Ausgabe 
12.12.1910 Drittes Blatt
 
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G» erschein* tmf fragAch, db M< neuen Steuern hn Be- harrungSzustanb wirklich, wie veranschlagt, 415 Mill. M. erbringen werden. Bei einzelnen Steuern zweifelt ja der Schatzsekretär selbst schon daran. (Sehr richtig! links.) Wir bedauern eS nach wie Var lebhaft, daß man dem Gedanken einer

Wehrsteuer

ablehnend gegenübersteht. Wir haben die Notwendigkeit der 500 Millionen Mark neuer Steuern immer anerkannt. Aber wir haben verlangt, daß neben den Konsumsteuern in Höhe von 400 Mill. M. auch 100 Mill. M. durch Besitz steuern aufgebracht werden, und damit standen wir auf dem Boden der Regierungsvorlage. Jetzt sucht man es so darzustellen, als ob wir keine positiven Vor­schläge gemacht hätten. Aber das Volk täuschen Sie da­mit nicht, und selbst in gut konservativen Kreisen hat man daS Verhalten des schwarz-blauen Blocks scharf verurteilt. Die schärfste Kritik aber bilden

die Wahlresultate in Lyck-Oletzko und in Labiau-Wehlau

Diese letztere Wahl zeigt ganz deutlich, daß ein Zufluß von bisher konservativen Wählern zum LiberaliS- üiul erfolgt, der nur auf das Konto der Finanzreform zu sehen ist. Die großen Gesellschaften überwinden jede Steuer kraft ihrer Kartells und ihres Kredits; da aber, wo Steuern auferlegt wer­den, die Schwierigkeiten und Erhebung Hervorrufen, leiden die kleinen und mittleren Betriebe besonders schwer. (Sehr richtig! links.)

Die geftlegung der Armeeverhältnisse in einem Quinquennat

Salten wir für richtig. WaS wir vermissen, daS ist, daß die dritten Bataillone für die neuen Regin enter nicht verlangt werden. DaS gleiche gilt von dem alten SchmerzcnSkinde der Armee, der Auffüllung der Bataillone mit Kompagnien. Nur 18 Bataillonen ist die vierte Kompagnie zugebilligt. Rückständig Snb wir Frankreich gegenüber in bezug auf oie reitende

rtillerie. Gänzlich leer gehen die Pioniere aus. Nähere Aufklärung werden wir ja hier wie bei den anderen Punkten in der Kommission bekommen müssen. In Sachen des

Tempelhofer Feldes

nimmt der Kriegsminister erfreulicherweise in staatsrechtlicher und finanzieller Hinsicht einen richtigen Standpunkt ein. Was aber der Frage die große Bedeutung gegeben hat, das ist auch der soziale Gesichtspunkt (Sehr richtig.), die moderne Woh- nungShvgiene. Erneut lege ich dem Kriegsminister ans Herz, die Offiziere in den Grenzgarnisonen nicht zu vergessen und sie nicht zu lange in den zum Teil elenden Garnisonen sitzen zu lassen. (Sehr richtig.) Ferner eine gleich­mäßige Einberufung in die Kriegsakademie und vor allem das Augenmerk nicht zu verlieren bezüglich der Ex­klusivität des Offizierkorps. (Lebhafte Zustimmung links.) Wir haben tatsächlich zwei Kategorien von Regimentern. (Sehr wahr.) Der Staatssekretär der Marine hat mit zielbewußter Arbeit und großer Zähigkeit

die deutsche Flotte

auf die Höbe gebracht. Die Organisation der Flotte schreitet in jeder Beziehung vorwärts. Die deutsche Flagge zeigt sich jetzt tn den Auslands st ationen häufiger als früher und das muß weiter geschehen. In den Kolonien ist der Ausbau der Selbstverwaltung zu wünschen, besonders in Süd­west. Die Bemerkungen des Abg. Speck über die Ostmarken­reise der süd- und westdeutschen Abgeordneten müssen wir zurückweisen. Wir haben alle Anerkennung für die glänzende Durchführung der Ansiedlungsidee, die wir dort geseben haben.

