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22.7.1910 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

160. Jahrgang

Freitag 22. Juli 1910

ton* undVermischtes* K. Neurath; fürStadt

u. Land" undGerichts- l": E. Heß; sür den

Nr. 169

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich SietzenerZamilienblätter; uveimal wöchentl.Kreis- blatt für den Ureis Gießen (Dienstag und Freitag); tweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitfrageu Fernsprech - Anschlüsse: sür die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse sür Depeschen

Anzeiger Gieße«.

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Gietzemr Anjeigei

Seneral-Anzeiger für Oberhessen

Die neue Verfassung der Reichslande.

Die Frage nach der neuen Verfassung der Reichslande, die schon so lange die Gemüter diesseits und jenseits des Rheins in Erregung gesetzt, hat nun endlich ihre Lösung gefunden, wenn die heute darüber durch ein Berliner Mit- tagsblatt verbreiteten Meldungen richtig sind. Danach soll die Stellung Elsaß-Loth ringens dem Reiche gegenüber ganz dieselbe bleiben, wie bisher, nur soll es im Bun des rat, wo es bekanntlich jetzt völlig unvertreten ist, 3 Stimmen e rh a l t e n, die aber nur bei den eigenen Angel egen- Herten der Reichslande in die Wagschale fallen. Auch an dem Verhältnis des Kaisers zu den Reichslanden wird nichts geändert. Er soll nach wie vor alsDelegator des Reichs" die Regierung ausüben, sich aber dabei durch einen van ihm ernannten Statthalter vertreten lassen. Dagegen er­fährt die Legislative Elsaß-Lothringens, die bisher vom Landesausschuß ausgeübt wurde, eine durchgreifende Umgestaltung. .Es wird hier das Zwei-Kammer­system eingeführt. Und zwar soll sich die erste Kammer aus 24 Mitgliedern zusammensetzen, von denen die eine Hälfte vom Kaiser ernannt wird, wahrend die andere aus Vertretern der großen Städte, der Universität, der Handels­und Handwerkskammern, sowie der Konfessionen bestehen soll. Die zweite Kammer dagegen, der Landtag, soll aus allgemeinen, geheimen und direkten Wahlen hervorgehen, bei denen jeder 25jährige Mann wahlberechtigt ist, der seit 3 Jahren in Elsaß-Lothringen wohnt. Rur soll vom 35. Lebensjahre ab jeder Wähler 2 Stimmen, vom 45. Lebens­jahre ab gar 3 Stimmen haben, so daß das neue reichs­ländische Wahlrecht ungefähr dem Reichstagswahlrecht ent­spricht, nur daß das Wahlalter ein höheres ist, die Dauer des Wohnsitzes in Frage kommt, und überdies noch Plurab- stimmen für die höheren Lebensalter geschaffen wurden.

Dazu wird uns aus Berlin geschrieben:

Soweit wir die Stimmung in Elsaß-Lothringen zu be­urteilen vermögen, wird man diesen neuen Verfassungs­entwurf, vorausgesetzt, daß die obigen Einzelheiten richtig angegeben sind, mit einigermaßen gemischten Gefühlen auf­nehmen. Denn, wenn wir auch davon absehen, daß viele Elsaß-Lothringer den Staathalter durch einen kaiserlichen Prinzen (Selundogenitur der Hoyenzollern) ersetzt zu sehen wünschten, während andere sogar nach der Erklärung der Reichslande zu einer Republik trachteten das, was alle Elsaß-Lothringer einstimmig verlangten, die Erhebung der Gleichstände zum Bundesstaat, bringt ihnen der Entwurf nicht. Wohl erhalt Elsaß-Lothringen 3 Stimmen int Bundes­rat, sie dürfen aber nur bei den eigenen Angelegenheiten der Reichslande mitstimmen, haben also insbesondere reinen Einfluß auf die Steuergesetzgebung des Reiches und alle übrigen Gesetzesvorlagen. Wie es heißt, hatte die Reichs­regierung zunächst die Msicht, den Reichslanden wirklich die Stellung eines Bundesstaats zu verleihen, doch scheiterte diese Vornahme im Verlauf der Besprechungen mit den Bundesrats-Vertretern an dem Widerstand einiger mittel-undsüddeutscherStaaten,die wohl fürch­ten mochten, daß Preußen auch die drei reichsländischen Stimmen ins Schlepptau nehmen und damit sein schon vor­handenes Uebergewicht im Bundesrat noch weiter ver- verstärten würde. .

