Ausgabe 
16.12.1910 Erstes Blatt
 
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m. 295

Der Siebener Injelftr erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich SiebenerFamilienblütter, zweimal roöcbentl.Ktcis: blatt sürdenttrelrSietzen (Dienstag und Freitag) -, zweimal monntL Land­wirtschaftliche Zeitfraaen Ferniprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Berlaq u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:

Anzeiger Gießen.

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160. Jahrgang

Erster Blatt

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Sreitag, 16. Dezember 1910 Ve,»,Oynetsr monatlich 75 viertel­jährlich D». 2.30; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 66 Ps.; durch die Post Mk. 2. viertel-

jährst ausschl. Bestelle. ZeilenpreiS: lokal 15Pst, auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Derantivortlich für ben politischen Teil: August

General-Anzeiger für Gberhefsen

Bofäfionsirutf ew»Verlag dervrLHI'schen Unio..8«ch> imd Lteindrvckerel R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. s°n^:@.^°ür dm Expedition für vüdingen: vahahofpratze 16a. - Telephon Rr. 50. Anzeigenteil: H. Beck,

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Vie Lage im Wahlkreis Gietzen-Grünberg-Nidda.

Die Erörterung der Kandidatenftage in unserem Gießener Wahlkreis wird eifrig fortgesetzt. Bei der Auf­nahme der ersten Zuschrift:Was nun?" war es unsere Absicht, dem Versuch einer sachlichen Einigung unter den bürgerliclien Elementen die Wege ebnen zu Helsen. Neue Vorschläge scheinen tiortaufig nicht mehr ge­macht zu werden. Dagegen drohen die Auseinandersetzungen .jene Form anzunehmen, wie sie, mehr oder weniger tem­peramentvoll, in Wählerversammlungen anftutauchert pflegt. Es sind uns iwch zwei Zuschriften vom Lande zugegangen, die wir als Erwiderungen auf bisherige Veröffentlichungen gern aufnehmen. Wir gedenken aber fernerhin nur noch solchen Zuschriften Raum zu geben, die in irgend einer Weise eine sachliche Zusammensührung von bürgerlichen Parteigruppen bezwecken und unnötiger Reibereien sich ent­halten.

Heute noch eine etwas geharnischteErwiderung von deutsch-so-ialer Seite":

1. Mit herzlichem.Lachen lesen wir in gestriger Nr. die vervollständigten" treuherzigen Ausführungen des HerrnWas nun?"-Einsenders.

Der Hinweis auf den Hansabund als Einiger der liberalen feindlichen Brüder wird seineWahlreden" überall mit bestem Erfolg halten. Wir kennen diegoldene Hand", die die liberalen Drähte zieht, viel zu gut, als daß wir nicht wüßten, schon lang gewußt hatten, wie es rm Gießener Wahlkreis kommen wird und muß. Hansabund, Abwehr- und Zentralverein zur Be­kämpfung des Antisemitismus werden das Bißchen machen, ganz wie wir es voraussahen und sagten. Und deshalb wären wir aufgeregt"? Ganz im Gegenteil. Es bleibt ja alles beim alten. Wir lachen am besten.

2.Eine Kennzeichnung der Deutsch- und ChrisLichsozialen als einseitige Klassenpartei ist mit keiner Silbe geschehen," heißt es dann weiter. Aber wen können Sie denn anders gemeint haben mit Ihren Trauergesängen über die dauernde Auslieferung des Wahlkreises Gießen aneinseitige Klassinparteien"? Aus der Linken könnm da nur die Sozialdemokraten, auf der Rechten nur wir Deutsch- und Ehristlichsozialen in Betracht kommen.

3. Oder nennen sie Köhlers energisches Eintreten für die Bauernschaft einseitig? Das ist es mit Nichten. Jeder weitsehende Nationalpolitiker muß jjo handeln, und auch Professor Gisevius steht genau auf dem gleichen Standpunkte.

