Ausgabe 
20.1.1910 Zweites Blatt
 
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-R. B. Darmstadt, 19. Jan. Im Finanzausschuß der Zweiten Kammer wurde heute in gemeinsamer Sitzung mit der Regierung der I u st i z h a u s h a l t behantelt. Abg. Dr. Guts lei sch besprach den Antrag Best in seinem Verhältnis zu den Justizbehördcn: er hält es für unmöglich, in der Jusdiz Stellen nur auf den Inhaber zu bcnnlligen. Abg. Ulrich will auch in der Justiz die vakanten Stellen für 1910 nicht end-

Die Wahlen in England.

London, 20. Jan. Nach den bis jetzt vorliegenden Wahlergebnissen sind gewählt 129 Unionisten, 118 Liberale, 44 Nationalisten und 23 Mitglieder der Arbeiterpartei. Die Unionisten gewannen 57, die Liberalen 9 Sitze, die Arbeiter­partei gewann einen Sitz. Die Unionisten gewannen heute den Sitz in Nottingham-Süd von der Arbeiterpartei, ebenso siegten sie in Nottingham-Ost.

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Das Auswärtige Amt und seine Angreiser.

Gegenüber den Angriffen desHannoverschen Kuriers" auf das Auswärtige Amt und Staatssekretär Frhr. v. Schoen wegen ihrer Stellungnahme zum Falle Sun- kel, bei dem es sich um Entschädigungsansprüche gegen die englische Regierung aus dem Trans- vaalkrieg handelt, erklärt dieNordd. Atta. Ztg.":

Die englische Regierung habe sich gegenüber bei: Rekla­mation aus dem britisch-sudafrikanischen Kriege bisher auf den Standpunkt gestellt, daß sie zu keinerlei Entschädigung völkerrechtlich verpflichtet sei. Sie habe nur ans Billig­keitsrücksichten gewisse, von der Kommission festgesetzte Zah­lungen geleistet. Sunkel seien 1516 Pfund und einiges be­zahlt worden, die er unter Vorbehalt angenommen habe. Die englische Regierung habe bisher die Entscheidungen der Kommissionen als endgültige angesehen und demge­mäß die weitere Prüfung der Sunkelschen Ansprüche äb- gelehnt.

Das Auswärtige Amt vertrete dagegen den Standpunkt, daß die britische Regierung für die Befriedigung weitergehender Ansprüche a u f z u k o m m e n habe, soweit sie im Völkerrecht ihre Begründung finden: sie betrachtet den Hanptteil der Sunkel- schen Forderungen, nämlich 8463 Pfund und einiges, unter Anrechnung der schon geleisteten Zahlung, als völkerrecht­lich vertretbar. In diesem Umfang sei demgemäß die Reklamation nochmals an die großbritannische Regierung gebracht worden, die ihrerseits die Prüfung noch nicht ab­geschlossen habe. Die bedauerliche Verzögerung sei auf Umstände zurückzuführen, in die das Auswärtige "Amt nicht entscheidend cingrcifen könnte.

hessische Landwirtschastskammer.

R.-B. Darmstadt, 19. Jan. deute wurde die Einzel­beratung des V o r a n s ch l a g S für 1910 beim Kapitel For­derung d e r P f e r d e z u ch t fortgeführt, wobei für bie Provinz Starkenburg 7120 Mk., für Oberhessen 9900 Mk. und für Rhein- Hessen 4808 Mk. angefordert werden. Fenchel-Griebel macht den Vorschlag, auch in Oberhesseu mehrmals im Jahre Pferdeauklionen zu veranlassen, sieben mehreren anderen. Rednern spricht sich nud) Oberlandstallmeister v Willich gegen diesen Vorschlag aus. Weiter bringt der Redner seine Meinung dahin.zum Ausdruck, das i die jetzige Verteilung der Mittel zur Pferdezucht nicht gerecht fei; ' m Oberhessen fei die Zucht viel bedeutender als in Starkenburg und deshalb sollte auch für Oberlnsisen qiit größerer Betrag be­willigt werden. Oekonomierat Malter-Lengüld führt dagegen aus, daß die Mittel nach der Zahl der Pferde in den irret Provinzen verteilt würden 'Drf.-tumtie-rat Frits ch bemerkt, es würden schon große Tluiwcndungen für die' Fohlenweiden, in Ober > Hessen gemacht und deshalb solle man sich dort mit den letzigenl Aiitteln begnügen. Sckw a r tz-Dilshofen meint, man sollte in Obcrhcsfen nicht die besten ^augwhlen divett von der Stute weg verkaufen, was ein großer Schäden für bie Pferdezucht sei. Die angesorderten Summen Werben darauf genehmigt. - Ein Antrag des Vorstandes, die Ordnung über das Pfe r de- ft am in b u ch auf weitere, zwei Jahre, bis zur Revision der Satzung der Kammer in Gültigkeit zu lassen,, wird Mtgenvmuten, ebenso ein ähuliäer Antrag über die Grundplane der Geflitgelzncht und der Boden dlltur.

