güll, Eberstadt unb selbst Holzheim, Grüningen, Garbenteich und Albach, netf, teilweise mit Wintersutter versorgen muß. Leider ist aber wie. im Vorjahre die Ernte au, dem größten, sich bis Ober-Bessingen und Mühlsachsen erstreckenden oberen Grund durch die schlechte Witterung der letzten Tage fast völlig verdorben. Es ist das umsomehr zu bedauern, weit gerade die zahlreichen aus­wärtigen Käufer' auf dem oberen Grund immer besonders stark vertreten sind. Aucv viele kleinere hiesige Landwirte, die ihren Wiesenbesitz fast ausschließlich in der zuletzt geöffneten dritten Ab­teilung haben, werden schwer getroffen. Sie mußten an den vorausgegangenen guten, zum Heumachen geeigneten Tagen müßig ju|eben und abmarten, dis die unteren Gründe abgeerntet und der obere geöffnet wurde. Es ist das ein leider nicht zu um­gehender liebel,tand, der nur durch Feldbereinigung, an der jetzt fleißig gearbeitet wird, entgültig beseitigt werden "kann

Sport.

= Radsport. Am Sonntag sand die vom Gau 9 a StegLahn des Deutschen Radfahrerbundes veranstaltete 100 Kilometer-Preisfahrt statt. Die Strecke führte von Eölbe nach Biedenkopf zweimal hin und zurück Tie Fahrer, die durck) die aufgeweichten Straßen und teilweisen Gegenwind sehr beeinträchtigt wurden, erzielten trotzdem gute Zeiten In der Abteilung 1, Senioren, gelang es dem Mitglied des Rad- Elud Germania EarH M u h l als erster die goldeiie Bezirks­medaille zu erringen, und zwar in 3 Stunden 50 Min.; zweiter wurde Rüdiger in 4 Stunden 33 Min. In der Abteilung Junioren .errang Fritz Linker in 3 Stunden 57 Min. und Adam Reich in 4 Stunden 11 Min, die silberne Medaille.

Lustschiffahrt.

Tic Rundfahrten des L. Z. VII.

Köln, 27. Juni. Tie auf Sonntag angesagten drei Ziel- iahrten öes VassagierluftschifseSDeutschland" (L. Z. VII.) nach Köln und Düsseldorf konnten lischt ausgeführt werden. Der Regen ging zeitweise lvolkenbruchartig nieber, so daß die Aufstiege bis auf" weiteres abgesagt werden mußten. Mit dem Luftschiff sind, ivie schon mitgetcnlt, vorerst Fahrten von Düsseldorf und von Baden-Baden aus geplant. In Düsseldorf wird das Luftschiff vor­aussichtlich bis 1. August seinen Standort haben, worauf es für zwei Monate nach Baden-Baden in die dortige Halle überführt wird, um hier während des August und September Fahrten aus­zuführen. Vom 1. Oktober ab wird cs wieder von Düsseldorf nnd Köln ans fahren. Die sllu5gabc der Fahrkarten erfolgt durch die Hamburg-Arnerika-Linie und ihre Zweigstellen.

*

Urfeld (Oberbayern, 27. Juni. Der BallonEsca- p ade", .Führer und einziger Insasse Georg Blaneet, der geltem nachmittag um 3 Uhr in Paris um den großen Preis des französischen Aeroklubs gestartet war, ist mittags 11 Uhr mit beschädigter -Hülle mitten im Walchensee niederge­gangen. Ter Insasse wurde wohlbehalten mit dem Korb ge­borgen.

Berlin, 27. Juni. DieNorddeutsche Allgemeine Ztg." schreibt: Zum Fall Eulenburg brachten in den letzten Tagen einige Blätter Die Mitteilung, daß Fürst Eulenburg wieder Der« handlungsfähig sei und daß btc Staatsanwaltschaft, um einer parlamentarischen Interpellation über den Stand des Meineidsverfahrens aus dem Wege zu,gehen, den Prozeß im Sep­tember wieder aufnehmen wolle. Tiefe Nachrichten sind völlig unzutreffend. Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft ist der Fürst nach eingeholten Gcrichtsbeichlüsscn durch Medizinalrat Tr. Stocrmcr im April und Mai untcri'udjt worden, unb zwar beim zweiten Male auch mit Röntgenapparat unb Orthodiagraph. Die Untersuchungen haben erneut ergeben, baß der Fürst nicht ver­handlungsfähig ist und daß die Arteriosklerose unb Herzver­größerung weiter fortbestehen. Die Staatsanwaltschaft ist baher außer Staube, die Anberaumung eines neuen Hauptverhaub« lnngstermins zu beantragen.

