Ausgabe 
19.11.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. 272

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Erster Blatt

Somstog, fy. November fyftt

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Die heutige Nummer umfaßt 22 Seiten.

politische Wochenschau.

Gieften, 19. Nov.

Cs ist nun flerobc ein Jahr her, daß das englische Ober­haus seinen Widerspruch gegen jenes Fincmzgesetz geltend machte, das die schweren Verfassungskämpfe herbeiführte. Lord Lansdowne brachte damals die bekannte Entschließung ein:Das Oberhaus ist nicht berechtigt, seine Zustimmung yu dem vorliegenden Gesetze zu geben, bis es dem Urteil des Landes unterbreitet worden ist." Es folgten die Wah­len im Iannar dieses Jahres, die das liberale Ministerium Asquith bei seinen Entwürfen von der Haltung der Iren und Arbeiterparteiler abhängig machten, dann der Tod König Eduards, bei dem die Waffen sich senkten und die Machtprobe hinausgeschoben wurde. Aber die Vetokonferenz, die die Beziehungen beider Häuser regeln sollte, versagte und zer­schlug sich. Und jetzt beginnt die neue parlamentarische Kampagne, bei der es sich nicht mehr um Worte handelt, sondern um die neue Kriegserklärung. Herr Asquith wieder­holt seine Berufung an die Wähler.

Zur Reform des Oberhauses sind viel Vorschläge gemacht worden, und die Lords selber sind geneigt, einer neuen Zeit Zugeständnisse zu machen. Wer die Regierung will mehr, und ihre Vorlage, die das Haus der Lords vorgestern sich unterbreiten ließ um Zeit zu gewinnen und durch maß­volle Vorschläge die Wahlstimmung zu verbessern, be­freitet den Lords das Recht, das Budget abzulehnen und schränkt deren Vetorecht auch bei anderen Gesetzen erheblich ein. Während Lord Lansdowne am Mittwoch im Oberhaus forderte, die Beratung des Ausschusses nochmals in der Vollversammlung zu wiederholen, um vielleicht doch noch zu einer Einigung zu kommen, schüttelte der Großsiegel­bewahrer den Kopf und sagte: er nehme nicht lediglich an, daß dies aussichtslos fei, sondern wisse es. Friß Voael oder stirb. Das kleine Oberhaus-Geplankel, bei dem Die Negierung konsequent nur karge Erklärungen abgab, ist nur ein Stückchen Grundlage für den kommenden Wahlkampf.

Die gestrige Erklärung des Ministerpräsidenten im Unterhaus hat die Entscheidung, aber keine Ueberraschung mehr gebracht. Es war behauptet worden, die Ausschuß- beratung nach König Eduards Tode habe nur ein Schein­gefecht Dargestellr. Herr Asquith wies dies zurück. Ai'ch i'rr Negierung sei ehrlich daran gelegen gewesen, eine ge- Nnschaftliche Basis zu finden. Und dann folgte die skep- tusche Wiederholung, im offenen Parlament, beim Lärm und Ungestüm des Parteikampfes, sei alle Hoffnung auf eine inigung verloren. Zu Anfang der übernächsten Woche, ,wahrscheinlich am 28. November, soll das Parlament aus­einandergehen. | .

In diesem kurzen, aufregenden Kampfe, in dem die Lage der Liberalen allerdings sich verbessert zu haben scheint, steht das Kabinett Asquith keineswegs sieghaft da. Wenn hie Wahlen sein Fortbestehen sichern, so liegen die laufenden Aufgaben unerfüllt und mit mancherlei Fragezeichen ver­sehen umher, und das Budget ist noch immer nicht erledigt. Teezoll, Einkommensteuer und Amortisationsfonds sollen vor der Auflösung noch geordnet werden. Für diese Bruch­stücke hat Herr Asquith sich eine Mehrheit wahrscheinlich gesichert. In diesem ziemlich steuerlosen Kurs liegt wohl der Grund dafür, daß die Regierung im Unter- wie im Ober­hause sich weigerte, den Bescheid des Königs kundzutun. Konservative Ratgeber sind am Hofe wahrscheinlich nicht un-

GIbrichs künstlerischer Nachlaß.

