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Nr. »0 Erstes Blatt 160. Jahrgang Dienstag IS. Aprll 1010
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ilic die Redaktion 112, _ w e * < ** politischen Teil: August
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die Tagesnummer Hofationsörud und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch und Sleindruckerei R. Lange. Reöaftion, Lrpedltion und Druckerei: rchulstrahe 7. !^zeigemeä? H."Äck.
bi3 vormittags 9 Uhr. ’ _____________ J________________
Die heutige Nummer umfofet 10 Seiten.
Ernste Ereignisse im äuherften Osten?
2Iuy China lommen wieder einmal ernste Nachrichten, die sich in ihren folgen nod) gar nicht überblicken lassen. In bcr .yaiLptftaiit bcr Provinz Hunan, Tschangscha, haben bic Eingeborenen bic fremdländischen Missionsgobäude angegriffen, dann aber auch den Palast des chinesisckfen &ou- Dcrneur-3, in den sich die Missionare geflüchtet halten, niedergebrannt und des weiteren alle den Ausländern gehörigen Gebäude, ja sogar das japanische Konsulat, zer stört', wobei 6000 und Aivar europäisch geschulte chinesische Soldaten zu den Aufrührern übergingen Für den Augen blick ist aus den Dorliegenben Meldungen nicht ersichtlich, ob sich diese in erster Linie fremdenieindliche Bewegung auf Tschangscha beschränkt, oder ob sie nicht schon die ganze, 23 Milttonen Einwohner zählende Provinz £unart ergriffen bat. Daß aber diese Gefahr jedenfalls besteht, geht daraus hervor, daß England, Frankreich unb Japan bereits Kriegschiffe nach Hantau abgeordnel haben und der Befehl ergangen ist, nickst nur Tschangscha selbst, sondern auch die 'Missioiisstationcn der ganzen Provinz .Hunan zu räumen.
Von Gegenmas;regeln Chinas dagegen Der lautet nur, dafz ber Vizekömg von Hupek ganze 2000 Mann Soldaten ab gesandt habe, sich im übrigen aber die chinesischen Beamten außerstande erklären, die Fremden in Hunan an ihrem Leben und Eigentum zu schützen. So ist die jetzige Lage also derjenigen vor den Box'erunruhen höchst ähnlich. Tie chinesischen (ringeboreneu erheben sich gegen die in China durch Verträge zugelassenen Fremden und suchen sich zum Objekt ihrer Angriffe die europäischen Nissionsanstalken aus, die ihnen aus religiösen, nationalen und teilweise aum wirtschaftlichen Gründen verhaßt sind. Aber über diese M issionsanstatten hinaus richtet sick) oer jetzige Aufstand in der Provinz .Hunan auch gegen die fremden Niederlassungen unb Zollämter unter der schon lange im China von Ohr zu Ohr lausenden und von zahlreichen Geheimgesellschasten als Programm ausgestellten oarole: China den Chinesen. Er wendet sich aber gleichzeitig auch indirekt gegen die chinesische Regierung, bic diese fremden Missionare ins Land ließ und China dem .'-anbei und Einfluß ber europäischen Kulturmächte öffnete.
Eine solche Erhebung toärc nun, zumal wenn sie auf eine einzelne Provinz beschränkt bliebe, nicht weiter gefährlich. Aber das ist es ja gerade, lvas schon die Boxer- nnrnhen so bedenklich machte, daß die chinesische Regierung nicht in der Sage ist, sie aus eigener Kraft nieberznwerfen, sondern, wie schon bei den Boxerunruhen, auch jetzt bei ben auswärtigen Mächten Hilke juchen muß. Schon damals wagte sie es nicht und'wird es wahrscheinlich auch diesmal nicht wagen, sich offen aus die Seite ihrer fremden .Helfer zu stellen, um bic 400 Millionen Chinesen nicht noch weiter zu erbittern; sie wird auch diesmal voraussichtlich eine zweideutige Haltung einnehmen, wenn die auswärtigen Mächte sieg veranlaßt sehen, m Hunan Truppen zu landen, und die Geheimgesellschaften ber übrigen Provinzen nerben bann Der।unbigen können, daß bas chinesische Reich von ben Fremden wieder einmal" bedroht wirb unb daß man sich im Cinverstänbnis mit der Pekinger ^entraircgieniiig zum Sckmtze der bedrohten Religion, Sitte und Nationalität bewaffnen und bic Fremden allerorten ausrotten müsse.
