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Lehrjahren nur in gedämpften Farben geschildert ist, wird hier in ihrer ganzen Glut erzählt, wovon der Schluß des Kapitels eine Probe geben dürfte.
„Täglich aber versanken mehr die Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Witz, wodurch sie im Anfang ihrer Leidenschaft einander festzubinden, zu unterhalterr gesucht und jede Liebkosung gewürzt hatten. Sonst scherzten sie oft in kleinen Svenen aus diesem oder jenem! Stück, verspotteten einander mit lieblichen Neckereien irgend eines Dichters, und wenn dec Gereizte ihr zuletzt um den Hals fiel und sie mit einem Kuß bestrafte, und sie durch so eine selige Katastrophe das Vergangene ?>u Lügen machte, »da warens die höchste Zeiten der Liebe; nun alber, da sie sich in diesen Freuden übernahmen, hatte es eine Wirkung auf Wilhelms Kopf, als wär er in Bier berauscht; er ward dumpf und unbehaghch in seinem Sehnen, daß er auf allerlei kleine Eifersucht und Neckereien fiel, daß man ilM wohl verzeihen muß; denn er war fchlimnrer dran als der einem Schatten nachläust; denn er hielt in feinen Armen, er berührte mit seinen Lippen, was er nicht genießen, woran er sich nicht sättigen sollte. Mariane, die feine Qual nicht verkamtte, hätte wohl schon in manchen Augenblicken Vas Glück, das er so sehnlich)! wünschte, mit ihnr geteilt; sie sülchte in sich, daß er weit mehreres wert war, als sie ihm geben tonnte, ober feine Verwirrung und seine Liebe verdunkelten ihm seine Vorteile; und ihre Stille, ihre Unruhe, ihre Tränen, ihre fliehende Umarmungen — lieblichste Töne der ergebenden Liebe — warfen iIn außer sich in überdrangtenr Schmerz zu ihren Füßen, bis sie beide zuletzt in dämmernden Augenblicken des Taumels sich in Freuden der Liebe verloren, die das Schicksal den Menschenkindern aufspart, um sie für so viel Druck und Leiden, Mangel und Kummer, Harren und Träumen, Hoffen und Sehnen einigermaßen zu entschädigen."
Auch die folgenden Kapitel sino im wesentlichen viel farbiger und Ursprung! ickvec geschrieben, als die der endgültigen Fassung und namentlich das 20. Kapitel soll wieder von ungewöhnlick)er Sck^önheit sein. Im 21. werben die Vorbereitungen zur Abreise der Schauspieler getroffen, das 22. ist der Brief Wilhelms an Mariane und das 23. entspricht dein 17. der Lehrjahre, aber ohne das überflüssige Kunstgespräch Pas so gar nickst am Platze scheint. Seine Einfügung lxnnci.it, wie Konrad Fälle sagt, Paß Goethe nicht me^jr mit der Seele dabei war.
Aus diesen wenigen Stücken des crften Buckes kann man si'ch. f^hon einen Begriff von der unmittelbaren Schönheit und Gestaltung ber „theatralischen Sendung" machen, an Der die oai]uitg Der „Lehrjahre" kaum heranreicht Aver bttaiber wird erst die vollständige Ausgal>e Ur-Mei per vollen Ausschluß
Heer Flotte.
Das ^Militänvochenblatt" meldet: von Pfül, General der Kavallerie, General-Inspekteur des Militär-Erziehungsund Bildungswescns, Stellvertreter des Präsidenten des Reichs- Militärgerichts, wurde zur Disposition und gleichzeitig' ü la suite des Königs-Ulanen-Regts. Nr. 1 (Hannoversches Nr. 13) gestellt. Von Haugwitz, Generalleutnant und Kommandeur der 9. Division, wurde unter Beförderung zum General der Infanterie zum Nachfolger in beiden Aemtern ernannt.
Deutsches Reich.
Das P r e u ß i s ch c A b g e o r d n e t e n h a u § beendete am Montag die zweite Lesung der Wahlrechts Vorlage und nahm den Rest des Gesetzes nach den Kommissionsbeschlüssen ohne Aussprache an.