, In der Akademie der Künste zu Berlin hatte sich am 15. Nov. em geladenes Publikum zur Besichtigung der vielen Hundert Studien- und Skizzenblätter eingefunden, die Josef M. Olbrich Unterlassen hat. In der soeben geschlossenen Gedächtnisausstel­lung, die von der Akademie in so außerordentlich dankenswerter Weise dem genialen Bahnbrecher gewidmet war (Wir haben dar­über ausführlich berichtet. D. R.), hatte natürlich nur ein kleiner Teil der schier unermeßlichen Fülle von Zeichnungen aufgehängt in erden können; darum wollte man wenigstens einem engeren Kreise eine Vorstellung von dem wahren Umfange dieses Schabes <Kben. Direktor Jessen vom Kunstgewerbemuseum legte der Versammlung Olbrichs Bedeuttmg in warmherzigem und geist­vollem Vortrage dar; er dankte der Akademie für ihr vorurteils- loicc' Eintreten für den so viel verkannten und in Berlin noch so gut wie unbekannten Künstler und schilderte, wie Olbrich, von einer ursprünglich vorwiegend malerischen Begabung ausgehend, sich erst allmählich zur eigentlich tektonischen Behandlung künst- leriicher Ausgaben und mit eisernem Fleiße zu der klassischen Größe seiner letzten Arbeiten durchgerungen hat; wie er dann, endlich an große Monumentalausträge gelangt, gewissermaßen ,.v"r dem Tore der Vollendung" stehend, von einem jähen Tode dahingerafft wurde. Stundenlang hätte man in den aufgelegten Mappen blättern und sich immer von neuem überraschen lassen nüUcn von der unversieglich sprudelnden Phantasie, der fabel- haften Gestaltungskraft, dem feinen, höchst kultivierten Geschmack uno Farbensinn dieser einzigartigen Kunst, die auch da noch fesselt, wo wir heute Entgleisungen, Fehlgriffe erkennen.

Noch besteht, so schreibt dieTäqt. Rundsch.", in weiten Kreisen (?) wenig Verständnis für Olbrichs Kunst.

er im wesentlichen binnen zehn Jahren all diese Studien, Ideen und Entwurfsnotizen auss Papier geworfen hat, das ist eben, schon als bloße Arbeitsleistung angesehen, fast un­begreiflich

Es schien aber doch, paß mancher, der skeptisch oder mit fertigem Verdammungsurteil hingekommen war, von der sonnigen, iünülerischen Welt, die sich hier, ihm auftat, überwältigt, von dem Reichtum ihrer Gedanken gefesselt wurde, wie es auch den leitenden Persönlichkeiten unserer Architekten, nach ihren eigenen Worten, beim ersten Durchblättern des Olbrichschen Nachlasses ergangen rst. Und alle waren wohl mit Jessens Schlußworten einverstanden, daß es eine Ehrenpflicht sei, den reichen Schatz vor dem Schicksal zu bewahren, in Mappen ungesehen zu ver- Üaubeu oder durch einen interesselosen Kunsthandel in alle Winde verstreut zu werden. Olbrichs Nachlaß muß als ein kostbares Eur, das ganz Deutschland gehört, angesehen werden und in Vnlin, der Neichshauptstadt, dauernd der Oefsentlichkeit zu­

tätig geblieben, und wenn au chder Lauf der Dinge so kommen wird, wie die Regierung es voraussagt, so hat König Georg doch wohl mit manchem Wenn und Aber geantwortet. Bevor ein neuer Sturm sich erhebt, soll das Negierungswrack in den sicheren Hafen gebracht werden, um nach den Wahlen vielleicht in besserem Zustande wieder vom Stapel zu laufen.

