Nr. 171
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160. Jahrgang
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_________ 'Anzeigenteil: p. Beck.
Montag 25. Juli 1910
Gietzener Anzeiger
Line neue französische Vorgeschichte des Krieges von 1870/H.
o Pcrris, 23. Juli.,
Die diplomatische Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 die von dem Minister des Aeußern Pichon im Jahre 1907 angeregt wurde, ist nunmehr teilweise in zwei Bänden fertig, die die Verwicklungen wegen Schleswig- Holsteins mit Dänemark vom Dezember 1863 bis zum Mai 1864 umfassen. Diese Arbeit, die auf Grund von Schriftstücken der nationalen Archive von den berufensten Forschern unternommen wurde, muß natürlich erst nach eingehendem Studium besprochen werden. Der Zweck wird bereits durch den den erschienenen Bänden vorausgeschickten Bericht des Ministers Pichon an den Präsidenten Falliöres gekennzeichnet, anr besten durch folgende Stelle: /
„In Frankreich haben gewisse Personen, die die schwere Aufgabe der Regierung in der Zeit der Trauer hatten oder die unter verschiedenen Titeln an der Verteidigung des Gebietes teil- gcnommen, fragmentarische Erzählungen über den Krieg veröffentlicht, denen es gewiß nicht an Künst und Interesse fehlt. Auch allgemeine Geschichten sind geschrieben worden, in vielen Hinsichten wertvolle, aber notgedrungen unvollständige und manchmal tendenziöse. Es wäre notwendig, um die bisher unvermeidlichen Lücken auszufüllen, im Geiste völliger Unparteilichkeit die Schriftstücke zu vereinigen und zu veröffentlichen, die gestatteten, bei völliger Sachkenntnis die Geschichte einer Epoche zu erzählen, die so überaus reich an Lehren ist. Diese Veröffcnt- ttchung würde eine Sammlung verifizierter und kontrollierter Tatsachen bilden, deren dauernde Lehren den Geschichtsforschern deutlich vor Augen treten und sich für unser Land ergeben würden. Eine Demokratie, wie die unsere, deren Schicksal mit diesen Ereignissen verknüpft ist, in deren Verlaufe sie die volle Ausübung ihrer Souveränetät übernommen hat, hat das Recht, über die ganze Wahrheit unterrichtet zu werden, um ein billiges Urteil über die Menschen und die Dinge zu fällen, deren Wirksamkeit auf ihre Geschicke so tief einschnitt. ... Die Folgen des Krieges waren unbegrenzt; welche Ideen auch zur Zeit darüber vorliegen mögen, das Interesse erscheint als hauptsächlich, die Rolle und die Verantwortung eines Jeden in seiner Vorbereitung, in seiner Erklärung und in den Verhandlungen zu bestimmen, die ihm vorausgingen, ihn begleiteten und ihm folgten. Von nicht minder großem Interesse ist es, die Ursachen unserer Iso-! l i e r u n g in dem Augenblicke darzulegen, dadie Feindseligkeit en begannen, und auch die Motive, aus denen gewisse Mächte, auf deren Hilfe wir uns zu zählen berechtigt glaubten, uns im Stiche ließen."
Oslitpche Tagesscharr.
Die Stimmung im nationalliberalen Lager.
In der „Nationalzeitung" macht Oberbürgermeister Befeler interessante Ausführungen über „Die nationalliberalen bei den nächsten Reichstagswahlen". Er schreibt recht bedeutungsvoll:
Vor kurzem hat der Führer der nationalliberalen Partei, der Abgeordnete Bassermann, sich in einer öffentlichen Versammlung dahin ausgesprochen, daß man die Fragen, inwieweit bei der nächsten Reichstagswahl unter Umständen von der national- liberalen Partei auch eine sozialdemokratische Kandidatur zu unterstützen sei, prinzipiell weder bejahen noch verneinen könne, daß man sich also für jeden einzelnen Fall die Entscheidung Vorbehalten müsse. Diese Aeußerungen sind, und mit Recht, in berj Presse sowohl aller Parteien symptomatisch für die Entscheidung der Fragen vorgesehen, ob die nationalliberale Partei in ihrer jetzigen Zusammensetzung noch weiter b e»‘
ft e I) c n könne, oder ob sie sich auf neuer Grundlage unter dem Gesichtspunkte konstituieren muß, daß der mehr n a ch l i n k s gravitierendeTeilihrerMitgliederausihraus- scheidet. Die. Frage dürfte zu bejahen sein.
