Viertes Blatt
Nr. 41
160. Jahrgang
Samdtag, 19. Februar 1910
Giehener Anzeiger
rvtzNS mit AuSuahm» bei GamttsgL
Eenerar-Anzeiger für Oberhejjen
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Deutscher Reichstaq.
89. Sitzung, Freitag, 18. Februar.
Hm Tische des BundeSratS: Delbrück.
Das Haus ist stark besetzt.
Vizepräsident Dr. Spahn eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 16 Minuten.
Die Abstimmungen über den Toleranzantraß.
In namentlicher Abstimmung wird zunächst der Zusatzantrag der Sozialdemokraten mit 233 gegen 89 frei« sinnige und sozialdemokratische Stimmen abgelehnt.
Darauf wird auch der Antrag des Z e n t r u m 3 mit 1 6 0 gegen 16 0 Stimmen bei 8 Enthaltungen gegen die Stimmen des Zentrums, der Sitzialdemokraten und der Polen abgelehnt.
Die soztaldemokrattfchs JnterpeSatiim über di« Beußerungen deS Reichskanzler» tat Abgeordnetenhause.
Staatssekretär Delbrück
erklärt, daß der Reichskanzler beveit sei, die Interpellation morgen gu beantworten.
Vizepräsident Dr. Vpahnr
Sie wird dann als erster Gegenstand auf He morgige Tagesordnung gefetzt werden.
Der Etat für das Reichsamt des Innern.
Dazu liegen 88 Resolutionen vor.
Vizepräsident Dr. Spohn
bittet, bei der Debatte die Materien nicht wieder zu berühren, die in den letzten Tagen bereits besprochen wurden, ebenso die in der Reichsversicherungsordnung geregelten Fragen.
Die Aussprache beginnt beim Gehalt des Staatssekretärs.
Abg. Dr. Mayer-Kaufbeuren (Zentr.)
cheist auf die wachsende wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hin.. Unsere Handelsbilanz hat sich erheblich verbessert. Wir müssen aber noch weiter danach streben, den I n l a n d s k o n s u m vom Auslande unabhängig zu machen. Leider wirken vielfach die Großbanken im Interesse des Auslandes. Denken Sie an das Petroleum, an Baumwolle, Kupfer und Eisen. Besonders mit Bezug auf Eisen sind wir vom Auslande abhängiger geworden. Der Export unserer Rohstoffe ist ein zweischneidiges Mittel. Die Ausfuhr zu Schleuderpreisen erschwert die Inlands. Produktion und stärkt die ausländische Konkurrenz. Würden diese Rohstoffe im Lande weiter bearbeitet werden, so könnten viele Arbeitslose ihr Brot finden. Die Regierung sollte für möglichst viele Handels sachverständige sorgen. Nach einer zweijährigen Depression zeigt sich in wirtschaftlicher Beziehung ein langsamer, gesunder Fortschritt. Eine Ausnahme zeigt nur: Unsere Börse. Sie ist wieder ein überhitzter Dampfkessel geworden, wie Bavin sie einst nannte. Immer neue Käuferschichten werden herangezogen. Vor dieser ,U e b e r s p e k u l a t i o n" hat auch das »Berliner Tageblatt^ gewarnt. Die letzten Staatsanleihen sind gut untergebracht worden, weil die Finanzen beS Reiches geordnet sind. Wie steht es mit der Beaufsichtigung des Trust« und Kar- t e l l w e s e n S durch den Staat. Erfreulich sind aber die sozial, politischen Maßnahmen der Regierung, die das K o h l e n s y n d i. ? a t dazu veranlassen, entsprechend der sinkenden Konjunktur mit den Preisen herunterzugehen. Der Staatssekretär von Tirpitz hat sich dabei ein besonders Verdienst erworben.
Der Redner wendet sich gegen die Deutsch-Amerikanische Pe. troleumgesellschaft. Sie schließe mit den Detaillisten Verträge ab, geradezu gegen die guten Sitten verstoßen, und suche das öfter- reich-ungarische Petroleum vom Markte zu verdrängen. Der Red- ner,bittet die Regierung, dem Hefeshndikat ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Erhöhung der Hefepreise würde auch teuereres Brot zur Folge haben. In der Frage der Schiffahrtsabgaben sollte der Bundesrat bald zu einer Einigung kommen, damit die Sache im Reichstage zu einem guten Ende geführt werden könne. Auch das Interesse der Kleinmüller muh endlich von der Regierung kräftiger wahrgenommen werden.
