Nr. 165 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siehener AunMendlatter" werden dem »Anzeiger* biennal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Ketzemr Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefien
Montag 18. Juli 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts - Buch- und ©teinb ruderet, 9t Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion:^^ 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Zur Kündigung des deutsch-japanischen Handelsvertrages.
Man schreibt uns aus Berlin:
Wie Japan bisher in allem ein gelehriger Schüler des alten Europa war, auch in Schulden und Steuern, so auch jetzt in der Hochschutzzollpolitik. Es bereitet schon seit längerer Zeit an Stelle der bisher mit den auswärtigen Mächten abgeschlossenen Vertragstarife einen neuen autonomen Zolltarif vor, der zwar einige Sätze der alten gemäßigten Tarife austveist, in dem aber eine ganze Reihe von Abschnitten so wesentlich erhöht sein wiro, daß man Liesen neuen Tarif unbedenklich als Hochschutzzalltarif wird bezeichnen müssen. In Japan freilich leugnet man das, man sagt in Tokio, daß es sich nur um Finanzzötle handele, die aber zugleich dazu geeignet seien, die heimische Produktion zu schützen. Eine Folge dieser neuen Zollpolitik Japans ist natürlich die Kündigung der bestehenden Handelsverträge, so auch des mit Deutschland im Jahre 1896 abgeschlossenen Handels- und Schiffahrtsvertrages, die bereits, wie halbamtlich gemeldet wird, erfolgt ist. Seltsam berührt es hierbei, ist aber wohl durch die neue japanisch- russische Freundschaft zu erklären, daß der Handelsvertrag mit Rußland vom Jahre 1907 bestehen bleiben soll, weil er auf der Basis der gegenseitigen Gleichheit abgeschlossen ist.
,2aß Japan nunmehr in das Lager der Hochschutzzöllner übergeht, kann man ihm natürlich nicht verübeln. Denn augenscheinlich befindet es sich, nachdem es die Nachwehen des Krieges mit Hilfe zahlreicher neuer Steuern überwunden und einige Ananzmiseren siegreich überstanden, in einem wirtschaftlichen Aufschwünge, der es ihm nahqAlegt, die erwachte heimische Industrie vor der Einfuhr fremder Produktion zu schützen, um ihr so den heimischen Markt möglichst ganz zu gewinnen, oder anderenfalls ihr im Auslande günstigere Absatzbedingungen zu verschaffen.
Was nun die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Japan anbetrifft, so zeigen sie in Einfuhr und Ausfuhr eine sehr verschiedene Entwickelung. Denn während die japanische Einfuhr nach Deutschland seit Beginn des letzten Jahrzehnts nur um 2,5 Millionen Mark zunahm, stieg unsere Ausfuhr nach Japan um 53,7 Millionen. Ein- und Ausfuhr erreichten ihren höchsten Stand im Jahre 1907, wo die japanische Einfuhr nach Deutschland 29 Millionen, unsere Ausfuhr nach Japan 102 Millionen Mark betrug, so daß Deutschland bei der Einfuhr an sechster, bei der Ausfuhr an vierter Stelle stand. Diesen Rang nimmt Deutschland in dem japanischen Handelskonto natürlich auch« jetzt ein, mag auch 1909 aus oben genannten Gründen die Ausfuhr aus Japan um 10,2, die Einfuhr nach Japan um 7,8 Millionen gesunken sein. Japan schickt uns, um auch dieses noch anzuführen, neben den Erzeugnissen seiner eigenartigen Industrie, Kampfer, Tran, Kupfer, Strohbänder, während wir nach Japan vor allem ausführen: Farben und andere Chemikalien (25 Millionen), Eisen (23 Mill.), Textilwaren (16 Millionen), Maschinen (12 Millionen) usw.
