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Nr. 20Erstes Blatt 1«O. Jahrgang Dienstag 2S. Januar1»IQ
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MW General-Anzeiger für Oberheßen MW
für ine TageSnummer Hototioits»ni(t un» Verlag der vrllhNtchen Univ.-Vuch- and Stemdruckerei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei- Schulstrahe T. nzeigentell: H. Beck.
bis vormittags 9 Uhr. _____
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
(Eine neue Gebietserweiterung (Englands.!
Nachdem England zu Beginn des vorigen Jahres.seinen hinter- ftidischen Besitz dadurch erweitert hatte, daß es mit dem König von Siam einen Vertrag abschloß, demzufolge ihm die Oberherrschaft über die drei Malaienstaaten Kclantan, Trengganu und Kedah übertragen wurde, die so lange Siam tributär waren, hat es jetzt seine Land auf einen Teil der sogenannten föderierten Malaienstaaten, nämlich auf Perak, Selangor, Negri Sombilan, Pahang und Perlis, gelegt, die zwar bisher schon unter britischer Oberhoheit standen, sich aber dennoch unter eigenen Sultanen einer gewissen Selbständigkeit erfreuten. Es soll nämlich zunächst für diese Staaten — andere sollen noch folgen — ein „Federal Council", eine gemeinsame beratende Körperschaft, eingerichtet werden, in der neben den Sultanen die leckenden englischen Beamten und von der englischen Regierung ernannte Vertreter der Kaufleute, Pflanzer usw. Sitz und Stimme haben, so bafe, da an der Gefügigkeit dieses Organs der englischen Regierung in Singapur gegenüber nicht zu zweifeln ist, auch diese Staaten in kurzem von England völlig aufgesogen sein werden.
Seitdem England im Jahre 1821 Assam erobert, 1824 die Eroberung Birmas begann und im nämlichen Jahre sich MalaKa von den Portugiesen abtreten liest, hat es nicht geruht und gerastet, bis es das ganze östliche Hinterindien in seinem Besitz mußte, und es läßt sich nicht annehmen, daß es bei seinem Expansionsdrange jetzt stehen bleiben wird. Neben den übrigen Malaienstaaten wird nur zu bald Siam, das jetzt noch selbständiges Königreich ist, der englischen Politik zum Opfer fallen, und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß sich dann ernstliche Difse- renzen nicht nur mit dem benachbarten Frankreich als Besitzer von Kambodscha, Anam und Tonking ergeben, sondern auch mit Holland, das neben der durch die Straße von Malakka von dem englischen Besitz getrennten Insel Sumatra noch den südlichsten Zipfel der Halbinsel Malakka selbst besitzt, also ein Gebiet, auf da> England schon wegen seines dort gelegenen Emporiums Singapur den grüßten Wert legen muß. So tauchen auch hier, an den Küsten des südchinesischen Meeres, internationale Fragen zwischen europäischen Mächten auf, die über kurz oder lang zur Entscheidung drängen werden, es sei denn, daß ein siegreicher Vorstoß Japans, das ja schon ein Auge auf die Hinterindien vorgelagerten Philippinen geworfen hat, dem europäischen Wettbewerb in diesen Gebieten überhaupt ein Ende macht.
Was nun die jetzige neue Gebietserweiterung Englands ftn besonderen anbetrifft, so nennt die koloniale englische^Presse die Gründung des Federal Council für die malaischen Staaten mit Recht einen Schritt in der Richtung, das malaische Gebiet mit dem britischen zu verschmelzen. Es wird dabei besonderer Wert darauf gelegt, daß dann das ganze britische Hinterindien von der Südgreuze Siams bis nach Singapur nur ein Budget haben und diese Zusammenfassung der Kräfte auch in militärischer Hinsicht von ganz hervorragender Bedeutung sein werde. Regierungszentrale würde Singapur werden, dessen strategischer Wert dadurch so ungemein gesteigert würde, daß mit seinem Besitz die Vorherrschaft Großbritanniens auf der malaischen Halbinsel stehe oder falle. Das ist alles durchaus richtig, nur liegt wohl der Hauptgrund für England, sich die föderierten Malaienstaaten
anzuschliesten, darin, daß diese jetzt, wo die hinterindischen Kolonien Englands sich wegen des Einnahmeausfalls aus dem von China in letzter Zeft aufs energischste bekämpften Opiunl nicht mehr rentieren, zu deren Lasten herangezogen werden sollen, vielleicht auch, worauf die obigen Aeußerungen der britischen Kolonialpresse bInhalten, zu einer Befestigung Singapurs und einer weiteren kriegsgemästen Ausgestaltung seiner Hafenanlagen, so daß Holland, wenn sich diese Pläne verwirklichen, alle Ursache hat, in ihnen eine Bedrohung Sumatras zu sehen.
