Ausgabe 
22.9.1910 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 222

Erscheint Kgltch mtt Ausnahme des Sonntags.

DieSiehe«« FamUiendlättrr" werden dem ,9lnaeigcr* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Siehe«" zweimal wöchentlich. Dierimdwirtschaftlichen Zetl- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rosa Luxemburg muß abtreten.

Große anhaltende Heiterkeit bei den Süddeutschen, Minuten- lange stürmische Unterbrechungen, fortwährende Schlußrufe- die Rednerin sieht hilfesuchend nach dem Präsidenten, aber auch dessen Versuche, Ruhe zu schaffen, mißlingen. Sie verläßt schließlich unter dem stürmischen Händeklatschen der Süddeutschen die Tribüne. Es vergeht aber noch eine geraume Zeit, bis sich der Lärm gelegt hat

Die unmittelbare Folge dieses Zwischenfalls ist eine lange Geschaftsordnungsaussprache.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: ] 12. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Auer (München): Mr hätten die Genossin Luxemburg nicht unterbrochen, wenn von irgend einer Seite ein Antrag gestellt worden wäre, daß die Redezeit der Genossin verlängert werden solle (Heiterkeit). Das jjiü aber nicht ordnungsgemäß beschlossen worden.

Einen Parteitagsbeschluß hätten wir re spektiert (Große anhaltende Heiterkeit bei den Norddeutschen). Ja, was die Genossin Luxemburg getan hat, war geschäftsordnungswidrig und wir bestehen daraus, daß nach der Geschäftsordnung gehandelt wird Wir wenden uns gegen die Ungerechtigkeit, gegen bie Bevorzugung eines einzelnen Delegierten. Genossin Luxemburg wdllte nicht etwas, was sie begonnen hatte, vollenden, sondern sie schnitt nach 15 Minuten wieder ein neues Thema an. Darum unser Protest, der nicht der Person, sondern nur der Ungerechtigkeit gegolten hat.

Dr Süß he im (Nürnberg): JH bitte den Genossen Lieb­knecht, diesem Antrag ein Ende zu machen, indem er seinen An­trag zurückzieht.

Ab«. Dr. Liebknecht: Mit Rücksicht auf die Geschäfts­lage des Hauses (Heiterkeit) ziehe ich meinen Antrag zurück.

Damit ist die Geschäftsordnungsaussprache beendet: es wird tu der Aussprache fongefahren.

Sozialdemokratischer Parteitag.

< Magdeburgs 21. September.

3. Tag.

In der Mittwo'ch-Vormittagsidung wurde die Aussprache über den badischen Budgetstreit fortgesetzt. Darauf zieht Genosse Kle­mens seine Unterschrift unter den gestern eingebrachten Antrag, der, um dm Wiederholung hemmender Konflikte zwischen den eiir- zttnen Landtagssraktionen mid der Gesamtpartei zu verhindern einen Ausschuß zum Studium der budgetrechtlichen Verhältnisse des Reiches und der Bundesstaaten einsetzen will, zurück (Zuruf- Angstmeier!). Zugunsten dieses Antrags wird daun eine Reihe früherer Anträge zurückgezogen.

Erster Redner ist heute Panzer (Bayreuth): .Ich bin emer der 6b die in Nürnberg die Erklärung der Süddeutschen mitunterschrieben haben, ich kann aber jetzt nicht zu der lieber» reugung wmmen, daß die badische Budgetbewilligung notwendig Sarx5nJeIe ^°r^5ZeEen in Nordbayern sind allgemein der Ansicht, daß die Badenser

Dankbarkeit zu bezeugen. Denn seit zwanzig Jahren wird Tar ascon von unzähligen Fremden besucht, die nur nach der Apotheke Bszuquets, der Waffenhandlung Costecaldes und der Villa Tar- tarins fragen. Dec Roman Alphonse Daudets ist sozusagen der Fremdenführer in der Stadt geworden, in der der gute König 3ien4 regierte. Man verlangt täglich die Landschaften zu sehen, die er beschrieben hat, und so wurde der Roman eine Einnahmequelle für die Stadt der Tar asqne. Uebrigens sind die Bewohner von Tar ascon durch die vielen Fragen nach dem Denkmal des Dichters, der sie berühmt gemacht, erst auf den Gedanken ge­kommen, ein solches ihm zu setzen.