Wir glauben nicht, daß die bisher so günstige Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Japan durch die jetzige Kündigung des Meistbegünstigungs- verh-ältnisses eine Unterbrechung erleidet. Man wird bis zum 17. Juli 1911, wo der jetzige Vertrag abläuft, zu einem neuen Meistbegünstigungsverhältnis gelangt sein, und die Verhandlungen, die im Staatssekretariat des Innern im Frühjahr ds. Js. mir den am japanischen Export interessierten Gruppen aus Grund des Vorentwurfs des neuen japanischen Zolltarifs geführt wurden, lassen hoffen, daß der deutschen Industrie in Japan auch weiter ihr Recht gewahrt bleibt.
Berlin, 16. Juli. 'Der hiesige japanische Botschafter hat dem Auswärtigen Amt im Auftrage seiner Negierung eine Note übermittelt, durch welche der deutsch-japanische Handels- und Schiffahrtsvertrag und der Konsularvertrag vom 4. April 1896, sowie die Nachtragskonvention nebst dem Taris zu dem ersteren Vertrage vom 26. Dezember 1898, zum 17. Juli 1911 gekündigt werden.
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Aus Uauberts Notizbüchern.
Eine neue Ausgabe von bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen, Tagebucheintragungen und Notizen Flauberts, die. eine Fülle interessanter Aeußerungen des großen Klassikers des französischen Romans umfaßt, ist in Paris in Vorbereitung und wird in den nächsten Tagen die Druckpresse verlassen. Flaubert pflegte mit fast pedantischer Gewissenhaftigkeit alle seine Notizen zu sammeln, Beobachtungen aus dem Leben, persönliche Impressionen, Notizen über seine Studien. Alles, was er geschrieben hat, ist auf diese Weise erhalten geblieben, von seinen Schülerheften bis zu den Tagebuchaufzeichnungen, in denen er täglich die geistige und seelische Bilanz des erlebten Tages zu ziehen pflegte.
In der Revue des Deux Mondes veröffentlicht Louis Ber- t r a n d einige charakteristische Auszüge. Der ganze leidenschaftliche Haß, den Flaubert stets aller Mittelmäßigkeit entgegen brachte, lodert zwischen den Zeilen auf, wenn er schreibt: „Das Stumpfsinnigste, was es auf der Welt gibt, das sind die sogenannten Durchschnittsmenschen, die gebildete Bourgeoisie, wie auch die braven Leute die allergrausamsten sind." Flaubert war Jein Demokrat; fast erbittert notiert er: „Nicht gegen die Götter wäre es, gegen die Prometheus sich heute auflehnen 'müßte, sondern gegen das Volk, diesen neuen Gott. Der alten Tyrannei der Geistlichen, der Feudalen, der Monarchen ist eine andere gefolgt, eine feiner ausgebaute, unentrinnbare, gewaltsamere, die nach einiger Zeit auf der Erde keinen Winkel mehr lassen wird, der frei ist. Ihr bedrückt nicht mehr meinen Körper, Ihr zwingt mich nicht mehr zum Glauben, gewiß! Aber wo ist der Fortschritt des freien Willens, wo der Fortschritt der Moral, wenn ich, einfach durch die Tatsache der sozialen Organisierung, unweigerlich gelungen bin, wie Ihr zu denken?" Sehr reich ist die Zahl der Bemerkungen, die sich aus die Kunst und Literatur beziehen. „Die Literatur", slo> bemerkt Flaubert, „ist kein abstraktes Ding. Sie wendet sich an den ganzen Menschen. Ein Wort, das Euch gewagt erscheint, ein alluzfreier Passus reizt vielleicht nur Eure Nerven. Das erklärt auch die Wut -der Leute gegen gewisse Bücher (und die Presseprozesse). Es ist nie der Inhalt, der Grundgedanke, der empört, sondern die Form. Der Stil kann ganz unabhängig von dem, was er ausdrückt, Unerträglichkeiten in sich haben. M,an spürt eine gewisse Zügellosigkeit, eine Ausschweifung in leidenschaftliche Beiwörtern, in unverhüllten Situationen, in der Farbe der Wirklichkeit." Seine Bewunderung für den Stil spiegelt sich in einer anderen Bemerkung. „Die Gelehrten legen sich ebenso schnell den Titel Schriftsteller zu, wie die Dichter den Titel eines Denkers." Herb und bitter urteilt er über die Freundschaft: „Italienisches Sprichwort: Ein guter Freund ist
Lagesschau.
