Ausgabe 
27.5.1910 Zweites Blatt
 
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160. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 121

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

ift geeignet, die Blute der Manen wieder mehr am du eigene | o e t erachtet wird und die katholische Kirchengemeinde die Familie zu lenken, wahrend heule so viele bie mangelnde Be- Kosten des Verfahrens zu tragen hat.

Freitag 27. Mai 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Futtersegen nicht berechtigt.

w. Offenbach, 26. Mai. Tic hiesige Stadtverord­netenversammlung hat in namentlicher Abstimmung be­schlossen, den Bürgermeister Dr. Dullo auf 67 000 Mark Schadenersatz zu verklagen. Ter Beschlus; bedarf noch der Genehmigung des Ministeriums. Es handelt sich um Spekulationen in Kaiserhof-Aktien.

Kassel, 25. Mai. Eine VereinigungderWald- besitzer Niederhessens und der angrenzenden Ge­biete wurde hier dieser Tage begründet. Turch die Ver­einigung soll eine bessere Verwertung des Holzes der Privat und Gemeindewaldungen erzielt werden. Man will eine höhere Rente dadurch erzielen, das; der in Niederhessen vorherrschende Gemeinde-Mittel- und Schälwaldbetrieb nach mkd nach in Hochwaldbetrieb umgcwaudelt wird. -Ferner hofft man auch durch gemeinschaftlichen Verkauf bessere Preise zu erzielen. Tie Vereinigung behält zunächst Gültig­keit für fünf Jahre. Zum Geschäftsführer wurde Geh. Regicrungs- und Forstrat Mühlhausen bestellt.

DieSteftener ZamlNtnblätter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS Krclsblott für de» Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen** erscheinen monatlich zweimal.

(Eine Mtzftimmung zwischen dem Erzherzog zranz Zerdmand und dem König der Bulgaren?

£ London, 25. Mai.

Zu der auffallend frühen Abreise deS österreichischen Thronfolgers gleich nach den BeisetzungSseierlichkeiten in Wmdsor erfährt die WochenschriftTruth", daß die Ursache in der Anwesenheit des Königs der Bulgaren zu suchen ist, mit welchem der Erzherzog auf einem sehr schlechten Fuß steht. Die Absicht des Königs, nach London zu gehen, war bis zum letzten Augenblick geheim gehalten morden, und weder in Wien noch in London war etwas darüber bekannt. Sonst würde der Kaiser von Oesterreich einen anderen Erz­herzog mit seiner Vertretung beauftragt haben. So fuhren der Erzherzog und der König von Bulgarien in demselben Zug von Wien nach Calais und auch in demselben Dampfer über den Kanal, aber sie kamen während der Fahrt nicht zusammen.

-r. Heb los,' 26. Mai. Ein schweres Gewitter, von Hagelschlag begleitet, zog gestern abend über unfern Ort. Der Blitz zündete im Bauernhof von W. und brannte das Anwesen vollständig nieder.

X Nidda, 26. Mai. Zwei schwere Wetter brachten uns gestern abend, obivohl mit Hagel vermischt, keinen Schaden, inohl aber großen Nutzen durch den erquicken­den Regen, welcher niederging. Wir können jetzt einer reich­lichen Heuernte entgegen sehen; alle Garten- und Feld­gewächse stehen ausgezeichnet und ist cs klar, loarum die Getreidepreise sinken. Möchten nun auch die Brotpreise bald folgen. Auch die hohen Milchpreise sind bei dem reichen

Redaktion, Expcdüion und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e-^51. Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzelgerGieben.

Die kretische Zrage.

Salonik, 26. Mai. Tie Regierungstruppen nahmen in der Umgegend von Ghilan drei Hauptführer der Arnauten mit einigen Begleitern fest. Die Gefangenen wurden ge­fesselt und dem Kriegsgericht übergeben.

K o n st a n t i n o p e l, 26. Mai. Der Pforte nahestehende Kreise erklären, bei den gegenwärtigen Verhandlungen über die Festlegung eines definitiven Regimes für Kreta vertrete die Pforte den Standpunkt, daß die Türkei der Ernennung jeder Persönlichkeit, selbst eines Kretensers, zum Chef der autonomen Verwaltung Kretas zustimmen könne, aber niemals der Ernennung eines Griechen aus dem Königreich. Uebrigens rechnet man in den Kreisen der Pforte nicht auf einen baldigen Abschluß der Verhandlungen.

21 us Stadt und Land.

Gießen, 27. Mai 1910.