Beim Kapitel Schweinezucht schlägt Herr Jost vor, die Vorschriften über die QuaraMätrr bei Viehseuchen zu erleichtern oder weniger streng anzuwenüen, wenn keim Seuche vorhanden sei. . Bon tneltreren anderen Rednern wird gegen diesen Vor, Mag Wider- spruck erhoben^ Eine längere Debatte entfpinnt sich dann beim Kapitel: Obst-, Gemüse- und Weinbau, worauf cm! Eintrag Wal ter-Eibo ch auf Bewilligung von 9000 Mk. zur Bekämpfung der Rebschädlingc angenommen wird.

Ente Altzahl Kapitel wird bar auf nach uitivesentlicher Debatto I genehmigt. Beim KapitelPens ivnsfonds beantragt Ei ba ch, i falls die Zweite Kammer nach dem Antrag Kühler-Bähr nicht die 9000 ML für die Rebschädlingsbekänipfung bewilligen sollte, diese Summe aus dem Peniivnsfoitds zu entnehntLN. Bürgermeistri | Schmidt-Oppenheim warnt davor, diesen ueugegründeten Fonds säron wieder zu schmälern. Oberregierungsrat Heinrichs be- | merkt, man könne die Jkotwendigkeit des Pension sronds überhaupt in Zweifel ziehen und regt an, der Fürsorgekasse für Die Ge­meindebeamten beizutretan. Der Antrag Eibach wird schließlich angenommen. Zum Schluß toirb noch bei Kapitel: Embühren der Finanzämter, bie hohe Berechnungsgebühr von 8200 Mk. unb ein Antrag Hensel- Dortelweil angenommen, die Regierungl j um Erlaß ober Erniedrigung dieses Betrages zu ersuchen. hem' noch der Rest der Ausgaben und bio (Lwnähmen genehmigt sind, ist der Voranschlag erledigt.

Vom RegiernngÄ>ertreter wird nunmehr angeregt, den Käm- mervvrstand zu ermächtigen, im Falle sich mir. der Regierung Differenzen inbetreff des Voranschlags ergeben sollten, event. von den gefaßtenBeschlüssenabmeidjen zu können. Vizepräsident Bähr erhebt hiergegen Widerspruch und bemerkt, daß die Regieruns gar kein Recht habe, in den Etat hineinzureden. Auch Lichten- |ic iuiL a. widersprechen dem Vorschlag des Vertreters der Behörde.

Rach der Pause wird der Bericht des Vorstandes bett, die Aenderung der Satzung bet Versicherung von Weide-, Ausstellungs- und Faseltieren beraten. Ter Vorstand beantragt: 1. den § 2 wie folgt zu ändern:Versichert sind Rinder und Fohlen, welche von einer auf der Landwirtschaftskammer- oder ihren Ausschüssen betriebenen Jungvieh- oder Fohlenweide zum Aufttieb gelangen, gegen die wäluend des Weideganges durch Tod oder Tötung infolge eines Unfalles entstandenen Verlust. 2. hinter § 20 folgenden neuen § einzufügen: § 20 a: Die unterliegende Partei bat die Kosten des schiedsgerichtlichen Ver­fahrens zu fragen, insbesondere die dem Gegner erwachsenen Kosten zu erstatten, soweit diese nach freiem Ermesien dos Schieds­gerichts zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung oder -Bet- tcidigung itotiDenöi'i waren. Die Kostenfestsetzung erfolgt in dem Urteil ober durst' besonderen Beschluß des Schiedsgerichts. Das­selbe^ kann die Kosten anteilsmäßig verteilen. Die Äenderungs-- anträge werden nach langer Debatte angenommen:

Es folgen Neuwahlen zuut Bezirkseisenbahn-- rat. Es werden wiedergewählt Geh. Regierungsrat Haas- Darmstadt, Landtagsabg. Bähr- Rohrbach, Gntsbes. Stauffer- Wochenheim als Vertteter; Oelonomierat Walter- Lengfeld

poiitifebe Lagesscharr.

Die neueFortschrittspartei".

Wir lesen in derVoss. Ztg.":

Fortschrittspartei" soll nach den Wünschen des Zen- ttalausschusses der' Freisinnigen Bolkspartei die neue einheitliche linksliberale Partei heißen. Ter Zenttalausschuß hat bie Abg. Dr. Wiemer und Dr. Müller-Meiningen ersucht, im Vierer- Ausschuß dahin zu wirken, baß für die neue Partei der Name Fortschrittspartei" anstelle des vorgeschlagenen NamensDeutsche Freisinnige Volkspartei" gewählt wird. Die Abg. Storz von der Deutschen Volkspartei und Naumann für die Freisinnige Vereinigung haben auf dem Festmahl des Zenttalausschusses am Sonntag nachmittag für ihre Person ihr Einverständnis mit diesem Parteinamen erklärt. Mehrfach wird irrtümlicherweise in der Presse angenommen, daß die neue Partei genau so wie einst die Vorgängerin der deutschen Freisinnigen ParteiDeutsche Fort­schrittspartei" heißen soll. Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß hervorgehoben werden, daß der Zentralausschuß der Frei­sinnigen Volkspartei ausdrücklich und absichtlich den NamenFort­schrittspartei" schlechthin vorschlägt, wohl in der Ueberzeuguttg, daß der Zusatzdeutsch" in heutiger Zeit selbstverständlich und deshalb überflüssig ist. Ter NameFortscknittspartei^ ist s. Zt. andr bei der Bildung der Freisinnigen Volkspartei im Jahre 1893 vorgeschlagen worden, nm den Gegensatz gegen die Frei­sinnige Vereinigung zu kennzeichnen Eugen Richter aber er­klärte damals auf dem ersten Parteitag der Freisinnigen Volks- Partei in Berlin, die Vorliebe für den alten NamenDeutsche Fortschrittspartei" könne nicht allein maßgebend sein. Er hob hervor, daß, während aus Bayern, Baden, Berlin, Branden­burg und einzelnen Gegenden von Rheinland-Westfalen die Rück­kehr zu dem alten 9Zamen derDeutschen Fortschrittspartei" ge­wünscht würde, dieser 9?ante im Königreich Sachsen, in Hesien und Schlesien auf heftigen Widerstand stoße. Julius Lanzinann frat damals besonders eifrig für den Namen Fortschrittspartei ein, weil die Kraft der Partei auf den alten Fortschrittsleuten beruhe. Schließlich aber wurde der NameFreisinnige Volks­partei" mit großer Mehrheit beschlossen.

Nachdem nunmehr der Zenttalausschuß der Freisinnigen Volks­partei der Verschmelzung der drei linksliberalen Parteien zu einer einheitlichen Partei zugestinunt hat, wird demnächst ter Vierer-Ausschuß erneut in eine Beratung des Programms und des Organisationsftatuts auf Grund der ihm von den zustän­digen Organisationen der drei Parteien unterbreiteten Abän­derungsvorschläge eintreten. Alsdann würden der Parteitag der Deutschen Volkspartei Ende Februar in Stuttgart, der Parteitag der Freisinnigen Volkspartei am 5. März in Berlin und ver­mutlich am gleichen Tage der Parteitag der Freisinnigen Ver­einigung die im Vierer-Ausschuß endgültig vereinbarten Entwürfe für das Programm und das Organisationsstatut der neuen Partei gutheißen, so daß sich dieFortschrittspartei" am 6. Marz in Berlin auf einem allgemeinen Parteitag von Delegierten aller drei linksliberalen Parteien konstituieren kann.

