Ausgabe 
20.5.1910 Zweites Blatt
 
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160. Jahrgang

Zweites Blatt

Cd<6etnl »glich mit Ausnahme deS Sonntags.

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Die ^Oletzever ZamMenblätter" roerben dem .Anzeiger' viermal wöchentUch beigelegt, ba5 ^CreisMeti für den Kreis Ketzen" zweimal wöchentlich. Die .^<md-irtichaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

^Fes: bigshöhe <0 3 llhr, veranstalttl ntentia.

Stunden zurückgelegt werden können, während die gegenwärtige Postfahrt durch das in der Luftlinie kürzere Bergcll von St. Moritz über die Maloja, Bicosoprano, ChiavennaComersee sieben bis, acht Stunden und in umgekehrter Richtung zehn Stunden betragt. Auch die Preise der Vfahrt werden bei bedeutend größerer haglichkeit zumal für Hin- und Rückfahrt, sich um etwa 10 bis 15 Franks niedriger stellen. Geplant ist ferner der Bau einer Anschlußbahn von Tirana über oder durch das Stilfser Joch nach der österreichischen Grenze bei Mals, wo die Bahn nach Meran und Bozen weiterführt, und über Standers und Martins- bruck wiederum Anschluß nach dem Unterengadin hätte, dessen Bahnstrecke SamadenZernetzTarasp gegenwärtig im Ban ist.

Modernster Parlamentarismus im dun­kelsten Afrika. In der ethnographischen Abteilung des Bri- ttschcn Museums in'London hat E. Torday eine reichhaltige Samm­lung von Handwerksgerät und von primitiven Kunstwerken aust- gestellt, die der Gelehrte von seiner Forschungsreis' durch das mittlere Kongogebiet mit heimgebrackst hat. Ter Forscher hat die Ausstellung mit einigen interessanten Bemerkungen begleitet: während seiner «Fahrt Hurch den dunklen Weltteil war er eine Zeit lang ^>er Gast des Buschongostammes im Herzen des Kongv- ge!oiekes. Ties merkürdige Volk, das den fremden Reisenden mit der größten Gastlichkeit aufnahm, zeigt eine überraschend hohe Zivilisation. Ter Staat wird parlamentarisch regiert. ^,Sie haben ein regelrechtes Zweikammersystem: eine Art Herren­haus, das sich aus sechs Männern und zwei Frauen Knig-- lichen Geblütes zusammensetzt, und ein Abgeordnetenhaus, dem 120 Männer und 2 0 Frauen angehören. Wenn der Stamm in den Krieg ziehen will, ist dazu die Zustimmung einer der Frauen des Herrenhauses notwendig. Tie Zustimmung ist erteilt, wenn eine der Frauen des Herrenhauses eine um ihren Hals geschlungene Bogensehne vom Nacken löst und sie dem General übergibt Feder Mann bei den Buschongos besitzt nur eine Frau und sie ist keineswegs seine Sklavin. Seine Pflicht ist es, zu jagen, die ihre, daheim die Nahrung zu bereiten: wenn einer der beiden Gatten seine Pslichten vernachlässigt, so gilt ber Cheverttag als gebrochen und der benachteiligte Gatte ist irn Ihne Bildsäule des Nationalhelden dieses Volkes, des großen Häuptlings Shamba, habe id; im Museum ausgestellt. Zct Herrscher lebte um 1600, er gilt in dem Volke noch heute als ein Weiser und viele seiner Ausspruch' gehen von Münd zu Mund und sind im Volle zu Sprichwörtern geworden."

Freitag 20. Mai IN

Rotationsdruck mib Verlag der Brühlfchen UniversuälS - Buch- und Steinbruderei.

R. Lange, Hießen.

ZrauenbeGegung.

Berlin, 19. Mai. Heute mittag wurde hier die vierte Weltkonferenz der Iungfrauenvereine in Gegen­wart der Kaiserin durch Frau Kultusminister v. Trott zu Solz

Mutig

Redaktion, Expedition und 2)ruderet: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L <Rebaftion:e^ll2. Tel.-AdruAnzelgerGießen.

jede Art von Hexerei so (hier ist im Briefe ein Hand in .deck Form, die dem bösen Blick begegnet, gezeichnet) zu seien und zu verwahren."