Zufriedener wird man in Elsaß-Lothringen schon mit der Neuordnung der parlamentarischen Landesvertretung sein, nachdem man seit dem bekannten Delbrück-Diner am 14. Juni gelerne hat, die Hoffnungen auf die Einführung des un­geschmälerten Reichstagswahlrechts (unter Anwendung des Proporzes) zu begraben. Man wird in dem geplanten Wahlrecht jedenfalls einen Fortschritt sehen, wenn, was ja noch unbekannt ist, auch die Zahl der Landtagsabgeordneten!

und ihre Verteilung auf die einzelnen Bezirke die Wünsche der Elsaß-Lothringer befriedigt. Hinsichtlich der ersten Kammer aber werden manche Tadelsstimmen sich ver­nehmen lassen. Die großen Städte, die Universität, die Handels- und Handwerkskammern, sowie die Konfessionen sollen 12 Vertreter zur ersten Kammer ernennen und der Kaiser soll die ganze andere Hälfte der Herrenhaus-Mit­glieder ernennen. Dadurch wird und das ist im Interesse des Reiches zu begrüßen gegen eine französischen Ten­denzen huldigende Mehrheit der zweiten Kammer ein Felsen des Deutschtums in den Reichslanden geschaffen.

Die Ermordung eines Deutschen in Palästina.

Berlin, 21. Juli. Hebet: die Ermordung eines Deut­schen bei Haiffa liegen folgende Nachrichten vor: Auf einem Weinberg der 8 Km. südlich von Haiffa gelegenen deutschen Ansiedlung Neuharthof wurde ein Änwohner des Dorfes Tirsch erschossen ausgefunden. Der Staatsanwalt von Haiffa ersuchte den dortigen deutschen Bizekonsul, an der Inangenscheinnahme der Leiche teilzunehmen. Der Kon­sul begab sich mit einem Dolmetscher und einem angesehenen Mitglied der deutschen Kolonie, dem Württemberger Fritz Unger, der als Sachverständiger dienen sollte, nach Neu- harthof. Dort trafen sie zusammen mit dem Staatsanwalt, einem Gerichtsarzt und zwei Gendarmen, von etwa 150 Männern und Frauen aus dem benachbarten Tirsch mit Geschrei u. dem Rufe empfangen :dieDeutschenhätten den Mann getötet. Während der Konsul sich zur Leiche begab, fielen mehrere Tirioten über den beim WagenzurückgebliebenenUngerher,schlugen ihn hinterrücks zu Boden und schossen ihn unter den Augen des Konsuls und der türki­schen Gerichtsbehörden mit sieben Kugeln tot. Die Tirioten ergriffen sämtlich die Flucht; die Namen einiger Täter konnten jedoch festgestelll werden.

Der Konsul verlangte von den türkischen Behörden die sofortige Verfolgung und die Bestrafung der Täter sowie die Entsendung von Soldaten zum Schutz des einsamen Neuharthofs. Zwölf Soldaten wurden im Laufe des Tages dorthin gelegt; von Beirut ist der türkische Stationär mit einer Kompagnie nach Haiffa abgegangen. Der Mali von Beirut trifft die umfassendsten Maßregeln,umdie Mörder zur Rechenschaft zu ziehen und wird sich, wenn es notwendig sein sollte, selbst nach Haiffa begeben. Der deutsche Geschäftsträger in Konstantinopel be­gab sich gestern zu dem Mnister des Aeußern und ersuchte um die Bestrafung der Schuldigen und Schutz für die deutschen Kolonisten. Der Minister ver­sprach die nötigen Maßregeln sofort zu veranlassen.

Konstantinopel, 21. Juli. Die Pforte veröffent­licht ein Rundschreiben über die Ermordung des Deut­schen Unger in Haiffa. Die Behörden hätten alle Maß­nahmen zur Festnahme des Mörders und zur Wahrung der Ordnung getroffen.

KoLLtrjche Lagestzchari.

Nationalliberale und Freisinnige in Hagen-Schwelm.

