Speltes Blatt
Kr. 272
160. Jahrgang
ftrldjetnl ILgNch mit Ausnahme bei bonntagS.
Zamrtag, 19. November 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersllätS - Buch- und Stemdruckeret.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Exvedttion und Druckerei: Schul- straße 7. Exvedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGleßen.
Standesamtsbericht der Gemeinde Schotten.
(Nachträglich eingegangen.)
Sterbefälle: November 12. Friedrich LooZ, Dienst- knecht, 40 Jahre alt. — 15. Heinrich Schmidt II., Privatier, 56 Jahre alt.
Gießener Strafkammer.
X Gießen, 18. Nov.
Untreue und Unterschlagung
ist dem Rechtsanwalt Dr H. H. von Lauterbach zur Last gelegt. Wad) der Anklage hat er in zehn Fällen Gelder, die er als Bevoll-
Die ^Stetzener KamUiendlätter" werden dem ,WnAeiger* viermal roöcbentltcb betgelegl, das „Kretsblatl für den Kreis Lietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftltchen Seit- fragen" erichemen monatltd) zweimal.
inaailuuev feiner Mliemen emqenonunen hat, für sich verivendet, um Gläubiger, die ihn drängten, zu befriedigen, und erst dann Zahlung geleistet, wenn eine Gefahr der Entdeckung vorlag, oder die Klienten mit Anzeige drohten. Er lebte in den letzten Jahren in sehr ungünstigen VermögenZverhältnissen, trotzdem er eine gute Praxis hatte. Seit vorigem Jahre sind fünfzehn Prozesse ^wegen Forderung gegen ihn anhängig gemacht worden. Die Staatsanwaltschaft macht ihm den Vorwurf, er habe feine Lage selbst verschuldet, durch seine Handlungsweise sei der An- ivaltsstand geschädigt. Er nahm eine fortgesetzte Handlung an und beantragte 5 Monate Gefängnis. Ter Angeklagte will nicht strafbar fein, da er stets den redlichen Willen gehabt habe zu zahlen und sich dazu auch befähigt glaubte. Untreue läge durchaus nicht vor; falls ihn aber das Gericht für schuldig halten sollte, so möge es ihn nur wegen Unterschlagung verurteilen und ihm mildernde Umstände bewilligen, damit es nicht auf Freiheitsstrafe erkennen müsse. Da nach der Rechtsspredning in solchen Fällen Untreue mit Unterschlagung vorliegt, erkannte das Giricht auf 2 Monate Gefänams, indem es einen Fall ausschied.
Märkte.
Gieße«, 18. Nov. Bei dem am 16. November abgehaltenen S ch w e_t n e m a i f t waren 146 Schweine aufgetrieben. Ter nächste Schweinemarkt findet am 30. November statt. Händlerschweine sind ausgeschlossen und nur Schweine von Züchtern aus dem Kreis Gießen zugelassen. — An dem gleichen Tage ist auch Krämermarkt.
Gießen, 19. Nov. Marktbericht. Aus heutigem Wockeu- martte kostete: Butter pr. Pfd. 1.15—1.20 Mk^ Hühnereier 1 St. 10—11 Pfg., Enteneier 1 Stück 0 Psg., Käse pr. St. 6—8 Pf., Kasematte pr. St. 5—6 Pfg., Tauben pr. Pr. 0,80—1,00 Mk., Hühner pr. St. 1,00—1,60 Mk^ Hahnen pr. Stück 0,80—1,80 Alk., Enten pr. St. 1,80-2,20 Mk^ Gänse daS Pfd. 65-75 Pfg^ Ochsen- fleisch vr. Pfd. 84—92 Pfg^ Rindfleisch pr. Pstmd 80—84 Pfg., Kuhfleisch 70 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 80—96 Pfg, Kalbfleisch pr. Pfd. 88—90 Pfg«, Hammelfleisch pr. Md. 60—84 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kg. 7.00 bis 7.50 Mk., Weißkraut das Stück 10 bis 20 Pfg., Zwiebeln per Ztr. 5,00—6,00 Mk^ Milch das L'iter 20 Pfg^ Birnen per Ztr. 10—20 Mk., Aepfel per Ztr. 9 bis 10 Alk., Zwischen per Pfd. 00-00 Pfg^ Nüsse 100 Stück 40—50 Pfg., per Ztr. 0—00 Mk., Bohnen per Pfd. 00—00 Pfg. Markkzert von 8—2 Uhr.
