nachhaltigen Einfluß ausgeübt 'hatte, abaewendct Der Rückgang in der Zahl der Arbeitsuchenden m Frankfurt a. M. wird auf die Beilegung der Aussperrung zurückgcführt. Bewnders vnlangt wurden Maschinenarbeitcr und Dreher, wahrend Maichmenfchloner seltener gesucht wurden. Bon Interesse ist, wie die Fusion der Lahmeyerivcrke mit der A. E. (*. auf den Arbettsmarkr ver Frankfurter Metallindustrie einwirkt, da einige Zweige des Unternehmens nach Berlin verlegt werden sollen. Auch ist an> iunehmen, das; durch den Umzug einer großen MaichinemabrU in Bockenheim eine größere Anzahl von Arbeitern cmgcftcllt ivird Aii Elektromonteuren ist nach wie vor Mangel vorhanden. Spengler nnb Installateure werden anhaltend verlangt. Ebemo hat eine große Konstruktionswerkstätte eine große Zahl von Bauschlossern eingestellt. In der Regel wurden allerdings Bauschlosser im Alter von 21—24 Jahren verlangt, xie Batfache, daß auch ältere Baufchlosser, Spengler und Installateure ge,ucht wurden, darf als ein Zeichen gelten, daß die Arbeit in das Gleichgewicht kommt. In der Branche der Lüstersabrikation wurden Gürtler, Schleifer, Drücker und Graveure verlangt. Auch die Heizungsbranche arbeitete gut. Zu erwähnen wäre noch die Eröffnung einer Fabrik für Luftfchijfmvtorcn, die vorerst allerdings wenig Arbeiter beschäftigt. Ter Streik in einer Firma in der Nähe von Frankfurt a. M. wurde beendet, jedoch konnten bis jetzt noch nicht alle Arbeiter wieder eingestellt werden. Die Ge- samtlage der Metallindustrie kann als gut bezeichnet werden. Die Beobachtungen, die in Frankfurt a. M. gemacht sind, kehren auch in den Berichten von Mainz und Offenbach wieder. In der Holzindustrie war in der Möbelbranche ein Rückgang zu verzeichnen; besonders berichten hierüber Frankfurt a. M., Kassel intb Mainz. Dagegen war die Nachfrage nach Glasern und KUfern sehr stark. Bei den Sattlern und Tapezierern hielt sich der Beschäftigungsgrad in Mainz auf der bisherigen Höhe, während in Frankfurt a. M. ein Rückgang verzeichnet wird. 3m Bekleidungsgewerbe macht sich der Jahreszeit entsprechend ein Abflauen bemerkbar. Im Baugewerbe nimmt der Beschäftigungsgrad ab. Besonders aus Darmstadt wird berichtet, daß aus den umliegenden Ortschaften viele Maler, Weißbinder stnd Lackierer den Arbeitsnachweis aufsuchen, um Stellen als Haus- und Laufburschen oder Taglöhner zu finden. Im Buchdruckgewerbe macht sich die Vergrößerung einer Frankfurter Zeitung durch die Einstellung einer größeren Zahl von Gehilfen bemerkbar. Nach dem Bericht des Arbeitsnachweises der Tarisgemeinschaft fiel die Zahl der Arbeitslosen von 66 auf 49. Diese Verringerung trat aber hauptsächlich bei den Setzern ein, deren Zahl von 45 auf 28 fiel. Dagegen waren am Monats- schluß fünf Drucker mehr arbeitslos als am Anfang des Monats. Der Bezirk Frankfurt a. M. der Deutschen Buchdrucker verausgabte an Unterstützungen im Oktober an 82 Mitglieder für 1243 Tage 2725,50 Mk gegen 107 Mitglieder für 2294 Tage 4947,75 Mark im Vorjahre und an Reiseunterstützungen an 59 Mitglieder für 233 Reisetage 280,50 Mk., gegen 98 Mitglieder für 414 Reisetage 507 Mark im Vorjahre. Aus der Kartonnagen- industrie ist zu berichten, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Buchbindereien, Kartonnagen- und Papierwarenfabriken in eine Lohnbewegung eingetreten sind. Beschlossen wurde in einer Versammlung am 26. Oktober, daß überall die Kündigung eingereicht werden sollte; der Streik sollte am 12. November beginnen. Die Beschäftigungsgelegenheit im Gastwirtsgewerbe ist weiter zuririgegangen. Die flöht. Arbeitsvermittelungsstelle Frankfurt a. M. stellt fest, daß einige Wirte infolge des neuen