Ausgabe 
24.4.1910 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Herr Dr. Becker-Sprendlingen nach Mitteilung cheSvorsitz enden Dr. o. Helmott-Friedberg sich zur

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den sei. Ta

Vie geschichtliche wiritichleil Jesu.

Von Dr. Oskar Holtzmann,*) a. o. Prozessor der Theologie an der Universität Gießen.

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chnen gegenüber ausrusen: ,Mener des Messias? Ich bin es noch mehr!"

Aber mm das Seltsamste. Diese erste urkundlich sicher be­zeugte christliche Persönlichkeit hebt auf das stärkste hervor, daß sie hinsichtlich ihres Evangeliums von früheren Lhristen nichts gelernt haben. In breitester Weise handeln davon die zwei ersten Kapitel des Briefes nach Galatien. Vor seiner Bekehrung hat Paulus die Christen verfolgt; nach seiner Bekehrung fragte er nicht nach Fleisch und Blut und ging nicht etwa zu den srüheren Aposteln nach Jerusalem; erst drei Jahre später hat er Petrus in kurzem, vierzehntägigem Besuch kennen gelernt und dabei auch den Bruder Je,u, Jatoous, gesehen, sonst leinen Apostel; später und zwar 14 Jahre später kam er wieder zu wichtiger Ver­handlung nach Jerusalem: da traf er drei, in der dortigen Ge­meinde angesehene, als ihre Gruirdpfeiler geschätzte Männer das waren Jakobus, Petrus und Johannes; mit denen einigte er sich, ohne von ihnen neue Aufschlüsse zu erhalten; und wieder später ist es in Antiochia in Syrien zwischen ihm und Petrus . zu einem kräftigen Zusammenstoß vor den Augen der ganzen Gerneiiwe gekommen, weil er an der Haltung des Petrus meinte Anstoß nehmen zu müssen. Bei dieser Selbständigkeit des Paulus ist siä>er die Frage berechtigt, ob nun seine scheinbar wildgewachscnc Religion mit der urchristlichen Religion,, die ja wohl auf Jesus zurückgeht, noch etwas mehr als den bloßen Namen gemein hat. Das Christentum des Paulus können wir aus seinen Briesen erkennen. Wo schöpfen wir aber zuverlässige stunde, über die Religion der urchristlichen Gemeinde und über Jesus selbst?

Der Eindruck verdüstert sich noch, wenn wir uns klar machen, daß in den genannten echten paulinischen Briefen mit genau 60 Kapiteln nicht mehr als vier Worte Jesu ausdrücklich ange­führt werden. Paulus beruft sich auf ein merkwürdig phan­tastisches Wort Jesu, in welchem Jesu die letzte Ankunft des Messias und die Bereinigung seiner Gemeinde mit ihm ganz in den Farben jüdischer Prophetie geschildert hat; er beruft sich ein ander Mal auf das Verbot der Ehescheidung durch Jesus; er beruii sich auf eine besondere Weisung, die Jesus seinen Mmionaren mitgab; er beruft sich endlich auf geheimnisvolle Worte, die^esus in der Nacht, da er verraten (oder: ausgcliesert) ward" zu seinen Jüngern bei Tisch gesprochen hat. DaS erste dieser Worte wird angeführt im Bries nach Thessalonich, die brei andern im ersten Brief nach Korinth; in den fünf weiteren Briefen, die als echte Briefe des Paulus bezeichnet wurden, kann man wohl ver­einzelte Anklänge an Jesusworte aus den Evangelien finden, als Jesusworte sind sie nicht bezeichnet, und unmöglich erscheint es nicht, daß ursprüngliche Paulusworte in den spater gcfchnebenen Evangelien zu Herrnworten umgewandelt worden und.

Aber noch merkwürdiger berührt uns das Verhältnis des Pau­lus zu diesen Worten Jesu. Jesus ist ihm der Herr, der MessiaS: aber die Imperative der Worte dieses Herrn hat er keineswegs als absolute Imperative für sich betrachtet. Er erlaubt unter Um ständen die Ehescheidung; er befolgt als Missionar die Weisung nicht, die Jesus seinen Missionaren gegeben hat. Und das ist kein Widerspruch, dessen Paulus sich nicht bewußt wäre. Beidemal führt Paulus unmittelbar zuvor das Wort Jesu an; dann sagt a.