vekümpsuug der und ttugptagc. Durch die Erfindung des Stadtbaumeisters Sichert in Karlsbad in Böhmen ist es ermöglicht, bei Feuerungsanlagen eine vollkommen rauch- unbi ruß freie Verbrennung zu erzielen. Die staatlichen und städtischen! Behörden des Weltknrortes Karlsbad haben daher verordnet, daß alle Neu-Anlagen mit Patent-Sichert-Feuerung ausgestattet fein müssen. Die Patent-Sichert-Feuerung eignet sich u. a. auch besonders für Kochherde, Kochkessel und Konditoreivackösen und für diese Anwendung bat die Erste Darmstädter Herdfabrik und Eisen» aießerei, Gebrüder Roeder, Darmstadt, das alleinige Her- stellungsrecht für Süd- Md Pillleldeutschland erworben. ßs*/8
Börsen-Wochenbericht.
a Frankfurt a. M., 18. Nov.
Nach der Unsicherheit, die durch das Wahlergebnis in den Vereinigten Staaten entstanden war, hat sich wieder eine leichte Befestigung eingestellt. Das Abwicklungsbedürfnis sclieint erledigt zu sein und da das Privatpublikum wenig Lust verspürte, Verkäufe vorzunehmen, haben die Kurse ihre Widerstandskraft bald zurückgewonnen. Tie Umsätze sind stark zusammengeschrumpft. Tie Ungewißheit über die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Amerika veranlaßt erhöhte Zurückhaltung, wenngleich man das Vertrauen hegt, daß über dem Ozean die jetzigen wirtschaftlichen Formen weder durch das eine noch das andere Regime ernstlich erschüttert werden. Die Zuversicht wurde gestärkt durch die Bemühungen der amerikanischen Industrie, die' noch sehr unbefriedigende Lage hinsichtlich des inländischen Bedarfs bind) eine gesteigerte Ausfuhr aus zu gleichen. Die sehr
erhebliche Steigerung der Ausfuhr im Oktober zeigt, daß diese Bemühungen der amerikanischen Industrie von Erfolg begleitet gewesen sind und das hat dazu beigetragen, die Stimmung an der New Yorker Börse etwas zu heben. Neue Gründe für den allgemeinen Mangel an Unternehmungslust sind nicht anzuführen. Politische Beunruhigung ist keine vorhanden, selbst ‘ an der Londoner Stockexchange scheint man der bevorstehenden Auslösung des Parlaments ohne Besorgnis entgegen* zugehen; immerhin ist in der Erwägung, daß die mit den Neuwahlen zusammenhängenden Beunruhigungen der normalen Geschäftsentwicklung abträglich zu sein pflegen und daß mithin in nächster Zeit von der Londoner Börse Anregungen zu lebhafterer Betätigung der Spekulation nicht zu ermatten stehen, zum Teil die Erklärung für die auch hier wachsende Lethargie zu suchen. Mißtrauen besteht immer noch bezüglich dar Gestaltung der Geldmarktverhältnisse, wenn auch die Lage wieder etwas günstiger beurteilt wurde. Die Tatsache, daß von Paris ans in Berlin wieder größere Wechsel-„Pensionen" abgeschlossen wurden, hat günstigen Eindruck gemacht, umsomehr als die meistert dieser Wechsel über das Jahresende hinauslaufen und somit dem deutschen Geldmärkte ziemlich bedeutende Beträge französischen Geldes für diesen Zeitpunkt zur Verfügung stehen werden. Sodann wirkte auch der Umstand, daß bei der Bank von England beträchtliche Goldeingänge stattgefunden haben, auf die Sttmmung günstig ein. Die großen Geldgeber zeigen allerdings nod) starke Zurückhaltung, so daß auch bei uns der Privatdiskonto sich versteifte. Von den einzelnen Verkehrsgebieten ist wenig bemerkenswertem zu berichten. Am Bankenmarkt waren Handelsgesellsc^ft auf die Abmachungen mit der Dresdner Bank wegen des Verkaufs von. Wertpapieren begünstigt, and) Effektenbank-Aktien konnten auf die in Aussicht gestellte höhere Dividende etwas anziehen. Trans- portan ft alten lagen teilweise schwächer; Amerikaner blieben behauptet. Am Montanmarkte waren nur Phönix gebessert. Andere Jndustriepapiere stellten sich vielfach höher, so Badenia u. Türkopp je 6 Proz., Schuhstoff-Fulda 6y2 Prozent. Zuckerfabrik-Frankenthal 11 Proz., und Wittener Stahlröhren 15 Proz Fonds Bruchteile niedriger. Ptivat-DiSkonto 4*4 Proz.
