rr. 244 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Dienstag 18. Oktober 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siebener Kamiilendlatter" werden dem .Anzeiger^ Biennal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhefjen
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: e-sK bl. Red aktwru 112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.
Auch eine Revolution.
Aus Monaco, jenem ganze 15 180 Einwohner zählen- n Fürstentum, das neben seiner landschaftlichen Schönheit zentlich nur durch seine Spielbank und neuerdings mich rch sein Museum sür Tiefseeforschung bekannt ist, kommen ichrichten von einer Revolution. Gleichzeitig wird aber .sdrücklich versichert, daß die Ruhe in dem kaum 1 Qnadrat- ometer messenden Ländchen nicht ernstlich gefährdet sei, so ß diejenigen, die in den kommenden Monaten auf den runb ihres Geldbeutels oder der Tiessee blicken wollen, nz außer Sorge sein dürfen. Immerhin verdient die itsache, daß die Monegassen ihrem Fürsten Albert die Billigung eines autonomen Gemeinderats, also eines irlaments, und die Einrichtung einer Schatzverwaltung, so eines Budgets, abgerungen haben, insofern Beachtung, 5 damit auch der letzte Sitz des Absolutismus in Europa m siegreich fortschreitenden demokratischen Gedanlen zum )ser gefallen ist.
Das Geschlecht der Grimaldi, das seit 980 Monaco herrscht, war Jahrhunderte hindurch eigentlich nichts weres als eine berüchtigte Seeräubersamilie, die sich in n letzten Dezennien insofern modernisiert hat, als sie ihre -utezüge nicht mehr an Bord von Schiffen, sondern an n grünen Tischen der Spielbank unternimmt. Im Jahre 31 erlosch zwar die männliche Linie des Hauses mit ltonio Grimaldi, aber der Name des Geschlechts mib ne Herrschaft ging auf den Schwiegersohn Antonios, :cgues Francois Leonard de Govon-Mattgnon, Grafen von irigni), über, der sich ebenso schlecht und recht, wie seine - geheirateten .Vorfahren, von allem ernährte, was der indel des Lmrdes mit Del, Drangen, Zitronen, Liwr und irsümerien bot, und ebeusalls nicht vor Falschmünzerei rückschreckte. Durch den Wiener Kongreß vom Jahre 1815 rrde'der Bestand des kleinen Reiches gesichert, doch brachte einer der Nachfolger des oben genannten Grafen, inoro V., der in einem Zeitraum von 25 Jahren von neu 6000 Untertanen 6 Millionen erpreßte, dahin, daß, chdern ihm sein Bruder Florestan im Jahre 1840 gefolgt i rr, sich im Jahre 1848 Mentone und das Städtchen Rocca- una vom Fürstentum trennten, sich unter den Schutz des inigs von Sardinien stellten, und der nächste Herrscher, ler irl IIL, nichts erbte als das jetzige winzige Monaco. Er tte verhungern müssen, wenn ihm nicht in dem Spiel- chter Blanc im Jahre 1853 ein Helfer erstanden wäre, der I namentlich nach Aufhebung der deutschen Spielhöllen im ifang der siebziger Jahre — Däonaco zu ungeahntem anz erhob. Einen weiteren Geldzusluß sicherte der Sohn üb Nachfolger Karls IIL, der jetzige Fürst Albert I., sich Iib seinem Fürstentum burch seine zweite Heirat (1889) mit i ice, verw. Herzogin von Rrchelieu., geb. Heine. Daß er
Gegensatz zu feinen Vorgängern die Bevölkerung von onaco nicht auspreßte, sondern sie, da die Spielbank ganzen Staatsbedürfnisse Monacos bestritt, völlig steuer- | ib abgabenfrei ließ und darüber hinaus noch Mttel sür llj earusche Forschungen aufwandte, mag bei dieser Gelegen- ^»it mit Anerkennung hervorgehoben werden.
