Nr. 197 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Mittwoch «4. August 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme d«S Sonnta-S.
Die „Gietzeaer §a«Uieub^2tter^^ werden dem .AnzeigerE viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisblatt für des Kreis Siehe«" zweimal wöchentlich. Die „Lalldsirtschastlichen Seit- fra-tll" erscheinen monatlich zweimal.
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General-Anzeiger für Gderhesien
Rotationsdruck und Verlag der Brühllchen UniversttätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Redaktion:«^ 112. Tel.-Mru AnzergerGießen.
Vie Einverleibung Koreas.
9iun hat Japan das Ziel, nach dem es seit Jahrzehnten trachtete, endlich erreicht. Das Kaiserreich Korea mit seinen 218650 qkm und fast 10 Millionen Einwohnern hat aufgehört zu bestehen und wird als Kronkolonie Japan angegliedert, das damit sein Gebiet um etwa die .Hälfte Der* größert. Geschickt und energisch genug hat Japan diesen Erfolg zu ergingen gewußt, indem es im November 1905, wenige Wochen nach dem den Krieg mit Rußland beendigenden Frieden von Portsmouth, beit damaligen Kaiser des „Landes der Morgenfrische", Ji Löng, zwang, sein Siegel unter einen Bündnisvertrag mit Japan zu setzen, durch den er Japan die Vertretung oer auswärtigen ,Politik Koreas übertrug, so daß schon seit dieser Zeit Korea nichts anderes war, als ein japanisches Protektorat. Und als sich die Koreaner 1907 beim Haager Schiedsgericht beschwerten, daß immer mehr Japaner in ihr Land fluteten und Handel und Wandel an sich rissen, da entschloß sich Japan zu einem Gewaltstreich, indem es den Kaiser zur Thronentsagung zwang und an seine Stelle den heute 38jährigen Thronfolger Jtschak setzte, der aber eigentlich nie die Regierung ausübte, sondern in Söul als Gefangener lebte, während der japanische Generalresident, damals Fürst Ito, die ganzen Geschicke des Landes lenkte, wenn man auch ein koreanisches Mürisierium der Form nach, noch bestehen ließ.
Daß Japan nicht damals schon Korea einverleibte, sondern damit noch drei ganze Fahre wartete, bewies hohes diplomatisches Geschick. Hätte es schon damals zugegriffen, um sich Korea, um das es 1894 mit China und 1904 und 1905 mit Rußland gekämpft hatte, einzuverleiben, es hätte unzweifelhaft mit einem ernstlichen Widerstande der Mächte rechnen müssen. Nicht nur China, sondern auch England, Frankreich, Rußland, sowie Deutschland und die Vereinigten Staaten hätten diesen Gewaltakt niemals zugegeben. Jetzt aber, wo Japan mit England und Frankreich verbündet ist, wo es sich mit Rußland auf Kosten Chinas ausgesöhnt hat, kann es diesen Schritt umso eher wagen, als China heute seine Reformen noch nicht durchgeführt hat, die es befähigen würden, den Kampf mit Japan aufzunehmen, und Deutschland und die Vereinigten Staaten sich schwerlich mit Japan verfeinden werden, allein um ihren Handel dis offene Tür in Korea weiter zu sichern.
So war der Augenblick — mag auch die Einverleibung Koreas durch Japan schon seit längerer Zett in bestimmter Aussicht gestanden haben — jedenfalls gut gewählt. Aber vielleicht hätte sie noch länger auf sich warten lassen, wenn mit der Ermordung des Fürsten Ito durch einen Koreaner im vorigen Jahr nicht einersetts ein ganz hervorragender Gegner der Einverleibung, der über großen Anhang im japanischen Parlament verfügte, beseittgt worden wäre, und wenn nicht anderersetts diese Tat und die sich daran anschließenden Unruhen in Korea der japanischen Regierung den Vorwand geboten hätten, Korea militärisch stark zu besetzen, so daß ein aus Anlaß der jetzigen Annexion etwa ausbrechender Ausstand jedenfalls aussichtslos wäre.
