Nr. 275
Zweiter Blatt
(60. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme de- bonntagS.
General-Anzeiger für Sberheffen
D»e w«tefienet FamtUendlStter- werden dem ,Sinniger* viermal roochentltcb beigelegt, das „Kretsblatl für den Krets Stehen" groeimal wöchentlich. Die „LanSwtrtschaftltchen Lett- tragen" erfchemen monatlich groctmaL
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strage 7. Expedltion und Verlag: 5L
Redaktion: TeL-Adru AngeigerGießen,
Montag, 21. November J9J0
A Rotationsdruck und Verlag der Drühl'lchen p UnwerfnätS - Buch- und Steindruckerei.
— R. Lange, Gießen.
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6 Uhr
ist die
temberg, 4. Franlfurt, die fortschrittliche Vottspariei ver- l_0ro,2' Stettin an die Sozialdemokraten und behauptete Segnitz. Das Zentrum und die Polen behaupteten ihre Mandate. Die wirtschaftliche Vereinigung verlor 2. Sachsen- -asetmar an die Sozialdemokratie, wo für den Abg. Schack der Sozialdemokrat Leber gewählt wurde, die Reformpartei verlor 20. Sachsen an die Sozialdemokratie.
Wie mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen war, ist dir sensationelle Flucht Tolstois die letzte Willensregung eines schwerkranken Greises gewesen und rasch hat ihm der Tod die Augen geschlossen. Tolstoi, der in bedeutender Ueberschätzung von einigen begeisterten Anhängern mit Goethe auf eine Stufe gestellt wurde, ist 82 Jahre alt geworden, lieber die letzten hebens» stunden meldet uns der Draht:
Astapowo, 20. Nov. Seit gestern abenb 8 Uhr befanden irch sechs Aerzte am Krankenbett, darunter zwei Aioskauer Spezialiften für Herzkrankheiten. Gegen ll Uhr hatte sich sein Zustand etwas gebessert, dann trat aber wieder ein Herzkrampf ein. Nach dem Anfall äußerte Tolstoi: „Auf der Erde smd Millionen Menschen, von denen viele leiden. Weshalb sind Sie denn alle bei mir allein?"
vke Moabiter Strahenkrawalle vor Gericht.
, > Berlin, 19. Nov.
In der heutigen Sitzung stellte Rechtsanwalt Rosenberg oen Antrag auf Vernehmung einiger Zeugen, welche bekunden wurden, daß bet. den großen Wahldemonsttationen unter der Menge sich Polizeiprovokateure befunden hätten, welche „Bluthunde gerufen und die Arbeiter aufgehetzt hätten, fo der Kriminalbeamte Sch la f, der sogar selbst damals die Polizeibeamten vefchiinpst habe, wie das aus einem in byv Angelegenheit ergangenen Urteile hervorgehe. Dr. Rosenfeld will durch diese Vernehmung es wahrscheinlich machen, daß auch bei den Moabiter Krawallen sich Polizeibeamte zum Zwecke der Provokation befunden und speziell das Wort „Bluthunde", welches Polizeileutnant polte öfter gehört, gerufen haben.
Die als Zeugen vernommenen Polizeileutnants Folte und Götze hoben beobachtet, daß die Tumultuanten vielfach Unter- ftutzuug bei den Bewohnern der angrenzenden Däuser dadurch sanden, daß die Daustüren abgeschlossen wurden, nachdem die Leute eingelassen worden waren. Es geschah dies, um sie der polizeilichen Festnahme zu entziehen.
Polizeileutn. Bismarck, Adjutant des Polizeimajors Klein, hat dasselbe beobachtet. Nach Ansicht dieser Beugen sind die Juso b nun gen, aus denen Schimpfworte gerufen, sowie Blumentöpfe und Bierflaschen herabgeschleudert wurden, nicht etwa von Aiwwdps, sondern von besseren Arbeitern bewohnt. Es wurde ststgestellt, daß infolge eines scharfen Pfiffs eine Menge Menschen aus den Däusern gestürzt kam und sich an dem Tumult leteUigten. Dies Spiel wurde wiederholt beobachtet. Es machte Nirchaus den Eindruck, als ob die Leute Dand in Dand mit den Dausbewohnern gingen.