Der marokkanische Sultan Mulay Hafid, der so ent­schlossen und tatkräftig sich des Thrones bemächtigt hat, muß mit seinem Reich eine Zeit tiefer Erniedrigung durch­machen. Einmal liegt das an der Geldknappheit seines Londes und seiner Regierung, dann an den übermütigen Freiern, die ihm auf den Fersen sitzen. Jener fremde, glänzende Ritter in der strahlenden Rüstung, der einst auf seinem Eiland gelandet war, um ihm Freundschaft und Hilfe zu versprechen, ist wie der He.lleysche Komet, der so viel Ge­sprächsstoff schuf, spurlos verschwunden. Und die schönen Tage von Algeciras sind auch vorüber; das Papier, das davon noch existiert, ist heute bedeutungslos. Zuerst hat Frankreich sich' genommen, was es sich' auserkoren hatte, nun hat auch Spanien sein Ziel erreicht. Am Donnerstag wurde der spanisch-marokkanische Vertrag geschlossen: der Sultan erhält das Großkreuz des Ordens Karls III. und teilt dafür sein Land mit König Alfons. El Mokri, der marokka­nische Mittler, erhält auch einen Ordensstern und wird doch vielleicht seufzen:Einen Segen haben wir zu bewahren, der das Schwert nur des Fremdlings reizt." Frankreich, das anfänglich argwöhnisch war, gönnt dem Nachbar den Bissen, der überraschend groß bemessen ist. Ein Teil des Nissgebietes, soweit die Spanier mit den Waffen vorge­drungen sind, erhält vollständig spanische Verwaltung. Wo bleibt die durch die Algeciras-Akte verbürgte Integrität des Sultanlanbes, wenn der Herrscher nicht einmal selbst feine Beamten ernennen darf? Die Eingeborenenpolizei unter spanischen Offizieren wird natürlich mehr spanisches denn marokkanisches Recht vollziehen. Wann aber wird diese Polizeitruppe in Madrid fürfähig" gehalten werden, die Ordnung sicherzustellen, so daß die Gegenbedingung der Zurückziehung der spanischen Truppen erfüllt wird? In der Nachbarschaft von Ceuta sichert sich Spanien gleichfalls entscheidende Rechte. Der marokkanische Kaid dieses Grenz­gebietes wird einfach durch Spanien ernannt, das sich gnä­dig st dazu herbeilassen will, dem Sultan und Landesherrn Mitteilung davon zu machen. Auch dort wird eine spanische Polizei ausgebildet. Die Kriegsentschädigung an Spanien von 65 Millionen Pesetas = rund 53 Millionen Mark ist für das ohnehin ausgcsogene Sultanat wahrlich keine Kleinig­keit, und die 75jährige Frist bis zur välligen Abtragung wird, so hoffen wohl die Spanier, noch mancherlei Gelegen­heiten zum Eingreifen geben.

Es geht hier wie im Lande der aufgehenden Sonne. Dort gärt es wegen des englischen uno russischen Vor­gehens ganz gewaltig. Neuerdings haben die russischen Soldaten anscheinend wieder Vorstöße gemacht, und die be­drohten Perser wenden sich wie jene Konstantinopeler Versammlung hilseheischeud an den deutschen Kaiser. Der aber hat in der Erzabtei zu Beuron erklärt, er wolle das Christentum ausbreiten. Und der Zar scheint von Berlin eben keine schroffen Mahnungen mitgenommen zu Haven. Ob das neue Eisenbahnprofekt durch Persien wirklich unter Der Mitwirkung und Zustimmung Deutschlands zustande kommt, und ob unsere Berliner Diplomaten in Ostasien bei der englisch-russischen Teilarbeit auf irgend eine Weise sich schadlos halten?

gänglich bleiben. Es wird daher beabsichtigt, durch eine Samm­lung die Mittel zu gewinnen, ihn als Ganzes für das Berliner Kunstgewerbemuseum anzukausem

Ein Brief Wilhelm Raabes.

Auf die Frage eines im Interesse der Kunst damals gern naiv sein wollenden jungen Mannes, ob er den an sich gewiß heute schwierigen Beruf eines Schriftstellers ergreifen solle, ant­wortete vor einigen Jahren Wilhelm Raabe in einer Weise, die für seinen Ernst ebenso wie für seine herzliche und humoristisclM Art kennzeichnend fein darf, mit folgendem Brief, der berTägl. Rundsch." zur Verfügung gestellt wird.

Sehr geehrter Herr! Die Frage, ob ein junger Mann sich aus seinem alten bisherigen Beruf herausschlcichen und einen anderen, den schriftstellerischen, ergreifen soll, ist keineswegs schwie­rig zu beantworten. Wer in sich Talent genug besitzt, um der Kunst neue Früchte vom Baume der eigenen Erkenntnis in den Schoß zu werfen, soll dies tun, und zwar je schneller um so besser. Die Tatsache, daß heute der Warenmarkt der Literatur überfüllt ist und Komplikationen für_ die neue Generation schafft, ist kein Beweis für die, die die Kunst heute für ein unpraktisches Gewerbe, und kein Schrecken für jene, die deshalb ihre Früchte frcrfaulcn lassen wollten. Man muß nur erst Talent genug in sich ver spüren und größere Versuche wagen. Es kann natürlich dabei Vor­kommen, daß zu Beginn ein faules Ei dabei herauskommt, aber meine Ansicht ist, besser noch ein faules Ei, das einigen Samen bat, als sich nur um ungelegte Eier beit Kopf zerbrechen. Wer Lust und Talent hat, darf nie einen Lehrmeister suchen, der ihm überhaupt etwas über Miseren eines Berufes erzählt. Zumal das Abreden dabei gar uichts nutzt und trotz vielleicht bielfad) berechtigter Warnung doch manche gackernde Henne auf den Mist gerät. Versuchen Sie nun auf ein Blumenbeet zu kommen, wenn Sie Ihre Erfahrungen zu geistigen Blüten umwandeln können. Es füllte mich aufrichtig freuen, eines schonen Tages mir barait? eine Blüte zu pflücken. Ich wäre ein schlechter Prophet, Ihnen etwas zu sagen, als ich es in bescheidenem Sinne hier tue. Die Urteile deo einzigen, der sein Talent eines Tages richtig abwägt, waren noch stets die besten Lehrmeister. Ist Ihnen aber der geistige Einbildungszopf zu laug gewachsen, dann wird er Ihnen sckwn zur rechten Zeil öffentlich abgeschnitten werden. Tun Sie keineswegs zu viel Parfüm hinein, denn es schwindet dann in solchem Falle spater mit der Wurzel der Einbildung. Wie und wo Sie ansangen wollen, das ist Ihre Sache, aber ich bitte Sic um eines: Erheben Sie sich niemals als Eigenbrötler zu einem Geschmack empor, der sich dünlelhast über das Gewissen tleinercr Menschen erhebt. Erstens ist der Erfolg dann nie so groß, wie Sie ihn vielleicht wünschen, Dann aber, Dann vor allem,