Wie die Verhältnisse Koreas sich als japanische Kronkolonie weiter gestalten, ist aus den bisher vorliegenden Meldungen, die noch keine amttiche Bestätigung gefunden haben, nicht in vollen: Umfang ersichtlich. Wie es heißt, soll die koreanische Kaiserfamilie nach Tokio übersiedeln, um dort weiter ihre Zivilliste zu verzehren, ja, sie soll sogar der Familie des Mikado als ebenbürtig behandelt werden. Die Regierung in Korea aber würde der bisherige Generalresident, Kriegsminister Terautschi, als Generalgouverneur ausüben, doch ist bisher nicht bekannt geworden, ob das koreanische Ministerium als solches bestehen bleiben oder einer aus Japaner Und Koreanern zusammengesetzten Kolonialbehörde Platz machen soll.
Im Hinblick aus die kulturelle und wirtschaftliche Erschließung Koreas, um die sich Japan schon zur Zett seines Protektorats sehr verdient gemacht hat, wird man die Einverleibung Koreas, mit der den dortigen unklaren und auf die Dauer auch unhaltbaren Zuständen ein Ende gemacht wird, nur begrüßen können. Die Frage ist aber — und hierin liegt der Angelpuntt der Frage —, ob Japan den Mächten alle die handelspolitischen Vergünstigungen eiu- räumen wird, die sie bisher in Korea genossen. Es heißt zwar, daß der koreanische Tarif noch 5 Jahre in Kraft bleiben soll, aber wer steht uns dafür, daß er nicht bann durch den japanischen Hochschutzzolltaris ersetzt wird? Es verlautet zwar, Japan werde allen Mächten nach wie vor die offene Tür in Korea einräumen, aber wer will dafür garantieren, daß es in der praktischen Anwendung dieses Prinzips nicht zwischen den Mächten unterscheidet und z. B die ihm ferner stehenden Staaten, Deutschland, die Vereinigten «Staaten und China benachteiligt? Und wenn man dies annimmt und sich außerdem klar macht, daß der japanische Ausbreitungsdrang schwerlich mtt Korea gesättigt ist, sondern über kurz oder lang auch auf die Mandschurei und Mongolei im Sinne ihrer tatsächlichen Einverleibung hinüb ergreif en wird — dann bedeutet die Einverleibung Koreas tatsächlich eine neue Bedrohung des Völkerfriedens im fernen Osten.
Der widerstand der Kkritalen in Zrantreich.
O Paris, 22. August.
Der Widerstand der Klerikalen und des Klerus gegen die neue Ordnung der Verhättnisse in Frankreich tritt immer noch in größeren und kleineren Kundgebungen zutage. So hatte bekanntlich kürzlich der sehr ftreitbare Bischof voll Grenoble Henry gegen die Verurteilung eines Priesters seiner Diözese protestiert, wett dieser in dem Katechismus-Unterricht geradezu Geschichtsstunden mtt republikfeindlichen Charakter ertettt hatte. Der Bischof erklärte offen heraus, er könne dieses Urteil überhaupt nicht berücksichtigen. Darauf erhielt er von dem Kardinal Merry delVal im Namen des Papstes folgendes Glückwunschschreiben:
„Seine Heiligkeit billigt Ihr Vorgehen laut und deutlich und beglückwünscht Sie, mit ebenso vielem Nachdrucke als Würde die wesentlichen Vorrechte des Priesteramtes beansprucht und so gleichzeitig die Erhaltung des Rechtes des Priesters, die christliche Doktrin in ihrem ganzen Umfange zu lehren, bekundet zu haben."
