Nr. 172 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Dienstag 26. Juli 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzener Familienblätter" roerben dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheßen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Birch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen»
Das Tabaksteuergesetz und seine Folgen.
Heber die Folgen des Tabaksteuergesetzes vom vorigen Sommer gehen widersprechende Meldungen durch die Blätter. Die „Köln. Ztg." gibt über die Verhältnisse in der Tabakindustrie eine ausführliche Darlegung wieder, die ihr von sachkundiger Seite zugegangen ift Die Aus- sühritngen lauten im Auszuge wie folgt:
Nachdem in den Kalenderjahren 1898 bis 1902 die durchschnittliche Jahreseinfuhr unbearbeiteter Tabakblätter 580 000 dz getragen hatte, fand in dem folgenden Jahrfünft 1903/07 eine starke Steigerung auf durchschnittlich 660 000 dz statt. Diese Menge wurde vom Reichstag als maßgebend für die Einfuhr im Beharrungszu stände, wie er sich in der Folgezeit nach Inkrafttreten des Gesetzes ergeben wurde, angenommen. Daß die Erreichung der für den Beharrungszustand angenommenen vollen Einfuhr von 660 000 dz ausländischer Tabakblätter nicht schon für das Jahr 1910 wahrscheinlich war, konnte aus den durch ungewöhnliche Erscheinungen gezeitigten hohen Einfuhrmengen der beiden Jahre 1908 und 1909 erkannt werden, in denen eine Einfuhr von insgesamt 1 510 000 dz stattgefunden hatte und somit eine über das Normalmaß hinausgehende Menge von 190 000 dz der Fabrikation zur Verfügung gestellt worden war. Inwieweit die Mehreinfuhr von 190 000 dz von der im Jahre 1908 und ganz besonders im Sommer 1909 ungewöhnlich lebhaft arbeitenden Fabrikation ausgenommen wurde, inwieweit sie nur den spekulativen Vorversorgungen vieler Fabrikanten diente, die auf ein Ausbleiben der Nachverzollung des Rohtabaks gerechnet hatten, bleibt hierbei ohne Bedeutung. Jedenfalls mußte die das Normalmaß um 190 000 dz übersteigende Mehr einfuhr der Jahre 1908 und 1909 entsprechend die Einfuhr des Jahres 1910 herabdrücken. Auch die Schwankungen der Jahresmengen des in Deutschland geernteten Tabaks können für die vorliegende Berechnung außer Betracht bleiben, nachdem das ungefähre Gleichbleiben des aus dem deutschen Tabak jährlich gewonnenen Steueraufkommens auch ein ungefähres Gleichbleiben der tatsächlich jährlich zur Verarbeitung gelangenden Mengen deutschen Tabaks für die letzten Jahre deutlich gemacht hat.
Nach den vorstehenden Ausführungen wäre ein Sinken der für den Beharrungszustand erwarteten vollen Einfuhrmenae von 660 000 dz um die vorangegangene Mehreinfuhr von 190 000 dz auf etwa 470000 dz im Jahre 1910 nur als die natürttcho Folgeerscheinung vorangegangener Ueberspannungen der Handelsund Fabrikationstätigkeit anzusehen gewesen. Da sich indessen auf Grund der Handelsstatistik für das Kalenderjahr 1910, anstatt der wahrscheinlich gewesenen Einfuhrmenge von nur etwa 470 000 dz, bereits eine Einfuhrmenge von etwa 620 000 dz erwarten läßt, so kann erfreulicherweise kein Zweifel mehr bestehen, daß dank der Aufnahmefähigkeit des deutschen Konsums der nach den Vorversorgungen (sowohl mit Fabrikaten wie mit Rohtabay unausbleiblich gewordene natürlicheRückschlag auchnicht nn entferntesten den Umfang angenommen hat, der nach der Maßlosigkeit der vor Inkrafttreten' des Tabak st euergesetzes gemachten Bestellungen zu befürchten stand.