Die nach- A a«»U sind am Sonntag dem 20. Nov. stehenden ÄVÄ LIU von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts nur fiir dringende Fälle sicher anzntreften : [D “/u
Dr. Wagner, West-Anlage 49. — Dr. Waele, Alicestrasse 11.
sperrungen anständig aussehende Leute durchgelassen würden. Erbittert seien die Beamten keineswegs gewesen. Bors.: Wenn jemand höflich gefragt hätte, wäre er durch gelassen worden? Beuge: Gewiß. Wahrnehmungen über Ausschreitungen der Beamten habe ich nicht gemacht, obwohl ich darauf geachtet habe. Bors.: Die Angeklagten behaupten, auf der Wache auf dem Kohlenplatz systematisch geprügelt worden zu sein. Zeuge: Davon ist mir nichts gemeldet worden. Erster Staatsanwalt: Wie erklären Sie sich die große Erbitterung von Anfang an? Zeuge: Man hat auf die Arbeitswilligen einen Zwang aus üb en wollen,, unb daß dabei die Leute gegen die Schutzleute borgingen, das entspringt eben ihrem alten Haß gegen sie. Es liegt dieser Haß an der Erziehung. Erster S t a a t s a n w a l t: Wieviel sind verwundet worden? Zeuge 81 bis 86, darunter drei bis vier Offiziere.
R.-A. Heine: Ist überhaupt jemand von den Beamten durch Schüsse verletzt worden. Zeuge: Nein, zum Zielen war es zu dunkel. R.-A. Heine: Es konnten also auch blinde Schüsse gewesen sein. Zeuge: Am anderen Morgen war die Straße wie übersät mit Scherben. Di.se wurden alsbald weg- geräumt und wahrscheinlich damit auch die Kugeln.
, , Der Verteidiger versucht durch Zwischenfragen zu beweisen, daß, wenn die Polizei am 26. mehr Zurückhaltung bewahrt hätte, das „kindische Spiel" in dem Augenblick zu Ende gewesen wäre, als die Fabrikpfeife ertönte. Er bemerkt u. a. auch, daß Leute auf dem Bahnhof Beußelstraße geschlagen worden sein sollen, die schon am Billettschalter standen uno absahren wollten; die Leute seien vorn durchgelassen worden. Zeuge: Das wäre gegen jeden Befehl gewesen. R.-A. Heine: Wissen Sie, daß Personen beim Aus- und Einsteigen in Straßenbahnwagen geschlagen wurden, auch unter den Augen der kommandierenden Offiziere? Zeuge: Davon ist mir nichts gemeldet worden. N.-A. Heine: Ich glaube auch nicht, daß ein Schutzmann dem Herrn Major so etwas melden würde.
, Der Verteidiger fragt weiter: „Halten Sie es für angemessen, daß Beamte anständige Frauen als „Saumenschen" und „Huren" bezeichnen? Daß sie einen Mann, der am Boden liegt, noch mit Sabeln traktieren? Zeuge: Der betreffende Beamtender so etwas tun würde, würde von mir bestraft werden. Verteidiger: Sie sprachen von der Erziehung des Publikums in anderen Landern. Glauben Sie, daß dort nicht auch die Beamten anders erzogen sind? Zeuge: Die anderen Länder sind uns garnicht über. Der Beamte sieht auch keineswegs die Arbeiter mit anderen Augen an, als etwa besser gekleidete Leute. Der Berliner Arbeiter ist durchaus kein Feind des Polizisten. Staatsanwalt: Halten Sie es für möglich, daß die Leute so zusamme^halten. um sich gegenseitig zu unterstützen? Zeuge: Den Eindruck hatte ich bei den Krawallen allerdings. Der Ruf „Bluthunde!" war gewissermaßen ein Appell „Bleibt zusammen!" Vors.: Es kann auch Solidaritätsgefühl gewesen sei... Zeuge: Eine gewisse Planmäßigkeit wird sich schwer feststellen lassen.
