Ausgabe 
2.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 205

Zweites Blatt

Freitag 2. September IS 1V

Giehener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheffen

160. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Bich- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

DieSietzener Familienblätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt fflr den Kreis Eichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

3$wol$ti$ Balkanreise.

Mit lebhaftester Spannung sieht man in Petersburg Der Balkanrerse des Ministers des Auswärtigen, Herrn von JswolM, entgegen. Läßt sich doch der in .Konstantinopel er­scheinende deutscheOsmanische Lloyd" von dort schreiben daß diese Reise den ausgesprochenen Zweck verfolge, die bulgarisch-türTrschen Gegensätze durch die Verwirklichung eines Balkanbundes mit der Türkei an der Spitze zu be­seitigen. Dre führendeiLPolitiker Rußlands, so heißt es in dem Petersburger Briefe weiter,halten die jetzige Reise des Herrn von Iswolski nach dem Balkan für den wichtigsten politischen Schachzug in diesem Jahre, der den russischen Einfluß rm naher: Osten wieder befestigen und für die nächste Zukunft maßgebend machen soll. Der Panflawis- mus erwartet atemlos die Nachrichten von dem Ergebnis der neuesten Reise Iswolskis nach dem Balkan und über die Stimmung in Konstantinopel."

Sft tiefe Information desOsmanischen Lloyd" richtig, so hätte alfo^ Herr v. Iswolski von der Gründung eines' Bulgarien, Serbien und Montenegro umfassenden, unter russischer Führung stehenden und gegen die Türkei qe- richteten Balkanbundes wieder einmal Abstand genommen und Ware zu seinen Plänen vom Frühjahr dieses Jahres ^rrückgekehrt, die damals trotz der Besuche der Könige von Bulgarien und Serbien in Konstantinopel daran scheiterten, daß man dort, ganz abgesehen von den auch heute noch bestehenden Schwierigkeiten, über den Empfang, den Zar "Ferdinand von Bulgarien und König Peter von Serbien kurz vorher in Petersburg gefunden hatten, mit gutem Recht einigermaßen verschnupft war. Wenn aber Iswolski trotzdem heute wieder ä ses Premiers amLwrs zurückkehrt, so zeigt das einmal die Hartnäckigkeit, mit der bemüht ist, die Schlappe, die ihm der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen, Graf Aehrenthal, durch die Einver^^ung Bosniens und der Herzegowina beigebracht hatte, .mrch eine große diplomatische Tat wettzumachen, und es zeigt ferner, wie sehr Rußland bestrebt ist, die Niederlage, die es rn ferner ostasiatischen Politik erlitten, durch eine inter- srvere Balkanpolitik wieder auszugleichen.

Die Aus si chten, daß ein solcher Balkanbund unter turtiicher Führung wirklich zustande kommt, sind aber auch h e u t e n u r g e r i n ge . Ein politischer Staatenbund läßt sich eben nicht aus dem Stegreif schäften. Es ist dazu nötig, daß die betreffenden Staaten sich zunächst an eine wirt-4 schaftliche Gemeinschaft gewöhnen, wie es z. B. vor Bei gründung des Deutschen Reiches der deutsche Zollverein war, ehe sie zu der Meinung kommen, daß sie zu einem gemeinschaftlichen Leben in einem engeren politischen Ver­bände von der historischen Entwicklung bestimmt sind. Aber schon daran fehlt es auf dem Balkan, wie das durch die abweichende^ Zollpolitik der einzelnen Balkanstaaten und durch den Streit um die Eisenbahnlinien zur Genüge be­wiesen wird. Und nun erst die religiösen und nationalen, Gegensätze, nicht nur zwischen der Türkei und den Balkan-f tönigreichen, sondern auch zwischen diesen selbst. Für sie auch nur theoretisch eine ausgleichende Formel zu finden, dürfte umso schwerer sein, als ein integrierender Bestandteil der Türkei, nämlich Mazedonien, das Kampffeld abgibt für diese Gegensätze zwischen Mohamedanern und Christen, zwischen bulgarischen und serbischen Nationalitäten. Ein Ausgleich könnte hier nur stattsinden, wenn die Türkei zu Zugeständnissen an die in Mazedonien lebenden National^ täten bereit märe und es gelänge, die vielumstrittene Pro­vinz völlig von den Einflüssen aus Sofia und Belgrad zu isolieren. Das aber ist unmöglich, weil die Türkei durchaus auf ungeschmälerte Auftechterhaltung ihrer Hoheitsrechte

