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160, Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 139
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
I Antragsteller. Servier ig sei die Abrechnung mit den 51 tonten-
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politische Lagesschau.
Die Derfafsungcberatungen in Elsatz-Lothringen.
Zur Verfassungsreform in Elsaß-Lothringen schreibt die
Freitag 17,JunilS10
Rotationsdruct und Verlag der Brühl'schen UnwersitätS - Buch, und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Die „chiehener Kamilienblätter" werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegi, das „Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und $ ruderet: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51.
Redaktion: 112. Del.-2ldru AnzetgerDießen.
Die Gemeindesteuern im Ureise Stehen.
Die 82 Landgemeinden und selbständigen Fekdgemark- ungen in unserem Kreise erheben zusammen die stattliche Summe von 798 393 Mk. Gcmeindeumlagen oder durchschnittlich 116,995 Proz. Zuschlag der doppelten Grundzahlen und des ganzen Einkommensteuerbetrages, lieber diesem Durchschnitt sind 38 Gemeinden, mährend 44 darunter bleiben. Die Zahl der Gemeinden, die überhaupt keine Gememde-- umlagen zu erheben brauchen, ist immer mehr zurückgegangen und im laufenden Rechnungsjahre ist nur noch Ettingshausen in dieser glücklichen Lage. Das Extrem nach der anderen Richtung bildet Stangenrod, da§ 243,892 Proz. (6000 Mk.) erhebt, lieber 200 Proz. erheben außer ihm noch Göbelnrod 235,569 Proz. (5350 Mk.), Lindenstruth 225,815 Proz. (5000 Mk.), Saasen mit Bollnbach, Veits- berg und Wirberg 208,418 Proz. (9200 Mk.) und Belters- ham 206,114 Proz. (5900 Mk.), zusammen also 5 Gemeinden. Wie man sieht, sind es hauptsächlich kleinere Gemeinden, die solche außerordentliche Steuerlasten zu tragen haben. Zwischen 200 und 150 Proz. erheben 14 Gemeinden, nämlich Allertshausen 198,943 Proz. (3200 Mk.), Kesselbach 197,069 Proz. (8500 Mk.), Daubringen 196,163 Proz. (lO OOO Mk.), Dorf- Gill 184,737 Proz. (8100 Mk.), Trohe 181,107 Proz, (2500 Mk.), Burkhardsfelden 179,885 Proz. (9000 Mk.). Stockhausen 174,491 Proz. (4300 Mk.), Rüddingshansen 172,078 Proz. (9000 Mk.), Grüningen 167,088 Proz- (14000 Mk.), Garbenteich 163,208 Plioz. (10500 Mk.), Trais-Horloff 153,643 Proz. (13 000 Mk.), Klein-Lirrdew 152 741 Proz. (20 100 Mk.), Birklar 152,447 Proz- (10 685 Mk.) und Weickartshain 150,542 Proz. (6000 Mk.). Mit 150—100 Proz. sind 29 Gemeinden vertreten: Watzenborn * Steinberg 149,517 Proz. (21400 Mk.), Lumda 148,284 Proz. (6000 Mk.), Hausen 146,19 Proz. (7000 Mk.), Londorf 146,008 Proz. (20 000Mk.), Eberstadt 145,32 Proz.). (12 500 Alk.), Muschenheim 144,017 Proz. (11 600 Mk.)« Elimbach 141,947 Proz. (1938 Mk.), Lollar 141,793 Proz- (50000 Mk.), Lauter 139,476 Proz. (6000 Mk.), Rödgerr 139,08 Proz. (8000 Mk.), Obbornhofen 134,751 Proz. (12 500 Mk.), Steinbach 134,245 Proz. (12 800 Mk.), Heuchelheim 131,348 Proz. (35 000 Mk.), Rabertshausen 126,778 Proz. (3200 Mk.), WeiterSbain 126,152 Proz. (5500 Mk.), Holzheim 124,764 Proz. (15 000 Mk.), Mendorf a. d. Lahn 121,363 Proz. (8000 Mk.), Reinhardsham 119,549 Proz. (4000 Mk.), Langd 119,394 Proz. (9500 Mk.), Utphe 116,866 Proz. (8500 Mk.), Inheiden 113,242 Proz- (6300 Mk.), Steinheim 111,286 Proz. (7000 Mk.), RöthgeS 110,526 Proz. (3000 Mk.), Großen-Linden 110,207 Proz. (36 000 Mk.), Wieseck 107,214 Proz. (30 000 Mk.), Treis a.d. Lda. 106,901 Proz. (11 000 Mk.), Annerod 106,792 Proz. (6000 Mk.), Bettenhausen 106,282 Proz. (6300 Mk.) und Queck- born 100,231 Proz. (7500 Mk.). Zwischen 100 und 50 Proz. erheben 26 Gemeinden: Feldgemarkung Ober-Steinberg. 