4. In Ihrer gewiß wohlgemeinten, aberhöchst einseitig" Hans abu ndmü ßigen Veröffentlichung zogen Sie mit zwei, wir wollen sagen. Unrichtigkeiten, gegen die bösen Rechtser zu Felde. Wir sagten Ihnen dafür mit den richtigen Worten die Meinung. 9hl n werden Sie gar nicht lieb, meinen, eine Erwiderunger­übrige" sich durch denTon", schreiben aber trotzdem eine um drei Zeilen größere Entgegnung. Darin schenken Sie sich die Beweise für Ihre Behauptunam. Das ist der besteTon" im politischen Kampfe, den wir Ihnen freudig überlassen!

Vonrechtsstehender iS eite" wird uns ferner noch geschrieben:

Es mutet sich recht eigentümlich an, wenn es in der Nr. 293 des Gieß. Anz. veröffentlichten Zuschrift aus demnativualliberalen Lager" heißt:Man sollte eigentlich der hiesigen natioualliberalen Leitung dankbar dafür sein, daß sie davon abgesehen hat, einen ausgesprochenen Parteimann aufzustellen." Wirklichen Dank hättc sich die nationalliberale Partei verdient, wenn sie sich bemüht hätte, die bürgerlichen Parteien auf eine gemeinsame Kandidatur zu einigen. Dies geschah aber nicht. Es ist, wie es s. 3. im Gieß Anz. hieß,seitens der nationalliberalen Partei nach keiner Seit? hin eine Initiative zu Verhandlungen ergriffen worden". Man

hat wohl versucht, die Freisinnigen für die Kandidatur Gisevius zu gewinnen. Die Freisinnigen lehmrn aber diese Kandidatur ab und beschlossen, mit den Nationalllberalen in Berl-andlungen einzutreten über die gemeinsame Aufstellung eines anderen Kandi­daten. Aus freif innig er Seite wollte man also entgegenkommen. Was taten aber die Nationalliberalen? Sie hielten an ihrer Kandidatur fest und stellten Prof. Gisevius als nationalliberalen Parieikandidaten auf. Mit den rechtsstehenden Parteien hat man überbau# feine Verständigung gesucht, obwohl auch hier Neigung zu einer Verständigung vorhanden war. Erst nach der Ausstellung des Prof. Gisevius forderte man die Rechtsparteien zur Unter­stützung der einseitig-nationalliberalen Parteikandidatur auf. Daß dann eine glatte Absage erfolgte, war voraus zu selben. Alls allem dürfte hervorgehen, daß cs an der national liberalen Wahlkreis­leitung gelegen hat, wenn eine Einigung des Bürgertums gegen­über der Sozialdemokratie nicht zustande gekommen ist. Wie man da noch aufDank" Anspruch erheben kann, ist uns ganz und gar unverständlich.

den Gegenstand. Von verschiedenen Blättern rvurde gegen die Regierung und gegen die N'Goko-Tangha-Gesellsckwft wegen der Entsckädigung eine überaus heftige Fehde eingeleitet, so bezeichnet die bonupartistischeAntvrits" auch die Angelegenheit alsein- afrikanisches Panama".

Die Wahlen in England.

London, 15. Dez. Bis vier Uhr nachmittags war der» Stand der Wahlen folgender: 235 Liberale, 257 Unio­nisten, 40 Mitglieder der Arbeiterpartei, 65 Redmondisten undf 8 O 'Brienisten. Die Liberalen gewinnen21, die Uni nisten 25, die Arbeiterpartei 4 Mandate. Spvack (Unionist) wurde in Tavistock mit 6409 Stimmen gegen Luttrell, der 6019 Stimmen erhielt, gewählt.

London, 15. Dez. (12,30 Uhr n.) Gewählt sind 239 Li­berale; die anderen Ergebnisse sind unverändert.

Haushalts sowie die Heeresvorlage wurden dem Budget-

Paris, 15. Dez. Der Minister des A außer en Pichon emp­fing heute nachmittag den Besuch des russischen Botschafters Is­wolsky, mit dem er eine lange und sehr freundschaftliche Unterredung hatte. Iswolsky wird am Sonnabend dem Präsi­denten Fallieres sein Beglaubigungsschreiben überreichen.

