Ausgabe 
25.7.1910 Erstes Blatt
 
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* Die große Sommersensation in Paris, das Geständnis des Lumpensammlers Bourreau, der sich als Mörder der Familie Brierre bezeichnete, deren Ober­haupt vor kurzem im Bagno gestorben ist, hat ein rasches Ende gefunden. Bourreau erklärte nämlich bei dem ersten strengen Verhöre, er habe mit der ganzen Geschichte nichts zu tun gehabt, sondern nur sein trauriges Dasein in einer interessanten Weise auf der Guillotine beschließen wollen. In Wirklichkeit scheint es Bourreau nur darum zu tun gewesen zu sein, sich für längere Zeit auf Staatskosten verpflegen und von einein Bruchleiden operieren zu lassen. Das hätte er sich allenfalls etwas billiger und sicherlich viel ehrlicher verschaffen können. Zur Beschwichtigung der Ge­müter, die bereits von einem furchtbaren Justiz­morde faselten, dürfte wohl die Versicherung des bekannten Pariser Anwalts Me. Comby, der zuerst mit der Verteidigung Brierres betraut war, beitragen, Brierre habe dem Vor-

Amtticher Wetterbericht

Oöffentliche Wetterdienststelle Gießen.

Verlauf der Witterung seit gestern früh: Die neue Zyklone über dein westlichen Ozean ift unter Verstärkung nach den britischen Inseln gezogen. Nach vorübergehender Aufheiterung gestern ist es über Nacht wieder trüb geivorden und der Wind frischt aus Süden mit Ter Wirbel dringt ostwärts vor, so daß wieder Regen eintritt.

Wetteraussichten in Hessen am Dienstag dem 26. Juli 1910: Regenfälle, starker bis stürmischer West, kühl.

Unwetter.

lieber das Unwetter am Freitag abend, das auch in der Um­gegend Gießens manchen Schaden angerichtet hat, wird gemeldet daß es in Berlin, am Niederrhein, der Mosel und in Franken arg gehaust habe. Wir geben noch folgende Meldungen darüber.'

Berlin, 23. Juli. Nachdem schon gestern nachmittag über­all reiche Ckroitter niedergegangen waren, setzte in den ersten Morgenstunden des heutigen Tages ein orkanartiger Sturm ein, der allenthalben bedeutsamen Schaden angerichtet hat. Vor allem in der Rheingegend und Süddeutschland wütete das Unwetter bedenklich, aber auch in Berlin richtete der Sturm mannigfache Schäden an.

Braunschweig, 23. Juli. Bei einem gestern über Braun- fchweig und Umgebung niedergegangenen schweren Unwetter bildete sich zwischen Fallersleben und Vorsselde eine Windhose, die an Feldern, Chausseebäumen und Däusern großen Schaden anrich­tete. Die sämtlichen gräflich Schulenburg-Wolfsburgschen Wal­dungen litten start; der große Park des Wolssburgschen Schlosses ist vollständig zerstört, dicke Eichen sind abgeknickt, das Dach des Schlosses ist völlig abgedeckt. Das Unwetter, das auch die Ernte saft vollständig vernichtete und in der Richturig nach Berlin weilerzog, währte nur etwa vier Stunden.

An Rhein und Mosel.

Köln, 23. Juli. Das gestrige Unwetter hat besonders die Orte Efferen, ^Fischenich und Messeling stark heimgesncht und an den dortigen Feld- und Gartenfrüchten großen Schaden an­gerichtet. In Fischenich ging ein W o l k e n b r u ch m i t schwe­rem Hagelschlag nieder und richtete außer auf den Feldern und in den Gärten auch an Wohnhäusern großen Schaden in. Die Telephonleitungen wurden zerstört. Auch in Frechen, Benzelrath und Brühl wurde strichweise großer Schaden an- gerichtet. Tie Frucht auf den Feldern liegt stellen­weise wie ni ed er g e w a l z t auf dem Boden.