Die Blätter melden aus Bremen: Aus Anlaß des Disziplinarverfahrens gegen 5 Lehrer welche ein Huldigungstelegramm an den Abg. Bebel unterzeichnet hatten, wurden am Montag fünf sozialdemokratische Versammlungen abgehalten, nach deren Schluß 10000 Teilnehmer vor das Rathaus zogen und Hochrufe auf die Gemaßregelten ausbrachten. Das geringe Polizeiaufgebot griff nicht ein.
Ausland.
In der Sitzimg des französischen Senats am Montag wurde die Beratung der Zolltarifrevision fortgesetzt, Dar bot erklärte die Erhöhung der Zollsätze für ungerechtfertigt; er forderte den wirtschaftlichen Zusammcn- schliiß aller europäischen Staaten. Die Artikel betr. animalische und vegetabilische Stoffe wurden bis Nr. 111 angenommen. ■“/l£)ie vom Senat bewilligten Zollsätze stimmen fast sämtlich piit den von der Kammer genehmigten Sätzen überein.
Aus Belgrad wird genieldet: Im Minrsterrate berichtete der Minister des Aeußern, Dr. Milano witsch, über das Ergebnis seiner Reise nach Sofia und Konstanti- ,nopel. Gleichzeitig »vurde das Programm der Reise des Königs nach Petersburg und Konstantinopel beraten. Zunächst wurde das Programm des Petersburger Aufenthaltes festgesetzt. Der König begibt sich am 20. März vormittags mittelst Sonderzuges über Ofenpest und Oderburg nach Petersburg.
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Gießen, 15. März 1910.
* Tageskalender für Dienstag, 10. März: Stadttheater: Benefiz für Regisseur G ü h n e: »Narziß.- Anfang 8 Uhr. ,
• • Lehrerpersonalien. An, 11. März wurden den Lehrern Eduard Gils zu Schaafheim, Adam Helm zu Schöllenbach, Jak. La mb zu Neu-Isenburg, Kreis Offenbach, Phil. Leyerzapf an der höheren Bürgerschule zu Langen, den Schulamtsaspiranten Karl Bünding aus Rieder-Gemünden, Hch. Diehl ails Langstadt, Pet. Röder aus Schivanheim, Will). Seitz aus Langenbergheim Lehrer- stellen, der Lehrerin an der höheren Bürger-(Mädchen-)Schule zu Groß-Uinstadt Auguste Glenz, den Schiilamtsaspiran- tinnen Hedwig Müller aus Hermeskeil, Anna Platz an§ Nackenheim, Lchrerinnenstellen an dec Volksschiile 51t Darmstadt übertragen; den Lehrern Joh. Hattemar zu Oppenheim, Jak. Schmitt zu Ockenheim, Peter von der Au zu Ginsheim-Gustavsburg, und Adolf Zimmermann zu Gießen, foiuie der Lehrerin Margarete Gertrude Kirsch zu Budenheim, ferner den Schulamtsaspiranten Lorenz Gr0sch aus Parteiiheim, Karl Metzger aiis Vendersheim, Hch. Rodrian aus Alzey und Jak. Schmitt aus Horchhcim, sowie den Schiilamtsaspirantinnen Luise Gerhards aiitz Köln a. Rh., Margarethe Koch aus Mainz, Klara Schäfer aus Mainz, Maria Schröder au§ Mainz und Fanny Spahn aus Mainz Lehrer- bezw. Lchrerinnenstellen an der Volksschule zu Mainz übertragen.