Der englische versassungslampf.

London, 18. Nov. (Unterhaus.) Das Haus war wegen der erwarteten Erklärung des Premierministers in allen seinen Teilen dicht besetzt. Die Mitglieder des Parla­ments selbst waren in so großer Anzahl erschienen, daß mehrere von ihnen keinen Sitz sanden. Balfour und, Asquith wurden bei ihrem Eintritt in den Sitzungs­saal von ihren Anhängern enthusiastisch begrüßt.

, Zu Beginn seiner Rede stellte Asquith in Mrede, daß sich m den Plänen der Regierung irgend etwas geändert I)abc. Die Regierung habe sich niemals mit dem Gedanken besaßt- die Budgetvorlage fallen zu lassen; sie schlage vor, daß das Haus die wesentlichen Teile des Budgets erledige, nämlich den Teezott, die Einkommensteuer und den Amortisationsfonds. Nachdem As­quith noch zwei andere minder wichtige Maßnahmen erwähnt hatte, die noch in diesem Jahre erledigt werden müßten, und mitgeteilt hatte, daß die Regierung beabsichtige, im nächsten Parla­ment eine Entschädigung für die Mitglieder des Hauses in Vorschlag zu bringen, teilte er mit, daß die Regierung dem König geraten habe, nach Erledigung der erwähnten parlamen­tarischen Arbeiten die gegenwärtige Session und das jetzige Parlament zu schließen. (Lebhafter Beifall bei den Ministeriellen.)

Asquith erinnerte an die Annahme der von der Regierung beantragten Vetoentschließungen, die im April durch starke Mehr­heiten im Hause erfolgten, und an den prazedenzlosen Vorgang, daß bei dem Tode des geliebten Königs Eduard die beiden bereits in Schlachtordnung stehenden Parteien die Waffen nieder­gelegt und die Führer sich zu einer geheimen Konferenz zurückgezogen hätten. Was die Konferenz angehe, so schäme er sich nicht, zu gestehen, daß er fast bis zum letzten Augenblick auf die Möglichkeit einer Verständigung gehofft habe. (Bei­fall auf den Seiten der Ministeriellen.) Er glaube, diese Hoff­nung fei von allen Mitgliedern der Konferenz geteilt worden. (Beifall.) Er fei entschieden der Ansicht, daß niemals ein ehr­licherer Versuch von Männern starker Meinungsverschieden­heiten gemacht worden fei, die beiderseitigen Ansichten zu verstehen, wenn möglich eine gemeinschaftliche Basis für eine Verständigung zu finden und auf dieser Basis einen Bau zu errichten, der wenigstens Aussicht auf Stabilität und Dauer gewähre; sie hätten sämtlich die Lösung dieser Aufgabe nur mit Widerstreben aufgegeben, aber hätten sie doch aufgegeben, weil sie die lieber» leugung gewannen, daß es für den Augenblick nutzlos fei. Die Lösung weiter zu versuchen. Es sei müßig, anzunehmen, daß eine Verständigung, die selbst unter so günstigen Verhältnissen sich als unerreichbar erwiesen habe, in diesem Parlament in dem Lärm und ßcm Ungestüm des Parteikampfes ausgearbeitet werden könnte. (Beifall auf Seiten der Ministeriellen.) Das Resultat ist, fuhr Asquith fort, daß wir wieder zum Kriegszustand ge­langen. (Beifall auf Seiten der Ministeriellen.) Die Regie­rung weiß, daß, wenn die Lords eine Gelegenheit wünschen, um vor der allgemeinen Wahl zu der vom Unterhaus gebilligten Politik ja oder nein zu sagen, diese Gelegenheit in der nächsten Woche geboten werden wird; es würde aber die reinste Fiktion fein, wenn man irgendwelchen Zweifel äußern würde, welche die wirkliche Entscheidung der Lords über die Vetobill fein wird. Im jetzigen Stadium der Angelegenheit handle es sich nicht um Amendements oder Umwandlungen, sondern um die Annahme oder Ablehnung des Ganzen. (Beifall aus Seiten der Ministeriellen.) Wir haben es daher für unsere Pflicht ge­halten, der Krone die .Auflösung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt, nämlich zu Anfang ber über­nächsten W o ch e anzuraten; wir sehen keinen Grund, warum dieser Tag nicht Montag 'der 28. November fein sollte. (Lauter Beifall auf Seiten der Ministeriellen.) Die allgemeine Wahl kann zeitig vor Weihnachten beendet fein und wird daher nur eine ganz geringe Störung in den Interessen des Geschäftslebens und der allgemeinen Bequemlichkeit der Nations verursachen. Nachdem zwei aufeinander folgende Unterhäuser dasselbe Urteil gefällt haben, ist die Zeit gekommen, diese