K o ch e m an der Mosel, 23. Juli. Das gestrige Unwetter hat auch an der mittleren und unteren Mosel schauerlich gehaust. Viele S ch o r n st e i n e wurden Hingerissen und Dächer ibge deckt. In vielen Orten lief die Bevölkerung aus den 0entfern ins Freie. Hunderte von Bäumen sind ent­wurzel riuorbe n. Auf weite Strecken ist die ganze Ernte vernichtet. In vielen Weinbergen wurden die Rebstöcke rus dem Boden gerissen. Telephon- und Telegraphenstangen

Tendenz: Rinder lebhaft, Öchsen langsam, geringer Üeber- stand, Kälber flott, geräumt, Schafe ruhig, Schweine ruhig, bleibt Ueberstand.

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Kleine "Scheidegg, 25. Juli. Sechs Touristen, die vorgestern führerlos eine Besteigung der Jung­frau unternahmen und von einem heftigen Sturm über­rascht wurden, wurden glücklich geborgen. Tie drei unter ihnen befindlichen Deutschen sind: Dr. Secklmann, Arzt, Berlin; Rechtsanwalt Dr. Sauser z. Zt. Wien; Chemiker Dr. Thiel z. Zt. Monza (Italien).

Paris, 25. Juli. Bis jetzt sind die Ergebnisse von 842 General ratswah le n bekannt. Gewählt sind 118 Konser­vative, 92 Progressisten, 545 Republikaner, Radikale, Radikal­sozialisten und geeinigte Sozialisten, sowie 38 unabhängige Sozia­listen. 49 Stichwahlen haben stattzufinden. Tie Konservativen gewannen 17 und verloren 31 Sitze, die Progressisten hatten 29 Verluste und 9 Gewinne, die Radikalen usw. 32 Verluste und 52 Gewinne und die unabhängigen Sozialisten 1 Verlust und 15 Gewinne.

Madrid, 25. Juli. Das Befinden des früheren Mi­nisterpräsidenten Ma uva ist befriedigend, er wird in einigen Tagen wieder völlig hergeftellt sein.

Algier, 25. Juli. Bei den Gemeinderatswahlen siegte zum erstenmal seit 7 Jahren wieder die antisemitische Partei mit großer Mehrheit.

lürebe rrud Sdiuk.

-a- K i n z en da ch , 24. Juli. Heute nachmittag feierte unsere Gemeinde em Mi,nonsfest, bei dem Misere geräumige Kirche die Zahl der tfeftgalie kaum fassen konnte, die der Predigt des Pfarrers S o h n i n s aus Dorlar (1. Könige 18, 18-39) lauschten Die Nachversammlimg fand wegen der rauhen Wilterung gleich­falls in der Kirche statt, die dann überfüllt war. Missionar Stursberg vom Johaimeum Moers (Rheinland) wußte im Anschluß an die Schrntstelle Römer 1, 16 in fesselnder Weise von der Misswnsarbclt unter den Dajaken ans der Insel Borneo zu berichten. Pfarrer G e i b e l sprach das Schlußwort, indem er an das Gleichnis vom Senfkorn (Matth. 13, 31 und 32) anknüvfte. Der Gottesdienst und dieNachversammlimg wurden verschönt durch Vorträge des Kinderchors und des Rodheimer Posauuenchors. Die MiiNonsschnften sanden willige Abnehmer und die Kollekte wurde für die Rheinische Mistion bestimmt.