** Der Vorstand der Landwirtschaftskammer wird am Montag den 21. d. M. zu seiner öl. Sitzung zuiammentreten.
** Eisen bahn wünsche. Man schreibt uns: Bekanntlich hat seit längerer Zeit die Benutzung der oberen Klassen der Eisenbahn bedeutend nachgclasien, während die 4. Klasse überfüllt ist. Trotzdem läßt Die Eisenbahnvcrwaltung auf der Strecke Gießen—Gelnhausen meist nur einen Wagen 4. Klasse laufen, während mindestens drei Wagen 3. Klasse vorhanoen sind, und zwar im Gegensatz zu anderen Strecken. Die Folge ist, daß die Wagen 3. Klasse fast leer sind, wahrend die 4. Klasse vollgepfropft ist. Nicht einmal ein Nichtraucher- Abteil 4. Klasse ist da. Es ist zu erwarten, daß die Elsen- bahndircktion für Abhilfe sorgt.
** Der freisinnige Verein hielt gestern abend seine Monatsverfammlung im Cafä Ebel ab, in der Pfarrer Vogt von Ober-Breidenbach über das Programm der neuen fortschrittlichen Volkspartei sprach. Er kam in seinen Ausführungen, die zugleich eine übersichtliche Klarlegung des neuen Programms der Partei waren, zu dem Schluß, daß die Bestimmungen des neuen Programms nur Mindestforderungen seien, dic ober den Zielen der neuen Partei entsprächen und geeignet seien, der fortschrittlichen Entwickelung und dem Volkswohl zu dienen. Die sich anschließende Besprechung berührte namentlich die Frauenfrage und die Schulfragen und ergab die Zustimmung der Versammlung zu dem neuen Programm. Der Vorsitzende, Justizrat Metz, erstattete dann einen Bericht über den Einigungsparteitag in Berlin, der ebenso wie der Vortrag des Pfarrers Vogt mit Beifall aufgenommen wurde.
** I rn Bund hessischer Schulreformer sprach gestern abenb int oberen Saale des Hotels E i u Horn Oberlehrer Dr. Strecker aus Bad-9öauheün über Zweck uno Ziele des Bundes. Mit eingehender Sachkemitnis begründete der Vortragende seine Forderungen nach einer Reform der heutigen Schule, an der der alte Spruch zu schänden würoe, der behauptet, daß wir nicht für die Schute sondern für das Leven lernten.
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Er fordert dkThalb vor allem einen allgemeinen Elternrar, Dann größere Freiheiten der einzelnen Schulleiter und mehr Beachtung der Pädagogik bei der Ausbildung aller Lehrer, da sich die akademischen Lehrer im Durchschnitt viel mehr als Gelehrte, dann als Erzieher betrachteten. In der auf den Vortrag folgenden Aussprache rügte Prof. Urstadt das Berechiigungswescn. dao zu einem großen Teil an der Stellung dec bentinen Seoule sckmld sei, in der die Gemüts- nnd Charakterbildung vernachlässigt werde. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag erklärten sich die meisten Anwesenden bereit, einem allenfalls zu gründenden Bund beizutreten.
** Der Sänger kränz veranstaltete am Sonntag unter Leitung seines bewährten Dirigenten A. Kasten einen Lieder-Abend, der recht gut besucht war und großen Beifall fand. Aus der großen Zahl der Darbietungen sind namentlich die Lieder für Sopran zu erwähnen, für die Ellen Möhl aus Offenbach, eine geborene Gießenerin, gewonnen Ivar. Frl. Möhl ist eine Schülerin des Frl. D 0 n i n g e r vom Frankfurter Opernhaus und hatte mit ihren Vorträgen einen schönen Erfolg. Nächstdem sind dann noch die Frauenchöre zu erwähnen, die mit klarer Tongebung und schöner Färbung mehrere Lieder sangen, von Denen besonders daS Schwäbische Tanzlied von Albert Kasten sehr gut gefiel. Auch die übrigen Darbietungen wickelten sich glatt ab. Erwähnt sei noch die ruhige, verständnisvolle Art, mit der Herr Jung die Klavierbegleitung aussührte.