r^er Mazedonien bestehen muß, wenn sie überhaupt .in Europa noch eine Existenzberechtigung haben will. Zeigt doch gerade jetzt die energische Haltung der Pforte bei der Wahl von Kretern rn dre griechische Nationalversammlung, daß sie nicht gesonnen ist, weiter auch nur ein Jota von rhren Souveränitätsrechten den Ansprüchen der kleineren Balkanstaaten zu opfern.

So würde die Türkei, wollte sie dem Jswolskischen Pro- iekt eines Balkanbundes zustimmen und die Führung darin durch Zugeständnisse in Mazedonien erkaufen, ihr kaum wredererrungenes Ansehen als Großmacht aufs Spiel setzen, ja, fie würde sogar, wenn man bedenkt, wie sehr das SeLst- gefuhl der Ottomanen seit der Revolution gestiegen ist, schwerlich von inneren Wirren verschont bleiben und damit ihre bisher so vielversprechende innere Entwickelung wieder rn Frage stellen. Aber weiter! Selbst wenn Iswolski auf alle nationalen Zugeständnisse seitens der Türkei in Maze­donien verzichtete, wie wäre es eigentlich mit der der Türkei ja zugesagten Führung in dem Balkanbunde bestellt? Werden Serbien, Bulgarien und Montenegro diese Führung ohne werteres und in jedem Falle anerkennen und die Direktiven aus Konstantinopel entgegennehmen, oder wird nicht viel­mehr, da es sich doch wahrscheinlich um einen Bund inter pares handelt, die Pforte in alten Fragen von den Drei kleineren Balkanstaaten überstimmt werden, selbst wenn noch Rumänien dem Bunde beiträte und sich auf die Seite der Türker stellte? Wird deshalb von einer Führung der Türkei praktisch wirklich die Rede sein können, oder wird nicht vielmehr das Petersburger Kabinett fortab der eigentliche Drahtzieher auf dem Balkan sein, der die Puppen Ferdinand, Peter und Nikita gegen die Türkei agieren läßt?

Gelänge Herr;: v. Iswolski tatsächlich die Begründung eines derartigen Balkanbundes, dann wäre Rußland aller­dings für absehbare Zeit die maßgebende Macht auf dem Balkan geworden und die Reise des russischen Staats­mannes selbstverständlich das wichtigste Ereignis des Jahres 1910. Aber wie sehr man auch, nicht nur in Petersburg, Belgrad, Sofia, Cetinje, sondern auch in London und Paris den Abschluß des Balkanbundes herbeisehnen mag, um den deutschen und österreichisch-ungarischen Einfluß auf dem Balkan zu brechen und das Wert der Einkreisung der beiden Kaisermächte zu vollenden: in Konstantinopel hat man sich die Gefcchr, die ein solcher Bund der Türkei brächte, schon lange klar gemacht, und in Berlin und Wien wird man die Pläne Iswolskis in jeder Weise zu durchkreuzen wissen. Ist es doch jedem nur einigermaßen mit den Balkanfragen Vertrauten klar, daß ein Balkanbund unter nominell türki- cher, taftächlich aber russischer Jichrung nur weitere Balkan­wirren im Gefolge haben und so den europäischen Bölker- rieden aufs ernstlichste bedrohen würde. Es wird mit dem Balkanbunde wieder nichts sein, Herr v. Iswolski!

Wie aus Konstantinopel verlautet, herrscht in den diplo­matischen Kreisen der Kreta-Mächte die Ansicht vor, daß Venizelos vielleicht auch Pologeorgis, wenn ihre griechische Staats­angehörigkeit erwiesen wird, zur Nationalversammlung zugelassen werden, die Kreter jedoch ausgeschlossen werden würden. Bei der Unterredung mit den Ministern des Aeußern behauptete Gry- paris, daß Venizelos und Pologeorgis hellenische Staatsangehörige seren. Die meisten der Kreta-Mächte haben bereits auf dem Wege durch die türkischen Botschaften den letzten Schritt der Pforte beanwiortet. Nach einem CommUnique des Prcßbureaus wurden die Behörden angewiesen, die Bestimmungen des Strafgesetzes sowie die Verordnung über* den Belagerungszustand gegen die gewählten Delegierten und Veranstalter der Nationalversammlung des oekumenischen Patriarchats anzuwenden.