gültig besetzt wißen. StaatSmnuster Tr. Ewald rote5 dagegen darauf hin, daß es reaktionär wäre, in der Justiz freiwerdenbe

Stellen mit Assessoren zu besetzen, die dann nach Belieben der

Regierung wieder versetzt werden könnten: dies widerspreche auch der Unabsetzbarkeit der Richter. Abg. M o l t h a n regt an, zn bestimmen, daß frei werdende Stellen nur durch andere, bereits definitiv angestellte Beamte besetzt werden sollen. Staatsminister

Tr. Ewald erklärt, daß ja doch Richter nicht versetzt werden dürfen, und daraus ergebe sich die Unmöglichkeit der Durch­führung der Forderung Molthans. Abg. Dr. G u t f l c i f ch wünscht gerade ans dem Gebiet der Justiz möglichst wenig tief greifende Veränderungen. Abg. Dr. Osann betont, daß er dem Antrag Ulrich auf Frechaltung aller freiwerdenden Stellen isicht zu­stimmen könne. Ter Staatsbetrieb ließe in der Hand der Re­gierung, beschränkt durch das Geldbewsiligungsrecht der Stände. Ter Staatsbetrieb werde da stark gefährdet, wenn im Staate absolut notwendige Stellen nicht besetzt würden. Aber gerade auf die Neuorganisatton der Verwaltung müsse bei Stellentesetzungen stets genaueste Rücksicht genommen inerten. Die jetzt von ter Kammer geplante Neuorganisation werde ja zum Ausdruck ge­bracht in ter Beschränkung einzelner Aemter auf den Inhaber. Es genüge, wenn man die Negierung ersuche, genaueste Prü­fung der Notwendigkeit der Neubesetzung eintreten zu lassen und stets Rücksicht zu nehmen auf die absolut notwendige Vereinfachung ter Staatsverwaltung. Abg. Ulrich beharrt auf seinen Antrag, dem auch der Abg. Dr. Weber widerspricht und erklärt, daß ja die Beschränkung mancher Stellen auf den In­haber in den einzelnen Ressorts genügend sei. Abg. olthan stimmt dieser Ansicht zu, will aber die freiwertend?. Stellen, wie erwähnt, nur durch definitiv angestellte Beamte besetzt wissen. Tie Anttäge Ulrich und Best werten schließlich von ter Mehr­heit des Ausschusses abgelehnt, ebenso Anttag Molthan. Da­gegen wird ein Antrag Reinhatt, Brauer, Dr. Gutfleisch, Dr. Osann und Dr. Weber angenommen, welcher lautet:

Der Finanzausschuß ersucht die Regierung, bei freünerbenten Stellen genaue st e Prüfung der Notwendigkeit ter Neu­besetzung cintreten zu lassen und bafrei stets Rücksicht zu nehmen auf d ? absolut notroenbige Vereinfachung ter Staats­verwaltung."

Bei Besprechung bet einzelnen Kapitel beantragt Dr. Ulrich die Beivilligung eines ter beiden Ministerialräte und zweier Oberlandesgerichtsräte, weiter 8 Landgerichtsräte unb 25 Amts­richter nur auf den Inhaber. Abg. Dr. G u t f l e i s ch verlangt, daß die Amtsrichter besonders nachmittags auf den Aemtern anzutteffen sein und ihre Arbeiten auf dem Bureau unb nicht in ter Wohnung verrichten sollten. Staatsminister Dr. Ewald erklärt, daß ein solches Verhalten von der Regierung absolut nicht gebilligt werte.

Darauf wurden bie Verhandlungen abgebrochen und auf Don­nerstag vertagt.

Aus dem Suogetausichutz des Reichstags.

Das am Dienstag vom Staatssekretär Dernburg vor- getragene Bahnprogramm legte in der Mittags sitzunq Reichsschatzsekretär Wermnth noch einmal, unb am Mittwoch

nach der finanziellen Seite, fest.