Aber augenfckseinlich geht der englifcbe Expansionsdrang noch weiter. Wie zuverlässig gemeldet wird, ist in dem noch selbständigen Sultanat Johore, in dessen Kautschukbau in letzter Zeit ungemein viel englisches Kapital investiert wurde, der bisherige ftn-anzielle Ratgeber des Sultans, ein alter Rechtsanwalt in Singapur, durch einen sehr tüchtigen britischen Residenten ersetzt worden, den der Sultan von Johore zu bezahlen hat. Das aber widerspricht dem letzten Vertrage zwischen Großbritannien und Johore, der England nur einen Konsul, aber keinen Residenten in Johore zugesteht. Es besteht also der sehr berechtigte Verdacht, daß auch die Selbständigkeit des Sultanats Johore in kurzer Zeit ihr Ende erreichen wird, indem England dieses gleichfalls seinem indischen Kolonialbesitz angliedert (wie, nebenbei bemerkt, auch die Insel Labuan, die jetzt zu einem besonderen Settlement der Kronkolonie gemacht wurde).
Tüchtige Leute, diese Engländer, die es verstehen, auch hier so zu arbeiten, daß alles friedlich zugeht und in Europa kein Hahn danach kräht, wann das britische Weltreich sich ständig vergrößert und die übrigen Nationen das Nachsehen Robert
politische Lagesschari.
Die hessische Regierung und die Frankfurter Universität.
Wir erhalten folgende Zuschrift:
Sollte die geplante Universität Frankfurt Tatsache werden, so bedeutete das, darüber kann niemand im Zweifel sein, eine schwere Schädigung für Stadt und Universität Gießen und int weiteren Sinne für das ganze Land. Unbegreiflicher Weife scheint sich die hessische Regierung dieser Einsicht zu verschließen. Sie hat verfugt, daß jetzt schon für manche Fächer die Studiensemester auf der Frankfurter Akademie denen auf deutschen Universitäten gleich erachtet und beim Staatsexamen in Anschlag gebracht werden sollen. Die betreffende Verfügung ist kürzlich allen höheren Lehranstalten zugegangen. Vielleicht werden sich also schon zu Ostern die hessischen Abiturienten zahlreich nach Frankfurt wenden.
Wenn die Regierung des durch die geplante Neugründung am meisten bedrohten Staates ein solches Entgegenkommen zeigt, dann ist es freilich kein Wunder,^wenn den Frankfurter Entrepreneuren trotz abwehrender Stimme im eigenen Lande der Kamm" schwillt!_______________________
Aus Hessen.
Vom Hessischen Landes-Lehrcrverein wird uns geschrieben: Die am letzten Samstag in Frankfurt abgehaltene Obmünnerversammlung nahm einstimmig folgenden Beschluß an:
„Die Obmännerversammlung spricht dem Vorstande
für sein zielvewugl.es Vorgeyen in der Gehaltsangelegeit- heit ihre ungeteilte Anerkennung aus. zurzeit Die in der Thronrede vom Dezember 1908 in Aus)icht gestellte Gehaltsregelung für Beamte und Lehrer nicht durcy- geführt werden kann und für das Jahr 1910 der Aus- locq der Teuerungszulage beschritten werden soll, hat der Hessische Landes-Lehrerverein zur hohen Staatsregie- runa und den beiden hohen Ständekammern das feste Vertrauen, daß die Lehrer und Lehrerinnen an Volksschulen bei Zumessung dieser Teuerungszulage in gleicher Weise wie die Staatsbeamten bedacht werden."
Deutsches Reich.