Die sozialdemokratischen Hofgänger in Baden.
Der sozinlLernokratische Parteivorstand veröffentlicht zur Frage der badischen Budgetabstimmung folgende Erklärung:
„Die sozialdemokratische Fraktion des badischen Landtages hat den Parteivorstand von ihrer Absicht, für das Budget zu stimmen, in keiner Weise in Kenntnis gesetzt.
Der Parteivorstand bedauert das die Interessen der Gesamtpartei schädigende Vorgehen der Landtagsfraktion der badischen Sozialdemokratie und sieht darin eine schwere Verfehlung gegen die Einheit der sozialdemokratischen Partei.
Der Parteitag wird den Genossen Gelegenheit geben, sich zur Haltung der sozialdemokratischen Landtagsfraktion Badens zu äußern."
Der „Vorwärts" begleitet diese Rüge mit einem langen Artikel, in dem folgende Stellen von besonderem Interesse sind:
„Und da tut wahrhaftig Eile dringend not! Zu dem Verzicht auf das Bekenntnis des sozialistischen Endzieles, das in der Budgetabstimmung liegt, fügen unsere Genossen in der badischen Kammer noch die Verleugnung der republikanischen Prinzipien unserer Partei! Und hier handelt es sich nicht allein um die Unterlassung einer Demonstration, sondern umgekehrt: unsere Genossen suchen geradezu die Gelegenheit, um für ihr Wohl- verhalten dem Monarchen gegenüber Zeugnis ablegen zu können! Die Fraktion hat es ihren Mitgliedern freigestellt, sich an der Samstag stattfindenden feierlichen Schließung des Landtages zu beteiligen. Es handelt sich um eine rein formale Sitzung, die mit einer Ovation für den Großherzog schließt. Ungefähr ein Dutzend sozialdemokratische Abgeordnete werden sich an dieser Huldigungskundgebung beteiligen. Damit ist aber der sozialdemokratische Hof bericht noch nicht abgeschlossen. Die Genossen Geiß und Pfeiffle, die dem Kammerpräsidium angehören, sind von der Fraktion bestimmt worden, im September an der Gratulationsknr im Schlosse teilzunehmen, die anläßlich des silbernen HochzeitsfesteS des großherzoglichen Paares stattfindet!
Wir gestehen, wir geben diese Nachrichten nicht wieder ohne ein Gefühl tiefer Beschämung. Es erklärt sich aus dem Elend der deutscher: politischen Geschichte, daß der Byzantinismus in einem Maße das Bürgertum verseucht hat, wie in keinem andern Lande. Daß aber diese Pest auch auf unsere eigenen Reihen übergreifen könnte, das hätten wir wahrhaftig nicht für möglich gehalten."
Wenn die badischen Genossen aus den Wünschen des früheren Parteitages sich nichts machten, werden sie auch von dem diesjährigen wohl nichts fürchten.
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Das Privatleben des Königs Georg von England.
Gegen Verleumdungen des Königs Georg, die von Zeit zu Zeit von böswilligen oder gedankenlosen Personen in Umlauf gesetzt worden sind, wendet sich der bekannte Schriftsteller W. T. Stead in der „Review of Reviews" unter der Ueberschrift „Der persönliche Charakter des neuen Königs".
„Die Frage ist aufgeworfen worden," so schreibt Mr. Stead, „Ist es eine Tatsache, oder nicht, daß der König zur Unmäßigkeit geneigt ist?" Er antwortet darauf mit den Worten Lord Roseberys: „Der König hat ein reines, gesundes und von Ausschreitungen freies Leben geführt; er ist ein guter Gatte und Vater. Er wird auf dem Throne häusliche Tugenden entwickeln, die dem Lande teuer sind."