Sine einzigartige Illustration und Bestätigung des Wcr- glaubcns der hochbegabten Frau liegt in einem broschierten Bändchen vor mir, das die dritte Auflage ihrer vor fainn andert­halb Fahren erschienenen ,.Nuove liriche" enthält und mit ihrem charakteristischen Bildnis geschmückt ist. Sie sandte mir mit einigen geist und gemütvollen Zeilen in ihrer zierlichen, feiten Handschrift die von derNuova Antologia" herausgegebenen Ge­dichte zu, damit sie durch mich imLiterarischen Echo" zur Be foredrung kommen sollten. Bei der Einordnung rn meine Bücherei fiel mir auf, daß auf dem Umschläge vor dem Kopfvermer? Biblioteea della Nuova Antologia" die laufende Nummer fehlte. Nähere Betrachtung ergab, daß sie ausradiert und durch zwei Sternchen ersetzt war. Emanuele Sella löst jetzt auch dieses Rätsel. DieNuove liriche" bildeten Öen 17. (!) Band der er wähnten Bibliothek, was die Dichterin erst wahrnahm, als die Umschläge gedruckt waren. Sie war nicht zu bewegen, ihr Werk mit der Unglückszahl in die Welt gehen zu lassen, imö die Ziffern mußten auf allen Exemplaren getilgt werden. Fetztest sie am siebenten Tage des fünften Nionats 1910 dahingerasft worden, und ihr Gatte tst ihr am 8. freiwillig gefolgt. Tie Zahl Siebzehn bat nichts damit zu schassen nicht einmal als Hausnummer oder Tageszahl der Krankheitsdauer, wie einige Anti-Kabbalisten hervorzuheben nicht unterlassen.

Wilbclmstrai>c 45.

Ms

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Kderhejsen

feierlich eröffnet. Auf der Konferenz find 22 Land« mit 350 Delegierten vertreten. Tie Kaiserin wurde von dem Voniyenüen der Fungfrauenvereine Deutschlands, Burkhardt, cmjxiangtn, itß ließ sich eine Anzahl Mitglieder des Weltbundvotttandes vor- stellen Staatssekretär Tr. Delbrück begrüßte die Versammlung im Auftrage des Reicktskanzlers und namens der Reichsregrerung. Ministerialdirektor von Ebappuis hieß die Teilnehmer namens des Kultusministers und der königlich-preußischen staatsregie- rung willkommen. Sodann nahm die^Versammlnng die Berichte des 'Weltbundvorstandes entgegen. Schon vorher hatte Jber* tofprediger Dryander die Grütze und Wünsche des evangelnch- kirchlichen Ausschusses und des evangelischen Oberkirchenrates überbracht. ________________________________ ___________

Der Hungener Zchulhaur Neubau.

r. Hu ngen, 19. Mar.

Ar s Heften.

lDarmstadt, 19. Mai_ Der Fiavan^ausschuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich heute m Abwesenheit der Regierung noch einmal mit der Frage der Gewerbesteuer in der Regierungsvorlage über die (fkmtinbtumlagen» reform Es wurde besonders das Schreiben des Ministeriums vom 31. Dezember 1909 besprochen, in welchem die Regierung zu den Besck lussen der Handelskammern Stellung genommen hatte. Fn diesem 3d reiben erklärt das Ministerium, es verkenne nicht, daß nach dem 7 arif des Enttvurss bet Berechnung der Gewerbe­steuer sich Beträge ergeben würden, die die Gewerbesteuer als eine progressive Ertragssteuer erscheinen ließen. Tie Regierung habe deshalb, wenn man den allzu stark erböhenben Einfluß des Ertrages beseitigen wolle, eine andere Skala in Aussicht ge­nommen Diese veränderte Skala wurde sich wie folgt stellen: Berechnet sich der Ertrag des Gewerbebetriebs im abgelaufenen Geschäslsjah- am" mehr als 5 Proz. des ranben Wertes, jo ist bei einem Mehrerttag von weniger als 500 Mark dos einfache des Meinertrages, bei einem Zuschlag von 5001000 Mk. das zwei fach,' des Mehrertrages, bei 10001500 Mk. das dreifache, bet 15002000 Mk. das vierfache, bei 20002500 Mk. das fünf- fadx-, bei 2500-3000 Mk. das sechsfache, bei 30004000 Mk bas siebenfache, bei 4000 6000 Mk. das achtfache, bet 6000 bis 10 000 Mk. das neunfache und bei mehr als 10 000 Mk. das zehnfache des Mehrertrages zu nehmen. Durch diese Skala würde erreicht werden, daß die großen triebe weniger stark mehr­belastet in erben als nach dem R--giemngsentwurf, aber stärker mehrbelastet als nach dem Vorschlag der Handelskammern. Die Betriebe mit Mehrertragnissen bis zu 3000 Mk. würden gegen­über dem Regierungsentwurf ebenfalls noch etwas entlastet werden, lieber diesen Regierungsentwurf wurde heute im Ausschuß ein gebend gesprochen und es konnte festqestellt werden, daß eine ge­wisse Geneigtheit im Ausschuß vorhanden ist, diesen neuen Sätzen zuzustimmen Abg Molthan wünschte deshalb auch gleich die Vornahme der Abstimmung, während die Abag Tr. Osann und Re i n h a r ' die Abstimmung bis zum nächsten Dienstag ver­tagt wissen wollttn, da den Mitgliedern des Ausschußes doch Gelegenheit zu genauerer Nachprüfung der jetzt er ft von der Regierung gegebenen Zahlen geboten werden müsse. Bet der großen Dichtigkeit dieses ganzen Tarifs sei doch eine gründliche ErwäMNg und erneute Prüfung der von den Handelskammern gemachten Einwendungen dringend erforderlich. Der Ausschuß entschied sich tn letzterem Sinne und wird am nächsten Dienstag über die neue Skala die Entscheidung treffen.