Nun hat der Hansabund seine Richtlinien veröffentlicht. ES ist auffallend, daß sie fast nur aus Selbstverständlichkeiten bestehen, die Wohl jeder Abgeordnete bis zur äußersten Linken hinüber unterschreiben kann. (Sehr richtig! i. Zentr.) Man vermißt aber jede klare Stellungnahme zu den wichtigen wirtschaftlichen Fragen, zur Zollpolitik, zur Frage des Schutzes des Handwerks gegen die Riesenbetriebe, zur Frage des Rohstoffexports usw. Man scheint die Sache so aufzunehmen, daß dann, ivenn diese Widersprüche auftreten, der Hansabund schweigt. (Heiterkeit rechts und im Zentr.) Dtan fragt sich, ob der Hansabund überhaupt e x i st e n z b e r e ch t i g t ist bei der großen Zahl der bestehenden Organisationen, die doch den Bedürfnissen der verschiedenen Erwerbsgruppen angepaßt sind. Es wird niemand etwas Unbilliges darin sinden, wenn Handel und Industrie zum Schutze gemeinsamer Interessen in unparteiischer Weise sich zu- sammenfmden. Ganz anders ist aber ein solcher Bund zu beurteilen, wenn er sich anmaßt, auch die Interessen des kauf, männischen Mittelstandes und des Handwerks zu vertreten. (Zu- stimmung rechts und im Zentr.) Diese Erwerbsstände — Groß. Industrie und Großhandel einerseits — stehen im schärfsten In- Leressengegensatze zu den Handwerkern und Kleinkaufleuten. (Zu- stimmung rechts und im Zentr.) Das haben diese Kreise nun auch schon selbst eingesehen. Ich erinnere an den Bund der Hand- wcrker, an die Zentralvereine für Handel und Gewerbe, an den bayerischen Handwerkerverband und an die Sächsischen Mittelständler, die vor dem Hansabund gewarnt haben.
In bezug auf Mittelstand und Handwerk ist also unsere Stellung dem Hansabmrd gegenüber durchaus ablehnend. (Beifall im Zentr.) Im übrigen verhalten wir uns kühl abwar- tend. Dazu haben wir allen Anlaß, wenn wir auf die Geburts- stunde des Bundes blicken und wenn wir gewisse Erscheinungen betrachten, die bei der Berliner Gründungsversammlung sich gezeigt Laben, und wenn wir feine B e t ä t i g u u g bei den P o l i t i s ch e n Wahlen in Betracht ziehen. (Sehr richtig! im Zentr.)
Neuerdings hat der Hansabund ein Flugblatt in Rheinland und Westfalen verbreitet, worin eS unter anderem heißt, daß der Hansabund eine Vereinigung rein wirtschaftlicher Art ist, während das Zentrum durch alle anderen Interessen eher als durch wirt- IchafUiche zusammengehalten wird. Es sei unerfindlich, meint das Flugblatt, was danach einen Zentrumsmann hindern könnte, dem Hansabund beizutreten. Dann wird die Devise verkündet: Hansabund und Zentrum Hand in Hand. (Große Heiterkeit rm Zentr.) Diesen Locktönen gegenüber möckte ich auf den auffallenden Mangel an Wissen Hinweisen, der in diesem Flug- i’latt zum Ausdruck kommt. Wir haben nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein klares und unabänderliches Wirtschaftsprogramm: r c. I^J)e.t Ausgleich der Interessen aller Erwerbsstände. (Leb- lXister Beifall im Zentr.) Dann aber enthält das Flugblatt auch LlMn«9irD&e. Fälschung. (Vizepräsident Dr. Spahn ersucht oen Redner, nicht so scharfe Worte zu gebrauchen.) Wir haben
unsere Wirtschaftspolitik zugunsten aller Erwerbsstände getrieben, bevor es einen Hansabund gegeben hat, und wir werden diese Wirtschaftspolitik fortsetzen, einerlei, ob mit, ob ohne, ob gegen den Hansabund. (Lebhafter Beifall im Zentr.)