** Gernhardt'scher Zither- und Mandoline n ch 0 r. Ein genußreicher Abend wurde den Besuchern des am Sonntag im Felsenkeller veranflalteteu rnusik. Unter Haltungsabends bereitet. .Hat der Chor, ber über ein große Anzahl guter Kräfte tierjügt, bei feinen früheren Gelegenheiten gezeigt, daß er es mit seiner Aufgabe, etwas Gutes zu bieten, ernst nimmt, so lieferte die letzte Veranstaltung den Beweis, daß die Leistungen des Chors unter Leitung seines rührigen Dirigenten, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Aus dem reichhaltigen Programm, das sehr abwechslungsreich zusammengestellt war; jeien ganz besonders erwähnt: „Konzert-Ouvertüre Nr. 3 C-dur" von Swoboda, „Mldesrauschen" Reverie von Joh. Pugh und „Im Schloßp'ark" Idyll von Burda. Letzteres wurde auf Wunsch wiederholt. Auch die beiden Tiroler Lieder mit Zitherbegieiiung „Zillertal, du bist mei Freud'" und „Schaut der Jäger in das Tal", sanden ebenso wie die Zugabe „Darf ich's Dirndl liabn" großen Beifall. Den Schluß der Veranstaltung bildete ein gemütliches Zusammensein.
** lieber den jetzigen Stand der Bekämpfung des Mädchenhandels hielt Major a. D. Wag euer aus Berlin, ein bekannter Förderer des Kampfes gegen den Äcädchenhandel, gestern abend im „Hotel Schütz" im Namen des „Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels" einen recht interessanten Vortrag. Mit anschaulichen Worten und an Hand von treffenden Beispielen wies der Vortragende die Notwendigkeit einer Beseitigung dieses Uebels nach, und wenn, wie er anführte, auch die Presse, das Gericht nach und nach immer mehr auf der Seite ber guten Sache stehen, so muß sie doch viel mehr in die Welt bringen und weit mehr bom Publikum unterstützt werden. Viel ist ja schon damit gewonnen, daß eine zentrale Polizeistelle eingerichtet wurde; ebenso wie manche Vorteile durch die Beeinflussung ber Richter erreicht wurden. Scharf geißelte der Redner bas Treiben gewissenloser Mädchcn- hänbler, bie bie Unerfahrenheit und materiell armselige Lagc ber oft halbwüchsigen Mädchen dazu benutzten, um. fidj zu bereichern. Sie stünden in ihrer Handlung noch weit tiefer wie eine Prostituierte. Es wird allerdings in letzte.- Zett mit den Mädchenhändlern gerichtlich ganz exemplarisch verfahren, indem an Stelle des Zuchthauses oft das Arbeitshaus tritt. Auf diese Art hat man viele von ihrer Erwerbsart abzubringen gewußt. Als beliebtes Mittel, um unerfahrene junge Mädchen an sich zu bringen, gelten Heiratsversprechen, auf die die Betreffenden in den meisten Fällen blindlings eingehen. Die Bahnhofskommission hat schon manche gute Dienste geleistet, aber auch das Publikum könnte viel zur Sicherheit durch aufmerksames Beobachten auf Reiseu und auf den Bahnhöfen beitragen. Sie ersehen also, so sprach der Redner am Schluß seiner Ausführungen, in welcher Weise ber Verein ben Mäbchenhandel bekämpft unb auch weiter bekämpfen wirb. Sie werben sich davon überzeugt haben, daß wir mit Recht an der sittlichen Hebung des Staates teilnehmen. Prof. Dr. Mittermaier betonte, baß bas, was Major Wagener mitteilte, keineswegs einseitige Anschauungen seien. Bei Medizinern unb Juristen und auch bei den Geistlichen sind die Anschauungen verschieden, aber die Auffassung, daß die Bordellen verschwinden müßten, gewinne immer mehr Boden. Wir dürfen uns nur nicht einbilden, daß die Prostitution von heute auf morgen abgeschafft werden kann. Eine gute Grundlage zur Auf klärung bilden eine Reihe von Schriften, die in letzter Zeit herausgegeben worden sind. Einige Zuhörer traten dem „Deutschen National-Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels" als Mitglieder bei.
