Ausgabe 
26.7.1910 Erstes Blatt
 
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August Scherl arbeitsmüde.

M-mr f di reibt uns aus Berlin.

Durch die Blätter geht die Nachricht, daß foerr 91 u g u ft Sd) crl sid) demnädist ins Privatleben zurückziehen werde uitb das Unternehmen für 35 Millionen Mark verkauft wer­den soll. Ein Witzblatt nannte einmal Wertheim, Aschinger und Scherl die drei neuen Schutzheiligen des modernen Berlin. Zwar ist es nid)t in ehr das .Haus Scherl allein, das die zur Weltstadt gewordene preußisd)e Residenz mit geistiger Nahrung versorgt. DerLokalanzeiger" muß sid) tiiit Ullstein und Mosse in die Herrschaft teilen. Immer> hin ist sein Einfluß groß. Es darf gesagt werden, daß derLokalanzeiger" im Vergleid) zu der demokratischen Morgenpost" und dem in der Iernsatemerstraßc .erschei- nendcn Organ, das sid) die Vertretung internationaler Interessen und die Umwerbung der Sozialdemokratie zur .Hauptaufgabe gemad)t hat, konservativ ober, besser gesagt, gouvernemental angehaucht ist. Die Strömungen der inneren Politik berühren freilich die Scherlsche Presse nur sehr wenig. Jeder neue Minister erhält bei seinem Amts- antritt das Zeugnis, daß die Regienrng mit seiner Er- ncnnimg eine ausgezeid;nete Auswahl getroffen habe und daß jetzt alles schön und gut sei. Dann wendet sich das Interesse lieber dem jüngsten Scnsationsprozesse oder einer Erdbebenkatastrophe zu. Hat derLokalanzeiger" keine Meinung, so hat sie derTag" dafür in beliebiger Auswahl für jeden politischen Standpunkt, natürlich mit Ausnahme des sozialdemotratisd)en. Die mit so großem Geräusch in Szene gesetzteSd)erlsche Emporlesebivliothek" ist wieder eingeschlafen. Alles ist ihm eben nicht geglückt.

Wenn Herr Schert fid)' jetzt wirklich ins Privatleben zurückzieht, lvird die Oeffcntlichkeit nichts davon merken. Denn seine Schöpfung bleibt und ihn selbst hat sie nie gekannt. Nur ein paar unter den Tausenden von An­gestellten kommen mit ihrem menschenscheuen Chef in per- sönliche Berührung und in der Berliner Gesellschaft spielt Herr Scherl keine Rolle, will auch keine spielen. Wie es heißt, lvird er sid) fortan ganz der Durchführung seines S d) u e l l b a h u s h st e m s widmen. Dies Steckenpferd ist recht kostspielig. Ein vielfacher Millionär kann sich aller­dings eine solche Liebhaberei leisten, kann Patente auf- kaufen, bereit materielle Verwertung sehr fraglich ist, und Bersuchsstredken Bauen lassen. Damit aber die emschre- nigen Schnellbahnen gebaut werben können, die den Ber­liner in 4 Stunben nach Mündfen und in lJ/2 Stunden nach .Hamburg bringen, müßte erst ein Riesenpump angelegt werden. Wenn Morgan, Rockefeller und die anderen Dollar- könige ihre Geldschränke ganz und gar für DeutsWand ausräumten, dann ginge es vielleicht, vorausgesetzt natür- lick), daß vorher die technische Durd)führbarkeit dieses inter­essanten Projektes bewiesen märe. Wir werden es aber kaum erleben, auch nicht Herr Scherl, obwohl er noch in verhält­nismäßig jungen Jahren von der Arbeit seines Lebens Abschied nehmen will.

folgen des russisch japanischen-vertrages.

Petersburg, 25. Juli. Bei den Verhandlungen wegen clioniger Zollerhebung von Transitwaren auf dem Wege von Wladiwostok itad) der Mandschurei handelt es sid) nur um die russische Bahnstrecke Wladiwostok-Pogranitsch- naja. Die bisher unklaren Bestimmungen über den Transit- .'»oll dieser Strecke sollen gesetzlich geregelt werden. Den Transitverkehr aus Deuksd)land über Sibirien imd) der Mandschurei berühren die Verhandlungen nid)t ebensowenig die Frage der offenen Tür in der Mandschurei.

