PMe, der Boykott werde von selbst aufhvren. Wie verlerntet, hörte der Boykott in Smyrna bereits schon auf.
In Algier ist keinerlei Nachricht eingetroffen, welche die Madrider Depesche bestätigt, nach welcher bei den Beni- Snassen französische Militärposten angegriffen worden sind. ^Jm Gegenteil besagen die einzelnen Depeschen, daß bei den Beni-Sn affen völlige Ruhe herrscht.
Deutsche Kolonien.
— Ans Deutsch £ stafrika berichtet der stellvertretende Gouverneur, daß die anfangs Mai gemeldeten Unruhen in der Landschaft Süd-Ujungu infolge des Erscheinens der Truppe unter Hauptmann Brentzel auf ein kleines Gebiet beschränkt geblieben sind. Die Groß-Sultane stehen treu zur Verwaltung. - Auf die Einlieferung der bis jetzt noch nickt gefaßten Rädelsführer sind Preise ausgesetzt worden. — Die hastae 6. Kompanie ist nach Udjidji zurückgekehrt. Die weiteren Operationen werden von der 10. KompMÜe allein durchgeführt.
Die Sorromäuz-LnzyMa.
Protestversammlung gegen die Borromäus-Enzyklika in Gießen.
Gießen, 18. Jüni.
Daß in einem Lande wie unserem Hessen, das unter den evsten war, die das evangelische Bekenntnis angenommen, dessen Fürsten wiederholt für den evangelischen Glauben das Schwert gezogen und dessen Volk seit der Re- formatton gut evangelisch gewesen ist, daß in einem solchen Lande die Schmähungen der jüngsten päpstlichen Enzyklika besonders peinlich und verletzend empfunden werden mußten, war von vornherein klar. Cs war daher auch nicht verwunderlich, daß per Raum für die gestern abend einberufene Protestversammlung in Steins Garten viel zu beschränkt war und daß die Sale schon lange vor Beginn der Vorträge vollständig überfüllt waren. An den Türen und auf den Gängen stand eine große Anzahl von Leuten und nicht wenige kehrten unzufrieden wieder um, weil nirgends mehr ein Plätzchen aufzutreiben war. Ein großer Teil der Besucher mußte sich die Stühle aus dem Garten mitbringen und viele standen an den Wänden oder hinter dem Schank- ttsch, auf der Bühne und in den Fenstern.
.Kurz nach 8y2 Uhr eröffnete Oberlehrer Schmoll die Versammlung mit den üblichen Begrüßungsworten und erläuterte dann den Aweck der Kundgebung. Mit der Erklärung der .Kurie sei dem evangelischen Volke nicht gedient, denn dadurch, daß die Beschimpfungen nicht in Deutschland veröffentlicht würden, seien sie doch nicht aus der Welt geschafft. In Millionen von Katholiken würde die schiefe ^Charakterisierung des Protestantismus fortdanern und dadurch der tonfessionelle Friede aufs empfindlichste gestört. Dem gegenüber müsse sich der Protestantismus — ohne Voreingenommenheil gegen Andersgläubige — aufs schärfste verwahren. Er erteilte hierauf Herrn 'Geheimerat Prof. Dr. .K r ü g e r das Wort zu seinem Vortrag über d i e E n z y - cklika im Lichte der Geschichte.