Der neue Herr des Au Sw artigen Amts, Herr b. Kiderlen-Wächter, kann sich freuen über den Empfang, den ihm die deutsche Nation bereitet hat. Mit Befriedigung seben wir die Leitung deS Auswärtigen Amts in den Händen eines erfahrenen Diplomaten, der das Ausland und besonders den Osten kennt. Die

deutsche VündniStrene

bat sich in der österreichischen Balkanpolitik bewährt und wird anerkannt. Der deutsche Kaiser hat sich seit Antritt seiner Re­gierung als Friedensfürst erwiesen, aber nicht gezögert, sich in der Frage der Annexion Bosniens und der Herzegowina an die Seite Oesterreichs zu stellen. Der Eindruck der Festigkeit der deut- f-cben Politik und des festen Zusammenwirkens der beiden großen .Kaiserreiche ist auch in Italien an Regierung und Volk nicht spurlos vorbeigegangen. Der

reale Wert deS Dreibundes, die starke Rüstung der beiden Staaten ist darnit den Italienern vor Augen gerückt. Die

Beziehungen zu Rußland find durch die Sozialdemokratie nicht verbessert worden. (Sehr wahr!) Die Ungebärdigkeit, mit der die Sozialdemokratie den Zaren, der mit seiner kranken Frau al? Gast des deutschen Volkes in Friedberg weilte, entgegenkam, übersteigt an Pöbel­haft igkeit alles. (Lebhafte Zustimmng.) Ich weise darauf hin. wie sehr da§

republikanische Frankreich und das parlamentarische England aufdierussischenBeziehungen Wert legen, nicht um der blauen Augen der Russen wegen, sondern wegen der Erhal­tung des Weltfriedens und wirtschaftlicher Vor­teile. Es ist eine Kurzsichtigkeit ersten Ranges,, wenn die So­zialdemokratie den Souverän eines großen Volkes in dieser Weise anvobelt, und den Widerhall haben wir ja in der russischen Presse gehört. Die Besserung der Verhältnisse int Orient begrüßen wir und sind unserem Botschafter in Kon­stantinopel bankbar. daß cS ihm gelungen ist, zu dem jungtürkischen Regime die guten Beziehungen aufrecht zu erhalten, die er zu dem früheren Regime gehabt bat. Die deutsche Politik tn Marokko hat keine glän-enden Resultate gezeitigt, jedenfalls ist die Sou­veränität von Marokko nicht festgehalten worden. Wir bitten den Staatssekretär um

Aufschluß über die französische Expedition nach Agadir. Anerkennen müssen wir die Energie, mit der die Brüder Mannes­mann an ihrem Recht fcstgehalten Huben. ES kommt dabei nicht so sehr ihr Geldinteressc in Frage, als vielmehr daS Interesse der deutschen Industrie überhaupt.

Dem Abg. Speck danken wir dafür, daß er zur Samm­ln n g a e b la s e n hat aber der Zeitpunkt dazu war nicht sehr glücklich gewählt. In der Zeit der Antimodernisten- beweguntz und der Borromäus-Enzyklika, die ja so große Auf­regung hervorgerufen hat, kann uns

ein Bündnis mit beut Zentrum

nicht erwünscht erscheinen. (Sehr richtig! links.) Nicht nur bie Reichsfinanzreform ist es, die Unmut im Volke hervorruft. Auch mit unserer Bureaukratie ist man im Volke nicht zufrieden, weil man das Gefühl hat, daß sie nicht in allen Teilen der großen Entwicklung des Deutschen Reiche? gefolgt ist. Die Verwaltung durch unsere Beamtenschaft steht nicht auf der Hohe, und wenn die Konservativen in Labiau-Wehlau nicht nur feinen Zuwachs son- dern sogar eine Abnahme erlitten haben, so ist ganz gewiß die Veranlassung darin zu finden, daß es der Bevölkerung über ist, daß die Landräte und andere Beamten sich auf einen einseitigen politischen Standpunkt stellen. (Stürmischer Beifall links.) Ich bin aus Ostpreußen ausdrücklich gebeten worden, daS hier fest­zustellen. (Hört! Hört! links.) .

