92t« 51 Zweites Blatt
160« Jahrgang
Mittwoch 2. März 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Von einem Unbekannten Kleidungsstücke aus einer einem Althändler zum Teil gelingt es der Polizei, den der Kleider eines falschen
cm SelterS weg ausgeführt, wurd-n ein Anzug und sonstige Wohnung geholt und alsbald bei für 10 Mk. verkauft. Hoffentlich Burschen, der sich beim Verkauf Namens bediente, zu ermitteln.
Die „Giftetet Lamilienblätler" werden dem „ynAfifler* viermal wöchentlich beigelegt, das „Eteisblatt für den Kreis Sirtzrn" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtichaftlichen Selb fragen" erfchemen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersuätS - Buch- und Skeindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: es» 61. Redaktwn.^^112. Tel.-AdreAnzeigerGießen.
" Ein Landerziehungsheim im Odenwald. Nach der vorn Oberlehrer Dr. Strecker herausgegebenen Monatsschrift „Eltern und Schule" hat das Großh. Mi- nislerium dem Oberlehrer Geheeb die Erlaubnis zur Errichtung ein-s Landerziehungsheims erteilt. Geheeb ist zu der damit übernommenen Alifgabe aufs Beste vorgebildet. Er hat Theologie, Naturwiffenschasten, Medizin, Philosophie und Pädagogik (20 Semester!) studiert und praktisch in verschiedenen Erziehungsanstalten gewirkt, u. a. die freie Schul- ge-u'.mde Wickersdorf begründet. Die neue Anstalt soll zum Bestehen der Einjährigenprüfung vorbilden, neben der geistigen Bildung die körperliche pflegen und das Prinzip der Koedu- kation in Unterricht und Erziehung durchführen. Die Land- erziehungSheime bestehen jetzt schon über ein Jahrzehnt und dürften berufen sein, ein wichtiges Glied in der Äetta moderner pädagogischer Ncformbestrebungen zu bilben/’’-*'**
+ Garbenteich, 1. März. Unser §>fnbccein, der vor einem Jahre gegründet wurde, kann mjt Befriedigung auf das erste Jahr seines Bestehens zurückblicken. Er zählt schon 100 Mitglieder; am letzten Sonntag hielt dec Verein eine Hauptversammlung bei Gastwirt Wehrum ab. Der seitherige Vorsitzende und der Turnwart wurden wiedergewählt und beschlosien, an dem Turnfest m Odenhausen dieses Jahr teilzunehmen.
^Burkhardsfelden, 1. März. Am Samstag abend kam es zwischen einigen Burschen, die vorher friedlich zusammen im Wirtshaus gesessen hatten, auf dem Nachhauseweg zu Streitigkeiten, die zu Tätlichkeiten ausarteten. Im Verlause der Schlägerei wurde ein Bursche mit dem Messer gestochen. Der herbeigerufene Arzt glaubte zuerst, die Lunge sei verletzt, aber am anderen Tage konnte er feststellen, daß dies Nicht der Fall war. Der Verletzte erholte sich so schnell wieder, daß er am Montag die Musterung mitmachen konnte. Der Täter, der zuerst bedroht worden sein will, hat die Tat eingestanden.
-- Marburg, 1. März. Eine von hiesigen Kunst- rmtnben veranstaltete OpernVorstellung „Das Nachtlager von Granada" in den Stadtsälen konnte vor
Aus Stadt und Land.
Gießen. 2. März 1910.
** Die ersten Boten des Frühlings sind ein- getrosfen. Bereits Mitte Februar konnte man in diesem Jahr den Jubelruf der Lerche auf den Feldern vernehmen. Bachstelze, Weidenlaub v o g el und Hausrotschwänzchen werden bald nachfolgen. Da ist es an der Zeit, auf jene Bestimmung des neuen Reichs- vogelschutzuesetzes aufmerksam machen, wonach vom 1. März ab das Fangen, Töten, Kaufen und Verkaufen von nützlicheniSingvögeln verboten ist. Vogelfänger und Vogelhändler werden bei Uebertretungen mit Geldstrafen nicht unter 150 Mack, im Wiederholungsfälle mit Gefängnis bestraft. Die Polizeiorgane sind be- auftragt, Uebertretungen des Gesetzes unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.