Da die Beantwortung verschiedener Aussagen von den Zeugen abgelehnt wird, formuliert Rechtsanwalt Heinemann einen Antrag, dahingehend, das Polizeipräsidium zu er- uchen, die Polizeibeamten zu ermächtigen, über alle aus die Moabiter Unruhen bezüglichen Dinoe Aussage machen zu dürfen: falls dies abgelehnt werde, Auskunft darüber zu erbitten, wer die Zeitunaen polizeilicherseits über die Moabiter Unruhen informiert habe.
Der Gerichtshof behalt sich die Beschlußfassung über diesen Antrag vor.
Tolstoi •j*.
Astapowo, 20. Nvv. Tolstoi ist heute gegen früh verschieden.
gür die Aus geschiedenen tonrb en gewählt: No- kncki (Pole) in 1. Posen, Kochan (nL) in 6. Gumbinnen, Buchtemann (F. V. P.) in 7. Liegnitz, Kuntze (Soz.) in 2. (Stettin, Busold (So^) in 2. Hessen, Keil (Soz.) in 2. Württemberg, Göhre (Soz.) in 20. Sachsen, Faber (Soz.) in 4. Frankfurt, Dr. Spahn (Warburg), der Sohn des L Vizepräsidenten Dr. Spahn, in 5. Minden, v. Morawski (Pole) in 4. Posen. Im Wahlkreise 2. Königsberg hat für den verstorbenen Abgeordneten Arendt (Labiau) eine Ersatzwahl bisher noch nicht stattgefunden.
In der Legislaturperiode seit Januar 1907 sind aus- geschreden durch Tod 30 Mitglieder, durch Mandats nieder- legung 11.
Durch die Ersatzwahlen des letzten Jahres verloren die Konservattven den Wahlkreis 6. Gumbtnnen an die Nationalliberalen, die Nationalliberalen verloren folgende 3 Mandate an die Sozialdemokraten: 2. Hessen, 2. Würt-
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^^olche gewesen. Sem Schaden betrage etwa 1400 Mark.
smterc^ bie Aussage des Kaufmanns Prenß, Be- der Ecke Hutten- und Beußelstraße. Er aus: Ich wurde mitten tn der Nacht vom Wächter geweckt, der mir mitteilte, daß meine Schaufenster zertrümmert XrfSJ n-ei(?e aruf bie Straße zu bimmen und
w!- £ bcort postierten Schutzleute, mich durchzulassen. Ich sei Preuß und wollte nach meinem Warenhaus. Wan ließ mich aber nicht durch und ich wurde angeschnauzt: Scheren Sie sich weg.
^Utobe bie Polizei, als Sie an die Beamten herantraten, bedrängt? Z e u g e: Nein. Es war niemand außer 5}';’“ ®ie Schutzleute ftanbm mit gesogenen Säbeln allem auf der Straße.
Vria®? beim Einschlagen der Fenster war die Polizei nicht da Als aber der Besitzer kam, um sich den Schaden zu besehen, wurde er von den Beamten angeschnauzt.
Auf Befragen des Rechtsanwalts Cohn gibt der Beuac kQbe £on seiner Wohnung aus gesehen, daß ver- schiedene Leute von Beamten geschlagen wurden, u. a. ein junger h Hausdiener ober Laufbursche, im Alter
von 16 bis 17 Jahren, der wie ein Kind weinte und die Beamten ^;rP\4?ns'm0^te V ^slassen, er sei unschuldig. Es waren, obgleich die Straße fast menschenleer war, viele Kriminalbeamte m bemedert. Sie standen meist in den Türnischen und sobald ein Mensch sich auf der Straße sehen ließ, stürzten sich 3 bis 4 Beachte auf ihn und bearbeiteten ihn mit Stöcken und Ochsen- ^emern An drei Abenden habe ich gesehen, daß Leute, welche erst durch die Schutzmannsketten hindurchgelassen worden waren, von Krimmalbeamten geschlagen wurden.
R.-A. Heine: Aus solchen Ursachen ist doch wohl die E^E^ng gegen die Polizei zu erklären. Zeuge: Jawohl. Jd? habe von verschiedenen Seiten gehört, daß wegen dieser Bor- falle eine große Erbitterung geherrscht habe. Es wurden auch Leute geschlagen, welche durch die Polizeikette mußten, wo gar keine Ansammlungen stattfanden. Auch einer von meinem Personal E von Beamten gestoßen worden sein, als er sich nach außen begeben wollte. D
Reichstags-beginn.