Tas sind natürlich äußerst trübe Aussichten, die dadurch
nickt besser werden, daß China inzwischen den Weg zu Reformen eingeschlagen hat. Tenn gerade dieser Uebergang Dom allen zum neuen schwächt die Gewalt ber Regierung und versetzt das Land selbst in eine Unruhe, in eine Art fieberhaften Zustand, ber nicht noch durch Aufruhr verschlimmert werden durste. Auf der einen Seite die Reformer, denen bic Erneuerung Chinas nicht schnell genug geht, auf der anderen die Anhänger des alten Regimes, und zwischen ihnen die schwächliche, vermittelnde Regierung unter einem in ben Knabenschuhen stehenden Kaiser.
Dazu aber kommen noch Streitigkeiten im Kaiserpalast in Peking selbst, wo eine Nebenjrau des Kaisers Tungscbi und die Witwe des 1908 gestorbenen Kaisers Kuangsü sich um die Erziehung des jetzigen jugendlichen Kaisers Hsü- angtung zaillen und so das Mandschulager in zwei feindliche Parteien trennen. Nimmt man noch hinzu, daß die regierende Maiidschulaste sich bei den Chinesen absolut keiner Sympathie erfreut, sondern daß diese jetzt mehr als je danach trachten, das Mandschnjoch abzuschüiteln, so sieht man, daß China sich augenblicklich und noch auf längere Zeit hinaus in viel zu großen inneren Schwierigkeiten bejinbet, um einen Aufstand siegreich überwinden zu können.
So wirb angesichts der Empörung von Hunan, wenn nicht in China alles drunter und drüber gehen soll, fremder Wasscnhilfe bas Wort geredet werden müssen. Hier aber erhebt sich die Gefahr, daß, wenn die Maiidschudynastie zu diesem Auslunftsmitrel greift, sie sich in China noch unbeliebter macht, und daß die Empörung gegen sie so groß wird, daß, wo nicht mit einem Sturz ber Dynastie, )o doch mit einem gewaltsamen Thronwechsel zu rechnen ist. Weiter wird man sich der Lechrchtnng nicht verschließen lünnen, daß, wenn die Mächte in China ein- ]d>reiten, es bei der Verteilung bcr ihnen dafür zu gewährenden Konzessionen zu Ci'ersüchleleien zwischen ihnen kommt, die nur zu leicht zu kriegerischen Wirren zwischen allen in Lstasien interessierten Mächten führen können. Wir haben daher, wenn es nicht bald gelingt, den Aufruhr in Hunan zu dämpfen, mit Ereignissen im äußersten Osten HU rechnen, bic ber asiatischen Politik ein überaus ernstes Gesicht geben können.
Schanghai, 18. April. Tic ch i n c s i s ch e n T r u p p e n - D e r Ü ä r t u n g c n iirb in Tschangscha cmgctroffen. Der Aufruhr Hal nachgelassen. Die Zollämter sind zerstört. Die drei Europäer, bic bei dein Zusammeuitog einer Tschunle mit dem englischen Kanonenboot „Thistle" ertrunken sind, waren spanische Augustincrmönche, darunter Bischof Perez von Nordhunan.
London, 18. April. Wie das Rcutersche Bureau aus H a n k a u meldet, herrscht nunmehr in Tschangscha Ruhe. Der Schatzmeister der Provinz übetnamn die Leitung der Geschäfte.
Wilhelmshaven, 18. April. Ter Dampfer „Patri- c i q" trat heute mit einer 110 0 Kopf Harten Besatzung für das rlreuzergeschwader die Ausreise nach Ostasicn an.
Sie Arbeit an Ser preußischen wcihlresorm.