Paris, 15. Dez. Der Budgetausschuß beschäftigte sich gestern mit N'Goko-Tangha-Gesillscknast, der bei der Grenz­berichtigung zwischen Französisch-Kongo und Kame­run infolge eines Schiedsspruches von der französischen Regierung eine Entschädigung von 2 400 000 Francs bezahlt werden soll. Die Minister Pichon und Morel und die früheren üolonmlminister Trouillot und Miellies-Larroix, sowie der Ob-

Die kretische Frage.

Kanea, 15. Dez. Das Amtsblatt veröfsentticht eine Pro­klamation der Konsuln der Schutzmächte, in welcher diese namens ihrer Regierungen dem kretischen Vollzugsausschuß zur Kenntnis bringen, daß die Schutzmächte ben bei ihnen bo* glairbigten türkischen Botschaftern folgende Erklärung abgeben: in Beantwortung der Beschwerde der Pforte darüber, daß die krettsche Nationalversammlung im Namen des, Königs der Hellenen eröffnet worden sei und sich für den Anschluß Kretas an Griechenland ausgesprochen hat:

Die Hoheitsrechte der Türkei sind und bleiben von bert Mächten anerkannt. Daher besteht für die Pforte kein Anlaß, den Vorgängen in der kretischen Nationalversammlung Aus- merksamleit zu schenken. Diese hat bereits Kundgebungen für den Anschluß Kretas an Griechenland veranstaltet, welche aber ohne Einfluß sind auf den Entschluß der vier Mächte, die Hoheitsrechte der Türkei zu wahren. Hinsichtlich der künfttgen Verwaltung der Insel sind die vier Schutzmächte entschlossen, diese Frage zu prüfen, sobald sich eine günstige Gelegenherr dazu bietet.______________________________________________________

politische Tcrgcsschatt.

Der Reichstag

hat am Mittwoch! abend gegen 10 Uhr seine letzte SißimA vor Weihnachten beendigt. Nachdem der Schlußantrag der Rechten von der Linken mit Unterstützung der Reichspartei: und der Polen abbeschlagen war, gab es noch einige in­teressante Reden, die in der Hauptsache gegen Konservativ« und Zentrum gingen. Dem Abb- Gröber (Zentr.), der- im wesentlichen gegen den Freisinnigen Schrader polemi­sierte und sich dabei einen Ordnungsruf zuzog, folgte der sozialdemokratische Revisionist Dr. Frank-Mannheim, der den Staatssekretär Delbrück noch einmal zu der Fest­stellung veranlaßte, daß die Regierung an keine Ausnahme­gesetze denke. Dann kam eine Darlegung des nationallibv- ralen Abg. Everling über die Bedeutung der päpstliches Enzykliken. Der Redner gab insbesondere dem Abg. Erz^ beiger die Antwort auf dessen hochtönende Phrasen, als ob gewöhnliche Sterbliche von diesen Enzykliken gar nichts verständen. Auch der Abg. Gröber bekam sein Teil, und zum Schluß bewies Everling sehr zutresfend, wie das 3entrinn seinen konfessionellen Charakter im Fall des jungen- Spachr geradezu in bengalische Beleuchtung gesetzt hatten Die Abgg. Kreth (Kons.), Raab (Wirtsch. Vgg.), Schra­der (Fortschr. Volksp.) folgten, dann machte ein Schluß­antrag dem Spiel der Kräfte ein Ende. Ein großer des Ordinariums und das gesamte Extraordinariirm des

Die Besteuerung automatischer Feuerzeuge in Frankreich.

Paris, 15. Dez. In der heutigen Sitzung der Kam­mer erstattete Dumont fernen Bericht über die Steuer auf automatische Feuerzeuge und beantragte deren Annahme. Finanzminister Klotz, Caillaux, Berteaux und der Vorsitzende des Budgetausschusses ver­langten sofortige Abstimmung über die Vorlage, da es sich hierbei um eine Einnahme von 28 Millionen für den Staat handele. Finanzminister Klotz sagte, wenn man die automatischen Feuerzeuge im freien Verkehr lasse, be­günstige man die ausländische Industrie zum Schaden der französischen, die nicht das Recht habe, solche Feuerzeuge herzustellen. Caillaux führte aus, wenn man die auto­matischen Feuerzeuge unbesteuert lasse, so -lause man Ge­fahr, daß das staatliche Zündholzmonopol unwirlsam werde.