München, 1. Sept. Iswolski, der gestern von Egern am Tegernsee hier angekommen war, ist heute abend i/2ll Uhr nach Frankfurt a. M. abgereist.

verband deutscher Gewerbevereine und tzandwerkeroereinigungen.

Am 29. und 30. August hielt der Verband deutscher Ge- werbevereine unb Handwerkervereinigungen in Regensburg serne 16. Hauptversammlung unter Leitung seines Vorsitzenden, Geh. Regierungsrat Noack-Darmstadt, ab Der erste Tag brachte einen eingehenden Bericht des Geh. Regierungsrats Dr Dietz-Darmstadt überdie R eich s v er si che r u n g s o rd- nung und der Handwerkerstand, insbesondere die Pensions-undHintcrbliebenenvLrsicherungder selbständigen Handwerker und Gewerbetreiben­den". Nach eingehender Aussprache, in der besonders die Be­stimmung über die Hälftelung der Krankenkassenbeiträge erörtert wurde, fand folgende Entschließung Annahme:

I. Die Hauptversammlung ersucht die Vorstandschäft, sofort än geeigneter Stelle dahin zu wirken, daß in der Reichs-Ver­sicherungsordnung die Kranken- und Jnvalidenversicherungs- pflicht der selbständigen Gewerbetreibenden mit einem Jahres­einkommen bis zu 3000 Mk. gesetzlich ausgesprochen wird.

Zur Reichs-Versicherungsordnung werden alsdann noch folgende einzelne Anträge gestellt:

1. Durch die Schaffung von Versicherungsämtern darf die Selbstverwaltung der Versicherungstpäger nicht beeinträch­tigt, das Verfahren nicht verlangsamt, und es dürfen die Ver­sicherungsträger nicht mit weiteren Kosten belastet werden.

2. An der Hälftelung der Beiträge für die Krankenver­sicherung ist festzuhalten.

3. Die Errichtung von Jnnungs- und Betriebskranken­kassen, wie ihr Bestehen überhaupt, ist nicht zu erschweren.

4. Die Jnvatidenversicherungspflicht ist gesetzlich für sämt­liche Hausgewerbetreibende auszusprechen.

5. Durch Schaffung höherer Lohnklassen oder durch Schaf­fung überhaupt einer anderen Grundlage für die Renten-Fest- fetzung muß es ermöglicht werden, daß Versicherte mit höherem Lohn höhere Rente erhalten, daß insbesondere auch Versicherte rn jüngeren Jahren bereits in den Genuß einer höheren Rente gelangen können.

6. Die Zusatzversicherung ist nicht auf den Fall des Ein­tritts der Erwerbsunfähigkeit zu beschränken.

7. Für die Hinterbliebenenversicherurrg müssen freiwillig geleistete Beiträge in gleicher Weise bewertet werden, wie Zwangsbeiträge.

8. Die Vorschriften über das Erlöschen der Anwartschaft sind zu mildern, insbesondere nach der Richtung, daß das Wiederaufleben der Anwartschaft auch bei freiwilliger VÄche- rung eintritt.

9. Der Begriff der Erwerbsunfähigkeit der selbständigen Gewerbetreibenden gegenüber den Lohnarbeitern ist zu regeln.

II. Für den Fall, daß der Anschluß der selbständigen Ge­werbetreibenden an die Reichs-Verficherungsordnung nicht er­möglicht werden sollte, sind gleichzeitig Schritte zu tun, um ihre zwangsweise Einbeziehung in die in Aussicht stehende Pensionsversicherung der Privatbeamten zu erreichen.