Was das Maß der Vorversorgungen mit genußfertigen Tabakserzeugnissen anbetrifft, die von den Händlern und dem Publikum beim Inkrafttreten des Tabaksteuergesetzes vorgenommen wurden, so wurde es nicht richtig^ sein, hierbei nur die angespannte Fabrikationstätigkeit im Sommer 1909 ins Auge zu f assen. Mit wie zahlreichen Ueberstunden und wie umfassender Ein-, stellung aller nur erlangbaren geeigneten Arbeitskräfte auch von den meisten Zigarrenfabriken in dieser Zeit gearbeitet wurde, so würden doch allein hierdurch noch nicht die großen Bestände der zum alten Steuersatz hergestellten Tabakerzeugnisse zu erklären fein, die noch viele Monate hindurch bei Händlern und Konsumenten vorhanden waren, zum Teil noch heute zu finden sind.. Die lange Zurückhaltung der Händler gegenüber den Fabrikanten, die seit dem Inkrafttreten des Tabaksteuergesetzes beobachtet wurde, erklärt sich vielmehr in zwangloser Weise daraus, daß am 15 August 1909 die Fabrikation neben den während der letzten zwei Monate in großen Massen neu hergestellten Erzeugnissen auch ihre alten Vorräte nahezu vollständig an die Händler ausverkauft hatte. Während die Fabrikanten bis dahin im allgemeinen stets über ein Lager von Fertigerzeugnissen verfügten, das ungefähr einer einen Zeitraum von drei Monaten umfassenden Produktion entsprach, waren diese Vorräte Eiserne Bestände) bei Inkrafttreten der Steuer- erhöhung in den Besitz der Händler übergegangen, die ihre Einkäufe in stürmischer, vielfach völlig wahlloser Weise besorgt batten, nachdem die schließliche Abstandnahme von einer Nachversteuerung inländischer Fabrikate unzweifelhaft geworden war. Neben diesen eine Produktion von drei Monaten darstellenden! Vorräten, um die sich plötzlich die Lager der Händler vermehrten, kommt ebenso des weiteren in Betracht, daß auch in gewöhnlichen Zeiten die Händler s e l b st wieder fortlaufend ein Lager (eisernen Bestand) unterhalten, das einem dreimonatigen Umsatz entspricht. Etwa, Um diese Zeit des Inkrafttretens der Steuer hatten demnach die Händler im allgemeinen ein Lager alter, d. h. von
dem neuen Steuersatz noch nicht betroffener, Waren für eine Konsumperiode von sechs Monaten am Lager. Rein rechnerisch ergibt sich also, daß, wenn die Fabrikanten sechs Monatelang nichts hergestellt und die Händler während dieses Zeitraums lediglich ihre Bestände ausverkauft haben würden, die in die Hände der Konsumenten gelangten Vorräte zur Deckung des üblichen Bedarfs vollauf gereicht hätten und selbst bei einem derartigen Stillstände der Fabrikation noch keinesfalls von einem R ü ck- gange des Konsums an Tabakerzeugnissen hätte gesprochen werden dürfen.
Daß in der Praxis Händler und Fabrikanten sich im Interesse der späteren Regelmäßigkeit des Betriebsfortganges nicht bis zu diesem äußersten Grade von allen Vorräten entblößen können, braucht kaum begründet zu werden. Indessen muß es nicht minder zweifellos erscheinen, daß bei den Händlern angesichts ihrer großen Vorräte billiger Waren keinerlei Neigung bestehen konnte. Versuche mit neu einzuführenden Sorten geringerer Qualität zum alten Preise oder gleichgebliebener Qualität zum höheren Preise anders als nur zögernd und zunächst mit möglichst kleinen Bestellungen zu machen. /
Um das Maß der in der Folge aufgetretenen Arbeitseinschränkungen zutreffend würdigen zu können, ist es nötig, daran zu erinnern, daß die Tabakindustrie an berufsgenossenschaftlich versicherte Arbeiter eine Jahreslohn summe von 10 6 Millionen Mark leistet, die man einschließlich des Lohnes an Nichtversicherte auf 120 Millionen Mark schätzen darf, Während nun auf der einen Seite die bis zum Inkrafttreten des Gesetzes aufs schärfste forcierte Fabrikation und die Ueberversorgung der Händler mit alten Vorräten Arbeitseinschränkungen zur unausbleiblichen und natürlichen Folge haben mußten, wurde die Neigung hierzu anerkanntermaßen noch dadurch gesteigert, daß sich infolge des die st a a t l i ch e Fürsorge für arbeitslose Tabakarbeiter begründenden Artikels Ila des Tabaksteuergesetzes der Arbeitgeber der moralischen'Pflicht enthoben sah, in der kritischen Zeit selbst für seine alten Arbeiter zu sorgen. Während die Sorge für die entlassenen Arbeiter aus Reichsmitteln zu geschehen hatte, war der,Arbeitgeber, der die Arbeiter entlassen hattcj, nicht verpflichtet, die Behörde Über die beabsichtigte Neueinstellung anderer Arbeiter zu unterrichten. Bei der in der Tabakindustrie jahraus jahrein obwaltenden Richtung, die Produktionsstätten aus Gegenden mit hohem Lohn in solche mit niedrigem Lohne zu verlegen, kam es so wiederholt vor, daß derselbe Arbeitgeber, der im Interesse erhöhter Rentabilität seines Unternehmens seine Fabrik verlegte und an dem neuen Standorte neue Arbeiter annahm, die aus der auf gegebenen Fabrikationsstätte entlassenen Arbeiter getrost der staatlichen Fürsorge überlassen konnte. So kam es zu Neueinstellungen von Arbeitern an dem einen Orte, während an einem anderen Orte unbeschäftigte Arbeiter aus Reichsmitteln zu unterhalten waren. Die Arbeits- l d s i g k e i t kam stets zur amtlichen Kenntnis, der Arbeitsbedarf nicht.
