Ur. 291
Zweiter Blatt
160. Jahrgang
frfcbetni täglich mit Au-nohm« deS Sonntag».
Die ^Otetzener FamiliendlLtter^ werden dem .Anzeiger* viermal wöcdentltch beigelegt, da» „Krdsblatt für e> Kreis «letzen" zweimal wöchentlich. Die ..randwlrtlchastllchen Lett- fraget erichemen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhchen
Montag. 12. Dezember 1910
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion:^« 112. Tett-Adr.:AnzeigerGieben.
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Vie zernsprechgebührenordnung in zw.i er Lesung der AULschnsjer.
:: Berlin, 10. Dezember.
Der Budgetausschuß begann heute die zweite Lesung der Fernsprechgebührenordnung. In der Aussprache kam von seilen der Vertreter mehrerer Parteien zum Ausdruck, daß es sich für sie auch jetzt nur um eine einstweilige Abstimmung handle und sie sich eine weitere Prüfung der Wirkung der Gebührenerhöhung auf die betroffenen Kreise, besonders das gewerbliche Publikum, Vorbehalten müßten. Staatssekretär K r ä t k e
Erlebnisse aus den vezembertagen an der Loire vor 40 Zähren.
n.
Tie schreckliche Biwaknacht bei Lumeau ohne Feuer ohne Stroh bei 10° Kälte war endlich herum. Wir hatten die Nach« durchträmnt, an gar nichts gedacht. Das war unsere Ruhe. Wir waren froh, als wir unter Gewehr standen und wieder in Bewegung kamen. Die bestimmte Nachricht, daß Prinz Friedrich Karl punkt 9 Uhr Artenays angreifcn würde und das; wir diesen Angriff unterstützen sollten, gab auch den niedergcdrüatestcn, den auch körperlich säst Erschöpften neuen Mut. Wir gingen wieder auf das gestern, abend verlassene Poupry vor. Neben dem Torfe lagen niedrige Strohhaufen auf den Feldern, herum. Da wurde $?alt gemacht, die Strohhaufen lvurden vieltackt zum bequemen Sitzen benutzt, bis der eine oder andere entdeckte, daß er auf Leichen saß. Mali hatte die gestern frier Gefallenen auf Hausen zusammengetragen und sie leicht mit Stroh überdeckt. Der fest gefrorene Boden erlaubte auch eine oberflächliche Beerdigung der Leichen nicht. , <. nr .
Wir sahen auf die Uhr. Gegen 9 Uhr begann die Artillerie des 9. Korps die Beschießung der Stellungen der Franzosen um Artenap. Unsere Artillerie ging vor und fefunbierte, wir folgten und hatten in der Hauptsache unsere Artillerie zu decken. Mit Infanterie, unseren intimsten Gegnern, kamen wir vor- läüfig nicht in Berührung.
In wenigen Stunden hatten wir die Hohe südlich von Urtenay erreicht und nun bot sich dem Soldaten ein prachtvolle^ 'öuo. Air standen nahezu im Zentrum der Schlachtstellung. , L-ehr weit rechts auf dem übersichtlicheii Plateau erkannten wir die 17. Division und noch weiter rechts das 1. bayerische Karps, in ihren langedehuten Kolonnen als Striche kenntlich. Der Mauch ihrer Geschütze flog in der Richtung auf Orleans. Daran erkannten mir, daß wir nicht etwa feindliche Heeresteile sahen. 2uttS von 'ms kämpfte das 9. Armeekorps. Auf unserer Höhe ftanöen zu dieser Zeit 90 Geschütze im Feuer gegen femdlicye Artillerie und Infanterie. Bor uns in der Senkung übersahen wir die Eisenbahn und die große Straße Paris—Orleans. Auf dreier zogen sich französische Insaiiteriekolonnen zuruck nach dem^.alde von Orleans. In den Dörfern und Gehörten an der Straße l'onnie die feindliche Infanterie reine Deckung I1^11 iie brannten alle lichterloh durch das Artilleriefeuer. Wrirden ^n- fanleriekolonnen auf dieser Straße besonders deutlich ttcytbar, bann artete unser Artilleriefeuer m Schnellfeuer aus. ^efrr belebt wurde das Bckd durch die zahlreiche Kavallerie auf unserer Seite. Sie war überall und nicht selten gelang es ihr an pictcin Tage eiir, ’lnc Gehöfte, ja ganze bespannte Batterien mit der Bedienuilgsmannschaft, dem Gegner abzujagen.