Staatssekretär Delbrück:
Ich bitte zunächst um Nachsicht, wenn ich nicht in der kurzen Seit meiner Amtsführung noch nicht die einzelnen Materien jo durcharbeiten konnte, um sie in der Weise beantworten zu können, wie ich sie in den nächsten Jahren beantworten zu können hoffe Es ist nicht meine Absicht, hier ein Pri gramm meiner fünf, Hgen Tätigkeit zu entwickeln, au5 dem einfachen Grunde, weil die Ziele, die das Reicksamt seit Jahrzehnten konsequent verfolgt, für jedermann klar zutage liegen, aber doch möchte ich heute, wo ich zum er st en Mal den (5 t a * des ReichsamtS deS Innern vertrete, kurz die Frage: woher undwohin der Fahrt? erörtern. Mit der Errichtung des Deutschen Reiche? hat für Deutschland eine Periode ihren Abschluß gefunden, die auö» gefüllt war mit den Kämpfen um die Volksideale Danach hat eine Periode wirtschaftlicher Kämpfe begonnen, und nun ist an die Stelle eines hochgespannten politischen und wirtschaftlichen Kampfes ein ausgeprägter sozialpolitischer Zug der Konzentration aller wirtschaftlichen Kräfte, einer Konzentration der Massen zur gemeinsamen Verfolgung ihrer wirtschaftlichen Ziele getreten Dieser Zug der Konzentration ist so stark gewesen, daß er nicht nur unsere politische und wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der letzten Jahrzehnte, sondern auch unseren wirtschaftlichen, unseren ethischen und unfern ästhetischen Empfindungen daS charakteristische Gepräge gibt. Für die Orientierung unserer Wirtschaftspolitik im Laufe der letzten Jahrzehnte sind zwei Momente maßgebend: die hochgespannte Entwicklung von Industrie und Handel und die Ausgestaltung unserer Landwirtschaft. Die Umwälzungen, die sich vollzogen haben, sind so tiefgreifend, daß beinahe kein Gebiet unseres Volks- und unseres Wirtschaftslebens unberührt geblieben ist. Als Konsequenz unfeiner zunehmenden industriellen Entwicklung meldete sich bald die soziale Frage. Die Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern haben in weitem Umfange die Gesetzgebung des Reichstages beherrscht. Die Aufgaben, die wir auf diesem Gebiete gelöst haben, mögen groß gewesen sein — abgeschlossen ist die Entwicklung jedenfalls noch nicht. Die Aenderungen, die sich vollzogen haben, beschränken sich aber nicht bloß auf Arbeiter- und Lohnfragen, auch die Schwierigkeiten auf dem Gebiete der Landwirt- schäft sind nur ein Glied in der Entwicklung deS ganzen Wirt, sckaftslebens. Diese Schwierigkeiten nehmen ihren Anfang in der völligen Umwandlung unserer Marktverhältnisse, unserer Eisenbahnverbindungen und in der enormen E n 1 to i d I u n g d e r internationalen Schiffahrt, die in der Preisbildung unserer landwirtschaftlichen Produkte so starke Verschiebungen ge- bracht haben, daß viele landwirtschaftliche Existen- zen dadurch allein an den Rand des Verderbens gekommen sind. (Sehr richtig! rechts und im Zentr.) Diese aus der Weltkonjunktur sich ergebenden Schwierigkeiten wurden verschärft dadurch, daß ein großer Teil der Landwirte zu einer Zeit bation betroffen wurde, Ivo die Naturwirtschaft mit der Geld- wirtschaft im Kampfe lag, und infolgedessen das kaufmännische Rüstzeug des Landwirtes den wenigsten zu Gebote stand. Auch die Sorge für bie Landwirtschaft hat uns in den letzten Jahrzehnten nachhaltig, und ich kann wohl sagen, nicht ohne Erfolg, beschäftigt.