Der Reichstag wird am Dienstag, dem 22. Novem- nn(i)ntittflg5 2 Uhr, nach mehr als sechsmonatiger Panse seine Arbeiten wieder aufnehmen. Auf der Tagesordnung stehen die ersten Lesungen der drei kleinen Vortagen betreffend die Beseitigung von Tierkadavern, betr den Schutz des zur Anfertigung von Reichsbanknoten ver- wenoeten Papiers gegen unbefugte Nachahmung, betr. die durch die neue Strafprozeßordnung veranlaßten Aende- rungen des Gerichtskostengesetzes.
Außer diesen kleinen Vorlagen harren der Erledigung aus dem Frühjahr noch: das Arbeitskammergesetz', das Hausarbeitsgesetz, die Novelle zur Gewerbeordnung betreffs Lohnbücher, das Reichsbesteuerungsgeseh, die neue Strafprozeßordnung, die kleine Novelle zum Strafgesetzbuch, die Fernsprechgebührenordnung, die Reichsversicherungsordnung, das Zuwachssteuergesetz und der Entwurf zur Errichtung eines obersten Kolonialgerichtshofes. Dazu kommen das neue Schiffahrtsabgabengesetz und der Haushalt für 1911 mit der Heeresvorlage. Im Dezember resp. im Januar werden dem Reichstag noch zugehen: Der Entwurf über die Elsaß-Lothringische Verfassung und der Entwurf über die Privatbeamtenversicherung.
DieStärke der Reichs tag spar teien wird beim Zusammentritt des Reichstags folgende sein: Konservative ö6 Mitglieder, 2 Hospitanten (Mandat 2. Königsberg unbesetzt), Reichspartei 20 Mitglieder, fünf Hospitanten, wirtschaftliche Vereinigung 16 Mitglieder, 1 Hospitant, deutsche Reformpartei zwei Mitglieder, 1 Hospitant, Zentrum 105 Mitglieder, ein Hospitant, Polen 20 Mitglieder, Nationalliberale 44 Mitglieder, 5 Hospitanten, fortschrittlicheVolks- Partei 48 Mitglieder, Sozialdemokraten 52 Mitglieder. Keiner Fraktion gehören an 18 Mitglieder (Arnold, Dr. Böhme, Bruhn, v. Dannenberg, Dr Gregoire, Hanßen, Freiherr Heyl zu Herrnsheim, Hilpert, Kobelt, Labroise, Lehmann (Jena), Dr. Graf v. Schwerin- Löwitz, de Wedel, die Elsaß-Lothringischen .Abg. Delsor, Preiß, Dr. Ricklin, Wetterle, Wiltberger).
Im Jahre 1910 haben folgende Veränderungen im Mitgliederbestände des Reichstages stattgesun- den: Es legten ihr Mandat nieder der Abg. v. Chrz-anowski (1. Posen, Pole) am 10. L 10, der Abg. Dr. Hieber (2. Württemberg, nL) am 1L 5. 10. Es starben der Abg. Dr. Udo Gras zu Stolberg-Wernigerode (6. Gumbinnen, b. t F.) am 19. 2. 10, der Abg. Dr. Hermes (7. Liegnitz, F. 23. P) am 19. 3. 10, der Abg. Dr. Delbrück (2. Stettin, F. 23. P.) am 3. 4. 10, der Abg. Graf v. Oriola (2. Hessen, b. k. F.) am 17. 4. 10, der Abg. Zimmermann (20. Sachsen, Ref. P.) am 30. 5. 10, der Abg. Detto (4. Frankfurt, nL) am 30. 5. 10, der Abg. Schmidt (Warburg) (5. Minden, Zent.) am 17. 6. 10, der Abg. Dr. v. Skarzpnski (4. Posen, Pole. am 1. 9. 10, der Abg. Arendt (Labiau) (2. Königsberg, Kons.) am 2. 10. 10.
SarÜenungcn aus. Jrn kaiserlichen Mexandercheater erhoben sich die Zuschauer zur Elwung Tolstois von den Sitzen. — Groß- ?jJES1«i S^^ailowitfc^ sprach der Gräfin Tolstoi sein nmigstes Mitgefühl ans. *
k Das „B T." ckeldet aus Petersburg; Bei Aufrechterhaltung btt Verbote des Heiligen Synods und bei Untersagung einer kirch- lieben Bestattung Tolstois wird der Ausbruch von Studentenunruhen befürchtet.