Tas Bestreben ist, die

Reichsznschüsse verschwinden (yi lassen einnahinen verbleiben für die Bahnen der Kolonie. Ta^ir werden Anleihen durch ReichsgaDltntie gedockt. Wenn das Reich das tue, so sei.die Voraussetzung, daß über das jetzige Bahnprogramm nicht hinausgegangen jtierbe, ehe neue Mittel da seien. Man dürfe also in allen folgenden Jahren über diesen Rahnre^i nncht hinaus; auch der Reichstag sötte nicht Erweiterungen jetzt schon ins Auge fassen.

Nach kurzer weiterer Aussprache, in die auch Staats- sekretär Dernburg noch einmal eingreift, schließt die Erörte­rung. Die Einnahmen als Zusätzen denen des Etats von 1909 werden mit 4 Millionen 137 442 Mark genehmigt, der Reichdschuß um 872 558 herabgesetzt. Bei den Aus­gaben macht der Referent darauf aufmerksam, daß in der Kolonie verschwiegen werde, daß wir immer noch mehr als 16 Millionen für das Militär zahlen, bie zum großen Teil drüben ausgegeben würden. Der Zuschuß zum Be­triebe der Südbahn könne höchstens noch 200000 Mark erreichen; in diesem Jahre falle er fort. Beim Hafen Swa- kopmund meint der Referent, daß altes Geld für Swakop- mund-Hafen verloren sei. Staatssekretär Dernburg be­antragt, die Einnahmen aus Zöllen um 1,8 Millionen Marl zu erhöhen, ebenso die einmaligen Ausgaben um denselber Betrag, die Anleihe aber um so viel herabzusetzen. Das wird beschlossen. Tie in den Nachtragshaushalt cingefteHten 100 000 Mark zur Entschädigung der im Ausstande treu ge­bliebenen Eingeborenen bedeuten eine Ehrenpflicht, und diese Ausgabe sei auch praktisch. Der Korreferent meint, man komme etwas spät damit. Ter Staatssekretär gibt dies zu. Auch dieser Pasten wird genehmigt. Zur Verhinderung des Tiebstahls unb Schmuggels von Diamanten sind 800 000 Mi in den Nachtragshaushalt eingestellt. Dieser Posten ivirb um 400 000 Mark erhöht, da nach den neuesten Berichten des Gouverneurs dieser Betrag mindestens erforderlich ist. Tie Bahnbauten Käribib-Windyul unb Nordsüdbahn werden genehmigt.

Am Donnerstag soll die Lüderitzbuchier Depesche ver­handelt werden.

Die ^ramanten-

Ganze Arbeit!

R.B. Darmstadt, 19. Jan.

Nach alletern, wäs bis jetzt über die Gestaltung des neuen Staatshaushalts int Finanzausschuß ter Zweiten Kammer und dessen Verhandlungen mit der Regierung zur Neuordnung ter hessischen Finanzen verlautet, wird man ivohl oder Übel zu der Anschauung kommen müssen: Tas Ting gefällt mir nicht! Tie ganze Ausmackmug des neuen Haushalts und die Mittel, die man rwn verantwortlicher Stelle zur Sanierung des kranken Staats- körpers in Vorschlag gebracht hat, sind nach unserem Dafürhalten iricht die richtigen gewesen. Es kann doch imutöglich als der Weisheit letzte, Schluß betrachtet werden, nach Jahren flottester Finanzwirtschaft und ungehinderter Schuldenanhausung nun plötz­lich, nachdem die Mittel erschöpft sind und .die besonderen Ein- nahmeguellen weniger ergiebig fließen, einen Ausgleich im Staats­budget einfach dadurch 1 duffen zu wollen, daß man nicht nur den ganzen, für die kostspielige Wirtschaft notwendigen Mehrb.nrag! aus den Taschen der Steuerzahler herausholt, die doch bekanntlich in Hessen nachgerade schon hoch genug belastet sind, sondern daß man im Angesicht ter neuen hohen Summen zum Ausgleich des Haushalts auch noch plötzlich eine ganz ungewöhnlich hohe Schulden­tilgung verlangt. Da muß man doch vor allem einmal die Frage austverfen: Warum hat man die jetzt als dringendste For­derung erhobene stärkere Amortisation der Staatsschuld nicht schon vor Jähren in Anregung gebracht, als Dank ter reichen Eisenbahn- Überschüsse noch so recht nach Herzenslust aus dem Vollen gewirt­schaftet werten formte? Oder warum hat man nicht wenigstens dem neuen Schuldenmachen ins Blaue hinein in bedächtiger Voraus sicht der Entwickelung der Dinge einen wirksamen Hemmschuh angelegt? Seit Jahren hat sich zwischen der Regierung mtb der Zweiten Kammer ein förmlicher Wettlaus im Geldaus- geben entwickelt; die wenigen warnenden Stimmen, die vgen bie überstarke Engagierung der Sttuerkraft des Land.-s durch fortgesetzte neue Bauprojekte unb sonstige große Gcldausaa. er­hoben wurden, sind ungehört verhallt.