:: Berlin, 18. April.
Ter Wahlrechts aus schuß des preußischen Herrenhauses setzte heute die Beratung der Vorlage fort. Tie Sitzung dauerte von 11 Uhr vormittags bis gegen 6 Uhr abends. Zur Beratung wurden die §§ 5—8 gezogen. Ter 8 o, welcher bestimmt, daß für je 2öO Einwohner ein Wahlmann gewählt werden soll, daß jede Gemeinde (Gutsbezirk) in der Regel einen Stimmbezirk bilden und daß Gemeinden (Gutsbezirte) von weniger als 750 Einwohnern vom Landrat mit einer oder meh
reren benachbarten Gemeinden zu einem Stimmbezirk vereinigt werden sollten, daß größere Gemeinden aber von der ('kmetnbo Verwaltungsbehörde in Stimmbezirke geteilt werden, tvurdc unverändert angenommen. Im § 6 wurde eine Abänderung nach der Richtung einer Vergrößerung der Steuer dritte lungsgebiete beschlossen. Tie Jasiung des Ab geordnctenhauses enthielt in diesem Paragraphen neben berjogen. Maximierung bic Bestimmung, baß bic Wähler nach ihrer steuer Icistung in drei Abteilungen geteilt werden und auf jeder 'B- tcitung ein Tritte! bcr Gesamtfumme bcr Steuerbeträge aller Wähler fallen soll. Zu § 8, wclcknr die Privilegierung von Wählern, ben sogen. Kulturträgern, enthalt, lagen mehrere A b - änderungsanträge vor, die aber sämtlich ebenso wie die Regierungsvorlage abgclchnt wurden, unter dem Vorbehalt, in der zweiten Lesung hierauf zurückzukommen. Tic Beratung wird morgen Dienstag fortgesetzt_________________
- Der Kaiser in Homburg.
Homburg v. d. H., 18. April. Der Kaiser unterzog heute vormittag 98/4 Uhr den Entwurf der Supraporta auf dem hiesigen Bahnhofe einer erneuten Besichtigung unb {ab darauf baß Modell des Aussichtsturnies, ben der Homburger TaunuSklub in Gestalt eines altrümischcn Wachtturmes auf dem Merzberg zu errichten beabsichtigt. Um 41/, Uhr nach- nutlagß fuhren die Majestäten, Prinz Oskar unb Prinzessin Victoria Luise nebst Gefolge auf bic Saalburg, gingen von hier auf den Marmorstein, wo ber Tee genommen wurde, unb bann weiter nach Goldgrube, von wo die Rückfahrt erfolgte. _________________________
poUtische Lcugesscharr.
Verwaltungsreform unb Technik.
Zu wenig Beachtung ijat, )o schreibt die „Deutsche Vollsw. Korrejp.", bisher in der Tagespresse ein Beschluß gesunden, den kürzlich eine größere Versammlung von rheinischen Ingenieuren in Düsseldorf gefaßt hat. 2ort hielt Ingenieur Dr. K o 11 m a n n, Ems, einen Vortrag über hie Wünsche des Ingcnieurstandes zur Verwaltungsreform. Wenn die öffentliche Verwaltung Dazu berufen ist, bic Kräfte ber Nation zum besten bcr Gesamtheit zu entwickeln, bann hätte heute der Ingenicurstand viel zu wenig Einfluß auf bie Verwaltung. Außerdem aber spielt heute bic Technik im Staate wie in jeder Kommune eine so große Rolle, daß der Techniker mit au ber Verwaltung teil' nehmen müsse. Die Versammlung faßte bann bic folgende sehr beachtenswerte Entschließung:
„Eine durchgreifende Vcrwallungsreform ist nm möglich, wem. sic der technischen Arbeit eine ihrer Bedeutung im gesamten öffentlichen Leben cittfprechende Stellung und demgemäß den höheren technischen Beamten in der öffentlichen Verwaltung in erheblich größerem Maße als bisher selbständige leitende Stellungen cinräumt. Tie technisch-wissenschaftliche Vorbildung muß für bic Anwartschaft für ben gesamten höheren VcrwaltungSbienst als völlig gleichberechtigt mit den übrigen atademMen Vorbilbungen, besonbers bei heute zum ydheren Verwaltungsbicnsi allein bc rcchtigcnben juristischen Vorbildung anerkannt werden. Temge- maß fordert die Versammlung, baß ben Technikern mit abgeschlossener Hochschulbildung an allen öffentlichen, staatlichen wie städthcheu Verwaltungen bereits jetzt Gelegenheit zur Ausbildung für den Verwaltungsdienst geboten werde, und spricht die Hofs- nung aus, daß auch die größeren privaten Verwaltungen Gelegenheit zu solcher Ausbildung bieten werden. Die Versammlung bedauert es lebhaft, daß in der Irnmediattommisfwn für die Reform der inneren Verioaltung in Preußen Fein Vertreter des Ingenieurslandes Platz gefunden hat: ste würde cs dankbar begrüßen, wenn dem noch nachiraglicl> abgehoben werden könnte.