Mehrfach wurde auch berichtet, daß altgewohnte Bekämpfer einer Tabaksteuererhöhung die natürliche Absatzstockung nach dem 15. August mit demonstrativer Genugtuung dazu benutzten, um die von ihnen stets angekündigten Folgen einer Tabaksteuer durch Betriebseinschränkungen, die sie bei gleichen Absatzstockungen in gewöhnlichen Zeitläuften tinterlassen haben mürben, als besonders böse erscheinen zu lassen. Die Aufzehrung der vom Reichstag bewilligten Unterstützungsgelder war unter diesen Umständen unausbleiblich.
Eine neue, wenn auch unbefangenen Fachmännern nicht unerwartet gekommene Beleuchtung erfahren die maßlosen lieber- treibungen verschiedener Berichte, die seit Jahren auf die öffentliche Meinung erregend einnnrfen, durch den nunmehr ausgegebenen Verwaltungsbericht der Tabakberufsgenossenschaft für das Jahr 1909, dessen letzte 41/2 Monate bereits unter der Herrschaft be£ neuen Steuergesetzes standen. Danach hat die Zahl der bei der Tabakberufsgenossenschaft versicherungs- pflicktigen Personen (Vollarbeiter zu 300 Arbeitstagen) im Jahre 1909 um noch nicht 0,7 Prozent abgenommen; von 171126 auf 169 954 Personen, >also um 1130 Personen. Erfahrungsgemäß kann ein prozentual derartig niedriger Rückgang im Tabakgewerbe ebenso wie in andern Industrien eintreten und ist auch bei frühem Gelegenheiten schon eingetreten, ohne daß ein Anschwellen der Arbeiter zahl vor dem Rückgang stattgefunden hat. In dem vorliegenden Fall erscheint der Rückgang um 1130 Personen in seiner Geringfügigkeit besonders erstaunlich, weil die beiden Vorjahre 1907 und 1908 eine Neuei n st e l l u ri g von 19 000 versicherungspflichtigen Vollarbeitern aufwiesen und damit eine Vermehrung der Arbeiterzahl gebracht hatten, die größer war als die während der vorangegangenen 9 Jahre insgesamt.