R.-A. Cohn: War Ihnen bekannt, daß Personen Bei der Polizei angestcllt wurden, die fid) beim Militär nicht mehr halten konnten? Zeuge: Nein, vorbestrafte Leute werden nicht an- gestellt. N.-A. Cohn: Bestreiten Sie, daß ein Vorbestrafter fick) unter Ihren Leuten befindet? Zeuge: Das kann ich nicht sagen. R.-A. Cohn: Ist Ihnen bekannt, daß eine Anordnung ergangen ist, in jedem Streikposten einen Verbrecher zu erblicken? Und ist Ihnen weiter bekannt, daß Vergehen gegen die Straßenordnung bei einem Streikposten mit 30 Mk. Strafe zu belegen sind, während andererseits Strafen gegen andere Personen mit 3—5 Mark angesetzt werden? Zeuge: Das weiß ich nicht. R.-A. Eohn: Hat das Publikum aber Anspruch darauf, von solchen Ereignissen vorher in Kenntnis gesetzt zu werden? Zeuge: Das weiß ich nicht. R.-A. Cohn: Halten Sie eine solche Verpflichtung für gegeben? Zeuge: Nein, das glaube ich nicht, weil solche Vorfälle zu plötzlich kommen. Vors.: Sie müssen jedenfaUs nach Maßgabe des Augenblicks handeln. Man kann auch von Ihnen nicht verlangen, daß Sie immer eine Druckerei mit sich führen, um das Publikum von eventuellen Maßnahmen zu benachrichtigen.
Auf Befragen durch den Verteidiger Kurt Rosenfeld erklärt der Zeuge, daß er keine Leute gesehen habe, die von Säbelhieben verletzt waren. Er hätte das auch nicht sehen können, da er sich vorn an der Spitze befand.
Zwei Angeklagte erklären hierauf, daß es ihnen von der Polizeikette verboten worden sei, in ihre Wohnung zuruck- kehren. — Der Heuge behauptet, daß in diesem Falle die Angeklagten sich hatten an den Vorgesetzten wenden müssen. Er selbst habe verschiedene Leute durch bte Schutzmannskette hindurch- gelassen.
R.-A. Rosenberg: Am 28. September sollen etwa 140 Kriminalbeamte unter Ihrem Befehl gestanden haben? Zeuge: Nein, die wurden von dem Polizeikommissar Kuhn befehligt. R.-A. Cohn: Sie sprachen von einem gewissen Haß des Publikums. Ist Ihnen bekannt, daß sich einige Polizeibeamte in Vereine eingeschlichcn haben und daß dadurch der Haß entstanden sein könnte? Zeuge: Davon weiß ich nichts. Erster Staats- a n w a l t bemerkt auf eine Einwendung des Verteidigers, daß die Untersuchung hierüber noch nicht abgeschlossen ist.
Hierauf wird der Polizeileutnant Polte als letzter heutiger Zeuge vernommen. Er ist Vorsteher des Reviers in der Waldstraße. Er schildert ausführlich die Vorgänge an den fraglichen Tagen irnd $roar in derselben Weise wie der Vorzeuge. Der Zeuge erklärt weiter, daß er die Leute höflich aufgeforbert habe, sich den Anordnungen der Polizei zu fügen und zurückzugehen. Er habe ihnen gesagt: Seien . Sie doch vernünftig, gehen Sie zurück und zwingen Sie uns nicht, anders vorzugehen. Es war aber alles vergebens. In seiner Gegenwart sei ein alter Mann durch einen Steinwucf schwer verletzt worden, der eigentlich ihm gegolten habe. Daraufhin habe er die Menge dreimal offiziell aufgefordert, auseinander zu gehen, und als dies trotzdem nicht erfolgte, habe er den Befehl erteilt, blank zu ziehen und biß Straße zu säubern. Sobald die Postenkette vorüber war, sei die Menge aus Kneipen und Hausfluren, wohin sie sich zurückgezogen hatte, wieder hervorgeftrömt. Von Personen, die sich in Wohnungen am Fenster befanden, seien die Tumultuanten wiederholt auf, das Anrücken der Polizei aufmerksam gemacht worden. Erster Staatsanwalt: Was waren denn das für Leute? Zeuge: Es waren Arbeiter. S t a a t s a n w a l t: Also fein Janhagel? Zeuge: Soviel Janhagel gibt es in Berlin ia gar nicht. Auf die Frage, warum wohl die Menge einen solchen Haß auf die Polizei hatte, meint der Zeuge:, Die Menge war auf die Polizei wütend, weil diese die Arbeitswilligen bei der Firma Kupfer u. Co. schützte. Der Zeuge weist bann noch darauf hin, daß der Ansturm der Menge abslaute, als im „Vorwärt s" ein Artikel erlchien, in welchem die Erwartung ausgesprochen wurde, daß die organisierten Genossen sich an den Krawallen nicht beteiligen würden.