Auch Freiherr von Zedlitz, der erst kürzlich tn boller geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, wozu wir ihm alle gratulieren, hat bedauert, daß politische und soziale

Einseitigkeit in unserem Beamtentum

-roßgezogen wird. Der Reichskanzler wird sich ein hohes Verdienst erwerben, wenn er dafür sorgt, daß die politischen Beamten bei den Wahlen ihre Hand auS dem Spiele lassen. (Lebh. Beifall auf der ganzen Linken.) Nun ist die politische Lage gewal­tig übertrieben worden. Man hat gesagt, wir feien fchon mitten in dec Revolution. Unwillkürlich bat man an die Tage von Jena zurückgedacht. Auch damals setzte eine große 9k- formbewegung ein. Mit seiner liberalen Reform hat der Frei­

herr von Stein das Vaterland gerettel. Auch damals war das Volk boll Unzufriedenheit über die ungleiche Behandlung der ver­schiedenen Stände. Auch unser Parteifreund Treitschke hat dad ausgeführt. Ich glaube nicht an das Anwachsen der roten Flut, die dieNorddeutsche Allgemeine" prophezeit hat. Sollte eS aber wirklich der Fall sein, so wäre das ein Grund noch mehr, um mit einer Periode der inneren Reformen anzufangen. Hier mußte mit einer sozialen Ausgestaltung der unzulänglichen Reichs­finanzreform, mit einer

neuen Wahlreform, unter Neugestaltung der Verwaltung begonnen werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Gegensätze aufeinanderplatzen. Die Städte wachsen heran, e5 gibt Kampf und Streit zwischen den widerstrebenden sozialen Schichten, zwischen den großen Orgam- sationcn der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Man wird diese Ge­gensätze allerdings durch Gesetz auch nicht and der Welt schaffen. Wir haben ein tüchtiges Volk das vorwärts strebt. Wir müssen danach trachten, seinen Unmut Über die Fehler, die gemacht wor­den sind, zu mildern. Ich erinnere an da§ Wort des Rektors Erich Schmidt' das er bei der Universitätsfeier auS.prach, und worin er die Notwendigkeit einer freiheitlichen Entwicklung be­tonte. Wir werden nur daS erreichen, was wir erstreben, wenn Thron und Volk treu zusammen stehen. (Lebhafter Beifall.)

OMt'hSfanUer v. V-ihmann KoNweq:

Ich will eS nach den Ausführungen deS Dbg. Bassermann nicht unterlassen, da er ausführlicher über Fragen der aus­wärtigen Politik gesprochen hat, meinen Darlegungen über die innere Politik auch einige Bemerkungen über auswärtige Fragen hinzuzufügen. Dabei will ich heute kein allge­meines Expose über unsere äußere Politik geben, sondern mich auf die Fragen beschränken, die auS der Mitte des Hauses aufgeworfen sind. Ich will es aber nicht unterlassen, bei Veant- Wortung dieser Frage meinen Dank den Staats­männern der beiden Verb und et en Mächte auSzu- sprechen, die in ihren Parlamenten unseren Beziehungen warme Worte gewidmet haben. (Beifall.) Ich schließe mich Ihnen voll an, denn ich finde in ihnen bestätigt, WaS mir die Herren in 'reundschastlicher Unterhaltung hier und in Florenz gesagt haben. Der Abg. Bassermann ist auch auf die

Marokkofrage

zu sprechen gekommen; ich will im Augenblick darauf nicht ein­gehen, weil daS Vorgehen eines französischen Schiffes nach Agadir bisher noch keine amtliche Aufklärung gefunden hat. Sie werden nicht daran zweifeln, daß wir unsere Rechte und die Rechte der deutschen Untertanen schützen werden. Im übrigen möchte ich zur marokkanischen Frage die weiteren Ausführungen dem Staatssekretär des Auswärtigen, sei es für heute, sei eS für einen der folgenden Tage, Vorbehalten. Ich habe noch die Antwort auf eine Frage nachzuholen, die Herr v. Richt* hofen gestern bezüglich der

türkischen Anleihe

an mich gerichtet bat. Die.Türkei bet sich bekanntlich zur Deckung ihrer finanziellen Bedürfnisse zunächst nach Paris gewandt.^ Nach­dem die von uns mit wohlwollender Neutralität be­gleiteten Verhandlungen im letzten Augenblick wegen Schwierig­keiten gescheitert waren, die zum Teil wohl auf politischem Gebiete lagen, wegen Bedingungen, die die Pforte nicht für annehmbar hielt, hat sich die Türkei nach Wien und Berlin gewandt. ES hat sich alsbald anS deutschen, österreichischen und ungarischen Groß- banken ein F i n a n z k o n s o r t i u m gebildet, mit dem die Türkei binnen kurzer Frist ein Vorschußgeschäft über 6% und eine Anleihe über 11 Millionen abschloß.