Die Bischöfe von Orleans, Frejus und Nevers haben gleichfalls Zustimmungsschreiben an Mgr. Henry gerichtet. Besonders interessant ist der Brief Mgr. T o u ch e t s von Orleans, in dem er zunächst daran erinnert, daß einer feiner Priester von dem Appellhofe von Orleans gleichfatts wegen Geschichts-Unterrichts beint Katechismus verurteilt wurde und worauf er hinzufügt:
„Ganz wie ich, der ich eine Katechismus stunde den Kindern von Orleans über Jeanne DArc, Chlodwig, Luther, Calvin und die Dragonaden laut ankündete und erteilte, um zu sehen, welche Folgen das nach sich ziehen wurde, verkünden auch Sie, daß Sie eine Katechismusstunde nach den Ferien im Oktober erteilen werden. Mir ist gar nichts geschehen. Der Oberstaatsanwalt hatte den Abbä Turlin verfolgt, mich aber nicht. Ich wünsche glühend, daß Sie mehr Erfolge haben, als ich, hochverehrter Amtsbruder. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Sie verfolgt werden. Diese seltsamen Justiz "-Entscheidungen müssen vor die öffentliche Meinung gebracht werden und Sie sind dafür am besten befähigt."
Die Kirchenfürsten rüsten also nicht ab; man sieht, ihre Sprache ist so kampflustig, wie je, und es liegt auf der Hand, daß die Regierung trotz ihrer Deschwichttgungs-Be- ftrebungen ein solches Dun und eine solche Sprache nicht unbeantwortet lassen wird.
Es liegt auch noch ein anderes Beispiel sehr bezeichnender Art für die „Zwanglosigkeit" mancher Bischöfe vor. Bei der Trauerfeierlichkeit für die Getöteten bei dem Eisen
bahnunglück in Saujon in der Kirche dieses Ortes bestieg der Bischof von La Rochelle, Mgr. Eyssautier, die tat* zel und erklärte in einer Ansprache, die Drennung wäre nur provisorisch und die Erklärung der Menschen--- und Bürgerrechte eine lärmende Reklame. Daraufhin verließen der Generalsekretär der Präfektur der Charente In- ferieure, sowie der Maire von Saujon mit den sämtlichen Beamten, die erschienen waren, den Gottesdienst, was die Klerikalen als einen Skandal bezeichnen.
Als ob es irgendwo zulässig wäre, daß Staatsbeamte bei einer so offenen Kriegserklärung gegen die Gesetze des Landes ruhig ausharren und durch ihre Gegenwart ihr eine Art Weihe geben dürften!
Line russische Klage bei der Pforte.
£ London, 22. Augnsti
Der Berichterstatter der „Times" in Konstantinopel! telegraphiert, daß Rußland sich veranlaßt gesehen habe, bei der Pforte einen energischen Protest zu erheben, wegen eines Vorfattes, der sich kürzlich an der persischen Grenze ereignete. Bor einigen Wochen sei bei Kiztt Dize eine türkische Abteilung Militär über die Grenze gegangen, habe die persischen Wachen vertrieben, wobei mehrere der letzteren getötet wurden. Die genommenen Stellungen toürben- noch von den Türken gehalten. Der Korrespondent fügt hinzu, daß man letzthin so viel von den russischen Truppen auf persischem Gebiet gehört habe, aber es werde ganz vergessen, daß die Türken seit mehreren Jahren groß« Strecken persischen Gebietes nördlich und südlich der Stadt ttrumiah und bis an den See heran besetzten. Seit Beginn des „neuen Regimes in der Türkei sei diese Politik noch energischer betrieben worden als unter dem alten.
Deutscher Katholikentag.
'4 Augsburg- 23. Ang.
