160* Jahrgang
dieVost Mk.2.— viertel- jährt. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den
politischen Teil: August Goetz; für „Feuille-
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d>s Doetmto”Sn9mu6n U«!ationr»nlck und Verlag der vrühcschen Univ.-Vuch- und SteindruSerei H. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulftratze 1.
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Die Lrsparnisvorschläge der ersten Kammer.
x Darmstadt, 17. Febr.
Die öffentliche Diskussion über die mannigfachen Vorschläge zur Sanierung der hessischen Finanzen ist ourch die am Akittwoch von uns im Wortlaut mitgeteifte Stellungnahme des Finanzausschusses der ersten Kammer in ein neues Stadium eingetreten. Die Herren von der ersten Kammer waren vom Finanzausschuß der zweiten Kammer im Einverständnis mit der Regierung ersucht worden, auch ihrerseits geeignete Vorschläge zur Beseitigung der gegenwärtige Finanzmisere zu machen, und das ist nun in einer gründlichen und umfassenden Weise geschehen, liebet die einzelnen Pläne und Wünsche dieser Stellungnahme werden die Meinungen zweifellos weit auseinandergehen. Ader ner Grundgedanke, die beantragte 30prozentige Erhöhung der Einkommen st euer auf nur etwa 10 Prozent zu beschränken, verdient volle Anerkennung, und die verschiedenen Anregungen zu Ersparnissen erscheinen, uns um so beachtenswerter, als es dem Finanzausschuß.der zweiten Kammer bekanntlich trotz langer mühseliger Verhandlungen mit der Regierung nicht gelungen ist, irgendwie nennenswerte, auf das Maß der Steuererhöhung einwirkende Ersparnisvorschläge durchzusetzen, denn die Gesamtverbesserung des Staatsvoranschlags stellt sich nach den Beschlüssen des Finanzausschusses der zweiten Kammer auf eine Verkürzung der Ausgaben um 79 365 Mark und eine Erhöhung der Einnahmen um 85 000 Mark, in Summa also auf 154 365 Mark bei einem Ver- waltungshaushalt von 65 788 000 Mark.
Es gilt bekanntlich, im Haushalt für 1910 einen Fehlbetrag von 4 975 214 Mark zu decken und dazu sollte nach dem Vorschlag der Regierung in erster Linie eme 30 prozen- tige Erhöhung der Einkommensteuer und eine 46s/3 pro- zen tige Erhöhung der Vermögens st euer dienen, aus der man einschließlich der natürlichen Ertragssteigerung ein Mehr von 4 029 000 und 1654 000 Mark, in Summa also 5 683 000 Mark erwartet. Der verbleibende Ueberschuß von rund JOOOOO Mark sollte mit dem auf 1 059 000 Mark berechneten Restbetrag des Ausgleichsfonds zu einer verstärkten Schuldentilgung verwendet werden.
Der Finanzausschuß der ersten Kammer stellt dagegen eilte andere Rechnung auf: Er will von einer Erhöhung der Vermögenssteuer von 75 auf 110 Pfg. für je 1000 Mark überhaupt nichts wissen und schlägt zur Beseitigung des Defizits vor: Heranziehung des ganzen, für die Schuldentilgung angeforderten Betrags von 1 700 000 Mark, Erhöhung des mit 12 Millionen eingestellten Eisen bahn Vertrags auf die vom preußischen Minister angenommene Summe von 12654000 Mark, Verschiebung ter Kolonnaden- hainen usw. in Bad.Nauheim und Ablieferung des Betrags dafür mit ca. 640 000 Mark an die Staatskasse, Erhöhung der Steuereinnahmen um 500 000 Mark (die Regierung hatte den Steuerzuwachs gegen das Vorjahr nur auf 230 000 Mark berechnet, während der Ausschuß auf Grund des günstigen Wirklichkeitserträgnisses für 1908 ihn um 500 000 Mark höher einsetzen zu können glaubt), Abstriche am Budget 500 000 Mark und endlich 10 Prozent Erhöhung der Einkommensteuer 1000 000 Mark, macht in Summa 4 999 000 Mark.