Die Großstadt als Wärme spe ich ex Daß die Großstädte nicht nur im heißen Sommer der Hundstagsgluteu mit Recht wegen ihrer Backofenhitze verrufen sind, sondQm auch in den übrigen Jahreszeiten mit ihren Temperaturen nicht un­bedeutend über diejenigen der umgebenden Landschwften hinaus- gehen, wird durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt, btt Dr. Albrecht Kircher über diese Frage angestellt hat. Aus Kvan-ig- jährigen die Stadt Wien betreffenben Beobachtungen ergibt sich, daß das Jahresmittel der Temperatur im 1. Bezirke (Wien-Mitte, innerhalb der Ringstraße) um 0,7 Grad Celsius höher isttals das­jenige der Beobachtungsstation auf der Hohen Warte. Wenn dies auch auf den ersten Blick nur gering zu sein scheint, so ist doch zu bedenken, daß die mittlere Lufttemperatur für Wien 10,6 Grad beträgt, daß sich also die Differenz zwischen den inneren und äußeren Bezirken auf 6,6 Prueitt beläuft und die Temperatur­unterschiede zwischen der inneren Stadt und draußen um so größer werden, je mehr sich Hitze und Kälte im allgemeinen den Ex­tremen nahem. Weit größer als in Wien sind die Unterschiede der Temverattir in den Vororten und im Stadtinnem Berlins, der größten Wärmeinsel in Mitteleuropa. Hier erreichen sie schon in den frühen Morgenstunden 2 Grad und darüber, steigen am zeitigen Nachmittag ungewöhnlich heißer Tage auf 45 Grad und erreichen den Höchstbetrag gegen 7 Uhr abeichs. Akhnlichar Erscheinungen begegnet man im Winter, in dem zwar die strahlende Sonnenwärme nur geringfügig ist, dafür aber das Heizen in Hunderttausenden von Oefen einen wärmenden Mantel über daS Häusermeer aus breitet. So zählt man für Berlin nrt Durch­schnitt pro Jahr nur 98 Frosttage, aber 54 heiße Sommertage, während auf die Umgebung 117 Frosttage, aber nur 40 heiße Tage entfallen. Für die Backofenhitze der Großstadt im Sommer ist es auch entscheidend, daß hier die Luft viel trockener unb deshalb weniger erfrischend ist als auf dem Lande, und daß der aus zahllosen Feuerstätten in die Luft mitgerissene Kohlenstaub, wenn nicht heftige Winde wehen,, eine Schutzdecke bildet, die die nächtliche Ausstrahlung gegen den freien Himmelsraum verhindert, durch die selbst in den äquatorialen Wüstengegenden bei Nachti eine erträgliche Temperatur und wohltätige Abkühlung herbei- geführt wird. Für das Innere der Wohnungen ist endlich noch in Betracht zu ziehen, daß eine tagsüber von der Sonne beschienene Zimmerwand bei Nacht reichlich ebensoviel Wärme nach Innen ab­gibt wi§ ein stagck Laster Kachelofen

Dr. Quark (Frankfurt): Die Badenser hatten Zeit, sich mtt dem Parteivorstande in Verbindung zu setzen. Sie mußten den Liberalen sagen: Wir können nicht anders, unsere Wähler wollen es nicht anders. Am allerwenigsten durften sie jetzt das Budget bewilligen in der Zeit des Gottesgnadentums, das wett über Preußen hinaus seine Kreise zieht. Der Redner bittet,

Dr. David (Mainz):

Wir haben die Budgetftage vom sachlichen Standpunkt be­handelt. Die Art aber, wie hier der Genosse Ledebour gesprochen hat, muß jedem die Ueberzeugung beibringen, daß wir ttr dieser Frag» mit derartigen Diskussionen auf den Parteitagen nicht zu einem befriedigenden Abschluß kommen können. Seine Rede hat ge­zeigt, daß. die Frage noch einmal einer leidenschaftslosen Be­handlung in einer Studienkommission unterworfen werben must Sie stellen es so dar, als wenn die preußischen Zustände allein du Konsequenz der kapitalistischen Weltanschauung seien. Das ist nicht richtig. Die Vorgänge in Süddeutschland gereichen den preußische» Genossen in ihrem schweren Kampfe zum Nutzen. Treten Sie unserem Antrag bei, setzen Sie eine Kommission ein, bann wollen wir sehen, ob wir nicht einen Weg finden, der uns aus der gegen­wärtigen Situation herausbringt. Vermeiden Sie einen Weg, der den Stachel noch tiefer eingräbt.

Dröhner (Merfeld): Die Süddeutschen sind in dieser Frage die Provozierenden.