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Peking, 25. Juli. Die in auswärtigen Blättern ver­breiteten Gerüchte von der Ausweisung russischer Untertanen aus den Grenzgebieten durch chinesische Behörden entbehren jeglicher Begründung.

Deutsches IXeAcbf

Aus Molde wird gemeldet: Der Kaiser hielt am Sonntag vormittag Gottesdienst an Bord derHohen- zollern" ab und besichtigte dieWestfalen". Gegen Abend unternahm der Kaiser einen Ausflug nad) der höhe ober­halb Molde.

Die Begegn u n g zwischen Aehrenthal und von K i d e r l e n - W ä ck) t e r finde! erst am 27. und 28. Juli in Marienbild statt. Der russische Minister des Auswär­tigen Iswolski wird nach einer Blättermeldung im September ebenfalls mit dein deutschen Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten v. Kiderlen-Wächter zu- sammenireffen. Es gilt in Petersburg, wie von dort ge­meldet wird, für möglich, daß zu gleicher Zeit auch die Zusammeniunst des Zaren mit Kaiser Wilhelm skaktfinden dürfte, von der in russischen hoskreisen immer bestimmter gesprochen wird, obgleid) der Ort der Zu- fammenUinft nock) nicht genannt ist.

Wie dieKreuzzeitung" meldet, wurde zum Unter* staatssekretär des Staatsministeriums der bisherige Regierungspräsident zu Merseburg Geh. Oberregierungs- rat v. Eisenhart-Rothe ernannt.

Die Betriebseinnahmen der preußisch­ste s s i s ck) e n S k a a t s e i s e n b a h n e n im Personenverkehr sind, wie dieNordd. Allaem. Ztg." berichtigend meldet, in den beiden Monaten Mai und Juni 1910 zusammen gegen die gleiche Zeit des Vorjahres nicht um 1,8 Proz. sondern um 8,1 Proz. g c ft i e g c n.

Wie aus gutunterrichteten Kreisen in Chemnitz ge­meldet wird, hat der Vorstand des nationalliberalen Laudes- vereiuS für das Königreich Sachsen gestern in Leip­zig beschlossen, Sang jammer aus der Partei aus - zuschließen.__________________________________

Ausland.

Wie aus Paris gemeldet wirb, ist am Montag abenb König Ferdinand von Bulgarien nach Koburg abgereist.

Nach der letzten Statistik des französischen Ministeriums des Innern über die französischen Generalratswahlen sind 1412 Wahlergebnisse bekannt. Davon entfallen aus die Konser- Valiven 191, aus die Progressisten 163, auf die Republikaner, Radikale. sozialistisch ° Radikale und soziallstische Republikaner 883, auf die geeinigten Sozialisten 36. Stichwahlen sind 139 erforderlich. Die Konservativen gewinnen 3b und verlieren 4.3, die Progressisten gewinnen 19 und verlieren 43, die Repu­blikaner und Radikalen gewinnen 72 und verlieren 59, die ge­einigten Sozialisten gewinnen 20 und verlieren 2 Sitze.

Den Konstantinopeler Blättern zufolge begnadigte der Sultan anläßlich deü V e r s a s s u n g s t a g e s 300 kriegs­gerichtlich Verurteilte, darunter Würdenträger des alten Regimes. Der Sultan stiftete einen neuen Orden, den Tugendordc n.

Nach Nachrichten, welche der Pforte zugehen, verhafteten die Behörden in Haiffa 14 Personen, ivelche der Ermordung des Deutschen Unger verdächtig sind. Die Ordnung ist ge- sid-erl. Das nad) Haiffa entsandte Kanonenboot ist nad) Beirut zurückgekehrt.

Der bulgarische Gesandte Sarasow lenkte in

keundschaftlich llusmerksamkeil der Pforte auf den

ourng m -i jedii i ch buIßärtf cher Flüchitlinae nach

Bulgarien, der eine Folge der rücksichtslos durd>gcführtetr

Entwaffnung der mazedonischen Bevölkerung sei. Er erhielt die Zusicherung, daß die Pforte das Notige veranlassen werde, da- mit der Auszug der Bulgaren aus Mazedonien aushöre.

Aus dem evangelischen vund.