Nach weiteren unwesentlichen Aussagen wurden die Verhandlungen auf morgen vertagt.
Gießener Anzeiger
Eeneral-Anzeiger für Gberhesjen
oie Ltmwvrr üer Heimchen Uattonauidcraiea an die fortschrittliche Volkpartei.
Darmstadt, 18 .Nov. Der geschäftsführende Ausschuß der nationalliberalenPartei für das Großherzoginm Hessen hat heute ab-end folgendes Schreiben an den Vor st andderfortschrittlichen Volkspart ei beschlossen:
„Wir erklären uns nach wie vor bereit, mit Ihnen über die nächsten Reichstagswahlen in Verhandlungen einjutreten; allein wir halten es nicht für richtig, daß Sie gegen alle politischen Gepflogenheiten vor Eintritt in die Verhandlungen von un3 Unterwerfung unter die von Ihnen einseitig ausgestellten Bedingungen fordern. Wir stehen einmütig auf dem Boden des Beschlusses des Landesausschusses vom 26. September 1909, in welchem die .Haltung unserer Reichstagsfrakt ion in der Frage der ReichSsinanzreform volle Billigung und Zustim- m u n g gefunden hat. Wir können aber die Zersplitterung der bürgerlichen Parteien nur für verderblich) und die Sozialdemokratie fördernd eradjten und halten deshalb aufrecht, was wir in dieser Richtung in unserem Schreiben vom 15. Nov. 1910 niebergelegt haben.
Aeußerst befremdlich ist es uns, daß die fortschrittliche Volks- Partei zu der Zeit, zu der sie mit uns über eine Einigung verhandeln will, bereits Kandidaten in besonders von der Sozialdemokratie gefährdeten Wahlkreisen ausgestellt oder doch in sichere Aussicht genommen hat, , so in Offenbach-Dieburg, Darmstadt, Groß-Gerau, weiter auch in Gießen und Friedberg, wo bereits ein Kompromiß zwischen der fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokratie an geballt worden ist."
Cs war ju ertvarten, daß eine solche Antwort erfolgen würde. Darüber hatte sich die fortschrittliche Vvlkspartei wohl selber keinem Zweifel hingegeben.
~Die Moabiter Stratzenkrawalle vor Gericht."'
-4 Berlin, 18. Nov.
Der Vorsitzende eröffnet die heutige Sitzung um %10 Uhr. Die Zeugen sind sämtlich zur Stelle. — Landgerichtsdirektor Lieber entläßt einen großen Teil der Zeugen wieder, nachdem er sie auf einen der folgenden Tage wieder bestellt hat. Für heute bleiben zurück vor allem die hiesigen Polizeioffiziere, die seinerzeit die Schutzmantlkommandos in Moabit befehligten. Auch einige Verbands- und Bezirksleiter sowie Angehörige der betreffenden Organisationen sollen heute vernommen werden. Desgleichen der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Ströbel.
Als erster Zeuge wird Polizeimajor Klein vom Berliner Polizeipräsidium vernommen, ein kleiner untersetzter Herr mit weißem Haar und Schnurrbart. Vor der Vereidigung des Zeugen beschivert sich R.-A. Heine, daß zwei Zeugen, die noch nicht geladen, in ihrer Wohnung durch Poliz-eibeamtL in Zivil belästigt worden seien. Die Beamten hatten sich als An- aestellte der „Berliner Morgenpost" bezw. der eine als Bruder eines Verhafteten vorgesteltt. Der Verteidiger verbittet sich eine derartige Ungehörigkeit. Er gebe zu, daß die Staatsanwaltschaft das Recht habe, Erkundigungen über Zeugen einzuziehcn, aber nicht in dieser Form.
Erster Staatsanwalt: Wenn das in dieser Form geschehen ist, werde ich Anordnungen geben, daß das aushört.
