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Wer sich ständig ungswesens unter- „Zeitungs-Verlag4, deutscher Zeitungs- Abonnementspras
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Dienstag 17. Mai LSI«
16V. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 112
Gießener Anzeiger
Erschein! tSgllch mit Ausnahme deS Sonntag?.
General-Anzeiger für Sberheffen
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.
Die ^Stetzener KamilienblStter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? „Kreisblatt fflr öen Erels Sichen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Lett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Rotationsdruck und Verlag der Drühlffchen Univ ersttäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Vie Eröffnung der Deutschen Lehrertager.
Straßburg i. E., 16. Mar.
Unter Beteiligung von über 5000 Lehrern und Lehrerinnen aus allen Teilen des Reiches und zahlreick^n Gästen aus Oester- reicl>-Ungarn, her ischweiz und auch dem benachbarten Frankreich trat heute hier der Deutsche Lehrcrtag zusammen, der zum ersten- nral seit seinem Bestehen in den Reicksslaudcn stattsindet und dessen Beratungen wichtrge pädagogische, schulrechtliche und schultechnische Fragen zum Gegenstände l)äben.
Von bekanrrteren Persönlichkeiten nehmen an der Tagung teil u. a. die Abgeordneten Rektor Kopsch-Berlin, Dr. Casselmann- Bayreuth, Scksubert-Augsburg u. Ernst-Bromberg, ferner Professor Theobald Ziegler-Straßburg, der vielgenannte Schulreformer Dr. Anton Lischinger-Mannbeim, der Generalsekretär des Vereins für Volksbildung, Lehrer Tews-Berlin und die bekannte radikale Frauenrechtlerin und Svandauer Volksscl-ullehrerin Marie Lisch- newska. Allgemeinem Interesse begegnen die Vertreter der Bremer Lehrerschaft, deren radikale Richtung bekanntlich zurzeit in heftigem Kampfe mit, ihrer Aufsichtsbehörde steht. Am stärksten ist naturgemäß die elsaß-lothringische Lehrerschaft vertreten, deren korporaftver Anschluß an den Deutschen Lehrerverein, dessen Milgliederzahl auf über 120000 gebracht hat. An Zweig- Vereinen zählt der Deutsche Lehrerverein heute über 3000, die in
Internationale Sport und Spiel-Ausstellung.
Zur Eröffnung.
* Frankfurt a. M., im Mai.
Im vorigen Jahre die Ila. Im heutigen die ,Lsa". Man konnte aus der historischen Ila (mit ihrem eÄeck- lrchcn Fehlbetrag) und der Vorgeschichte der Sport- und Spiel Ausstellung — die manche Hindernisse und Hürden zu nehmen hatte — allein eine Geschichte schreiben. Wir wollen uns aber lieber mitten hinein in die Ausstellung stürzen — die in ieder Beziehung ein Mittelglied bildet zwischen der Brüsseler Weltausstellung und der Wiener Jagd-Ausstellung. Die internationale Sportschau spielt sich wieder in unserer Fcsthalle und auf dem muliegeitden .Aus- slclluitgsgelande ab. In der Festhalle ruht wieder das tote Ausstellungsmaterial, das seine Beziehung zu dem Begriff „Sport und Spiel" mit mehr oder weniger Recht vertreten kann, und das einem in mancher Beziehung von der Luflschiffahrts-Ausstellung her noch bekannt ist. Neu sind bic )iolonialgruppcn, in denen der primitive Sport vom schwärzesten afrikanischen Volksstamm bis zur hochentwickelten mexikanischen Reitkunst plastisch gezeigt wird. Einen breiten Raum nehmen auch die Abteilungen ein, in denen bekannte Sportleute chre Siegestrophäen ausstellen. Auf hohen Terrassen türmen sich drc prächtigen Gewinne, Humpen, Pokale, sportliche Allegorien, Schmuckgegenstände usw. Die Herren von Weinberg und der Stall Grabitz zeigen ganze Sammlungen ihrer Gestütspreise. Edgar Ladenburg glänzt mit seinen Her ko m erpressen, Oblt. von Günther und Frau mit Wertgegenständen, die sie lediglich mit ihren Pferden aus Springlonkurrenzen gewannen, Lt. Braune mit 36 Ehrenpreisen und einem Äaiserpreis, Fürst Wrede mit 210 Ehrenpreisen, Oblt. v. Platcn mit 14, Oskar Kreuzer