Ich glaube, ich kann darauf verzichten, auf die Einzelheiten dieser Finanzoperation einzugehen. Betonen möchte ich nur, daß die Kaiserliche Regierung diese Finanzverhandlungen mit ihrer Shmpathie begleitet bat. Sie hat das aus der praktischen Erwägung getan, daß Deutschland durch ein Entgegenkommen gegenüber dringlichen finanziellen Bedürfnissen der Türkei gleich­zeitig feine bewährte auf die Aufrechterhaltung des Friedens und des StatuSguo im Orient gerichtete Politik einen toefent- lichen Dienst leistet. Zur Pflege dieser Politik gehört in erster Linie eine kräftige türkische Regierung, stark genug, um die Ordnung im Innern zu gewährleisten und nach außen Achtung einzuflößen. Die türkische Regierung hat sich dieser Aufgabe bis­her mit großer Hingebung und erfreulichem Erfolge gewidmet. ES erfchien dadurch gerecht und billig, aus wirtschaftlichen und aus politischen Gründen, daß wir der türkischen Regierung bei der Ueberwindung der sich aus ihrer finanziellen Situation er- gebenden Schwierigkeiten zur Seite standen und ihr damit die Mittel boten, daS Werk dec Konsolidierung weiter zu pflegen.

liebet unsere Beziehungen zu England und angebliche Ver­handlung mit diesem über eine vertragsmäßige

Beschränkung der Rüstung zur See muß ich zunächst hervorheben, daß eS Wohl publici juris ist, daß die Großbritannische Regierung wiederholt dem Gedanken Aus­druck gegeben hat, eine vertragsmäßige Beschränkung der Flottenrüstung herbeizuführen. Diesen Gedanken hat die englische Regierung bereits in der Konferenz im Haag geäußert. Seitdem hat England diesen Gedanken wiederholt erneuert, ohne jedoch Anträge zu stellen, die für uns einen Anlaß zur Ableh­nung oder Annahme geben könnten. Wir begegnen uns mit England in dem Wunsche, Rivalitäten inbezug auf die Rüstungen zu vermeiden und haben dem in den unverbind­lichen, aber von freundschaftlichem Geiste getragenen Ver­handlungen Ausdruck gegeben. Die Aussprache hierüber und die darauffolgende Verständigung über die beiderseitigen wirtschaft­lichen Interessen gab Gelegenheit zur

Beseitigung deS gegenseitigen Mißtrauens bezüglich der Rüstungen zu Wasser und zu Lande. Der Ge­dankenaustausch dürfte eine Garantie bieten für die friedlichen Absichten auf beiden Seiten, und zur Beseitigung deS Mißtrauens führen, das sich zwar nicht zwischen den Regierungen, aber in der öffentlichen Meinung vielfach geltend gemacht hat. Endlich hat der Abg. Bassermann über unsere Verhältnisse zu

Rußland gesprochen. Die Entrevue ist, wie Ihnen schon auS der Presse bekannt geworden ist, harmonisch verlaufen.

Das gleiche gilt auch von den Besprechungen der Vertreter der beiderseitigen Regierungen. Es ist selbstverständlich, daß auS solchen Besprechungen vielleicht in der Presse, aber nicht in der Wirklichkeit, welterschütternde Umwälzungen hervorgehen. Aber auch wenn keine solche Umwälzung stattfindet, so gibt es dabei doch reichlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch zwischen den Vertretern her beiderseitigen Kabinette. Der Wert, den ich vor­nehmlich in derartigen Besprechungen erblicke, besteht darin, daß sich die Leiter der Politik persönlich kennen lernen und daß eS ihnen möglich ist, den durch die Botschafter und Gesandten vor­bereiteten Gedankenaustausch zusammenzufassen. Als

Resultat der lebten Entrevue möchte ich betonen, daß von neuem festgestellt wurde, daß sich die beiderseitigen Regierungen in keinerlei Aktionen einlassen werden, feie die Spitze gegen feen anderen richten.