Darmstädter Religionsgespräche.
Am Samstag abend war Pror. 2t. Arthur Drews auf Cliiladung des Tcutfchcn Monistcnbundes nach Darmstadt ge- lonunen, um einen Vortrag über die „Christenmythe" zu hallen. Als um halb 9 Uhr der Vorsitzende des Deutschen Mo- uistenbuitdes 5)ernt Pioi. Tr. Drews baß Wort zu seinem Vortrage erteilte, hatte sich ein Publikum von einigen hunbcrt .vierten und Damen versammelt. Ter Redner ging nach den '•ieuen Hess. Volksbl. zuerst auf die Frage ein: Beweisen die paulinisä'm Briefe einen historischen Christus? Ter Christus bc5 Paulus ist ein übernatürlick)^ Wesen, das an der Schöpfung der Welt mitgewirkt hat, zur Erde gekommeu ist, eilt „Zucht- meister" war uittcr das Gesetz getan. Er trat in eine Well des falsches und gab mit seinem "Tode ein Beispiel der ganzen Menschheit - das Beispiel der „Selb st Opferung". Er ist Der Mittler zwischen Gott und der Menschheit, der Retter aus ttc Hiustcruis des irdischen Daseins, er ist bei Paulus der Goll- Mensch. .Ebenso wie bei Philo, einem Historiker, ist bei Paulus Christus nur eine Idealfigur, bic Personifikation der Kraft des Guten. Schon Marduck soll nach alter Anschauung auf die Erde gekommen sein als Mensck>enetlöser. Tieselbe Anschauung findet man bei ben Griechen, die einen Hetaklid, einen Jason verehrten. 3n Votberasicn existierte öer Glaube, dessen Mllelpunkt der Ceiland war, auf ben man als ben Erretter wartete — bcr ersehnte Messias. .TaS finden wir bei T-aniel, in bcr Heibcuwelt ebenso, unb es erklärt sich aus ber alljährlich absterbenbeu unb sich wieder verjüngenden Natur ber Glaube an ben göttlichen Tohn, der in bic Unterwelt geht, bort mit dämonischen Machten tämpfi, siegreich wieder hcrvorkommt. Dieser Glaube ist uralt. Paulus bat nicksts über die persönlichen Schicksale Jesu berichtet, obgleich er mit dessen Jüngern in Verkehr stand, von denen <r doch alles hätte erfahren rönnen. Paulus hat in seinen Briesen clfo feinen historischen Christus geschildert, sondern nur ein Bild gegeben. Sein Christus ist fein Mensch von frischem Tun, sondern ein überirdiscl)es Wesen. Darauf wirst Prof. Tr. Drews eine zweite Frage auf: „Beweisen die Evangelien einen historischen Ehristus?" Trcws verneinte die Frage. In den Schlußworten Sagte er: ChristtiS sei nicht vergöttlichter Mensch, sondern vermenschlichter Goll. Evangelien sind Tendenzschtisten. Die Welt mird von Ideen regiert, und um höhere Zwecke durchzuführen braucht man Illusionen. Christliche Theologie will einen 1istorisck>en Christus haben wegen ber Verbreitung des Christentums. Hauptsackze ist aber der Glaube an Gott, der Glaube an ein bestimmtes Ziel. Tos rann man, auch wenn Christus nicht gelebt hat, denn wickstig ist die Idee, das Ideal, das er ver- lörDert und nicht seine Person.