Der Finanzlrusschuß der Zweiten^ Kammer hat sich nun seit 14 Tagen redlich bemüht, etwas Positives zustande zu bringen unb auch durch die inzwischen bekannt gewordenen Vorschläge, bie ine Grundlage für die gemeinsame Beratung der Finanz-Aus­schüsse beider Ständekammern über die hessische Finanzmisere bilden sollen, den festen Willen dazu bekundet. Aber beliebigen können diese Vorschläge den Steuerzahler durchaus nicht! Man hoftt im Ausschuß, durch eine Ueberleitung des auf 1059 000 Mark ge­schätzten Restes des Ausgleichsfonds in die Staatskasse 5 Prozent ber regierungsseitig verlangten Erhöhung der Staatseiirfommen!- steuer ersparen und gleichzeitig eine halbe Million von diesem' Bttrag zur Gewährung von Teuerungszulagen für die arg be­drängten Beamten erübrigen zu können. Und ferner hält man wenigstens die MglichEeit nicht für ausgeschlossen, daß durch weitere Sttiche im Staatsvoranschlag und namentlich durch Er­höhung des Prvgressivsatzes für die Einkommensteuer sich noch einige Prozent mehr vvn der vorgeschlagenen Steuererhöhung herabmindern lassen werten. Tas ist aber doch ein recht be­scheidenes Verlangen und ein sehr wenig ausreichendes Resornfr pWjekt, das zudem noch durch die Einwendungen und Gegen- vvrsteUungen der Regierung wohl nickt unwesentlich zusammen!- schrumpfen wird. Am allerwenigsten zu beklagen aber bleibt, daß ter Finanzausschuß nicht, wie es in tert größeren nationalen Blättern Hessens schon vor Weihnachten verlangt worden ist, die Forderungen des Antrags zur Vereinfachung der Staatsverwalticng und Verbilligung dcS ganzen Verwal- tungschrvarats zu den feinigen gentadü und auf deren baldigsten Erledigung bestanden hat, fontern nur in aller Befcheitenheit an bie Regierung das Ersuchen gericksict wissen will, daß sic bis Ende 1911, also nach fast 2 Jahren, die geeigneten Vorschläge in dieser Richtung machen wolle. Tarauf wird dann natürlich noch ein langwieriges weiteres Hin- unb Herhandeln erfolgen müssen, es werten Erwägungen unb kostspielige, zeitraubende Erhebungen angestellt werten, und das Ende vom Liede wird sein, daß sich bie ganze Reform ab calendas graecas hinauszögerte.