Saarbrücken, 25. Juni. Das Schwurgericht Hal gestern den Eiseichahnarbeiter Franz Buchner, der in ber Nacht zum 20. April in Eiweiler ben Bergmann Johann Dürr von dort mit einem Beil erschlagen hatte, wegen Totschlags zu 15 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust ver­urteilt.

Der Allensteiner MorSprozeh.

Allciistcin, 27. Jfmi.

Im Allensteiner Mordprozeß beginnt heute die vierte Verhandlüngswochc. Tie Sachoerstänbigen-Gut- achten merben fortgesetzt. Sanitätsrat Dr. Stoltenhosf wendet sich zunächst gegen die Entrüstung, die zum Ausdruck kam, als es hieß, die Angeklagte solle psychiatrisch untersucht werden. Man behauptet, die Angeklagte sollte damit ihren Richtern entzogen werben. Das sei unrichtig. Wie die Ber- f/anblung ergeben habe, wäre es eine nicht wieder gut zu machende Unterlassung gewesen, wenn man die Angeklagte nicht psychiatrisch untersucht hätte. Der Sachverständige bespricht zunächst den Geisteszustand des Herrn v. Göben. Er war ein durchaus intelli­genter Mensch, der eine Frau wohl zu beherrschen und bet ihr seinen Willen durchzusetzen verstand. Was eine etwaige Geistes­krankheit des Herrn v. Göben anlangt, so spricht bei solchen sexuell perversen Menschen ja sehr viel für eilte verminderte Zurechnungsfähigkeit, die es ja aber nach dem Strafgesetzbuch nicht gibt; eine eigentliche Geisteskrankheit bestand nicht, sondern diese perversen Züge können nur als fSrflärungsgrünbc für fein abnormes Wesen bewertet werben. Krankhafte Zustänbe, welche die freie Willensbestimmung ausschlossen, itttb nicht zu finden gewesen. Was die Angeklagte anlangt, so tst sie eine hysterisch- psychopathische Person, die an der Grenze der Geistcserkrankung im Sinne des § 51 stehl, nach meiner Meinung kann aber der § 51 nicht herangezogen werden. Tie ganze Sachlage ergibt aber ein Bild, das btc Tat in einem milderen Lichte erscheinen, läßt.

Sachverstänbiger Oberarzt T . Falk äußert sich über Herrn D. Gäben. Er war zweiftllos psyckwpathisch, unb Prof. V. Schrenck- Notzing hat reckst, wenn er von pseubolvgia vhantastiea gesprochen hat. Er wollte wohl die Wahrheit sagen, cs ist thm aber nicht zum Bewußtsein gekommen, wenn er das nicht tat. Nach der Beobachtung des Herrn v. Göben sind wir Aerzte damals zu der Ucberzcugung gekommen, baß er nicht aus § 51 für unzurech­nungsfähig zu erklären sei, wenngleich sich manche rein menschliche unb psychologische Züge ergeben hatten, bie für eine mildere Auf­fassung seiner Tat sprachen. Tas Bild, das ich damals von ihm bekommen habe, ist durch die Beweisaufnahme nicht verändert worben. Es ist ja bei Personen, btc auf dem sogenannten Grenz­gebiet stehen, schwer zu sagen, inwieweit sie geisteskrank sind. Bei Göben würde vielleicht dafür sprechen, daß er nach der Tat gut geschlafen hat und keine Reue emnfaitb. Gäben ist zwar ein pervers veranlagter Mensch, aber die Wohltaten des § 51 kann man ihm nickst zubilligen.

Sachverständiger Sanitätsrat Tr. L ul lies hält die An­geklagte für eine degenerierte Persönlichkeit, ist aber der Meinung, baß bie Grenze, bie btc Grenze ber Schulblosigkcit der Angeklagten garantieren würbe, noch nickst erreicht sei.