Nach diesen Wotten wurde seine Rede unzusammenhängend. Um 1 Uhr 55 Minuten nachts trat abermals ein Anfall von Herzschwäche ein. Seine Familie versammelte sich am rttankenlager. Um 3 Uhr 20 Minuten früh erhielt er eine Morphiumeinspritzung und schlummerte sodann. Um 5 Uhr morgens war die Herztätigkeit sehr schwach und die Lage äußerst gefährlich. Um 5 Uhr 50 Minuten wurde die Gräfin Tolstoi zu dem Kranken zugelassen, der sie nicht mehr erkannte, um 6 Uhr 5 Minuten verschied Tolstoi, ohne das Bewußtsein erlanat zu haben. Dem Emschlafenen wurde feine gewöhnliche typische Kleidung angelegt.
Tie Gräfin Tolswi wohnte dem Morgengottesdienst in der Schulkirche bei. Der Bischof von Kaluga, Parfeni, war eingettpüen, aber wieder abgereist. Die Absicht, eine Scelen- M)e abzuhalten, ist nicht zur Ausführung gelangt. Die Schul- under besuchten das Sterbezimmer, das mit Tannen geschmückt ist. ckus den umliegenden Dörfern treffen Bauern in Wallfahrten ?ur Bahre ein. Auch der Gouverneur ist angekommen. Morgen wird der Bildhauer Guenzburg die Totenmaske abnehmen. Tolstoi äußerte, wie behauptet wird, den Wunsch, m I a st n a j a - P o l j a n a auf dem Hügel beerdigt zu werden, wo er in seiner Kindheit spielte. Tolstois Freunde regten pen Gedanken an, das ©terbeb au§ zu erioerben und zum Nationalheiligtum zu machen. Im Sterbezimmer versammelte sich das Publikum und fang das Totenlied „Ewiges Angedenken".
Ter Zutritt zum Sterbezimmer ist jedermann ge- U a 11 e t. Das Gesicht des Toten ist unverändert. Tolstoi sprach den Wunsch aus, ohne Zeremoniell und ohne Blumen begraben
Tolstois Weltflucht und ichre Ursachen.
Der Entschluß des Weisen von Jassnaja-Poljana, der Welt mrd ihrem eitlen Getriebe den Rücken zu kehren und sich in beschauliche Einsamkeit zurückzuziehen, hatte zwei Hemisphären in Aufregung versetzt.
Es ist begreiflich, daß man hier auf das eifrigste erwägt, was Leo Tolflvi wohl bewogen haben könne, fein Haus, in dem er sich von treuer Sorge umgeben sah, zu verlassen.
Es ist nicht leicht, sich in dem Wüste widersprechender Mci- mingen zurechtzusinden. Man muß jahrelang die Verhältnisse im Hause Tolstoi beobachtet haben, um eine gangbare Mittellinie zu finden, in der die genannten drei Meinungen zusammen- lausen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Tolstoi den Drang zur Einsamkeit gehabt hat, der jedem alteren VLensck)en eigen ist, dessen Geist noch Regsamkeit und Jitteresfe für die Probleme bei Menschheit bewahrt hat. Tolstoi bat diesen Wunsch oft aus gesprochen und er ist ihm wiederholt für kürzere Zeit gefolgt Datz er sich aber überhaupt von der Welt zurückziel-en und von Ieiner, Hände Arbeit leben wollte, kann niemand annehmen der die Lebensgewohnheiten des alten Mannes kennt, der trotz des Baueriikittels und Barfußgehens ein verwöhnter Aristokrat geblieben ist, der beständig fremder Hllfe bedurfte. Man hat hier über uimmstößliche Beweise. Hier gilt das Wort: Der Geist war wcklig aber das Fleisch war schwach. Sein Fleisch wurde erst dann stark, als er sah, daß das geräuschvolle Treiben in ^assimja-Poliana, das Heer von Besuchern und Ausfragern in-:- Ungemessene wuchs, als der Greis fühlte, daß er Ruhe und Sammlung um jeden Preis erlangen müßte und als es ihm zur Gewißheit geworben war, baiß man mit ihm einen Kultus Zn treiben begann, ber ihm in ber tiefsten Seele widerwärtig war
Es kam ein anderes hinzu: Zerwürfnisse mit ber Familie, insbe,andere mit ber geschäftskundigen Gattin Gräfin Sofia Andrejewna. Es muß gesagt werden, daß Frau und Kinder den alten Mann in Bezug auf bie materiellen Verhältnisse völlig entmündigt und ihn damit in einen klaffenden Widerspruch zu seiner Weltanschauung und zu jein en Lehren versetzt hatten
Seine Gattin führte ein strenges Regiment auf dem Gute sie hat auch .die am meisten bedrückt, die feem Herzen Tolstoy
zu werden. Die Verwandten erklären aber, daß sie niemand hindern werden, wie auch immer das Gedächtnis für den Verstorbenen zu ehren.