Mr. Steads eigenes Zeugnis, das auf der ^Autorität von Leuten beruht, die den König genau kennen, die mit ihm zusammen gewohnt, zu Mittag und zu Albend gespeist haben, geht dahin, daß „obgleich er zuweilen ein Glas Wein nicht verschmäht, sein gewöhnliches Getränk Milch mit Sodawasser oder destilliertem Wasser ist".
Mit Bezug lauf eine andere, viel schwerere Verleumdung sagt Mr. Stead: „Die Lüge bezüglich oes Königs Unmäßia- keit wird zuweilen vermischt mit einer anderen. Beinahe in jeder Gesellschaft treffen wir Personen, die uns meyr oder weniger umständlich, die Geschichte von des Königs'
eine Kriegsbeute. Der erste (Alfred) verließ mich uni einer Frau willen, der zweite (Bouilhet) für eine Frau. Der dritte (Ducamp) verließ mich für eine Frau. Alle, alle! Bin ich denn ein Ungeheuer?" „Der abgeschmackte Mensch ist der, der sich nicht ändert. Ich bin der abgeschmackte Mensch! Armer, alter Tor, der noch mit 50 Jahren die Anhänglichkeit bewährt, die sie (vielleicht) als 18jährige befaßen!" Als er von Tunis zurückkehrt, wo er Studien zur „Salammbo" gemacht hat, schreibt er voll poetischen Eifers in sein Heft: „Mögen alle Kräfte der Natur, die ich ersehnte, mich durchdringen und in mein Buch einströmen. Her zu mir, ihr Mächte des plastischen Erlebens! Auferstehung der Vergangenheit, zu mir, zu mir! Durch die Schönheit muß trotz allem das Leben und die Wahrheit kommen. Gnade für meinen Willen, du Gott der Seelen. Gib mir die Kraft und die Hoffnung! . . ." Doch diese Anrufung des Weltgeistes hindert ihn nicht, sich ungläubig zu nennen, und er notiert an anderer Stelle: „Die Hoffnung ist ein Attentat auf die Vorsehung."
Flugversuche in England.
London, 16. Juli.
In Bournemouth wurden gestern die Flugversuche fortgesetzt. 'Das Ereignis des Tages war eine Fahrt, die der Franzose Moräne ausführte. Die Aufgabe war, über See nach den Needles zu fliegen und zurück. Moräne stieg bis zu einer Höhe von viertausend Fuß auf und legte mit seiner Maschine die Fahrt mit einer Geschwindigkeit von fünfzig englischen Meilen in der Stunde zurück. Lange ehe man ihn zurückerwartete, kam der Franzose mit einer unglaublichen Geschwindigkeit daher, er ließ seine Maschine dann langsam herab und landete glatt ohne die geringste Störung. Drexel machte ebenfalls einen Versuch und flog gleich hinter dem Franzosen her, er kam aber erst sehr lange nach diesem zurück, er brauchte beinahe vierzig Minuten für die Strecke, für die der Franzose mir wenig über zwanzig Minuten gebraucht hatte.
Drei der englischen Flieger nahmen gestern Damen zu kurzen Fahrten mit, so daß Damen als Fliegerinnen durchaus nichts seltenes mehr sind. Heber fünfzehn nahmen gestern allein an Fahrten teil. Mr. Grahame White, der die meisten der Damen in seiner Fliegmaschine mitnalym, erklärte nachher, bei feinen Passagieren habe er niemals auch nur die geringste Spur von Angst bemerkt, nicht einmal nervös seien die Damen geworden.
Kopenhagen, 17. Juli. Der dänische Flugtechniker Svendsen stieg 4 Uhr früh hier aus und überflog den Sund. Er landete nach 31 Minuten wohlbehalten bei Malrnoe.
