Ausgabe 
29.8.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 201 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Montag 29. August 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiebener FamillenblStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Urcisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: es® 51. Redattion:e^N2.Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

Kotttische Tagesschau.

Der Kronprinz und die Presse.

Man schreibt uns aus Berlin:

Wie wir hören, hat der Kronprinz ein lebhaftes Interesse für die Preß st im men über seine erste politische Rede in Königsberg bekundet und sich die wich­tigsten Preßstimmen aus allen politischen Lagern vorlegen lassen. Im Gegensatz zum Kaiser betreibt der Kronprinz schon seit Jahren sehr eifrig Zeitungslektüre, und zwar begnügt er sich nicht mit Ausschnitten, sondern liest unzerschnittene Zeitungen, auf Reisen taust er persönlich ost selbst Zeitungen, lieber das politische Leben Deutsch­lands ist der Thronfolger auf das Beste unterrichtet und hat sich oft bei großen fragen seine Meinung selbst durch die Lektüre der verschiedenen Parteiorgane gebildet. Als ge­rader und biederer, natürlich und ungezwungen verkehren­der Mensch hat der Kronprinz sehr oft mit seiner Umgebung politische Tagesfragen erörtert und dabei große Urteils­freiheit bekundet. Besonders gern politisiert der Kron­prinz mit seinem militärischen Gefolge, weil es eigentlich als Soldaten keine Politik treiben soll, den ihin beigegebenen Generaladjutanten des Kaisers, Generalleutnant v. Schenck, betrachtet er als seinen väterlichen Mentor, und gerade diese Persönlichkeit gibt eine Gewähr dafür, daß der Thron­folger sowohl in militärischer als in allgemein politischer Hinsicht nicht einseitig informiert wird. Bon seinem Vater hat der Kronprinz den Wissensdurst und den Betätigungs­drang geerbt, immerfort bestrebt, seine Bildung zu ver- volllömmnen und sich für alle Gebiete des Lebens zu in­teressieren, hat er für seine ost asiatische Reise sich literarisch umfassend vorbereitet, um auf der Reise über Land und Leute, Handel und Wandel der zu bereisenden Distrikte genau unterrichtet zu sein. Es liegt dem Kron­prinzen vollständig fern, die deutsche Politik zu beeinflussen, auch auf seiner Ostasienfahrt wird er keine politischen Mis­sionen erfüllen, sondern nur versuchen, seinen Blick zu er­weitern und die aufstrebende Welt des Ostens kennen zu lernen.

Wie eng das Verhältnis des Kronprinzen zur Presse ist, beweist auch der Umstand, daß ihm alle Notizen, die von ihm handeln, mögen sie noch so unscheinbar sein, vor­gelegt werden müssen.

Die Spionage in Borkum.

Das Emdener Spionagevorkommnis dürfte recht bald eine Verschärfung der bestehenden Schutzvorschriften für Seefestungen im Gefolge haben. Für Kiel und Wil­helmshaven dürften die bestehenden Vorschriften genügen, doch sind bisher in Helgoland und Borkum, namentlich mit Rücksicht auf die Badegäste, die Vorschriften nicht allzu streng beachtet worden. Auf Helgoland dürste bereits im nächsten Jahre das Betreten des Oberlandes für Fremde sehr erschwert werden und nur der bewohnte Teil des Oberlandes im allgemeinen zugänglich sein. Später wird sich das Badeleben nur noch auf dem Unterbände abspreleu, eine Absicht, Helgoland als Badeort gänzlich crufzugeben, besteht nicht, und ein "Verbot für Fremde, in Helgoland zu wohnen, wäre nicht gesetzlich, da das Wohnen in einer preußischen Gemeinde nicht verboten werden kann. Tie Festungsanlagen auf Helgoland und Borkum, die zurzeit, soweit sie über der Erde liegen, für jeden zugänglich sind, werden gesperrt werden. Arif Helgoland wird die Sper­rung des Oberlandes auch deshalb notwendig werden, weil Teile davon zu Kasernen und Kasematten Verwendung finden sollen. , . ,

Der Borkumer Fall bildet auch, nebenbei bemerkt, erne Lehre für die deutsche Presse. Kaum hatte man die neuen Befestigungen in Helgoland und Borkum beschlossen, als lange Artikel über diese Anlagen in der deutschen Presse erschienen. Es kann nicht im Interesse der Landesver­teidigung liegen, daß der Ausbau unserer Seebefestigungen

Ein Aergernis der französischen Buchhändler.