Ter heutige dritte Festtag wurde mit einer Männerwakl- fahrt zum Grabe des heiligen Ulrich in der St. Ulrichskiyche! eingeleitet. Um 10 Uhr trat in der Festhalle die „Hauptversamu^ lung des
Volksvereins für das katholische Deutschland zusammen. Der Vorsitzende Fabrikbesitzer Brands (M.-Glad- bach) konnte in seiner Begrüßungsansprache mitteilen, daß der Verein über 650 000 Mitglieder zahle, davon die meisten int Rheinland und Westfalen. In der Aussprache ging Reichstagsabgeordneter Gröber bei der Besprechung der Aufgaben des Vereins auch auf die politische Lage ein, indem er ausführte: Die Sozialdemokratie hat bisher für die Arbeiter nichts geleistet. Aus einer Arbeiterpattei sucht sie eine Weltanschauungs- Partei zu werden, das Christentum sucht sie den Leuten zu verekeln, indem sie darauf hinweift, wenn ein Christ einmal auf Abwege gerat. Das kommt aber auch bei Sozialdemokraten vor, die sogar gedruckte Formulare für Strasanzeigen gegen ihre Mitglieder wegen Unterschlagungen haben. (Große Heiterkeit.) Der Liberalismus kann jetzt schon bald seine Lebensgeschichte schreiben. Je mehr er in sozialpolitischen Dingen abgewirtschaftet hat, desto mehr sucht er nunmehr auf religiösem! Gebiete im Trüben zu fischen. Und daran wird auch das bisher geheim gehaltene Programm des Herrn Ballermann nichts ändern. Man bemüht sich, durch Auspeitschung des Antiklerikolismus seine politische Bedeutung darzutun und sucht an dem Feuer der antireligiösen Hetze seine Patteisuppe zu kochen. Der furor prote- stanticus wird nicht aus religiösen Beweggründen entfacht — religiös sind die Herren nicht — das geschieht nur aus polnischen Gründen. Das Märchen von dem nie bestandenen schwarzblauen Block ist auch nur ein Manöver, und zwar geht es gegen die konservative Pattei, nicht einmal gegen das Zentrum. Der radikale Jungliberalismus und der revisionistische Flügel der Sl^ialdemo- kratie sind einander so nahe gerückt, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis wir den linksliberalen Block haben, aber unter dep bluttoten Fahne der Sozialdemokratie. Der Redner fordert zum Schluß das katholische Volk auf, in Massen hinter dem Volksverein zu stehen, damit in dem Kampfe gegen den Unglauben die Ent-
Ehr!ich§ 606 in Zranireich.
Aus Paris wird uns geschrieben:
Mit Ehrlich-Hatas „6 0 6" hat Dr. Salmon glänzende Ergebnisse erzielt, die er durch einen Berichterstatter des ,Journal" zum Tröste der zahlreichen Syphiliskranken ttiumphierend veröffentlichen läßt. Bei dieser Gelegenheit sei gleich hinzugefügt, daß auch der „Malin" sich bemüht bat, die Leichtfettigkeit der Doyen'schen lächerlichen und gehässigen Bezichtigungen, die er an ber Spitze einer feiner Nummern veröffentlichte, gut zu machen, indem er eine Unterredung mit Professor Ehrlich unverkürzt wiedergab und mit Erläuterungen versah, die einer Entschuldigung gleichkamen. Dr. Salmon er- flärte, er habe 74 Syphilitikern das Ehrlich'sche Präparat eingespritzt, ohne daß auch nur in einem einzigen Falle das Allgemeinbefinden gestört worden wäre. Er fährt dann fort:
„Wir haben feststellen können, daß das neue Heilmittel alle üjm gespendeten Lobeserhebungen verdient; die Schnelligkeit der Heilung der Läsionen ist außerordentlich, ja geradezu unwahrscheinlich. In dem Saale des Hospitals verlangen alle (Sh> krankten, durch die sichtbare Heilung siappiett, das neue Heilmittel. Da aber die Bereitung der „606" längere Zeit erfordett und mit großer Sorgfalt zu handhaben ist, können wir den Anforderungen nicht genügen. Während die Quecksilber-Behandlung durchschnittlich acht Wochen erfordett, heilt „606" in acht Tagen. Abgesehen also von der tatsächlichen Wirksamkeit des neuen Erzeugnisses erzielt man eine bedeutende Zeitersparnis für den Kranken, einen Gewinn für die Armenverwaltung, eine geringere Arbeit für den Arzt, da statt 20 oder 40 Einspritzungen hintereinander eine einzige genügt. Und diese einzige „606"- Einspritzung glückt wunderbar, wo das Qüecksilber ohnmächtig bleibt. Natürlich kann man sich zurzeit noch nicht darüber erklären, ob nicht ein Rückfall in näherer oder fernerer Frist eintritt und Ehrlich hat Vorbehalte darüber gemacht. Aber jedenfalls wissen wir schon jetzt, daß Arsenik auf die Nervenzentten wirken tann, daß es ein stärkerer Parasitentöter ist als das Quecksilber, und vielleicht wird Arsenik die allgemeine Lähmung hindern können, gegen die Quecksilber gar nichts vermag.