Straßburg, 25. Juli. Die fünfte Jahresversammlung des Evangelischen Bundes nahm in ihrer gestrigen ersten, von über tausend Personen besuchten Versammlung nad) einer Rede des Professor Liz. N i e b e r g a l l - Heidelberg über das Thema: Was haben lvir aus Grund des letzten Papsthandets als Protestanten zu lernen und als Eoangelisd)e zu tun, folgende Entschließung einstimmig an:

Die fünfte Landesversammlung des Hauptvereines Elsaß des Evangelisd)en Bundes spricht ihr tiefstes Bedauern aus über die Schnlähiingen, die das Oberhaupt der katholischen Kirche im (Weifte unbelehrbarer Unversöhnlichkeit in dem Borro- mäus-Rundschreiben gegen die Führer, Fürsten und Völker der Resormation ausgesprochen hat: denn dadurd; hat der Papst nicht nur die heiligsten Empfindungen aller echt Evangelischen verletzt, sondern and) den tuns s o notigen Frieden mit unseren katholischen Volksgenossen aufs schwerste gefährdet. Die Versammlung bittet darum alle Evangelischen, sich immer im Geiste der Reformation zu stärken und zu einigen, je mehr sie von romisd)er Seite verkannt und verdammt wirb; denn das ist allein die rechte Abwehr des alten bösen Feindes. Ebenso bittet sie aber, daß niemand von uns die katholischen Volks­genossen entgelten lassen wird, was uns ihr kirchliches Ober^ Haupt angetan hat, sondern mit den Besten unter ihnen nad) wie vor Fühlung und Verständnis zu suchen.

2ltis Staöt mtO» Land.

Gießen, 26. Juli 1910.

Tageskalender für Dienstag, 26. Juli. Stadt- theater :Der arme Jonatha n". Anfang 8 Uhr.

* Ordensangelegenheit. Der König von Preußen hat feinem Generaladjutanten, General ber Kavallerie von Scholl, Generalkapitäli ber Schloß- unb Leibgarde und Kommandeur der Leibgendarmerie (einem geborenen Darm­stadter) die Erlaubnis zur 9lnlegung des Großkreuzes des hessischen LubivigSordenS verliehen.

* * Ein weiterer Sparerlaß. Das hessisd;e Ge- amtminifterium hat in einem Ausschreiben für sämtliche Behörden neue Grundsätze zur Ausführung ber Verorbnnng betr. die Tagegelber, Reisekosten und Umzugskosten der Zivilbeamlen von 1879, 1902 unb 1906 erlassen. Danach lönnen Reise lösten unb Tagegelber nur beansprucht werden, wenn ber Orc ber Geschästsvornahme rninbeftenS 2i/2 km von bem Amtssitze entfernt ist unb das Geschäft einschließ­lich der Zeit für Hin- und Rückfahrt einen Zeitaufwand von mehr als 3 Stunden erfordert. In letzterem Falle können nach) § 1 wohl Reisekosten, aber feine Tagegelber beansprucht werben. Für die Frage, ob ganz- ober halbtägige Tagegelber zu verrechnen sind, ist der Umstanb maßgedenb, ob zwischen der Zeit der Abreise unb Rückkehr mindestens 6 Stunben ober weniger liegen. Bei mehrtägiger Abwesen­heit werben für ben Tag ber Hin- unb Rückreise nur halbe Tagegelber gewährt, für Reisen zur Ableistung bes Dienst- cibes ober Vorstellung bei Versetzungen werben Weber Tage­gelder noch Reisekosten gewährt. Bei mehrtägiger Dauer eines Dienstgeschäftes gilt ber Beamte im Dienst als ab- wesenb; es ist daher bei Berechnung ber Tagegelder und Uebernachtungsgebühren gleich, ob er während dieser Zeit ein ober mehrere Male an seinem Wohnort übcrimdüctc, nur darf bnrch bie periobische Rückkehr nicht eine höhere Summe berechnet werben, als die gesamten Stoffen be­tragen hätten, wenn er ckicht zurückgekehrt wäre. Reise­kosten sind bare Auslagen; für Fahrrabbenutzung können über 20 km 2 Mk., bis dahin 1 Mk. in Ansatz gebracht werden. War Benutzung ber Bahn möglich, so kann der Fahrradsatz auch beansprucht werden, wenn jenes Trans­portmittel billiger gewesen wäre. Personen, die nid)t dekretmäßig angestellt sind, erhalten bei auswärtiger kom­missarischer Verwendung keine Umzugskosten Kilometer­gelder und einen Panschalsatz, sondern nur Ersatz ihrer Äirslagen. $ 19 regelt bie Vergütung der Miete bei Ver- etzungen. Tagegelder und .Reiselösten finb damit so be­messen, baß sie als ein Aequivalent für die MWesenheit aufgefaßt werben können, nicht als ein Mittel, um durch häufige Dienstreisen den Gehalt noch zu erhöhen.