Trotz Widerspruches mehrerer Redner wurde die so­fortige Beratung beschlossen. Auf Antrag des Llbgeordneten Flanoin wurde die Mindestfteuer auf 2 Francs für das Stück statt der beantragten 2y2 Francs festgesetzt, nachdem Finanzminister Klotz und Berichterstatter Dumont ihre Zu­stimmung erklärten.

Die beiden ersten Paragraphen der Vorlage wurden angenommen. Sie gestatten auf Antrag die Herstellung von automatischen Feuerzeugen. Zlpparate aus gewöhn- lichent Metall bis zu 10 Ztm. Länge, Breite und Stärke werden mit 2 Francs das Stück besteuert, silberne mit 5 Francs, solche aus Gold oder Platin mit 20 Francs. Die Steuer auf größere Apparate bewegt sich zwischen 5 und 40 Francs. Die übrigen Paragraphen enthalten Bestimmungen über die Anwendung des Gesetzes, das so­dann im ganzen mit 383 gegen 196 Stimmen angenommen wurde.

mann der Kommission für audtoärtige Angelegenheiten De- Haushalts fnhne bie Heeresvorlage wurden dem Budget- schanel erteilten dem Ausschuß eingehende dllMärungen übe« ausschuß überwiesen, und der Präsident schloß mit einemf

Flasche noch den Tabak. Keiner kann sich rühmen, die An- ftrengungen besser überwunden zu haben wie ick. Ich habe nie versagt. Aber abends in der Ruhe bei der Flasche habe ich auch nie versagt und habe immer etwas Pech an den Unaussprechlichen gehabt. Mit einer gewissen Genugtuung und ohne jede Reue gedenke ich jener Tage. Wie ungezählte schöne Stunden haben sie mir eingetragen.

Also wir machten Halt bei dem Dorfe Orme, dem Gefechts­felde vom 11. Oktober, und auch dem front 4. Dezember, für das 1. bayr. Korps wenigstens. Zahlreiche Pferde lagen umher, vielen war die Hinterkeule abgeledert, die französischen Soldaten hatten sich aus den nackten Keulen runde FleisckMcke, die in ihre runden Kochgeschirre paßten, herausgeschnitten, um sich einen guten Braten zu sichern. Unsere Leute wären, glaube ich, eher Hungers gestorben, ehe sie die Pferdekadaver angenommen hatten.

Ich warf sehnsüchtige Blicke nach Orleans. Dort hinter der -nächsten Bodenwelle, die mit Weingärten bedeckt ist, tief im Grunde lag die Stadt. Ich kann mir nicht Helsen, die Erinnerung überwältigt mich, id) muß Erlebnisse hier einschalten, die nicht gerade zur Tagesgeschichle gehören, aber sich doch Mitte Oktober ereigneten.