Vie Demission des Kabinetts vienerth.
Die Stellung des Kabinetts Bienerth, das ht Oester- ' reich feit dem November 1908 am Ruder ist, konnte schon seit längerer Zeit als erschüttert gelten, wenn es auch noch keineswegs feststand, wann sein Rücktritt erfolgen würde. Denn ttne es Baron Bienerth gelang, dem Ansturm der Christlich-Sozialen gegen den Kriegsminister von Schoenaich, den sie einer allzugroßen Nachgiebigkeit hinsichtlich der militärischen Forderungen der Ungarn beschuldigten, vorläufig ein Paroli zu bieten, wie es ihm ferner gelang, dem Zwist zwischen beiden Neichshälften hinsichtlich der Bankfrage seine drohende Aktualität zu nehmen, so konnte es auch geschehen, daß der deutsch-tschechische Ausgleich schließlich zustande kam und die Polen veranlaßt wurden, ihre Ansprüche auf den sofortigen Ausbau der galizischen Strecken des Donau-Oder-Kanals und des Donau-Weichsel-Kanals einstweilen zurückzustellen. Sperr v. Bienerth hatte bann, wenn der böhmische Landtag wieder arbeitsfähig geworden war und der Polenkolo ihm weiter Heeresfolge leistete, einen arbeitsfähigen Reichsrat gehabt und sich noch geraume Zeit halten können.
Nachdem aber die deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen auf ein toteß Geleis geraten sind, steht heute die Sache so, daß die Tschechen dem Kabinett Bienerth auch unter der die Obstruktion erschwerenden provisorischen Geschäftsordnung üble. Stunden genug machen und die Tätigkeit des österreichischen Neichsrats überhaupt lahmlegen können, wenn diese Geschäftsordnung mit dem 31. Dezember ihr Ende erreicht hat. Die beabsichtigte Unterstellung des allgemeinen Wiener Krankenhauses und der Kliniken unter den niederösterreichischen Landtag, wo die Klerikalen dominieren, hat aber außerdem bei den deutsch- sreiheitlick)en Parteien und Sozialdemokraten, wenn in dieser Angelegenheit infolge des Protestes der Professoren und Aerzte auch noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein scheint, so viel böses Blut gemacht, daß Baron von Bienerth auch von dieser Seite her Angriffe zu befürchten hat, so daß er sich im österreichischen Reichsrat augenblicklich allein aus die Christlich-Sozialen und den Polenkolo stützen konnte, mithin seine Stellung eine prekräre geworden war.
Und nun fallen auch die Polen von ihm ab. Sie bringen heute mehr denn je auf den sofortigen Ausbau der beiden oben genannten Kanäle, und ihr Obmann Glom- binski hat dem Ministerpräsidenten gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, daß bei einer weiteren Weigerung der Regierung die Polen gegen alle int Reichsrat zur Verhandlung stehenden Vorlagen, so auch insbesondere gegen das "üldgetprovisorium, stimmen würden. Die arbeitswillige Mehrheit des Reichsrats ist dadurch gesprengt, und Baron Bienerth sieht sich zu einer Demission seines Gesamtkabi- netts gezwungen, wenn die Einigungsversuche, die noch in letzter Stunde gemacht werden, von keinem Erfolg begleitet sind. Es scheint darauf wenig Hoffnung zu sein, und da es feststeht, daß Baron Bienerth eine neue Betrauung mit der Bildung des Kabinetts ablehnen würde, vielmehr den Wunsch hegt, an Stelle des in den Ruhestand tretenden Grafen Kielmansegg Statthalter von Nieder- osterreich zu werden, so kann das Ministerium Bienerth schon heute als wahrscheinlich zu seinen Vätern versammelt gelten. An seine Stelle soll, wie es heißt, ein aus Sektious- chefs zusammengesetztes Uebergangsministerium treten, dessen Vorsitz der jetzige Unterrichtsminister Graf S t ü r g k h übernehmen wird, und dessen Hauptaufgabe darin bestehen würde, vom Reichsrat die Erledigung der Staatsnotwendigkeiten, also in der Hauptsache des Budgetprovisoriums, zu fordern. Ob das unter den oben geschilderten Verhält- niffen gelingt, ist freilich eine andere Frage.