Daß bei einer,derartigen Handhabung ter Sache ein durch­greifendes, ersprießliches Ergebnis nicht erreicht werden wird, kann sich jeder selber ausmalen, der einen kleinen Einblick in den intimeren Gang bcr Verwaltungsg-eschäfte gewonnen oder bie Gepflogenheiten mancher ber maßgebenben Persönlichkeiten näher kennen gelernt hat. Wird dock als Tatsache erzählt, daß «enter dieser .Herren mit Bezug aus den vorerwähnten Antrag geäußert habe: Nun ja, wir werten eine solche gemischte front Mission bilden und die gewünschten Erhebungen veranlassen; wir wollen aber hoffen, daß dabei auch so viel herauskommen ivirb. damit wenigstens bie baburch entstehenbcn Kosten gebeckt werden Tonnen! Diese Aeußerung ist bezeichnenb für bie ganze Auf­fassung, die man an manchen Stellen über die von allen Seiten verlangte Reforrn hegt, und der Finanzausschuß der Zweiten Kammer, dem die Aeußerung wahrscheinlich ebenfalls zu Ohren gekommen ist, hat in seiner TiensragssitzunA die richtige Ant­wort daraus gegeben, indem er als selbstverständlich bezeichnete, daß bie von der Regierung anzustellente Enquete keinerlei be­sondere Kosten verursachen könne unb bürfe.

.In einem kleinen Kreise würbe jüngst folgenbe interessante Tatsache erzählt: Kain da vor längerer Zeit ein intelligenter Kaufmann aus Amerika zu einem bekannten hessischen Groß­industriellen unb machte ihm den Vorschlag, er wsille unter Garantie gegen ein einmaliges Honorar von sounbsoviel Tausenb Dollars ben ganzen kauftnännischen Geschästsbetrieb bet Firma so vereinfachen, daß bei mindestens ebenso gutem, sicherem Funk­tionieren nach seiner neuen vereinfachten Organisierung eine viel­fach höhere, als bie als Hmintar ßcforbcrtc Summe dabei all­jährlich erspart werbe. Nachbem sich bie Firma biesen Vor­schlag unb die Persönlichkeit näher angesehen hatte, ging sie auf bie Sache ein, unb der Verlauf des ersten Jahres hat bestätigt, was ber Amerikaner zugesichert hatte.

Wenn doch auch für unser Hessenlaub recht bald ein solcher prakttscher, Amerikaner gefunden werben möchte! Jebermann im Lanbe ist überzeugt, daß der ganze Verwallungsapparat im Saufe der Jahre viel zu kompliziert und schwerfällig geworben ist, nick baß eine Vereinfachung und Verbilligung bringend nottut. .. Die Reform darf aber nicht 'an Kleinigkeiten haften bleiben. Es muß ganze Arbeit gemacht werden, von den Ministerien . angefangen bis herab zur untersten Dienststelle! Es war schon ein großer Fehler, daß m jöcn 90 er Jahren ein b ritt en Ministerposten für das kleine Hessenland geschaffen wurde: das Ministerium ber Justiz mit seinen beiten Ministerialräten 1 konnte ebenso gut, wie früher, als Departement eines gemein- lauien Ministeriumsbes Innern und bcr Justiz" weiter geführt werben. Nicht minder überflüssig sind bie vielen besonderen Abteilungen in den Ministerien, die, wie jüngst im Finanz­ausschuß mit Recht beklagt wurde, jede wieder ein kleines Mi­nisterium für sich bilden und einen großen Auswand von Bureau- personal erfordern. Weiter sind in bcr Begrünbung bes ermähnten Antrags unb in der Tagespreise so viel beachtenswerte Vor­schläge zur Erreichung des Zieles gemacht worden, daß es für einen praktischen Staatsmann ein Vergnügen sein müßte, die richtigen darunter herauszugreifen unb in die Tal nmzusetzen. Dazu brauchten aber nach unferm Dafürhalten durchaus nicht jahrelange Erwägungen und bebädytigeS Sttrnrunzcln angestcllt .ober kopspielige Untersuchungen einacieitet zu werben. Jetzt, ba bas Gespenst einer ganz unerhörten Anziehung ter Steuerschraube vor ter Türe stellt, muß rasch gehandelt werben. Man kann verlangen, baß bie Volksvertretung darauf besteht, wenigstens noch die G r u n b z ü g e b e r R e o r g a n i s a t i o n f e st g e st e l l t zu sehen, bevor die endgültige GenelMigung bes neuen Staats- Voranschlags erfolgt. Auck hier sind schon ber. W orte gerate genug gewechselt, der Steuerzahler will nun endlich Taten sehen!