Am zweiten Verhandlungstag wurde das Thema:Die Mitarbeit der Gewerbe- und Handwerkerver- eine an der Lehrlingsfürsorge" von Geh. Regierungs­rat N o a ck - D a r m st a d t und Marinepfarrer Weicker, Dezer­nent bei der Zentralstelle für Volkswohlfahrt Berlin, eingeh^id behandelt. Einstimmig wurde nach einer Aussprache folgende Entschließung angenommen:

Der Verband hält die Fürsorge für die gewerbliche Ju­gend, sowie deren Zusammenschluß in Organisationen und Ver- finen neben der Werkstattlehre als eine der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben seiner Mitglieder und Vereine. Zur Lösung dieser Aufgabe dienen die Veranstaltungen zur Samm­lung der Jugendlichen ,in Lehrlingsheimen oder -vereinen auf Grund bewährter Arbeitsprogramme. Vereine, welche über eigene Gebäude und ausreichende Geldmittel verfügen und eigene' Handwerkerschulen besitzen, sind in erster Linie berufen, von sich aus Fürsorgeeinrichtungen selbstäirdig zu treffen. Anderen Vereinen wftd das Zusammengehen mit den am Orte etwa vor- harrdenen Lehrlingshorten, Jünglingsvereinen oder konfessio- !nellen Jugend Vereinigung en zur gemeinsamen Arbeit an der

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Klaus Groths Brautbriefe.

In den letzten Jahren sind mancherlei 'Briefveröffentlichungen! aus dem Nachlaß der großen Männer unseres Volkes hervor­getreten, und viele intime Herzensbeziehungen aus denr Leben rhrer Schreiber sind dadurch ans helle Tageslicht gezogen worden. Man hat das hier und da als unzart gescholten, aber man sollte doch bedenken, welch eine Fülle von Poesie und Gefühl uns dadurch erschlossen wurde, und vor allem, welch eine Reihe edler Frauengeftalten uns dadurch geschenkt worden ist. Es sei nur erinnert an Karoline von Humboldt, Mathilde Wesendonckl und Clara Wieck. Zu diesen Frauen, die man sich aus unsrer! Geistesgeschichte nicht mehr wegdcnken kann, wird in kurzer Zeit auch die Braut Klaus Groths, Doris Finke, gehören. Tie Briefe, die Groth an dieses Mädchen, die Tochter eines Bremer Kaufherrn geschrieben hat, beginnt soeben Professor Hermann Krumm im neuen Jahrgang vonWesternranns Mo­natsheften" herauszugeben. Sie sind als Beitrag zur Charak­terisierung des Dichters und seiner Braut, sowie ols Zeitbild von hervorragendem Wert und bieten eine reiche psychologische und literarische Ausbeute.

Groth lernte seine Braut im Sontmer 1858 auf der alten Kieler Seebadeanstalt, in dem damals noch unberührten Idyll Düsternbrook, kennen und lieben. Er war damals mit seinen 39 Jahren längst über die erste Jugend hinweg, und ein schweres und entsagungsvolles Leben lag hinter ihm. Fast glaubte er, Uon abgeschlossen zu haben. Desto flammeirder schlug jetzt die Leidenschaft über ihm zusamünen. Die Briefe atmen eine oft beinah ungestüme Jugendlichkeit, eine weiche Schwärmerei des Gefühls, verbunden mit gradsinnigem Mannesmut, gleich charak­teristisch für Groths Art wie für das Wesen seines Volksstammes. Er kann sein Glück kaum fassen, aber die Liebe schenkt ihm nicht nur einen reizenden Taumel, sondern sie hebt ihn empor und erfüllt sein HeiH mit neuer Schaffenslust; Laura und Beatrico soll ihm die Geliebte sein. Freilich kam dieser in den Briefen knospende Dichtungsftühling nicht zur vollen Blüte, und so werfen sie auf die Tragödie des Dichters Groth ein Helles Licht: die zunehmende Teilnahmlosigkeit derer, die ihn einst so stürmisch bcwillkommt hatten, lälMte ihn. Ja, es klingt manche Bitter­keit und mancher Zweifel burd) das Jubilieren der Hochzeits­geigen hindurch, und auch die Schwierigkeiten, in die der Auto­didakt als Professor in Kiel geriet, melden sich hier an, wo es gilt, für die junge Ehe ein sicheres Heim zu bauen.