Eine Kavalleriebrigade ging nut ihren reitenden Batterien vor. Das vorderste Regiment in Linie, dahinter die beiden reitenden Batterien, das zweite Regiment schloß hinter den Batterien. Im langen Galopp kamen sie an uns vorbei, die Bewegungen waren so gleichmäßig, die Richtung so gut, daß man hätte glauben können, das Ganze, die Regimenter, die Batterie)' seien aus einem Stück, nur ein Wille herrsche in dem Ganzen.
Von dieser Stunde an kam, glaube ich, die ganze sranzösifche Loirearmee nicht mehr zum Hatten. Wir begleiteten die weitere Verfolgung. Nur ganz vorübergehend wurde Widerstand geleistet, außerhalb des Waldes von Orleans. Oesters wurde von uns Halt gemacht, um auf gleicher Höhe mit den im Walde marschierenden und fech-tenden Truppen zu bleiben. So kam der Abend heran und wieder drohte uns ein Biwak, es regnete und schneite trotz der Kälte vorübergehend. Da kam die Meldung unserer 13. Husaren, da'ß das nahe am Waldrand liegende Dorf Chevilly vom Feinde geräumt sei. Sofort ordnete unser Divisionskommandeur die Besetzung des Dorfes an und so kam die Division noch in der Dunkelheit unter Dach und Fach.
Als ich mein Quartierzimmer betrat, untersuchte ich zunächst den Backtrog, der, wie in dieser Landschaft üblich, im Wohnzimmer stand, und o Wunder: ich fand darin einen halben Laib Brot. Ehe ich nur den Mantel auszog, kaute ich schon. Wie schmeckte das trockene Brot so gut, das ich seit etma dem 25. November, seit dem letzten guten Quartier in der Perche so sehr entbehrt hatte. Aber bei diesem Brot blieb es auch an die,em Abend, heißhungrig wurde es noch zweimal verschlungen, bis auf den letzten Nest.
Am frühen Morgen des 4. Dezember brachen wir mit Tagesgrauen wieder auf. Wie hatte uns die Nachtruhe unter den Dächern von Chevckly so wohl getan. Den kalten Morgen beachteten mir kaum, die geschwundenen Kräfte waren bei uns jungen Leuten durch eine einzige gute Nackst wieder einigermaßen ersetzt. Wir fühlten die Kraft in uns, wieder etwas zu leisten.
Unsere A))sgabe blieb dieselbe wie am vorhergehenden -Lage. Wir gingen außerhalb des Waldes von Orleans weiter gegen diese Stadt vor. Der französische Oberbefehlshaber.General d'Au- relle hatte schon gestern erkannt, daß er mit seinen frischgebackenen Armeekorps uns nicht stand hatten könne u. ungeordnet, feine Armee solle Orleans aufgeben und die Loire zivischen sich und deii^ verfolgenden Feind legen. Trotz des bestimmcen Befehls von -rours aus Orleans zu hatte)!, beharrte er auf seinem Entschluß. Diese rasch zusaulmengerassten Armeekorps konnten das kalte Wetter, die Entbeyrungen aller Art, die fortgesetzten Kämpfe, nicht ver- tragen, sie waren mürbe geworben und unzuverlässig, zu einer Gegenwehr sogar unbrauchbar. Ihre Führer hatten das schon seit Tagen erkannt, sie hatten kein Vertrauen mehr zu ihren .Truppen.