Gerichtsarzt Tr. Strauch (Berlin- erklärt: Ich lege das Ergebnis der Hauvtvcrhanblung unb meine persönlichen Unter­suchungen in Eharlottenburg hier meinem Gutachten zu Grunbe. Eine Untersuchung bes Geiftcszustanbcs der Angeklagten genügt nicht. Nach meinen wissenschaftlichen Erfahrungen unb Ucbec- scugungcn bin ich zu ber Ansicht gekommen, baß sowohl bei der Angeklagten wie bei Göben Geisteskrankheit oorlag, unb zwar bei ber Angeklagten solvohl vor ber ihr zur Last gelegten Hanbtung als auch nach ber Tat, bei Göben vor, währenb und nach der Tat, ungefähr bis zum 5. oder 8. Januar 1908. ES handelt sich bei der Angeklagten um ein hysterisches Irresein. Tie An­geklagte war bereits krank, als sie bas Geschick mit Herrn von Göben zusammenbrachte. Ich habe keinen Zweifel, baß die Tat des Herrn v. Göben als die Tat eines Mannes zu charakterisieren ist, der unter dem Einfluß einer Wahnidee stand unb zwangsweise gehanbelt hat. Eine solche Tat, bei der bie freie Willensbe­stimmung burch Zwangsvorstellungen ausgeschlossen ist, ist eine Tat, die nach § 51 straflos erscheint. Ich freue mich, daß ich zu dieser Feststellung gekommen bin, denn cs ergibt sich daraus, daß dieser preußische Offizier nicht als ein gemeiner Mörder, sondern als ein bedauernswerter Geisteskranker zu betrachten ist. Tic Gutachten der sachverständigen wurden häufig durch Zwischen- rragen der Verteidigung, ber Staatsanwaltschaft und des Vor- sitzeilben unterbrochen. Morgen wird die Verhandlung fortgesetzt. Das Urteil wird nicht vor Freitag zu erwarten sein.

Die Düsseldorfer Zeppellnsshtt.

Zu der Düsseldorfer Fahrt das Grasen Zeppelin mit dem L. Z. 7" erhält die B. V. Z. von einem hervorragenden Fach­mann der lenkbaren Luftschiffahrt, der übrigens mit feiner Lebens­arbeit im Lager der unstarren Systeme steht, folgende interessanten Aeußerungen und Rückerinnerungen:

Die glänzend verlaufene Fahrt FriedrichshafenDüsseldorf bedeutet eine sehr wichtige (Stoppe in ber Geschichte des Lcnk- ballons. Denn sie ist die erste große Uebcrlanbrci|'c, bie ohne jebc Störung, ohne bie geringstePanne" vor sich ging. Wir haben hier sozusagen das erste Meisterstück einer Juoerläiiigkeits- sahrt vor uns, und das einzige, was ber kritische Kollege hier noch ciuzuweudeit hat, bad ist, daß Gras Zeppelin selbst und allein die Führung hatte. Er ist em Meister. Er ist der Meister. Er ist dieMascottc", der Talisman, oas Glückskind seines Werkes. Wenn er in der Gonbcl sitzt, geht alles gut aus. Da aber mir nüchtern denkenden Luftschiffer alles andere als aber« gläubijch fein wollen, haben wir nur eine Erklärung dafür, daß nämlich .Graf Zeppelin vis dato der einzige ist, der einen Lenk­

ballon des ganzstarren Systems in virtuoser unb stets erfolg* rciser Weise zu behandeln versteht. Die anderen, sic mögen von ihm noch so üicl gelernt haben, kennen immer nur Einzelheiten, gewisse Regeln und Teilerfahnmgen. Er tiber Übersicht und be­herrscht das Ganze in geradezu intuitiver Weise. Er besitzt, man möchte sagen, mehr als Geislcsgcgcuwari. Er besitzt den Hellblick des Genies. Wer gefährliche Momente mit dem (Grafen zusammen erlebt hat, wird dies bestätigen. Und noch etwas: Es ist der unerhörte Wille dieses kleinen, unscheinbaren Mannes, seine übermenschliche Energie, die das Luftschiff, auch wenn die anderen die Köpfe bedenllich schütteln, durch Sturm, Regen unb Nebel reißt, mit drei und schließlich nur noch mit zwei Propellern weiterfahren heißt. Es muß gehen! ist immer sein Wort.