De.r Redner ging davon aus, daß durch die diplomatische^Bei- legung, wie man auch immer über sie denken möge, der Streit nicht beendigt sei. Der Beleidigungsprozeß dauere fort, der Papst sei nach wie vor der Angeklagte. Aber als solcher könne er verlangen, gehört zu werden. Man müsse ihn seinen Spruch aufsagen lassen und müsse sich beim Hören in seine Seele versetzen. Der Papst habe einen großen Heiligen seiner Kirche feiern wollen, und ein solcher sei Karl Borromäus wirklich gewesen. Er habe als Erzbischof von Mailand vor und hinter den Kulissen mit nie ermüdendem Eifer gewirkt für die Wiederaufrichtung des Katholizismus auf dem Tridentiner Konzil und in seiner Diözese. Er habe sich auch als unerbittlicher Gegner des Protestantismus im Veltliu und in Graubünden gezeigt und kein Mittel gescheut, ihn zu verdrängen. Aber bei all dem sei er ein heiligmäßiger Mann gewesen, der in strengster Askese und nie ruhender Liebestätigkeit seines zarten Körpers nicht schonte und im besten Mannesalter sich aufgerieben hatte. Bei dem Gedächtnis dieses Heiligen steigen dem Papst die Schreckgespenster der Unruhstifter und Rebellen auf, die der Kirche so schwere Wunden zugefügt hatten. Feinde des Kreuzes Chttstt sind sie, irdischen Sinnes, ihr Gott ist der Bauch, (Paulus an die Philippiner 3, 19). Fügsam den Launen gerade der ver- dorbensten Fürsten und Völker (oder: einer ganzen Reihe verdorbener Fürsten und Völker, wie man nach den Regeln der lateinischen Grammatik auch, und vielleicht richtiger, übersetzen kann) haben sie die Kirche unter ein Joch gebeugt: sie nannten sich Erneuerer und wareir doch Verderber: denn sie sind schuld daran, daß sich Europa in Streit und Ktteg verzehrte, daß die Kirche nicht mehr Herr werden kann des dreifach konzentrierten Angriffs, der in der Neuzeit gegen sie gerichtet wird und in dem sich bereinigen die blutigen Verfolgungen der ersten Jahrhunderte, die Pest des Irrtums im eigenen Hause, die Lasterseuche und Zuchtverkehrung da draußen. Abbr die Neuerer der Zeit des Borromäus sind die schlimmsten nicht; viel schlimmer find die Modernen, wir sagen die Modernisten, die auch den letzten Rest göttlicher Offenbarung weggeworsen, den j*te noch festgehalten haben, und die ihr schleichendes Gift in die Adern der Kirche selbst einspritzen. Mit ihnen, als den eigentlichen Gegnern, zu kämpfen fordert der Papst in längerer Rede seine ehrwürdigen Brüder, die Erzbischöfe und Bischöfe, auf. Diesen Zusammenhang muß man kennen, um zu verstehen, warum der „Osfervatore Romano" jene lahnie Erklärung bttngen konnte, in der der Papst dein Unschuldigen spielte. Die Enryklika ist gegen die Modernisten gerichtet, kämpft doch der letzte Sproß des .Hauses Borromeo in ihren Reihen. Historische Urteile sind es, die der Papst über die Reformatton fällt. Aber das ist ja nun gerade das Ungeheuerliche: historische Urteile von der denkbar größten Tragweite bis in die Gegenwart hinein werden von der denkbar verantwortlichsten Stelle in die Welt geworfen. Mit der Bibel in der Hand erhebt man die ehrenrührigsten Vorwürfe gegen Fürsten und Völker, gegen Männer, von denen man weiß, daß sie für Millionen und Abermillionen Gegenstand höchster Verehrung sind. Und man, hat keine Empfindung dafür, daß man beleidigt: man glaubt sogar mit gutem Gewissen versichern zu können, daß man in der Gegenwart für die sich beleidigt Fühlenden „Wohlwollen" hegt. Da steigt uns der Zorn auf, der Zorn über die Lieblosigkeit und Verständnislosigkeit, mit der hier gesprochen wird, und der Ingrimm wird um so größer, wenn man sich erinnert, daß das Oberhaupt einer Kirche spricht, dessen Worte für Ungezählte unter Sünde zum Gehorsam verpflichten. Der Redner zeigte nunmehr an der Eanisius-Enzhklika von 1897, an der Enzyklika gegen den Sozialismus von 1878 und, weit zurückgreifend, an dem Rundschreiben Gregors XVI. von 1832, daß die in der neuesten Kundgebung vorgetragenen Vorwürfe, wonach Reformation und Reformatoren an allein liebet der Neuzeit schuld sind, nur Variationen eines alten Themas sind. Im Schatten der französischen Revolution ist diese Geschichtsbetrachtung geboren worden: der Haß gegen die Aufklärung hat sie erzeugt. Gregor XVI. brachte 1832 nur zu amtlichem Ausdruck, was seit Jahrzehnten in Frankreich und, unter dem Einfluß Frankreichs und Italiens, auch in Deutschland die Ueberzeugung weiter Kreise im Klerus und bei den Laien geworden war: Luther und die Reformatoren Söhne Belials, Teufel und Bestien. 