Air. 219 Zweites Blatt
160. Jahrgang
Montag 19^ September 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.
Die „Siebener Zamllkenblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da« „Krtisfclatt für de« Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniverffitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktiön, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Die Wahlen in Südafrika.
Als. die beiden Burenstaaten, Tvcrnsvanl- und Orrmje- republik, inr Jahre 1902 mit England den Vertrag von Vereeiriaun-g schlossen, hätten sie sich wohl nid)t träumen lassen, daß gerade die Bestimmung, die den Buren das stecht der Sewstvermaltung verbürgte, bereits sieben Jahre später den Grundstein dafür abgeben würde, Transvaal und Oranjerepublik mit den alter: britischen Kolonien, Kcrpland und Natal, zu einem Staatenbrrnd, den „Vereinigten Staaten von Südafrika", zu verschmelzen. Engländer und Buren, die sich so lange und so erbittert bekämpft, jetzt Freunde und Angehörige eines Staatskörpers — wer hätte das - zu Anfang dieses Jahrhunderts zu glauben gewagt! JInb , doch erwiesen sich die wirtschaftlichen Bedürfnisse Süd- ; | afrikas stärker als die zunächst noch bestehende Feindschaft der es bewohnenden Nationen, und in London war man klug genug, eiltzusehen, daß das britische Südafrika von 3 i einer ^Verschmelzung der holländischen mit den britischen Elementen nur Vorteil haben könnte, nicht nur bei der i i Gemeinsamkeit der Erschließung des Landes und seiner Hebung auf ein höheres .Kulturniveau, sondern auch bei seiner Stellung gegenüber der starken Eingeborenenbevölke- i rung, deren Zuverlässigkeit nicht über allen Zweifel er- ' haben ist.
So bereitete man in London einen Verfassungsentwurs j für die südafrikanische Union vor, der schließlich und um so eher auch die Billigung der Buren fand, als darin keine Unterschiede zwischen Briten und Buren gemacht wurden, wenn man es auch in Burenkreisen bemängelte, daß Cin- - geborene, die einem gewissen Zensus genügten, das aktive > ' Wahlrecht haben solkten. Nach dem Verfassungsentwurs ' tür die südafrikanische Union, der im August 1909 von ■ beiden Häusern des englischen Parlaments und zur näm- ; lichen Zeit auch von den vier Kolonialvertretungen >an- • genommen wurde, steht an der Spitze der Union ein vom König von England zu ernennender Generalgouverneur, ' dem ein aus höchstens 10 Männern zusammengesetzter Ministerrat an die Seite gestellt ist. Das Parlament besteht aus dem 40 Mitglieder zählenden Senat und dem 121 Mit- ; glieder umsaMnden Abgeordnetenhaus, von denen 51 auf . die Kapkolonie, 36 auf Transvaal und je 17 aus Natal und Oranjestaat entfallen.
Die beiden Nationalitäten weiter versöhüen und die ersten Parlamentswahlen, die noch auf Grund der bestehenden alten Vorschriften für die vier einzelnen Kolonien stattsinden mußten, zu leiten, siel neben dem ersten General- gouvemeur der Union, Mr. Herbert Gladstone, dem ersten Ministerpräsidenten, dem aus dem Burenkriege bekannten General B o t h a, zu. Es war dieses immerhin ein schweres Stück Arbeit, bei der es sich für General Botha um seine Stellung handelte, da die Verfassung verlangt, daß auch die Minister Parlamentsmitglieder sein müssen, und ein ungeschriebenes Recht, das in gleicher Weise in Großbritannien, wie in seinen Kolonien gilt, ihnen nahelegt, Kurück^utreten, falls sie im Parlament über keine ausreichende Majorität : verfügen. Ministerpräsident Botha hatte aber für sich und sein Kabinett, wenn er auch anerkannter Führer der Buren 1 war, bei den Parlamentswahlen um so schwerer zu kämpfen, als er in dem Führer der Afrikander, also der englischen Partei, einen nicht zu unterschätzenden Geaner in Dr. Jam eson, dem früheren Premier der Kapkolonie, hatte, ; und überdies die Negerbevölternng wegen der Haltung der Burenpartei in der Eingeborenensrage nicht für sie zu haben war.