99,057 Proz. (420 Mk.), Harbach 98,461 Proz. (3800 Mk.), Leihgestern 96,745 Proz. (25 000 Mk.), Münster 95,917 Proz. (3500 Mk.), Geilshausen 94,568 Proz. (4500 W.)„ Bellersheim 94,563 Proz. (12 000 Mk.), Alten-Buseck 89,472 Pcoz. (11 200 Mk.), Ober-Hörgern 89,249 Proz. (7000 Mk.), Feldgcmarkung Bergheim 88,552 Proz. (700 Mk.), Lang- Göns 86,936 Proz. (20 000 Mk.), Grünberg 84,462 Proz. (35 000 Mk.), Odenhausen 84,061 Proz. (2300 Mk.), Nonnen-
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Die Ueichsversicherungrordnung.
:: Berlin, 16. Juni.
Der Reichsversickcrnngsausschuß setzte heute bie Beratung fort bet den §§ 204 und 205, die von der Kürzung der Lei st ungen der Krankenkassen im Falle anderweitiger Versicherung der Kranken handeln. Von fortschrittlicher Seite tritt man diesen Bestimmungen entgegen. Ein konservativer Antrag will die Bestimmungen verschärfen und der Versicherung auch jede Unterstützungskasse gleichstellen, auch wenn ein Rechtsanspruch auf das von ihr bezogene Krankengeld nicht besteht. Ter Grundsatz, daß der Erkrantte keinen Vorteil haben dürfe, müsse scharf zum Ausdruck gebracht werden. Von fortschrittlicher und sozialdemokratischer Seite wird auch dieser Antrag namentlich in Hinblick auf die Unterstützungskassen der Kneger- und anderer Vereine bekämpft. Der § 204 wird in der Hauptsache nach der Regierungsvorlage gegen die Stimmen der Volkspartei und der Sozialdemokraten angenommen mit der Aenderung, daß die Kürzung nur einzutreten hat, wenn das Krankengeld aus einer Ver- ficherung bezogen ist, die einen Rechtsanspruch auf Krankenhilfe gibt Bei 5 205 wird der Zusatz beschlossen, daß die Kassenvorstände nachzufragen haben, ob andere Versicherungsverhältnisse vorliegen.
Nach § 206 kann die Satzung das Krankengeld bis auf % des Grundlohnes erhöhen und es allgemein für Sonn- und Feiertage zubilligen. Bei Krankheiten, die länger als zwei Wochen dauern, zum Tode führen oder durch Betriebsunfall verursacht worden sind, kann sie cs schon vom ersten Tage der Arbeitsunfähigkeit an zubilligen. Von der Volkspartei wird die EinführunA der Karenzzeit hinsichtlich der Krankheit vom hvgienischen Standpunkt aus entschieden bekämpft. Auch die Sozialdemokraten stehen auf diesem Standpunkt. § 206 wird in der Fassung der Vorlage angenommen.
§ 207 stellt fest, daß einem Versicherten die Unterstützung entzogen werden kann, wenn er sich bestimmter Straftaten schuldig macht. Tie §§ 207 und 208 wurden nach der Vorlage angenommen, dieser mit' einem Zusatz, wonach die Satzung mit Genehmigung des Lberversichernngsamts auf Krankenpflege, insbesondere auch Gewährung von Krankenkost zubilligen kann.
Als § 208 beantragen die K on s e r v a t i v e n und Reichs- Parte i folgende Bestimmung:
Die Satzung kann besttmmen, daß der Versickerte einen Teil, jedock höchstens 20 von. 100, der Kosten der ärztlichen Behandlung und Versorgung mit Arznei selbst zu tragen hat. Dieser Kosten- anteil darf des Krankengeldes nicht überfteigen, und dan auf das Krankengeld angerechnet werden.