Nicht minder erfreulich ist das Bild, das man von der Kraft des Tabakgewerbes gewinnt, wenn man die in dem Verwaltungsberichte der Berufsgenossenschaft erschienene Lohnstatistik für das Jahr 1909 mit der für das Jahr 1908 vergleicht. Der an versicherte Arbeiter gezahlte Lohn betrug 105 984 467 Mk. im Jahr 1908 und 105 948 937 Mk. im Jahr 1909. Unter diesen Umständen verlieren die von der Berufsgenossenschaft dem Tabakvereine zur Verfügung gestellten Ziffern,, aus denen nach Mitteilung des letztem ein Rückgang der in den letzten 4 Monaten des Jahres 1909 gezahlten Lohnfumme gegenüber der in einem normalen Jahresdrittel gezahlten Lohnsumme hervorgeht, die ihnen hier und da zugeschriebene Bedeutung.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß empfindliche Konsumrückgänge und umfangreiche Arbeiterentlassungen von dauernder Wirkung nur dann in Frage kommen konnten, wenn das Genuß- mittel der breiten Massen, die billige Zigarre, durch einen einheitlichen Gewichtszoll für Hoch- und geringwertigen Zigarrentabak so stark getroffen worden wäre, wie die seine Zigarre. Das hat der Wertzoll vermieden, und wenn von denjenigen, die den Gewichtszoll wollten und durch seine Einführung einen etwaigen Konsumrückgang erst verschuldet haben würden, die von ihnen gewollte Höherbesteuenmg des Tabaks lediglich deshalb absprechend beurteilt wird, weil ihnen die gewählte Steuerform trotz ihrer die Fabrikation und den Konsum mehr schonenden Belastung nicht paßt, so muß bem entgegengetreten werden; es gibt feine sozialere Reform einer Genußmittelsteuer als die nach dem Werte.
lieber den finanziellen Erfolg der Tabaksteuer sind verschiedentlich irrtümliche Auffassungen zutage getreten. Die schließliche Gestaltung der vorjährigen Steuerreform war darauf gerichtet, aus den Abgaben von Tabak einschließlich der Zigarettensteuer eine über den Ertrag des Jahres 1907 hinausgehende Mehrein- nahme von 43 Millionen Mk. zu erzielen. Nach Ausweis der bisher vorliegenden Statistik ist anzunehmen, daß das künftige Steueraufkommen nicht hinter diesem Betrage zurückbleiben wird.
Lin Babelsberger Stenographentag.
* Stuttgart, 24. Juli.
Der 9. Deutsche, unter dem Protektorat König Wilhelm II. von.Württemberg stehende Stenographentag Gabelsberger, der in der Zeit vom 23. bis 27. Juli hier abgehalten wird und an bem; sich über 3000 Personen aus ganz Deutschlanb, Oesterreich und ber Schweiz beteiligen, begann gestern im Festsaal ber Lieber- Halle mit einem Empfangsabenb. Baurat Hofacker- Stuttgart begrüßte die Riesenversammlung namens des Verbanbes Würt- tembergischer Stenographen, System Gabelsberger, worauf ber Bundesvorsitzende Prof. Pfaff seiner lebhaften Genugtuung über die Feier Ausdruck gab, die in der stenographischen Welt ihres-, gleichen noch nicht gehabt habe. Eisenbahnsekretär Leu e-Braunschweig übergab das Bundesbanner dem Vorsitzenden des Württem- bergischen Verbandes und die Damen der Stuttgarter und Cann- ftatter Vereine schmückten es mit einem Fahnenband. Der Vor- fitzende des Bayerischen Landesverbandes, Rechtsanwalt Bäcker- München, brachte ein dreifaches Hoch auf den Bundesvorsitzendern aus, der nachmittags in der 20. Hauptversammlung des Bayerischen Landesverbandes zu dessen Ehrenbeirat gewählt worden war.
Der Sonntag begann mit Wettschreiben in 8 verschiedenen Schulgebäuden. Die Teilnehmer, deren Zahl sich auf über 2000 belief, waren nach VolksstämMen in 7 Gruppen geschieden. Die Diktatdauer betrug 5 Minuten. Hiervon wurden 3 nach dem Diktat zur Uebertragung bestimmt.^ Geschrieben wurde in Geschwindigkeitsstufen von 120 bis 360 Silben.