Dieser Paulus hat nun Jesus während seines Lebens sicher nicht gekannt. Er ist unglücklich darüber, daß er vor seiner Be­kehrung die christliche Gemeinde verfolgt hat. Darüber klagt er im ersten Korintherbrief, int Galaterbrief, im Philip verbrief. Uber nirgends erwähnt er, daß er sich damals mit Jefus persönlich berührt und ihn dennoch verworfen habe. Was er also von Jesus weiß, hat er nicht selbst gesehen und gehört, auch Laulus hat alle seine Kuiide von Jesus zweifellos schon aus irgendwelcher Uebedieierung. Hätte er Jesus einstmals gelaunt und verworun, dann müßte das erwähnt sein da, wo Paulus lagt, Mb er den Apostelnamen eigentlich nicht verdiene, weil er einst die Gemeinde vorfolgt hat; es müßte auch da erwähnt fein, tvo Paulus sich ftols mit den Dienern seines Messias vergleicht, die ihre Ver­gangenheit ihren nahen Verkehr mit Jesus ihm gegenüber ins Fold führen. Er könnte bann nicht so stolz und zuversichtlich

noch Philippi. Schon diese Namen zeigen, daß nur es m dieser ältesten Literatur des Clsristentums nicht mehr mit den ersten Anfängen der neuen Religion zu tun haben; ein Glaube, der fast schon in allen großen Gemeinden des östlichen Mittelmeerbeckens Wurzel gefaßt hat, ist eine fertige Größe.

Die genannten Briefe sind echt. Nach dem Tode des Paulus hätte ein Späterer den Paulus gewiß nicht schreiben lassen, er werde mit der Mehrheit der Gemeinde die Wiederkunft Christi erleben; das steht im ersten Thessalonick)er- und im ersten Io- rintherbrief. Der spätem Zeft stand es fest, daß die erste Christen­heit ein Herz und eine Seele war; den Kampf zwischen Paulus und der christlickfen Urgemeinde hätte kein Späterer mit so grellen Farben gemalt, wie das im zweiten Korintherbrief und im Ga­laterbrief geschieht. Die späteren Christen schieden sich aus das schärfste vom Judentum; immer wieder hören wir, daß den Juden das Heil genommen und den Heiden gegeben sei; kein Späterer konnte die Frage nach der Rettung des alten Gottesvolkes in so heißem schmerzzerrissenem Gemüte beivegen, wie das Paulus im Römerbrief tut. Und was sollte einen Spätem veranlagen, einen Empfehlungsbrief für eine Diakonisse zu schreiben mit einer Menge von Grüßen, die alle nur im Atunde des Paulus und in der ersten Zeit der Gemeinde von Ephesus verständlich sind? Die Echtheit des Briefes nach Philippi ist dadurch verbürgt, daß Paulus hier seine baldige Befteiung und Rückkehr nach Philippi in festem Gottvertrauen erhofft, und diese Hoffnung ist niemals erfüllt worden. Ein Späterer hätte ihn so nicht schreiben lagen.

Haben wir somit Urkunde von Paulus, so haben wir auch eine Urkunde über Paulus. Das sind die kostbaren Bestandteile der Apostelgeschichte, die man alsWirbericht" bezeichnet, weil in ihnen in der ersten Person der Mehrzahl erzählt wird. .Es sind Memoiren eines Begleiters des Panlns, der jicl)er den einten Jug nach Europa mit Paulus unternm,. . der dann IPdter die verhängnisvolle Reise nach Jerusalem nur Paulus machte, bei ber Paulus gefangen würbe, und der endlich den gegu^cnen Apostel von Palästina bis nach Rom begleitet hat xurd) das Zusammenstimmen dieser genauen anschaulichen Urkunde Don Paulus mit den Briefen des Apostels Paulus ist es möglich, ein klares deutliches Bild des großen Apostels zu gewinnen.

nicht zusagt. Dieses Zusammengehen fand aber die Billi- gung der Vertrauensmänner-Versammlung des B. d. £., der ihr Vorsitzender mitteilte, der Füh-rer des Zentrums habe ihm die Unterstützung für Dr. Becker oder Dr. von Helmolt zugesagt. Letzterer fort nach dem Beschluß vom 24. d. M. dann kandidieren, wenn die ^Lationalliberalen die Kandidatur Dr. Becker nicht unterstützen. Die Entschei­dung der Nationalliberalen im Wahlkreise Friedberg wird in ihrer auf den 1. Mai angesagten Vertrauensmänner- Versammlung fallen.