Stellenvermittlergesetzes die Tätigkeit der Arbeitsvermittlungsstelle in Anspruch nehmen und in Frankfurt a. M. schon ein gewerbsmäßiger Stellenvermittler seine Tätigkeit eingestellt hat. Die landw. Vermittlung ist zurückgegangen. Es mag vermerkt fein, daß die Arbeitsvermittlung der Wander- arbeitsstätte Kassel-Bettenhausen schon jetzt ganz Bedeutendes für die Arbeitsvermittlung leistet. Nach dem Bericht von Kassel entfallen auf die Wanderarbeitsstätte allein etwa 200 Vermittlungen. Bei den Ungelernten war die Arbeitsgelegenheit jetzt noch günstig. Nach dem Bericht von Frankfurt a. M. hält es besonders schwer, Leute über 20 Jahre unterzubringen, da nach solchen fast keine Nachfrage besteht und es sich in der Regel nur um Aushilfe für wenige Tage oder Stunden handelt. Zu bemerken .ist noch, daß der Arbeitsnachweis in Biebrich das Arbeitsamt Mainz um Ueberweisung einer größeren Anzahl Erdarbeiter ersucht hat.
Von den Organen des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisver- wurden 10 307 Stellen vermittelt (gegen 11 819 im Vormonat), darunter: Hofgeismar 1, Rüdesheim 1, Bad Wildungen 1, Nioder- Jngelheim 2, Eltville 7, Marienberg 7, Worms (Herberge zur Heimat) 9, Wiesbaden (H. z. H.) 11, Bad Wildlingen (H. z. H.)
12, .Marburg 13, Fulda 15, Kreuznach (H. H.) 15, ObeAahn-' stein 17, Kreuznach 21, Fechenheim a. M. 22, Darmstadt (H z. .v>.) 23, Wetzlar 31, Diez 35, Bingen a. Rh. 46, Weilburg a. L. 46, Biebrich a. Rh. 56, Frankfurt a. M. (H. z/H.) 81, Gießen H. z. H.) 81, Herborn 84, Hanau a. M. 86, Mainz (v. z. £.1 106, Gießen 111, Limburg a. L. 184, Darmstadt 236, Friedrich i. H. 241, Worms 314, Offenbach a. M. 318, Mainz 645, Kassel 1278, Wiesbaden 1300 und Frankfurt a. M. 4874.
jedes Wort. Jubelnder Beifall wurde den Ausfüyrunasn des Redners gezollt, dem in anerkennenden Dorten der Vorsitzende des V. H.-C. Büdingen, Kreisrat Boeck- mann, dankte. Eine frohe Tischrunde vereinigte noch die Mitglieder des Büdinger V. H. 5. mit ihrem Gaste.
Ans Stadt nliS LanS.
Gießen, 21. November 1910.
** Vom Gießener Konzertverein wird uns geschrieben: Wenn auch das R e bn er-Qu a r t e 11 aus Frankfurt a. M., Adolf Redner, Walter Davis- son, Ludwig Natter er und Johannes Heg ar, bei uns schon aus früheren Darbietungen wohlbekannt ist, so darf doch darauf hingewiefen werden, daß diese Quartettvereinigung inzwischen unter den KammermUjikvereinigun- gen des In- und Auslandes mit zu den allerangesehensten gezählt ward. Daß wir an ihm ein Quartett allerersten Ranges haben, beweist wohl kein Umstand schlagender als der, daß man in Paris im Eourrier Musical urteilte, man glaube noch nie eine so ausgezeichnete Wiedergabe des Streichguartetts von Debussy gehört zu haben, es sei unmöglich, dem Werke mehr Tonfülle, mehr Feinheit und Einheit zu verleihen als hier geschehen, während man in zahlreichen deutschen Berichten lieft, man habe das T-moll-Quartett von Schubert („Ter Tod und das Mädchen") niemals besser gehört, es sei in schlechthin vollendeter Wiedergabe zu Gehör gekommen, oder z. B. in Leipzig, der Musikstadt der Deutschen: „So wurde ihre Interpretation eines der letzten Beethoven-Quartette, des Op. 132 in A-moll zu einer wahren Herzenssache. Partien dieses Werks, die mit sieben Siegeln verschlossen find, die Anbetung und den feierlichen Schreittanz des Adagio brachten sie dem Verständnis nahe, indem sie auch dem „con sentimento intimissimo" Beethovensche Größe gaben und den Rhythmus in Beethovenschem Sinne vergeistigten." 'Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß der bevorstehende Kammermusikabend diesmal am Donnerstag in der neuen Aula der Universität abends statifindet.