Der Zeuge Polizeimajor Klein schildert dann eingehend das allmähliche Anwachsen der Unruhen und die dagegen getroffenen Maßnahmen der Polizei. Der Zeuge führt aus: Ich erkannte als allgemeine Aufgabe, daß zunächst Personen und Eigentum zu schützen seien. Dann sagte ich mir, wenn Widerstand gegen die Polizeiorgane geleistet wird, ist es meine Pflicht, den Widerstand unter allen Umständen zu bredjen, um die behördliche Autorität zu wahren. Ich traf demnach meine Dispositionen, zog meine Offiziere heran und verteilte die einzelnen Straßenzüge auf die einzelnen Reviere. Jeder Offizier war mir verantwortlich. Arn 24. September erfolgte der erste größere Zusammenstoß. Ick) gab allen Offizieren und Mannschaften bet jedesmaligem Vorgehen die Weisung, immer persönliche Schonung zu üben, sich durch nichts reizen zu lassen, weder durch Schimpfworte, noch durch Steinwürse. Die Mannschaften sollten sich ruhig verhalten und nur auf Befehl der Offiziere vorgehett; auch nie von der Waffe Gebrauch machen, bevor nicht die dreimalige Aufforderung zum Auseinandergehen erfolgt sei. Ich habe meinen Offizieren auch gesagt, sie sollten zunächst der Menge gütlich zureden, auseinanderzugehen, und dann erst die offizielle Aufforderung ergehen zu lassen. Alle Zeitungsberichte, wonach die Menge gereizt worden sei, entsprechen nicht den Tatsachen, soweit ich mich habe überzeugen können. Die Leute haben ruhig Schimpfworts und Stemwürfe ausgehalten. Ich kann meinen Beamten in dieser Beziehung vor dem Gerichtshof das beste Zeugnis ausstellen.
Vors.: Sie sind schon lange in Berlin? Zeu ge: Seit 1875. Vors.: Sie kennen also die Berliner? Ich erinnere mich. Sie schon 1892 bei den damaligen Unruhen gesehen zu haben, Sie kommandierten damals doch am Brandenburger Tor? Zeuge: Ja. Vors.: Wie setzte sich die Menge am 23. September zusammen. Zeuge: Es waren Arbeiter, die Bcschäf- tigimg hatten. Vors.: Welche Erscheinungen sind für den Janhagel tppisch? Zeuge: Janhagel, das sind meist junge Leute, eTllsprechend gekleidet, die ohne Ziel und Absicht vorgehen, es ist ihnen gleich, was für Unfug getrieben wird. Die Arbeiter am 24. September gingen mit der ganz bestimmten Absicht vor, die Abfahrt der Kohlenwagen zu verhindern. Am 26., September setzten die Unruhen in größerem Umfange ein. Es fiel mir auf, daß auf den Bürg erst eigen in erster Reihe Frauen und junge Mädchen standen, dahinter die Männer. Plötzlich stürmte die Menge gegen einen leeren Kohlenwagen vor. Der Kutscher hatte gesdwffen, aber erst, nachdem er durch Stein- würfe verletzt war, wie mir die Beamten erklärten. Auf dem Kohlenplatze hatte ich in einem Raume sieben b i s acht Revolver liegen sehen, ich verbot dem Lag-rhalter ausdrücklich, daß die Kutscher etwa bewaffnet würden, weil diese Leute nicht zu erkennen vermöchten, wann der Moment der Notwehr eingetreten sei.
Der betreffende Kutscher hatte sich eine eigene Waffe mit» gebracht. An diesem Tage zerstreute sich mittags die Menge, als die Fabrikpfeife der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik Ludwig Löwe ertönte.
Der Zeuge schildert dann eingehend, wie am 27. September der Krawall seinen Höhepunkt erreichte unb wie die Beamten immer wieder angegriffen wurden, ohne der Aufrührer definitiv .Herr zu werden. Abends wurden in der Oldenburger Straße die Laternen ausgelöscht. Aus den Fenstern wurde geschossen. Da kam der Befehl, van der Schußwaffe Gebrauch zu machen, da mit dem Säbel nichts mehr auszurichten war. Nach dem Gebräu ch der Schußwaffe trat vollständige Ruhe ein. Schließlich schildert der Zeuge noch, wie infolge der Maßnahmen der Polizei allmählich Ruhe eintrat. Der Zeuge ist selbst durch einen Steinwurs am Knie verletzt worden. Er bestätigt auf Befragen, daß er selbst wiederholt in der Menge den Feuerschein der Revolver aufblitzen sah. Schwer verletzt wurden bei den Unruhen 40 Beamte.
V o r s.: Es sollen Leute geschlagen # worden sein, wenn sie Einkäufen zurückkehrten unb bann in ihre Häuser wollten. Der Zeuge weiß davon nichts, PraLis sei es, daß bei .Ab
Mundwasser