1.840 sprach Döllinger das häßliche Wort: „Ich habe mich neuerdings mit den Schriften des Wittenberger Reformators beschäftigt, aber nie, ohne die geistigen Absperrungsmaßregeln anzulegen, wie wir sie körperlich anzuwenden pflegen, wenn wir unfern Weg durch einen Unsauberen Ort oder eine stinkende Pfütze nehmen/' In dieser Stimmung ging der große Gelehrte an das Studium der Reformation und schief von ihr das Zerrbild, das seitdem die klerikale Plnintasie beherrscht und in den Schritten von Janssen und Denifle mit immer giftigeren Farben ausgemalt wurde. Lieblos und verständnislos barf man diese Betrachtung nennen. Man berti sich mit ber heiligen .Schrift, aber auch jene» Pauluswort ist
lieblos gesprochen. Daß der Ketzer ein ifumb lei, ist leider eine mit der religiösen Polemik unzertrennbar verbundene Vorstellung. Eine der Hauptursachen, weshalb die beschimpfenden Worte der Enzyklika auch bei ruhig denkenden Katholiken Widerwillen erregt haben, ist eben hier zu suchen. Aber dazu kommt nun die ganze Jämmerlichkeit der Geschichtsbetrachtung, die den Urteilen der Enzyklika zugrunde liegt. Wird doch in allen Darstellungen der Welt- und Kirchengeschichte, die katholischen nicht ausgenommen, die Resoymation als der Anfang einer neuen Epoche in der Geschichte der europäischen Menschheit und darüber hinaus betrachtet. Man kann natürlich sehr verschiedener Meinung sein, ob ibic mit ihr airbrechende Entwicklung der Menschheit nur Segen gebracht bat. Aber sind wir denn blind, daß wir glauben, ein hohes Portal errichtet zu sehen, wo der Eingang doch nur in eine Kloake führt? Sind denn unsere Geruchsneüven so abgestumpft, daß wir Rosen zu riechen glauben, wo Schutt abgelagert wird? Haben denn die Männer der Gegenreformation irgendwo neue Bahnen gebrochen? Sind Canisius und Borromäus wirklich Vorkämpfer und Verfechter einer neuen, vorwärtstreibenden, völkerfördernden Kultur? Canisius hat einmal gesagt: der Ekel vor der scholastischen Wissens schast ist die Geistesgefähr der nördlichen Länder. Wir wollen Gott danken, daß er diese Pest über unser Vaterland gesandt bat, von der wir uns, einsckstießlich unserer Katholiken, nicht erholen können, fonbern in die wir immer tiefer versinken. Mag der Erdenrest, den Luther trug, noch so peinlich sein, hätte er nicht mit mächtigem Ruck die Fesseln mittelalterlichen Kirchen- tums gesprengt, die auf unserem Volke lasteten, die Aufklärer und Propheten, die Dichter und Denker, die Staatsmänner und Volksbeglücker hätten den Boden nicht bereitet gefunden, auf dem sie ihre zukunstverheißende Arbeit getan haben. Das sei unsers stolze Antwort auf den römischen Schimpf. Derselbe Döllinger, der Luther durch den Schmutz zog, hat, als ihm die Größe des Mannes aufgegangen war und trotzdem er bis an sein Lebensende ein guter Katholik geblieben ist, gesagt: „Es hat nie einen Deutschen gegeben, der sein Volk so im Innersten verstanden und wiederum von der Nation so ganz erfaßt, ich möchte sagen, eingesogen worden ist, wie dieser Augustinermönch in Wittenberg. Sinn und Geist der Deutschen waren in seinen Händen wie die Leier in der Hand des Künstlers." Das Papsttum wird den Mann nicht los, er bleibt ihm der Pfahl im Fleisch, und geht es einmal zu Grunde, so geschiehts cm Luther. Man legt dem Reformator diese Prophezeiung in den Mund: Pestis cram vivus, mottens ero mors tua, papa. Das ist verdolmetscht in freier Wiedergabe: Lebend war ich und bleibe im Tod dir der Nagel zum Sarge.
Nach der mit außerordentlichem Beifall aufgenommenen Rede erteilte der Leiter der Versammlung dem Metten Redner des Abends das Wort zu seinen Ausführungen.