* Die Ko hl enl iefernngen für sämtliche staat- ichen Behörden Hessens sind vom Ministerium an die SyndikatSfirmaKohlen-Vereinigung", Gesellschaft m. b. H. in Mannheim, Ziveignieberlassling Offenbach a. M., über­tragen worben. Em AuSschreiben be** einzelnen Behörden inbet sonach nicht mehr statt.

Erlebigt ist bie Stelle bc§ Kassebieners bei ber HauptstaatSkasse.

* * Preisbewerb u n g über Gegenstände der Bür­ge r k u n d e. Das Präsidium der Hassia fordert auf, ihm Aus­ätze einzureickien, die zu Vorträgen in ben Vereinen bienen können. Sin Vortrag soll bie Dauer von 3545 Minuten nicht über- chreiten. Die Behandlung bes Stoffes muß volkstümlich unb für ben gemeinen Mann gut verständlid) sein. Statistisches Material ist auf ein möglidöt geringes Maß zu beschränken. Jeder Vortrag öll mit kurzer Nutzanwendung im Sinne monarchisch-vaterlän bischer und kamerabscl)astlid)er Bestrebungen sd)ließen. Für die beste Bearbeitung jedes Vortragsgegenstandes werde ein Preis von 50 Mark ausgesetzt. Der Aufsatz wird damit Eigentum dcs Verbandes. Die Arbeiten sind bis zum 1. September an Dr. Vogt in Butzbad) einzureichen. Die Zuteilung des Preises erfolgt durch den geschäftsführcnden Vorstand. Aussätze, die nid)t preisgekrönt werden können, erhalten die Verfasser zurück. Vorerst sind Arbeiten über die nachstehenden drei Gegenstände erbeten: 1. Notwendigkeit des Staates, 2. Die konstitutionelle Monarckste und ihre Vorzüge vor anbereit Regierungsformen, 3. Die Verfassung des Deutschen Reiches.

* "Die ftubentif d)cn öffentlichen Vorträge sollen im Wintersemester fortgesetzt werden, nachdem ein Redner der nationalliberalen Partei sich bereit erklärt hat, über die Ziele einer Partei zu sprechen.

* Klin i ks da uten. Das Gelände, auf dem die Augen- nnb die Chirurgische Klinik ihren Platz erhalten haben, wird jetzt mit einer Abgrenzung versehen. Entlang der Friedrich­straße und der Klinikstraße wird eine Sockelmauer mit Pfeilern aus Bruchsteinen errichtet. Zwischen den Pfeilern sollen Holz­gitter gezogen werden.

* * Markwald G r ü n i n g e nD orsgill. Man chreibt und von Grüningcn: In heutiger Zeit sucht man Altes zu erhalten durck; Gesetz und Privatbestrebungcn. Man chützt und sammelt Denkmäler, Bauten, Bäume, Urkunden, Sitten und Gebräuck)e, Volkslieder u. a. in.. Auch die Mär­kerschaft GrüningenDorfgill hat gerettet, was noch zu retten war von einem Rest alten BoÄsrechts unb früherer Baueritsreiheit, wie fid) solche [in Hessen fast nur nod)l in ber nördlichen Wetterau bis heutigen Tages in Form von Markwalbgenossenschaften erhalten haben. Was fid) uirch Jahrtausende hinburck). erhalten hat, hat ein Recht aus Bestand unb Schutz. Diese Bestrebung der Märker- fdjaft hat man zu verhiubern versucht und sie bei ben