Wenn die nationalliberale Partei nicht ihre Vergangenheit verleugnen und die ihr obliegenden politischen Aufgaben verkennen will, so darf sie unter keinen Umständen bei den nächsten Reichs- tagSwahlen irgendwo eine sozialdemokratische Kandidatur unterstützen. Alle anderen Parteien müssen bei dieser Gelegenheit von ihr als befreundet angesehen, allein die sozialdemokratische Partei muß bis aufs Messer bekämpft werden.
Eine solche Scheidung wird selbstverständlich bent rechten Flügel der Partei von feiten der früheren Freunde und von seilen der noch werter links stehenden Parteien, ganz abgesehen von den Sozialdemokraten, den Vorwurf der Fahnenflucht, des Preisgebens der liberalen Ideen in erhöhtem Maße eintragen. Wie fleht es um diesen Vorwurf?
In manchen wichtigen Fragen, deren Lösung im liberalen Sinne dem alten Liberalismus sehr am Herzen lag, ist die Diskussion längst ganz oder im wesentlichen geschlossen. Sie haben ihre Erledigung im wesentlichen in dem Sinne gefunden, in den: sie die früher sogenannten Altliberalen erstrebten. Dazu ist vor allem die Selb st Verwaltung zu rechnen, die zum Teil bis zu Konsequenzen durchgeführt ist, die auch einem sehr gemüßigten Liberalen wohl die Frage nahelegen, ob die Organe der Selbstverwaltung wirklich immer die Hoffnungen erfüllen, die die Gesetzgebung auf ihre Tätigkeit gesetzt hat, als sie sie ins Leben rief. Aber sie einzuschränken, dazu würde jetzt auch ein konservativer Politiker sich schwerlich bereit finden. Sodann besteht fast in allen Bundesstaaten eine Verwaltuugsgerichtsbarkeit, die, wie die Straf- und Zivilgerichte für das Strafrecht und Privatrecht, durch ihre Zusammensetzung eine unabhängige sach^ gemäße Rechtspslage für das öffentliche Recht garantiert.
Der einer Reichstagskommission vorliegende Entwurf einer neuen Strafprozeßordnung sieht eine Beteiligung des Larenelements an der Strafrechtspflege in der Frage erster' Instanz vor und kommt damit 'einer hauptsächlich von liberaler Seite geltend gemachten Forderung im weitesten Maße entgegen. In der Frage der Wehrhaftigkeit des Reichs zu Wasser und zu Lande hat die nationalliberale Partei nie gezögert, die Mittel zu bewilligen, die nach überzeugenden Ausführungen seitens der Negierung für die Sicherheit des Reichs erforderlich waren. Der zur Sanierung der Reichsfinanzen vom Bundesrat vorgelegte erste Enttvurf bot die Möglichkeit, wenigstens für längere Zeit die Finanzen wirklich zu sanieren. Er ist gescheitert und an seine Stelle ein Steuergesetz getreten, das höchst wahrscheinlich neben anderen Mängeln auch den Mangel hat, daß nach nicht langer Zeit eine nochmalige starke Anziehung der Reichssteuerschraube unvermeidlich sein wird. Bis in die neueste Zeit hat ohne Frage eine gewisse Bevorzugung des Adels in der militärischen und in der Verwaltungskarriere in Preußen stattgefunden. Dies ist von liberaler Seite wiederholt mit Recht der Regierung gegenüber als ein zu beseitigender Zustand hingestellt worden. Es hat den Anschein, als ob hier von der Regierung Wandel geschaffen werden soll.
Würde nun wirklich, wenn man die vorstehend geschilderte Lage betrachtet, der Teil der nationalliberalen Partei, der, namentlich mit Rücksicht auf die bevorstehenden Reichstagswahlen, den Kampf bis aufs Messer gegen die Sozialdemokratie und deshalb eme Trennung von dem Teil der Fraktion will, der dieser Umsturzpartei lange nicht so schroff'gegenübersteht, wirklich dadurch Fehler gegen die Grundsätze des gemäßigten Liberalismus begehen?
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Rene münzpolsieiliche Vorschriften.