Am verderblichsten und für den Volkswirt unv Gesetzgeber am unbequemsten hat die gewaltige Entwicklung unserer Industrie und unseres Handels zum Großen eingewirkt auf diejenigen Schichten, die von rechts und links zerrieben wurden, auf den selbständigen gewerblichen Mit- telstand. (Sehr richtig! rechts und im Zentr.) An der Erhal- hing dieses Standes muß jedem Staat und jedem ernsten Politiker viel gelegen sein. (Zustimmung rechts.) Deshalb hat die Mittelstandspolitik uns bisher so ernsthaft beschäftigt, und sie wird uns noch manche schwierige nud schwerlösliche Aufgabe bieten. Handelt es sich doch hier nicht darum, etwas neu zu entwickeln, sondern darum, bestehende Zustände zu schützen, die von rechts und links angegriffen und aufgelöst werden. In dieser Sprödigkeit der Materie liegen ihre Schwierigkeiten. Bei der Handelspolitik wollen wir nicht vergessen, daß bei ihr in erster Linie nicht die Interessen der Landwirtschaft, sondern die Interessen der Industrie den Anstoß gegeben haben. 25 Jahre lang beschäftigt sich ba§ deutsche Volk, der Reichstag und die verbündeten Regierungen mit diesen Fragen. Da wäre man wohl berechtigt, die Frage auszuwerfen: sind denn nun auf diesem Gebiete bie Aufgaben nicht abgeschlossen, sind nicht neuere, wichti- gcre unb größere Aufgaben aus dem Verhältnis hervorgewachsen? Gewiß, 25 Jahre sinb eine lange Zeit, unb in 25 Jahren intensiver und stetiger Arbeit verschiebt sich vieles in den Aufgaben, bie ein großes Volk beschäftigen. Wie bie Dinge heute aber liegen, kann man nicht sagen, daß wir auf irgend einem dieser Gebiete in der Lage wären, dieWaffen niederzulegen. Wohl liegt schon in der Entwicklung der Dinge der Ansatz zu neuen Problemen, die uns im Lause der Jahre mit wachsendem Druck in Anspruch nehmen werden. Aber ich habe bie Ueberzeugung, biefe Fragen wer- den jeden Staatsmann, der an meiner Stelle steht, im Laufe der nächsten Zeit mit unwiderstehlicher Gewalt fest, halten und nötigen, an ihnen zu arbeiten. Von allen diesen Fragen hat feine eine so gewaltige Stoßkraft entwickelt, als daß, was wir gemeinhin mit dem Begriff „Sozialpolitik" zu nennen pflegen. Da? hat feinen Grund nicht allein darin, daß die unmittelbar beteiligten Klassen, die Arbeiter, es verstanden haben, sich innerhalb und außerhalb dieses Hauses eine entschlossene unb wirkungsvolle Vertretung zu verschaffen. Das liegt auch nicht baran, baß über die Kreise der Arbeiter hinaus große Parteien dieses Hauses dieser Frage ein besonderes unb andauerndes Interesse entgegenbringen, sondern das liegt daran, daß in diesen sozialen Fragen das deutsche Volk die Summe seines ganzen Idealismus hineinlegt. (Sehr richtig!) Nicht der Gesetzgeber, nicht der Sozialpolitiker und nicht der Fachpolitiker allein beschäftigen sich augenblicklich in Deutschland mit sozialen Fragen. DersozialistischeZug geht auch durch unsere Wissenschaft, durch die Literatur, durch die schöne Literatur, und selbst die Werke unserer Kunst sind nicht frei von diesem sozialistischen Zug. Er durchtränkt unser ganzes bürgerliches Leben.~ UeberaQ finden wir einen Drang, wie man sich trivial auszubrücken pflegt, sich sozial zu geben. So lange das deutsche Volk seinen Idealismus in diesen Fragen konzentriert, wird niemand daran denken können, unserer Sozialpolitik andere Richtlinien unb ein wenig anderes Gepräge zu geben, als sie heute hat. Allerdings wird man sich fragen müssen: haben bie Mittel, die wir aufgewendet haben, nun auch überall bie Erfolge gezeitigt, bie wir gewünscht haben? Werden wir nicht im Laufe der Zeit auch diese Fragen von anderen Gesichtspunkten auf»-"’ n? Gewiß, was wir auf diesem Gebiete geschaffen hab- u und demnächst schaffen werden, geht weit darüber hin was andere Länder geleistet haben. Aber eine Ausgabe haben wir nicht gelöst. Es ist
uns nicht gelungen, bie Tiefe der Kluft zu überbrücken, die die wirtschaftlichen Kämpfe der letzten Jahrzehnte gerissen haben, unb die das deutsche Volk zu seinem Schaden in zwei Teile teilt. (Sehr richtig!) Wir werden un3 bei allen sozialpolitischen Aufgaben, bei allen neuen sozialpolitischen Problemen stets bewußt fein müssen, daß unsere Handlungen unb Entschlüsse von der Tendenz geleitet sein müssen, zusammenzuführen unb nickt zu trennen, zu versöhnen und nicht zu erzürnen. (Beifall.) Diese Trennung, bie die sozialpolitischen Kämpfe uns gebradjt haben, ist ein Schaden für unser Volksleben, den vielleicht erst einmal eine spätere Zeit voll erfassen kann. Wir aber wollen nicht vergessen, daß bei allen sozialpolitischen Fragen es nicht die Sorge für daS materielle Wohl allein ist, die unS leiten soll, sondern daß es sich darum handelt, unvergängliche Besitztümer zu wahren. Diese Besitztümer werde« aber nur gewahrt und vermehrt werden können, wenn eS gelingt, das ganze Volk in allen feinen Kreisen um diese unvergänglichen Besitztümer zu scharen. (Beifall.)