Wir haben in unserer Nr. 163 in einer Notiz derNatio­nalliberalen Korresp." mitgeteilt, wie im Wahlkreise Hagen- Schwelm die DinDe stehen, daß eine Einigung der Liberalen nicht zustande gekommen ist. Von fortschrittlicher Seite ist gegen die nationalliberalen Feststellungen, daß die Fort­schrittspartei in Hagem-Schwelm einer Verständigung aus dem Wege gegangen sei, Widerspruch erhoben worden. Auch der rheinisch-westsäl. Provinzialverband der Fortschritt­lichen Volkspartei hat sich am Mittwoch in Hagen mit der Angelegenheit besaßt und folgende Entschließung gefaßt:

Zum HundertjahrjubiMm der Universität Berlin.

Zur Hundertjahrfeier der Universität Berlin, die im November stattfinden soll, ist leider zwischen den Inkorpo­rierten und der freien Studentenschaft ein unerquickliches Zerwürfnis aus gebrochen, das dadurch hervorgerufen wurde, daß die freie Studentenschaft bei der Feier nicht wie die Korporationen vertreten fein sollte. Ein großer litera­rischer Streit war darüber ausgebrochen, und die Folge ist nun, daß am Jubiläumstage zwar keine Proteswersamm- lung der freien Studentenschaft abgehalten, daß diese aber immerhin eine eigene Jubiläumsfeier veranstplten wird. Wir lesen darüber imBerl. Tgbl.":

Tie Freie Studentenschaft an Ser Berliner Universität hatte in einer Versammlung eine Resolution angenommen des Inhalts, daß eine große Protestversammluug am Tage des Universitäts­jubiläums die einzig würdige Antwort auf das Verbot des Aus­legens derFreistudentischen Blätter" sei. Der Beirat der Freien Studentenschaft hat indessen beschlossen, von einer solchen Protest- Versammlung ab-useherr. Dagegen soll am Anfang des nächsten Semesters, wenn möglich gleichzeitig an allen deutschen Univer­sitäten und unter Hinzuziehung sämtlicher gleichgesinnter Kor­porationen eine Kundgebung sür die Erreichung der vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Stu­denten und der Aufhebung der ent gegen steh enden Disziplmar- verordnungen veranstaltet werden. In einer Reih« von Versamm­lungen soll Politikern aller Richtungen Gelegenheit gegeben werden, ihre Ansichten über diese Frage zum Ausdruck zu bringen. Die auf Grund der erstatteten. Referate gefaßten Beschlüsse will man als Petition an das Abgeordnetenhaus senden.

Nachdem durch das recht wenig entgegenkommende Verhalten der Universitätsbehörden den nicht Farben tragenden Studenten jede Vertretung ihres Rechtes unmöglich gemacht wär, haben sie mit ihrer Flucht in die Oesfentlichkeit in letzter Stunde erreicht, daß der Rektor die Vertrauensmänner der Niehtmkorporiertan! am vergangenen Montag abermals empfing. Als immerhin er­freuliches Resultat ergab sich bei dieser Konferenz, daß Rektor und Senat den Nichtinkorporierten für ihre am 12. und 13. No­vember geplante eigene Jubiläumsfeier keine amtlichen Schwierigkeiten in den Weg legen wollen, da eine friedliche Verständigung mit dem korporierten Teil der Studenten­schaft als ausgeschlossen gelten muß. Als Redner bei dieser großen Novemberseier, deren Hauptakt in der Philharmonie

vorgesehen ist, sind Friedrich Naumann, Wilhelm Bölsche unb andere in Aussicht genommen.

Eine Zurücknahme des Verbots der BerlinerFreistudentischen Blätter" (die sich bekanntlich des Abdrucks des Protestausrufs schuldig" gemacht haben) ist nicht angängig, da die Frei­studenten gegen diese Maßregelung inzwischen Beschwerde beim Kultusminister eingereicht haben.