** Theologische Konferenz. Wie alljährlich am Donnerstag nach Trinitatis tagte auch in diesem Jahre die Gießener Theologische Konferenz im Neuen Saalbau (Steins Garten), v. E m i l K n o d t, Direktor des Predigerseminars in Herborn, referierte über _,,Tic Bedeutung des Calvinis- mus für die protestantische Welt im Lichte der neuen For­schung." Sodann hielt Dr. Karl Scho ell, Professor am Predigerseminar in Friedberg, einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über:Tie Unterscheidung zwischen Glauben und Theologie in ihrer pragischen Anwendung und Bedeutung". An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Be­sprechung. Tie von Professor Dr. Krüger- Gießen geleitete Versammlung war von Geistlichen aus Ober- und Nieder­hessen, aus Nassau und Frankfurt gut besucht.

Das Blatt schließt:

Der GrirndLedanke all dieser Bestrebungen, durch die dem Volke gesunde und preiswerte Wohnungen verschafft und die fluktuierenden Massen wieder bodenständig gemacht und mit dem heimischen Boden enger verknüpft werden sollen, ist entschieden ein lobenswerter. Die Freude am eigenen Heim, die Sorge für - v - - c,..r -, . < '«v-r

ein eigenes Stückchen Erde und sei es noch so klein*baijxn lautend verkündet, daß die Beschwerde für begrün

Giehener Anzeiger

G§nera!-Mzeiger für Gderhesftn

* Die Unterhaltungkosten der Kreisstraßen im Kreise Gießen haben nach dem Verwaltunasbericht des Kreisausschuffcs für das Jahr 1908/09 195 745,19 Mk. er- fordert. Der Staat hat dazu 67 120 Mk., die Provinz und der Kreis je 58 180,56 Mk. beigetragen. Für den Neu­bau der Kreisstraße GarbenteichLich wurden 73 017,33 Mk. ausgegeben. Zu diesen Kosten gab der Staat 25 635,65 Mk., die Provinz 17 725,11 Mk., die Gemeinden Lich 7571,68 Mk., Garbenteich 7571,68 Mk. und die Fürstlich Solms-Lichsche Rentkammer 1250 Mk., sodaß der Kreis noch 17 725,11 Mk. zu decken hatte.

** Neubau der Kreis st ruße GießenWiß­mar. Seit Jahren wurde besonders in der schlechten Jahreszeit über die Beschaffenheit der Straße nach Wißmar geklagt. Der Teil, der sich vom Viadukt der Main-Weser- oahn neben dem Bahnkörper hinzieht, war zeitweise in einem Zustand, der eher einem Schlammbad als einer Kreis­straße glich. Man ließ daran nichts bessern, weil dieses Straßenstück verlegt werden sollte. Zwei schnell fahrende Fuhrwerke konnten nur mit Gefahr sich unmittelbar am Viadukt begegnen. Für Automobile, die glücklicherweise hier selten verkehren, ist die Straße mit ihrer hier kurzen Klurve eine reine Falle. Um diesen liebelstand zu be­seitigen, hat man bei der Feldbereinigung eine neue Straßenführung vorgesehen und im vergangenen Jahre diesen Weg zum Ausbau bereits freigelegü Im Voran­schlag 1906/07 der Kreisrechnung war diese 860 Meter lange Straßenstrecke bereits in Aussicht genommen. An Kosten sind dafür erforderlich 12 000 Mark, wovon der Staat 4500 Mark, die Provinz und der Kreis je 3750 Mark zu übernehmen haben. Die recht notwendige Straßenver­legung soll im laufenden Rechnungsjahr hergestellt werden.

" Oberhcssifche Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Am Mittwoch den 1. Juni wird eine wissen­schaftliche Sitzung stattfinden. Prof. Dr. Garten wird im Hörsaale des physiologischen Institutes einen Vortrag über elektrische Fische halten. Vorher soll eine Besprechung über den geplanten SommerauSflug stattsinden.

**DerfortschrittlichepolitischeBildungs- v er ein nimmt, wie er uns schreibt, nach zweimonatiger Pause nächsten Mittwoch, 1. Juni, im Hotel Schütz seine Tätigkeit wieder auf. Als Redner ist ein Gesinnungsgenosse aus Marburg gewonnen, wo er im akäd. Freibund eine her vorragende Rolle spielt. Cand. Hans Maier ist trotz seiner Jugend eine schätzenswerte Kraft. Das beweist die Tatsache, daß ihm vom Nationalverein für das liberale Deutschland während der Osterferien die Leitung eines poli­tischen Kurses in Frankfurt übertragen wurde. Da die Mitgliederzahl des fortschr. polit. Bildungsvererns während des Winters das erste Hundert beträchtlich überschritten hat, l'o ist hoffentlich der Besuch der Versammlung recht gut und die Aussprache lebhaft und fördernd. Auch Gaste sind, wie immer, herzlich willkommen.