Die Entrevue bot Gelegenheit, zu konstatieren, daß Deutschland und Rußland gleichermaßen Interesse an der Aufrechthaltung des Status qtto auf dem Balkan und überhaupt int nahen Orient haben und keinerlei Politik unterstützen werden, von welcher Seite sie auch auSgehen möge, die auf Störung des status quo ausgeht. Bei der Entrevue wurde auch offen und frei gesprochen

über die beiderseitigen Interessen in Persien

und wir sind unS in dem Gedanken begegnet, daß die gemein­samen Interessen die Wiederberstellung geordneter Verhältnisse in jenem Lande erhalten. Wir müssen wünschen, daß unser Handel mit Persien nicht gestört werde und sich weiter entwickle. Rußland muß aber neben feinen Handelsinteressen als Grenzen­nachbar noch besondere Wünsche für die Sicherheit in den seinen Grenzen zunächst liegenden Teilen Persiens haben. Wir mußten zugeben, daß Rußland einen besonderen Einfluß auf Nordperfi en geltend machen muß und haben seinen An­sprüchen auf Konzessionen vdn Eisenbahnen, Telegraphen und Straßen zugestimmt, damit eS seinen Aufgaben als Grenznachbar gerecht werden kann. Rußland hat nicht nur u n se r e m Handel kein Hindernis in den Weg gelegt, sondern auch den Ansckstitz für feine Zusubr nacb Persien, soweit sie über Bagdad geht, erleichtert. Außer diesen allgemeinen Fragen wurden eine Reihe von Detailfragen erörtert, wobei sich eine U e b e r e i n - stimmung über alle Fragen ergab. DaS Ergebnis der Unterredung kann ich kurz dahin zusammenfassen, daß da und dort scheinbare Mißverständnisse beseitigt wurden und daS alte vertrauensvolle Verhältnis zwi­schen uns und Rußland gestärkt und gekräftigt wurde. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Dr. Wremer (Vp.):

Der Reichskanzler hat wiederholt die Mahnung an unS gerichtet, alles Trennende zu vergessen imb wieder praktisch mit« zuarbeiten. Wir sind zu praktischer Arbeit stets bereit, d i t Sünden der Vergangenheit aber bleiben bestehen- Große Verbitterung hat sich der Gemüter de? Volke? bemächtigt. An der ReickSversickerungSordnung arbeiten wir mit Eifer mit, um daS Zustandekommen her wichtigen Vorlage möglichst zu fördern. Für die Witwen und Waisen hat der Reichskanzler etwas volltönende Worte gefunden. Wenn nur die Witwen unb Wailen später nicht wieber enttäuscht werben! Wie steht's mit ber Privatbeamtenversicherung? Haben bie Pessi­misten reckt, daß sie Widerstand im Sckoße der Regierung ge­funden hat? (Hört! Hört!) Unb Elsaß-Lothringen? Wir sind einigermaßen gespannt auf bie Vorlage. WaS werden Konser­vative und Zentrum zu dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht sagen, für daS man die Preußen nicht reif halt! Oberhaus, Pluralwahlrecht werben natürlich Miberstand finben. Wir wollen auS dem ReichNland einen selbständigen Bundesstaat machen. Vielleicht gibt der Reichskanzler hier eine Erklärung über den Stand der

preuylschen Wahlrefse«

ab. T®er Reichskanzler wendet fick lächelnd zu seinem Unterstaatssekretär Wabnschafle.) Wie stellt er sich zu dieser Aufgabe, die in ber Tbronrebe von 1909 als die wichtigste be­zeichnet 'worden ist? Er erklärte, er halte an der bisherigen Wirtschaftspolitik fest. Von ihm haben wir nichts anderes erwartet. _

Wir wollen eine schrittweise Herabsetzung der agrarischen und industriellen Zölle. Der Kanzler hat eS unter­lassen, auf die S ch 5 d i g u n g e n dieser .bewährten- Wirtschafts­politik hinzuweisen (Sehr wahr! links), dieser Verteidigungs­politik. Wenn schon Herr Bueck, der Hochsckutzzöllner, im Zentral- verband deutscher Industrieller eine Herabsetzung der Lebens mittelzölle für notwendig erklärt, bann sollte auch ber Reicks- kanzler daraus feine Schlüsse ziehen. Der Reichskanzler meint, der Rausch bet tievorstehenben Wahlen werde verfliegen und

eine Götterdämmerung

werde nicht folgen. DaS glaube ich, wir find fck stewöbnt messe D a m m e r n n g als Götter zu haben. (Heiterkeit.) Aber glaubt der Reickskanzler, daß sich daS deutsche Volk nur mit Fragen der Wehrmackt beschäftigt? Wie denkt er fick die freiheitliche Entwicklung deS Staatslebens, den konstitutionellen Ausbau deS Verfassungsrechts? Wir legen den größten Nach­druck darauf. In konstitutionellen Fragen ist der Reichskanzler bei der Besprechung der