Der Bundesrat hat neue münzpolizeiliche Vorschriften erlassen, nach denen Medaillen, Marken, wie Reklame-, Rabatt-, Spiel-, Speise- und sonstige Wertmarken nicht das
Bildnis des Kaisers oder eines Bundesfürsten in der auf den Reichsmünzen befindlichen Gestaltung tragen oder mit einer auf dem Rande befindlichen Schrift Persehen sein dürfen. Auch dürfen sie nicht die Bezeichnung einer jim Deutschen Reiche geltenden Münzgattung oder die Angabe eines Geldwertes enthalten. Marken der vorerwähnten Art dürfen nicht mit einem Durchmesser von mehr als 20 bis einschließlich 22 Millimeter heraestellt werden. Unberührt von dreser Vorschrift sind Medaillen und Marken von ovaler oder von drei- bis achteckiger Form. Die Beschränkungen finden auch keine Anwendung auf solche Medaillen und Marken, die für das Ausland hergestellt und unmittelbar ausgeführt werden. Es ist verboten, Münzen die aus Grund der Reichsmünzengesetze vom Bundesrat außer Kurs gesetzt sind, nachzumachen, solche nachgemachten Münzen in Verkehr zu bringen oder sonst zu vertreiben, sofern diese nrcht vermittels einer festen metallischen Verbindung Bestandteile anderer Gegenstände bilden. Als Strafen sind, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine höhere Strafe erwirkt wird, Geldstrafe bis 150 Mark oder Haft bis sechs Wochen angedroht. Die Bestimmungen treten am 1. April 1912 in Kraft.
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Wieder ein Schwurgerichtsirrtum in Frankreich.
Trotz aller Anordnungen an die Schwurgerichtshöfe, den Geschworenen auf Fragen Rechtsbelehrungen über die Strafen zu geben, die nach ihren Sprüchen verfügt werden müßten, nehmen, so schreibt man uns aus Paris, die eigenartigen Irrtümer der Volksrichter in Frankreich noch immer nicht ab. Man hat wiederum einen sehr krassen Fehlgriff dieser Art seitens des Schwurgerichts von Ehalon für Saone zu per- zeichnen. Unter Anklage des Mordes einer 84jährigen Frau standen deren Enkelin, die 32jährige Bäuerin Perrin und der Knecht dieser, Toussaint Guignot, vor den Geschworenen. Die habgierige Bäuerin hatte dem stumpfsinnigen Mcuine versprochen, seine Geliebte $u werden, wenn er die „Alte", die ihr zur Last läge, erstickte. Der Knecht gestand auch zu, die kraftlose Greisin erwürgt zu haben. Run billigte die Jury dem Knechte mildernde Umstände zu, verweigerte sie aber der angeklagten Bäuerin in der Meinung, daß sie, da sie nur Anstifterin der Tat gewesen, aber sie nicht vollbracht hatte, nicht die Todesstrafe zudiktiert erhalten könnte. Als aber der Gerichtshof auf Grund dieses Spruches den Mörder nur zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilte, die Frau dagegen zum Tode, bemerkten die braven Geschworenen, daß sie einen verhängnisvollen Irrtum begangen hätten. Es blieb ihnen weiter nichts übrig, als sofort ein Gnadengesuch für die von ihnen dem Henker Bestimmte an den Präsidenten der Republik zu richten. Vielleicht wird dieses Gesuch indessen gegenstandslos werden, da der Advokat der Verurteilten zwei Fälle der Richtigkeits-Erklärung bei dem Verfahren entdeckt und deshalb bei dem Kassationshose die Umstoßung der ganzen Verhandlungen beantragt hat.
3um Anschlag auf Nlanra.
Barcelona, 23. Juli. Der Angreifer M-mras Roca, ist ein 18jähriger Bursche,,dessen Vater und Bruder
Die Streitigfeiten Zum Berliner Lmversitätsjubiläum.
Zum Berliner Universitäts-Jubiläum werden vom studentischen Jubiläumsausschuß durch Anschlag in der Universität die Richtinlorporierten zur Teilnahme an den Festlichkeiten eingeladen. Zugleich stellt der Ausschuß folgendes gegenüber den fortlaufenden irrigen Gerüchten und Behauptungen über den Zwiespalt in der Studentenschaft fest:
Nach monatelangen Verhandlungen zwischen den einzelnen Gruppen gelang es dem Rektor endlich, eine Mittellinie zwischen den weitausein.andergehenden Forderungen in dem Vorschlag zu finden, daß die einzelnen Teile der Feier je einer der Gruppen zur verantwortlichen Leitung übertragen tourben. Hierbei erhielten die Nichtinkorporierten auf ihren Wunsch die Leitung des Gartenfestes sowie die wichtigste der studentischen Reden bei den Festlichkeiten, den Trinkspruch bei dem Bankett. Damit erklärten sich die Vertreter der einzelnen Gruppen einverstanden. Nachdem die Konstituierung des Ausschusses auf zwei Sitzungen durch Anträge des 30er Ausschusses der Nichtinkor«- porierteu verhindert war, wurde auf einer dritten Sitzung die Verteilung der einzelnen Festlichkeiten unter den Gruppen entsprechend dem obigen Vorschläge vorgenommen.