** Arbeits-Jubiläen. Nachdem vor 14 Tagen der Taglöhner Wilhelm Bepling aus Heuchelheim sein 25jähriges Jubiläum im Dienste der Firma H. Schaffstaedt G. m. b. H. begehen konnte, kann heute wiederum über ein derartiges erfreuliches Ereignis in dieser Fabrik berichtet werden. Heute sind es 25 Jahre, daß der Metalldreher Karl Müller aus Kleinlinden ununterbrochen bei Schaffstaedt tätig ift. Wie bei früheren ähnlichen Gelegenheiten wurden auch diesmal wieder die Jubilars von der Firma, den Beamten und den Arbeitern aus diesem Anlaß durch Glück­wünsche erfreut und mit Geschenken reich bedacht.

= Klein-Linden, 26. Mai. Der Kaninchen- und Geflügelzuchtverein hält am 7. August eine Lokalau Sstellung ab. Auch ist dem Verein die Bundes- Ausstellung 1911 des Dritteldeutschen Kaninchenzüchter- Verbandes übertragen worden.

. ----Bersrod, 25. Mai. Der Kriegerverein ist nun wieder im Zunehmen begriffen. Die Zahl der Mit­glieder ist innerhalb zweier Jahre von 20 auf 33 gestiegen. 91m nächsten Sonntag, 29. Mai, hält der Verein ein Preis- scheibenschießen ab. Es werden ungefähr für 35 Mk. Prei'e verteilt.

Setzung der Stadtverordneten.

Giesen, 26. Mai.

Anwesend sind: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Keller, Heyliqenstaedt; die Slaotvcrordnelen: Brück, Dr. Ebel, Eichenauer, Emmelius, Faber, Habenicht, Dr. Haberkorn, Heichel­heim, Helirich, Helm, Jann, Jughardt, Leib, Löber, Orbig, Petri, Plank,' Schaffstaedt, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenaner und Winn.

Baugefuche,

Ein Baugesuch von Hermann H o sm a nn bei der Veterinär­klinik mar früher ltbgelehnt worden, weil nur ein einstöckiges Gebäude errichtet werden sollte. Es wurde in abgeönderter Form eingereicht, durch die sich ein besseres Bild ergibt. Das Gesuch wird nunmehr befürwortet. 1

Albert Rahnefeld will an seinem .Haufe die Durchfahrt überbauen, um ein Zimmer nnb eine Küche zu gewinnen. Da in feuerpolizeilicher Hinsicht keine Bedenken bestehen, wird der erbetene Dispens befürwortet.

Befürwortung findet weiter ein Gesuch von Dr. P l o ch, der seine Hofreite Asterweg 34 anders einfriedigen will

Zwei Baugesuche von Paul Eim für den Wetzlarer Weg, um deren Beschleunigung gebeten wurde, gehen an die Bau- Deputation, da mehrfache Dispense erforderlich sind.

Neubau der Oberrealschule.

Wie der Vorsitzende ausführt, hatte die Versammlung schon vor längerer Zeit beschlossen, im Anschluß an das vor­handene Gebäude für Phvsik und Chemie ein neues Schulgebäude für die Ausnahme der Oberrealschule zu errichten, do das fetzige Gebäude sich für das Realgymnasium und die Oberrealschule als zu klein erwiesen bat. Man Hal aber dieses Projekt wieder aufgegeben, da man damit der wachsenden Raumnot auf die Dauer nicht abhelfen konnte. Es wurde dann beschlossen, auf dem jetzt städtischen ehemaligen Aktienbrauereigelände., für die Oberrealschule ein neues Gebäude zu bauen, das 600 000 Mark kosten sollte. Als dann die alte Klinik in den Besitz der Stadt überging, wurden Erhebungen angestellt, wie hoch sich ihre Ein­richtung für die Zwecke der Oberrealschule stellen würde. Man kam einschließlich des Kaufpreises von 250 000 Mark auf die Summe von 610000 Mark. Um womöglich billiger zu dem neuen Schulgebäude zu gelangen und weil es vorteillmst ist, Realgymnasium und Oberrealschule zusammen zu lassen, kam man auf die ursprüngliche Absicht zurück. Ein neu ausgearbeiteter Plan sieht unter Erwerbung des Grundstückes von Geilsuß an der Stephanstraße die Errichtung des Oberrealschulgebäudes mit allen erforderlichen Nebengebäuden für die Summe von 500 000 Mark vor. Das Realgymnasium und die gemeinsame Vorschule blieben in dem jetzigen Gebäude und es wäre dann soviel Raum vorhanden, daß alle Klassen doppelt sein könnten. Gey. Schulrat Dr. Rausch, die Schuldeputation, die Finanzkommission und die Baudeputation sind mit diesem Plane einverstanden.