Kongreß der evang. Arbeitervereine Deutschlands.

Ä- Elberfeld, 19. Mai.

Unter zahlreicher Beteiligung von 9lbgeordneten aus ganz Deutschland trat hier der Gesamtverband der evangelischen Ai iNnterDfreine Deutschlands in der Stadthalle zu seiner diesjährigen Tagung zusammen. Nach den üblichen Begrüßungsansprachen ging di? Versammlung an die Beratung des Hauptthemas:Wie TiimTcn mir die Handarbeiten de Fugend unseres Volkes für Christentum und Vaterland retten?" lieber das Thema waren ;m-1 Vorträge bestellt. P. Prelle (Hannover, behandelte das 3hema nad- folgenden Grundgedanken. Nach ihren Grundsätzen und Bestrebungen können die evangelischen Arbeiterverei-ne in her vorra sn'ndeni Maße an der sittlichen und sozialen Erneuerung unseres ivutidttn Volkslebens Mitarbeiten. Sie haben darum muh die Pflicht, für ihre Bestrebungen die handarbeitende Fugend unseres Volles zu gewinnen, sie für Christentum und Vaterland zu retten Die evangelischen Arbeitervereine müssen getreu ihrem WahlfpruchTut Ehre ledermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrit den König" Fugendarbeit treiben und Gottesfurcht, VaterlandsOe'u und Bruderliebe in die Herzen der Fugend pflanzen Wo keine Jugendvereine vorhanden sind und sich nicht antcarn lassen, haben die evangelischen Arbeitervereine eigene. Fugcndobtt'lungen sich anzugliedern Fn den Jünglinsvereinen und christlichen Vereinen Junger Manner und ähnlichen Ver­einigungen wird Fugendarbeit getrieben, bei der vor allem Nach druck auf religiös sittliche Bewahrung und Erhaltung der natio-- nalen Gesinnung gelegt wird. Taher müssen die evangelischen Arbeitervereine don, wo solche Bereinigungen bestehen, zunächst auf die Gründung von eigenen Fugendvereinen verzichten und mit den bestellenden Organisationen ein Arbeitsverhättnis herzustellen fcidicu. Es tnnn sich für btc evangelischen Arbeitervereine nur " rum haiideln, auf dem Boden ihrer Grundsätze Fugendarbeit u treiben. Ein volles Zusammengehen ist darum nur mit den "Steinigungen möglich, die im letzten Grunde als Ziel ihrer fn . - >.cn .irbeir die Entfaltung der welterneuernden Kräfte des 'V-angelischen Christentums m dem gesellschaftlichen und wirt- schafiiichen Leben der Gegenwart erblicken. Mtt anderen, z. B. nur national gerichteten Jugendbewegungen kann ein Zusammen-