•* Die Frelw. Gatl'sche Feuerwehr hielt am Samstag ihre ordentliche Hauptversammlung ab. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den 1. Hauptmann brachte die Wehr auf den Großherzog, den Protektor der hessischen Feuerwehren, ein dreifaches Hoch auS, worauf zur Erledigung der Tagesordnung geschritten wurde. 9lu§ dem Jahresbericht ging besonders hervor, daß die Wehr wieder an Mit- gliedern zugeuomiuen hat, daß sie in diejem Jahre dreimal alarmiert wurde und immer zur Stelle war. Auch bei dein letzten Alarm, der nur durch Telephonruf erfolgte, rückte die Wehr, obwohl auf stillen Alarm unvorbereitet, sofort au5. Ausgezeichnet wurden von der Wehr für 30jährige Dienstzeit Jean Arnold, für 20jährige Heinrich Enders und Paul Richier, für 10jährige Heinrich Heuser, Wilhelm Fischer und Arthur Münch, für 5jährige Andreas Erhardt, Jakob Ktlnz, Karl Reuter, Edgar Bormann, Hch. Schmidt, Philipp Hof, Karl Lindenstruth, Karl Walter und Karl Schwengbcr.
** D i e D e u t s ch e B u n s e n - G e s e l l s ch a f k für angewandte physikalische Chemie hält vom 5. bi»_ 8. Mai rhre 17. tzauptversammlung in Gießen ab. Außer zahlreichen Einzelvortragen roiro in be,vnoeren zusammen faßenden Vorträgen die. neuere Entwickelung der Elektrochemie besprochen werden.
= ® au bringen, 15. .März. In unserem Dorfe bo stehen feit 31/» Jahren 3- toi e i Turnvereine, wovon der Tm>>- verein dem Gau Hejfen und der Männertnrnverein dem Sayn - Dünsberg-Turuerbmwe angehört. Kürzlich regte der Turnoere.n die Bereinigung bciö.r Vereine an. Ter Männerturnverein war Danrit einverstanden mpd so wächften beide Vereine einen Ausichuk,
Abordnungen u. a. Ter Zug bewegte sieb über die Ringstraße und hielt vor dem Reichsratsgebäude, wo Präsident Dr. Pattalli und Landmarschallstellvertreter Frhr. von Freudenthal Ansprachen hielten.
Vom Reichsratseebäude bewegte sich der Trauerzug über Lie Ring- und Kar tu erstraße zur Stefauskirche. Ter Kaiser Hatte auf der Evangclieseiie Platz genommen, hinter ihm die Erzherzöge, gegenüber die Vertreter der auswärtigen Souveräne, darunter Botschafter Frhr. v. Tschirschky als Vertreter des deutschen Kaisers. Am Portal der Kirche nahm Erzbischof Dr. Nagl unter großer Assistenz die Einsegnung der Leiche vor. Dann wurde unter den Klängen von Aftegris Miserere der Sarg, hinter dem der Kaiser schritt, in das cjrofee Presbyterium getragen, wo die zweite Einsegnung erfolgte.
Am Zentralfriedhos, wo der Zug am Spätnachmittag 'eintraf, erfolgte die provisorische Beisetzung Luegers neben dem Grabe seiner Mntter. Am offenen Grabe sprachen a. a. Vizebürgermeister P 0 rzer im Namen des Gemeinderats und Minister a. D. Dr. Geßmann im Namen der christlich-sozialen Parteileitung. Unter den Klängen von Goethes Wcnrberers Nachtlied von Reißiger wurde Der Sarg in Die Tiefe gesenkt. Auf dem ganzen Wege brannten Lichter in schwarzumflorten Kandelabern.
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Die Wiener Korrespondenz „Austria" meldet: DieVer- trauensmännerversammluug der Christlich-sozialen Partei beschloß auf Antrag Dr. Geßmann, in der morgen stattfindenden Parteiversammlung ben Prinzen Lichtenstein zum Parteichef zu proklamieren. In Der Bürgermeisterfrage endete Die Konferenz mit dem Beschluß, baß ber gegenwärtige Vizebürgermeister Porzer Bürgermeister werde unb Handelsminister Weißkirchner nach Ablauf von mindestens zwei Jahren ihm folge.