Nack längerer Besprechung, an der die Stadtvv. Heichel­heim (der mit Rücksicht auf die raschere Verwertung des dortigen städtischen Geländebesitzes das Projekt für das Aktienbrauerei­gelände vorgezogen hätte), Dr. Ebel, Eichenauer, Petri, Wallenfels, Jann, Schaffstaedt und W i n n (der ein­fache Bauausführung wünscht) teil nehmen, wird dem Vorschlag der Bürgermeisterei einmütig zugestimmt.

Städtische Arbeiten und Lieferungen.

Forstwart Arft hat darum ersucht, daß der Waschkessel aus der Küche in den Stall verlegt werde. Dies würde 200 Mk. erfordern und wird abgelehnt, weil als Grund für das Gesuch nur angegeben wird, daß die Küche für den WirtschaftsbetrieA zu klein fei.

Stadtv. Troß sprach sich für das Gesuch aus mit der Be­gründung, daß eine Waschküche bis jetzt nicht vorhanden sei und eine solche doch eigentlich zu jedem Haus gehöre.

Für das Schlachthaus ist die Anschaffung eines Laufkranens und eines Aufzuges erforderlich. Der freihändigen Vergebung der Lieferung an die Maschinenfabrik Wiesbaden wird zugestimmt. Kosten rund 1600 Mark.

Straßen- und Grundstücksankelegenheiten.

Der Vorsitzende teilt mit, daß bis jetzt bei den Aus­schreibungen für die diesjährigen Straßenherstellungen gegen den Voranschlag 17 360 Mark gespart worden icicir Es könnten daher einige weitere Straßen (Wetzsteingasse, 2 ch I o ß g a s f c und Katharine n g a s s e) noch in diesem Jahre hergestellt werden, wofür 14 250 Mark cmfzuwenden seien. Für diese Straßen, wie auch für die W o l k e n g a s s e, L ö w c n g a s f e und Brau b- gaffe werde Vulkanol vorgeschlagen, das zwar teurer als Guß­asphalt fei, aber auch haltbarer und angenehmer. Voranschlags­mäßig würden diese Straßen 22 120 Mart tosten, bei Herstellung in Gußasphalt 17 645 Mark und bei Vulkanol 20 815 Mark. Die Wetzsteinstraße soll Kleinplaster erhalten.

Die Versammlung ist damit einverstanden, ebenso mit der Herstellung der Fortsetzung des Weges vom Rampenabschlußbau nach der Friedrichstraße, die 400 Mark erfordern wird.

Die W i e s e ck b ö s ch u n g in der Alieestraße zwischen Frank­furter Straße und Bahnhofstraße, für die ein neues Gitter.

politifcbe Lngessctzau.

Die Eartenstadtbewegung.

In der Allgemeinen Städtebau ausstellung hielt am Mittwoch abend Geheimer Regierungsrat M u t h e s i u s einen fesselnden Vortrag über das ThemaDie Garten-- stadtbewegung". Der Vortragende führte nach dem B. T. folgendes aus:

Der NameGartenstadt" gehört zu jenen Worten, die schon durch ihren Klang einen Zauber auf uns ausüben. Das unserer Zeit eigentümliche Sehnen nach der Natur und nach besseren Wohnungsverhältnissen drückt sich in ihnen aus. Der Gedanke der Gartenstadt ist in England ent­standen, wo die Entwicklung der Wohnkultur ihm zunächst einen günstigeren Boden bereitet hatte als in Deutschland. Er verdankt seine Entstehung einem Buche von Ebenezer HowardGarden-cities of to morroto",, in dem der Ver­fasser überzeugend darlegte, daß vernünftige Wohnverhält­nisse für die weniger bemittelten Klassen nur auf zwei Grundlagen geschaffen werden könnten: einer gesunden Bodenreform und einer planmäßigen, allen Verkehrs­und Betriebsverhältnissen Rechnung tragenden Anlage. Das Problem der Gartenstadt ist also gleichzeitig eine boden- reformatorische und eine städtebauliche Frage.