Behörden als man erschrecke nicht! revolutionäre Umtriebe stempeln wollen. Es war bem selbstlosen Teile der Märkerschaft von vornherein klar, baß man in bezug auf bie technische Verwaltung des Wakbes und die An­stellung eines Forstwartes unter den jeweiligen Gesetzen stehe, unb nur in ber Verwaltung ber Einnahmen unb Aus­gaben unabhängig fei, wie solches ja im § 83 bes E. G. z. B. G. B. ausgebrückt ist. Auf Grund dieser Reck)tsan- schauung arbeitete der am 2. April gewählte fiebenköpfige Vorstand eine Satzung aus, bie am verflossenen SamStag von der Generalversammlung ber Märkerschaft burchberaten unb genehmigt ward. Es stehen nun Gesetz unb Recht friedlich nebeneinander wie Hock)deutsd)- unb Dialekt. Möge dieser auf altem Rechtsboden wurzelnden Satzung eine Tange Dauer beschert fein, den Märkern zum Segen unb ben kommenben Geschlechtern ein Mittel zum besseren Verständ­nis altgermanischer Rechtsverhältnisse.

Preisgekrönte Polizeihunde. Bei der Polizei-- Hunde-Prüfung, die am Sonntag in Friedberg stattfand. schnitten die Gießener Polizeihunde sehr gut ab. Es erhielten nämlich den 1. Preis deutsche Schäferhündin Lora, Besitzer Schutzmann'K. Neuz, Gießen; 2. Pr. Terriers, Bes. Gendarmerie- Wachtmeister Karl Glaub, Grebenau; 3. Preis deutsche Schäferhündin Minka, Bes. Schutzmann Wilh. Seitz, Gießen; 4. deutsche Schäferhündin Zilla, Bes. Schutzmann Gg. Klos, Gießen; 5. Preis deutsche Schäferhündin, Bes. Wilh. Trau- müller, Düdelsheim; 6. Preis deutsche Schäferhündin, Bes. derselbe.

* " Besitzwechsel. Das Haus Bleich st raße 26 ging heute durch Kauf für den Preis von 47 500 Mk. an S. Ganß hier über.

* Zurückgenom m e n wurde der Haftbefehl, der in der letzten Sitzung der Strafkammer gegen den Kaufmann Walter in Düsseldorf wegen unenlschuldigten Ausbleibens erlassen wurde. Er hatte nämlich die Ladung zum Termin nicht erhalten, was sich inzwischen aufgeklärt hat.

* * Von Tanzfreuden in Langd wird uns unternt 25. b. M. geschrieben:Ein seltenes Fest, das noch lange bie Zungen unserer Frauen in Tätigkeit erhalten wirb, vereinigte gestern jung und alt im Saale des Herrn Gastwirt Ronthaler.^ Ein Jünger Terpsichores hatte während langer Wochen bie Jugend unseres Dorfes vom 9.17. Jahre in ber edlen, Kunst des Tanzens unterrichtet unb zeigte nun gestern ben staunenden Müttern, Vätern unb Tanten bie hervorragenden. Leistungen ihrer auf diesem Gebiete hoffnungsvollen Kinder. Der Ball, zu bem alle Mädchen in weißen Kleidern unb gelben Schuhen erschienen, bot ein recht schönes Bilb unb bauerte von 4 Uhr nachmittags bis spät nad) Mitternacht. Um 9 Uhr abends bewegte sid) ein stattlicher Fackelzug mit der Musikkapelle an der Spitze durch unser festlid) gestimmtes Dorf. Zum ersten Male sahen wir Langder and) gestern einen Kotillvn. Das Sackhüpfen entlud nicht endenwollende Lachfalven. Die Langder werben noch lange an biesen schönen Tag denken, der ihnen so viel Freude bereitete und der sie das sei and) gesagt schr viel Geld kostete. Der Kursus allein kostete 10 Mk. Für Saalmiete, Klavierstimmen und andere Ausgaben ließ sich der Tanzlehrer von jedem Kiiwe etwas über 2 Mk. geben. Dazu kommen noch die neuen Kleiber unb Schuhe, so baß man jedem Vater wohl eine Ausgabe von 2530 Mk. redmen darf. Für die 34 Schüler ergibt das einen Betrag von über 700 Mk. Rechnet man dazu; den von dem Tanzlehrer erhobenen Eintritt mit etwa 50 Mk., so darf man behaupten, daß etwa 81)0 Mk. den Kursus bezahlt machen und gestern Langb verlassen Imben. Es ist nur erstaunlich, mit welcher Kaltblütigkeit die Menschen so oft das Geld zum Fenster hinauswer-fen. Ein Tanzkursiis für die Kinder auf dem Dorf ist wohl unbestritten überflüssig und unangebracht. Jeder Pfennig aber, der dafür anSgegeben wird, ist eine Verschwendung. Wie sich eine solche aber in unserer schweren Zeitlage rechtfertigen läßt, ist schwer zu sagen. Unrecht hat der Schreiber biei'cr1 Betrachtung gerade nicht.