Auf diese Weise würde in der Tat der ganze Fehlbetrag zu decken sein und dabei der Steuerzahler nur mit
10 Prozent Steuererhöhung heranaezogen zu werden brauchen. Als der wundeste Punkt dieser Vorschläge erscheint uns aber die Ablehnung jeder Erhöhung des Vermögenssteuersatzes. Der Ausschuß weist zur Begründung dieses Schrittes darauf hin, daß eine weitere Erhöhung der Vermögenssteuer ihren bisherigen Charakter als Ergänzungssteuer verwischen würde und bemerkt, daß der Hinweis auf die badische Vermögenssteuer mit ihrem ähnlich hohen Satz für Hessen nicht schlüssig sein könne, weil dort die Vermögenssteuer zur Hauptsteuer geworden und die Einkommensteuer in den .Hintergrund gedrängt worden sei. Eine Erhöhung der Vermögenssteuer in Hessen sei nur bann ürisfutäbel, wenn gegenüber der jetzt als drückend empfundenen hohen Schätzung der Vermögenswerte die Einführung der neuen preußischen Bestimmungen über die Schätzung des Vermögens damit verbunden würde. Dieser Einwand erhält in der Tat insofern eine berechtigte Grundlage, wenn man weiß, daß in Preußen bei der Einschätzung der Ertrag mit herangezogen wird, während in Hessen nach dem derzeit bei uns geltenden Recht allein der gemeine Wert bei der Festsetzung des Vermögenswertes in Betracht kommt. Bei dem Einschätzungsmodus nach dem gemeinen Wert ist die Steuer des ihr seinerzeit beigelegten Charakters als Ergänzungssteuer entkleidet worden,' es kommt vor, daß für unrentable Vermögen die Steuer bedeutend höher wird, als die Einkommensteuer. Von einem z. B. aus 100 000 Mark geschätzten Waldbesitz, der nur mit 2 Prozent rentiert, würde in Zukunft derselbe Steuersatz von 110 Mark erhoben werden, wie von einem auf 100 000 Mark geschätzten größeren Betriebe, der doch mindestens auf 5 Prozent, meist aber noch eine höhere Rente abwirft. Es liegt auf der Hand, daß hiernach gerade der Grundbesitzer und jeder Steuerzahler verhältnismäßig viel schwerer belastet werden würde, dessen Besitz wenig Rente aowlrft, als derjenige, der eine hohe Verzinsung seines Besitzes erzielt. Wir sind nicht der Meinung, daß von einer Erhöhung der Vermögenssteuer überhaupt abgesehen werden könnte, aber wir glauben angesichts dieser Tatsachen doch, baß. Mittel und Wecze gesucht und gefunden werden müßten, um eine gerechtere Verteilung der Saften herbeizuführen.
Was die einzelnen Vorschläge des Ausschusses betrifft, so sind wir nicht der Meinung, daß diese mit leeren Redensarten oder verdächtigenden Bemerkungen abgetan werden dürfen. Es ist weder demokratisch volkstümlich, noch politisch richtig, von vornherein jeden Vorschlag auf Verbesserung zu verwerfen, bloß, weil er von einer nicht konvenieren- ben Seite stammt, und wir würden es für einen äußere ordentlichen Fehler halten, wenn die zweite Kammer sich diesen Anregungen gegenüber einfach auf das hohe Roß setzen wollte, wie es von gewisser Seite propagiert wird^ Wir würden es überhaupt für geboten erachten, wenn sich die auswärtige Presse nicht allzusehr in die internen Angelegenheiten unseres Heisenlandes hineinmischen, sondern deren Ordnung den dazu berufenen Faktoren das Landes selber überladen wollte. Es heißt doch die Dinge geradezu auf den Kopf stellen, wenn man chde Ermahnung der unabhängigen Presse zu Ersparnissen und jeden Vorschlag zur Schonung der hessischen Steuerzahler frischweg als eine gegen den Minister persönlich gerichtete „Hetze" hin- zustelleu sich bemüht, und damit jede freimütige Meinung tm Lande über die verlangte Steuererhöhung zu verdächtigen versucht.