Eigentlich hätten die Monegassen bei diesen Berhält- ssen sehr Alfrieden fein können, aber weit gefehlt, sie , ! Ulten, was ihnen verboten war, nämlich Zutritt ins Kn» ijinö, weniger wegen der Theater- und Konzertaufsüh- rZ. ngen als vielmehr wegen des Spiels, und strebten vor ! Lern nach den anrüchigen, aber jedenfalls ertragreichen ! iften der Croupiers. Ende Februar dieses Jahres ver- ngten 700 Monegassen, vielleicht durch den Gouverneur i s Fürstentums, 9ioger, aufgehetzt, in einer dem Fürsten • bert überreichten Erklärung eine Verfassung. Besonders arbe barin bie Aushebung des fürstlichen Monopols der - vielausbeutung, die Beteiligung der Landestinder am Rein- 4 winn des Kasino, sowie die Zulassung der Monegassen als
(Erleben wir einen Tiefstand der Architektur?
Pros. Dr. Berthold Haendcke (Königsberg i Pr.) jreibt im „Tag":
Kürzlich schrieb mir ein Regierungsbaumeister: „Von einem j esst and der Architektur im ausgehenden 19. Jahrhundert muß — an unbedingt sprechen. Das Stttecht-Bauen, bie Reißbrettarchi- ."tut, die Verwendung von Surrogaten der Baustoffe und der- kl eichen zeigen düsen Tiefstand an, der selbstverständlich nicht 5 ein Räuigel künstlerischer Begabung der Künstler dieser Zeit, »Indern als ein ^Mangel absoluten, durch die Tradition gestützten ' inneny aurzufassen ist." Dieser Ausspruch von fachmännischer )U eite gab mir zu denken. Da ich zudem noch immer in Handbüchern id auch höherstehenden Schristen den Vorwurf lese, das 19. Jährig indert habe auf dem Gebiete der Architektur nur Stile aus rj uberen Jahrhunderten wiederholt, das 19. Jahrhundert sei „stil- T* o“, habe große selbständige Leistungen auf dem Gebiet der B« rchitektur nicht geboten — so mochte ich hier eine entgegensetzte Ansicht aussprechen, die ich feit langem im Kolleg vortrage.
Die Auffassung, die ich eingangs gekennzeichnet habe und die ttit sonders auch unter den gebildeten Laien verbreitet ist, geht meines . (achtens zu einseitig von der Formensprache und gewissen tech- *1 scheu Freiheiten bzw. Mängeln aus. In dieser Hinsicht ist 1 durchaus richtig, daß das ganze 19. Jahrhundert einen Stil nicht schaffen hat — aber bauten nicht auch die goldene Zeit der enaissance, die Barockzeit in diesem Hinblick in einem abge- iteten Stil? Dhue Zweifel; bie spätrömischen Bauten weisen n, gar auffallenb viele direkte Aehnlichkeiten mit der Barocke auf, Pf lc z. B. in dem Biegen und Knicken der Linien und in dem |)1 üufen der Formen. Von diesem Standpunkt der Stilechtheit aus nn feit der klassischen Antike einzig die in Frankreich erdachte . ib burdxjebilbete Gotik vor der Kritik bestehew Aber die Auf- ttef -ben der Baukunst sind mit dieser Frage nach der Form keines- egs erschöpft, ja, sie find meines Erachtens nicht einmal nach ' ren vornehmsten Pflichten gekennzeichnet. Der maßgebende Ge- u* Wspunkt bei der Lösung einer architektonischen Fragestellung [ uß der nach der Raumbeherrschung sein. Die Architektur L in allererster Linie eine Raumkunst, b. h. eine Kunst, bie ben I ibegrenzten natürlichen Raum für bestimmte Zwecke burch künst- he Baustoffe unb künstlerische Mittel zu einem begrenzten, zu 1 nem durch diese beherrschten Raum umzugestalten beabsichttgt. - as besondere Verlangen nach den gewünschten Räumen stellt der Äeist der Zeck" — nicht das einzelne Individuum; denn alle 16 ste Kunst wird zwar von dem persönlichen Vermögen der Edelsten t. nes Zeitabschnittes erfüllt, aber sie wird geschaffen von dem un- leillen Sollen der Epoche selbst. Es erhebt sich nun für uns e Frage: Hat das 19. Jahrhundert bestimmte Anforderungen i diesen vornehmsten baukünstlerischen Sinn gestellt? Dhne de Widerrede, ja. Man muß scheiden zwischen dem „roman- schen Wollen" und b.em praktischen .Sollen" dieses 19. Jahr-
Spieler und Croupiers gefordert. Hierauf nahm im Auftrage seines Vaters Erbprinz Ludwig bie Unterhandlungen mit ben „Revolutionären" auf, bie nunmehr zu einem für die Monegassen erfreulichen Ergebnis geführt Haden. Mler- bings muß man sich hierbei klar machen, baß es sich bei dem ganzen monegassischen Versassungsstreit nicht um politische Ideale, sondern lediglich, um Gelo hmidelt, um die Teilung eines Raubes, wie er seit ben ältesten Zeiten mit bem Namen Monaco aufs engste verbunden ist.