Ich bin mir der außerordentlichen Schwierigkeiten wohl bewußt, die gerade die Lösung dieser Frage hat. Es kommt hinzu, baß diese Dinae weniger oie Technik der Gesetzgeber, als der Verioaltung erfordern und daS, was erreicht ist, in allererster Linie der Fürsorge der Bundesstaaten zu verdanken ist. I« unserer Handwerkergesehgebuna liegt der Schwerpunkt, nicht im Reiche. Wir müssen zusammen vestrebt fein, auf diesem Wege immer toi der zu gehen und unS immer klar vor Augen halten, daß der Bestand emeS großen Staates wesentlich davon abhängt, daß es gelingt, in ihm einen leistungsfähigen, wirtschaftlich selbständigen Mittelstand zu erhalten DaS gilt vor allem auch auf dem großen Gebiet der Landwirtschaft. (Sehr richtig! rechts.) Auch hier liegt ein erheblicher Teil der Erfolge in der Fürsorge der Bundesstaaten. Aber auch bu§ Reich hat in feiner Zollgesetzgebung unb Handels« Politik stets in vollem Ernst für die Landwirtschaft gearbeitet. Unb wenn wir heute sehen, baß diese 25 Jahre des Kampfes der Landwirtschaft zu einem gewissen Abschluß geführt haben, so müssen wir uns gegenwärtig halten, baß am meisten dazu beigetragen hat bie entschlossene Arbeit der Landwirte im einzelnen unb im großen in ihren Verbänden unb daß barirt, zusammen mit ber helfenden unb stützenden Tätigkeit der Staaten unb deS Reichs, eine Summe von materiellen unb sittlichen Werten geschaffen ist. (Sehr wahr! rechts.) Wir werden also, auch selbst wenn wir anerkennen müssen, daß bie Sorge, bie wir vor 25 ober 20 Jahren um die Zukunft unserer Landwirtschaft hatten, heute nicht mehr auf unS lastet, doch niemals vergessen dürfen, daß hier Werte liegen, die zu verderben das deutsche Volk sich nicht gestatten darf. (Beifall rechts.)
Und nun Industrie unb Handel. Als Ende der 70er Jahre bie schwere Not unserer Eisen- unb Textilinbustrie ben Anstoß zur Zollpolitik gab, hat man nicht geahnt, daß sie sich in so kurzer Zeit zu einer Weltmacht entwickeln würde. Aber ich habe oie Empfindung, daß diese Entwicklung bis zu einem gewissen Punkte uns allen den Blick geöffnet hat für die Schwierigkeiten, mit denen unsere Industrie schon feit längerer Zeit zu kämpfen hat; unser Blick darf nicht getrübt werden für die Gefahren, bie au5 ber Eigenart der Entwicklung für die Zukunft ber Industrie und des damit unmittelbar zuiammenhängenden Handels sich ergeben. Hier liegen die Ansätze zu einer ganzen Reihe neuer Probleme, unb ich halte es nicht für einen Zufall, baß ber Vorrebner mit einer großen hanbels- politischen Rede die Debatte zum Etat des Reichsamts des Innern eröffnet hat. Wir werden unS darüber im klaren sein müssen, daß unsere Industrie unb unser Handel zwar auch gewaltige Werte schaffen und sich eines gewissen GlaUzes ihrer Entwicklung freuen können, daß aber gerade hier baf Reich ein sorgenbes Auge darüber haben muß, baß biefe stolze Entwicklung, die die Grundlage zum Teil für unser? Kriegsbereitschaft auf wirtschaft- lichem und auch auf militärischem Gebiete ist, und von deren Aufrechterhaltung unb Fortführung das Leben von Millionen von Arbeitern abhäagt, keinen Schaben erleidet. Bei allen Maßnahmen auf allen Gebieten, bie wir zu bearbeiten haben, werden wir ernstlich darauf sehen müssen.