Der Vorschlag, angesichts der jetzigen ungünstigen Wirtschaftslage von einer Schuldentilgung für dies Jahr gänzlich abzusehen und den dafür angeforderten Betrag zu Staats- zwecken zu verwenden, erscheint uns um so erwägenswerter, als auch der Ausschuß, der zweiten Kammer sich bereits dafür entschieden hat, wenigstens den Rest des Ausgleichsfonds zur Entlastung der Steuerzahler zu verwenden. Eben- so diskutabel ist der Vorschlag, den zu erwartenden Mehrbetrag aus den direkten Steuern höher einzustellen und den wahrscheinlichen Anteil aus der preuß.-hessischen Eisenbahngemeinschaft auf die von Preußen selber fixierte Summe zu erhöhen, die von anderer gut unterrichteter Seite sogar noch um verschiedene Hunderttausend Mark höher eingeschätzt wird. Dagegen würden wir uns mit dem Verlangen, den für bie Ion nab enb aut en in Bad- Nauheim vorgesehenen Betrag von 640 000 Mark einfach an die Staatskasse abzuführen, doch nur dann befreunden können, wenn die positive Gewähr dafür geboten werden könnte, daß bie Interessen bes Weltbades dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werden würden. Es erscheint uns auch recht fraglich, ob sich schon für das kaufende Jahr ein auch nur annähernd so hoher Abstrich am .Haushalt erreichen lassen wird, wie dies der Ausschuß, erster Kammer annimmt. Jedenfalls aber möchten wir unsere schon früher an dieser Stelle ausgesprochene bestimmte Erwartung ent die Volksvertretung wiederholen, daß sie alles tun werde, um die nun einmal nicht zu umgehende Steuererhöhung auf ein erträgliches Mast zu beschränken!
2lus den Reich$tag$au$schWn.
:: Berlin, 17. Febr.
Der Budgetausschuß des Reichstages führte rüst Donnerstag die Aussprache über die Organisationen des Werftbetriebes fort. Eine längere Aussprache findet noch über die. Art der Erledigung der Kieler Angelegenheit statt. Man1 verlangt mindestens eine disziplinarische Bcstrafnng des verantwortlichen Beamten. Der Justitiar des Rcichsmarincamts be- zieht sich auf das Beamtengesetz; danach könne man gegen denj! Beamten nicht vorgehen, weil er weder gewissenlos gewesen sei, nach sich unwürdig gezeigt habe. Sein Fehler liege in der falschen Beurteilung seiner Untergebenen. Auch diese Erklärungen werden von verschiedenen Seiten aus dem Ausschuß für ungenügend erllärt.
Nach Beendigung der Aussprache werden von dem angeforderten Werstpersonal eine Reihe von Beamten: drei Konstruktions- sekretäre, neun technische Sekretäre und ein Werkmeister gestrichen.. Ter angesorderte Gewerberat wird bewilligt.
Am Freitag Weiterberatung des Marinehaushalts.
Der I u st i z a u s s ch u ß führte am Donnerstag _ die Beratung des Beleidigungsparagraphen und damit die erste Lesung der Novelle zum Strafgesetzbuch zu Ende. Der Beleidigungsparagraph wurde mit nur unwesentlichen Aenderungen der Regierungsvorlage angenommen.
Der Wahlprüfungsausschuß des Reichstages erklärte die Wahlen der Abgg. Arnstadt (Kons., Mühlhausen-Langensalza) und Mayer (Zentr., Pfarrkirchen) für ungültig.
Line Stäötebau=2lusfteUung in Berlin.
Wie wir aus Berlin erfahren, wird das Ministerium für Landwirtschaft bie allgemeine Städtebau-Ausstellung zu Berlin mit dem fertigen Entwurf für das G ru n e wald-Viertel an der Döberitzer Heerstraße beschicken. Das Kriegsministerium beabsichtigt Entwürfe ber modernen Barackenstädte für die Unterbringung von Truppen zu senden, und ferner soll die Ausstellung auch noch mit einem fertigen Gipsmodell des umfangreichen
2Iu$ Hermann heiberg$ Leben.