** Gewerbebant Gießen. Am Dienstag abend fand im „Einhorn" die 51. Generalversammlung der Gewerbebank Gießen, E. G. m. u. $?., in Anwesenheit von etwa 80 Mitgliedern statt. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Stadtv. L. Petri II., begrüßte die Erschienenen und gab bekannt, daß die Einberufung der .Generalversammlung satzungsgemäß erfolgt sei. In weiteren Ausführungen bemerkt der Vorsitzende, daß eine lvesentliche Besserung im geschäftlichen und gewerblichen Leben noch nicht eingetreten sei, trotzdem aber bei der Bank günstige Ergebnisse hinsichtlich des Mschlusses in vergangenen Jahren erzielt wurden. Ties verdankte die Bank dem ihr von feiten der Mitglieder errtgegengebrachten Vertrauen, der ersprießlichen Tätigkeit der Beamten und Angestellten, sowie der opferwilligen Mitarbeit des Aufsichtsrats. — Bei den vorgenommenen Revisionen der Bücher und Bestände der Bank wurde alles in bester Ordnung befunden. Redner stattet allen, die an dem Gedeihen der Bank mitgearöcitet, den wohlverdienten Dank ab und drückt den Wunsch aus, das; die Bank auch fernerhin segensreich wirken möge. Für das der Bank von Buch- bindermerster Häuser sen. gestiftete, schön ausgestattete Buch, in das fernerhin die Protokolle über die Generalversammlungen eingetragen w^roen socken, r.attet derVor i, ende dem Stifter besonderen Tank ab. — Ter Geschäftsbericht wurde wieder ausführlich von Direktor Loos erstattet. Redner führte aus, daß das vergangene Geschäftsjahr keineswegs als ein gutes bezeichnet roerden könne, da die vergangene Geldkrrsis, die Unsicherheit in der Politik, die neuen Steuergesetze und anderes ungünstig auf Handel, Industrie und Gewerbe gewirkt. Auch der Geldverkehr werde in hohem Maße durch Angebot und Nachfrage beeinflußt: dies zeigte das vergangene Geschäftsjahr mit seinen schwankenden Zins- und Diskontsätzen und bewies, daß die allgemeine wirtschaftliche Lage keine gesunde war. Dies komme auch in der diesjährigen Rechnung der Gewerbebanl zum Ausdruck: trotzdem der Umsatz sich um ca. 1 Million steigerte, hatte die Bank
.inen kleinen Rüagang im Reingewinn zu verzeichnen, ckedner verbreitete sich eingehend über bie einzelnen Konten .es Geschäftsberichts. Bei dem Vorschußkonto nnb die Zins- ückstände um ca. 51 ■-> Tausend Mark höher gewesen wie int Vorjahr. Bei dem Wechselkonto ist eine Verminderung em- getreten: hier komme die allgemeine wirtschaftliche «-agc, insbesondere aber die Untätigkeit im Baugewerbe zum Aus- .ruck. -- Tas Kontokorrent Ä weist gegenüber dem Vorfahr ein Mchr von ca. 600000 Mk. auf, und auch das Ä'ont^ ^orrent B weist eine vermehrte Ansammlung von ca.,112000 Nark aus. Der Effettcnbestand hat sich um ca. <5 000 Mk. erhöht. Dies geschah im Interesse der Sicherheit des JN- cktuts, das eine rasche und prompte Liquidität nicht aus dem Auge lassen darf. - Tie Spareinlagen haben sich um ca. ICO 000 Mk. vermehrt, ein Beweis für das der Bank aus den breiten Schichten der Bevöllerung entgegengebrachte Ver- rauen Tirettor Loos berichtete dann eingehend über das Jnimobilienkonto, zu dessen Neueinrichtung die Bank durch Erwerbung zweier Häuser veranlaßt wurde, die ihr bei der Zwangsversteigerung zusieten, die aber eine gute Nentabili- \it sichern. — Dec Rcichsbanlsatz stellte sich im abgelaufenen Jahre auf durchschnittlich 3.92 Proz. Unter Berücksichtigung oes Umstandes, daß die Verzinsung der fremden Gelder durch die Gewerbebank etwas höher dotiert isst, sei es erklärlich, daß trotz eines erhöhten Umschlages nur ein kleinerer Reingewinn erzielt wurde. Tas Verhältnis des