Von fortschrittlicher Seite wird die Lage der Landärzte beleuchtet, die, hygienisch hochbedeutt'am, mit Arbeit überlastet, finanziell dürftig gestellt sind. Tic freie Arztwahl habe sich gerade auf dem Lande bewährt. Auch ein Mitglied des Zentrums ist der Meinung, daß der Antrag einen Rückschritt bedeute. Dagegen stellt sich der Vertreter der Nationalliberalen auf die Seite der
kassen: dastlr müsse der Weg gesunden roerben
Der Antrag wird schließlich gegen die Stimmen der Konservativen, der Reichspartei und der Nationalliberalen abgefthntt
Die 88 210 bis 213 handeln von der Woche n h11 fe. s 210 wird unverändert angenommen. Danach wird das Wochengeld in Höhe des Krankengeldes für acht Wochen gezahlt, von denen mindestens sechs auf die Zeit nach der Niederkunft lauen muffen. Auf Antrag des Zentrums wird ein S a cmgctirgt, wonach die Kasse anstelle des Wochengeldes mit Zusttmmung> der Wöchnerin Kur und Verpflegung in einem Wöchnerinnenyettn gewähren kann, ebenso unter derselben Voraussetzung Hilft und Wartung durch Hauspflegeriimen, wofür die Kosten dis zur Hälfte vom Wochengelde abgezogen werden können. . ß
Weiter wird ein Zentrumsantrag aut Einfügung eines § 211a! angenommen, wonach versicherungspflichtigen Ehefrauen im Falle der Niederkunft die erforderlichen Hebammendienste und etwaige ärztlickft Geburtshilfe gewährt würden. Die Satzung kann dies allen versicherungspflichtigen Wöchnerinnen — also auch den uu- ehelichen — zubilligen. Nach tz 212 kann die Satzung Schwangeren, die infolge der Schwangerschaft arbeitsunfähig werden, cm Sckwangcrgeld in Höhe des Krankengeldes bis zur Gesamtdauer von sechs Wochen zubilligen. Sie kann auf die Dauer dieser Leistung die Zeit der Wochengeldgewährung vor der Niedcrkwrft anrechnen. Sie kann weiter die erforderlichen Hebammendienst« und ärztliche Behandlung der Schwangcrschastsbeschwerden billigen. Nach § 213 kann die Satzung Wöchnerinnen, so lange sie ihre Neugeborenen stillen, ein Stillgeld in Höhe des halben Krankengeldes bis zum Ablauf der zwölften Woche nach der Niederkunft zubilligen. Diese Bestimmung wird dahin geändert, daß gesetzt wird „bis zur Höhe des halben Krankengeldes'.
Die 88 214—217 über das Sterbegeld bleiben unver-» ändert. Es beträgt das Zwanzigfack>c des Grundlohns und taut durch die Satzung bis zum Vierzigsachen des Grundlohns erhobt und auf mindestens 50 Mark festgesetzt werden. Em Antrag oct Sozialdemokraten, das Sterbegeld auf 60 Mark zu erhüben, wirds gegen Sozialdemokraten und Volkspartei abgelchnt.
8 218 betrifft die F a m i 1 i e n h i l f e. Nach Annahme eines Zentrumsantrages lautet § 218 und § 218 a wie folgt:
Tic Satzung kann zubilligen: 1. Krankenpflege an Versicherungsfreie Familienmitglieder der Versicherten, 2. WochQt- hilse an versicherungssreie Ehefrauen der Versicherten, 3 Lrtul- geld an versicherungssreie Ehefrauen der Versicherten, 4. St^be- aeld beim Tode des Ehegatten oder eines Kindes ernes Versicherten. Es kann für den Ehegatten bis aus %, für ein Kind bis auf die Hälfte des Mttgliedcrsterbegcldes bemessen Serben und ist um den Betrag des Sterbegeldes zu kürzen, auf das ' der Verstorbene selbst gesetzlich versichert war.
8 218a: Versicherungsfreien Ehefrauen der Versicherten w«> den im Falle der Niederkunft bie, erforderlichen Hebammendienste und etwaige ernstliche Geburtshilfe gewährt.