Der Dichter Hermann Heiberg, der nun einem langen schweren Leiden erlegen ist, war schon seit Jahren ein stummer Mann geworden aus dem Felde der deutschen Literatur, die er so lange mit gern gelesenen Büchern versorgt hatte. Die Quellen seines ganzen Schaffens entspringen der Erinnerung an feine schöne, sonnige Jugendzeit, aus der ihm lyrische Innerlichkeit und ein seines Naturgefühl emporblühten, und dem energisch kraftvollen Streben im großen Geschäftsverkehr, das ihn mannigfache Verhältnisse keimen lernen ließ. „Ich verschlang," erzählt er in einer kurzen Selbstbiographie, „was mir an Büchern in die Hände kam, und baute mir alsbald auch eine phantasievolle: Veit auf, in der ich mich glücklich fühlte. . . Auch Karikaturenzeichnen verschmähte ich nicht. Ueberdies machte ich Gedichte, war abwechselnd ausgelassen oder tiefsinnig, haßte und liebte mit Heftigkeit und war auch häufig ein rechter Hausnarr, indem ich Stege an den Beinkleidern und flatternde Halstücher trug, oder mich auch als Philwoph gebend, auf Planken und Zäune setzte, unb hier Bücher studierte, von deren Inhalt ich kein Wort verstand. Ohne Unterricht zu erhalten oder eines solchen sonderlich lange zu bedürfen, betrieb ich alle möglichen Dinge: war ein Schwimmer, lag mit dem Segelboot aus dem Wasser, tonnte reiten unb kutschieren, spielte Komödie, sang, übte mich auf der Flöte, schwang das Tanzbein und war überhaupt von der Natur zu allem leiblich veranlagt mit — einer' Ausnahme: „Mathematik war und blieb mir immer ein chinesisches Alphabet." Nachdem Hei- berg bie Schule verlassen hatte, war er lange Zeit in großen geschäftlichen Unternehmungen tätig, schuf in Schleswig eine große Druckerei und Berlagsgeschäst unb roanbte sich bann in Berlin j neuen Plänen zu. Einige Zeit wirkte er in der Direktion der Preußisckien Bank-Anstalt in Berlin unb sammelte die vielseitigsten Erfahrungen. Im Jahre 1881 vereinigte er unter dem Titel ..Aus den Papieren der Herzogin von Seeland" eine Anzahl von Plaudereien und Noveletten, bie einen starken. Erfolg hatten. Mit der Zeit verzichtete er absichtlich auf jeden künstlerischen Ehr- kiäz und mit Ausnahme des Romans „Apotheker Heinrich" sind i seine zahlreichen anderen Werke fast ausnahmslos nur Unter» Iwltungsschristcn. Bemerkenswert ist noch seine Novellensammlung „Aus allen Winkeln".
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— Konzert-Verein. Tas Fundament einer jeden ziel- Gewußten Konzertvereinigung bilden bie Klassiker, bas ist eine Tatsache, die jedem, ber die Programme aufmerksam prüft, zur Gewiß- Wt wird. Das Moderne ist die Beigabe, beim was gestern schmackhaft war und bie Zeitgenossen für ewig bauernd bezeichneten, ist heute bereits vergessen und bem Heute widerfährt morgen vielleicht schon dasselbe Schicksal; nut wenigen Kompo
nisten ber imcbfln’'" i >en steil ist bie Uufterblichfei zu teil geworden. In der Orchesterliteratnr sind und bleiben bie ^vornehmsten cdiöpiimgen die nenn c y m phonien von Beethoven und es gibt keine Orchestervereiuigung ber vornehmeren Richtung, die nicht wenigstens einmal im Zähre aus diesen unvergänglichen Schätzen wählte. Diejenigen aber, denen em ausgezeichneter Chor zur Verfügung steht, iverben int Laufe der Iahte sich Wieder- Holungen der Neunte n nicht verfagen. Das Konzertjahr 1909/10 bat in den ersten verflossenen vier Monaten durch die oben er- wähnten nahezu 130 Vereine bereits zu Gehör gebracht: L Symphonie 15 mal, 2. 15 mal, 3. 24 mal, 4. 17 mal, 5.16 nm', 6. 16 mal, 7. 24 mal, 8. 18 mal, 9. 23 mal. Erwägt man bei letzterer Zahl, daß hierbei neben Orchester und Chor noch 4 erstklassige Solisten erforderlich sind, so ist die Zahl 23 eine ungewöhnlich hohe. Von den übrigen Klassikern hat weiter keiner eine auch nur annähernde Zahl auizuweifen; auch von den Romantikern und Neuromautikern ist nur noch Brahms aufzuführen, ber in dieser Beziehung zu nennen wäre: 1. Symphonie 22 mal, 2. 9 mal, 3. 14 mal, 4. 1<) mal. Beethovens Neunte und Brahms Zweite hat sich der Gießener Konzertverein für den 23. unb 24. Februar erwählt und neben dem Akademischen Gesangverein 4 ausgezeichnete Solisten uerpflicntet.