und O. Froitzheim mit 55 bezw. 40 Tennispretscn. Ein würdiges Gegenstück zu diesem sehenswerten Abschnitt der Ausstellung bilden die nächsten Gruppen, in denen vornehmlich Jagdtrophäen zusmnmcngetragen sind. An Turn- und Spielgeraten vorder gehts dann in das Reich des Wintersports und zu einer Gruppe „Vogelsberg", in der die Vogelsberger Industrie und zugleich auch die oberhessischen Trachten vertreten sind. Kunst und Kunst- gcwcrbe werden durch eine Galerie bekannter und unbekannter Maler (Hausmann, Correggio u. a.) vertreten, in der sre mil mehr oder weniger Geschick jporllichc Vorwürfe unter den Pinsel genommen haben. Die Fülle von Dingen aufznzahlen, die sonst noch ausgestellt sind, würde zu weit führen. Wir verlassen die Halle — nachdem wir noch kurz die über einen Zicrbrunnen in der Mitte der Halle thronende Büste des Ehrcnberren, unseres Kronprinzen, gewürdigt haben — und wenden uns hinaus zu dem lebendigen Teil der Ausstellung.
Hier ist über Rach! eine richtige Sportstadt entstanden, mit prächtigen Alleen, Tennisplätzen und vor allem mit der „Arena", der stattlichen neuen Frankfurter Radrennbahn. Wcnioe Schritte weiter liegt der Schützengarten, ein freundliche/Gebäude nach dem Muster eines süddeutschen Forst- Hauses. Unmrtteldar daran fügen sich die Schreßstande. Bon den übrigen Baulichteiten interessiert besonders noch die große Freilichtbühne, ein großsllltgeS Sormnertheater mit einer dekorativen Biedermeier-Ausstattung.
Den Haupttvcrt legt die ?lusftellung gegenüber diesen passiven auf aktiven Sport. Dieser Sport stellt sich denn auch in einer Weise, die das Beste erhoffen läßt. An Preisen stehen insgesamt 250 000 Mk. zur Verfügung. Den Rad-
anstalMng, für die allein sur 50 000 Mk. an Gell) unb| Ehrenpreisen bereit stehen. Die Jntcrnationalität wird hier ausgeprägter denn je hervortreten. Der Kaiser von Oesterreich hat seinen Offizieren den Wettbewerb gestattet. Auch die interessanten Pferderennen weisen ein Internationales Ausstellungs-Jagdrennen auf, das den Siegern 20000 Mk. verheißt. Eine Woche ist für die fechtssportlichen Veranstaltungen vorgesehen. Frankreich, Italien, Oesterrcich- Ungarn, Belgien, Holland und die Schweiz haben ihre besten Kräfte für die Turniere herausgestellt. Ein in Deutschland noch nie erlebtes Schauspiel wird im Fußballsport geboten. Zwei englische Professionsmannschaften werden sich miteinander messen, die Blackburn Rovers und die Chelsea Im Ruckbn wird England durch ebenso gute Mannschaften vertreten sein, wie durch die Vereinigung An England Eleven im Hockey. Tie Lawn-Tennts-Turniere nehmen 10 Tage in Anspruch und finden ihren Höhepunkt in einem spannenden Länderwettkampf zwischen Oesterreich, Fran^ reich und DeutMand. Auch die olympischen Spiele und die athletischen Wettkämpfe führen die besten Vertreter dieser Sportarten nach Frankfurt. Endlich haben sich zu den Ruderwettsahrten Vereine aus Holland, Frankreich, Oesterreich, Belgien und der Schweiz gemeldet. Der Automobilsport wird durch Ballonverfolgungen gelegentlich der Prinz- Heinrich-Fahrt und die Luftschisfahrt durch das deutsche Äusscheidungsrennen für die Gordoil-Bennet-Fahrt der Lüfte in die Erscheinung treten.