So spitzte sich, der Wahlkampf zu einer persönlichen . Fehde zwischen General Botha und Dr. Jameson^zu. Denn,
Sozialdemokratischer Parteitag.
■4 Magdeburg, 18. Sept.
Mit einer Begrußungsversammlung im festlich geschmückten Saale des in der Nordvorstadt Magdeburgs belcgencm „Luisew- Parks" begannen heute hier die Verhandlungen des diesjährigen Sozialdemokratischen Parteitages. In dem überfüllten Versammlungslokal sitzen an langen Tischen die von den Lokalorganisationen der Partei in allen Teilen des Reiches gewählten Delegierten, ferner die Reichstaqsabgcordncten, unter ihnen die in den sieben Nachwahlen gewählten sozialistischen Vertreter, deren bemerkenswertester Kopf der frühere Pastor Paul Göhrc ist, und die bekannten ^Gewerkschaftsführer. Bor der Rednertribüne zieht sich der langgestreckte Tisch der Presse hin. Hier haben etwa 100 Journalisten aus Deutschland, Frankreich, Oesterreich, der Schweiz, England, Belgien usw. Platz genommen. Die Musik spielt „Mädel klein, Mädel fein" und anbtrre schöne Lieder. Vor dem Lokal mustern zlvei Schutzleute die eintreffenden Delegierten. In einem Nebenraum ist ein besonderes Parteitagspostamt untergebracht.
Ms die Massen im Garten immer stürmischer nach einer Versammlung verlangten, bestieg der Vorsitzende der hiesigen Organisation, Holzapfel, die im Garten aufgebaute Tribüne, um die im Garten erschienenen Vertreter der deutschen Sozialdemokratie namens der Magdeburger Genossen willkommen zu heißen.
Hierauf nahm der 9fbgcortmete Ledebour das Wort: Der Parteitag ist in einer kritischen Zeit für die Geschicke Deutsjch-
politische Tagesschau.
Der Inhalt der Milit'ärvorlage.
Die „Post" glaubt, in der Lage zu fein, jetzt, nachdem die Heeresnovelle das R e i ch § s ch a tz a m t passiert und in seiner vorläufig abgeschlossenen Fassung, während der Manöver, die kaiserliche Genehmigung erhalten hat, foli gende Angaben über die dem Reichstage zu unterbreitenden Forderungen machen zu können:
Es ist zunächst und als im Hinblick auf den in Frankreich bestehenden Vorsprung notwendigste Forderung die Aufstellung von M a s ch, i n e n g e lv e h r - K o m. Pag n i en für die Infanterie vorgesehen. Ebenfalls dringlich ist der Ausbau der technischen Truppen, die zusammen mit den um je eine Kraftwagen-fKompagnie zu vermehrenden Train-^Batailloncu der neuen General- Jnspektion der Verkehrstruppen unterstellt werden. Beil diesen Kompagnien soll in Zukunft die Ausbildung der militärischen .Kraftwagenführer erfolgen, von denen die mobile Armee, dank des bei den 2. Staffeln geplanten Ersatzes des tierischen Arges durch den mechanisck^en, sehr starken Bedarf haben wrrd. Von der Gliederung des Trains in Regimenter bleibt vorläufig abgesehen.