Um darüber Sicherheit zu erhalten, stellt Dr. Abrami Untersuchungen bei gewissen mir anvertrauten Kranken darüber an, ob „606" die Syphilismikroben bis in die Nervenorgane verfolgt. Man kann schließlich schon versichern, daß die Ehrlich-Methode einen gewaltigen Fortschritt in der Syphilis-Behandlung darstellt. Man begreift indessen, daß einige Aerzte diese Meinung nicht vorbehaltlos zulassen. . .... ,
Als wir versicherten, daß Arsenik em Spezifikum der Syphilis wäre, machte einer meiner verehrten Lehrer, cm berühmter Syphilis-Forscher, die Bemerkung: „Wozu neue Hilfsmittel anwenden/ während wir doch das
seit Jahrhunderten bekannte Quecksilber zur! Verfügung haben?" Um jene Zeit hatte aber unser Herrj Professor noch Wagen und Pferd, während er jetzt das Automobil benutzt. Das Pferd )var doch auch feit Jahrhunderten bekannt. „606" ist das Automobil. Es hellt schnell. Der Reporter hat selbst einen schwer Syphilitischen beobachtet, dem vor einigen Tagen noch jede Berührung den heftigsten Schmerz verursachte, der nicht die geringste Bewegung machen konnte, und der nicht imstande war, sein ganz vereitertes Auge zu öffnen. Nach einer einzigen Einspritzung ohne jede andere Behandlung beginnen die Wunden bereits zu trocknen, der Mann kann schon Hände und Füße bewegen und Berührungen ohne jeden Schmerz ertragen,
— Der Bankerott der „Flugwochen", Die finanziellen Mißerfolge, mit denen die deutschen Flugoeranstaltungen geendet haben, werden bei uns lebhaft besprochen und haben bereits Anlaß gegeben, über das geringe Interesse zu klagen, das man in unseren Geldkreisen an der Flugkunst nehme. Wer die schlechten pekuniären Erfahrungen, die man bei uns gemacht hat, stehen nicht allein da, sondern aus England kommt ein interessantes Echo, das ein ähnliches Fiasko der Flugwochen feststellt. In der Dally Mail spricht sich darüber V. Ker-Seymer aus, der bei der Flugwoche von Nizza im Organisierungsausschuß war und dann die drei großen Flugveranstaltungen in England, die von Bournemouth, Lanark und Blackpool geleitet hat. Der Fehlbetrag, mit dem die Flugwoche von Nizza endete, betrug 440 000 Mark; jede der drei englischen Veranstaltungen wies ein Minus von etwa 200000 Matt auf. Bei den Voranschlägen, die dabei gemacht wurden, waren die mangelhaften Erfahrungen daran schuld, daß man die Kosten des Unternehmens unterschätzte. So nahm man zum Beispiel in Bournemouth an, daß die Anlegung eines Flugplatzes sich auf 240—260000 Matt belaufen werde, doch erwies sich dann, daß sich die Kosten des Baues und der ganzen Einrichtungen auf 440 000 Mark beliefen. Dabei fiel bei den internationalen Flugwochen in England ein kostspieliger Punkt sott, der sich sonst vielfach bemerkbar machte. Man zahlte berühmten Fliegern keine Summen, um sie überhaupt zur Beteiligung zu bewegen. In Nizza dagegen wurden dafür beträchtliche Aufwendungen gemacht: so erhielten Latham 30 000 und 3iougier 20 000 Franks, nur damit sie ihre Gegenwart zusicherten. In Bournemouth und Lanatt beschränkte man sich daraus, den Teilnehmern zu versichern, daß der Wert der Preise die Summe von 160 000 Matt erreichen werde. Wer die Kosten einer solchen Flugwoche enden nicht etwa in ber Hauptsache mit dem Augenblick, wenn die Tore des Aerodroms dem Publikum geöffnet toerbou Dann beginnen neue teuere Verpflichtungen. So übernimmt ber Ausschuß bie Beförderung der Flugmaschinen nach dem Flugplatz und. zurück. Wie M)ße daä erfprdctt, zeigt tee