Damals rückte mein Regiment, das 83., in Orleans ein. Unmittelbar vor der Vorstadt St. Jean hielten wir, um die letzte Hand an unsere Ausrüstung zu legen. Den Sttaßenstaub llopst man sich gegenseitig ab, eine etwa geöffnete 9lchselklappe wird geschlossen, der Waffenrock, ber sich so gern nach oben schiebt, kräftig heruntergezogen. Das Koppelschloß muß den stottersten Knopf des Waffenrockes verdecken, der wichtige Brotbeutel mufe vor­schriftsmäßig sitzen, sonst verdirbt er die ganze Figur des Mannes, wer einen Schnurrbart hat, gibt ihm noch einen kühnen Schwung. Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen. Bataillon marsch! Die Regimentstrrusik setzt ein und spielt einen ihrer prächtigsten Märsche. Nun muß man das Regiment sehen, auch die miglücklichste Soldatenfi girr nimmt Haltung an, jeder Kerl tmb ein paar Zoll länger, das Pflaster dröhnte unter dem Gleichschritt. St. Jeatl schien anfangs zu schlafen. Auch nm unansehnlichsten Haus waren alle Lädm zugezogen, man wollte uns nicht seherr die Barbaren, die den geheiligten Boden Frankreichs mit ihren ungeschickten Füßen zerstampften. 'Äber ber Lärm, den wir machten, erweckte die Neugier der Bewohner, die Regimentsmusik öffnete uns die Herzen aller Frauen, der jungen und der alten. Die klapprigen und die elegantesten Fenster­laden flogen auf und bewundernde Blicke flogen uns entgegen. Ja, so hatte man sich die Barbaren nicht gedacht, eine solche Marschordnnng hatte man nod) nicht gesehen, man dachte beschämt der eigenen Soldateska, die betrunken bie Glieder verließ und die Einwolmer beim Ausmarsch zum Kampf um Getränke NNd SEabal anbettelte, feine Dame jagte mir, tote eine Heude

Erlebnisse aus den Dezemberiagen an der Loire vor 40 Zähren.

m. . _ .

Wir verließen Unser Quartier in Chene-Pert, so hieß dre Gruppe von Gehöften, die mein Bataillon ausgenommen hatte, am frühen Morgen des 7. Dezember Das war ercklich ein Quartier gewesen, das uns vor der Kälte, vor Hunger und Durst für etwa 36 Stunden geschützt hatte. Es batie unsere Behaglichkeit nicht sehr gestört, daß wir mit unseren drei Burschen und den Besitzern des Hauses in einem Zimmer schlafen, kochen und essen mußten. Schon seither waren wir in dieser Beziehung durch eine harte Schule gegangen. Wir waren froh, wenn uns nack? schweren seelischen Ailfregungen und körperlichen Anstrengungen nur ein Quartier unter einem Dach zuteil wurde, beim eZ ist eine Tortur, todmüde Menschen unter freiem Himmel bei 1015 Grad Kälte hungrig und durstig schlaflos die Nacht verbringen zu müssen. Es war das ja alles nötig, das wußten wir. Unsere Anstrengungen zeitigten auch große Erfolge, auf die wir stolz waren. Wenn aber jemand in Friedenszeiten seinen Haustieren derartiges zu- muten wollte, käme er mit Recht vor den Strafrichter wegen Tier- quäl tret

Wrr marschierten auf Feldwegen und kamen baw auf die Straße ChatvandunOrleans bei dem halb niedergebrannten Dorfe, Orme, wo wir schon am 11. Oktober bei der ersten Einnahme von Orleans gekämpft hatten. Wir sahen nun die Gräber unserer damals Gefallenen zum dritten Male wieder. Rechts führte die Sttaße nach Ehatsauduil, links nach dem etwa ein Stündchen ent­fernten Orleans, geradeaus irach Tours und le Mans. Die letztere war Misere Marschsttaße für heute.

Schon vorher, ehe wir diese Straße erreichteii, hatte unser Oberft auf dem wüsten Gesichtsfelde das 1. bayr. Korps hatte hier am 4. gekämpft und war schon um Mitternacht mit ber 17. Division in Orleans eingerückt und hatte die Brücken über die Loire besetzt ein großes Faß Kognak gefunden, dasselbe öffnen 6mb den Kognak in Milchtöpfe füllen lassen. Nun mürben diese zahlreichen Milchtöpfe, die einem benachbarten Gehöft entnommen waren, in unsere Üolvnne gereicht. Auch an mich kam ein solcher Topf, und als ich ihn, natürlich im Marsch, ansetzte, stolperte ich etwas, und eine ganze Welle von Kognak schlug in meinen Mund. Ich mußte schluckm, um nicht zu erftitfen. Ta hatte ick) meinen ersten Heinen Rausch im Dienste, den ich für eine Schande ge­halten hätte, wenn er für meine Mannschaften erkennbar gewesen, wäre, weg! Denn der Ostizaer soll mit gutem Beispiel voran- Sehen, damit sich der Soldat niemals auch nur iw Stillen auf ben Vorgesetzten berufen Fann, wenn er selbst sich vergißt. Eine Feld­flasche führte ich niemals mit. Ich ramhte Msättig auch nicht Wto entbehrte so auch bei den <vr.strenge»sten Märschen weder diq

feien die Franzosen durch die Vorstadt ausgezogen und sie wu7ider< sich nicht mehr, daß wir überall die Sieger wären.