Das Zentrum stimmte gegen die Bestimmungen über das Wochengeld, weil der Anspruch darauf auch den unehelichen MEenr gegeben wird. Weiterberatung Freitag.
Die Nachwehen zum Hirtenbrief.
Fm „Taft" wendet sich Tr. Jul. Bachem, der bekannte Vorkämpfer für das „interkonfessionelle" Zentrum, gegen seine Gegner, die eine Schrift gegen ihn verbreitet haben, in der scharf dafür eingetreten wird, das Zentrum urüsse eine konfessionelle Partei bleiben. Herr Bachem zieht die ..Probe auf-5 Exempel" heran, die Behandlung des päpstlichen Hirtenbriefes durch das Zentrum. Er schreibt it a.;
Tic Schrift wendet sich gegen die „Kölner Richtung" und die „M. -Gladbacher Richtung" und alles, das damit übereinstimmt. Das ist die alte Zentrumspartei, die an der Windthorst- schen Tradition festhaltende Zentrumspartei. Wollte man insbesondere auf parlamentarischem Gebiete den Ideen jener Schrift nachgeben, io würde das nur unter Verleugnung der Politik geschehen tarnen, welche Windthorst stets vertreten hat. Das Programm jener Schrift läuft hinaus auf eine Konfessionali- ficrung und Verkirchlichung unseres gesamten öffentlichen Lebens in einem Maste, wie es nie bestanden hat und nach Lage der Verhältnisse in Deutschland weder möglich noch erträglich wäre. Windthorst wollte insbesondere das Parlament von spezifisch kirchlickftn und konfessionellen Dingen frei- gehalten wissen. Wenn er aussprach: „Die Kontroversfragen der Konfessionen gehören nicht in die öffentliche Diskussion", so bezieht sich das natürlich an erster Stelle auf die Diskussion in den Parlamenten. .
Man braucht nur die Anwendung auf die gegenwärtig im Vordergründe stehende Frage der Borromäus-Enz vk- lika zu machen, um zu erkennen, wie unvereinbar die Ideen des Verfassers von „Köln, eine Gefahr" und Hiner „Richtung" mit der Windthvrstsckxm Ueberlieferung sind. .
Auf Seite 32 seiner Schrift sagt er: „Der Kampf der Religionen must ausgefochten werden," fügt allerdings hinzu: „Dieser Kampf muß auf ideellem Gebiete ausgefochten werden." Im Sinne der Schrift, darüber kann fein Zweifel obwalten, hätte aber das Zentrum auch im preußischen Abgeordnetenhause den Kampf um die Enzvllika bezw. um die Würdigung der Reformation und der Reformatoren in der Enzvllika aufnehmen münen. Es hätte die katholische Auffassung der protestantischen entgegensetzen inüffcn, denn, so sagt er, „in den tiefsten Fragen haben nur ein schreiendes Recht auf Wahrheit, und nur eins kann Wahrheit fein." ,
Was bei einem „Kampf" um die Reformation int preußischen Abgeordnetenhaufe herausgekommen sein würde, braucht wohl kaum näher dargelegt zu werden. Die schon jetzt so erregten konfest nellen Leidenschaften würden bis zur Siedehitze gesteigert worden fein Und was wäre das voraussichtliche Ergebnis für die Katholiken gewesen? Schon jetzt erscheint die Vertretung der berede tigten Interessen des katholischen Volksteiles im deutschen Parlament bedeutend erschwert: die Nachwirkungen der Erregung der protestantischen Bolksmchrheit werden sich auch in den Volks- nertretungen wohl noch lange Zeit bemerkbar m a ch e n. Und die katholischen Minderheftcn im Lande, zumal in der Diaspora, werden sicher schwer daran zu tragen haben. Was nun erst, wenn die konfessionellen Gegensätze int Landtage in aller ^cknrft aufeinander geplatzt wären, wenn Herr Hackenberg cm katholisches Pendant bekommen hätte!