Aus

man

im

auch auf Spuren.

für den Kleinkaufmann, für den Detaülisten, da wurde, man die Herren sehr in Verlegenheit bringen. Die Situation ist doch tatsächlich heute so, daß sehr viele Handwerker am Ende ihres Lebens keine Versorgung für Frau unb Kinder haben. Wir im Hansabnnd sind durchdrungen bis auf die Knochen davon, daß die Gesetzgebung zusieht und nichts für den Mittelstand getan hat. (Lebh. Zustimmung.) Es bleibt nichts übrig, als im Wahlkampf cme Reihe von Personen in die Parlamente zu bringen, die mittel­standsfreundlich sind und so eine Umwälzung der Anschauungen auf diesem Gebiete anzubahnen. Das ist der Standpunkt und das Leitmotiv des Hansabundes. Er will mit der ganzen Wucht und der ganze:: Stärke, die einer großen Vereinigung innewohnt- die den gesamten Mittelstand in sich birgt, für den Mittelstand cintreten. Tas Ende dieses Kampfes wird ja mancher von uns nicht erleben. Wer im Besitz ist, will die Gewalt mcht hergeben. Der Hansabund will nicht Worte machen, er will arbeite

Gegenstand von Erörterungen in der Tagespresse ist. In England verlautet kein Wort in den Zeitungen von solchen Dingen, England instruiert wohl seine Presse, aber sie weiß aus guten Gründen zu schweigen. In Deutschland ol'ltc man ähnlich! handeln.

Zur Sache selbst wird berichtet, daß man an­nimmt, in den zwei Spionen englische Seeoffi­ziere vor sich zu haben. Dieser Umstand würde für ihre Bestrafung strafverschärfend sein. Amtlich sind von Lon­don aus Sch ritte zugun st enderbeidenSpione nicht getan worden, auch die gesamte englische Presse

Siegen der

Mißstände im S ubm i s s i o n s w e s en

Hauptversammlung der Deutschen Mittelstandsvereinigung.

4 Berlin, 28. Aug.

Internationaler Sozialistenkongretz.

x Kopenhagen, 28. 2lug.

Der Internationale Sozialistenkongreß wurde heute vor­mittag im Konzertsaal des hiesigen Ob Fellow-Palais auf der Bredgade mit einer feierlichen Eröffnungssitzung eingeleitet. Der Saal wurde von etwa 2500 Besuchern gefüllt. Von deutschen Delegierten bemerkte man die Abgeordneten v. Elm, Huo, Peus, Dr David, Dr. Frank, Dr. Südekum, Bömelburg, Legion, Stadthagen, Zubeil, denParteipapst" Karl Kautsch, Rosa Luxeniburg und Klara Zetkin. Ein Chor von 600 Arbefter- sängern leitete mit einer Festkantate, die in die Marseillaise ausklang, die Eröffnungssitzung ein. Darauf hieß der Vorsitzende der dänischen sozialistischen Partei, Folkethingsabgeordneter Dr. Gustav Bang, die Delegierten im Namen der internationalen Solidarität willkommen. Der Vertreter Hollands, V ander - velde, erklärte den Kongreß für eröffnet und gab einen lieber» blick über die sozialistische Bewegung der ganzen Welt. Hinter den sozialistischen Parleieil der verschiedenen Länder ständen jetzt acht Millionen Wähler. Am Nachmittage bewegte sich ein viel­tausendköpfiger Festzug durch die Straßen der Stadt nach Sondermarken. In dem Zuge, in dem auch Frauen und Mädckien mitmarschierten, wurden 14 Musikkorps mitgeführt.