Das römische Opernprogramw des Jubi­läum ah res. Aus Rom wird berichtet: Das Programm der großen Opernaussührungen, die im kommenden Jahre im Zusammenhang mit dem 50 jährigen Jubiläum des Königreichs Italien und mit der großen italienischen Ausstellung in Rom im Constanze-Theater stattfinden sollen, ist in den Grundlinien nunmehr festgesetzt. Mit einer kurzen Hnterbrechung im Hoch­sommer soll vom März bis Ende November gespielt werden. Die Saison wird in drei Abschnitte geteilt, die je einen italienischen Kapellmeister erhalten. Von März bis Ende April dirigiert Maneinelli; er eröffnet die Saison mitWilhelm Tell". Von Ende April bis Juni dirigiert Toseauini und den Schluß der Saison leitet Hugione. Die Zahl der Werke, die zur Darstellung kommen, ist noch nicht bestimmt. Fest steht, daß Maneinelli den Macbeth" dirigiert, in dem Battistini die Hauptrolle singt; ferner wird unter Mancinellis Leitung dieNachtwandlerin" von Bellini, derDon Pasquale" von Donizetti unb derVerlorene Sohn", eine fast vergessene Oper von Ponchielli, gegeben. Bon neueren Werken siN) dieFrancesca" von Maneinelli und das erste Werk von CatalaniLa faloe" in Aussicht genommen. Toseauini wird seine Tätigkeit wahrscheinlich mit derAida" einleiten; -er wird auch denFalstaff" dirigieren und vor allem die Uraufführung des neuen Werkes von Pueeini,Das Mädchen aus dem Westen", in dem Caruso die Hauptrolle singt. Von Sängern sind bisher gewonnen als Tenöre: Caruso, Bonei, Zameo und der junge Tenor Maenez; als Baritons: Battistini, Amato, Straeeiari und Titta Ituffo; als Bassisten: De Angelis und l'Arimondi. Für Sopranrollen wurden verpflichtet die Storchio, die Gagliardi, als Mezzosopran die Garibaldi. Mit der Tettazzini und der Crusoeniski, mit dem russischen Tenor Smirnoff, dem Bariton Sammaroc und dem Baß Gourmet von der Pariser Oper schweben noch Verhandlungen. Das Orchester stellt die Ka­pelle des Augusteum; die Chöre werden auf eine Starke von 120 Stimmen gebracht.

Der rheinisch-westfälische Provinzialvorstand der Fortsthritt- lichen Volkspartei spricht den Parteifreunden in Hagen-Schwelm Dank und Anerkennung aus für ihr Verhalten gegenüber der national liberalen Parteileitung des Wahlkreises bei den Ver­handlungen über die letzten Reichstagswahlen. Der Provinzial- Vorstand ist der Heber freu gung, daß das Vorgehen der Hagener Nationalliberalen den politischen Absichten ihrer eigenen Partei­leitung widerspricht. Es scheint ihm darum noch nicht an der Zeit zu sein, prattische Folgerungen aus dem Hagener Vorfall zu rieben. Im allgemeinen wird der Provinzialvorstand nach wie vor an den Richtlinien festhalten, die für den Liberalismus durch die gesamte politische Lage geboten sind."

Ans dem in derFreis. Ztg." veröffentlichten Brief­wechsel zwischen den lokalen Parteileitungen der Nariowal- liberalen und Fortschrittlichen war zu entnehmen, daß die Nationälliberalen am 17. Mai eine Verständigung por- schlugen auf der Basis, daß sämtliche bürgerliche Parteien des Wahlkreises sich auf einen Kandidaten einigen möchten, der, so hieß es in dem Schreiben,nach Lage der hiesigen Verhältnisse wenn möglich aus den Reihen der Fort- schrittspartei zu entnehmen ift". Die übrigen Parteien sollten ein Mitbesttmmungsrecht bei der Auswahl des .Kandi­daten haben, und es sollle ein gemeinsamer ANsschuß der bürgerlichen Parteien gebildet werden. Von den Fortschritt­lichen sollte Entgegenkommen bezüglich der Besetzung der Landtagsmandate unb kommun alp oliris ch en Anliegen der übrigen Parteien gefordert werden.