politifctye Lagesjcynrr.
Tie Auseinanoclfetzungen im Zeutrum.
In der von uns gestern schon kurz erwähnten Kölner Versammlung der Katholiken, bie gegen bie Angriffe auf ben Papst ins Feld zog, hat Kardinal Fischer in seiner Rede folgende Aeußerungen getan:
,,än letzter Zeit haben sich hier und da in unserem Lager Zwiespalt und Meinungsstreit gezeigt, die eine gewisse Presse aufzubauschen bemüht ist, um den (Streit im Lager der Katholiken Deutschlands zu Heller Lohe zu entfachen. Zu diesem Zwecke verbreitet man allerhand Märchen über den Episkopat, auch über den Erzbischof von Köln. Demgegenüber betone er: Die deutschen Kardinäle (Kopp und Fischer), die man gegeneinander auszuspielen versucht, sind einig, und er erhebe hier lauten Einspruch gegen solche unsauberen Machenschaften. Noch viel weniger werden wir dcutsche Kardinäle ben Gegnern eine solche Freude machen; dazu sind wir viel zu gewissenhaft und umsichtig. Man täuschte sich gewaltig, wenn man auf unsere Uneinigkeit spekulieren will, und kommt zu falschen Trugschlüssen. Ja, die deutschen Katholiken müßten den Verstand verloren haben, wenn sie sich selbst je ernstlich befehden wollten. Gewisse Differenzen soll man mit Mäßigung, Liebe und Selbstbeherrschung auszugleichen suchen, um die geschlossene Einheit zu bewahren."
Es war tlug vom Kardinal Fischer und wird ihm in Rom vielleicht nützen, baß er gegenüber seinem gegnerischen geistlichen Bruber in Breslau solche Worte der 'Mäßigung gefunden hat. Die harten Worte von der ^Verseuchung" des Westens sind freilich damit nicht aus der Welt zu schaffen. Die „Perseveranza" meldet übrigens, daß der Papst dem Kardinal Kopp zur Mäßigung geraten habe, wenn er auch sein Vorgehen billige. Kardinal Fischer werde in Rom erwartet, damit er sich mündlich rechtfertige; vorher werde der Heilige L>tuhl keine .Entscheidung treffen.
Ter Reichstag.
Man schreibt uns aus Berlin:
Der Reichstag wird, wie nunmehr bestimmt feststeht, am 22. diovember nachmittags seine Sitzungen nach mehr als sechsmonattger Pause wieder aufnehmen und zwar, wie üblich, mit einer Bittschcifteti-Tagesordnung. Da ihm der neue Haushalt voraussichtlich erst in den ersten Dezembertagen zugehen wird, denn die Besprechungen über den Haushalt zwischen Reichsschatzamt und den Ressorts sind erst eben abgeschlossen worden, so daß die Beratungen im Bundesrate später als im Vorjahre beginnen werven, so bleibt dem Reichstage genügend Zeit, neben einigen Anfragen, die sicherlich nicht fehlen werden, den plenarreifen Stoff aus dem Frühjahre zunächst auszuarbeiten. Der Entwurf über die Privatbeaintenoersicherung wird sicherem Vernehmen nach dem Bundesrate erst im November frühestens zugehen können, so daß dieser Entwurf im Reichstage zu Beginn des neuen Jahres zu erwarten ist.