Die sachlichen Berichte in dieser Zuschrift über die Parteientschließungen werden uns von anderen Seiten be­stätigt. Dr. Becker-Sprendlingen ist gewiß ein Mann von erprobter nationaler Gesinnung, und er dürfte mindestens eines großen Teiles der nationalliberalen Wähler sicher sein. Seine politische Vergangenheit ist aber bekannt genug, als daß man mit allzu viel bestimmten Forderungen und Festlegungen in ihn dringen sollte. Wollen die National- liberalen eine weitere Probe kluger Mäßigung und natio­naler Gesinnung geben, so werden sie sich damit einver­standen erklären, daß Dr. Becker sich keinem Parteizwang anzubeguemen braucht. Tann dürfen sie aber auch ver­langen, daß der Bund der Landwirte von rücksichtlosen For­derungen Abstand nimmt. Der Bund verlangt nämlich nach uns vorliegenden Berichten dreierlei:einen Kandi­daten auszustellen, der 1. sich auf das Programm des Bundes verpflichte, 2. dem Bund der Landwirte als Mitglied an­gehöre, 3. sich im Falle einer Wahl im Reichstag keiner Fraktion anschlösse."

Der Bund der Landwirte sollte im Interesse eines friedlichen Zusammengehens nichts verlangen, was er auch der nationalliberalen Partei nicht zubilligen will; er hat hier vielmehr Gelegenheit, zu zeigen, daß seine Oragnisation nicht als Parteigruppe mit rücksichtslos einseitigen Inter­essen anzusehen sei.

Roosevelt über die Bürgerpflichten.

Herr Roosevelt i|i uju uno Ungarn nach

Paris gekommen, wo die ihn begleitende Jouriialistengesell- schaft die bcianntc Ausschreierei fortsetzt. Heute wird von einer Rede Roosevelts berichtet, die ihn als Sraaisphilo- sophen zeigt, allerdings nur Selbstverständlichkeiten ent­hält. Es ist aber belustigend, vast der frühere Präsident den Franzosen in dem Augenblick eine Letton über Bürger- tuaendett in der Repuvftk erteilt, wo bei den Wahlen in ganz Frankreich die unerhörtesten Ausschreitungen und Verbrechen gezeigt haben, oa der po^it.sche Bürger in Frant- rei-cki ganz wenig auf her >?öfje der Zeit steht:

Paris, 23. April. Roosevelt hielt heute in der Sorbonne die angekündigte Vorlesung über Bürger­pflichteninder Republik. Er bezeichnete es als eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte Frankreichs, daß eine hohe künstlerische und literarische Kultur srch mit einer führenden Stellung auf militärischem und politischem Ge­biete vertrage, lieber der Pflege der geistigen und körper­lichen Kräfte stehe jedoch die Charakterbildung, die Erziehung zur Selbstbeherrschung, zu vernünftiger Denk-

Dic Redaktion des Gießener Anzeigers hat mich ohne irgendwelches Zutun meinerseits gebeten, ihr einen kurzen Aufsatz zu liefern über die Frage:Hat Jesus gelebt?" Ich glaube mich dieser "Anregung nicht entziehen zu dürfen, nacktem durch die Stiibrigteit des Vtonistenduiides und die Vorträge , von Arthur Drews die Frage einmal in die Massen geworfen ist.

Die Frage hat ein gewisses Recht. Sie hat ein größeres Recht als die Frage nad) der geschichtlichen Wirklichkeit Muhammeds; von Mulmmmed haben wir höchstwahrscheinlich echte Urkunden; Muhammeds sichtbarstes Werk war eine große Politik Um­wälzung in Arabien. Dagegen haben wir keine Urkunden ms i?cr Hand Jesu; wir haben auch keine wirklich urkundlichen Be­richte über die Wirksamkeit Jesu. Abgesehen von dem Worte Abba, mit welchem Jesus zu Gott zu, beten pflegte, ist uns teilt Wort Jesu in der Muttersprache Jesu, d. h. in den Lauten, öic Jesus selbst gebraucht hat, noch überliefert; die Worte deS 22 Psalmseli, eli, lama sebachtani", die der Gekreuzigte aus- rief, sind ja nicht Worte, die er selbst so geprägt hat. Die (Srangclierf, aus denen wir heute unsere Kenntnis der Wirksam­keit Jesu sckwvfen, sind vor dem Jahr 150 nicht sicher nachweisbar; die Zahl der Worte Jesu, die außerhalb der Evangelien in den Sckniften der Christen vor 150 angeführt werden, ist merkwürdig klein Die älteste Urkunde des Christentums vst für uns der griechisch geschriebene Brief des Apostels Paulus aus Korinth nach Salonichi, der sog. erste Thessalonicher Brief. Er setzt alio voraus daß das Christentum von seiner Hemiat Palästina bis in das Herz der griechischen Welt bereits siegreich vorgedrungen! ist- in Makedonien und Griechenland sind bereits blühende chnst- liche Gemeinden vorhanden; da erst tritt baS Christentum für

unS literarisch hervor.