Kreis Büdingen.
B ü d i n g e n, 20. Nov. Der gestrige Abend brachte uns im Saale des Fürstenhofs den mit Spannung erwarteten Vortragdes Professors Bender- Frankfurt a. M. über die geologischen Verhältnisse des Vogelsbergs. An Hand einer Reihe wohlgelungener Lichtbilder gab der Vortragende eine Erläuterung über die Bildung unserer festen Erdrinde, um alsdann die Entstehung unseres Vogelsbergs, des größten Basaltmassivs der Erde, zu schildern. In allgemein verständlicher, von feinem Humor durchwürzter Rede, wußte der Vortragende den Vorgang lebenswahr vor Augen zu führen, wie das seuerflüssige Erdinnere in gewaltiger Krast- anstrengung die auf ihm lastende Decke zerbrach, um sich einen Platz an der Sonne zu sichern, den Platz, den auch Prof. Bender unserer engeren, so schönen Heimat, dem ungenannten, weil unbekannten Oberhessen, erobern möchte. Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag. Das gewählte Thema schien nur das Mittel zu fein, um Prof. Bender Gelegenheit zu geben, uns zuzurufen: Seht Ihr, in einem von der Natur so reich begnadeten Lande wohnt Ihr, macht nur die Augen auf und laßt die Herrlichkeiten der Schöpfung auf Euch einwirken, fühlt doch endlich einmal und g ai;bt je.bst daran daß unserem Vog ls- berg eine reiche Zukunft blüht, weil sie iym gebührt. Rüttelt es auf, das Dornröschen, daß ihm der verdiente Platz an der Sonne werde! So führte uns Prof. Bender an Hand der verständnisvoll aufgenommenen Lichtbilder durch unsere engere Heimat, von Alsfeld über Schlitz—Salzschlirf nach Lauterbach, Herbstein, Ulrichstein, Hoherodskops, Schotten, Nidda, Hungen, Lich, Gießen, Friedberg usw. über die Ronneburg nach Büdingen. Heiße Liebe zur Heimat durchzitterte
Hessen-Nassau.
A. Btrstern, 20. Nov. Die Zigeuner werden niet zu einer Landplage; der ganze Vogelsberg ist scheinbar mit diesen braunen, wilden Gesellen überschwemmt. Am Bußtage tarn es wieder zu einem Renkontre zwischen Zigeunern und Förstern Ein kleiner Trupp Zigeuner hatte in Breitenborn allerlei Diebstähle verübt, n. a. sollen sic auch den Mittaasbraten, ein gebratenes Huhn, aus einem Hause geholt haben. In den Waldungen zwischen Waldens- berg und Breitenborn erlegten die Söhne der Pußta noch - ein Stück Damwild, wurden aber von dem Reviersörstet' Trebing auf Weiherhof dabei überrascht, worauf die männ- | lichen Zigeuner die Flucht ergriffen, verfolgt von dem • Forstbeamten. Die Weiber und Kinder wurden indes von ; einem anderen Förster trotz heftigen Sträubens — in Witt- genborn wollten die Weiber keinen Schritt weiter gehen — nach Wächtersbach transportiert. I
lürebe und Schule.