Sämtliche Neuformationen und Forderungen der Vorlage werden bi§ 1914 geftaffeit. Für dies Jahr^erst, das dem Reiche durch Freiwerden gewisser Einnahmen größere finanzielle Bewegungsfreiheit gibt, bleibt auch die für die 37. und 39. Division in'Allenstein und Colmar i. E-
abgesehen von der Eingeborenenfrage, unterschieden sich die Wahlprogramme der Nationalpartei (Botha) und der Unionspartei (Dr. Jameson) in nichts. Beide verlangten, eine Ausgleichung der Gegensätze zwischen Engländern und Buren, beide die Förderung der europäischen Einwanderung, aber Ausschließung der asiatischen, beide eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der nationalen Verteidigung, der Staatsverwaltung und die Förderung des Eisenbahnwesens, der Minenindustrie, sowie oer Landwirtschaft. So war es ür die Wähler, wenn man von der Arbeiterpartei ab sieht, )ie kaum von sich reden gemacht hat, von vornherein schwer, ich zwischen Nationalisten und Unionisten zu entscheiden. Höchstens konnte neben der Eingeborenenfrage, die Botha aus der Parteipolitik ausgeschaltet wissen wollte, während Dr. Jameson hierbei mit der Wurst nach der Speckseite warf, die Nationalität und der Charakter der beiden Führer ausschlaggebend sein. Es gruppierten sich auch tatsächlich während des Wahlkampfes Die Engländer um Jameson, die Buren um Botha, nur, daß unter den ersten nicht dieselbe Einigkeit herrschte wie bei den Buren, da -hier gewisse Wählergruppen in Transvaal und Natal zu Botha abschwenkten, teils, weil sie den Einfluß des Minenkapitalismus bekämpfen, teils, weil sie auf die Kapkolonie in punkto Eisenbahnen eifersüchtig sind.
War wegen der Ähnlichkeit der beiden Parteiprogramme und der Undurchsichtigkeit der südafrikanischen Verhältnisse bei diesen ersten Parlamentswahlen trotz aller Teilung in Nationalitäten der Ausfall der Wahlen schwer vorauszusagen, und konnte man daher auf mehr oder minder große Ueberraschungen gefaßt sein, so hat das Ergebnis der Wahlen, die am 15. September stattfanden, dennoch alle Vermutungen über den Haufen gestürzt. Denn schwerlich hat man damit gerechnet, daß es die Nationalisten auf eine so schwache Mehrheit bringen würden, und daß drei Minister des Kabinetts Botha, darunter dieser selbst, nicht gewählt werden würden. Das Gesamtergebnis der ersten Parlamentswahlen in der südafrikanischen Union ist daher eine Krisis, die, wie die Verhältnisse einmal liegen, schwer auszugleichen sein wird.
Kapstadt, 17. Sept. Eine Blättermeldung aus Pretoria besagt, man habe Grund zu der Annahme, daß B otha den Plan hege, seine Demission einzureichen. ^Eine Krisis bestehe sicherlich. _________________________________________________________
lands zusammengetreten. ' steigt überall der Unwille
.über die unglaubliche Fina ",7 mi_J der Regierung und der. herrschenden Parteien, uiü> -^^..^-nat $u Monat .steigert sich dieser Unmut zum tiefen ^rü-Vy\nw>iber den den breiten Massen auferlegten Opfern an Geld in F* * un von Steuern aus Lebensmittel, Steuern, die dazu dienen, eine stetig wachsende Hecres- m a ch t zu Lande und zu Wässer und ne u e r di n g s auch in der Luft zu unterhalten. Daß dem Volke diese ungehmren Lasten guserlegt lverden ohne Rücksicht aus die Lage der arbeitenden Klassen, das danken wir dem Einfluß reichster, ivenN auch kleinster Klassen in DeutsckHand, dem Agrarier- und Junkertum. Das wird nicht früfc ^'Jcr werden, als nicht die brätelt Massen des Volkes eütgr*cien- /Daß dies geschehen ivirb, zeigen die Nachwahlen zum Re^änötage den Landtagen. (Stürmischer Beifall.) Acht neue Kollegen find durch die letzten Nachvahlm in den Reichstag gekommen, unb wenn erst die allgemeinen Wahlen kommen iuterben, ba^n wird ein gewaltiges Strafgericht hereinbrechen' über bic jetzige Cligue im Parlament. (Erneuter Beifall.) $f$cr Einzelne von uns ist berufen, mtt* zuwirken, daß sich diestr Ansicht rorit über Erwarten erfüllt. Wenn noch ein Zeicheist notwe^ig ioar, um anzukündigen, daß das Morgenrot der Freiheit it Deutschland heraufzieht, so mag man an die K u n d g e str n n g Wilhelms II. in Königsberg denken. Der Rednei> TritiUrt diese Rede, die das Sturm- s i g n a l zu Versa st's u n L> - und V o l k s k ä m p f e n gewesen sei und bedauert, daß klein ^?inz von Preußen infolge seiner eigenartigen Erziehung zu^,olck>en Ansichten kommen konnte, wie sie der Kaiser in Königsberg äußerte. Einer muß den andern zum kämpfen veranlassen, dann wird sich im Hinblick auf die kommeubc große Zeit das Ziel Deutschlands, der Sieg der Sozialdemokratie erfüllen.