Nock eins. Zn mehreren Blättern, auch ernsten Blattern, findet sich die Bemerkung: die Tatsache, daß das Zentrum über den die Reformation behandelnden Passus der Enzvllika nickt sein Bedauern ausgesprochen habe, sei ein Beweis für den ka 1 v oI , sck kon fessione11cn E h a r a f t c r der Fraktion. Dieser „Beweis" ist keiner. Das Zentrum hat fick überhaupt nickt über die Enzvllika ausgesprochen Im übrigen wäre kein Katholik durch seine religiöse Stellung behindert, in angemessener Weise einzelne Wendungendesbetreff e n d e nP a f 1 us zu bedauern. Der historische Exkurs der Enzvllika uber tue Reformation hat keinerlei dogmattschen Eharaktcr^am wemgst.cn die Form dieses Exkurses. Der König von nackten, an dessen treukatholischer Gesinnung kein Zweifel obwalten kann, hat erllärt, sick wegen der Enzyklika an den Papst wenden zu wollen.
Im Gegensatz zu Bachem sind doch aber recht viele Anhänger der Zentrnmspartei dafür, daß die „Kvnfessionattsie- rung und Verkirchlichung unseres gesamten offentlrchen Lebens" ganz offen betrieben werde. Zn der „Köln. Volks- rtq." wird der Streit darüber jetzt mit großer Schärfe aus- gefochten. Ein Geistlicher schreibt dort in überaus scharfen Ausdrücken gegen die bekannten „Osterdienstag-Manner', wobei ihnen sogar „maßlose Verleumdungen" vorgeworfen
„S ü d d. Reichskorr.":
Die weit verbreitete Annahme, daß er nunmehr bald dem Bundesrat und dann dem Reichstage zur Beschlußfassung zugehen werde, hat sich im Lause der Zeit als irrig herausgestellt. Ehe der Bundesrat damit befaßt werden soll, hat es sich als wünschenswert erwiesen, zuvor mit den verbündeten Regierungen und auch mit der elsaß-lothringst schen Regierung selbst darüber eine Aussprache herbet^u- führen. Zu diesem Zwecke ist der Staatssekretär r. Delbrück in Straßburg eingetroffen. An den Verhandlungen können bei deren gouvernementalem Charakter be greislicherweise andere Personen als Regierungsvertreter nicht teilnehmen. Da aber im Lande der Wunsch laut ivurde, man möge dem Bundesrat keine anderen Forderungen in Vorschlag bringen, als sie im Eintlange mit den Wünschen des Landes stehen, so hatte der kaiserliche Statthalter Graf v. Wedel Anlaß genommen, 10 Angehörige des Landesausschusses, die allen Parteien angehören, zu einem Essen zu laden, an dem auch der Staats- ekretär Dr. Delbrück teilnahm, wobei sie Gclegenhett hatten, hre und des Landes Wünsche mitteilen zu können. Was chon im Landesausschuß immer zutage getreten war, wird ich wohl auch jetzt zeigen, daß nämlich die reichsländischen Mgeordneten über die Grundlinien einer Verfassungsänderung sich s e l b st n i ch t einig sind. Vor einigen Jahren erklärte der Mgeordnete W-etterlS, die Regierung tonne auf eine Einigung der Mgeordneten auf ein Programm in dieser Richtung auch nicht rechnen. Man mag das hinsichtlich der Regiernngsform zugeben, wobei vom Reich gemäi; seiner historischen Entwicklung und der Machtverteilung unter den Bundesstaaten ganz andere Anforderungen gestellt werden, als von der Bevolterung Elsaß-Lothringens, die ehemals dem Einheitsstaate Frankreich angehörte, aber es muß doch alle Vorschläge, die aus dem Landesausschuß herauskommen, von vornherein desavouieren, wenn am 22. Februar d. I. von 58 Abgeordneten 50 einen Antrag bei der Regierung stellen, sie möge darauf hinwirken, daß der Landesausschuß für Elfaß-Lothringen oder die bei der Erhebung zum Bundes- taat zu schaffende Volksvertretung aus dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht unter Anwendung des Proportional- wah'lv er fahrens hervorgehen, und wenn jetzt der aus 19 Mitgliedern bestehende Lothringer Block beschließt, ein Proportionalwahlversahren soll nicht eingesührt werden. Der Februarantrag war dabei von den Führern des Blockes, Herrn Titsch, noch dazu an erster Stelle unterzeichnet worden. Die Stellungnahme des Lothringer Blocks ist am Ende begreiflich. Bei Anwendung des Proportronalwahlsystems würde er vielleicht nur 8 Sitze im Landesausschuß erhalten, aber das konnte er schon im Februar wissen, und es muß doch immer einen eigentümlichen Eindruck machen, tvenn man Anträge, die man vor kurzer Zeit allen Ernstes gestellt Hal, in kurzer Zeit wieder umstößt, weil die Möglichkeit herantritt, sie könnten durch Zusttmmung der Regierung Gesetzeskraft erhalten. Man braucht die Konsequenz der Anschauungen nicht gerade für das Zeichen staatsmännischer Einsicht zu halten, aber das Oftgenteil, der Mandel der Anschauungen muß doch erklärlich werden und darf nicht durch einseitige Parteiinteressen bedingt scheinen, wenn derartigen Beschlüssen eine größere Bedeutung für das Landesinteresse zuerkaniit werden soll.