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heimlicher Heirat mit der Tochter eines englischen Admirals auf Malta erzählen. Diese soll zu einer Zeit ftattgefunden haben, als seine Aussichten auf die britische Krone per- schwindend gering waren. Die Admiralstochter soll mit ihren zwei Kindern nach einem abgelegenen Schlosse in Schottland verbannt worden sein, das auch zuweilen als eine Irrenanstalt bezeichnet wird. Dort soll die unglückliche Dame gestorben sein. Vor 17 Jahren gab mir der verstorbene König Eduard die positive Versicherung, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort sei. Der König fragte nicht ohne Berechtigung, wo denn das Heiratsregister und der Geistliche, der diese ungesetzliche Handlung vorgenommen habe, hingekommen seien.
Die Geschichte kam auch zu Ohren des gegenwärtigen Königs, der, wie alle Mitglieder seiner Familie, sie als eine solcher albernen Erfindungen bezeichnete, die anscheinend nur zu dem Zwecke verbreitet werden, um die Leichtgläubigkeit des Publikums zu erproben."
Aus dem StrasprszeßKusschutz.
:: 58'erl in, 16. Juli
Der Strafprozeßausschuß des Reichstages setzte heute die Beratung des Abschnittes „P r i v a t k l a g e" fort. Zum § 384 wurde folgender Antrag angenommen:
„Der Amtsrichter kann nach der Erhebung der Privatklage, wenn er es zur Vorbereitung der Hauptverhandlung ober aus anderen Gründen für zweckmäßig hält, eine V 0 r- ver Handlung anberaumen und hierzu das persönliche Erscheinen der Parteien anordnen. Kommt es bei der Vorverhandlung zu einem Vergleich, so findet § 383 Abs. 3 entsprechende Anwendung."
Zum § 392 lag der Antrag vor, daß eine Buße gefordert ist, diese Forderung nicht fortfällt, wenn der Verletzte während des Verfahrens stirbt. Damit war der Ausschuß einverstanden.
Bei § 394 blieb im zweiten Absatz nur die Bestimmung stehen: „Nach der Hebernahme wird das Verfahren in der Lage fortgesetzt, in der es sich befindet."
Zum § 400 (Widerklage) lagen eine Reihe von Anträgen vor, die aber sämtlich ob gelehnt wurden. Die Fassung der Regierungsvorlage blieb erhalten.
Bei § 404 wurde hinzugefügt: „Wird die Nebenklage als unzulässig verworfen, so findet sofortige Beschwerde statt. Solange nicht die Ungültigkeit der Nebenklage rechtskräftig ausgesprochen ist, wird der Nebenkläger im Hauptverfahren zugezogen."
Darauf wurde der Rest des Abschnitts über die Privatklage nach der Regierungsvorlage angenommen.
Der Ausschuß ging bann in die Ferien. .Die nächste Sitzung findet am 20. September statt.
Die Sßugltngsftetblid)feii in Hessen.
Ms Nr. 1 der Schriften der Großh. Zentralstelle für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen hat Regierungsrat Knöpfel in Darmstadt eine Statistik über die Säuglings st erblich-- keit in Hessen während dep Jahre 18 63 bis 190 8 er^ scheinen lassen.
Die höchsten Geburtsziffern finden sich in der ersten Hälfte der 1870 er und in den 1830 er Jahren. In letzteren Jahren kamen auf 1000 der mittleren Bevölkerung 36 bis 37 Lebendgebvrene. 'Die Geburtenhäufigkeit sank in den wirtschaftlich sehr ungünstigen Jahren 1852 bis 1855 auf 28,9, um dann kurz nach Errichtung des Deutschen Reiches ihren zweiten Höhepunkt mit 37,3 in 1871/75 zu erreichen. Von da ab ist ein stetiger Rückgang der Geburtenhäufigkeit zu verzeichnen. Tie Stetigkeit beweist, daß die wirtschaftliche Konjunktur nicht mehr von ausschlaggebendem Einfluß ist. Man macht dagegen die Beobachtung, daß sich die wohlhabenderen Bevölkerungsklassen eine Beschränkung in der Kind er zahl auferlegen. Während bei der jüdischen Bevölkerung Hessens im Zeitraum 1876/80 noch 31,6 Geborene (einschließlich Totgeborene) auf 1000 der jüdischen Bevölkerung kamen, ist deren Geburtsziffer 1901/05 auf 18,6 gefallen.