L Um 12 Uhr fand bann unter ungeheurer Beteiligung im Fest- faal ber Lieberhalle bie Eröffnungsversammlung statt.. Orgelklang und ein Gesangschor leiteten bie Feier ein, bie von Prof. Pfaff mit einer Begrüßungsansprache eröffnet wurde., Oberstudienrat '3>r. Haas hieß im Namen ber Staatsregierung, bie Anwesenden herzlich willkommen. Nach den befriedigenben Ergebnissen ber Konferenz von Regierungsvertretern, bie im vorigen Monat in Berlin versammelt gewesen seien, bürfe man hoffen, baß diese äußerst wichtige unb erstrebenswerte Einigung diesmal erreicht werde. Oberschuldirektor Dr. Gaster-Antwerpen hielt den Feftvortrag über die Einheitsstenographie. Er stellte als Ergebnis der zur (Erörterung dieser Frage vor kurzem in Berlin zusammengetretenen Konferenz von Vertretern der Bundesstaaten ünd Oesterreichs den Willen der Regierungen fest, die Schaffung einer deutschen Einheitsstenographie kräftig zu unterstützen. Die Gabels- bergersche Schule sei zu Opfern bereit. Würden die einzelnen Stenographieschulen sich nicht gutwillig einigen, bann könne folge-, richtig nur an bas Gabelsbergersche System, das am weitesten verbreitet, von 8 beutschen Bundesstaaten, sowie Oesterreich bereits amtlich eingeführt und allein zugelassen sei, als Einheitssteno- graphie gedacht werden. Die geniale Schöpfung Gabelsbergersl werbe auf alle Fälle in der Einheitsstenographie weiterleben. Zum Schluß würbe dem Bunbesvorsitzenden unter Anerkennung feiner Verdienste von Eisenbahnsekretär Leue-Braunschweig im Namen des Bundes eine wertvolle silberne Reproduktion des Gabelsberger Denkmals in München überreicht.
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Ein Studentenstreich Ganghosers.
In den „Süddeutschen Monatsheften" erzählt Ludwig Ganghofer mit gutem Humor im „Buch der Jugend" seine Lebenserinnerungen. «Als Student am Polytechnikum in München vollbrachte er nächtliche Taten. Er schreibt:
„Mit harmlosen Studentennarreteien fing es an. Sie wären schockweis zu erzählen. Ein paar Pröbchen nur.
Der Monumentalbrunnen vor der Universität war in sommerlichen Nächten meine Badewanne. Wenn ich spät vom Hofbräuhauskeller heimkehrte ober mit den Eltern im „Grünen Baum" an der Isar gewesen war und noch das Ver- ! langen nach Erfrischung fühlte, zog ich mich in der Schattendeckung der Universitätsfontaine aus und plumpste ins Bassin, pritschelte und plätscherte, gurgelte und spritzte, spielte „Wassermann", machte die späten Wanderer lachen unb jagte einsam heimzappelnden Frouenzimmerchen einen panischen Schrecken ein.
Auf dem öden Platze war in ber Dunkelheit nie ein Gendarm zu sehen. Einmal, als ich babete, tarn aber dennoch einer. Er war sehr empört über bie „Unfläterei", wie er mein Bedürfnis nach Reinlichkeit unb Erquickung nannte. Im Nu hatte er meine Kleider unter dem rechten Arm, meine Stiefel in der linken Hand, retirierte aus dem Spritzbereich der Brandung, die ich im Bassin verursachte, fühlte sich als der Stärkere und sprach : „So! Genga S' außi da!" >
„Ich mag nicht."
„Im Namen des Gesetzes! Auf der Stöll genga S außi!"
„Ich mag nicht."
„Guat! Da nimm i halt 's Gwand mit auf d' Wach!"
„Sie werden öffentliches Aergernis erregen, wenn Sie mich zwingen, nackt durch die Stadt zu laufen."
„Herrgottsakra!" Ratlos stand er ein Weilchen im Dunkel ber Nacht.
Weil mir meine Situation ein bißchen bedrohlich erschien, verlegte ich mich aufs Parlamentieren. „Wenn Sie meine Kleider wieder hinlegen und auf die Seite gehen, steig ich heraus unb ziehe mich ruhig an!"
„Also! Meinetwegen!" Er legte die Kleider auf die' Stein- ftufen des Brunnens hin und trat ein paar Schritte zurück.
„Ja, so geht das nicht! Ich kann doch nicht putzelnacket vor einem wildfremden Menschen aus dem Wasser steigen!"
„Was? Schamgfühl wollen S' aa no haben? Sö narreter Saubartl! Hätten S' Eahna net auszogen!"
„Ich werde jetzt nicht über die Qualität meines Schamgefühls mit Ihnen streiten. Aber wenn Sie nicht auf die andere Seite des Brunnens binübergehen, bleib ich im Wasser . . . meinetwegen, bis es Tag wird." Weil er sich weder vom Fleck rührte, noch Antwort gab, fügte ich bei: „Sie brauchen nur solange da drüben zu bleiben, bis ich das Hemd anhabe. Dann geniere ich mich nimmer."