Bezüglich der neuen Quinquennatsvorlage verlautet, daß ihr Umfang nicht so groß ist wie erwartet wird und das Reick)sschatzamt seine Wünsche im allgemeinen durchgesetzt hat. Die Hohe der Anforderungen sollen 40 Millionen nicht übersteigen, die auf die verschiedenen Haushaltsjahre zu verteilen sind. Dem Vorschläge, das Einjährigenprivlleg zu ertoeitern, um dadurch die Frie-
hunderts, das ein seltsames Doppelleben führte, das zu gleicher Stunde in die Vergangenheit sich zurück träumte unb sich die Umwelt wie bie Welt des Geistes mit einer zähen Energie, mit einem kecken Wagemut eroberte, wie es kaum je einmal irgendeine Epoche der geschichtlichen Zeitalter gewollt hat. Jener Romantik fallen all bie Burgen, bie Dome, die Rathäuser und ähnliche Bauten zu, in denen einer alten Zeit in so ausgesprochenem Maße gehuldigt wurde, daß die Bedürfnisse der Gegenwatt hintenan gesetzt erscheinen. Diese Art von Bauwerken ist aber letzthin auch bie an Zahl unbedeutendste, wenngleich Bauten wie die Burg Lichtenstein, bie Marienburg, bie Schlösser Ludwigs II. von Bayern, die Dome zu Köln unb Ulm usw. ungeheure Summen an Geld und Arbeit verschlungen, jedoch auch, wie ich noch zu betonen haben werde, sehr viel an technischem Können gebracht haben.
Äe echten kunftlerisckien Leistungen Haban aber die Baumeister des 19. Jahrhunderts geboten in den von ihnen gefor- berten neuzeitlichen Werken. Die hervorragenden positiven architektonischen Erfolge des 19. Jahrhunderts bestehen in der großen Zahl von Grundrißlösungen für Bauten, die das atmende Leben der Zeit verlangte. Wo gab denn die Krmstgeschichte Vor- bilber furBahnhöfe.für Museen, für Krankenhäuser, für Verwaltungsgebäude moderner Art, für Bibliotheken, für Theater, für Kasernen, für Fabriken, für Kaibauten — etwa in Hamburg —, für Ausstellungs- Paläste, für die „Wolkenkratzer" u. a. m.? Im besten Ftlllc konnte bei der einen oder anderen Gattung aus ben vergangenen Jahrhunbetten, wie etwa für das Theater, Speicher, eine gewisse Anregung genommen werden, aber selbst bann waren die Anforderungen des 19. Jahrhunderts so überaus verschieden, daß ganz neue Grundriß-, b. h. Raumdispositionen gefunden werden mußten. Und wer will wohl in Abrede stellen, daß in solchen Arbeiten eine wirklich schöpferische Kraft vorliegt? Ja, ich neige ber Ansicht zu, fast sagen zu dürfen, die schöpfettsche Stiftung, denn am Ende muß bie Form vor dem Wesen zurücktreten. Der Frankfurter Bahnhof erfebeint mir trotz formaler Lln- leiben bei älteren Zeiten als eine Großtat ber Architektur, und bie Raumschöpfung bcs Semperschen Theaters in Dresben dünkt mich trotz der Renaissance-Sttlechtheit als ein Beweis sehr starker, im besten Sinne baukünstlerischer Gestaltungskraft.
Meiner Ueberzeugung nach muß man bie Richtung gebenden Baumeister des 19. Jahrhunderts wegen ihrer gewaltigen Leistung auf dem maßgebenden Gebitte des bautechnischen Schaffens, auf dem der neuzeitlichen Grundttßlösungen, der Raumbeherrschung trotz aller Bedenken zu den großen Raumkünstlem, b. h. zu dem Bau-Meistern, rechnen. Das 19. Jahrhundert haben wir meiner Ansicht nach von dem Vorwurfe architektonischer Unfruchtbarkell durchaus freizusprechen! Deshalb kann man aber ruhig schreiben: das 19. Jahrhundert besaß keinen MonumeAtalM; d<M! dazu gehört auch ein, entsprechender Ausbau,
denspräsenzstärke ohne neue Mittel zu erhöhen, hat das Kriegsministecium nicht zugestimmt. Bekanntlich sind die 25 000 Einjährigen in der Präsenzstärke nicht eingerechnet.