Unter zahlreicher Beteiligung ihrer Mitglieder trat hier Festsaale der Berliner Handwerkskammer die Deutsche Mittel- standsvereinigung zu ihrer 7. Hauptversammlung zusammen, an der auch eine größere Reihe von Reichstagsabgeoudneten teil-

Paris schreibt man uns:

D-ie Veröffentlichung der Schriftstücke über den Ur­sprung des Krieges von 1870 durch- einen Verlagsbuch­händler deutscher. Abstammung, Ficker, hatte bereits in verschiedenen Zeitungen zu sehr heftigen Pro­testen Anlaß geboten. Nunmehr hat sich auch eine Ver­sammlung von Buchhändler-Gehilfen, die am Donnerstag abend im Cafe Frocope zusammentrat, sehr energisch da­gegen ausgesprochen. Sie nahm eine Tagesordnung an, in der sie sich an alle Franzosen wendet, um einer Lage ein Ende zu machen, die die patriotischen Gefühle verletzt und die französischen Buchhändler in ihren Interessen schä­digt. Sie kündigte gleichzeitig eine heftige Propaganda in diesem Sinne an. Zur richtigen Beurteilung dieses Pro­testes erinnert derTemps" daran, daß Herr Ficker nur deshalb für die Veröffentlichung außersehen wurde, weil er sich allein in die Bedingungen des Ministeriums des Aeußeren gefügt hatte. Die anderen Verleger wollten näm­lich die Forderung nicht annehmen, das Werk in der Natio­naldruckerei Herstellen zu lassen, weil die Kosten dadurch um 40 Prozent erhöht wurden. Ferner verlangten sie einen Vorschuß, den der Minister nicht gewähren konnte, weil die Kammer keinen Kredit dafür ausgeworsen hatte.

chweigt über den Fall. Man glaubt, dem englischen Spio- nagentum auch an anderen Orten auf der Spur zu sein, eine Spionzentrale in Berlin deuten die

Er führte aus: Die Gesetzgebung auf dem Gebiete des Mittelstandes ist ein großes Sündenregister. Es ist eine traurige Wahrheit, daß für den Mittelstand bisher am wenigsten gesorgt worden ist. Wenn die Herren im Reichstage fragen würde: was ist geschehen )en Kleinkaufmann, für den Detaillisten, da würde, man

nahmen. Geheimrat Paehler begrüßte die Versammlung namens des Staatssekretärs des §nnern und des breußiicjen Ministers für Handel und Gewerbe. Der Vorsitzende Abgeordneter Ober­meister R a h a r d t brachte das Kaiserhoch aus und sprach dann über die Forderungen der Vereinigung an die Gesetzgebung^ Er verlangte Einschränkung der Gefängnisarbeit sowie der Waren­haus- und Konsumvereinskonkurrenz, die eine ErstAtzselungs- maschine für den Gewerbetreibenden geworden seien. «or­

derte er eine gerechte Besteuerung der Genossenschaften, Kontrolle der Abzahlungsgeschäfte, Einbeziehung des Handwerks in. die ge­setzliche Wohlfahrtspflege, Regelung der Privatbeamtenverhaltniile, des Submissionswesens. Das Handwerk müsse die Macht und das Ansehen wieder erringen, das es verloren habe, die aber zum Gedeihen des Handwerks nottoenbig seien.

lieber Mittelstand und Hausbesitzer sprach Hosbäckermeist^ I a e d e (Berlin), der die Schädigungen der Hausbesitzer durch die Beamtenwohnungsvereine beklagte. Dann sprach der erste Direktor des Hansabundes Oberbürgermeister a, D. Knob­loch (Berlin) über

Mittel st andsfragen und Hansabund.