Jetzt allerdings in einer sehr greifbaren, klarumralenen ge­schichtlichen Persönlichkeit, dem Apostel Paulus. Vieles von dem, was unter feinem Namen überliefert ist, ist nicht echt; aber iidier echt sind sieben, zum Teil recht umiangreube Briese ans seiner Hand. Es sind dies außer dem genannten Brief nach Salonichi zwei Briefe nach Korinth, einer nach der kleinaMünchen Landschaft Galatien, einer nach Rom, an den fetzt ein kurzer Empfehlungsbrief nach Ephesus angehängt ist, und em Bries

*) Da gegenwärtig ein ungewöhnliches Interesse an reli­giösen Fragen bekundet wird, haben wir uns an Herrn Prof. Dr. Holtzmann gewendet und ihn im Anschluß an die Darmstädter Reltgionsgespräche um eine kurze, Dar­legung über den geschichttimen Jesus ersucht. Prof. JOr. Holtzmann gilt auf diesem Gebiet als ein namhafter For­scher, dessen Darlegungen sicherlich eine interessante Er­gänzung zu den in Darmstadt erfolgten Auseinander­setzungen sind».

des Bunoesvorfitzendeii Dr. o. Helmolt-Friedberg sich zur Annahme einer Kandidatur bereit erklärt hat, wenn chn alle bürgerlichen Parteien außer der freisinnigen unterstützen, so bedeutet daS Verhalten des B. b. L. nichts mehr und nichts weniger als eine Uebertragung des im Reiche und in Preußen zurzeit dominierendenschwarz­blauen Blocks" auf unsere hessischen Verhältnisse, wobei den Wationalliberalen unter Ausschluß des Freisinns gnä- biqft gestattet wird, mitzuwählen, ohne daß ihnen auch nur der geringste Einfluß bei der Auswahl des Kandidaten zu- gestanden wird. Ob die Nationalliberalen im Wahlkreise Friedberg-Büdingen sich unter dieses kaudinische Joch beugen wollen, will mir,'ehr fraglich erscheinen; dies umsomehr, als das Zusammengehen des B. d. L. mit dem Zentrum unserer evangelischen Bevölkerung im Wahlkreise absolut

Die Nachwahl in zriedberg-vüdingen.

Wir erhalten von einem Herrn, der mit den Verhält­nissen des Wahlkreises Friedberg-Büdingen seit langem ver­traut ist, folgende Zuschrift:

Am vergangenen Sonntag hatten sowohl der Bund der Landwirte als auch die freisinnige Parteileitung ihre Ver­trauensmänner nad) Friedberg zusammenberufen, um über die Aufstellung eigener Kandidaten Beschluß zu fassen. Die Vertrauensmänner der fortschrittlichen Volkspartei (Frei­sinn) beschlossen, vorerst von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten abzusehen und Verhandlungen mit den National- liberalen anzuknüpfen zwecks Ausstellung eines liberal ge­sinnten gemeinsamen Kandidaten, von dem gesagt wurde, daß er am besten Landwirt sei. Dieser Beschluß zeugt von einer weisen Selbstbefchränlung zugunsten des nationalen Gedankens gegenüber der drohenden sozialdemotratisck>en Gefahr und zeigt die freisinnigen Vertrauensmänner auf der Höhe der Situation, die sie richtig dahin auffaßte, daß es nur dann möglich sein könnte, einen bürgerlichen Kandidaten gegen die Sozialdemokratie durchzubringen, wenn dieser auf der mittleren Linie stehe und von allen bürgerlichen Parteien unter Verzicht auf jede Eigenbrödelei unterstützt werde.