I! Büdingen, 20. Novbr. Am 16. November fand irrt Hotel „Fürstenhof" die K r e i s l e h r e r k o n f e r e n z statt. Kreis- > rat B o e ck m a n n erwähnte, daß auf dem Gebiet der W o h 1 - | fahrtspflege in dem verflossenen Jahr noch wenig geschehen fei, obwohl man auf der vorigen Kreislehrerkonferenz in Nidda einen Plan zur Gründung eines Kreiswohljahttspilegevercins entworfen habe. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Gründung dieses Vereins in diesem Jahre vollzogen würde und führte dazu aus, daß das Interesse der Landbevölkerung erst geweckt werden müsse. Schulrat Scherer-Büdingen richtete sich gegen die Schundliteratur und gab Vorschläge, wie gegen |ie aufzutreten sei. Das beste Mittel, die Kinder vor diesen schlechten Büchern zu bewahren, sieht Schulrat Scherer darin, gegen dir Kolportage energisch aufzutreten, den Verkauf schlechter Bücher und Bilder zu verbieten und den Kindern zu unterlagen, ihren Be- , darf bei solchen Buchhändlern zu beziehen, die solche Schriften absetzen. Der Redner ermahnte die Lehrer auch fernerhin treu ihre Pflicht zu tun, ihren Beruf von der idealen Seite auf- zufassen und stets die Worte Pestalozzis zu beherzigen: „Unsere Seele taglöhnere nicht!" Darnach hielt Lehrer Stork-Altenstadt einen interessanten Vortrag „Heber den Eintritt in die Fremdenlegion". Zuerst ging er auf bie Gründung und Geschichte dieser Truppen ein und dann entrollte er ein Bild von ihrem Leben und Treiben. Wenn sich ein armer Hand- werksbursche ober ein ins Elend gekommener junger Mensch durch Unterschrift auf fünf Jahre gebunden hat, so wird er zuerst in bie Kleidung der Legionstruppen gesteckt, die alten werden von Herumlungernben abgekauft, damit eine Flucht unmöglich gemacht wird. Speise erhalten die Legionäre hinreichend, und der Dienst ist nicht nach so genauen Vorschriften geregelt wie bei uns. Täglich muß jeder der Truppe mit 50 kg Ausrüstung einen Weg von 40 km in der heißen afrikanischen Gluthitze zurücklegen. Dabei darf keiner zurückbleiben, sonst treffen ihn bie schwersten Strafen. Vormittags werden die militärischen Uebungen gemacht und andere niedere Arbeiten verrichtet. Der Sold beträgt nur vier Pfennige für den Tag. Kein Wunder, wenn schon nach einiger Zeit des Hierseins unter diesen Anstrengungen und solcher Gesellschaft der Legionär auf Flucht sinnt. Diese gelingt ihm jedoch in den seltesten Fällen. Sind seine fünf Jahre abgelaufcn, so ist er auch meistens ein schon früh gealterter Mann, der sich an geordnete Verhältnisse nur schlecht wieder gewöhnen kann. Vor solcher Werbung warnt Herr Stork. Es fei aber auch Sache des Staates, bie Jugend über das traurige Los bet Legionäre aufzuklären. Daher erwachse auch für den Lehrer die Pflicht, an geeigneten Stellen Aufklärung unter der deutschen Jugend zu schaffen. Reicher Beifall lohnte den Redner. Man einigte sich dahin, diesen Vortrag in Gestalt eines Flugblattes auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen und auf diesem Weg dir jungen Leute vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Ein gemeinsames Essen hielt die Teilnehmer noch einige Stunden zusammen
Durch die Elektrizitätswerke und Installations- Geschäfte zu beziehen
Auergesell5Chaft,Berlln 0.17
— eine Erklärung, die von seiner Familie bekanntlich nicht beachtet wird.
Diese Verhältnisse mußten an der vollen Seele des Dichters und des großzügigen rumsen Äristokraien, der nichts so lehr haßte, wie kleinliche Knauserei, gefressen und sein Leben vergälll haben. Man macht der Gräfln nicyt mit Unrecht bie schweren Vorwürfe; denn die Tolstois sind so reich, daß sie nicht zu knausern brauchen; die Einnahmen des Vaters tarnen auch den schon bejahrten Söhnen und Töchtern zugute. Niemand hat zu klagen.