Landgerichtsrat und Privatdozent Dr. Fried- r i ch sprach über die „Borromäus-Enzyklika und das staatliche Rechtsleben". Er bestritt, daß der diplomatische Erfolg, der in der Note des Kardinalstaatssekretärs vom 13. Juni 1910 gesunden wird, außer für Preußen auch für die übrigen deutschen Bundesstaaten von erheblichem Belang sei. Die Bundesstaaten, in denen das Plazet, die staatliche Genehmigung der Kirchengefetze bei Meldung ihrer Ungültigkeit, geltenden Rechts ist (also namentlich Bayern, Kobnrg, Braunschweig — aber auch Württemberg, Weimar, Baden, Hessen, Sachsen, Gotha) hätten sich auch ohne das Publikationsgebot des Papstes vor den die Reformatton betreffenden Stellen der Enzyklika schützen. können. Wo kein Plazet für päpstliche Erlasse besteht (also namentlich in Preußen, aber auch in Oesterreich — hier werden nur bischöfliche Gesetze plazetiertt blieb noch der Weg der Strafandrohung in Deutschland, auf Grund des § 166 Str. G. B. oder der Landesgesetze über den Mißbrauch der gttstlichen Amtsgewalt. Die Note vom 13. Juni 1910 und das "Verbot des Papstes, die Enzyklika in den deutschen Diözesen zu veröffentlichen, ist aber auch nicht als Rückzug des Papstes anzusehen. Das päpstliche Schreiben war (gemäß dem Erlaß Pius X. vom 29. November 1908 im offiziellen Amtsblatt des Vatikans) bereits gültig und verbindlich veröffentlicht, als das Verbot erging. Die Enzyklika verpflichtet also — soweit ihr Inhalt überhaupt verpflichtend ist — die deutschen Bischöfe, ja alle Bischöfe und alle Katholiken der Welt nach wie vor im Gewissen. Das nachträgliche Publikationsverboti ist ein vorn Standpunkt des katholischen Kirckenrechts aus gänzlich bedeutungsloser Akt. Dieser geringe Erfolg der staatlichen Intervention mahnt uns Protestanten, uns innerlich und äußerlich fest zusammenzuschließen, namentlich auch im Hinblick auf die drohende „Trennung von Staat und Kirche". Eine deutsche evangelische Reichssynode oder gar eine evangelische Weltsynode wäre der wirksamste Protest gegen die Angriffe Roms.
Die Ausführungen wurden mit außerordentlichem Beifall ausgenommen.
Die letzte Ansprache hielt Professor D. Schian über das Thema: „Die Borromäus-Enzyklika und die kirchliche Gegenwart". Er führte etwa folgendes aus: Was hat die gegenwärtige evangelische Kirche mit den Angriffen der Enzyklika zu tun? Es handelt sich um Urteile über eine Epoche der Vergangenheit, über die evangelischen Fürsten, Reformatoren und Völker des 16. Jahrhunderts; um Urteile, die objektiv nicht anders denn als Beleidigungen zu charakterisieren seien. Aus- geganejen sind sie vorn Papst, dem Statthalter Christi nach römisch- katholischer Auffassung, dem jeder Katholik im Gehorsam sich zu beugen verpflichtet ist. Sind es „rein historische Urteile"? Nein, sie beleidigen die evangelische Kirche der Gegenwart; denn diese weiß sich trotz der dazwischenliegenden Jahrhunderte innerlich mit jener Reformationszeit unlöslich verbunden, weiß, daß sie noch heut von den mächtigen Gedanken lebt, die jene Reformatoren verkündet. Nun sucht man uns allerdings zu beruhigen: wir sollen die Absicht des Papstes mißdeutet haben. Gewiß ist die Enzyklika nicht eigentlich gegen die Protestanten gerichtet, sondern gegen die Modernisten; die Reformatoren beleidigt sie nur sozusagen en passant. Aber dadurch wird die Beleidigung selbst nicht um einen Grad milder. Man versichert weiter, der Papst habe niemanden kränken wollen: aber wie schätzt er uns eigentlich mit dieser Erklärung ein? Er sagt uns Beleidigungen ins Gesicht und meint, wir brauchten uns nicht beleidigt zu fühlen? Meint er denn, die Protestanten seien Leute ohne Ehrgefühl? Nun aber verspricht er, die Enzyklika in den deutschen Landen nicht offiziell publizieren zu lassen. Daß sie von den Kanzeln nicht verlesen wird, ist ganz gut; das wäre aber wahrlich auch das Aeußerfte gewesen. Im übrigen macht es herzlich wenig aus, ob die offizielle Publikation in den bischöflichen Amtsblättern noch dazu kommt. Sie ist über die ganze Welt bereits verbreitet: wer lesen kann, hat sie in den Zeitungen