Wie inzwischen aus Straßburg gemeldet wurde, hat Staatssekretär Delbrück die Rückreise nach Berlin angetreten.
werden.^ diesem Zusammenhang noch ein Gerücht
verzeichnen, das uns zivar nicht recht wahrscheinlich klingt, vielleicht aber noch weiter von sich reden machen wird.
Der „Königsb. Allg. Ztg." wird aus Berlin gemeldet:
Gerücktweise erzählt mau heute im Abgeordnetenhause, daß die Gi-nndtcndcnz der B or r orn äu s -En z y kl r ka ihren Ursprung i n Ak ü n ck c n und in der Mitwirkung der Wgenanntcn Berliner Richtung habe. Man erzählt, daß ihr Inhalt bereits 4 Wocken vor Erlaß der Enzvllika den Herren der katholischen „Berliner Richtung" bekannt war.
D a r in ft adt, 16. Juni. Hier fanden heute 2 Widerspruchs- lunbgcbuiiqen gegen den Borromäus-Hirtenbrief statt, die von den Kircheiivorständen, dem evangeliicken Bund, dem Gustav- Adols-Verein und der kirchlichen Veremigung für da.' Grotzherzog- tum Hessen unberufen nwrden waren. Die Versammlungen roaren fo zahlreich besucht, daß die Stadtkircke und der größte Laak Darmstadts lange vor Beginn polizeilich gesperrt werden mußten. Qn den Ansprachen, die von den Pfarrern und von vockickul- Professoren gehalten nnnbcit, kam zum Ausdruck, bat? ine Erklärung des Papstes ungenügend sei.
Wie die „Weimattscke Zeitung" hört, ist die grotzherzogliche Regierung infolge der Veröffentlichung des Borromaus-Hirten- bttefes in den Bettungen bet der bischöflichen Behörde in Fulda imt-'f Hinweis auf die in dem päplllnpen Schrtttttuck enthaltenen Beschimpfungen, Herabsetztingen der Reformawren und ihres Werkes und der beteiligten Fürsten vorstellig geworden, um die amtliche Bekanntgabe eines Ri^'ck^'bens nn Großher^gtum zu uerbinMu araut bot das biickoflrcktz. General Vikariat bereits unterm 9. ^uni mitgctcdt, dan eine amtliche Veröffentlichung dort nickt in Ausnckst genommen lei st) daß sich weitere Schrftte der grotzherzoglickftn Staatsreglcrung erübrigen.
Wiesbaden, 16. Juni. Nachdem gestern abend eine, von freireligiöser und dcutsch-katholiscker Seite cinberufenc überfüllte Widersprucksversammlung gegen den Borromaus-Hlrtenbriei des Papste stattgefunden batte, in welcher eine Enttcklietzung, die die Abberufung der päpstlichen Gesandtschaft fordert, angenommen wurde, sand heute abend in dem größten Laale Wiesbadens eine machtvolle Kundgebung der hiesigen evangelifchen Bevölkerung statt, die von Tausenden bestickt war. Der >raal konnte btc ..ennen nicht alle fassen, weshalb gleichzeitig in dem geräumigen »OK eine Versammlung unter freiem Himmel improviftcrt wurde Außer P r of c f 1 o r D. thcol. K r ü g er - G i eß en, der die Enzyllika im Lichte der Geschichte schilderte, sprachen noch fünf evangelische Pfarrer Wiesbadens.