Müller (München): Genosse Bebel verlangte von nn£ ein starkes Rückgrat, wir hätten viel Gemüt, aber wir seien gn wetch. Gemüt ist kein Fehler. Wenn Rosa Luxemburg zu ihrem ansehnlichen Verstände auch noch! Gemüt hätte, wäre sie ein v ollendetes Frauenzimmer. (Mlseitige große Hetter- kett.)

In der Nacbmittagssitzung sprach an erster Stelle Dr. Sieb* knecht (Berlin): In der Bibel wird erzählt, daß einst ernKnabeauszog, um seinesVatersEsel zu suche« es war nicht David und daß er ein Königreich fand. Es wlll mir scheinen, daß man in Süddeutschland auszog, um einen Großherzog zu erobern, und statt dessen werden sie einen Esel finden. (Heiterkeit bei den Norddeutschen.) Gewiß soll die poli- ttsche Situation ausgenutzt werden, unb wenn hier von Heinen Konzessionen gesprochen worden ist, so soll das keine Herabsetzung des Erreichten sein, wir sprechen nur davon, um bas Kleine, das wir erreicht haben, zu messen an der Größe unseres Ziels. Ver­geßt nicht, Ihr süddeutschen Genossen, die Quelle unserer Macht, das sind die Massen draußen im Sanbe, nicht die Parlamente. Wir können nicht mtt der Behaglichkett in den Zukmiftsstaat hineingondeln, wie es die Süddeutschen glauben. Wir brauchen auch keine Studienkommission, wer die Sache jetzt noch nicht ver- 'teht, der wird sie überhaupt nie verstehen. Wir verlangen eine authentische Deklaration des Parteitages.

Dr. Südekum (Berlin): Der Anfang der Ausführungen des Vorredners war ein glän^enber Beweis, daß der Antrag

ruft ihr Genosse Frank (Mannheim) zu: Ihre Zeit ist vorüber.

Dittmapn (Solingen) : Ich stelle fest, daß es der Genossin Luxemburg unmöglich gemacht war, mit einem zusammenfassen­den Schlußsatz ihre Rede zu beenden. Ich konstatiere die Tat- sache der Vergewaltigung. (Lebhafter Beifall bet den Nord­deutschen, stürmischer Widerspruch bei den Süddeutschen.)

Stadthagen (Berlin) beantragt, der Genossin Luxem­burg zur Beendigung ihrer Ausführungen noch zehn Minuten Redezeit zu gewähren. Dr. Liebknecht erftärt darauf - Die Genossin Luxeniburg verzichtet aufs Wort. Der Antrag Stadt­hagen wird daher zurückgezogen, es muß aber für jeden An­trag eine Begründungszeit von 20 Minuten ge­geben werden, und ich bitte eine Entscheidung des Parteitages darüber herbeizuführen.

wandle sich überraschend, so daß es bestricke. Die beiden Kaiser stehen sich auf dem Huldigungsbttde gegenüber und blicken sich fest in die Augen. Kaiser Wilhelm hält in der rechten Hand den Marschallstab und bas Blatt, von dem er die Gratulation eben abgelesen hat. Beide Monarchen sind in scharfem Profil gefaßt und ihr Antlitz ist dem Auaenttick entsprechend sehr ernst. Im Halbkreis, der etwas zurückgeschoben ist, um Rückenansichten zu vermeiden, gruppieren sich die übrigen Fürstlichkeiten: unter ihnen steht der Oberbürgermeister von Hamburg in seiner schwarzen Amtstracht mit der weißen Riesenhalskrause, wahrend alle arideren Uniformen tragen. Die Porträts sind ganz vorzüglich gelungen. Moderne Maler haben höchst selten Gelegenhett, ein Repräsen- tationsbild zu malen. Darum ist es interessant, wie Matsch sein Motiv aufgefaßt hat. Er hat jede Steifheit, jeden zeremoniösen Pomp vermieden und eine intime Wirkung erzielt. Dazu half ihm der Raum, in dem die Szene stattfand, der kleine Marie- Antoinette-Saal im Schönbrunner Schloß, in dem nur ein Gobelin- bttd der unglücklichen Königin mit ihren Kindern sich befindet, ein Kristallüster vom Plafond herabhängt, und unter dem Gobelin ein zierliches Rokokotisckchen mit Sofa steht. Dieser delikate Raum gestattete keinen breit ausladenden Prunk und drängte gleichsam die Menschlichkeit des bedeutenden und bewegenden Momentes zusammen. Auf diese Intimität und den Schimmer der Farben, ber von den Uniformen und Ordensbändern ausgeht, ist die Wir­kung des Gemäldes berechnet.