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Nachdem der Einspruch eines Teils des OfemeinderatS gegen den Beschluß, das Schullsttus mit einem Kostemrufwano von 100 000 Mark in der Pfannwicse zu erbauen, durch ver­schiedene Instanzen, zuletzt beim Provinzialausschuß, ab­gewiesen worden ist, soll nunmehr zur Verwirklichungi bg Projekts geschritten werden, um den Bau noch dieses Jahr unter Dach zu bringen. Vor etwa l1 Jahren erschien int Gießener Anzeiger ein größerer Artikel eines ausivärtigen Korrespondenten, der sich mit der Platz frage in längerer Begründung befürwortend für diePfanne" beschäftigte, es fei darum nun auch der anderen Partei vergönnt, ihre Ansicht vor der Oesfentlichkeit zu rechtfertigen. Daß der gewählte Platz geeignet zu machen ist, ein -schulhaus darauf Mi stellen (obwohl man sich bei der Zumessung gelegentlich ber FeÜtbereinigung um ein großes Ende vertan und eine bereits neu angelegte Straße vielleicht wieder verlegen muß), soll hier nicht bestritten werden. Mit erheblichen Unter­grundbetonierungen und sonstigem Kostenaufwand wird man das Ziel den Anforderungen der Hygiene entsprechend er­reichen, soweit der Bau selbst in Betracht kommt. Wenn ich aber den Vortrag des Herrn Kreisassistenzarztes Dr. Langermann auf der Grünberger Bürgermeisterversamm-- lung am 30. April nachlese, so hieße es ein Selbstmord ge- sunder Ansicht, wenn ich dem Platz in der Pfanne zu- I tun men wollte. Ich will nicht die Behauptung aufstellen, oder es scheint fast so, als habe Herr Dr. Langermann den Hungener Fall speziell in seinem Vortrage tm Äuge ge­habt, um vor der Ausführung des Baues an dem gewählten Platz zu warnen. Denn die ungünstigen Verhältnisse, von denen in dem Vortrage die Rede ist, treffen auf Hungen vielfach wörtlich zu. Ein Platz, auf dem und fn dessen nächster Umgebung infolge seiner tiefen Lage bisher nichts anderes als Unrat und die Pfuhle und Abwässer der Stadt zuhause waren, auf dem ständig Wasser bzw. Grundwasser vorhanden ist, muß jetzt zum Bauen geeignet gemacht werden. Wenn diese Notwendigkeit nicht zu umgehen wäre durch Beanspruchung eines vorhandenen geeigneten Platzes, müßte man eben das Unliebsame des gewählten Platzes in Kauf nehmen. Es ist aber gutes Gelände da, auch das fürstliche Haus hat sich erboten, durch Eintausch geeignetes Land her- zugeben. Warum dies Angebot nicht angenommen wurde, darüber weiß ich nichts anzugeben Daß zur Zeil des Be­schlusses Über die Platzfrage die Mitglieder des Stadtvorstan­des, die für den gewählten Platz waren, in diesem Stadtteil, wohnen, bzw. Geschäfte betreiben, wird als nicht zur Sache gehörig betrachtet, dabei soll die Ansicht der Unterstädter Einwohner,man solle der Altstadt nicht alles nehmen", gar nicht widerlegt werden, aber ich vermag gar nicht ein­zusehen, was etwa eine Schule für Beziehungen zum .Ge­schäftsleben hat. Zum mindesten sind diese ganz verschwin­dend gering und werden an einem Ort rote Hungen auf jeden Fall nach der individuellen Ansicht erledigt, so daß also die Lage des Schulhauses gar keine Bewandtnis zum Geschäft hat. Die andere Ansicht wegen räumlicher Ent­fernung, wie sie angegeben wird, ist für Hungen nicht durch­zuhalten, da auch die Entfemungsverhältnisse keine Rolle spielen. Lediglich in Betracht zu ziehen ist bei einem der­artigen Bau die Kostenfrage und die erreichte Zweckmäßigkeit hinsichtlich den Anforderungen der Hygiene, als überhaupt alles dessen, was man mit einem solchen Baue erreichen will. Ich glaube, daß die Ablehnung der Reklamation vor

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T i f Berninabahn. Spätestens am 1. Juli soll das letzte Teilstück der Berninabahn eröffnet werden. Schon seit einem Fahre fährt diese elektrische Schmalspurbahn neuester Bauart von St. Morin im Engadin 1800 Meter« bis zum Berninahospiz <2256 Meter . Ebenso ist das Teilstück Voschiavo 1034 Meter) bis Tirana i429 Meter, im Betrieb. Es fehlt nur noch das schwie­rigste etüd der Linie BerninabospizPoschiavo mit feinen vielen Windungen und Kehrtturnels, das in diesen Wochen seiner Vol­lendung entgegengeht. 59,6 Kilometer dieser hochinteressanten Gebirgsbahn liegen auf schweizerischem, 1 Kilometer auf ttalie nischem Gebiet. Damit wäre nun der unmittelbare Anschluß von dem Engadin, von St. Moritz und Pontrefina, .aber auch von Davos nach dem Comersee geschaffen, den die italienischen StoatsbaHnen als Fortsetzung der Berninabcchn tu Coluw er­reichen. Die Strecke St. Moritz Coli.ro wurde dann in fünf

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Line Tragödie der Aderglaubenr.