eigenen Vermögens der Bank zu den fremden .Kapitalien ist ein so günstiges (35 Proz.), daß die Bank auch in dieser Hinsicht mit Genugtuung auf das verflossene Geschäftsjahr zurückblicken kann und ihre wirtschaftlichen Aufgaben zu erfüllen imstande war, sie sonach auch fernerhin der weiteren Entwickelung mit Ruhe entgegensehen kann, zum Segen deÄ Gewerbestandes und der Stadt Gießen. — Jahresrechnung und Bilanz wurden genehmigt und dem Vorstande und Auf- sichtsrat damit Entlassttung erteilt. — Ueber die Verteilung des Reingewinns entwickelte sich eine längere Besprechung. Dem wiederholt und mehrfach geäußerten Wunsche, die Dividende auf 7 Prozent zu erhöhen, widersprachen Vorstand und Aufsichtsrat unter eingehender Darlegung der Gründe, aus degen von einer Erhöhung abgesehen werden müsse. Ter Anregung aus der Versammlung, ip Zukunft denjenigen Mitglichern, die viel mit der Bant arbeiten und erheblich; zur Erhöhung des Reingewinns beitragen, eine Art Rückvergütung auf bic von ihnen geleisteten Diskont- und Provisionssätze zu gewähren, nrtrb der Aufsichtsrat näher treten. Es nrirb beschlossen, den Mitgliedern ivieder, wie seit zwölf Jahren, 6y2 Proz. Dividende zu gewähren, so daß 63 326.78 Mark als Reingewinn zur Verteilung kommen. Tie satzungsgemäß ausscherdenden Mitglieder des Aussichtsrats, Stadtv. Karl Aug. Faber, Kaufmann Louis Fuhr, Geh. Justizrat Tr. Gutfleisch, Uhrmacher Otto Schmidt und Rentner Karl Wenzel, wurden wiedergewählt. — Mit dem Ausdruck des Tankes für das an der Generalversammlung betätigte Jn- tcreffe der Mitglieder und mit dem Wunsche, daß auch in Zukunft alle bestrebt sein werden, die Interessen der Bank zu fördern, schloß der Vorsitzende gegen 11 Uhr die Versammlung.
” Brand. Ein im Felde an der Marburger Straße stehender Strohschober geriet gestern nachmittag in Brand. Tie herbeigerufene Feuerwehr konnte nicht viel retten, zumal das Dach mit Dachpappe gedeckt war und so dem Feuer Nahrung bot. Soweit bis jetzt festgestellt wurde, sollen zwei sechsjährige Buben mit Streichhölzern in dem Schober gespielt und den Brand verursacht haben.
•* Ein Diebstahl wurde am Samstag in einem Hause
Gießener Alyeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
lidj unter anderem um erhebliche Ueberschreirüngen des Amckuagcs beim Ban de s G o u v e r n e me n r s ha u ses. Diese Kosten überfdreitung wird von der Marineverwriltung unb deni^ Gouverneur Truppel, der im Aus ck>uß anmcienb ist, auf das Steigen t>es Dollarltirfes zurückgeführt. Die Angaben der Verwaltung und insbesondere eines Mgeordneten ans dem Zentrum,^über hu ausgeführten Bauten, Anlagen, Einrickftimgen — die Sommer- residen?, Kamine, Äutemovitzvegc, ein Forstgarten usw. —, ihn Art und ihre Notwendigkeit stehen sich zum leit diametral gegen, über. Ter Zentrums-Abgeordnete erklärt von einer Reihe von Leuten, lauter Sachverständigen, informiert zu sein, unter anderem ans der Hanbelstammer und. Kaufmannschaft. Es wird von .aller. Seiten das Bedauern ausgesprochen, daß fein einziges Ausschussmitglied die Verhältnisse 'm Kicrutschou aus.eigener Ausckmuung leone. Es wird die Anregung gegeben, bar ein Abgeordneter, etwa der Wortführer der Nationalliberalen in tuestr Verhandlung, auf R c i d?sko st e n hinausgc Ij t. Wenn ci sich 'dieser Mühe und Anstrengung unter $öge,JiHTbe das dem Reiche jebenfalte sehr großen Vorteil bringen. Schließlich werben bst geforderten Ausgaben genehmigt, für dieses 5)aushaltsjahr auch ein Gouvernements elretär, der vom Ausschuß beanstandet war und dessen Stelle im nächsten Jahr sortfallen soll.