Das Mstenbild im wiener Rathause.

m. Wien, 19. September.

Der Besuch des Rathauses ist diesmal der festlichste Programm- prmkt vom Aufenthalte Kaiser Wilhelms in Wien. Der Kaiser wird dabei das GemäldeGratulation des deutschen Kaisers und der deutschen Bundesfürsten am 7. Mai 1908 im Schlosse Schön­brunn" besichtigen, für dessen Entstehung er sich besonders inter­essiert hat. Das Bttd ist ein Werk des ausgezeichneten Wiener Malers Franz Matsch und verewigt xene denkwürdige Szene, die sich abspielte, als sämtliche Bundes fürst en auf Anregung des Kaisers Wilhelm nt Wien sich versammelten, um dem greifen Kaiser von Oesterreich zu seinem sechzigjährigen Regierungsjubttäum eine Huldigung bargubringen. Karl Lueger, bamals Bürgermeister von Wien, bat wenige Tage vor der Huldigung Kaiser Franz Joses, den historischen Moment für bas stäbtische Museum malen lassen zu dürfen. Der Kaiser war einverstanden, aber es ergaben sich Schwierigkeiten. Die Szene hatte außer den Fürstlichkeiten selbst keine Zeugen. Der Maler wünschte aber sein Werk so treu als möglich nach ber Wirklichkeit zu schaffen.

Es mußten daher biplomatische Verhandlungen geführt werden, um bie einzelnen Fürsten zu bitten, dem Maler Porträt- sttzungen zu gewähren und ihm Auskünfte zu erteilen. Ohne die Mtthilfe der Dargestellten hätte Franz Matsch sein Bttd niemals malen können. Kaiser Franz Josef war von allen sein eifrigster Mitarbeiter, denn wiederholt schilderte er dem Maler den Ver­lauf der feierlichen Szene, machte ihm genaue Angaben über die Stellungen der Fürsten und teilte ihm manches wertvolle Detail mit, das das Bild erst historisch getreu erscheinen läßt. Auch Kaiser Wilhelm gefiel die Idee des Bildes von allem Anfang an. 3m Frühjahr 1909 saß er dem Maler int Potsdamer Schlosse. Man hatte dem Künstler gesagt, daß der Kaiser keinem Maler eine längere Sitzung gewähre als fünfzehn Minuten. Aber während er sich beeilte, die ihm gewährte Zeit tüchtig auszunützen, verstrick) eine Viertelstunde nach ber anderem Volle fünf Viertel­stunden widmete sich der Kaiser dem Maler. Franz Matsch erzählt allerdings, daß es ihm nicht gerade leicht wurde, feine Skizze 3u entwerfen, denn ber Kaiser plauderte während Der Sitzung w so faszinierender Weise bald über das Bild, bald über Korfu, bald über Probleme der Kunst, daß der Künstler lieber sich in das anregende Gespräch eingelaffen hätte als zu arbeiten. Matsch hat für bie verstorbene Kaiserin Elisabeth ein Bild gemalt, das ßch im Achilleion befindet und Achilles auf einer fahrenden Quadriga darstellt. Der Kaiser bemerkte, daß die Räder des Wagens nicht den Eindruck der Bewegung machen. Matsch er­widerte, er habe das Bild archäologisch aufgefaßt und jia) an me Darstellungen altgriechischer Vasenbilder gehalten, aus denen me rollenden Räder in dieser Weise gemalt sind. Daran knüpfte srch eine Diskussion über bie Darstellung des Beweaungsvorganges M ber bUbenben Kunst. Matsch konnte bennoch eine Skizze voll­enden, die ihm zu einem Porträt diente, das man zu den besten bes Kaisers zählen darf. Des Kaisers Gesicht, sagte ber Künstler, vcache einen strengen und ernsthaften Eindruck, solairge es un- «llvegt sei, aber im Sprechen belebe es sich gani hell ob ver-i