Von den auch rein künstlerisch betrachtet wertvollen Briefes seien hier einige mitgetcilt. Zunächst einer der ersten, die Groth an die nach Bremen zurückgekehrte Braut in vollem Jubel über ihren Besitz geschrieben hat. i

Freitag, 3. Sept. 1858.

Wie ist cs möglich, dieses Glück, das jnir zufällt, wie der Sonnenscheln^uf die Erde, dieses Glück, das Du mir bereiteste, Gelicbteste! Ich kann es nicht fassen, nicht glauben, und doch, es berückt mich kein Traum. Ter Jubel ist noch immer im Wachsen, wie wenn erst die Fibern der Prust müssen lose ge­

schüttelt werden von der Freude, daß Jie alle mitklingen können^ in die liebliche Harmonie. Wie im Hafen der erftischende Hauch nur die Wogen kräuselt, aber draußen, chinaus über Bülk und den leitenden Feuerturm, da schlagen sie empor, schaumgekrönt, daß das Schifslein auftanzt: so gchen die Wellen durch meine 33rut^.imin.eT höher, oft jauchzt mir das Herz, daß es weh tut. Tief in der Nacht ruf' ich tausendmal Deinen Namen und kann nicht enden, Geliebteste. Siehe, Du Vöglein von Bremen, nicht demütig hättest Du sagen sollen, sondern wie eine Königin: komm her. Du Vielgeprüfter, hier «hast Du die Krone des Glücks, falle auf die Knie, ich reiche sie Dir! Mein Lorbeerkranz liegt und vertrocknet in Bonn,, man setzte ihn mir auf, als man mich zum Ehrendoktor machte: Du sollst ihn haben. Ich hab' es nicht für möglich gehalten: eine Jung­frau mein! soviel Geist, Herz, Bildung, Ordnung, .Frömmig­keit, Heiterkeit! und will es nur für mich haben! so schön, daß meine Augen sich erguicken an jedem Zuge, nur mein! Abor ich werde auch dankbar sein! Wissen (Sie, Dörchen, eine Stel­lung habe ich mir in der Nacht ausgefunden, in der ich mir Sie einigermaßen vorstellen kann: mit dem blauen Mützchen auf dem Profil im Mondschein. Junge! «Junge! ich werde noch ein Maler und male Dich! Mle andern Gesichter kommen mir immer nicht recht weiblich vor ach, entschuldige mein Ge­plauder?

Mir ist sonst jeder Abschied immer trübe gewesen durch das dilmpfe Nachgefühl. Als ich von.Ihnen ging, schlug mein Herz so voll, daß ich ftöhlich und sicher blieb. Freilich fürchtete ich unterwegs tn der Droschke, daß ich einen Blutsturz be­kommen möchte, aber das war mir so gleichgültig, daß ich den Kops zum Fenster würde hinausgehalten und gedacht haben: laß strömen! Ich habe die Liebe gar nicht gekannt. Was ich ge- gesungen, war Sehnsucht nach Liebe. Das Mädchen in meinen Hundert Blättern habe ich nur gesehen, nur Gleichgültiges mit ihr gesprochen, ich dachte mir schon, daß sie verlobt sei, ich wußte auch, daß ich noch Jahre arbeiten müßte für mein Dichterideal. So zog ich mich mit den Schmerzen zurück, welche die Resignation immer bereitet. Dann vermied ich mit eiserner Konsequenz jede Bekanntschaft mit jungen Mädchen, ich lebte wirklich wie ein Anachoret. Aber dabei verdirbt der Mensch, es ist zu unnatürlich Ich habe nachdem zweimal eine flüchtige Neigung gefaßt, wovon ich den Unsinn gleich ernsah und dafür litt, was sich gehört' ich wußte, daß kein Glück dabei zu finden war, ich glaubte aber auch nicht mehr ans Glück. Nun hat Deine Liebe mich beschlichen wie der Frühling die Erde. Nun fürchte ich nicht einmal den November und Dezember, wovor ich sonst solche trübe Angst habe. Ich kenne noch die schöne Zeit, wo ich, in Begeisteruntg für meine Arbeiten, aus Gedanken oder Träumen oft mit leb­haftem Stoß aufwachte, fteudig, wie wenn ein Fest mich er­warte: dies ist jetzt mein Zustand. Habe Dank, Geliebteste! . . ,