Dienstag früh soll Tolstois Leiche nach der Station Saßjeka übergeführt und an demselben Tage in Jaßnaja-Poljana bestattet werden.
Wie bie Petersburger Telegr.-Agentur mitteilt, ist Tolstoi gestorben, ohne sich mit der Kirche zu versöhnen, was ja auch schon aus der sofottigen Rückreise des Bischofs Parfeni hervorgeht Daher ist es selbstverständlich, baß es von dem Ermessen ber Geistlichkeit ab hängt, ob Seelenmessen für Tolstoi obgelmlten werden und die Administrativbehörden nur solche Seelenmessen, die offen den Charakter einer politischen Demonstration tragen! nicht zulassen werden.
Graf Leo Nttolaiewitsch Tolstoi war am 9. September (28. August des russischen Kalenders) des Jahres 1828 auf dem Gute Jaßnaja-Poljana im Gouvernement Tula geboren. Er bezog 1843 die Universität Kasan, wo er orientalische Sprachen und Jurisprudenz studierte, trat 1851 in das Heer ein. Er nahm in den Jahren 1853 bis 1856 in der Donauarmee des Fürsten Gostschakow am Krim krieg teil, trat danach aus dem Militärdienst aus und hielt sich längere Zeit in Petersburg auf. Hier wurde er u. a. mit Turgenjew, Gontscharow, Ostrowski), Grigorowitsch und Drushinin bekannt und befreundet. Nach seiner zweiten Reise ins Ausland (1857 erste, 1861 zweite) ließ er sich auf seinem Gute nieder und vermählte sich 1862 mit Sofja Andrejewna BehrS. Der Ehe entsprossen 12 Kinder. Auf seinen Besitzungen gründete Tolstoi nach -eigenen Grundsätzen eine Volksschule und widmete sich ganz der Schriftstellerei. Es entstanden eine größere Anzahl von Nomanen lund Novellen, von denen besonders Drei Tote, Krieg im Frieden und namentlich Anna Karenina bekannt geworden sind. Im Jahre 1881 trat der Wendepunkt in seinem Leben ein. „Zum Christentum." Tie Behandlung der religiösen Fragen in seinem Roman „Auferstehung" batte zur Folge, daß er am 21. Februar 1901 (6. März russisck-en Stils) vom heiligen Synod exkomniuniziert wurde. Außer diesem Roman find von seinen späteren Werken namentlich iwch zu erwähnen: Beichte, Kritik ber bogmatischen Theologie, Die Macht ber Finsternis, Tie K r e u z e r s o n a t e, Herr und Diener, Tie größte Sünde, die von der russischen Zensur beanstandet wurde. Aufsehen erregten besonders noch seine Abhandlungen über die K u n st, in der er sich bezeichnenderweise scharf gegen die darstellenden Künste wandte.
Wir erhielten nock) folgende Trahtmeldiingen:
Petersburg, 21. Nov. Die heiligste Synode beschloß Tolstoi nicht kirchlich zu beerdigen, da er sich bis zum letzten Atemzug geweigert habe, in den Sckwß der Kirche zurückzukehren. — Verschiedene Prwattheater setzten gestern wegen Tolstois Tod die
„ »Der als Zeuge vernommene Gastwirt Menzel aus der Rostocker Sttaße berichtet über die Affäre des von der Menge am 26. September abends verfolgten Polizeiwachtmeisters Pitt, )er sich in fein Lokal flüchtete. Die Menge, die vor feinem Hause rand, war mehrere hundert Köpfe stark, und im Wirtszimmer wurde er angeschrien: Sie wollen Parteibudiker sein unc» beherbergen Schutzleute? Er habe daraus erwidert, daß sein Lokal jedem zur Verfügung stehe und der Beamte, übrigens nicht mehr in seinem Hause, sonders rückwärts hinausgeflüchtet sei. Daraus habe man ihm die Fensterscheiben eingeworfen, wodurch ihm ein Schaden von 400 Mk. entstanden sei. Die Menge habe, wie der Zeuge weiter bekundet, aus lauter jungen, bartlosen Leuten bestanden.