Herlmann (Chemnitz): Zu meinem Bedauern muß ich sagen, daß msyer auch nicht das mindeste gegen die Budgetbewilli- gung gesagt worden ist. Rosa Luxemburg war meine letzte Hoff­nung. Nachdem die Praktiker versagt haben, glaubte ich, daß bie Theoretiker uns klar machen würden, daß hier ein äußerst wichtiges Problem vorliegt. Kein Mensch wird mir einreden, baß die Budgetverweigerung eine Bedeutung hat. Das glaubt Ihnen fein Mensch. Es gibt keinen sozialdemokratischen Reichs­tagsabgeordneten, der nicht schon im Reichstage für das Budget gestimmt hätte (Widerspruch Bebels). Ich glaube, daß auch Genosse Bebel nicht immer darauf geachtet hat, wenn im Reichstage ab­gestimmt wird (Zuruf Bebels: Das ist eine Bel ei di- gung). Für Bebel nehme ich das zurück. Ich kenne aber sehr viele Abgeordnete, die ich während Der Schlußabstimmung über bas Budget habe Briefe schreiben oder hirrausgehen sehen Suchen wir einen Weg zur Einigung ohne Zwang (Beifall bei den Süd­deutschen und auf der Galerie).

Ulrich (Offenbach):

Die Frage ist dadurch kompliziert geworden, daß man auf ben großen Parteitagen zu sehr auf die einzelnen Landesangv' eiIroLt2ir^m versucht. Wir müssen den wechselnden Verhaltmssen Rechnung tragen, soweit wir es verantworten ® 1Yar ^br die Begründung der Badenser erstaunt, Kern der Sache nicht ttafen. Wir Dürfen aber keinen bie eigenen Reihen trägt (Wider- Norddeutschen). Ich bestreite dem Genossen Stadt- mcht das Recht, einen solchen Antrag auszuhecken, aber wir bDrflc¥tig fein, vorsichtig mit uns selbst. Wir müsse« eine Resolutwn zu finden suchen, die die F r e i h e i t i n E i n z e l - des Gesamtrahmens der Partei gewährleiste

Nach Klara Zetkin (Stuttgart) spricht

Qu essel (Darmstadt): Es handelt sich bei der Budget- dewilligung Nicht um eine Prinzipienfrage. Der Parteitag hat früher selbst Ausnahmen von der allgemeinen Regel gemacht Die yrage muß von einer höheren Warte aus behandelt werden, als es bisher geschehen ist. Die Parteigelwssen, die glauben, jetzt schon alles zu wissen, befinden sich im Unrecht. Was wissen Sie in Norddeutschland von den schwierigen 83er- ha lt Nissen bei uns in Hessen. Sie können nicht auf etotge Zetten sich auf eine Resolution festlegen. Der Genosse Bebels unterschätzt die gewaltige Wirksamkeit seiner Lebensarbeit. Wir find mit kleinen Konzessionen nicht zufrieden. Die Sozia- lckl-erung marschiert, wir wachsen in den Zukunftsstaat hinein.

Abg. Ledebour (Berlin) wendet sich Dann gegen die Ba- denser. Ihnen fehlt es an proletarischem Selbstgefühl (andauernde Zusttmmung der Norddeutschen). Es ist nätig, auch unsere Amen­dements anzunehmen.

n. Mainzer Stadtthetrter. Gestern abend fttnt GoethesIphigenie auf Dauris" auf der Jnterinrsbühne zur Aufführung und übte eine nachhaltige Wirkung aus. Die strenge Form der kulissenlosen Seiten paßte gut zu den edlen Formen des köstlichen Dramas. Unter Willy Löhrs Leitung wurde dem Stücke zu einem schönen (Erfolge ver­halfen. Die Aufführung wurde allerdings durch das doch wohlunzeitgemäße" Proben zu einer Operette im Rundsaale etwas gestört. Fräulein Josephine Bvlteny bot eine treffliche Leistung, bei der allerdings etwas mehr Gefühl zutage treten dürste. Ihr stand Willy Löhr als Oreft würdig zur Seite; er wußte in kraftvollen Zügen die Empfindungen des unstäten, geeinigten Muttermörders zu zeichnen und lebenswarm «iederzugeben Auch die übrigen bemühten sich redlich uSt den Verfolg des Abends, der denn auch nicht ausblieb.