Ewig Ihr Klaus Groths

Groth hoffte, die Geliebte recht bald in Bremen wiederzuseh^ Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht so bald. Um ihr näher zu sein, reifte er zu Weihnachten zu Freunden des Finkeschen Hauses

nach Hamburg und schrieb an Doris von dort aus seinen Silvester- brief (1858):

Liebe Doris! Ich wünsche Ihnen ein frohes Neujahr, vor allen Dingen Gesundheit, und dann wünsche ich noch etwas, was uns beide langeht. Sie mögen es sich selbst in Worte fassen. Heut' abend wird mein letzter Gedanke an Sie sein, morgen früh mein erster. Tas ist freilich immer, aber es fällt einem wohl zum Schluß des Jahres ein, wie es in dem alten Jahre anders ge­worden. Ich kann nicht anders, als dem Himmel von Herzen dankbar sein für die Gaben des letzten Jahres, und bin es auch . .

Ich habe seitdem oft mit Freude über all die Punkte much- gedacht, in denen wir uns ähnlich sind, und es beglückt mich, deren so viele zu finden, ja oft ganz scherzhafte, z. B. unsre Hände, mehr doch hie, die ein geistiges .Band abgeben, das die Seelew bindet. Oft war's mir.ein Wink, der von mir oder Ihnen kam, und wir wußten sogleich beide, woher und wohin. Es ist doch wahrhaft geheimnisvoll, warum wir zwei auf dem einen Fleck am grünen Ostseestrande zusammentreffen mußten. Dafür sei das alte Jahr bedankt!

Es spielt hier eben entfernt imd nur kaum faßbar ehre Drehorgel den ChoralNun danket alle Gott". Das Geräusch auf den Straßen betäubt mich sonst, aber jene Töne haften schon von der Kindheit her mir im Ohr, wo ich jedesmal sehr ernst, ja oft traurig war, wenn ich zu Weihnacht ober zu Neujahr diesen Choral hörte. Ich begreife noch jetzt nicht, warum so wenig Heiterkeit gerade zu jenen Festen in mir lag. Noch weht mit diesen Tönen jene Wehmut zu mir herüber. Ich denke namem- lich meiner lieben geschiedenen Mutter und Tartte Christine, Wenn sie doch noch gelebt hätten, daß ich ihnen hätte fragen können, was letzt meine Seele füllt! Auch das aus dem allgemeinen Menschenlose stimmt mich wehmütig, daß wir zwei, die sich so liebhaben, jeder in seinem Kreise getrennt fein müssen. Jawohl, da? ist Menschenlos! Durch welch eine Reihe von Jahren voll Mühsal und Entsagung habe ich mich nun schon hindurch^earbeitet l und nun ich gefunden, was mein Herz beseligt, trennt wieder un­erbittlich Raum und Zeit. Doch denke ich, Mut unb Kraft sollen beide vernichten. ... f

Endlich drucken wir noch den neckischen Brief im Auszug ab, in dem Groth der Brant die fteudige und wichtige Botschaft von der ihm gewährten Pension übermittelt (6. Januar 1859):

Heute, Hebe Doris, hatte ich mir vorgenommen, einmal recht den lieben langen Tag mit Ihnen allein znzubringen, und denken Sie, da verhinderte mich heute morgen ein gemeine^ veritabler erbärmlicher Katzenjammer! Erstaunen Sie nicht, ich will Ihnen erzählen. So muß es einem Menschen ergeben 'M so lch komme aus meiner Vorlesung gestern abend um sechs Uhr wie gekocht, so daß ich mich ganz umziehen mußte. Ich hatte Ihren schönen weißen Schal umgebunben (er sieht dock) aus agte Petersen, als ich ihn mit Jubel zeigte und gegen das Gesicht prebte wie eine saubere Mädchenseele selbst). Sie können schon daraus wkssen, daß ich an Sic dachte, und unsre Gedanken sind ich.also um fünf und sechs noch besonders begegnet. Das merkte id) auch, denn mir war so köstlich wohl zu mute, daß ich mich ganz letle in meinen Lehnstuhl hockte, Ihr liebes. Wp pesal)