Bei dieser Vielgestaltigkeit der sportlichen Kümpfe vom 15. Mai bis zum 15. Juli darf man hoffen, daß die internationale Ausstellung für Sport und Spiel das verwirklicht, was die Veranstalter wollen: eine große internationale Schau auf allen Gebieten einer gesunden sportlichen B e i ä t i giiiiß.
ca. 50 Landesverbänden organisiert sind.
Den Vorsitz während der dreitägigen Verhandlungen führt ebenso wie aus den letzten Deutschen Lehrertagen in Allinchen, Königsberg und Dortmund Lehrer Gottfried R ö Hl-Berlln. Dem weiteren Ausschuß gehören ferner an Schulrat Scherer-Büdingen, Rektor a. D. Stolley-Kiel und die Lehrer Bähr-Braunschweig, Polz-Weimar, Herfurth-Ttolberg, Jungwirth-Landshut, Weidhaas-Greiz, Stahl-Rüdesheim, ReiShauer-Leipzig, Wiekmann- Nienstädt und eine Anzahl Berliner Lehrer.
Die Tagung leitete am ersten Pfingstfeiertage die feierliche iiuuvu «wiyv*.»- —-------v— - o Eröffnung der mit dem Verbandstage verknüpften Schulaus-
rernten folgt vor allem der „Concour Hippique", eine Der- stcllung ein, die in den Räumen der als Beispiel einer modernen
Volksschule interessanten Straßburger Thomas-Schule unterge- bracht ist, und bte sich in drei Abteilungen gliedert: einen Grund- dock empfehlenswerter Lehrmittel, eine elsaß-lothringische L>chul- ausstellung eine Zahnhygienische Abteilung.
Am zweiten Feiertage fand zunächst eine nichtossenttickse Vor- standssitzung des Preußischen Lchrervereins im Sängerhausc statt, in der besondere Angelegenheiten der preußischen Lehrer erörtert wurden. Am dlachrnttlage tagten dann verschiedene Zweig- und llnterverbände. Im Spatcnbräu versammelten sich die .gereinigten deutschen Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften" unter dem Vorsitz von Lehrer Brunckhorst- Hamburg. Auf der Tagesordnung stand das Thema „Iugendlektüre und Fortbildungsschulen". — Lehrer Oskar Hübner- Berlin legte folgende Leiv satze vor:
1) Als Konsequenz aus der Arbeit der Volksschule und aus der Fürsorge für die aus der Schule entlassene Jugend ergibt sich das Verlangen nach Pflege der Lektüre in den Pflichtfortbildungsschulen, weil das rechte Lesen ein wertvolles und durch nichts anderes zu ersetzendes Bildungs- und Erziehungsmittel ist.
2) Das Lesen in den Fortbildungsschulen dient sowoU der beruftichen und staatsbürgerlichen Bildung als auch bet literarischen Erziehung unseres Volkes.
3) Die Pflichtfvrtbildungsschulen arbeiten an der Vertiefung des Lebensbedürfnisses durch gemeinsame Beschäftigung mit literarischem Ganzen im Unterricht: vorwiegend solchen wissen- schaflliäien Inhalts, die nach Möglichkeit gewählt werden mit Rücksicht auf den Beruf der Schüler. Lesebücher werden nur in Klassen mit Schülern geringer geistiger Qualität benutzt.