Wir wurden ein quartiert. Ein jüngerer Kamerad und ich iV die Vorstadt St. Jean in ein gutes Haus. Der .Hausherr an­scheinend Semina-ästrektor noch jung und gut aussehend, empfing uns fteundlick. Er stellte uns seinen Damen vor, einer noch jungen Fran und der Tockster, halb Kind halb Jungsiau. Da ging» mrr die Sonne an diesem Tage zum ziveften Male auf! Ich hatte so schöne Damen und so liebenstvürdige Frauen, seitdem wir bte deutsche Grenze verlassen hatten sage ich vorsichtig nicht gesehen. Ich gehe zunächst in die Stadt, um die drei Jungsiaurn von Orleans zu siheii:,die eine Kolossalstatue auf dem Place dte Martroy, die Jnngsiau''sitzt wie ein Mann zu Pferd, die andemr auf der Loirebrücke mit Fahüe imb Schwert, die dritte vor bnr Mairie. Die letztere soll die einzige sein, die künstterische Bedeutung hat. Sie ist auch von einer turnt scheu Prinzessin geschaffen.

Ich muß mir in jeder Stadt Wäsche kaufen. Seit meine# Verwundung bei Wörth schwebt mein Koffer irgendwo in Deutsch* land herum. Er ist mir damals töricksterweise nachgeschickt. Nun mußte ich bisher Bauers fr auen himmellange Strümpfe ab tauf cn^ jetzt habe ich in der Stadt Gelegenheit, zu betn Normalmaß zurück­zukehren. Auch Sporen ioill ich kaufen. Der Laden ist woh^ wegen der Kricgsunrichen geschlossen. Ein Bloiisinmann führt mich binxfi ein sehr enges Gäßchen in die Privatwohmmg pest Ladenbesitzers ins Hinterhaus. Die Familie sitzt beim ?lbend- essen, ein französischer Offizier in voller Uniform, den einen Arnt verwundet in der Binde, sitzt mit am Tisch Er steht sofort auf,, um mir einen Paß unseres Gouverneurs zu überreichem Ich lehne dankend ab, und der Kaufmann gibt mir die Sporen das Geschäft ist erledigt.

Wir verleben einen angenehmen Mend in der Familie unseres! Wirtes. Am anberen Morgen wird uns zum Frühstück KürbiZ» ftchpe serviert. Kaffee war in Orleans nickü mehr zu Hadem Die Haiisfrau bedient uns. Tie Knrbissuppe scknneckt süß, wider-» toärtig. Das darf ich doch dieser reizenden Frau nicht verraten^ Ich löffele tapsir daraus los, der Angstschweiß steht mir auf der Lsrrn, als ich endlich mit der Kürbis stippe zu Ende komme. Mer für mehr danke ich sehr energifd). Wir blieben noch bto zum 17. dort imb ich wäre ganz gern noch länger geblieben. In dieses Tageii begruben wir auck unsere Offiziere auf dem Friedhosi vvte Orleans. Große Leichenparade. Die Haltung ixr Bevölkerung- auch der Bluseiimänner in den Straßen, war Mlsgezeicküret. 9luch ftailzösische Offiziere wurden gleichzeitig begraben. Degen und Käppi lagen auf den Särgen.

Am 17. marschierten wir aus. Die Divisimt sammelte fu8 in ben Anlagen, ehemaligen Festungsgraben. Unser Divisionäu steh die Diostivn durck die Vorstadt 6t Jean an sich vorbei- Marschieren. wir ut feine Nähe kamen, passierten wir