Königsberger Kaisetrede

hinter der Linie, die sein AmtSvoraanger feffaelegl ssat, zurück- gewichen. (Sehr wahr! links.) Wie denkt Fürst v. Betss* mann-Hollweg (Große Heiterkeit: der Reichskanzler schüttelt lackend den Kopf) die Durchführung der Gleichberechtigung ber Staatsbürger? Ich glaube es ihm, daß er kein

Parteikanzler

sein will. Aber die Taten während seiner Kanzlerschaft passen bisher wenigstens ausgezeichnet in den blaufchwarzen KurS hinein. Für das Treiben der Landräte hat er kein ver­urteilendes Wort, er hat sie sogar in Schutz genommen. Die Vor­gänge beim Wahlkampf in Labiau-Wehlau fprechen. doch eine deutliche Sprache. Ich würde von einer Paschawirt- schast sprechen, wenn ich nickt befürchten müßte, einen moder­nen türkischen Pascha mit einem solchen Vergleich zu beleidigen. (Heiterkeit.) Ich hoffe, daß das Vertrauen von mehr als 8000 Wählern und die freudige Zustimmung weiter Volkskresse, im Lande dem neuen Abgeordneten eine Genugtuung bereiten werden für die Vcrunglinwsu ngen unb Kränkungen, bie eine fkruvellose, jeher Ritterlichkeit bare und verlorene Agitation einem Ehrenmann zugcfügt hat. (Lebhafter Beifall links.)! Ick nehme mit Genugtuung Akt von der Erklärung be§ Reichskanzlers, baß er Vorschläge zu Ausnahmegesetzen gegen bie Sozialdemokratie nicht macken wolle. Ick hoffe, er wird auck Diderstanb leisten, wemi Vorschläge von anberer Seite gemacht werben, wie wir e? hier schon erlebt haben. Er sprach auck von einer Kooperation ber Sozialbemokraten imb ber fortschri tt l i cken 'Volkkvartei. (Dbg. Hehbebranb^ Sehr richtig!) Diese Tonart, bie ber Reichskanzler angeschlagen hat, ist ganz nach reaktionärem Sinne unb nach dem

Rezept derKreuzzeitung".

Ich finde da§ einigermaßen lächerlich, denn der Reichskanzler weiß ganz genau, daß die Volkspartei eine Gegnerin ber Sozial- bemokrcktie ist und daß sie es bleiben wirb. Unsere Geschichte zeigt beutlich die bestehenden Meinungsverschiodeiihesten, besonberS hinsichtlich des KlassenkampfeS. Die Ausschreitungen in Moahit billioen auch wir nickt, aber ick wundere mich, baß ber leitende Staatsmann so eingehend und ausführlich über Vorgänge gesprochen hat, über die der Vrozeß noch gar nickt abgeschlossen ist. (Lebhafte Zustimmung links ) Man halt ja immer uns Mgeordneten vor, daß wir in ein schwebendes Ver­fahren nicht eingreifen fallen. WaS den Abgeordneten gegenüber gilt gilt auch dem Regierungsvertreter gegenüber und in erster Linie für den Reichskanzler. (Bestall links.) Er hat der Polizei ein gutes ZcuchstS ausgestellt. Warten wir ab, wie der Vcozcß ausläuft. Jedenfalls ist die anfänglich günstige Stimmung.für die Polizei doch ein wenig erschüttert worden durch die obsektiven imb anscheinend zuverlässigen Bekundungen, die im Prozeß ge­mocht wurden. Wer Wind sät, wirb Sturm ernten, sagte her Reichskanzler. Gewiß, aber der Sturm draußen im Lande ist durch eine falsche und berkßrfe fierboramtfen worden.

Auch der Kanzler und die Mehrheit des Hauses werden fick durch die Moabiter Vorgänge nicht freiwaschen können von der

Mitschuld on der Finanzpolitik.

Herr Werniuth hat kein Wort des Bebauern? gehabt, daß ein Hauptstück bet Finanzreform, bie Erbschaftssteuer, aus ihr tiefet-