gelesen. Daß sie vom Oberhaupt der römischen Kirche stammt, seine Ansichten ausdrückt, weiß jeder Katholik. Die Beleidigung hat ihre volle Wirkung getan. Wenn eine Beleidigung vor aller Welt geschehen ist, dann ist es ziemlich gleichgültig, ob der Beleidiger darauf verzichtet, sie dem Beleidigten noch einmal extra notariell beurkundet ins Haus zu schicken. Alle diese Beschwichtigungsversuche > sind ganz unzureichend: wir sind schwer gekränkt und können nicht anders, als mit aller Energie gegen die Schmähungen Pius X. pro- teftieren. Um der evangelischen Kirche willen, um unserer Selbstachtung willen: aber auch um des konfessionellen Friedens willen. Wir wollen diesen Frieden ehrlich und freudig: wir sttecken dem katholischen Mitbürger die Hand hin und sagen: Du sollst sein wie wir im deutschen Vaterlands Wir achten die katholische Religion. Aber wenn Friede sein soll, muß diese Achtung aüf Gegenseitigkeit beruhen. Die päpstliche Enzyklika aber sucht in den Herzen der Katholiken die Achtung vor den Protestanten zu untergraben. Gebildete Katholiken wissen freilich, daß die päpstliche Geschichtsauffassung eine Geschichts- fä 1 schung ist: aber Millionen Katholiken, die keine Geschichte studieren und ihre Geschichtsanschauung nur aus dem Religionsunterricht beziehen, werden durch diese Enzyklika gegen Protestantismus und Protestanten verhetzt. Wie soll dann der Friede gedeihen? Seit lange hat niemand und nichts den konfessionellen Frieden so schwer gestört als jetzi Papst Pius X. Auch um deswillen protestieren wir aufs Nachdrücklichste. Wir protestieren aber nicht bloß mit Worten, es. gilt durch den Zusammenschluß
aller Evartzielifchen zu protestteren. Nickt Protestant gegen Katholik, aber Protestantismus gegen Ullramonlanismus! In der Enzyklika hat der in obente Ultramontanismus sein wahres Gesicht gezeigt. Darum auf zur Abwehr dieses ultram.mrtauen Geistes, durch Eintritt in die Reihen des Evangelischen Bundes und auf jedem anderen Gebiet? Hat die Enzyklika diese Wirkung, dann kann Pius X. noch einmal der Zerstörer aller protestantischen Zwietracht und der Förderer protestantischer Einigkeit heißen. Dann kann vielleicht noch einmal mit Bezug auf die Enzyklika das BibelworÄ gelten: „Ihr gedachtets böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen!"
Nach dem mit starkem und häufigem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde folgende Entschließung unter allgemeiner, freudiger Zustimmung angenommen:
Die am heutigen Abend versammelten evangelischen Männer und Frauen in Gießen bringen hierdurch ihre lebhafte Ent- ruftung über die neueste konfessionelle Friedensstörung durch die Borromäus-Enzyklika des Papstes zum Ausdruck. Die Beschimpfung der Reformatoren und ihres großen Werkes, die Schmähung der die Reformation fördernden Fürsten unb Völker, die Herabwürdigung evangelischer Grundsätze ist eine empörende Herausforderung des gesamten deutschen Protestantismus und eine Beleidigung der deutschen Natton. Wir bitten alle unsere protestantischen Mitbürger unbeschadet ihrer kirchlichen unb politischen Parteiftellung, sich zu energischer Abwehr gegen diesen neuen Beweis römischer Undulbsamkeit und Unversöhnlichkeit einmütig zusammenzuschließen und dahin zu wirken, daß die Segensgüter der Reformation als die Grundlagen echter deutscher Gesinnung unserem Volke ungeschmälett und ungeschmäht erhalten bleiben.
Tie zahlreichen Zuhörer erhoben sich darnach von ihren Plätzen und sangen das alte herzhafte Lutherlied: Ein feste Burg ist unser Gott! Nach einem kurzen Schlußwort ging die Menge sttll und ernst auseinander.
Nähere Belehrung über die von Dr. Krüger nur angedeutete Gegenüberstellung von Reformatton und Gegenre- formatton findet man in Prof. Krügers Vortrag ül>er: Petrus Canisius (Gießen, Zttcker, 1897,. 10 Pfg.), an dessen Schluß auch die Canisius-Enzyklika Papst Leo XIII. deutsch ab gedruckt ist. Die neuere Entwicklung des Ultramontanis- mus ist in desselben .Verfassers Schrift: „Tas Papsttum. Seine Idee und feine Träger" (Tübingen, Mohr, 1907. 1 Mk.) geschildert.