**Dte Maul- und Klauenseuche ist ausgc- brochen in Merzweiler, Kreis Hagenau, Bezirk Unter-Elsaß, am 23. Juli.

-1. Klein-Linden, 25. Juli. Auf eine herrliche Rheinreise blicken Dkitglieder unseres Kriegervereins zurück. Gestern früh fliegen 63 Personen in Gießen in den Zug, um nach Bingen zu fahren. Hier wurde die Rhein­anlage besichtigt und das Leben am Strom bewundert. Um 11 Uhr wurde der SchnelldainpferWilhelmine^ bestiegen und nun begann die Fahrt bis Koblenz. Diese Schiffahrt war für die oberhessischen Landleute der schönste Teil des Ausfluges. Rach dem um 2 Uhr erfolgten Eintreffen in Koblenz ging es durch die Stadt bis zum Kaiserdenkmal am deutschen Eck. lieber die Schiffbrücke begab man sich nach Ehrenbreitstein, um mit der Straßenbahn nach Arenberg zwecks Besichtigung der Anlagen am sogen. Roten Hahn zu fahren. Bei der Einkehr in Ehrenbreitstein warf ber Leiter ber Fahrt einen Rückblick auf bie Einbrücke des TageS. Um 8 Uhr wurde die Heimfahrt angetreten.

4 Lich, 24. Juli. Der Sturm in der Nacht auf Samstag, ber bie Begleiterscheinung eines heftigen Gewitters war, hat in ber hiesigen Gemarkung großen Schaben an­gerichtet, wenn seine Wirkung auch nicht an die bes Unwetters ooiii 11. Mai b. Is. heranreicht. Das Obst gelangte massen­haft zu Fall. In den Wäldern, besonders aus der Hardt, wurden zahlreiche Bäume entwurzelt.

-b. W ab-Sa lzh a u s en, 24. Juli. Die Kurverwal­tung hatte heute cittfdneben einen Glanztag Das am Nach­mittag veranstaltete Konzert wie auck) baS am Abend abgebrannte Feuerwerk verliefen aufs beste. >Ab- wcichenb von ber Gepflogenheit, allvierzehntägig Jnstru- mentalkonzertc zu veranstalten, hatte man heute nachmittag ben Gesangverein Orpheus zu G e i ß - N i b b a zu Ge- sangsvoriragen berufen. ES herrsckit über bie Leistungen bes Vereins nur eine Stimme beS Lobes. DaS Programm wies 12 Chöre auf. Besonberen Erfolg erzielten einige Nefssd)e Lieber, wieDas Röslein im Neaartal",Die Lore vom Rhein"; sehr fein ausgearbeitet war bie Heimat­liebe von Neff. Zwei Waldlieber, mit Frische vorgetrageu, erzielten burchsd)lagenben Erfolg. DaS Liebdien tm Grabe biibctc einen Glanzpunkt beS 2. Teils. Ein Herr Buchhvl^ erfreute zwischenbiird) mit seiner vorzüglichen Baßstimme mit etlichen von großem Beifall begleiteten Solovorträgen. Der Besuch beS Konzerts war so stark, baß ber geräumige Kurfaal bie Zuhörer nicht alle zu faffen vermochte. Beim Abbrenneu beS Brillcrntfeuerwerks war eine nach Tausenbeu zählenbe Menschenmenge auweseub. Dienstag, 23. Juli, findet ein Kinberfest statt.

0 Schotten, 24. Juli. Die gestrige Familien- konferenz auf bem HoherobSkopf war trotz des un­freundlichen Wetters außerordentlich gut besucht. Außer den Lehrerfamilien ber Bezirke Schotten, Ulrichstein, Herbstein unb Gebern bes Lanbcslehrervereins waren auch viele nichthessische Lehrer erschienen, bie zurzeit im Vogelsberg in Sommer­frische sind. Die Wälder des Vogelsbergs geben dieses Jahr einen so reichlichen Himbeerertrag, wie er seit