eine Tatsache, baß die Beförderung eines Farmaw-Zweideckersi hin und zurück die Summe von 2400 Matt verschlingt. Außerdem ist eine ganze Armee von Beamten, Wächtern und anderem Personal nötig, die bei einer solchen Fliegerwoche beschäftigt füüx Auch bie Beteiligung des Publikums an den Veranstaltungen wurde vielfach stark überschätzt. In Lanark nahm man als ziemlich sicher an, daß 50 000 Zuschauer an einer Vorführung teilnehmen würden, und man richtete sich danach mit Plätzen und anderen Vorkehrung^ ein. Wer an dem am besten besuchten Tage, wo schönes Wetter und prächtige Flüge eine besondere Anziehungskraft ausübten, überschrllt die Zahl der Anwesenden nicht 28 000. Dieser Mißerfolg, der den Flug Vorführungen beschieden war, hat seinen Grund sicherlich nicht in einem geringen Interesse des Publikums an der Flugkunst. Mer viele Leute glauben noch, daß das Fliegen so völlig von den Witterungsbedingungen abhängig ist, daß sie bet jedem Wind befürchten, es werde heule zu keinem Fluge kommen. Viele begnügen sich auch damit, statt Eintritt zu zahlen, auf den angrenzenden Feldern zu warten, ob sich nicht eine Flugmaschine zeigen werde. Die Vorführungen bei den Flugwochen anziehender und spa-nnender zu gestalten, wird kaum möglich sein. Vielmehr ist der Verfasser der Ansicht, daß die Zeit dieser Veranstaltungen überhaupt vorüber ist, daß sie bereits ihren Zweck erfüllt und« ihre Schuldigkeit getan haben. Sie haben das Publikum fitr die gewaltigen Möglichkeiten ber Flugkunst erzogen und hoben die Flieger selbst gelehrt, miteinander in Wettbewerb zu treten. An die Stelle der an einen Flugplatz gebundenen Flugwochen werden Flugrennen rieten, in denen man nicht mehr nur in der Runde herumfliegt, sondern bestimmte Strecken in größeren Ueherland-> flügen zurücklegt,
— Der Kampf gegen Sie Schwindsucht in der Schule. Ws Newyott wird berichtet: Zu einer energischen Bekämpfung der Schwindsucht in der Schule haben sich das Gesundheitsamt, die Erziehungsbehörben und die Hospitäler zusammengetan. Kinder, bei denen die Tuberkulose feftgestellt ist, werden von den öffentlichen Schulen ausgeschlossen und in Lagern vereinigt, wo sie möglichst immer in freier Luft sind. Vier unbenutzte Fährboote, die im Hasen verankert liegen, und der Dachgatten der Vanderbilt-Klinik werden für diese „Schullager" verwendet. Eine genaue Beobachtung der Kinder hat gezeigt, wie segensreich für sie in gesundheitlicher wie in geistiger Beziehung! diese Einrichtung ist. Besondere Lehrer sind angestellt, die ihren Unterricht dem Gesundheitszustände der Kinder anpassen, wäh' rend die Hospitäler für die ärztliche Ueberwachung sorgen. Auch in der kalten Jahreszeit soll die „Freiluft-Schule" nach Möglichkeit weiter unterhalten werden, indem man die Kinder mit warmen Decken und Kleidungsstücken ausrüstet. Auf keinem Gebiete hat das Newyotter Schulwesen größere Fortschritte gemacht, wie in der Fürsorge für physisch und geistig Lurückgchl.iepeLt;