— Der Fernsprecher in Euro pa unb Arneri ka. In ganz Europa waren am Anfang des Jahres 1910 rund 2 300 000 F-ernsprechet in Betrieb, während in den Vereinigten Staaten zur ielben Zeit 7 000 000 benutzt wurden. Diese Tat- fad:e gibt einem Mitarbeiter ber „Times" Veranlassung zu einem Vergleich über den Gebrauch, ber in der alten und in der neuen Wett vom Fernspreck-er gemacht wird. Er kommt dabei zu der interessanten Feststellung, baß die drei größten Städte der Vereinigten Staaten, nämlich Newyork, Chicago unb' Boston, allein mehr Fernsprecher besitzen, als ganz England. In Newyork allein gibt es 334 186 Apparate, in Chicago 184 922 und in Boston über 100 000. Die Stubt Newlwrk hat doppelt so viel Fernsprecher als der Staat Frankreich, der deren 194 159 zählt. 9hir Deutschland unb Schweben lassen sich einigermaßen mit Amerika vergleichen. Dagegen stehen Staaten wie Oesterreich, Italien, die Schweiz, Belgien hinter amerikanischen Städten zweiten Ranges zurück. St. Louis, Cincinnati unb Pittsburg zählen! mehr Fernsprecher als Oesterreich, bas 85.000 besitzt. Am wenigsten lassen sich die Fernsprechverhältnisse Spaniens mit ben amerikanischen vergleichen. Während in Amerika auf je 12 Personen ein Fernsprecher kommt, entfällt ein foldjer erst auf 175 Euro päer. Diese Rückständigkeit ber alten Welt sucht die „Times" damit zu erklären, batz ber Fernsprechbetrieb in Europa vom Staat besorgt wirb, während er in Amerika in den Händen von Privatgeselllchasten ist. Diese Tatsache reicht aber zur Erklärung nicht hin, beim drüben sind die Gebühren höher dfö in ben
europäischen Staaten; man muß also zur Erklärung des Unter« schiedes schon die amerikanische Nationaldevise „Zeit ist QgeXä" zu Hilfe nehmen und außerdem die ameritanifdje Charakters eigen)d?aft, bei geschäftlichen Unternehmungen großer unb kleiner Art an Betriebsspesen nicht zu sparen.
— Ein altbabylvnis ches Liebesbriefch en teilki Prof. Friedrich Delitzsch in feiner soeben bei der Deutschen Ver> lagsanstalt in Stuttgart erscheinenden Schrift „Handel und Wanbel in Babylonien" mit. Der Brief findet sich auf einem' aus Sippar stammenden, allerliebst geschriebenen Täfelchen und trägt bie Adresse: „An meine Bibi Gimil-Marduk." Der Wortlaut bieses ehrwürdigen Schriftstückes, das ims doch so jung und tobens irisch berührt, weil es uns eben mmjegcniuärtigt, daß bie Menschen vor 3000 Jahren ebenso geliebt haben, wie heut, ist ber folgende: „Somas und Vkarduk mögen Dich um meinetwillen ewig leben lassen! Wie geht es Dir? Schreche mir doch! Ich bin nach Babylon gegangen, habe Dich aber nicht gefunden. Ich war sehr enttäuscht. Benachrichtige urich, daß Tu kommst, und ich mich freue. Im Marcheschwan (ctroa November) sollst Du kommen. Mögest Du um meinetwillen eitrig leben!" Dte Frau des Gimil-Marduk tanu, wie Prof. Delitzsch erläutern^ bemerkt, diese in Babylon vergeblich gesuchte und dennoch so zärtlich, behandelte Bibi nicht gewesen sein — es scheint ein? anderes Verhältnis zwischen ben beiden Liebenden bestanden zu haben, „dessen Aufhellen aber nicht zu den streng Philologischen! Aufgaben gehört".
— Eine eigentümliche Steuer. Landgraf Ernst Ludwig von Hessen erließ im Jahre 1731 eine Verordnung, das allzu frühe Heiraten der „iitngen Burschen" betreffend. Darin wurde das vollendete 25. Lebensjahr als Normaljahr angesehen. Wer vor demselben heiraten will, dem wird folgendes au'erlegt: „Der Beamte soll sich gegen sothane Erlaubnis von denen, bie sie erhalten, wenn sie geringen Vermögens, vor jedes bis zu ihrer Majorenuilät abgehendes, auch nur bis auf einen Monath ober Woche nicht völlig komplicirtes Jahr 1 ft. Rheinisch, und von denen, welche mit ihren Verlobtinnen 500 Reichsthaler bis I'jOo Gülden in ihre vorhabende Ehe zusammen einbringen, von jedem vis völlig dahin gehenden Jahr das Tuplum, nemlich 2 fl.; von denen aber, deren Vermögen sich zusammengerechnet über 1000 Gülden velauffet, vor jedes abgemeldete Jahr 1 Speziesdukat bezahlen lassen: Hmgegeu die in Unfern Fürst!. Landen, Graf- und Herrschaften befindliche Juden, ivelche noch nicht volljährig und sich zu verheurathen Vorhabens seynd, jedesmahl zur Erlegung des Dupli dessen, ivas nach obiger Proportion ein Christ zu bezahlen hat, obnnachläßlich anhalte." — Also das Gegenteil einer Jung- geseltensteuer.