Danrit, daß Frhr. v. Schoen, wie verlautet, das Amt eines Staatssekretärs mit demjenigen eines Botschafters in Paris vertauschen will, ist der,Konservative Reichsbote gar nicht einverstanden. Er veröffentlicht eine Zuschrift von .Diplomatischer Seite", in der es heißt:
Schlimm nur, daß Herr v. Schoen, statt der ver- dienten Ruhe zu pflegen, künftig wieder Botschafter, in Paris zu werden wünscht. Es ist aber nicht zulässig, daß jetzt Paris, wie in der Bismarckschen Zeit, mit Unzulänglichkeiten besetzt wird. Als der Altreichskanzler regierte, kam es auf den Vollstrecker seines Willens au der Seine nicht an, der bloß die Aufrechterhaltung der diplomatischen Formen zu besorgen hatte. Frankreich! war vereinzelt und kolonialpolitisch mit unserer Zustimmung beschäftigt. Jetzt ist es die Führerin einer deutschfeindlichen Verbindung verschiedener Großmächte und stört unsere wirtschaftlichen Interessen. Es bedarf also in Paris selbst einer starken Hand, nicht eines kleinen Lichtes in der großen Laterne, wie Holstein spöttisch den seligen Munster nannte, der in London und Paris bloß als Grandseigneur auftrat und durch erfreuliche Grobheit den Verstand ersetzte. Jetzt fehlt uns beides.
Der Gesamtausschuß des Handelsvertragsvereins wird, wie man uns schreibt, am Sonntag den 30. Januar, vormittags 11 Uhr, in Frankfurt a. M. (Saal der Handelskammer) zu einer Sitzung zusammen- lreten. Die Tagesordnung ist wie folgt festgesetzt: 1. Internationale Vereinheitlichung des Textes der Hanoelsverrrüge. 2. Erleichterung auf dem Gebiete des internationalen Post- verkehrs. 3. Eingreifen der Konsulatsbehörden bei Prozessen im Auslande. 4. Vorbereitung des deutsch-schwedischen Handelsvertrages. 5. Die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen. 6. Der neue Handelsvertrag mit Portugal. Am Vorabend, dem 29. Inn., wird eine öffentliche Versammlung der Frankfurter Ortsgruppe im Saale der „Frankfurt-Loge", Eschersheimer Landstr. 27, abends 8# Uhr, abgehalten, in der Bergrat Goth ein über die schwebenden handelspolitischen Fragen sprechen wird.
Aus Berlin berichtet man: "Nachdem der wirtschaftliche Ausschuß von den zwischen Berlin und Washington in der Handelsfrage geführten Verhandlungen Kenntnis genommen, und dabei die Vollständigkeit des darüber vorgelegten Materials anerkannt hat, sp.ach er seine völlige uneingeschränkte Billigung des Vorgehens der verbündeten Regierungen wegen der weiteren Behandlung der Angelegenyeit aus. Dem Ausschuß wurden meh-
kleines Feuilleton.
— Im König!. Schauspielhause in Berlin gastierte am Sonntag — wie schon vor einiger Zeit das inzwischen engagierte Frl. Heisler — Frl. Gusti Ney vom Stadttheater in ^vießen als Susanne in Paillerons „Welt, in der man sich langweilt". Die junge Darstellerin schien die Empfindung zu haben, daß das Publikum mit ihrer Leistung nicht recht mitging, und dadurch etwas unsicher zu werden. Dabei gewann man aber doch den Eindruck, als ob sie die Fähigkeit hätte, sich selbst einem ihr so sremden Rahmen unauffällig einzufügen. Ihr Spiel zeigte im ganzen eine gewisse Stetigkeit und klares Verständnis, aber freilich auch, wie das bei ihrer Jugend kaum anders zu erwarten ist, einen Mangel an künstlerischer Kultur und Technik. Doch das, was ihr fehlt, ist erlernbar, — was aber nicht erlernbar ist, sondern angeboren sein muß, das Talent, ist unverkennbar vorhanden. Die schlecht verhaltene Liebes- leidenschast und die grenzenlose Eifersucht der Susanne brachte Frl. Ney trefflich zum Ausdruck. Ihr Haß war ein Geständnis ihrer Liebe, aber wenn sie von Der Liebe sprach, glaubte man ihr nicht. Wenn man am König!. Schaüspiel- hause Lust und Geduld zu erzieherischer Tätigkeit hat, sollte man die junge Dame festhalten. Es wäre schade, wenn diese Begabung in der Unrast der Provinzschauspielerei auf die Bahn der Konvention gedrängt würde.