Das Ministerium Btenerth wäre also den Polen zum Opfer gefallen, gerade derjenigen Nationalität, die seit den ; achtziger Jahren von jedem österreichischen Kabinett ver- ! hätschelt wurde. Ist es doch seit den Tagen Taafes förmlich Tradition geworden, daß der österreichische Finanzminister jedesmal ein Pole ist, so auch heute wieder Ritter v. Bilinski, an dessen Stelle wohl, wenn das Uebergangs- minifterium erst parlamentarisiert ist, woran nicht zu zweifeln, Dr. Glombinsli treten würde. Ist das schon an sich ehr merkwürdig, wenn man die wahrhaft ,,polnische Wirt- chaft" betrachtet, die in Galizien herrscht, so bedeuten die wlnischen Finanzminister geradezu einen Hohn für die Deut- chen, wenn man sieht, wie sie ihre Stellung dazu benutzen, im für ihre Landsleute in Galizien zu sorgen. Galizien kostet dem österreichischen Kaiserstaat mehr, als eS ihm einbringt, und dieses Mehr haben vor allem die deutschen Steuerzahler auf ihre Kappe zu nehmen. Aber die Polen sind nicht zu befriedigen. Wie sie es 1890 durchsetzten, daß Galizien von einem ihm zur Durchführung oer Grundentlastung vorgestreckten Betrage von 100 Millionen Gulden 75 Millionen abgeschrieben, d. h. geschenkt wurden, so wollen sie jetzt über die Leiche des Ministeriums Bienerth hinweg den Ausbau des Donau-Oder- und Donau-Weichsel-Kanals durchsetzen.
Diese Kanäle sind zwar in den von Dr. v. Körber 1901 dem Parlament vorgelegten und von ihm gutgeheißenen großen, eine Milliarde Kronen erfordernden Berkehrspro- jekten enthalten, und Galizien ist hierbei der ganz unverhältnismäßig hohe Betrag von 120 Millionen Kronen zugesagt worden, aber damit wollen sich die edlen Schlacht- zizen noch nicht zufrieden geben, denn bei ihrer Wirtschaft bleibt nach dem Lau dec Eisenbahnen für die Kanäle nichts mehr übrig, und die österreichische Negierung will ihnen nicht nodj mehr Geld in den Nachen werfen, erstens, weil sie das bei der gegenwärtigen Finanzlage nicht kann, und zweitens, weil, luie die inzwischen vorgenommenen Feststellungen ergeben haben, an eine genügende Verzinsung deS auf die beiden Wasserstraßen verwendeten Kapitols nicht zu denken ist. Wäre nun Herr v. Bilinski wirtlich der Fiuanzmiuister, als den er sich ausgibt, und Dr. Glom- binsti, der Obmann des PoleuAubs, wirklich der Patriot, als den er sich gerne ausspielt, so wurden sie Qre begehrlichen Landsleute zurüapfeisen. Aber weit gefehlt. Zu 9iufr und Frommen Gal gens soll das Mrnijterium Bienerth daran glauben.
Die Demission des Kabinetts B i e n e-r t fr steht unmittelbar bevor. Die Stellung des Kabinetts ist unhaltbar geworden, als die Polen drohten, bei der Abst mmung über das Budgetprovisorium als Arbeitsmajorität auSzutreten. Auf die Frage des Ministerpräsidenten an den Cbmann des Polenklubs, ob die Polen für die zur Beratung stehende Vorlage stimmten, erklärte der Obmann, dies nicht verbürgen zu können. Der Ministerpräsident wartet die definitive Antwort des Polenklubs ab und zielst, wenn diese in demselben Sinne lauten sollte, sofort die Konseguenzen und überreicht die Demission des gesamten Kabinetts. Wenn die Demission angenommen wird, folgt ein auß Sektionschess gebildetes Beamtenmini st erium, an dessen Spitze ein Mitglied des gegenwärtigen Kabinetts ftefren würde. Das lieber» gangSministerinm haue dü ' "fache, vom Parlament die Erledigung der S.aats-otwendigkeiten zu verlangen, um so Zeit für die Budung der berimtiven Regierung zu finden.
sprach fein Bedauern aus über die voreingenommene Stellungnahme eines großen Teiles, besonders der hauptstädtischen Preße, die ihren Lesern ein falsches Bild von den ^bsichteti und Wirkungen der neuen Fernsprechgebührenordnung gebe und überdies zu erwähnen vergesse, daß für jeden Ausfall bei der Gebnhrenrege- lung ein Ersatz durch neue Steuern geschaffen werden müsse. Vielfach hätten auch Angehörige des kleinen und mittleren Kaufmannstandes die Berechtigung der neuen Regelung zugegeben. Der Staatssekretär bestätigte auf Anfrage, daß bei der Zählung der Gespräche nur die vom Abonnenten selber herbeigeführten Gespräche. in Betracht kämen und selbstverständlich die Verbindungen, die auf Anruf eines anderen mit ihm hergestellt würden, für ihn nicht gezählt würden.