Doch die Gerechtigkeit verlangt, daß man betont, eine wie treue SckKtzerin und Helferin die Gräfin ihrem Gatten gewesen. Wenn sie ihn nicht früher in die Einsamkeit ziehen ließ, so wußte sie nur zu gut, daß der alte Mann, der die wilde Jugend eines Gardeoffiziers hinter sich hat, den Entbehrungen der Askese in kürzester Zeit erlegen wäre.
Nicht ohne Unrecht nannte die Gräfin ihren Gatten „mein altes Kind", beim Kraft und Schwäche verbanden sich in diesem genialen Geiste. Das weiß die Gattin am besten, die treue Beraterin und Gehilfin seiner Arbeiten, die in schwerem Ringen um die Vollkommenheit der Form und Abgeklärtheit des Gedankens entstanden sind, io ernt die Frau gefehlt hat, so vergesse man nicht, daß sie Mutter ist, eine Hausfrau, die das Nest warm erhalt und mit Mutterinstinkt für kommende Geschlechter sorgt. Größere Geister als Gräfin Sofia haben irdische Güter bei» einanbergeljalten, — die Tragik dieser Frau besteht darin, daß mütterliche Pflichten sie in Gegensatz zu den Anschauungen eines Genies brachten. Viel größer ist die Schuld bet gräflichen Söhne, unter deren Einfluß die Mutter steht.
Und auch die Skeptiker haben ein wenig recht. Man faitn es ihnen nicht verwehren, über dies ungeheure Geschrei zu lächeln, mit dem man diese „heimliche" Flucht als eine sittliche Tat preist. Die Moralethik Tolstois ist kaum zu verteidigen, da sie kulturfeindlich ist. Es floh ein alter Mann, der seine Ideen nicht ver- wirllichen konnte und an den Widersprüchen verzweifelte, die zwischen seinen Worten und seinem Leben sich auftaten. Es floh ein egoistischer Künstlermensch, und seine Flucht entbehrte nicht einer gewissen Komik. Man fährt nicht in Begleitung eines Arztes in der zweiten Klasse, um „hinter dem Zaune zu verenden".
am nächsten stehen, die Bauern. Die unerquicklichen Verhältnisse sind nicht verborgen geblieben. Einer der größten Verehrer und ergebenen Freunde Tolstois schildert sie aus eigener Anschauung. Als Tolstoi, den Bitten seiner Angehörigen nach- gebenb, beschloß, noch bei Lebzeiten das Gut seiner Frau und seinem zweiten Sohn zu überlassen, hoffte er, daß sich nichts in den Verhältnissen zur Bauernschaft ändern würde. Es ist aber anders gekommen. Früher wurde das Land auf Anteil an der Ernte vergeben. Jetzt jedoch, unter den neuen Besitzern, wurde den Bauern erklärt, biß das Land von nun ab ihnen nur in Pacht gegeben werde, wobei die Pachtzahlung oft die Höhe von 13 Rubel für den Sommer je Deßjatin erreichte und das Geld im voraus verlangt wurde. Die Bauern waren mit diesen neuen Bedingungen unzufrieden und begannen den alten Tolstoi mit Bitten zu bestürmen, die frühere Ordnung wieder einzuführen. Der Graf konnte aber nun nichts mehr für sie tun. Das quälte ihn und er litt unter diesen neuen, seiner Lebensanschauung und seinen Lehren auch innerlich widersprechenden Verhältnissen. Noch hoffte er, daß sich die Beziehungen der Gutsherrschast zu den Bauern .mit der Zeit bessern würden. Doch trat, das Gegenteil ein. Man hätte ganz auf, den Bauern Land selbst gegen Pachtzahlung zu vergeben. Die Gutsherrschaft ließ Bäuerinnen aus dem Gouvernement Kaluga kommen, sogenannte „Monanki", die Männerarbeit leisten, aber gegen einen geringen Lohn. Die Bauern von Jassnaja-Poljana begannen zusehends zu verarmen; was früher in Jassnaja-Poljana niemals der Fall war, die Sttaßew- bettelei kam in den umliegenden Dörfern auf. Es erbitterte die Bauern auch, daß unter der neuen Gutsherrschaft der Zutritt zum Gutshause ihnen ganz verboten wurde, daß Landwächter und strenge Gärtner darüber wachten, daß dieses Verbot aufrecht erhalten werde. Dazu wurden jetzt auch die Sttafzahlungcn für Flurbeschädigung streng gehandhabt. Auch wegen eines neuen Weges, den die neue Herrschaft angelegt hatte und der die Bauern zu einem Umweg zwang und ihnen auch zu eng erschien, kam es zu Mißhelligkeiten. Dazu Härten der gemieteten Gutswächter, die sich sogar zu Grausamkeiten hinreißen ließen. Es wird dabei von einem Fall erzählt, wo eine arme Witwe, der Tolstoi gestattet hatte, Reisig zu sammeln, von einem solchen berittenen Wächter, einem Tscherkessen, mißhandelt wurde. . . Das alles, das in so schmerzlichem Widersprach zu dem steht, was der greise Dichter fühlte unb lehrte, bewegte ihn heftig und brachte ihn oft bis zu Tränen.