— Berliner Bühnenelend. In einem Bericht über die letzten Berliner Theaterereignisse, den Julins Elias im zweiten Januarheft der illustrierten Halbmonats- fd)rift „Nord und Süd" veröffentlicht, charakterisiert der Verfasser die schwankende Situation des heutigen Berliner Bühnenbetriebs mit folgenden Worten: Den Stern von Bethlehem suchen am grauen Winterhimmel die ungläubigen Berliner Theaterdirektoren mit ebenso heißen Blicken wie die gläubigen Kinder. Er bringt ihnen eine Art Entscheidungsstunde. Wird er ihnen ein Unstern oder ein Glückstern jein? Wird der notleidende Kunstagrarier, saniert, sich's aus trächtiger Schocke bequem machen können? Oder wird er weiter tappen müssen durch das Dunkel der Mißerfolge und durch das Gestrüpp entmutigender Kassenrapporte? Wir haben zu viele Bühnen, und dazu Betriebe, die von unberufenen und unbefähigten Köpfen aus dem Boden gestampft wurden, dank dem zeckweingen Theaterdelirium begüterter Herrenlente. Ein gesunoer Krach könnte nicht schaden: er würde die Luft reinigen. Er muß kommen, und er wird kommen. Bon diesen faulen Stämmen wird das ganze Erdreich unseres Theaterlebens angegeckt: der forcierte Wettbewerb versprengt die schauspielerischen Kräfte,
verführt tiuxftlerifcije '.Uten|ü)en, Autoren wie Buynenieuer, zu den sonderbarsten Purzelbäumen, macht das Publikum nervös und sensationslüstern und alte ehrliche Kritiker zu Kapuzinern.
— Bana Dietrich, Siegfried Wagners neu st cs Werk, erlebte, wie man uns untenn 23. au-5 K'arlsr u hv Ichreibt, am hiesigen Ho ft Heater eine ausgezeichnet eingeridsteto Ausführung, die einen starken äußeren Erfolg hatte. Ter märä^en- haste Swft behandelt die Schicksale Dietrichs von Bern in der böhmischen Vervallhornung, ohne sich zu einer bedeutenderen Höhe zu erheben. Die Musik zeigt stellenweise sein schöne Motive, zeigt aber häufig eine allzu avsichtliä-e Volkstümlichkeit und auch nicht selten Anklänge an Richard Wagner, Humperdinck, Richard Strauß und C. M. v. Weber.
n. D ie zweite Herrensitzung des Mainzer Karnevalvereins hatte sich ebenso wie die vorhergehende eines ungemein starken Zu>prud)s zu erfreuen. In der mit den hübschen Narrenmützen geschmückten 4iarrl)ackesenschar herrsdste beständig die ausgelassenste Stimmung, und es ist schwer, irgend einem oen Preis zuzuerkennen. Von den vielen guten Liedern und Vorträgen sei nur eines erroälynt, das sich auf den Besuch unseres Oberbürgermeisters bezieht. Es heißt darin:
Tie Sitzung ist aus — der Präsident Ten Humpen zum Abschiedstrunk hob er Im halb noch erleud)teten närrischen Saal Hält tapfer noch aus unser Ober.
Als einer der letzten verließ er den Saal, Wodurch er's nun sehr wieder einholt. Er wollt' zu der Halle nun nicht mehr hinaus. In die er zuerst nicht hinein wollt.
Das brachte die gute Laune auf die Spitze und als gar Stadtverordneter Kaiser den Narrhackesen in einer humorvollen Rede mitteilte, daß es dem Oberbürgermeister nach einer vertraulichen Aeußerung in der Stadthacke fdjon weit besser gefalle, als im Stadthaus, da kannte der Jubel überhaupt keine Grenzen mehr. Unser „Ober" hat nämckch die früheren karnevalistisdMi Vev- anftalhingen streng gemieden. Auch der erste Maskenball des Karnevolvereins, der Die deutschen Märchen verherrlichte, war, wie immer, „ausverkaust" und wurde und) dem mehrjährigen Interregnum" endlich wieder durch das närrüdje Ministerium eröffnet. Ter dritte Tag brachte dann das 4. Tonkünstlerwnzert, an dem sich auch der Diainzcr ännergefangnerem und der Turnverein von 1817 hervorragend beteiligten. Von Freitag bis Sotin- tag — eigentlich schon Vcknckag — dazu gehört schon die Begeisterung eines ed>ten Narrhackesen, wenn man das aushällt. Awer fchee warS!