^Ter Vorsitzende des Monislenbundes dankt darauf dem Redner tür seinen Vortrag, an den sich nunmehr eine lange Aussprache «nichließt.
Erster Redner war Pfarrer D. Waitz - Darmstadt, der u. a. ausführte: Ter Vorcrag hat uns viel Interessantes geboten. Vor allem durch den Gegenstand, aber auch durch die Art uud Weise, wie dieser Gegenstand vorgetragen worden ist. Manche haben viel Neues gehört. Obwohl diese Hypothese keine neue ist, wird sie doch von bcr Wissenschaft alS unhaltbar zurückgewiesen. Tie theologische Wissenschaft, auf bie Proi. Tr. Drews nicht gut zu sprechen ist, isteinigindcrGeschichtlichkeitundderPersönltch- feit Jesus. Selbst Gegner der Theologie wie der jetzige Sozialiftenführer Tr. M a u r e n b r e ch e r bekennen sich hierzu. Tas Ehristentum als eine anonyme Geschichte zu dokumentieren, alle diese Versuche schießen über das Ziel hinaus. Prof. Dr. Drews stellt die Hypothese auf, daß Jesus Christus, von dem wir aus den Briefen des Paulus und aus den Evangelien wissen, bie bcr Vorrebncr als nicht richtig ansieht, keine geschichtliche, son- bern eine mythische Persönlichkeit gewesen sei. Ter Heilanb sei nur gcrabc unter dem spezifischen Namen Jesus in vorchristlichen Sekten geglaubt unb verehrt worden. Wir werben ba auf jüdische Setten hingewiesen. Es ist Damit aber noch immer kein Beweis gebracht. Wenn in ben vorchristtichen Sekten nicht der Nachweis erbracht werden kann, dann gibt es auf die Frage, wo Paulus beit Namen Jesu her hat, die eine Antwort, daß es einen Jesus von Nazareth tatsächlich gegeben hat. Ist das aber richtig, dann stürzt bie Hypothese des Prof. Tr. Trews in sich zusammen.
Pfarrer W. Klauke-Frankfurt stellt sich auf Drews Seite und fuhrt Weller aus: Wir brinr" " unseren Kleinen schon int Unterricht bei, daß Die 'Zahl nie eia Beweis Der Wahrheit ist. .Es können Millionen etwas glauben, und cs braucht immer noch nicht bewiesen zu sein. Ebenso wie es Die Quantität nicht tann, kann eS auch nicht die Autorität. Tstiß die liberalen Theologen anderer Ansicht in dieser Frage sind, wissen wir alle. Wenn auch ein großer Mann in Nazareth gelebt hat, der dem eoattgelischeu Bild als Muster gedient hat, so besagt daS gar nichts für unsere Stellungnahme in religiösen Angelegenheiten. Tas Christentum ist eine christliche Religion, nicht aber eine Jesus-Neligiou. ,Mag Jesus gelebt haben oder nicht, kein Mensch kann sagen, daß der biblische Jesus der „erwartete Messias" gewesen ist. Die zitierte Szene int Garten Getshmiane kann keinen Anspruch auf besondere G-cschicklllickckeit besitzen. Alles fällt in sich zusammen. Es ilt ein Irrtum, wenn vielfach von Theologen vorgeführl wird, daß die Aufhebung der Sklaverei auf das llonto des Christentums zu setzen sei. TaS uriprüngnu.c Christentum hat sich nut solchen rein naturellen <yragcn gar nicht befaßt. Ter Redner schloß: Wenn ber Geist bei Wahrheit uud Ehrlichkeit immer tiefer uitd tiefer in unS einbringt, io wird es gehen wie in bcr Natur — eine Wei', von Schönheit wird erstehen, wenn wir nur erfüllt llnd von dem Glauben. 'Beifall!)