Hierzu kanten nun in der allerletzten Zeit Vorwürfe der Gräfin Sofia Andrejewna über die Ablehnung des Nobelpreises und des Millionenangebotes eines Verlegers, das Tolstoi ablehnte, weil er seine Schriften als Eigentum der Menschheit erklärt hatte.
einer Umarbeitung unterzogen, in der er besonders aus dem traurigen ein glückliches Ende machte, und diese neue Fassung erlebte im L e s s i n g-T h e a t e r am Freitag abend die „zweite Erstaufführung". Einen besonderen Erfolg hatte das Drama mit seiner blaßblütigen, feinäbrigen, von nebelhaften Gedanken angekränkelten Struirur auch diesmal nicht. Es wird gegen den Organismus eines Werkes stets mißtrauisch stimmen, wenn sein tragischer Ausgang beliebig in ein gutes Ende umgewandelt werden kann. Hirschfeld steht, wie so oft in seinen Dramen, diesmal unter denk Banne von Ibsens letztem Werk „Wenn wir Toten erwachen". Aber er muß es uns buchstäblich vorfuhren, was Ibsen in die Seelen seiner Geschöpfe legt: wie eine Frau vom Tode zum zweiten Leben erwacht, wie die vergessenen und doch unheimlich wirksamen Mächte des ersten Daseins immer qualvoller und düsterer in das Glück des neuen Lebens, hineindringen und schließlich den Schöpfer wie das Geschöpf dieses zweiten Daseins zu vernichten drohen. Zn diesem Zwück hat er den Stoff seines Werkes einer altert Novelle entnommen, in der erzählt wird, wie ein englischer Anatom des 17. Jahrhunderts, der um des allgemeinen Vorurteils willen das Leichenmaterial zu seinen Studien nur durch Raub erlangen kann, den leblosen Körper einer schönen Frau auf seinen Seziertisch legt, in Liebe für das bleiche Bild der Anmut und Unschuld erglüht und es nun, ein düsterer Pygmalion, aus ihrem Scheintod zu neuem Leben erweckt. Er flieht mit ihr nach Italien, er heiratet sie; aber sie können beide nicht glücklich werden, das Geheimnis der Vergangenhett steht zwischen ihnen. Bis bann endlich nach qualvollen Seelerttämpsen der frühere Bräutigam der Frau erscheint und die erlösende Klarheit bringt bie den beiden, die aus den blutlosen Schemen des Todes ihr Glück saugen wollten, das wahre Leben spendet Die gesuchte Vieldeutigkett und doch so ärmliche Eindeutigkeit dieser Handlung, die die tiefsten Gewalten des Daseins nicht gestaltet, sondern nur mit ihnen spielt, läßt die feinen lyrischen Stimmungen und die sprachlichen Schönheiten, die sich in der Dichtung finden, nicht zur Geltung kommen. So war es denn begreiflich, daß trotz des ausgezeichneten Spiels die Wirkung versagte. Dr. P. L.
— Berliner Theaterbrief: Eine Hirschfeld- Premiere. Man schreibt uns aus Berlin, 19. November: Georg Hirschfeld hat sein jüngstes Werk, das drei- aktige Schauspiel „Das zweite Leben", das bereits an der Wiener Burg feine Erstaufführung erlebt hatte (wir haben z. B. ausführlich darüber berichtet. D. Red.),