4) Die nachhaltige Wirkung der Lektüre wird erreicht durch gemeinsame Hauslektüre, die zum Gegenstand des Unterrichts gemacht wird. Es kann nicht Ausgabe der Pslichtfortbildungs- schule sein, das private Lesebedürfnis ihrer Schüler zu befriedigen." i
In der Aussprache hob Svnnemann -Bremen, der Führer der radikalen Richtung der Bremer Lehrerschaft Ijerttor, daß berufliche Fortbildungsschulen als eine Gefahr zur Entwicklung zur Einseitigkeit bezeichnet werden müßten. Es empfehle sich, die (Gewerbetreibenden durch Bekämpfung der Fachschulen aus praktischen Gründen nicht zu verärgern, denn im Zeitalter des Kapitalismus sei eine ideale Fortbildungsschule unmöglich. (Wider - sprach.) — Reiß-Reutlingen will kein Kompromiß mit den Gewerbetreibenden. Unsere Aufgabe ist es, für die allgemeine Bildung zu sorgen. — Eine längere Aussprache entspinnt sich über den Zusatzantrag Völkner - -Straßburg: Zeitungen und Zeitungsartikel sind nach pädagogischen Gesichtspunkten beim Unterricht zu benutzen. — R e i ß - Reutlingen: Zeitungslesen ist in der Schule nötig, um die Jugend von wichtigen Tatsachen zu unterrichten. Allerdings muß die Richtung ^'c> gehalten sein, daß sie für Ange und Herzen der Jugend geeignet ist. Eine Menge Zeitungs- fton, der unter den Begriif „Schmntzlektüre" fällt, muß weg- bleiben. — V ö l k n er-Straßburg: Die! Zeitung bildet ein wichtiges polftisches Element, das der Jugend nicht vorenthalten werden darf. Die Zeitung enthält ebenso gut wie ein Buch literarische Werte. Zeitungslesen ist wichtig, aber noch zu unbequem, als daß es von uns für die Schule ausdrücklich empfohlen werden sollte. (Zustimmung.) — Nach weiterer Aussprache wird von den Leitsätzen des Berichterstatters nur Absatz 4 angenommen 'unter Streichung des letzten Satzes. — Die Versammlung einigt sich dafür aus folgende vereinigte Leitsätze der Prüfungs-Ausschüsse Hamburg und Magdeburg:
1. Die Fortbildungsschule soll die berufliche Bildung, die sie vermittelt, für die allgemeine Bildung und die Entwickelung zur Persönlichkeit fruchtbar machen. Das Lesen ganzer Bücher ist ein hervorragendes Mittel zur Erreichung dieses Ziels, Daher muß es in besonderen Stunden regelmäßig gepflegt werden.
2. Es sollen durchaus nicht nur wissenschaftliche Bücher, die zur Fachbildung dienen, gelesen werden, sondern es ist sehr wichtig, daß durch die Beschäftigung mit den Büchern dichterischen Inhalts die ästhetische Bildung vertieft werde. Damit wird auch der in den Entwicklungsiahren besonders bedenklichen Neigung für minderwertige und ungeeignete Lektüre entgegengearbeitet.
— Der Maler des Frühlings. Als vor 400 Jahren, am lZi Mai 1510, zu Norenz Sandro celli starb, war
— Roald.Amu ndsenss reden jährigePolar- expedition. Der bekannte Polarforscher Kapitän Roald Amundsen rüstet sich zu einer Nordpolexpcdition, auf der er sieben Jahre in den arktischen Gebieten bleiben und, ich auf dem EiS zum Pol hintreiben lassen will. Amundsen will im nächsten Jahre mit 13 Begleitern von San Franzisko aus feine Fahrt antreten, und zwar wird er sich dabei der „Fram" bedienen, des berühmten Schiffes, mit dem Nansen seine Forschungsreise ausführte. Die „Fram" wird im nächsten Winter um das Kap Hom herum nach San Franzisko gebracht werden. Ihre Artsrüstung wird eine Summe von mehr als 400 000 Mk. erfordern. Die Reise soll durch die Beringstraße nach dem Nordosten der neusibirischen Inseln führen; dort beabsichtigt der Forscher, die „Fram" einfrieren zu lassen. Der weitere Plan geht dann dahin, sich auf Eisschollen Winter und Sommer sieben Jahre lang von den Strömimgen treiben zu lassen. Amundsen hofft auf diese Weise den Pol zu erreichen; der Hauptzweck der Expedition ist aber, die Meeresströmungen, die Temperaturverhältnisse und das Leben unter Wasser in der Arktis zu studieren. Die Temperaturmessungen werden bis 3 engllsche Meilen unter dem Spiegel oeS Ozeans vorgenommen werden.