haben wir vor vier Monaten ein Rundschreiben an sämtlich^ Gruppen und Handwerkskammern gerichtet. Mit Freude und Stolz sage ich, daß die 2000 Seiten Antworten vorzügliches Material gebracht haben. Sie haben uns mit der frohen Hoffnung erfilllt, daß wir mit dem jetzt fertiggestellten Entwurf über das Sud­missionswesen auf dem richtigen Wege sind. Auf dem Ber-- ordnungswege wird niemals eine Regelung des^Submilsionsweiens zu erreichen sein, schon weil die kommunale Selbstverwaltung zst hoch steht. Der Ausschuß des Hansabundes wird im Oktober d. I. an die parlamentarische Behandlung dieser Angelegenheit gehen,' können. Unterstützt durch den Reichtum von Gedanken und An­regungen in den Gutachten ist es uns -gelungen, aus der Unzahk der Forderungen diejenigen auszuziehen, die im Parlamentärschen Kampf durchzusetzen fein werden. Wenn der Hansabund auch feine Mittelstandsvereinigung ist, werden wir uns doch für den Mittelstand ins Zeug legen. Die Frage der Kreditgewäh­rung der Kleinhandwerker wird einen wichtigen Punkt uniaec Fürsorge bilden. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß hn Jn- teicfie des kleinen Kaufmanns und Handwerkers man verhüten sollte, daß der an sich schon finanziell privüegierte Beamte ihnen den besten Kunden entzieht unb sich selbst als Konkurrenz aur- spielt. Der Hansabund tut das auch im Interesse der Beamten selbst, die ja schon in ihrem Beruf viel zu wenig vom prak­tischen Leben sehen. (Lebhaftes Sehr richtig.) Wenn die Beamten dann noch in Beamtenkolonien wohnen, dann geht ihnen lebe Kenntnis des praktischen Lebens ab. Diese Leute sollen dann Verordnungen machen. Die Enffrembung zwischen Beamten und Bürgern ist das gefährlichste, was es gibt. Ta muß beizeiten ein Riegel vorgeschoben werden. Deshalb fordern wirgesttz- liches Verbot des Zusammenschlusses der Beamten zu solchen Zwecken. (Beifall.) Hohe Stellen sehen das auch ein, aber sie antworten, wir haben die Herren wissen lassen, daß z. B. der Beitritt zu den Konsumvereinen nicht in unseren Wünschen liegt, aber wir haben kein Mittel, das zu verhindern. Auch hier, ist die Zeir der Verordnungen vorüber, auch hier fordern wir gesetz­lichen Zwang. Entsprechend der Tragweite für den Mittelstand unb für das gesunde politische Leben und die Weiterentwicklung der Nation wollen wir die ganze Kraft der in uns vereinigtest

Die Tollkirsche ist eine der gefährlichsten unserer Giftpflanzen. Ihr Genuß erzeugt Kratzen im Hals, Schlingbeschwerden, Er-, löschen der Sehkraft, Blutandrang nach dem Kopfe und endlich den Tod. Aus der Pflanze wird das Atropin hergestellt, das bei Augenuntersuchungen zur Erweiterung der Pupille dient.

Zuweilen als Zierpflanze in den Gärten, aber auch wild­wachsend findet man den roten Fingerhut int Forstgarten beim Schiffenberg, aus der Höhe des Dünsberges und in ganz, auffallend starker Verbreitung an den Wegrändern im Wester­wald. Die schönen, purpurroten Blüten bilden eine einseit- wendige Traube. Sie sind rachenförmig geöffnet und zeigen int Innern schwarze, weißumrandete Flecken. Der rote Fingerhut ist gleichfalls zu unseren stärksten Giftpflanzen zu zählen und enthält als giftigen Bestandteil das Digitalin. In der Medizin findet Digitalin bei Erkrankungen des Herzens vielfach Aw* Wendung.

Mit dieser Aufzählung der gefährlichsten Giftpfianzen Unserer Heimat sei iedem Naturfreunde hiermit ein Fingerzeig gegeben# bei seinen Wanderungen auch auf das zu achten, was der Schöpfer scheinbar als Feinde der Menschheit geschaffen, in Wirklichkeit aber damit wieder zum Wohltäter der hinsicck>ent>en Krankest geworden ist. In den meisten der auf^csührten Giftpfianzen liegen wunderbare Heilkräfte P erborgen. eie sind im Laufe der Zeiten von Aerzten, Apothekern und Chemikern erkannt und der Menschheit zur Erhaltung und Befesfigung der Gesundheit und zur Bekämpfung und Linderung vieler Krankheiten und schwerer Leiden erprobt worden. B,

SislpslanM unserer Heimat.