(milchwirt sch östliche Erzeugnisse und Geräten, desgleichen Gruppe 11 (winemchailliche Arbeiten aus dem landwirtschastlichcn Bau, Me- liorattvltt' und Bersuckswesen). Den Ausstellern von Gruppe 7 (Erzeugultte des Pflanzenbaues- steht auf Wunsch Herr Landwirt schattslehrer .Heck Alvfeld mit Rat und Tat zur Seite, den übrigen Jnterc'ttenten der Obstbauverein und die Vertrauensmänner der Zuchlveretne. Weiler «wurde darauf aufmerksam gemacht, das Ausstellungsgut bis zum Gebrauch sorgfältig aufzubewahren, das Getreide |ei namentlich vor Mäusen zu schützen. Dann ivurde der Vorschlag gemacht, die Körner anstatt in Säckchen in Zhlinder gläsern auszustellen (und zwar des besseren Aussehens halber Dieser Vorschlag soll der Ausstellungsleitung übermittelt werden Außerdem ivurde noch! darauf aufmerksam gemacht, bei der An­meldung zur Ausstellung zugleich den nicht zu knapp bemessenen Raum anzugeben, ob Wand oder Tischplatz gewünscht wird usw Den Gemeinden, örtlichen Vereinen usiv. wurde empfohlen, Einzel­oder Sammlungsklassen zu bilden, es sei jedem unbenommen außerdem noch für sich besonders aitszustellen. Vom Vorsitzenden wurde hierauf noch erinnert, daß in Verbindung mit der Kreis- schau ein (V c ft $ u g mit Wagengruppen geplant sei (Sonntag 2.-). .September«, die landw., gewerbliche und sportliche Darstel­lungen veranichaulichen sollen. Ein besonderes Programm hier­über wird noch ausgearbeitet. Weiter soll an diesem Tage ein Volkstrachtenseft stattsinden, für das besonders die Ge­meinden aus dem Schlitzerland, sowie Angersbach und HerbstAn interessiert werden sollen. Eine an einem Sonntag in Lauter­bach abzuhaltende allgemeine Versammlung soll sich näher mit dmer Angelegenheit befassen. Der Vorsitzende bat die Bürger­meister, uch der Sache nut regem Eifer anzunehmen, damit etwas gutes zustande kommt.

lH Ans dein Kreise Büdingen, 25. Juli Seit mehreren Jahren züchtet mau vielfach Fohlen, die im Alter von 3-4 Monaten nbgeiegt, den Züchtern namhafte Ei n n a h m e n schaßten. Besonders hoch un Preise sind die Fohlen im oegen- wartigen Jahr. In mehreren Gemeinden erstandeil die Unter­händler namhafter bayerischer Finnen Saugfohlen im Akter von ea. 3 Dtoimteii zu 340370 Mk. Die Nassen, welche so hohe Preise erzielen, sind Kreuzung mit schweren Belgiern. Die bevorstehenden Pferdemärkte, Schotteil :c. werden mit schönen Tieren beschickt sein Die Heuernte ist immer noch nickst völlig beendet und schon' winkt die (Srummeternte. Drckwurz haben unter der Nässe ge° tttteu, Unkraut überwlichert die Pflanzen. Für das Gedeihen der Spätkartoffeln müßte jetzt mäßig ivarm die Sonne scheinen wenn nicht Fälilnis einlreten soll. '

liegen geknickt am Boden, so daß der Telephon^ und Telegrapheir- verkehr gestört ist. In Clotten wurde ein Dach auf den Bahn- lorper geworfen und dapurch der Verkehr stundeirlaiig unter- brockwn. Die Züge erlitten erhebliche Verspätungen. Auch aus Luxemburg werden große Sturmschäden gemeldet.

Eine Schreckcnsnacht in Nürnberg.

Ungewöhnlich heftig hat das Unlvetter in Franken gehaust, und besonders ein Wirbelsturm in Nürnberg hat Stadt und Umgebung gewaltig verwüstet. DerLok.-Anz." bringt dar­über folgende Meldung.^

Nürnberg, 23. Juli. Ein furchtbarer Wirbelsturm mit einem überaus heftigen Gewitter ging in dieser Nacht über Nürn­berg und die Umgebung nieder und richtete gewaltige Verheerungen an. Der Blitz schlug an zahlreichen Orten ein; die Stallungen der Burg wurden auch davon getrosfeu, so daß jetzt Einsturz­gefahr besteht und man Sicherheitsmaßregeln treffen mußte. Eine ganze Anzahl Häuser sind zerstört worden, ein Feuer­wehrturm bei Schweinau wurde total abgedeckt, ebenso die An- toiiiuskirche. Aucki an anderen Gebäuden wurden vielfache Be­schädigungen angerichtet. Der Stadt park, eine der schönsten Anlagen Nürnbergs, bildet einen einzigen großen Trumme r- h a u f e it, die ältesten Bäume wurden umgeknickt, entwurzelt und durcheinandergeworfen. Alle Telephon- und Telegraphen­leitungen sind nahezu ganz zerstört. Auch am Dutzendteich und int Luitpoldhain sind die Verwüstungen groß. Und das geschah alles in knapp einer halben Stunde. Ebenso furchtbar wie in Nürnberg hat der Sturm in Hersbruck und in der Frän - kischen Schweiz gehaust. Au.ch dort wurden die Hausdächer abgedeckt, die Telegraphenleitungen umgeworfen und besonders großer Schaden in den Hopfenpflanzungen angerichtet.