Das Vorgehen der Verwoltting in Sachen ber H y pvtheten- b an f ivirb für vorbildlich erstickt wie so vieles in ber Verwaltung von Ki aut schon. Tie Kolonie erhalte so Krebit, aber auch bas Mutterland Gelegenh.it zur sicheren Kopitalsaulage in den Kolonien. Tagegen lbrechen sich einzelne Redner gegen bic Vorlage auf kleine Bankanteile aus. . .
Geheimer at v. Köbner verweist auf einige grimbiähhäve Neuerungen, die gewiß, auch andererseits zu verwenden seien. Tie Bodenpolitik in Tsingtau, die auf Heranziehung des Wertzuwachses bcruH, habe bic Grundlage für die Konzession gegeben. Nicht der Band sollte ein Vorteil geschaffen werden, sondern ber Kblornc ein billiger Kredit do draußen bis zu 15 Proz. Hrpochekenzmsen bezalstt werden. Temgegcnüber habe man eine gleitende ^okala eingeführt, nach der die Banken nicht mehr als Proz. über den Zinssus der Pfandbriefe für hypothekarisch' .Darlehen nehmen dürfen. Statt auf bisher 8 Proz. Mindest- bis 15 Proz. Höchst- Zinsen werden die Grundb>.sieer jetzt auf etwa 71/2 Proz. Höchst- Zinsen kommen. Auch ber Fiskus sei dabei gut gestellt, da er etwa 20 Proz. des Verdienstes ber Bank als Abgabe erhalte.
Der Ausbau des Ko lo n ialr echt s - wirb von allen Seiten dringend befürwortet. Ter Marineverwaltung.wird Aner- Eemnmg ausgesprochen für ihre Bemühungen auf diesem Gebiete nnb sie wird ersucht, in ihrem Trängen nicht nachzulasseu. Es wirb oeirünldt, daß in Betin mehrere Professuren eingerichtet werben, auch für , ä-ouialwirtschaft. Auch ein Seminar fei bringend wünsclens^ert: dafür lömie vielleicht Preußen eintreten. Bei Erörterung der chinesischen Hochschule mürbe allseitig das bringende Ersuchen ausgesprochen, dafür zu sorgen, daß nicht christliche Ehmesen vom Besuch der Schule, ausgesperrt würden. Morgen: Weiterberatung.
Ter Justizauss chu ß des Reichstags verhandelte bei ber fortgesetzten Beratung der Strasrechtsnovelle heute zunächst über Anträge der Sozialbemokraten unb des Zentrums, die dahin gingen, die Bettelei aus Not straflos zu halten. Tie Anträge würben namentlich mit dem Hinweis daraus bekämpft, daß die Behandlung der Bettelei ein großes soziales Problem sei, bas nickst nebenbei gelegentlich^ einer engbegrenzten Strafrechts- Novelle gelöst werben könne. Sie wurden schließlich ab gelehnt. Tarauf trat man in die Verhandlung über den Erpresser- parag! avhen. Hier laaen Anträge des Zeirttums und ber Sozialdemokraten vor, die »en Begriff ter Drohung cmengen! Wollen BEats)ttermaßen wird nach dem geltenden Recht unter Drohung bei der Erpressung die Androhung irgend ctiw Nachtens verstanden. Die Abänderurigscnrträge fassen die Drohung kasuistischer. Zu einer Abstimmung kam es noch nicht.
politische Tagesschau.
6raf Pojadow-ky über die innere Aeichtpolilik.