Zeucfe Wachtmeister Pitt gab an, er habe sich in der Rotocker Sttaße ganz plötzlich in einer johlenden Menge befunden, aus der viele gebrüllt hatten: Schlagt ihn tot, schießt ihn über den Haufen. Einer habe tatsächlich eine Pistole auf ihn angelegt, die er ihm mit dem Säbel aus der Hand geschlagen habe Er habe sich dann schließlich in das Menzelsche Lokal gerettet Vor seinen Verfolgern, die Steine nach den Fenstern geworfen und „Raus mit dem Blauen, den schießen wir tot" gebrüllt hätten, habe er sich nicht anders helfen können, als daß er feine Unifrom ausgezogen habe und in Hosen und Hemdsärmeln aus einem rückwärts belesenen Zimmer durch das Fenster auf die Straße gesprungen fet Er habe dann vergeblich an verschiedene Türen geklopft, es sei ihm jedoch nirgends Einlaß gewähtt worden. Der Mann, der ihn endlich ausgenommen und den er in dessen Interesse nicht nennen wolle, habe ihm gesagt, wenn es herauskomme, daß er den Polizeiwachtmeister ausgenommen habe, dann wäre er vollständig fertig. Andere Hausbewohner würden sicherlich die Menge herbeigerusen haben.
Polizeileutnant Folte: Die Leute, die durch die Absperrungs- kette wollten, seien, solange er dort zu tun hatte, auch durchgelassen worden. Allerdings nicht solche Leute, die auf die Frage 2öo wollen Sie hin? antworteten: Das geht Sie nichts an Die Straße dient doch dem Verkehr.
Q E * r Staatsanwalt Steinbrecher fragt den Beugen Preuß, tote er behaupten wolle, daß es Kriminalbeamte gewesen seien, welche die Straßenpassanten mit Stöcken geschlagen haben Beuge Preuß: Das ist doch ganz einfach. Wenn in der Straße Leute mit einem Stock in der Hand stehen, mit den uniformierten Schutzleuten sprechen und vor deren Augen auf Sttaßenpassanten losschlagen, .so können das doch nur Kriminalbeamten gewesen fein.
Kriminalkommissar Kuhn erklärt, daß sich von den ihm unterstellten Beamten niemand an der vom Zeugen Preuß näher bezeichneten Stelle befunden hätten. Es müßten das andere Leute gewesen fern, vielleicht die Leute von Hintze.
L ei n e: Möglicherweise kommen dabei Beamtt der politischen Polizei in Frage. Allerdings könnten es auch Leute von der Hmtzeschen Knüppelgarde, die von der Firma Kupfer angeworben war, gewesen fein.
Die weiteren Verhandlungen wurden hieraus auf Montaa vormittag vertagt.
Arbeitsmarkt in Hessen u. hessen-Nassaii im Gkt. iylO.
Auck ,im Oktober hielt die Aufwärtsentwicklung an wenn auch tn einigen Gewerben, der Saison entsprechend, ein Rückgang eintrat In der Metallindustrie wurde der SBerftarbnter” streik, der auch auf das Wirtschaftsleben im Verbandsgebiet einen
riffZS?1?1'?11* 7|ei °n der Eck- der Beußel- ' S,va% [a3 .“3/ daß auch in sein Lakal >'212 Uhr
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Labe Kt,in.ar°6e meist aus jungen Burschen bestehend,
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& n dmausgegangen sei, um sie zu beruhigen. Er die Leute seien ihm aber nach-
Srbam H V ulbaS ganze Lokal aufgeräumt Sie hätten ? c' Fleischwaren, ja sogar seine Uhr „geflaut" blt M°m<ze sein Lokal demoliert und iei auch
7 W Pnsmtwohnung gedrungen. Ein Bursche von 16 bis tl >bc Klange mit Sternen geworfen,
b-r Scheibe mehr ganz war. . Es selen alles