Als hierauf nach Erledigung der wichtigsten Fragen die Konstituierung erfolgen sollte, verhinderte der 30er Ausschuß der Nichtinkorporierten dies zum dritten Mal. Einige Tage vorher war dem Rektor ein Schreiben zugegangen, in dem die Nichtinkorporiert en sich mit den Einigungsvorschlägen einverstanden erklärten, bei der Aufzählung der ihnen zugedachten Vertretungen aber etwas völlig Neues, den zweiten Vorsitz im Präsidium, verlangten. Hiervon war bei den Verhandlungen mit den Korporationen nie die Rede gewesen. Der Rektor glaubte nach dem Ton des Schreibens nicht, daß an diesem Punkte die Einigung scheitern könnte, und dankte daher dem 30er Ausschuß für seine Zustimmung. Die Korporationen könnten dem Antrag betreffs des zweiten Vorsitzenden nicht zustimmen, weil das Präsidium überhaupt keinen Vorsitzenden, sondern nur einen im stillen tätigen, nicht öffentlich repräsentierenden Geschäftsführer haben sollte. Dennoch beantragten die Sprecher der Korporationen, daß, falls ein Vertreter dieses Geschäftsführers nötig sein sollte, dieser nur aus den Reihen der Nichtinkorporierten genommen werden dürfte. Damit war die Forderung der Nichtinkorporierten grundsätzlich anerkannt, intb trotzdem verhinderten diese die Abftimniung, indem sie nach Ablehnung ihres nunmehr überflüssig gewordenen Antrages die Sitzung verließen.
Aus. dieser Organisationsfrage machten sie so eine Kraftprobe für die Zukunft und spannten, da sie zudem dem Rektor erklärten, zwar im Ausschuß verbleiben, aber nicht mit den Korporationen zusammen arbeiten zu wollen, den Bogen mit ihrem Entweder — Oder so straff, daß dieser unmögliche Zustand nur durch die Auflösung des Ausschusses beseitigt werden konnte. Neuwahlen unter den Nichtinkorporierten stn Sommersemester ver
hießen keinen Erfolg, sondern nur neuen Hader und unfruchtbare! Stockung. Daher wurden die Korporationen zu einem neuen Ausschuß berufen mit Recht und Pflicht der Kooptation aus den Kreisen der nichtinkorporierten Studentenschaft, die durchaus nicht mit der freien Studentenschaft gleichbedeutend äst. Die Kooptation wurde von den Korporationen so aufgefaßt, daß Kommilitonen, die das Verhalten des 30 er-Ausschusses nicht billigten, aber eine Beteiligung von Nichtinkorporierten schon bei der Vorbereitung der Festlichkeiten wünschten, in den Ausschuß aufzunehmen wären. Es meldeten sich in der Geschäftsstelle des Ausschusses etwa 50 Nichtinkorporierte zum Eintritt, von denen -zwölf mit Zustimmung des Rektors beigetreten sind. Diesen Nichtinkorporierten fällt öie Leitung des Gartenfestes zu, außerdem find sie in allen Kommissionen und im Präsidium vertreten.
Gegenüber dem Vorwurf planmäßiger Zurücksetzung durch den Rektor ist es interessant, festzustellen, daß der Führer der freien! Studentenschaft, stud. jur. Knoll, dem Rektor im Beisein des Richters und Prorektors zugeftanden hat, daß dieser die ganze Zeit hindurch unparteiisch vorgegangen sei, und daß Herrn Knolls Nachfolger kurz vor jener Phllharmonie-Versammlung dem Rektor im Beisein des Universitätsrichters bekannte: „Die Sache sei leider in die Hände der Hitzköpfe geraten/' Was nun die ver-, schiedenen Zeitungsmeldungen von einer mangelnden Feststimmung in der Studentenschaft betrifft, so sind sie als durchaus irrig zu bezeichnen. Im Gegenteil wird in allen Kommissionen mit großer Freude gearbeitet, und die zahlreichen Anmeldungen, besonders auch aus den Kreisen der Nichtinkorporierten, versprechen den schönsten Verlauf des Festes.