Der Reichsversickerungsausschuß des Reichstags hofft am 22. d. M. die Lesung der Reichsverficherungsordnung beenden zu können und will sodann zur Feststellung der Beschlüße eine Pause bis zum 3. November eintreten lassen. Db es gelingen wird, bie zweite Lesung bis zum 22. November fertigzustellen, ist ungewiß. — Der Strasprozeßausschuß gedenkt bis Mitte Dftober bereits bie 2. Lesung der Strafprozeßordnung beenden zu können, so daß bald nach dem Zusammentritt des Reichstags sein Bettchl der Vollversammlung vorgelegt werden Tann.
Die Einweihung öes öismartffteines zu Nidda.
Nidda, 16. Dft.
Bei prachtvollem Sonnenschein wurde heute unter ganz außerordentlicher Beteiligung von nah und fern die Einweihung des Bismarck st ein es vollzogen, von dem wir sck>on berichtet haben. Um 2 Uhr stellte sich der Festzug auf dem Marktplatz auf, an bem die hiesigen Vereine teilnahmen. An bem Festplatz, der im Westen bie Stadt überragenden „Beunde", angekommen, folgte nach bem Vortrag eines Musikstückes bie Ansprache des Vorsitzenden des Denksteinkomitees, Dberft z. D. Weimer. Er begrüßte bie Versammlung unb gab einen Ueberblick über die das Entstehen des Gedenksteins bedingenden Verhältnisse. Geplant schon am lOjäljrigen Todestage des Altreichskanzlers, wurde bie Fertigstellung durch verschiedene Hindernisse verzögett, besonders durch die Beschasfung der passenden Steine (Basaltfmdlinge aus der Bahnhofserweiterung uni) Lavatuffsteine). Auch bie Hinauf- bringung auf die Höhe machte große Schwierigkeiten. Der ganze massive Bau sollte gleichsam ein Bild der mächtigen Persönlichkett Bismarcks geben. Die Rede klang aus in ein Hoch auf Kaiser und Großherzog. Hierauf folgte ber erste Vers von: „Heil dir im Siegerttaiiz". Die Festrede hielt Dberamtsrichter R ö m - h e l b. Er führte aus, was Bismarck gewesen nach seiner gewaltigen Persönlichkeit, wie er sein Werk von Anfang ausgeplant und durchgefühtt, wie er Deutschland aus seiner Erniedrigmig erhoben unb als treuer Diener seines Königs der Einigung entgegen» geführt habe. Der Gedenkstein soll ein Zeichen sein des Gedacht ni s s es an eine große Seit, damit nicht am Ende in 2000 Jahren Bismarck zu einer sagenhaften Persönlichkett werde und seine Existenz bestritten werde. Es soll ein Zeichen des Tankes an ben größten Mann einer großen Zeit sein, aber auch ein Wahrzeichen, bie Güter, die uns die Vor zett geschenkt, treu zu bewahren, vor allem eine Ntahnung zur Vater-, laiidsliebe. Auf das Vaterland wurde ein Hoch ausgebracht, welches begeistert in das Tal hinab klang. Nach der Rede wurde der erste Vers des von Dberamtsrichter Römheld gedichttten Weihe- liebes gesungen,
Ter erste Vers lautet:
Weihe, Gott, die Feierstunde, Die uns eint zu edlem Tun, Laß auf diesem Felsengmnde Gnädiglich dein Auge ruh'n! Unser Wollen und Beginnen Wandle du zur rechten Tat, Und zum Ziel, das wir ersinnen, Weise du uns, Gott, ben Pfad.