Auch dem früheren Staatsfelretär Grafen Pofadowsky ist es so erschienen, als könnte nach den letzten politijchen Ereignissen im Auslände der Anschein erweckt werden, es sei etn Mehlt<rit auf die Reichsfreudigkeit gefallen. Sachlich sind die folgenden Betrachtungen des Grafen durchaus zutreffend. Er schreibt u. a.:
Der die Verhandlungen des Reichstags und des preußischen Abgcordnetetthauses in den letzten Monaten verfolgt hat, kann sich des Eindrucks nickst cilvleT)ren, daß sich dort Stimmungm fühlbar machen, die dem föderativen Reichs.zedankert nickt förderlich zu fein scheinen. Anlaß zu diesen 'Heugerungen haben besonders die ÄerHandlungen über die Einführung von Schiffahrtsabgaben unb über bic Aendcrung beö preußischrn Wahlrechts gegeben.
Tast zur Einführung von S chi f sa h r t sa bg a b e n bic .'lenderrmg und nickst die ander weite gesetzliche Auslegung ber Reicks Verfassung notwenbig ist, bürfc. letzt allgemein anerkannt icin. Ter Wille, Schissahrlsabgaben cinzufuhven, konnte in einem Landesgesetze nur unter der stillsckweigenbeic Voraussetzung ber nad/iofgeuben Reichsgcsetzgebung niedergelegt werden, unb bic vorhandenen Widerstände, wat andere Staaten in Frage kommen, können nickst durch Aimondung ton Energie, sondern nur im Dege ber Der Handlung zwischen gleichberechtigten Parteien über-- ftnmb.cn werden. Tie Erklärung, daß die abrocicbenben Bundes ftaaten auf preußisck ' Kosten ihre eigenen Interessen befriedige': unb sich künftig ins vreußischem Leder ihre Riemen schneiden toerben, dürftc nicht dazu beitragen, vorhandene Meinnngsver- fchicbenlreiten unb Verstimmungen schließlich noch gütlich aus- .ytgfeidten.
Noch bedenklrckser ist im söderalibeir Interesse bie Stimmung, bic sich bei den Verhaublungen über die Aeuderung des brr u - ßi scheu Wahlrechts nur zu deutlich geltend gemacht hat, cine Stimmung, die den Institutionen des Rcists wenig freundlich «u sein scheint. Auch die Gegner hes Reichstagswahlrechts,-welches pnt dem Reicke geboren ist, müssen anerkennen, daß unter ber Herrschaft bim'es Wahlrechts in Teutschlanb auf gesetzlichem unb rvirtsckxrftlickem Gebiete eine ungeheuere Kulturarbeit geleistet ist, fritb daß, die auf Grurrd dieses Wahlrechts gewühlte Körperschaft noch stets bic Mittel gewährt hat, welche zur Verleibigung^unseres Vaterlandes zu Land und zu Wasser notwendig waren, e,' lange aber ber Reicks tag in dem Umfange, in bem er es bisher getan, hat, seinen nationalen Pflickstcn genügt, scheint es recht sehlsam, das Reicksbagswa hl reckst als eine für das Reich politisch verfehlte und schädliche Einrichttrng hinzu stellen, um so mehr als alle Parteien des Reichstages intb ebenso bic Vertreter des Bundesrats bei trief faden Gclegenh eilen auf das beüintnite)fe erklärt l>aben, daß es ihnen völlig fern liege, das streich,StagsMckstrecht anjutaften.
Zu allen cicsen sympt-omatischen Aeußcrungmr und verschleiertcir Stimmungen Lammt noch bie bekannte Erklärung int Reichstage, daß brr König von Preußen und der beutiefe Kaiser jeden Moment imstande fein müsse, zu einem Leutnant zu sagen, ,/Nehmen Sie rehn Mamr und sckstießen Sie den Reichstag!" Wer den gesamten .'snhall der Berhairblung unb insbesondere jener Rede Vorurteils- irei und von der Hitz? politischen .famipfcö unbeemflufet liest, muß zu g e stehen, daß die Aeußeruirg nur ein Beispiel für den unbedingten Gehorsam des Soldaten gegenüber der kUlerhöchsten K ommairdogttvalt geben sollte, unb daß es eine arge Wrertrmbirng iß, in ich t Aeußerung eine .Aufforderung zum Berfassnngsbruch zu erblicken. Trotzdem ist ein s-olck) drastisches Beispiel sck on deshalb höchst gefährlich, weil .cs, wenn auch nur theoretisch, bie Möglichkeit zuläßt, daß der höchste Träger und Der- tretet von Reckt und Gesetz einen Befehl erteilen könnte, der gegen die Grunbversaisung des Teutschen Reick's verstrcßc. Tcrartige 3cuf;erungen : :egen jafeeLaug zum Gegenstand des Angriffs, ber Verdächtigung und Aufreizung gemacht zu werden und, zwar mit desto mehr Erfolg, je urteilsloser bie Menge rst, an dis
inan sich wendet.