*
tnt. Darmstadt, 17. Juni. Die heutige vom Goethebund veranstaltete P r o t e st v e r s a rn m l u n g, die im Kaisersaal stattfand, war von weit über tausend Menschen besucht und viele fanden keinen Platz mehr. Prof. Nagel leitete die Versammlung mit markigen Worten ein, worauf Dr. Strecker-Bad-Nauheim in kerniger, von fort' währendem Beifall unterbrochener Rede die ganze Frage eingehend beleuchtete und zu energischem dauerndem Protest auf forderte.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 18. Juni 1910.
* * Tageskalender. Kolosseum: Sonntag, 19. Juni, nachm. 4 und 8 Uhr: Gastspiel des Frankfurter Spezialitäten- Ensembles Fortuna.
K i n e rn a t o g r a p h: Täglich Vorstellung.
Biograph: Täglrch Vorstellung.
*
— Ordensverleihung. Der Großherzog hat dem Rentner Gg. Neidlinger zu Hamburg-Uhlenhorst das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* • Erledigte Lehrer st eilen. Eine mit einet kath. Lehrerin zu besetzende Lehrerinstelle an der Gemeindeschule zu Budenheim. Eine Lehrerstelle an der evang. Schule zu Eich. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Metzlos. Dem Inhaber der Stelle kann eine Ortszulage bewilligt werden.
"Der Vorstand der Landwirtschaftskammer ist auf kommenden Dienstag zu seiner 5 5. Sitzung ein- berufen worden. Es stehen 48 Gegenstände auf der Tagesordnung, darunter Pensionierung von Personal, Anlage einer Obstmusterpflanzung in Bensheim, Abhaltung von Zuchtvieh- und Faselmärkten, Bestellung von Aerzten, Zuschüsse zu den Versuchsfeldern der Landw. Winterschulen, Weingesetzbuchführung, Abänderung des Reblausgesetzes, Mittel zur Wiesen- verbefferung, Satzungen der Pferdezuchtvereine, Veredelung amerikanischer Reben usw.
** Vom Stad ttheater wird uns geschrieben: Nack dem großen Crfolg des ersten Nauheimer Operettengastt spiels ist zu hoffen, daß die wetteren Operettenabende besser besucht werden. Tie Durchführung dieser Gastspiele in großstädtischer Aufmachung und mit erstklassigen Kräften würde im andern Falle für die nächsten Jahre in Frage gestellt sein. Frl. Grete Brill, die ausg^eicknetc und beliebte Soubrette des Ensembles, ist vom Herbst ab an das Dresdener Residenztheater verpflichtet. Sie ist zweifellos eine der temperamentvollsten und feschester: Vertreterinnen ihres Faches und wird sicher auch als „Briefchristei" im „Boge 1- Händler" am kommenden Dienstag mit in erster Reihe des Erfolges stehen. Uebrigens sind sämtliche ersten Kräfte des Ensembles am Dienstag beschäftigt. Tie Ausgabe der Billets für Dienstag findet von Sonntag 11 Uhr ab statt
** Der Straße.« bah «verkehr bezifferte sich in der ersten Hälfte des Monats Juni auf 80 561 beförderte Fahrgäste oder täglich durchschnittlich 5370 Personen. Von den gelben Fahrmarken, von denen 24 000 Stück zur.Verfügung stehen, die bei der Eröffnung des Unternehmens ausverkauft waren, sind etwa 5—6000 Stück im Verkehr. Die eine Freifahrt bei 10 Fahrten übt doch nicht den Reiz aus, daß allgemein von dieser bequemen Einrichtung Gebrauch gemacht wird.
• • Briefmarken -Automaten wurden heute im Stadtpostamt aufgestellt und zwar je einer für Fünf- unb Zehnpfennigmarken, sowie ein weiterer für Postkarten. An dem Publikum wird eS jetzt fein, durch fleißige Benutzung dieser Einrichtung den damit verfolgten Zweck erfüllen zu helfen.
• • Blumenschmuck. Wie man uns vom Verkehrsverein mitteilt, wird bereits in diesem Jahre ein Wettbewerb in dem angeregten Blumenschmuck der Häuser Gießens stattfinden. Die Gebäude, die wegen ihrer hervorragenden AusschmückungSweise eine besondere Anerkennung verdienen, werden photographisch ausgenommen und davon Klischees angefertigt und auf Ansichtskarten übertragen. Diese Ansichtskarten kommen je nach der besonderen Wertung in größerer Anzahl an die Blumenaussteller zur Verteilung. Außerdem werden die schönsten Ansichten in dem vom Ver- kehrSverein herausgegebenen Führer und Broschüren auf» genommen und den weitesten Kreisen bekannt gegeben.