Dieser Vorschlag schien ihm akzeptabel. Er dachte wohl: bis ich in Hose und Stiefel käme, hätte er mich schon. Marschi-ertü also im Bogen um den Brunnen herum — und als er drüben war, sprang ich aus dem 'Wasser, haschte das Bündel meiner Kleiden unter den linken Arm, packte mit der rechten Hand meinen Hut unb meine Stiefel und rannte mit den Sprüngen eines Marathonläufers gegen ba§ Siegestor. Der Gendarm unter Flüchen unb Keuchen hinter mir her. Im Schatten bes monumentalen Tores schlug ich einen Haken in die nahen Stauden unb war gerettet* Denn ber Platz, auf_ dem heute bie Akademie der Künste steht, war bamals noch wüste Heide mit allerlei Gebüsch.
Das Baden im Universitätsbrunnen unterließ ich für längere Zeit. So beschneibet uns die Zivilisation alle kleinen, harmlosen Freuden des Lebens."
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— Rückkehr der arktischen Zeppelin-Bor- expedition. Früher, als ursprünglich geplant war, wird die Vorexpedition Zeppelins wieder nach Tronrsö zurückkehren, voraussichtlich, weil die Eis Verhältnisse an der grönländischen Küste zurzeit besonders schwierige sind. Aus Trornsä wird gemeldet: Die Leitung der arktischen Zeppelin-Expedition beabsichttgt, schon zwischen dem 10. und 20. August wieder in Tromsö einzutreffen. Die in Aussicht genommene Reise nach dem Eise unter der Küste Grönlands isst aufgegeben, um1 nicht die Expedition und den
Dampfer „Mainz" unnöKgen Gefahren und Beschädigungen^ auszusetzen.
— Otto Emst unb Turgenjew. Vor einiger Zeit wies im „Lit. Echo" Fr. R e n b I e auf gewisse Uebereinstim- mungen zwischen Turgenjews Roman „Väter unb Söhne" unb Otto Ernsts Komöbie „Jugenb von heute" hin. Otto Ernst nimmt nun im 2. Juliheft ber genannten Zeitschrift zu Rendles. Ausführungen Stellung, inbem er ähnliche Parallelen aus' bet; Weltliteratur heranzieht: Daß berglejchen lle6erctnftimmungenr auch ohne fremden Einfluß zustande kommen könnten, geht u. a. daraus hervor, daß der erste Akt seines Trauerspiels „'Die größte Sünde" nach bem Urteil verschiedener Personen eine überraschende Aehnlichkeit mit bem ersten Akte von Sardous „Daniel Rochat" zeige, obwohl ihm bvch bieses Sardousche Drama völlig unbekannt, sei. „Von biesem Drama," so schreibt der Dichter, „kenne ich. noch heute nichts als den Titel. Und der Turgenjewsche Roman war 1898, als ich die „Jugend von heute" schrieb, in mein.-am1 Gedächtnis vollständig untergetaucht. Mein Goßler, Wolf und Hermann kamen nicht über Bakunin unb Büchner, den sie tief verachteten, sondern über Nietzsche, unb sie und ihre Umgebung hatten fast vollzählig mit mir an demselben Biertische gesessen^ Daft die eine ober anbere Reminiszenz aus der Lektüre unbewußt wirksam gewesen wäre, ist ja natürlich trotzdem möglich, aber nicht nottoenbig; denn daß ftubierenbe Söhne junge Leute und. junge Ideen ins elterliche Haus bringen, ist keine frappierende, Phantasieleistung, sondern ein Erlebnis, das man alle Tage machen kann, wie ich es selbst gemacht habe. Aehnlichkeiten, wie bie von Herrn Renble angeführten — die überdies zum Teil auf schiefer Interpretation beruhen — lassen sich zwischen Hunderten, unt nicht zu sagen Tausenden von Literatunverken nackyveisen; es gibt Schulmeister, die Aufsätze über solche Aehnlichkeiten zwischen Werken ber klassischen Literatur als Sport betreiben. Fuldas „Talisman", Hauptmanns „Schluck und Jau" unb „Versunkene Glocke" — um nur zu nennen, was mir im ersten Augenblicks emfällt — weisen Piel weseEchere Ucberemftimmungen mit Dramen unb Märchen der Weltliteratur auf, ganz zu schweigen von schiller, ber aus dem Klosterdrama seine „Räuber" piAdjtg/'
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