Eine Aussöhnung über das Grab hinaus. Die gute Stadt Tar ascon wahrte bekanntlich Alphonso Daudet gegenüber für seinen unsterblichenTartarin" einen heiligen Groll. Sie glaubte sich durch diesen prächtigen Dtünchhausen des Südens vor der ganzen Welt lächerlich gewacht. Nunmel;r find aber die braven Bürger von Tar ascon sich darüber klar geworden, daß sie durch denSarlann* gerade Wellruhm erlangt haben. Und deshalb haben sie sich jetzt mit dem Schriitsteller, über den sich nun schon seit Jahren leider zu früh die Erde geschloffen hat, endgültig ausgesöhltt. Sie wollen ihm jetzt ein Denkmal setzen, uw ihre

luieberum. einen dummen Streich gemacht .haben. Sie sind zu weit gegangen und haben ohne jeden halt­baren Gr imd dem Budget zugchimmt, und dadurch die Partei in eine schwierige Lage gebracht. Ich sehe mich gezwungen, dem Anträge des Parteworstandes und dem Zusatzantrage der Nord­deutschen zuzustimmen. (Lachen bei den Süddeutschen, Beifall bet den Norddeutschen.)

saurer, (München): Bebel hat sich gestern bei feinen Ausführungen in wohltuendem Gegensatz befunden zu den mittel­alterlichen Ketzerverfolgungen anderer Genossen. Bei aller Ver­ehrung, die ich persönlich für den Genossen Bebel habe, muß ich jedoch sagen, von Disziplinbruch der Badener war keine Rede Ich weiß emen Parteitag, und ich weiß Versammlungen in Ber­lin, wo gesprochen wurde von dem Erheben der Fahne der Re- bellion, wenn nicht so beschlossen wird, wie es den Ansichten des Genos-en Bebel entspricht. (Lebhaftes: Hört! Hört! bei den Süddeutschen.) Wenn man im Glashause sitzt, soll man nicht mtt Steinen werfen, und der Kladderadatsch ist heute noch nicht ein getreten (lebhafte Beifallrufe bei den Süd­deutschen, Lachen bei den Norddeutschen). Im Jahre 1893 hat man ui Köln den Gewerkschaften die Existenzberech- tigning abgesprochen (hört hört bei den Süddeutschen, Widerspruch bet der Mehrheit). Ja, Sie scheinen die Partei­protokolle gar nicht zu kennen: lesen Sie sie nach, dann werden eie das finden. Heute haben wir machtvolle über 2 Millionen zahlende Gewerkschaften; früher sprach man davon, daß die Ar­beitslosenversicherung zur Versumpfung führen wird und heute ist es ein bewährtes Kampfmtttel. Da gilt es doch zu fragen, ob eine Taktik für alle Zetten die gleiche bleiben muß. Die Frage muß ich mtt Nein beantworten. Wer von Ihnen in Norddeutsch- land weiß wie das bayerische Budget aussieht? Ich frage den öenaffen Bebel: Wie sollen unsere Genossen im bayerischen Laudrate stimmen, der für Erziehung und Bildung allein 6 Millionen j ä h r l i ch a u s g i b t. Ich frage den Genossen Bebel weiter: Ist es nicht ein Verfassungsbruch, ein Ausnahmegesetz, wenn der Zusatzantrag angenommen wird; dieser verstößt gegen unsere Statuten und bedeutet ein Ausnahmegesetz. (Lebhafter anhaltender Widerspruch.)

R o saLuxemburg: Wir müssen in der Frage der Budget­bewilligung eiidlich einmal llar sehen. Die Süddeutschen haben rein Argument für die Notwendigkeit der Bewilligung vorgebracht. Was haben sie denn schließlich errungen, Lappalien nichts weiter (lebhafter Widerspruch bei den Süddeutschen). Ein Paradestück der badischen. Erfolge war schließlich das badische Schulgesetz, womit doch nicht viel Staat zu machen ist.

Die Rednerin spricht etwa eine Viertelstunde lang verhältnis­mäßig ruhig und sachlich gegen die Budgetbewilligung. Als sie beretts eine Viertelstunde gesprochen hatte, wird die Unruhe bei den Süddeutschen immer größer. Der Vorsitzende hat ihr schon wie­derholt abgellingelt. Da schickt sie sich noch an, einen Antrag ihres Wahlkreises zu begründen. Sie wird jetzt fortwährend stürmisch unterbrochen und kann minutenlang sich nicht mehr verständlich machen. Als sie immer wieder versucht, zu reben, 0Vi,vl|U, 3ltjyt ^CL UVCVIUS1, vlLLC4.

toü) die Worte: Genossen und Genossinnen! in den Saal schreit, i nur den ersten Satz der Entschließung des Vorstandes anzunchmen'

Zweites Stott * 160. Jahrgang Donnerstag 583. September 1010

H W AA Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen

ölvnCIWr altUIOCt

General-Anzeiger für Gberhesfen