ist nach Meiner Gewissensanschauung die Gnbe eines Schrift-^ stellers nicht dazu da, sich allein wohlgefällig im Spiegel zu sehen, sondern diejenigen, die weder Zeit und Ruhe Haden, in ihren« Spiegel zu blicken und zugleich damit ihre moralischen und see­lischen Schattenbilder und Vorzüge sehen zu lassen.. Eigenbröt­ler haben wir überdies genug. Sie kennen sich jedenfalls genug, mm lassen Sie, wenn Sie Talent haben, auch die Sonne über andere scheinen, dies scheint der einzige freudige Beruf des Schrift­stellers zu sein. Ich weiß nicht, ob Sie Menschenfreund genug sind? Wenn nicht, versuchen Sie es zu sein. Sie bedürfen solches zur eigenen Erhaltung. Und damit Gott befohlen. Ihr

Raabe.

Tolstois ttranfhekt.

lieber den Gesundheitszustand Tolstois erhalten wir folgende Drahtnachrichten, nach denen die Auflösung nahe bevorstehen dürfte.

Astapowo, 18. Novbr. An das Krankenbett Tol­stois sind aus Moskau noch zwei Aerzte gerufen worden. Die Gefahr ist groß, doch ist der Zustand des Patientcrr nicht hoffnungslos. Heute vormittag wurde die älteste Tochter Tolstois vorgelassen. Der Kranke nahm etwas Nahrung zu sich.> Das Schlucken verschlimmerte sich zeitweilig. Der Abt des Oplin klosters ist mit einem Klosterbruder hier eingetroffen, um Tolstoi zu besuchen. Der Krankheitsbericht über Tolstoi besagt u. a., daß Tolstoi während der Nacht häufig in Bewußtlosig­keit verfallen sei, der Puls aussetzte und die lokalen Erschei­nungen an der Lunge unverändert find. Es trete Sodbrennen und häufiges quälendes Schlucken auf, der Kranke zeige große Schwäche und einige Apathie. Er erhielt Kampherein^ spritzungen.

Astapowo,- 18. Novbr. Ein heute abend 7 Uhr über das Befinden Tolstois ausgegebener Krankheitsbericht besagt: Die Temperatur ist 36,6, der Puls 110 aussetzend. Die Atmung 36. Das Bewußtsein ist klar. Der Kranke ist schläfrig und sehr schwach. Nach einem 10 Uhr abends abgegebenen Krank-- hettsbericht war das .Allgemeinbefinden besser.

Kurze Nachrichten ans Kunst u. Wissenschaft. In Würzburg ist der o. Professor für theoretische und orga-, nische Chemie an der Universität Bern Dr. Stanislaus v oni Kostanecki im Aller von 50 Jahren gestorben. Er stammte aus Alpszakow in Rußlaird. Vor der gestrigen Eröffnung'Z- Vorstellung im Oiwrnhause zu Berlin versammelte der Kaiser alle an Dem Umbau Beteiligten um sich und, verlieh nach einen kurzen Ansprache Ordensanszeichnnngen.