— Wilhelm Raabe zu Hause. Im ersten Januarheft der illustrierten Halbmonatsschrift „Mrd und Süd" gibt Heinrich Spierv ein fesselndes Bild von der persönlid>en Ersd-einung des verehrten Braunschweiger Tidsters und seinem Seim: Ein breites und tiefes Zimmer mit altem, schlichtem Hausrat, Bücher über Bücher an den Wänden, darunter die seltenen ersten Trucke der
„Chronik der Sperlingsgasse" und des „Hungerpastors", die leider noch ziemlick) häufigen des „Schüdderump". Aus den Fenstern! der Blick über einen weiten Platz, der an guten Nachmittagen' voll spielender Stinbcr ist: und dahinter die Wipfel hoher, alter Bäume, der Bäume vom Magnikirchhos, auf dem Lessings Sterbliches ruht. Am Fenster oder an dem großen runden Rütteltisch, auf dem so viele Bände getrieben wurden, ■ der Mann, dessen Bild dieses Heft eröffnet: Wilhelm Raabe. Immer noch ist die Gestalt ungebeugt, obwohl 78 Jahre über sie dahingegangen sind — und was für Jahre! Schon lange hatte Raabe die größtes und schönsten Romane geschrieben, die unsere neuere TwstunS hervorgebracht hat, den „Schüdderump" und den „Abu Self an", und immer noch war er dem Publikum nur der Dichter bed „Sperlingsgasse^ immer noch galt dieses hübsche, aber leidste Erzeugnis der Berliner Semester in der Spreegasse als Raabes eigenckicksts Hauptwerk. Erst als das Meisterbuch der „Aktc2i Deä Vogelsangs" erschienen war, ja, als Raabe mit ruhiger Energie einem Strich unter sein Schaffen gemacht und sich Den TüeiL „Schriftsteller a. D." gegeben hacke, erst da kam dem fast Siebzig- jährigen der weithin und weither hackende Ruhm. Weithin — überall in deutschen Häusern und deutsdj-en Herzen wohnt er nun; und weither —*denn von ackern Seiten flattern jetzt in das stille Aimmer der Leonhardstraße zu Braimschweig die Zeichen einer Liebe, die ihren Gegenstand nidjt mehr läßt. Das wies iidv laut am 70. Geburlstagssest: da ward Wilhelm Raabe feierlich ein- gehvlt ins Altstadtrathaus, den wundervollen Bau feinfter mittels alterlicher Stadtarchitektur, und tief bewegte Huldigung sprach zu dem ÄicistLr, der wie fein anderer Lebender ein praecephor. Gennaniae ist, ohne Lehrdünkel und Pedanterie, aber voll tief- glühender Leidenid-ast und jenes Humors, der in der Uebei> Windung der Welt zum Welthumvr wird. Und leise erweist diese Liebe sich immer wieder in guten Stunden und sucht den auf, der io Dielen Vieles gegeben hat. Er aber, Raabe, behält auch bann den stick versonnenen, aber immer ein wenig listigen Blick, wie ihn die Büste des Künstlers aufweist. Lange jdjmcigt er wohl und idjeint, ganz in sich versenkt, kaum zuznhören: „Verkniffeicheit vor lauter, lauter Seele" hat Pctcr Hille das genannt. Dann aber fällt ein Wort, ein Satz — und wir merken, wie feinhörig dieser wimdervocke Mensck) ist für alles, wie er menschliche r Größe und menschlicher Kleilcheit, Liebe und Haß und — Torheit ganz die Sinne offen gehalten hat, die Künstlersimie. In seinen Schriften |iel)t'5 oft genug zuerst kraus und seltsam aus, und am Ende offenbart sich doch die feine Künstler Hand, die mit bödjfter Einheitlichkeit und Klarheit burd) des Erneuens Dumpfheit und Wirrnis, durch.das „Verworrene Leben" uns zur Vollendung fuhrt. Und wie der Künscker, so auch -- wie bei jedem Großen — der Mensch: unpathetisch, jdjeinbar nüchtern und dann voll blitzenden Geistes, der kein Feuerwerk witziger Wortspiele bringt, sondern selbst in tiefer Ironie immer noch eine in Schmerzen und Kampf sestgehaltene Liebe zur Mensd^heck und, ohne Phrase und Pose, zu seinem deutsdien Volk. „Unsere tägliche Selbsttäuschung gib uns heute" — das ist ein Raabesdies Wort der Bitte an bie Gottheit über uns.