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„vom geschlagenen Hunde".
Ein typisches Beispiel jener „überfeinerten" impressionistischen Dichtungen, die mit viel wichtiger Empfindung in das gequälte Menschenleben hinaingreifen, findet sich in dem Büchlein „Begegnungen mit mir" von Eatherina Godwin (Verlag Hans von Weber, München). Der Vater dieser Gattung des literarischen hors d'veuvres ist Peter Altenberg. Seine Schülerin ist natürlich noch feinininer als der Wiener Dandy. Die Dichtung „Vom geschlagenen Hunde" lautet:
Lustig finb die Straßen
Und ich darin. Jin braunen Sannnetkleid und papageigrünen Lederhandschuhen, aus dein Hute freudig nickend die Straußenfeder.
Was fmaut ihr Leute?
Ihr lächelt, ihr schacst und dreht euch um. Das hübsche Mädchen, sagt jemand, ich schreite wippend heiter auf hohen Stöckeln, wie jung ist alles und wieviel Sonne.
Lustig sind die Straßen!
In einem Haustor heult es auf. An mir vorüber stürzt ein Hund. Jemand, den ich nicht sehe, schreit und ivirft knallend die Türe zu.
Hund! Er steht entfernt, er horcht, er sieht mich an.
Komm, Hund! Er duckt sich, ein häßliches räudiges Vieh, ab- gemagertjmb rasselos und kriecht auf dem Bauche, sein zerlumptes Fell im Schmutze schleifend, zögernd ein wenig heran.
Ich strecke die Hand mit dem papageigrünen Handschuh ihm entgegen, da zuckt er zusammen, springt auf und jagt «hetzt, ac- angsligt, hinkend, feige um die nächste Ecke.
Ich gehe um die Ecke.
Er ist fort. Ich gehe weiter und weiter.
Mein Kopf schmerzt, etwas sitzt daraus und etwas wippt wie em Pecpendickel bei jedem Schritt.
Das ist die ntefenbe Straußenfeder.
Ich höre etwas klappern: klapp, klapp.
Das sind die hohen Stöckel.
Ich sehe auf meine Hände; sie sind grün wie Spinat.
Ich schäme mich.
Es ist ein lustiger Tag.
Viele Leute kommen vorbei, sie sehen mich nicht an, sie lächeln mir nicht zu, sie schauen nicht hinter mir her. Achtlos schreiten sie vorbei. Und doch trage ich das gleiche braune Sammetkleid und e» frD^F.peni:)e Feder und die papageigrünen Handschuhe wie vor fünf Minuten.
Warum wohl?
Wachsfrauen starren aus einem Laden. Sie haben prächtig gewelltes Haar und goldene glänzende Kämme und lächeln stereotyp und einladend mit zu kleinen überroten Mündchen.
An der Seite ist ein großer Spiegel.
Ich stehe vor dem Spiegel.
Da schauen aus einem weißen Gesicht die gequälten, verängstigten, verirrten Augen des räudigen Hundes.
Hat man diese wundersame Dichtung voll genoffen, so singt man wohl hinterher das bekannte Lied: „Muttep mir tut der Bauch so weh . .
— Der „deutsch e Gruß" auf dem deutsch eit Danzlehrertag zu Halberstadt. In den Tagen vom 19.—23. Juli hielt die Genossenschaft der deutschen Tanzlehrer ihre 19. Jahresversammlung ab unter Teilnahme auch englischer rmd holländischer Abgesandten. Die Tanzlehrer waren von dem Allgem. Verein für deutschen Gruß zu Darmstadt um Stellungnahme zur Frage des Grußes durch Anlegen der Hand an die Kopfbedeckung dem deutschen Gruße, ersucht worden. Schriftführer S ch m r d t - Halberstadt führte aus: Es fei erwünscht, den schwerfälligen Grmß durch Hutabnehmen durch eine leichtere, moderne und gefälligere Grußform zu ersetzen tote dres un Auslande überall schon geschehen sei. Um jedoch die un Ausland zutage getretene vollkommene Willkür in der Wahl der Grußform nicht auch auf Deutschland über-