;— Die Lebensdauer der Bakterien. Es war bisher wohlbekannt, daß sogenannte Tauersporen von Bakterien eine ganz außerordentliche Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse besitzen, aber wie lange sie chre Keimkraft erhallen, darüber gehen die Ansichten noch immer well auseinander — begründeterweise, denn es ist schwer, Material von entsprechendem Alter zur Verfügung zu bekommen. Einige darauf gerichtete Versuch« und Beobachtungen, die nach der Zellschrift „Das Wissen für alle" von dem Prager Professor 9ieftler gemacht wurden, sind daher von besonderem Interesse. Professor Nestler benutzte zu seinen Untersuchungen die Erdpartikeln eines fast hundertsährigen Moosherbariums, das stets sehr sorgfältig und trocken aufbewahrt worden war. In den mit diesem Materiale angelegten Kulluren kamen nun tatsächlich typische Erdbakterien zu reichlicher Etttwicklung, die somll in fast hundertjähriger Ruhe ihre Lebensfähigkeit bewahrt hatten. Es waren Bakterienarten, die auch sonst durch chre Lebensfähigkeit bekannt sind, wie z. B. der ^Kärtoftelbazlllus" (Baclllus vulgatus Augula), der 10 bis 16 Stunden im Dampftopse der Siedehitze widerstehen kann u. a. In 1 Gramm Erde fanden sich 1600—80 000 lebenskräfttger Keime. Zum Vergleiche sei angeführt, daß in frischer Erde un Minimum 1600 Keime (in sterilem Sandboden-, im Maximum hingegen 11000000 Keime (Ackerboden- beobachtet wurden.
— KurzaNachrichtenausKunftu. Wissenschaft. Der erfolgreiche kanadische Polarfahrer Kapt. I. E. Vernier wird im Juni 1910 eine neue Fahrt nach Norden antreten, um auch über die übrigen Inseln des amerikanischen Polararchipels die Oberhoheit Lanadas auszudehnen.
sein eigentliches Zeitalter, das der Frührenaissance, bereits zu Ende gegangen, und Michelangelo, Raffael und Lionardo da Vinci hatten in künstlerischer Beziehung jene ,Zeit heraufgeführt, die wir die der Hochrenaissance zu nennen pflegen, und auf die auch fein anderer Name paßt: denn es wird in ihr nur mehr um hohe, um die höchsten Ziele gerungen, künstlerisch wie politisch Alan hat, um den Gegensatz zwischen beiden Zellaltern — es waren solche, denn die Entwicklung übersprang damals Jahrhunderte — zu kennzeichnen, von Frühling und Sommer gesprochen, und wirklich ist auch die Kunst der Hochrenaissance eine sommerlich vollendete gegenüber jener des frühen rinas- cimento, deren Wesen Sinnbild des Frühlings ist: Werden und Wachsen. Und so ivar denn auch der Maler des Frühlings ihr bester Vertreter. In einer Welt, die so ganz im Werden war, hat Botticelli immer und immer wieder den Frühling gemalt: in seinen menschlichen Darstellungen und auf den Bildern, die die Natur geben. Seine Engel sind entweder Kinder oder halberblühte Jünglinge und Jungfrauen, und selbst seine Marien haben nichts Mütterliches, sondern etwas durchaus Jungftauen- haftes. Jedermann kennt des Meisters berühmtestes Bild, die „primanera" (den „Frühling") in den Florentiner Uffizien, um das sich, wie in der Tribuna, die Besucher drängen, jeder kennt auch das eine oder andere seiner Madonnullnlder — meist geben sie eine zarte Madonna im Kreise ätherischer Engel —; weist doch fast jede größere Galerie Europas eine derartige Botticelli- Darstellung auf. Gerade die Bilder aber, die am wenigstens dem größeren Publikum bekannt sind, sind vielleicht^ doch seine bedeutendsten: die großartige Pieta in der Münchener Pinakothek, auf der Christus wie ein gestürzter Phaeton ausgefaßt ist, und die zahlreichen Zeichmmgen zu Dantes göttlicher Komödie, die zum Tell die römische Vaticana, teils das Berliner Kupferstichkabinett besitzt. In diesen Darstellungen äußert sich am eindruckvollsten jener eigentliche Renaissance-Zug, den Botticelli mit Mantegna, dem umfassendsten Dreister der frühen Renaissance, gemeinsam hat: die Wiederbelebung, ja die Neubeseelung antiker )Notive. Die Vorliebe Tür Botticelli geht übrigens nicht durch die letzten Jahrhunderte: sie bat sich als Reaktion gegen die vom Klassizismus und Nach- llassizismus vergötterte Kunst Raffaels erst in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts ergeben, eine Bewegung, die künsllerrsch im englischen Präraffaetismus zum Ausdruck kam.