Hierauf begrüßte der Däne Stauning (Kopenhagen), der geistige Leiter des Jntenrationalen Sozialistenkongresses, die Versammlung. Sodann erschien, ebenfalls stürmisch begrüßt, Rechtsanwalt Frank (Mannheim), einer der badischen Bud- getbewilliger, auf der Tribüne. Er kritisierte die letzte Rede des ^onprinzen, der sich dagegen gewandt habe, daß das deutsche Volk internationalisierenden Tendenzen huldige. Nachdem der Vater anderthalb Jahre geschwiegen, jetzt aber wieder rede, habe auch der Sohn mit Reden angefangen. Man könne nur den dringenden Wunsch haben, daß das Beispiel des Kronprinzen nicht von allen seinen Brüdern geteilt werde, sonst würde die Sozialdemokratie mit Protestversammlungen gar nickst mehr nachkommen.
Die letzte Schiefertafel.
Diese Ueberschrist ftaimnt eigentlich aus Chamissos „Salas h Gomez", sie gewinnt aber augenblicklich für uns eine aktuelle Bedeutung, nachdem in jüngster Zeit nun au!ch! die bayerische Schulverwaltung der guten alten Schiefertafel den Krieg erklärt und bestimmt hat, daß die lleinen ABC-Schützen künftig Ihre ersten kalligraphischen Uebungen gleich mit Tmte im Schreibheft vornehmen sollen — also gleich schwarz aus weiß, nicht mehr weiß aus schwarz, wie in unseren eigenen Kindheitstag en. Damit ist die Schiefertafel nachgerade museumsreif geworden, denn in den meisten Volksschulen Deutschlands ist sie jetzt gar nickst mehr oder nur noch in der untersten Klasse im Gebrauch, und gewöhnlich nur bet den Knirpsen männlichen Geschlechts, nicht bei den Mädchen. Die Zeiten sind somst vorüber, wo sich Versündigungen gegen Kalligraphie und Orthographie schnell und widerstandslos mit dem Schwämmchen oder dem naßgemachten Finger aus der Welt schaffen ließen, und der Ernst des Lebens mit seinen Verantwortungen sängt für das Heranwachsende Geschlecht wieder um eine Zeitspanne früher an. r
Seit wann die Schiefertafel der Menschheit gedient hat, ist schwer zu sagen. Die Babhlonier und Assyrer ritzten ihre Keilschrift in ftische Tontäfelchen, die hernach getrocknet unb leicht gebrannt wurden, und die Aegypter schrieben zwar auf Papyrus und geglätteter Haut, aber auch auf dem sogenannten Ostrakon, der Topfscherbe oder dem Splitter weißen Kalksteins, und zwar bis in die römische und arabische Zeit hinein. Das Ostrakon diente zu gewöhnlichen Zwecken, zu denen Papyrus zu schade war: für kleine Rechnungen, Quittungen, Listen, unwichtige Briefe, Nottzen und Schreibübungen, obwohl von allers her für Unterrichtszwecke auch weiß gestrichene Holztafeln, von denen mc Schrift leicht abwafchen ließ, in Gebrauck) waren. Demnach i|t anzunehmen, daß der leicht spaltbare Tonschiefer dort, top er vorkam, schon in alter Zeit nicht nur zum Eindecken der Dächer, sondern wie das ägyptische Ostrakon ebenfalls zum Wtayreiben kleiner Notizen benutzt worden ist. Solcher Tonschiefer, der sich in Platten leicht spalten und schleifen läßt, ist bereits vor ^Jahrhunderten im englischen Wales bei Port Madoe, Bangor, Port Penrhyn und Carnarvon, in Frankreich bet Alligers und Ja- mogne und in Deutschland bei Nuttlar an der Ruhr, &mb am Rhein und Lehesten gebrochen worden. Daß er .aber chon den lugendlicheii Scholaren der in karolingischer Zeit zahlreich errichteten Schreibschulen zu Hebungen niederen Grades gedient hat, ist nicht anzunehmen, beim diese Sclstiler wurden sehr schnell in mediaö res geführt. Die damalige llntemchtsmethodc, im Schreiben muß eine vorzügliche gewesen sein, waren doch sonst die ausgezeichneten Leistungen der karolingischen SckMibkunft und Buchmalerei, wie sie in den Klöstern St Gallen, Aachen, Fulda, Tours, Rheims, Metz, St. Denis, Corbid und Orleans hervorgebracht wurden, kaum zu erflären. <