So hat er ja auch, von höherer, geschichtlicher Warte aus be­trachtet, seine ganze Idee so locit sortgerissen in die Zukunft hinein, daß die Zeitgenossen alle Mühe haben seien wir ganz chrlickn die Fachgcnofsen alle Mühe haben, ihm nachzukoinmcii. Es ist auch der unerhört starke Wille Zeppelins, ber die Millionen gleich­gültiger Mitbürger zur Achtung und schließlich zu rückhallloser Bewunderung zwang.

Und bei dieser Gelegenheit gestatten Sie mir," so fuhr der Gewährsmann fort,eine kurze Reminiszenz als .Beitrag zu dem festlichen Anlaß der Düsseldorfer Fahrt:

Vor sechzehn Jahren war dieses Modell, das jetzt als erstes Passagicrluftschifs Deutsch­lands aus den Plan tritt, so gut wie fertig, dieses Modell mit seinen zwei Gondeln, je einem Motor, vier Propellern unb allerlei Stcucrcrgaitcn. Gras Zeppelin veröffentlichte seine Pläne, unb alles lächelte ungläubig. Noch im Jahre 1894 legte er einer vom Kaiser berufenen Kommission von Sachverständigen ben Ent­wurf vor. Diese Kommission lehnte cs ans lauter sachverständigen Gründen ab, die Ausführung des Ricfentufn'chiffcS zu empfehlen. Damit begann die eigentliche Kampf- unb Leidenszeit des kühnen Erfinders.- Er mußte alles aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln wagen unb schaffen.

Im Juli 1900 staub das erste Fahrzeug in bet Halle am Bodensee unb segelte bereits keck über bas fckiwäbifche Meer.

In her,frollen Erwartung, nun im Norden anerkannt zu werden, reifte Gras Zeppelin im Juni 1901 nach Kiel zum Jngenieurtag. Seine Gctbmittcl waren erschöpft. .Ex. hatte die moralische Unterstützung beiAutoritären" nötig, um einen neuen Fonds für lein Unternehmen znsammenzubriugen. Aber was mußte er, bas Genie, hier bei den Leuten vom Fach erleben! Niemals wurde ein Erfinder gründlicher verkannt, grausamer ent­täuscht. Wie ein Schuljunge wurde er belehrt und abgekanzell. Er kam nicht einmal zu Wort. Ack-sclzu(kcnd, fast unwillig "gab man ihm ben Bescheid, seinMonstrum" fei erledigt und abgetan. Wie Kolumbus, einsam und allein an seinen Plan glaubend, allein von seiner Ausführbarkeit überzeugt, saß er da unter der spöttelnden Zunft. Tief gebemütigt kehrte der 63 jährige Man an feinen Bodensee zurück.

Der weitere Verlaus der Tinge, eine Kette von Mißerfolgen und übermenschlichen Anstrengungen, ist allgemein bekannt. Ein Sturm zertrümmerte die Ballonhülle mit dem ersten Schiff. Das zweite endete unglücklich im Allgäu auf vereistem Boden.Nie hau ich wieder ein Luftschiff!" rief damals Graf Zeppelin aus, als sein Werk mit Axt und Säge zerkleinert wurde. Jctzi hat er den siebentenZ" siegreich in neun Stunden vterhuitder.'l Kilometer durch die. Lust geführt. Dem Freund unb Konkurrenten, bleibt nichts anderes übrig, als von ganzem Herzen zu gratulieren!"

Vermischtes.

* Hochwasser. Infolge anhaltenden Regens ist der Bo­de ns ec stark gestiegen; der Pegelstand war nachmittags 5,58 Meter. Der Stadtparl', die Seestraße unb der Stadtteil Paradies sind zum großen Teil überschwemmt. Der Regen hörte nachmittags auf. Die M oscl ist von Samstag bis Montag von etwa 1,70 auf 3,80 Meter gestiegen. Nach der Lothringer Zeitung" wird aus Frankreich anhaltendes Steigen der Mosel gemeldet. Die Moselgcmeinden wurden benachrichtigt, daß eine Hebers ch w c m m u n g der niedrig gelegenen User zu erwarten sei. - Der Teich des Lcysse-Finfses ist nach einer Meldung aus E jj-n m b e r v geborsten und hat die ganze Ebene überschwemmt. Das Hochwasser, bas bereits großen Schaden an« gerichtet hat, bedroht zahlreiche Ortschaften. Der Eisenbahn­verkehr zwisckfen Chambery und AixlcS Bains ist unterbrochen.