In Frankreich.

Paris, 24. Juli. Die Morgenblätter bringen vielfach Meldungen über Schäden und Unfälle infolge der vorgestrigen Gewitter. Unter anderem traf der Blitz bei Vaucelleh eine Anzahl Schulkinder, die gerade aus der Schule nach Hause zurückkehrten; ein Knabe wurde getötet und mehrere verletzt.

Da8 Unwetter in Oberitalien.

Mailand, 24. Juli. Nach bcn letzten Nachrichten aus Sa­ra n n o ist kein Haus vom Sturm unbesckstidigt geblieben: drei Personen wurden getötet und mehrere verwundet. In Solario und einem Teil der Gemeinde Ceriano Laghetto zerstörte der Sturm eine Ziegelsteinfabrik; vierzehn Tote und viele Verletzte wurden aus den Trümmern gezogen. In Busto Arsizio wurde eine Anzahl Arbeiter durch einen herab stürzenden Fabrikschorn- ftein verschüttet. Etwa zehn Leichen wurden geborgen, andere jollen noch unter den Trümmern begraben liegen. Auch in Mos- ciano richtete der Gewittersturm schweren Schaden an; fünfzehn Personen wurden teils schwer, teils leicht verletzt. Aus dem Distrikt Gallarate werden ebenfalls schwere Besckstidigungen ge- metbet Die telegraphischen und telephonischen Verbindungen sind teilweise zerstört. Der Präfekt sandte Truppen und Feuerwehr­abteilungen zur Hilfeleistung ab und begab sich selbst nach dem betroffenen Bezirk.

Mailand, 24. Juli. Nach bcn letzten Nachrichten sind burch bcn Sturm folgende Unglückssälle verursacht worden, die hauptsächlich auf das Umstürzen von Fabritschornsteinen zurück­zuführen waren: In bcn Fabriken von Vasanghello lourben acht Personen getötet uub viele verletzt; in einer Fabrik zu San Viktore Olona wurden drei getötet und dreißig verletzt; in den Fabriken zu Legnano wurden drei getötet und verschiedene ver­letzt ; in einer Seidenfabrik zu Rogeno wurde eine Frau getötet und dreißig Personen verletzt; in einer Weberei zu Galliate wurden eine Frau getötet und neun Personen verletzt; in einer Fabrik zu Canegrate wurden drei getötet und verschiedene Personen verletzt. Ein kleines Haus in Manera bei Rovellasea wurde durch einen Blitz zerstört, wodurch zwei Personen getötet wurden. In der Nähe des Bahnhofs Rovellasea stürzte ein Haus zusammen, wodurch drei Personen getötet und verschiedene verletzt wurden. In Cantu wurden verschiedene Häuser stark beschädigt und drei Personen verletzt. In manchen Distrikten sind die Felder stark verwüstet, Bäume entwurzelt und kleine Häuser zerstört lvorden. Insgesamt wurden während des Sturmes etwa fünfzig Personen getötet und einige Hundert schwerer oder leichter verletzt. Saronno und die Um­gegend wurden am härtesten getroffen, aber auch Busto Arsizio hat schwer gelitten. Im Distrikt von Monza ist der verursachte Schaden ein sehr großer; die zum Gedächtnis an König Humbert erbaute Kapelle ist ebenfalls besckstidigt. Im Bezirk Bergamo wurden nur Felder verwüstet. Ter Präfekt blieb während des größten Teils der Nacht im Umvetterdistrikt. Die Rettungs­arbeiten wurden überall mit Energie in die Wege geleitet.

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MM