Der Ausschuß änderte die Beschlüsse erster Lesung in einigen wesentlichen Punkten um. Die hauptsächlichste Aende- rung i st b i e Beseitigung der vom Staatssekretär besonders an gefochtenen Einschaltung einer 250 Kilometergrenze mit einer Gebühr von 75 Psg. Der 81 wird in der Fassung der Reyierungsvorlage wieder k-ergestellt: somit wird die Pauichgebühr, die nach dem Beschlüsse erster Lesung je nach Wahl des Abonnenten anstelle der Gesprächsgebühr neben der Grundgebühr entrichtet werden sollte, beseitigt, für jeden Anschluß an ein Fernsprechnetz wird eine Grundgebühr und eine Gesprächsgebühr erhoben und die Pauschgebühr wird nur als Form der Gesprächsgebühr wahlweise neben der Einzelgebühr eingefüfrrt.
Tie in erster Lesung beschlossenen Sätze (Einzelgebühr 4 Pfg., Pauschgebühr von 200(7 bis 10 000 Verbindungen abgestuft von. 75 Psg. bis 300 Mk. jährlich, mit der Höchstzahl von 10 000 bei einem Anschluß zulässigen Verbindungensi werden beibehalten. Es wird hinzugefügt: „Wird bei Anschlüssen gegen Einzelgebühr die Höckistzahl überschritten, so ist für jede Verbindung die Einzelgebühr unb für je 10 000 Verbindungen die Grundgebühr für einen weiteren Anschluß zu entrichten. Wird bei Anschlüssen gegen Pauschgebühren die Höchstzahl (10 000) um mehr als 600 Verbin- bungen überschritten, so sind für je 10 000 Verbindungen die Grundgebühr und die Gesprächsgebühr für einen weiteren Anschluß zu entrichten." Weiterberatu)lg: Dienstag.
Die ReiHswertziiwachsfteuer.
:: Berlin, 10. Dezember.
Ter Reichswertzuwachssteuerausschuß beschloß heute nach sehr gründlicher Aussprache mit 13 gegen 12 Stimmen die Beseitigung der Steuerfreiheit des Landesfürsten und der Landesfürstin. Zentrum unb Nationallibera.le stimmten geteilt Tie Steuerfreiheit der Bundesstaaten und bei Gcmeiuben bleibt ailfrechterhalten. Ebenso wirb Steuerfreiheit beschlossen für gemeinnützige Vereinigungen zu Zwecken innerer Kolonisation, zur Errichtung von Wohnungen, Grunbentschulbung u. dgl. Tie Bestimmung der Stellen für die Verwaltung der Steuer (§ 26) soll durch die Landesgesetzgebung, nicht durch die Landesregierung erfolgen. Weiter wird folgender § 37a eiw- gefügt:
„Auf Antrag des Grundstücksunternehmers ist diesem von der Steuerbehörde ein Bescheid über die bis dahin feststellbaren Be- rechnungsgrundlagen für sein Grundstück oder für Teile davon zu erteilen, der Bescheid unterliegt dem gegen den Steuer* bescheib gegebenen Rechtsmitteln, bie in dem Bescheid getroffenen Festsetzungen sind für die spätere Veranlagung maßgebend. Die Kosten der Ermittelung unb des Rechtsmittelverfahrens fallen dem , Antragsteller zur Last. Außerdem ist für die Erteilung des Be- , sch ei des eine Gebühr in Höhe von l/8 vom Tausend des Erwerbspreises zuzüglich der Aufwendungen (§ 10, Ziffer 1—4), murdestens aber von 20 Mk. zu entrichten.
Weiterberatung Montag vormittag.
Die Moabiter 5tratzenkrawalle vor Gericht.