Nun werden Sie mir sagen, ja, das ist sehr schön, daß der Vertreter des Reichsamt des Innern alle diese Aussichten hier entwickelt hat; jeder hat etwas bekommen. (Sehr richtig! links, Heiterkeit.) Aber in Wirklichkeit schneiden sich diese Aufgaben, unb sie werden nebeneinander von einem Einzelnen nickt gelost werden. Auch keine ber Parteien des Hauses, die sich im einzelnen für diese Frage interessieren, wird alles auf diesem Gebiete tun können. Wenn Sie unbefangen die Tätigkeit ber ver- bünbelen Regierungen, speziell meines Ämtsvorgängers betrachten, werben Sie mir zugeben, daß, wenn auf allen diesen Gebieten eine gewisse Stetigkeit des Fort schreitens festzustellen gewesen ist, das bem Umstand zu verdanken war, daß die verbün- beten Regierungen sich ihrer verfassungsmäßigen Stellung und der sich daraus ergebenden Pflicht stets bewußt gewesen sind, die Ge. samtheit ber dem Reich gegebenen Aufgaben mit Ihnen zusammen zu lösen und in ernster, ruhiger Arbeit, die bei .Ihnen häufig divergierenden Wünsche und Neigungen immer wieder zusammenzufassen auf das eine Ziel einer gesunden, ruhigen und gleichmätzi- gen Entwicklung unserer wirtschaftlichen und innerpolitischen Verhältnisse im deutschen Vaterlande.
Ich werde bestrebt fein, diese Wege meinet Amtsvorgänger weiter zu wandeln. Ick werde bemüht fein, auf allen Gebieten, die ich hier gestreift habe, die schaffenden Kräfte aus allen Parteien dieses Hauses 311 konzentrieren und zu gemeinschaftlicher Arbeit zusammenzufassen. Ich kann das freilich nur, wenn von Ihrer Seite anerkannt wird, daß in der Stärke bet verbündeten Negierungen die Stetigkeit unserer gesamten Politik liegt, unb daß jeder bestrebt sein sollte, diesen Schwerpunkt ber in der verfassungsmäßigen und historischen Form unb Stellung ber verbündeten Regierungen liegt, nicht zu verschieben, sondern zu erhalten. Ich kann das nur, wenn von allen Seiten den verbündeten Regierungen überall da die Mithilfe nicht versagt wirb, wo sie sich entschlossen haben, Neuerungen zu fordern, die wir für notwendig halten, nicht um irgendwelchen politischen Phan. tomen nackzuiagen sondern um unserer innerpoliiiscken Entwicklung Diejenige Stetigkeit zu geben, die uns den Weg zu neuen Ausgaben offen halt, ohne materielle ober ideelle SBerte gu zerstören, die wir von ber Vergangenheit über- kommen haben und zu erhalten verpflichtet sind. (Lebhafter Beifall rechts.)
Abg. Pauli-Potsdam (Kons.):
Wir danken dem Staatssekretär für diese Siebe. Die Auf- ll?s»e ist schwer, aber da bie verbündeten Regierungen den guten SBiDen haben, wirb auch ein Weg gefunden werden, die schwierigen Fragen, die namentlich den Mittelstand betreffen, zu lösen. Ge- wiß, wir Deutschen können stolz sein auf unsere Sozialpolitik. S)aS hat Deutschland mit monarchischer Regierungs- form fertig gebracht, während gerade die Seite, die von der Sozialpolitik ben größten Vorteil hat, bie demokratische Staats, form, rur das Ideal hält. (Beifall rechts.^ Daß die Kluft be- Ml, und es nicht gelungen ist, sie zu überbrücken, ist nicht unsere Schuld. Die rechte Hand, die der Hansabund uns ausstreckt, können