Die Totgeburtenziffer ist großen Schwankungen nicht unterworfen. Immerhin ist es bemerkenswert, daß die Zahl der Totgeborenen auf 100 Lebend- und Totgeborenen berechnet, von 4,4 in den 1860 er Jahren auf 3,1 1908 gesunken ist. Aus 100 unehelich Geborene kommen im Jahre 1908 3,5, auf 100 ehelich 3,1 Totgeborene.
Die Zahl der unehelich Geborenen zeigt um die Zeit der Errichtung des Deutschen Reiches einen auffallenden Rückgang,
— (Sine wissenschaftliche Mission zur Erforschung d e r © 0 n n e n ft ö r u 11 g e n. In der „Nature" gibt Dr. N 0 d 0 u, der Präsident der astronomischen Gesellschaft in Bordeaux, einen interessanten Bericht über die wissenschaftliche Mission, die ihn im März d. Js. in die Sahara geführt hat. Ziel dieser Reise war die Eriorschung und Beobachtung des Zusammenhanges der zwischen Sonnenperturbationen und gleichzeitigen auf der Erde beobachteten Störungen seismischer, magnetischer und meteorologischer Art. Die trockene und klare Atmosphäre der Wüste schien zu solchen Beobachtungen besonders geeignet zu sein. Der Zeitpunkt des Eintreffens der Mission in der Sahara war der des Eintretens größerer Sonnenstörungen, die nach den angestellten Berechnungen zwischen dem 26. März und dem 3. April, der Zeit des Durchganges der Erde zwischen der Sonne und dem Planeten Jupiter, in die Erscheinung treten mußten. Die Berechnungen erwiesen sich auch als vollkommen richtig, denn pünktlich am 26. März verzeichneten die Instrumente einen magnetischen Sturm, der ununterbrochen Tag und Nacht bis zum 1. April währte und den Beginn einer ganzen Reihe anderer Störungen physikalischer und meteorologischer Art auf der Erde und in der Atmosphäre dar- stellte, zwischen denen allen eine merkwürdige zeitliche Ueberein- ftimmung und ein engerer Zusammenhang bestand, wie er mit solcher Deutlichkeit bisher wohl kaum beobachtet worden ist. Gleichzeitig mit dem magnetischen Sturm traten auch Störungen elektrischer Art auf. Am 1. April gab es Niederschläge, die sich am 2. April zu starken Regenfällen steigerten. Gleichzeitig siel das Thermometer beständig. In der Provinz Algier, in Messina und in Portugal wurden Erderlchütterungen bemerkt. In Constantine gab es heftige Stürme, in Biskra verzeichnete man Gewitter. In ganz Europa wurden atmosphärische Störungen der verschiedensten Art verzeichnet. Ucber dem Mittelländischen Meer und über Südfrankreich lagerten Gewitterzentren, der Ausbruch des Aetnas deutete an, daß man sich in einer Periode großer Unruhe befand. Schließlich meldeten auch noch die Observatorien von Christiania und Stockholm das Erscheinen von Nordlichtern mit prächtigen Strahlenphänomenen, und während man auf der Erde alle diese einzelnen Erscheinungen beobachtete, mären auf der Sonne plötzlich Gruppen von Sonnenflecken erschienen, die die Borboten der Per- turbationen sind. Die Dauer der Störungen auf der Sonnenober - stäche entsprach genau der Dauer der magnetischen, elektrischen und atmosphärischen Störungen auf der Erde. Weiterhin berichtet Dr. Nodon von Beobachtimgen über das Zodiallicht, das nach leinen Feststellungen in der Sahara dreimal slärler ist als das der Milchstraße.