Bros. Tr. Gunkel-Gießen: Nun kommt ber gebildete Gelehrte, der Theologe — das ist also der Verfälscher der Kultur.
Es handelt sich am heutigen Tage um eine historische Frage. Ich fjalte mich alS Fachmann — ich bin Professor für alttesto- mentlidie Theologie — berufen, Herrn Professor Dr. Drews cut- gegeuzutreten. In seinen Arbeiten hat Prof. Dr. Drews oftmals mit Dank meinen Namen genannt. Ich fühle mich als Autorität. Tie Ausdrücke, die Herr Pros. Tr. Dreivs ^gebraäst hat, sino von mir, was er auch gar nicht ob streitet. Ich spreche wie ein Sachverständiger — nur Tatsachen gebe ich an. Mein Thema ist ein alttestamentlickies. Ick roill, um es gleich zu betonen, Herrn Prof. Tr. Drews nickt augreisen, ich spreche weder als Freund noch als Feind, ich spreche als Sachverständiger. Das Alle Testament ist hebräisch geschrieben. Wer wagen will, über dieses zu sprechen, lese es hebräisch. Aber wer es nicht hebräisch lesen tann, der schweige. Ich behaupte nun, Pros. Tr. Drews liest es naai Luther. Ich kann es sogar beweisen, denn in seinem. Luche hat Prof. Dr. Drews Stellen abgcdruckt — nach Luther. Ich pflege meinen Studenten zu sagen: Blicker, die aus Luther zitieren, lesen Sie nicht. Was Pros. Tr. Trews nun in seinem Buche übernommen hat oder was er selbst erfunden hat — alles in unrichtig. Ich kann Herrn Prof. Tr. Drews nur zurufen: Tun Sic fo etwas nicht wieder! Koinmen^Sie doch zu einem von uns, zu einem Fachmann. Berfvrecheii Sie mir, nicht wieder etwas über das Alte Testament zu fchreibcn. (Beifall.) Fragen Sie Philosophen, ob eß richtig ist, wenn Prof. Dr. Dreivs fo über das Alle Testament spricht. Ter Redner äußert sich dann in längeren Ausführungen über ben vorchristlichen Jesus. Unb dabei meist er Prof. Tr. Trews nach, daß alles, was er in seinem Werfe zitiert habe, falsch sei. Es gibt ein heiliges Gebot der Gelehrten ehre: „Zitiere niemals, was du nicht nachgeschlagen hast." Jeder Mensch kann sich irren. Ich will Prof. Tr. Trews nicht an» greifen. Tie Sachen sind viel zu ernst. Helligc Vervflickstung aber ist es für einen wissenschaftlich gebildeten Menschen, über Tinge, die er nicht versteht, nicht zu sprechen. Paulus ist eine geschichlliche Tatsache — unsere Well muß imstande sein,/Tat- mchen zu verstehen. Es ist feine Schande, uiuzufehren. Es i)t aud> leine Schande, sich van einem Fachmann belehren zu lassen. Wir haben viel Anregung durch den Abend erfahren — die Hypothese sinkt vor der simplen Philosophie. 'Reicher Beifall.)
Ter Vorsitzende des Deutschen Monistenbundes gibt darauf die Erklärung ab, daß der Monistenbund sich von Anfang an mit der These des Pros. Dr. Drews nicht identifiziert hat.
Prof. Tr. Trews spricht fceni Vorredner zuerst feinen lief gefühltefteu Tank aus. Allerdings hat er mich hier ober auck heiunti-igcvutzt wie einen Schutbubei: Er hol mir Mollcg gehauen über das Alte Testament. Ich betone nur, daß ich im Vorwort meines Buckes mich selbst als einen Dilettanten bekannt habe Ich wollte Die Ergebnisse, die noch zerstreut Vorlagen, zu einem gesamten Ucaerblis. des ganzen Problems zusammenarbeiten. Prof. Gunkel jagte in liebenswürdigstem Tone zu mir: Wenden Ate sich