* Opfer der Berge. Bei einer Glelscherfahrt am Kalk« k ö g c 1 ist der Student der Phllosophie L n u y s e g g e r aus Inns­bruck erfroren. Der Verunglückte erkletterte am Sonntag mit einem Begleiter die Marck-eiseuspitzc. Auf dem Gipfel an- gelangt, brach er durch die Anstrengungen völlig erschlafft zusammen. Da inzwischen ein Schneefall eingesetzt hatte, überließ ihm sein Begleiter alle cutbchrlicken Kleidungsstücke und eilte, Hilsc zu holen. Zwei Rettungsexpeditionen brachen soiott aus, saiiden aber am Montag mittag Lauysegger mit einer halbes Meter Schnee bedeckt, als Leiche vor.

Kleine Tagcschronir.

Der Geheime Oberregicrungsrat Dr. Hermann Du nas, Vortragender Rat im Rcichsjustizaml, ist auf einem Ausflug nacki der Zinnalspitze an der sog. J'ägerstcig tödlich ab« gestürzt. Eine Rettungsabtcilung fand die Leiche, die unter großen Schtuierigkeiten geborgen wurde. Tie Beerdigung findet in Äissoye statt.

Aus ber ZecheAlstaden" bei Ef | e n wurden der Tircktor, Assessor Sternberg, unb der Fahrstcigcr Mchrhosf von einem belabenen Kohlenwagen überrannt. Mchrhosf wurde ge­tötet, Sternberg verwundet.

Arn Montag früh um - 47 Uhr kamen das Post-Automobil hort Waldenbuch unb ein Zug ber Filbcrbahn gleichzeitig zur Kreuzung. Das Post-Automobil mürbe zur Seite geschleudert und sämtliche Jnsajsen verletzt, unter ihnen drei schwer. Tic Schuld liegt an ber Filbcrbahn, unb nur ber Geistesgegenwart des Aittlcnkers ist es zuzuschreibcu, daß das Unglück nicht noch größer war.

In Zyrardow an der russischen Grenze wurden nach zweitätigen Haussuchungen gegen 100 Personen ver­haftet nnd nach Warschau übergeführt.

Die Familie HofrichterS will die nochmalige Unter­suchung Hofrichters auf seinen Geisteszustand durchsetzen.

Der Orcgon-Shortlinc -Expreß wurde in bet letzten Nacht an der äußersten Grenze ber Stadt Ogden (Utah) von drei Räubern zum S t i l l st a n d gebracht, die Reisenden mit Re­volvern bedroht und ausgeraubt. Eine Frau wurde schwer verletzt. Eine große Menge Einwohner nahm die VcrsolgunS der Räuber auf.

In Colon wurde in dem Theater während ber Vorstellung eine Bombe geschlendert. Sieben.Personen wmden. verwundet, zwei von ihnen schwer.

Am Samstag abend brach, wie aus La Crosse (Wisconsin) ge­meldet wird, auf einem Mi'sissippidampscr, brr 1500 Passagiere an Bord hatte, ein heftiges Feuer aus. Ter Kapitän ließ den Dampfer sofort aus Land lausen; fast alle Passagiere konnten gerettet werben. Einige Frauen sollen ihre Kinder in den Fluß geworfen haben, ihnen nachgcsptuugcu und so ertrunken sein. Sowcft bis. jetzt rcftgcftcllt, find vier Personen umgekommen unb etwa 12 teilweise schwer verletzt worden.

Getreide-Wochenbericht

ber Preisberichtucllc des Deutschen LaudwirtschaftZrats vom 21. bis 27. Juni 1910.

Ter Getrcidemarkt steht allgemein unter dem Einfluß lunt wieder unsicher gewordenen Ernteaussichtcn,^wic dies zwar in der Regel unmittelbar vor ber Ernte ber Fall zu fein pflegt, in biefem Jahre aber angesichts der abnormen Witterung im In- unb Auslanbe besonbers stark zum Ausbruck kommt. In ber letzten Woche ging die Beunruhigung von Amerika unb in ge­ringem Grabe auch von Rußlanb aus. In ben Bereinigten Staaten hatten Nachrichten über Dürre unb Hitze aus bent Sommerweizen Gebiet im Nordwesten eine zeitweilige Hausse an den bortigen Börsen hervorgerufeu, btc ben Weizcuprcis bis um 10 Mart für die Tonne emporschnellen ließ, doch ging diesig.