Allgemein ist der Glaube verbreitet, daß Giftpslaitzen meist die gefürchteten Kinder der ausländischen Flora sind, während 'unsere engere Heimat frei davon sein soll. Daß dem aber nicht io ist, int Gegenteil, daß Pflanzen in unserer Gegend mit recht tückischen Giften lustig gedeihen unb sich weiter verbreiten, und auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die uns beim unbewußten Genüsse dieser Pflanzen drohen, sei her Zweck dieser kleinen Abhandlung. , .r-

Weun auch die Schulen .laut ihrer Lehrpläne eine gewiße Kenntnis der Giftpflanzen übermitteln, so sollten doch die Eltern recht vorsichtig sein und ihre Kinder auf Ausflügen oder in der Sommerfrische nicht ohne wiederholte Ermahnung int Walde und auf der Wiese sich herumtummeln lassen. Es ist allerdings nicht möglich, alle Eltern und jedes Kind mit den Erkennungsmalen der Gistpslanzen vertraut zu machen und allgemeine Warnungs­regeln aufzustellen, aber so viel kann man von jedem Kinde ver­langen, daß es keine anderen Früchte genießt als solche, die ihm als unschädlich ganz sicher bekannt sind. Kleineren Kindern gewölpie man ab, alle möglichen Beeren in den Mund zu stecken: größere muß mau für die Pflanzen überhaupt interessieren, damit sie diese in ihrem Blütenbau als Wunderwerke kennen lernen, und dabei wird sich die Kenntnis und .Gefährlichkeft bet Gift­pflanzen von selbst ergeben.

Beginnen wir mit bem in unseren Wäldern überall ver­breiteten Seidelbast ober Keller hals. Schon ansangs März düstet der kleine Strauch mit seinen lilafarbenen Blüten uns gar lieblich entgegen, und im Sommer leuchten seine runden, zinnoberroten Beeren so freundlich, daß sich schon ein Kind dazu verleiten lasseii lann, dieselben zum Munde zu führen. Die giftigen Beeren schmecken fade unb hinterlassen ein heftiges Brennen der Lippen, der Zunge und des Rachens, dem bald Ekel, Kopfschmerz und Schwindel folgen. Die ätzende Wirkung zeigt sich im Wundwerden des ganzen Speisekanals: Blasen ent­stehen, die Haut wird zerstört, und die Entzündung der Unterleibs- organe kann unter Umständen mit dem Tode endigen.

Au Kirchhossmanern, auf Schutthaufen unb Wegrändern wächst das B i l s e n t r a u t mit seinen schmutzigweißen Blüten und den klebrigen Drüsenhaaren an Stengel und Blättern. Dieser un­heimlichen Pflanze mit ihrem düsteren Totenkleide und ihrem Gradesgeruchc sieht man es ichon von weitem an, daß wenig Gutes von ihr zu erhoffen ist. Ihr ganzes Aeußere ruft uns ein warnendesRührmichnichtan" entgegen. Die Früchte sind becherförmige, vielsamige Kapseln, die einseitig dem Stengel an- haften. Ihr Genuß verursacht Hitze und Trockenheit in der Kehle. Neigung zum Brechen, Schläfrigkeit unb Angstgefühl. Aus ihrem Safte wurde zur Zeit des. Hexenglaikbens tye sogenannte.

Dotier Zaufts Lustreise.

Richt nur die Gegenwart versteht es, aviafische Möglichkeiten ganz grenzenloser Art sich auszumalen und diesen Träumereien:' fii za^lreickien Zukunftsromanen mehr oder minder dichterischen Ausdruck zu verleihen: auch durch das ganze Mittelalter gingen solche Ideen und ihren interessantesten Niederschlag fanden sie. in den Legenden über die Luftreise des Doktor Faust. Sie verdient es, in dem Zeitalter der Aviatik der Vergessenheit entrissen zu werden.