.Rs. Rom, im Mai.

Der Zahlenabcrglaube spielt in Italien auch unter den ,,ge bildeten Klaffen, \a man dars sagen, bei vielen Hochgebildeten! eine anderswo kaum begreifliche Rolle. Zahlenmäßig^ nachzu- toelfen würde dies durch eine Statistik der Lotto-Einsätze Ktn, die sich allemal bedeutend erhöhen, und zwar durch Beteiligung aller Bevölkerungsschichten, wenn ein seltsames Ereignis sich an der Hand ders m o r f i a", des Traumbuches, in eine Zahlen­gruppe umdeuten läßt.

Zweifellos hat der dramatische freiwillige Tod des begabten Publnuien und Staatsmannes Guido Vomviti neben der Leiche seiner plötzlich verstorbenen heißgeliebten Gattin, der Tichterin Vittoria Aganoor, im ganzen Lande zahllose Spekulationen aut Lotteriegewinne zur Folge gehabt. Befremdender als diese nach gerade nicht mehr auffailendc Tatsache ist die Enthüllung, daß die hochgebildete Dichterin selber von einem seltsamen Aber glauben beherrscht wurde. Ein Freund Pomviljs, der Akademie- pieiesfor Emanuele Sella in Perugia, teilt einen Brief mit, den sie an ihn richtete, nachdem beide ein Gespräch über den verhängnisvollen Einfluß der Zahl 17 geführt hatten, von dem beide zahlreiche Beweise besitzen wollten. Sella machte ihr darüber schriftliche Angaben, die er mit dem scherzhaften Rate schloß, am nächsten Samstag im Lotteriebureau die Kraft der Zahl mittels eines unfehlbaren ,,t emo secc o" zu erproben. Vittoria A g a - nopr antwortete wie folgt:. . . Sie müssen wissen, daß ich nach aufmerksamster Turchlesung Ihrer äußerst klaren Darlegung unverzüglich die entscheidende Probe angestellt habe. Ich habe aut die bewußte Terne setzen lassen, lann Ihnen aber nicht ver­hehlen, daß sie in keinem einzigen Lottorade der Monarchie her- ausgekomnien ist! Das heißt also: Tie 17 hat nichts zu sagen - und dies wollen mir hoffen, denn sonst wäre es schlimmer. Sie selber, der Sie so viel darauf geben, ge­liehen doch ein, daß am 17. in Ihrer Familie allerlei Unglücks­fälle: Feuersbrünste, Todesfälle u. o. vorgekommen sind. Tas 8 (Anfangsbuchstabe des Namens Sella > ist glücklicherweise nicht der 17., sondern der 18. Buchstabe des Alphabets, da wir doch das j mitrethnen müssenVittoria" hat acht Buchstaben, was ausgezeichnet ist,Dtttoria Aganoor" 15,Vittoria Aganoor- Pomvitt" 22 Somit können wir guter Hoffnung fein und uns bet Kobaltftik ent schlagen: doch unterlassen wir nicht, uns gegen

gehen nur ber einzelnen besonderen, im gemeinsamen JntLresfe i liegender. Veranstaltungen liegen. ,

Ter Gegenberichterstatter Stadtverordneter Wanenhausvor- steher Sott Erfurt meinte, l et der bestehe eine ungemein große i Zersplitterung in den Veranstaltungen, welche jenes Uebel be- ' kämpfen sollen Daher schlägt der Redner die Errichtung eines Jugendfürsorgeamtes vor, das zuerst im März 1910 in vollem Umfange in Magdeburg eingerichtet worden ist. Fede größere Gemeinde soll ihr Fugendrürsorgeamt erhalten, .ter Leiter muß eine pädagogische Vorbildung haben und zugleich Familienvater sein, um an eigenen Kindern sein -Studium machen zu tannen. Das Amt untersteht dem Magistrat, auf keinen Fall ber Armendirektion. Es arbeitet mit bezahlten Kräften, eine nebenamtliche Tätigkeit ist ganz ausgeschlossen. Wenn irgend möglich, -ollen die Leiter der Aemter ans den Gemeinden, tn welchen sie arbeiten, entsprossen und eng mit dem Volke ver­wachsen sein. Dem taktischen Geschick des Leiters wird es bald gelingen, sich mit einem Stabe von Hilfskräften zu umgeben zur Kleinarbeit. Tas Fürsorgeamt muß das Binde- und Zwstchen- glied zwischen Belchrde und freiwilliger Liebestatigkett werden und alle Beteiligten zu einem organischen Ganzen vereinen.