Der Kreiswcchlausschuß der fortschrittlichen Volkspartei entgegnete out 27. Mai, er halte es für richtiger, nicht für einzelne Wahlkreise, sondern für größere Bezirke, etwa für die ganze Provinz Westfalen, Wahlabkommen zu schließen und demgemäß sei die Sache an die fortschrittliche Partei­leitung in Berlin weitergegeben worden. Am 31. Mai antwortete der nationalliberale Kreiswahlausschuß, er wolle nur für Hagen-Schwelm verhandeln und müsse sich freie .Hand gegenüber Bezirksabmachungen aller Art währen. Das Ersuchen an die Fortschrittlichen wurde wiederholl. Am 8. Juni erwiderte der fortschrittliche Kreiswcchlausschuß, er werde feyt Abkommen für Hagen-Schwelm anbahnen, bevor nicht ernstlich versucht sei, eine Verständigung auf breiterer Grundlage herbeizuführen. Nach weiteren nicht sehr wesent­lichen schriftlichen Auseinandersetzungen baten die National­liberalen am 21. Juni nochmalsum positive Stellung­nahme" zu den Vorschlägen vom 12. Mai. Darauf kam am 1. Juli die Antwort, der Vorstand des KreiswahllonriteesE der fortschrittlichen Volkspartei sei bereit,sich mit Ver­tretern der nationälliberalen Partei über die schwebende: Frage zu unterhalten". Gleichzeitig wurde um Zeitbestim­mung dazu ersucht." Die Antwort der Nationalliberalen vom 5. Juli war, man könne sich von Verhandlungen nichts versprechen, bevor der fortschrittliche Wahlausschuß nicht seine prinzipielle Stellung zu den nationalliberalen Vor­schlägen geäußert habe. In dem Schreiben wurdö gebeten, dies mögenunmehr mit tunlicher Beschleunigung ae- schehen, da über die Verzögerung bei den nationalliberalen Parteifreunden bereits eine erhebliche Mißstimmung Platz greife". Aw 7. Juli richteten die Fortschrittlichen ein Schreiben an die Nationalliberalen, in dem es unter Be­rufung auf Mitteilungen in der Presse hieß:'Abgesehen von unserer grundsätzlichen Stellung zu diesen Abmachungen sind wir nicht geneigt, Wahlbündnissen einfach beizutreten, die ohne unsere Mitwirkung abgeschlossen sind." Darauf folgte am 8. Juli noch ein längeres Schreiben der Nationalliberalen, in dem nochmals daran erinnert wurde, daß die Nationalliberalen ein Bündnis aller bürgerlichen Parteien zur Hnterstützung eines fortschrittlichen Reichs- tagskandidaten im ersten Wahlgange den Fortschrittlichen gegenüber in Vorschlag gebracht hatten. Das Schreiben schloß, daß die Nationalnberalen nunmehr ihrerseits die. Initiative zur Abwehr der Sozialdemokratie ergreifen würden. In einem Schlußschreiben des fortschrittlichen Kreis­wahlausschusses vom 10. Juli wurden einzelne Vorhal­tungen zurückgewiesen und die Veröffentlichung der ge­samten Korrespondenz angekündigt.

England u.die deutsch-kanadischen Handelsbeziehungen.

London, 21. Juli. (Unterhaus.) Im Verlaufe der allgemeinen Aussprache über das Büdget berührte Balfour die Frage der Vorzugstarife mit den Kolonien. Der Redner kritisierte die Fiskalpolitik der Regierung und wies auf das selbständige Vorgehen der Kolonien hin, welche über Verträge mit fremden Ländern verhandelten. England könne sich nicht außer­halb des Netzwerkes der Verträge halten, welche eine Min­derung der Vorteile aus den Vorzugszöllen veranlaßten, die England in dem Handelsverkehr mit seinen Kolonien genieße.

Premierminister Asquith wies in seiner Erwiderung darauf hin, daß Deutschland dem höchsten kana­dischen Zolltarif unterworfen sei, und daß die den^ Vereinigten Staaten seitens Kanadas gewährten Zugeständ­nisse den britischen Handelsverkehr mit Kanada nicht ernst­haft berührten. England genieße einen Vorzugstarif mit Kanada. Die Folgen der Ausübung der fiskalischen Frei­heit seitens Kanadas, welche Kanada seiner Ansicht nach besitzen müsse, hätten den englischen Handelsverkehr in keiner Weise nachteilig beeinflußt. Ein Freihandelssystem inner­halb des Reiches sei unmöglich.

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London, 21. Juli. (Oberhaus.) \rer Minister für Land- wirtschaft, Graf Car ring ton, machte die Mitteilung, daß unter dem Rindvieh der Umgegend von Richmond in Pork- s h i r e die Ri a u l - und Klauenseuche ausgebrochen sei.

Neue Erfolge der ungarischen Regierung.

O f e n p est, 21. Juli. Ministerpräsident Graf Khu e n Hedervary hielt am Schluß der Adreßaussprache int Abgeordnetenhause eine Rede, in der er die Adresse gegen die Angriffe der Opposition verteidigte. Der Ministerpräsi­dent bemerkte gegenüber dem Borivurf, eine Politik der Enr-