Handelsminister Weißkirchner erklärte, er habe Verbindlichkeiten der Krone, dem Kabinette sowie dem Reichsratsblock gegenüber zu erfüllen. Er bitte, ihn für bie Zukunft in Aussicht zu nehmen, für bie Zwischenzeit aber einen Mann zu wählen, der die Geschäfte im Sinne Dr. Luegers ungeschmälert fortführen könne. Vizebürgermeister Porzer erklärte seine Bereitschaft, einem eventuellen Ruf des Bürgerklubs zu folgen.
Welt sah, ging nie in ihn hinüber; er iöar zum Besuch in der herrlichen "Natur unb sie behandelte ihn als Besuch. Und mit ber Fülle von Liebe, von Frennbfck-ast, von Ahndung großer Taten, wo sollte er damit hin? Muhte nicht bie Bühne ein Heilvrt für ihn werden, da er wie in einer Nuß, Die Welt, wie in emem Spiegel feine Empfindungen unb künftige Taten, die Gestalten seiner Freunde unb Brüder, der .Helden, und bie Überblinkende Herrlichkeiten der Natur bei aller Witterung untek Dache bequem chnstcmnen Sonnte ? Kurz, es wird niemand wundern, daß er wie so viele andere ans Theater gefesselt war, wenn man recht sühll, tote alles unnatürliche Naturgefühl auf diesen Brennpunkt zu- sammengetannt ist."
Nach einem überleitenbeit Kapitel, in dem die kindlichen Schcrnfpieler auseinander kommen, verliebt sich Wilhelm in Mariane, eine SckMnspielerin von einer gastspielenben Truppe, Und in einer präckftigen Darstellung ber Empfindungen werden wir in diese Tuadiicnbc Liebe eingereiht, bis er dem Mädchen im 15. Kapitel vorgestellt wird, wobei der Dichter sich selbst mit seinem Humor verbessert:
„— Ich nenne sie hier Madame unb erinnere mich, sie vorher a.s Mübgen eingesührt zu haben. Um alles Mißverständnis auf- zuhrben, will ich gleich hier entdecken, daß sie eine ^Gewissensheurat mit einem Menschen ohne Gewissen eingegangen war; er verließ kurz drat'chchie Gesellschaft, mb sie war, vis auf weniges, wieder
'wie'-LrtzLkts den tliamen, den sie einmal hatte, behielt sie und galt wechselsweise für Jungsrau, Frau und Witwe. Wil- Hekminen war brau gelegen, sie für das letzte zu halten, und er sand wirklich die Wrlsten Gründe auf dieser Sette."
Wilhelm ergeht sich nun in einer begeisterten Lobrede auf die Sck;auspieler, die sich in der endgüttigen Fassung etwas ab- geänbert an anderer Stelle wiederfindel. Im 16. Kapitel wird dann die große Liebe, die einen bedeutenden Teil des Werkes be- fiimmt, in prächtiger Symbolik folgendermaßen dargestellt:
„Ein ?Nädgen, das zu mehrern Liebhabern, Die es unter sich gebracht hat, noch einen frischen gewinnt^ gleicht der Flamme, wenn auf balu verzehrte Brande ein neu Stück Holz gelegt wird. Geschäftig schmeichelt sie dem aniommenden Liebling, leckt sich an ihm betulich hinauf, rings an ihn herum, daß er in vollem, errlickem Glanz leuchtet; ihre Gierigkeit idyeint nur an ihm ^nznspielen, aber mit jedem Zuge faßt sie tiefer und zehrt ihm ■ ar? biy in» Innerste aus. Bald wird er, wie feine ver- I te Nebenbuhler, am Grunde liegen und in an geschmauchter S ive, IN sich glühend, verglimmen."
^1'9)111 außergewöhnllck>er Schönheit soll das Leven Atarianes nnl. ?füllt sei und bie Lchoe zwifchcn Wühelm unp ihr, bic in den