Die beiden Vorttäge wurden mtt lebhaftem Beifall anfge- tumtmen. Sie werden in der Nachmittagssitzung eme Besprechung erfahren._______________ '

Evangelisch-Sozialer Kongreß.

2$. Chemnitz, 19. Mrri.

In ber heutigen dritten und letzten Hauptversammlung des Evangelisch-Sozialen Kongresses erstattete zunächst der vaupt- geschäftsführer Pfarrer Lie. S ch n e e m e l ch e r (Rutnmelsburg- den F a h r e s b e r i ch t. Besonders sei die Wirkung des Drews- Ichen Vorttages überKirche und Arbeiterstand" sehr nachhaltig gewesen und habe dem Kongreß zahlreiche neue Mitglieder zu- geführt Ter Mitgliederbestand sei sett der letzten Tagung um 280 gewachsen und belaufe sich jetzt auf 1607, darunter befanden sich 'Au(f) viele Korporationen. Auch die Kassenverhältnifse feien ÖU1%cn letzten Vortrag hielt Frl. Dr. Marie Baum lDüssel- dort' über das Thema ..Fabrikarbett und Frauenleben", ^ic führte aus: Leider zeigt die genaue Analyse, daß die industrielle Arbeiterin sich die aus der veränderten Lage erwachsenden Vor­teile nur ausnahmsweise voll zu eigen gemacht hat, während die Nachteile oft bis zur Grenze des Ertragbaren auf chr ge­lastet haben. Vielleicht besitzt die Frau zu wenig nach auRcn gerichtete Stoßkraft und Elastizität, so daß ihre Perfonlichkeit leicht in Gefahr gerät, erdrückt zu werden. Außerdem aber er­klären sich die Tatsachen zum größten Teil aus der doppel- iteUung der Frau zu Beruf und Ehe. Die Art und Weife, wie das junge schulentlassene Kind ohne jede Berücksichtigung 1 einer seelischen und geistigen Entwickelung lediglich als ein Instrument zum Geldverdienen behandelt und gewertet wird, trägt die bittersten Früchte nicht nur für ihr Berufsleben, sondern, was mindestens ebenio bedeutungsvoll ist, auch für ihre spätere Stellung tm Hause als Mutter, als Erzieherin, als Gattin. Da nun einmal, in unerbittlicher Konsequenz wirtschaftlicher Zusammenhänge, die Frau dem außerhäuslichen Erwerbsleben zugesührt und in steigen­der Zahl auch nach der Ehe darin behalten wird, kann man ver­nünftigerweise nur eines verlangen: gründliche Schulung der Mädchen erstens für ihren Beruf und zweitens für ihre haus­mütterlichen Pflichten: sodann erweiterten Schutz für die ar­beitende Frau und Mutter, deren Belastung heutzutage Menschen- Träftc übersteigt und für die Persönlichkeitsbildung, für verfeinerte erzieherische Arbeit keinen Raum, feine Zeit, keine Kraft übrig läßt. Die weitere Bernachläsfigung dieser Probleme muß zum schwersten Schaden des gesamten Volkswohls führen.

In der sich anschließenden sehr lebhaften Aussprache warf Pfarrer Lie. Traub (Dortmunds die Frage auf, ob wir nicht in irgend einer Weise auch für die weibliche Jugend Arbeits­begeisterung erwecken könnten Wir finden dazu keinen anderen Weg als durch einen starken Schnitt durch unsere bisherige Volkserziehung. Auch das Kind des Volkes müßte bis zum 18. Lebensjahre die Schule regelmäßig besuchen. Innerhalb des maschinellen Betriebes selbst habe ich die Empfindung, daß das Kapital viel mehr Maschinen aufstellen könnte, um die geisttötende mechanische Arbeit ausruschalten. Reichstagsabgeordneter N a u- ntann forderte, die Frau der Jetztzeit solle sich kräftig wehren und dafür sorgen, daß sie zu den gelernten Arbeiten in allen Qualitäten hinzugezogen werde. Das werde sie aber nur er­reichen, wenn sie stärker belehrt würde.