Howards Buch wirkte in England so stark, daß sich bald eine Gesellschaft bildete, die dessen Ideen durchzusühren begann. Es entstand die Gartenstadt Letchworth, die heute bereits eine ansehnliche Ausdehnung gewonnen hat. Weitere Gartenstädte, so vor allem 'die Gartenstadt H a m fi­ste ad bei London, sind im raschen Aufblühen begriffen. Die anmutigen Anlagen verfehlen nicht, auf den in Eng­land Reisenden ihren bestrickenden Reiz auszuüben. Be­sonders überraschen die innige Verbindung zwischen Natur und Menschenwerk und die gute Architektur der Häuser. Diese war allerdings nur möglich infolge der jahrzehntelangen Tradition ün guten Hausbau, durch den sich England von anderen Ländern unterscheidet. Schon vor Gründung der Gartenstädte waren reizende Arbeiterhauskolonien in Port Sunlight und Bournville entstanden, die durch ihr Betanntwerden in Deutschland auch unfern Kleinhausbau aufs glücklichste beeinflußt haben.

Den Gedanken der Gartenstadt in Deutschland zu verbreiten, hat sich vor allem die Deutsche Gartenstadt- gesellschafi zur Aufgabe gemacht, die durch literarische Pro­paganda in der eindringlichsten Weise für sie eintritt An vielen Orten Deutschlands regt es sich auch bereits, die Ge- danlen in die Wirklichkeit umzusetzen. Das hervorragendste, besonders in Bezug auf Organisation, musterhafte Beispiel ist die Gartenstadt Hellerau bei Dresden, die sowohl die städtebaulich en Anforderungen als die einer gesunden, auf Gemeinnützigkeit begründeten Bodenpolitik aufs beste er­füllt. Zu unterscheiden von den wirklichen Gartenstädten sind die willkürlichen Bezeichnungen dieser Art, die sich einzelne Terraingesellschaften aus Reklamezwecken zugelegt haben, Gesellschaften, die reine Erwerbszwecke verfolgen und bei denen, selbst angenommen, daß das städtebauliche und architektonische Prinzip einwandsrei zur Geltung käme, von Gemeinnützigkeitstendenzen keine Rede ist.

DieKl:euzzlg." beschäftigt sich in einem Leitartikel mit der Gartenstadtbewegung und schreibt, im Widerspruch zu der obigen Darlegung:

Tee Gedanke der Gartcnstadtbewegung i|t zuerst inDeutlch - land aufgetaucht. Ter bekannte Buchhändler Theodor Fritsch,m Leipzig sprach ihn 1896 in feiner SchriftDie Stadt der Zukunft" zuerst aus. Prakttsche Folgen zeitigte dieser Schritt aber noch Nicht. Zwei Jahre später hat dann der Engländer Ebenezer Howard, unabhängig von Fritsch, Vorschläge zu einer Garten­stadt ginnachi, die alsbald in England in die Praxis übersetzt wurden. Erst als englische Fabrikanten der Bewegung durch Mststersiedeluugen wichtige Pionierdicnste geleistet hatten, sand sie in Deutschland und in andern Kulturländern Nachahmung. Daß sie zuerst in sCngtand zur Betätigung tarn, ist begreiflich, wenn inan sich vergegenwärtigt, daß die Verstadtlichung in Eng­land viel weiter vorgeschritten, war als in Deutschland."

-r. Lauterbach, 26. Mai. In der heutigen Sitzung des Kreisausschusses wurde das Urteil in der Re­klamation der evang. Kirch eng em eind e iu Herbstein, die sich gegen die Verwendung von Gemeinde­mitteln zu ausschließlich katholischen Kultzwecken wendet,

ftiebigung daheim hinaustreibt, in Wirtshäusern und Vereinen Zerstreuung zu suchen, und sie da zu einer leichten Beute einer demagogischen Agitation macht. Die Schaffung eines Geilt, Herz und Gemüt bescl-äftigenden, Zufriedenheit gebenden Heimes ist das beste Mittel, der einseitigen Ucberfi'itierung der Massen mit Politik aufreizenden Charakters vorzubeugen. Wie zur seelifchen, so trägt ein solches Heim auch zur körperlichen Regenerierung der Massen in den großen Städten bei. Die Ziele der Bewegung verdienen also durchaus Anerkennung. Es kommt nur daraus an, das; auch die Mittel und Wege, mit denen diese Ziele erstrebt werden, sich in Bahnen halten, die gegebenen Verhältnissen Rech­nung tragen und sich von utopischen Illusionen frei halten. Nur so werden wirklich ersprießliche Erfolge zu erreichen fein.