Auch die Folgezeit gibt von der Schiefertafel keine Kunäe. Für llnterychtszwecke scheint die Schiefertafel erst iM 17. Jahr
hundert aufgekommen zu sein. Jedenfalls ist sie un 18. Jahrhundert schoii sehr gebräuchlich gewesen, besonders am Rhein, wo sie in Köln einfach „Lei", wohl nach dem englischen „laber", genannt wurde. Bezugsquellen gut ab geschliffener und gerahmter Schiefertafeln und brauchbarer Griffel sind Lehesten, Grafenthal und Steinach im südöstlichen Tbüringer Walde. Int Gräfenthal geschieht die Herstellung der Tafeln im Wege der Hausindustrie. Steinach liefert vorzugsweise Griffel, da sich hierfür in seinem Forst besonders geeignete Brüche finden. Bevor der Schiefer für Griffel zur Verweridung gelangen kann, muß er eine Weile im Keller feucht aufbewahrt werden. Nach alter Methode wird er dann in Griffelform gespalten^und jeder Griffel mit dem Schabmeißel abgeschabt und zum Sch^st geMiffen, nach der neuen Methode besorgen Maschinen das Spalten, Bestoßen der Kanten, Abrunden und Glätten, und zwar die beiden lebten Stadien der Herstellung in der Weise, haß' die Grifft! burd) eine Scheibe mit Löchern zwei- bis dreimal hindurchgetrieben werden.
Mit der Tafel wird nun auch der Griffel bald genug aus unserem Volkshaushalt verschwunden sein. Hat ihn dock auch Klio, deren Prädikat er bekanntlich ist, dem Vernehmen nach längst mit ehumi — Füllfederhalter vertauscht, um den gesteigerten Ansorderungeii unserer Zeit nachkommeu zu können...
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— Goethe un d die Weimarer Straßenjungen. Eine recht aktuelle Beschwerde Goethes an die Großherzogliche Sächsische Landes-Direktton, die gerade in bieten Tagen des reifen Obstes und der ausplatzenden Kastanien wohl mancher ftiedliche Bürger sich zu eigen machen möchte, ist in dem neuesten, bei der Dieterichsckftin Verlagsbuchhandlung in Leipzig erscheinenden Goethe-Kalender zu lesen, den nach dem Tobe seines Begründers Otto Julius Bierbaum der bekannte Goethesorscher Carl Schüddekops heraus- gibt. Unter dem 15. August 1817 nimmt sich hier Goethe „die Freiheit", auf einige in den Promenaden verübte Unarten aufmerksam zu machen: „In der Ackerwand steht cütc Reihe Kastanienbäume, so nun die Früchte einigermaßen zu reifen anfangen, werfen bic Knaben mit Steinen darnach, ohne sich im muibcftai um die Vorübergehenden zu bekümmern. Ferner wird man nicht nur auf gedachter Straße, sondern auch in den Gärten belästigt: nach Obstbäumen, die an der Mauer her stehen^ werfen unbändige Knaben, bei noch völlig unreifen Früchten, Steine, ja Knittel, und der Besitzer, in Gefahr auf eigenem $runb und Boden verletzt zu werden, sieht sich in der Hoffnung getäuscht, seine Früchte zu genießen. Ja was ganz seltsam scheinen muß, dasselbe geschieht mitten im Winter an unbclaubfen Bäumen, auf denen nicht etwa ein Nest oder sonst etwas zu bemerken ist: welches Aufmerksamkeit oder Begierde erregen könnte. Wie denn der Gensdarmes Senger, dem ich die bis in die Mitte meines Gartens geflogene Steine vorgewiesen habe, bezeugen kann. Möge cs einer hohen Behörde gefallen, diesen, die öffentliche und private Sicherheit gefährdenden Unarten durch weise Anordnung Md kräftige