Tas Teutscke Reich ist ein sehr künstlicher ganz eigenartiges politischer Ausbau, geschaffen in einer Zeit, ber selten reich an feCeutenbcn Männern unb vysersreubigem Wagemut mar .Man sollte sich aber hüten, einer einzelnen gmetzlichen Mastregel lalber, ud nenn sie sich finanziell und wirtschaftlich rechtserttgen läßt, oder aus Mißstimmung darüber, daß das Reichscagswahl- recht auck- der ickürsstcn Opposition in erheblicher Anzahl bic Tore der gefeggebenbrn Körperschaft des Reichs geöffnet hat, eine gewisse partikulare Mißstimmung gegen bie Berhaltnipo int Reich über barrot -offen heraus zu bekennen über wenigstens ncrfLänblid. genug durchblicken zu lassen. Gegensätze und wiber- fLreitenbe 3ntere|icn innerhalb des Reichs sind bereits reichlich vorhanden Ein zu starkes partikulares Selbstbe- ivußt sein ist nur geeignet die schon vorhandenen ReibutlgL- iläcken, bi;- in einem Bundesstaate aus politilchen und wirlschaft- lichen Gründen nnvermeidlickt sind. Noch zu verschärfen.
Draußen im Reich finden derartige Stimmungen lebhaften! Widerhall und erschweren bie politische Arbeit per .Stellen unb Versonen, cic für den Reichsgedanken und ferne etärfung nut Äerz und Verstand cintrcten.
Im Anslonbe hält man solche -LstirnMungen für einen Mehck ■au, der auf bic Reicksfreubigkeit gefallen ist, unb man fragt «ich wüt Erstaunen, in melden: Dunstkreise eine derartig pessimistische Stimmung gegenüber, einem Staatsgebilbc entliehen, konnte, das (tu, eine so gcmaltige unb allgemein beneidete Entwickelung zurück- mblicken vermag. ,
Auc wen zielen alle diese Belehrungen, deren )achlicher Inhalt, wie gesagt Auircffenb ist? Graf Posadowsty hat es nicht deutlich gesagl. Man hat aber den Eindruck, daß die Vorhaltungen 'leise an den Kanzler und preußischen Minister- präsidenten gerichtet seien. In der.Schiffahrtsabgabenfrage bat ia bic vreußifche Rcgieruiig unz-weifelhaft im Sinne der obigen Anregungen tatsächlich gehandelt: Graf Pofadowsky hat leider nicht ausdrücklich erklärt, ob er sich etwa gegen die Ueberstimmung im Bundesrat Hut wenden wollen. In der preußischen WahlrecktSfragc kann auch Graf Pofadowsky dem Kanzler nicht vorhalten, daß er das Reichstagswahlrecht angegriffen habe, delin Herr v. Bethmann^Hollweg hat oft genug gesagt, daß seine Bedenken gegen das demokratische Wahlrecht nur auf die Anwendung für Preußen sich bezögen. Im übrigen ist es gut, daß Graf Pofadowsky so offen erklärt tat, bie großen llebertreibungen über die Bemerkungen des aus bem Geleise geratenen Herrn v. Oldenburg könnten nur in einer urteilslosen Menge verfangen. Auf eine solche rechnen freilich gewisse „Weltblätter" für „Bildung und Kultur".
Au; den Neichrtagsausschüssen.
:: Berlin, 1. März.
Die Beratung des Haushalts für Kiautschou im -oudgetausschuß erforderte noch bie ganze heutige Ausschuß- ■nfcung. Ter Reickszuickuß hat sich gegenüber bem vorigen Jahre -on etwa 9V» Mitlwncn auf 8Vs Millionen Derrninbert, also um 'ktma 34 Millionen Es entfpinnt sich eine sehr eingehende leb- - ■aste AuSsprack)« auf dem Gebiete der Sparsamkeit. Es handelt