Hierauf ergriff Pfarrer Werner das Wort zu folgenden Ausführungen: Es sei eine Freude für unsere Stadt, neben einer Bismarck-Eiche, einer Bismarckstraße nun auch einen Bismarckstein zu besitzen, zumal in der schönen Ausführung an so schöner Stelle. Des großen Kanzlers Wett sei schon beleuchtet worden; wir müßten aber als Angehörige des Volkes der „Denkett" auch bie Frage aufwerfen, was den großen Mann zu solchem Tun fähig und stark gemacht hat. Das war sein tiefreliglösesGemüt,seinunwandelbaresGott- vertrauen. So hoch er da stand vor Menschen, so tief beugte er sich vor seinem Gott; in seinem Wort holte er sich oft Rat unb Trost. Wenn Arndt singt: „Wer ist ein Mann, der beten kann," so haben wir in Bismarck einen solchen Mann. Darin lagen bie Wurzeln seiner Kraft. Klein vor seinem Gott, stand er hoch aufgerichtet vor Menschen im Vertrauen auf feinen Gott. In diesem religiösen Gemüt wurzelte, was er getan. War fest wie dieser Stein sein Gottvettrauen, so war gleich fest seine Treue unb Gewissenhaftigkeit in Ausführung seines ihm von Gott gegebenen Berufes, sein Vaterland groß und mächtig zu machen, so sehr fühlte er sich settrem Gott verantworllich in seinem Beruf. Unser Volk ist in feinem Kern religiös, möge es
— Die Liquidation der großen Oper. Nachdem auch die Beschwerde gegen den ablehnenden Bescheid des Berliner Polizeipräsidenten vom Minister zurückgewiesen worden ist, scheint das Schicksal des Projektes der Großen Oper endgülttg besiegelt. Eine in Bne einzuberufende Generalversammlung wird über bas weitere Schicksal ber Aktiengesellschaft Große Oper beschließen unb, wie bie „Vauwelt" meldet, die Liquidation beantragen. „Das Projekt ist außer der Nichtgenehmigung ber ursprünglichen Zeichnungen auch noch deshalb unmöglich geworden, wett durch die Verzögerung und das Brachliegen des Grundstückes enorme Kosten erwack>sen sind. Daher würde, wenn die vom baupolizeilichen Standpunkte gefütterten Umänderungen der Baupläne und die öeränberte Anlage des Hauses verwirklicht werden solllen, bas vorhandene Kapttal nicht ausreichen. Eine Kapitalserhöhung, gleichviel welcher Att, ist aber |md) Lage ber Dinge vollkommen ausgeschlossen. Die Verwertung des Grundstücks, das durch seine vorteilhafte Lage günstig ausgenutzt werden kann, wird nun anderweitig erfolgen. Es sind, wie man in eingewechten Kreisen erjäblt, verschiedene Projekte im Gange. Das eine davon will auf bem größeren Telle des Grundstückes ein großes Hotel bejro. ein Pensionshaus nach dem Muster ber englischen Boardinghäuser, aber im elegantesten Stile errichten.
— Z u der angeblichen Direktionskrise in ber Wiener Hofoper wird uns unterm 17. DTL aus Wien gemeldet: In den letzten Tagen legte die oberfte Hoftheatei> Behörde dem Openidirektvr Felix von Weingartner ben neuen Vertrag vor, in dem sie bie Klausel über das ihr zu stehende jährliche Kündigungsrecht gestttchen hat. Weingartner wurde gleichzeitig der Wunsch des JMeiidanten mit geteilt, daß auch Weingartner auf das Kündigungsrecht verzichten möge. Weingartner faßte noch keinen endgültigen Beschluß; es ist aber zu erwarten, baß auch er auf das Kündigungsrecht verzichten wird, worauf ein neuer mehrjähriger Vertrag sofort in Kraft treten wird. Damit ist bie Direktionskrisis der Hofoper beigelegt. — Die Eröffnung des österreichischen Instituts für Radium forschung, das ber internationalen Forschung gewidmet ist, erfolgt noch in diesem Monat. Das Institut ist Eigentum der Akademie ter Wissenschaften. Die Akademie überwies bem neuen Institut ßy2 _ Gramm Radium als Gescherrk. Mehrere inländische und ausländische Nadiumfvrscher sichetten sich in bem neuen Institut bereits Plätze.
— Kurze Nachrichten ausKunft u. Wissenschaft. Der 20. Kongreß der Italienischen Gesellschaft für innere Medi»in findet vom 2o. bis 28. Oktbr. in R o m statt. — Semen 70. Geburtstag begeht am 20. Oktober ber Geheime Mebizinalral Dr. nieb. Friedrich Renk, ordentlicher Proiessor lür Nabrnngsnuttelchemie, Gewerbe- unb Wohnungshygiene und Bakteriologie an der TechnischenHochschule in Dresden.