Maßregeln für die Zukunft zu begegnen. Weil ich nicht gern! in meinen Privatangelegenheiten den höheren Behördeii beschwerlich falle, so hielt ich Vorstehendes eine Zeitlang zurück; da ich aber nach meiner Rückkehr von Jena, bei gegenwärtig reifenden Früchten, den Unfug immer wachsend antreffe, so sah ich mich genötigt, dieses geziemende Ersuchen endlich abgehen zu lassen. Wobei ich zugleich bewähren kann, daß es eine öffentliche Sache, sei: beim indem ich, aus meiner Gartentür heraustretend, dergleichen frevelnde Knaben zur Zucht verwies, stimmten inehrere von ihren Krautländern zurückkehrender Menschen in meine Rede mit ein, versichernd: daß sie auf diesem so gangbaren und nn- vermeidlichen Wege durch solchen beschwerlichen Unfug getroffen und verletzt zu werden öfters in Gefahr gerietheu. Weshalb ich denn meinen obigen Vortrag auch im Namen dieser in häuslichen Geschäften, besonders gegenwärtig, nothgedrungen lnn- und hettvandelnden Personen geneigter Gewährung hochachtungsvoll zu empfehlen nicht länger anstehe."
— Heber die japanische Expedition nach dem Südpol, die am ersten August von Tokio nbgegangen ist, liegen jetzt eingehendere Mitteilungen vor. Ihr Leiter, der Reserveleutnant Chirape Choku, bat bic Berichte von Nordenskjöld, Peary, Seott und Shackleton über ihre jüngsten Fahrten genau studiert und wird sich die von ihnen gcmoitncnen Resultate bei seinem Unternehmen zunutze machen. Die eigentliche Fahrt geht von den Bonin-Juseln in Australien aus, wo bereits ein Schoner von 200 Tonnen, mit allen nötigen Provisionen versehen, bereit liegt. Choku hofft am 15. November^ bic Eisbarriere yu erreichen, wo Seott im Jahre 1903 sein Hauptlagev aufschlug. Am 21. November will er dann nach dem Südpol aufbrechen und zwar soll seine Expedition in zwei Abteilungen dem Ziele zustreben. Die^erste, deren Fülfrcr er selbst ist, wird außer ihm aus einem Astronomen, einem Geologen und zwei Begleitern bestehen und fünf Pferde mit sich führen, die das Gepäck tragen sollen. Choku rechnet damit, daß er in täglichen Wanderungen von 20 Kilometer wird vorwärts kommen können. Am 28. Januar 1911 würde dann nach seinen Bereckmungen der große Tag gekommen sein, an dem er den Südpol erreicht. Die zweite Abteilung, die hinter der ersten l-erinarschwrt, soll an einem bestimmten Punkte Halt machen und die erste Abteilung bei ihrer Rückkehr vom Pol neu verproviantieren. Der Forscku'r will drei Tage am Südpol bleiben, in dem Eis eine eiserne Büchse zurücklassen, die einen ausführlichen Bericht seines Unternehmend enthält. Die japanische Fahne aufpflanzen und eine genaue Karte aufnehmen. Die Vei-wirNichnng dieses bis tu alle Einzelheiten festgestellten Programms wird freilich von verschiedenen! Umständen abhängen, aber der Leutnant glaubt alle Hcmmnissv so weit als möglich ausgeschaltet zu haben. Shirape Choku hat sich bereits durch seine Erforschung der Kurilen einen guten Ruf in der Wissenschaft erworben und besonders als Geologe Vorzügliches geleistet