Doktor Faust selbst berichtet über sie in einem an den Leipzigers Arzt Jonas Viktor gerüsteten Brief, der sich in dem alten Buche Histoire prodigieuse et lamentable de Ioan Fauste" abgedrucktl findet. Nachdem* der Dollar Faust von vornherein den Vorrourfl zurückgewiesen hat, seine Reise sei Hilfe beschworener, bänwnisckx'r ober Hexenhafter Kräfte vor sich gegangen, erzählt er:Ms ich eines nachts schlaflos lag und an meine Kalender- und Almanach- Zusammenstellungen dachte, und an die Art unb Weise, wie das Wellgebäude mochte ersckwffcn unb zusammengesetzt fein. Der* nahm ich plötzlich ein, schreckliches Geräusch, Eiy Nächtiger Wixch*

Hexensa'lbe bereitet, durch deren Gebrauch Zauberinnen betrügerische Zuckungen an ihrem Körper hervorbrachten.

Ebenfalls auf Schutt- unb Komposthaufen vorkommenb, ist der Stechapfel mit seiner weißen, trichterförmigen Blute cme Giftpflanze, deren starkes Gift, bas Daturin, in den Blättern! unb in ben Samenkörnern der stacheligen Fruchtkapseln ent­halten ist. Am häusiasten kommen Vergiftungen durch den Genutz der Samen vor. Nach einer solchen Vergiftung entstehen Krämpfe, Lähmung der Glieder, kalter Schweiß, außerordentlicher Durst und Zittern.

Auf Gartenbeeten, an Zäunen und ebenfalls auf Schittt- I) auf en findet sich der in seiner Blüte der 'Kartoffel nicht un­ähnliche schwarze Nachtschatten. Er riecht betäubenb, moschusartig und enthält,^wie, mehr oder weniger alle feine Ver­wandten, einen giftigen Stofs, bas Solanin, namentlich in ben schwarzen Beeren. ...

In Gebüschen unb Hecken, besonbers an Bach ufern häufig, findet sich das Bittersüß, wieder eine Nachtsck-attenart mit bunkelvioletten Blüten und länglichen, scharlachroten Beeren, die anfangs bitter, nachher süßlich schmecken und giftig find.

Ein an Hecken und Lauben zuweilen angepflanzter Zierstrauch, der Bocksdorn oder Teufelszwirn genannt, mit langen, rutenförmigen Aesten, trägt ebenfalls violette Blüten und orangefarbene, süßlich schmeckende Beeren, die dasselbe Gift enthalten.

Durch ganz Deutschland verbreitet ist der gefleckte Schierling, auch wilde Peterfilie genannt. Er ist zwar nicht der giftige Wüterich wie der Wasserschierling, aber sein Vorkommen auf dem Petersilienbeet im Garten kann der Haus­frau einen recht schlechten Streich spielen. Im blühendeii Zu­stande sind diese beiden Doldengewächse leicht voneinander zu unterscheiden; die Blüten der giftigen Hundspetersilie sind weiß, die der echten gelbgrün. Da aber in der Küche nur die Blätter verwendet werden, so muß man wissen, daß die aebräuchlicho Petersilie nach dem leisesten Reiben sofort stark duftet, die der giftigen aber fast geruchlos sind.

In den Laubwaldungen der Lindchrcr Mark, am Dünsberg in der Nähe der Obermühle wächst in reichlichen Mengen die Tollkirsche. Ihr ftraud) artig er Stengel trägt glockenförmige, schmutzig violett-braune Blüten, ans denen sich die im Oktober reisenden Früchte entwickeln. Es sind dies glänzeud schwarze, fast kirschgroße Beeren mit violett-rotem, süßem Safte. Beim An­fassen fühlen sie sich klebrig, wie mit einem frischen Lncküberzng versehen, an. Den Beinamen Belladonna, d. h. schöne Fran, erhielt die Pflanze, weil man in früheren Zeiten aus dem Safte der Beeren eine Schminke bereitete, die bei Frauen Hauptfachlüh beliebt war.