4- Berlin, 10. Dez.
Die Verhandlung am Freitag hatte wemg Bemerkenswertes ergeben. Heute beginnt die Verhandlung mit einem Aufmarsch weiterer Polizeizeugen, die sich auf den bekannten Aufruf des Pottzeipräfidenten v. Jagow hin gemeldet haben.
Zeuge Rentenempfänger v. Schack bekundet ebenfalls, daß die iuienge sehr schimpfte, während die Schutzleute ruhig vor- gingen. Die Genossen hätten in der Hauptsache junge Burschen gedungen, damit der Krach recht groß war. Wer sich anftänbig betragen habe, sei auch anftänbig behandelt worden. Auf die Frage des Verteidigers Rosenfeld, wie der Zeuge zu der Ansicht
Auf unserem weiteren Vormarsch aus Orleans trafen wir vielfach auf Schafherden, reine Merinos, bei denen die treuen Hunde, in der Siegel große rauhaarige Tiere, auSgefralten batten. Die Hirten waren geflohen unb wurden burch Solbaten ersetzt, bie nun das Zünbnadelgewehr umhingen und den Schäferstock zur Hand nahmen. Es war drollig anzusehen, wenn diese, in Schäfer verwandelten Soldaten, die Herden auf die Saatfelder führten und die Hunde ihren alten Pflichten treu, bestrebt waren, die Saaten vor den Schafen zu bewahren. Da gabs em fortgesetzter Streit zwischen Hirten und Hunden. Aber der Zweck wurde erreicht, die Schafherden waren von nun unsere wandernde Proviant* kolmlne, die getreulich bei uns blieb, wgfrrend uns an die fahrende Proviantkolonne vor jedem Gefecht im Stiche ließ.
Bei einem längeren Halt wurde schon im voraus geschlachtet^ Alle Metzger waren aus dem Regiment heransgezogen. Sie schlachteten eine große Anzahl der Schafe und im Umsehen war das Feld mit Schaffellen, an denen noch die Köpfe hingen und mit dem Eingeweide der Tiere bedeckt. Die so ausgeschlachteten Schafe mürben auf einem Wagen verladen und dem Regiment nach- gefafrren.
An diesem Mittage hatten wir die Freude, den Prinzen Friedrich Karl zu sehen, dessen endliche Ankunft von uns mit io großer Sehnsucht erwartet worden war. Denn von diesem konnte die Armeeabteilung, die durch den Oktober unb November einem weitüberlegenen Feind entgeaenstand, HUfe erwarten. Mit seiner Ankunft faßten wir frischen Mut und seiner Hilfe verdankten mir es, daß Orleans unter unserer Mitwirkung zum zweiten Male eingenommen unt> mm auch sestgehalten werden konnte. Der Prinz kam mit seinem Stabe aus dem Walde von Orleans, in dem er sich über den Stand des Gefechts orientiert haben mochte, bei uns vorüber geritten, die wir gerade die Gewehre zusammengesetzt hatten unb aus den Gewehren frerau5getreten waren.
Als wir den Pritrzen erkannten, lief alles, Offiziere und Soldaten, ihm entgegen und umringten ihn, schwangen die Helme und geb erbeten sich wie Kinber, denen eine ganz ungewöhnliche Freude widersährt. Der Prinz schien verstimmt, er saß auf seinem großen Fuchs wie der steinerne Gast. Jetzt hob er die Hand zum Gru ßbeinahe bis zur Nkütze, unb ritt stumm vorüber. Wir wäre)) alle ernüchtert. Unb doch, wir hatten sv großen Respekt vor ihm. Das war ein Soldat. Wenn die Kanonen bon« nerten, war er da, ob das Morgens im Tagesgrauen war öden in der Mittagshitze oder am späten Slbotb, er war da und seine Soldaten fochten unter seinen Augen im vollen Vertrauen auf den Sieg.
Noch eines attderen Geschehnisses an diesem Nachmittage must ich geholfen. Wir waren eben an einer verlassenen französischen Batterie vorübermarschiert, in der acht schwere Schiffskanonen! standen, die aufgegeben werden mußten, weil die Stottimg durch