Anders war das Ergebnis der Vertrauensmännerver­sammlung des B. d. L. Der von ihr gefaßte Beschluß ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Er geht dahin, als eigenen Kandidaten Herrn Dr. Becker-Sprendlingen au.zustellen, der aber dernationalliberalen Frak­tion des Reichstages nicht beitreten dürfe. Eine Anregung aus der Mitte der Versammlung, die nament­lich von den aus dem Kreise Büdingen erschienenen Ver­trauensmännern unterstützt wurde, mit der nationallibe­ralen Partei zusammen zu gehen, wurde von vornherein abgelehnt. Man begründete dieses eigentümliche Verhal­ten der nationalliberalen Partei gegenüber damit, daß man jagte, man fei es dem Andenken des verstorbenen Führers des D. d. L. schuldig, nicht einen Kandidaten auf» zuslellen oder zu unterstützen, der derjenigen Fraktion bei» trete, aus der Graf Lriola hinausgeworfen wor-

weise, zur Fähiglett, perfönlick)e Verantwortlichkeit zu über nehmen und doch im Zusammenl)ang mit der Gesamtheit zu bleiben. Die erste Pflicht des Durchschnittsmannes fei, feinen eigenen Unterhalt zu verdienen und sein Vaterland zu verteidigen. Ein ungerechter .Krieg sei ein Verbrechen, aber nur, weil er eben ungerecht fei.

In seinen weiteren Darlegungen, in welchen er die Un­fruchtbarkeit der Ehen als den schwersten Fluch eines Volkes bezeichnete und auf die Wichtigkeit sowie auf die Gefahr eines Mistbrauchs der Presse hinwies, lixmbtc sich Roosevelt gegen die Dokttinäre, speziell auch die des extremen Sozialis­mus. Ein konsequenter und extremer Sozialismus bedeute für jede Rasse den Tod durch SelBftvernichtung. Er schliestc eine schlimmere Immoralität in sich als jedes andere System. Aber dabei könne man wohl gewisse Prinzipien von Leuten adoptieren, die sich Sozialisten nennten. Jeder habe Anspruch auf die gleiche Gelegen­heit, zu zeigen, aus welchem Stoff er gemacht sei, aber ungleichen Leistungen müsse stets eine ungleiche Belohnung entsprechen. Die beste Probe für die Freihettsliebe in einem Lande sei wohl die Art, wie die Minoritäten behandelt werden. Die Verfolgung fei unmoralisch, ebenso wie der Klaisenhaß. Die Arroganz, die auf einen Armen als solchen herabsehe, sei ebenso zu verurteilen, wie der Neid und Hast gegen den Neichen als solchen. Derjenige schädige sein Land am meisten, der Klasse von Klasse, Berussstand von Berufs­stand, die ärmeren Schichten von den reicheren scheiden wolle. Zum Erfolg in einer Republik gehöre Intensität der Heb er > zeugung mit weitgehender Toleranz bei Verschiedenheiten der Ueberzeugungen. Raum für eine gesunde Entwickelung sei nur da vorhanden, wo Meinungsverschiedenheiten ui religiösen, politischen und sozialen Fragen vorhanden seien. Viele Völker seien am Fanatismus und an der Undulosam- leit zu Grunde gegangen. .

Roosevelt sagte zum Schluß, er fei em Feind jedes blinden Kosmopolitismus. Man müsse ein guter Patriot fein, bevor man ein guter Weltbürger fein könne. Patriotis­mus sei aber nicht unverträglich mit gebührender Rück­sichtnahme auf die Rechte anderer Nationen. Das inter­nationale Reck)t werde stärker und stärker werden, bis es sich zu einer Macht entwickelt habe, die respekttert werde. Bisher befinde es sich in seinen ersten Anfängen und es sei die Pflicht weiser Staatsmänner, jede Bewegung zu er­mutigen, die für die Beilegung internationaler Zwistigkeiten eine andere Instanz schaffen wolle als Gewalt. Jeder recht- fdiaffene Staatsmann habe die Pflicht, feine Nation so zu führen, daß sie keiner anderen Nation Unrecht tue. Zurzeit jedoch müßten die großen zivilisierten Völker in liHter Linie den Willen und die Macht haben, Unrecht abzuwehren. Wir glauben aufrichtig und ernsthaft an den Frieden, aber wenn Frieden und Gerechttgkeit in Konflikt kommen, so verachten wir den Mann, der nicht für die Gerechtigkeit eintritt, wenn auch eine Welt in Waffen gegen ihn stehen sollte." ____

Der Kaiser in Llsatz-Lothringen.

Homburg v. d. H., 23. April. Der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin Bittoria Luise sind heute vormittag 9 Uhr 50 Minuten im Sonderzug nach Karlsruhe abgereist.

Nr. 95 Erstes Blatt 160. Jahrgang Montag 25. April 1910

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