— Ein Verband deutscher Knnstvereine mit München als Vorort hat sich kürzlich gebildet. Zweck des Verbandes ist in erster Linie die Vertretung der gemeinsamen Interessen der deutschen Kunstvereuie, insbesondere Werbetätigkell für die Bestrebungen der Kunstvereine in größerem Maßstabe, Festlegung einheillicher Ausstellungsbestimmungen, Pflege der Beziehungen zu den staatlichen und städtischen Behörden, sowie den größeren Künstleroereinigungen, Veranstaltung hervorragender Wanderausstellungen, Herausgabe einer Statistik über das Wirken der deutschen Kunswereine usw. Dem Verbände gehören als Gründungsmitglieder an: die Knnstvereine in Barmen, Dresden, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Kastel, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Stuttgart und Wiesbaden.
Morphium.
lieber die Zunahme des Morphiumgenusses in Norwegen werden gegenwärtig wieder, wie schon mehrfach in'den letzten Jahren, m nmerer arztliä>en Welt ernste Klagen laut. Nach den Ermittelungen der jüngsten Zeit scheint das Laster, besonders in denjenigen Gesellschaftskreisen, in denen flotte Lebensmhrung als Standesgenuß gelten, einen wahrhaft verheerenden Siegeszug zurückgelegt zu haben. Sehr stark scheint namcnHid) die Neigung jum Morphium in der jüngeren Frauenwelt zu herrjchen, wo diese unheimliche Leidenschaft geradezu als Modesache gewiegt wirb. Im allgemeinen ist leider nicht zu bestreiten, daß die übertriebene Art des Tcmperenzlertums dem Mißbrauch des Morphiums ö'senllich und llisgeheirn ganz außerordentlichen Vorschub geleistet hat. Ein lehrreiches Gegenstück dazu bietet, die Tatsache, oaß im unmittelbaren Anschlüsse an die Bersckiärsung her Altoholoertriebs-Besttrnrnungen in den unteren Beoöllerungs- schichtcn eine besorgniserregende Zunahme des Llechergenusses festgcslellt wurde, — eine Wahrnehmung, die ihrerseits wieder den Gedanken an eine verschärfte Apothekerordnung wachgerufen hat, da sich mit den zurzeit ^stehenden Vorschriften über den Nlltssenverkauf dieses .Betäubungsmittels leider wenig ober nichts aus richten läßt, ... , „ _
Besonnene Sozialresormer leben ut diesen beklagenswertem Erscheinungen einen neuen Beweis dafür, daß durch zwangsmätzlge Bekämpfung nationaler Gewöhnungen in der Regel der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben wird. Zu dem gleichen Ergebnis wird notwendigerweise auch die von verschiedenen Autoritäten angedrohte „Reglementierung" des Morphimnsgenusses führen. Denn wie wenig auf gesetzlichem Dege gegen einen Mißbrauch der berührten Art unternommen werden kann, beweist allein schon Die Leichtigkeit, mit der die von der Morphiumsucht Befallenen, ihrer unhellvollen Leidenschaft Befriedigung zu verschasfcn wissen. Aus den ärztlichen Aufschlüssen geht hervor, daß neben den Apotheken eine große Anzahl geheimer Verschleißstellen vorhanden lüid, die so vorsichtig geleitet werden, daß der Behörde kein Mittel zu Gebote steht, um ihnen auf Polizei!lcksem Wege zu Leibe zu gehen. Einzettie Winkelgeschäfte unterhallen eine förmliche Agentenschar, die den Verkehr mll dem urorphiumbcdürfttgen Publikum in Hauptstadt mtb Provinz vermitteln. Diese ehrenwerten Firmen stehen ütber Regel mit leistungsfähigen Lieferanten in Verkehr und sind natürlich nicht um Mittel und Wege verlegen, ihre Ware unbehelligt inS Land zu schaffen.
Zu verschweigen ist schließlich and) nicht, daß auch eine große Anzahl von Aerztcn infolge persönlicher Neigung zum Nftor- phmmgenusse ihren Kranken selbst mit verderblichem Beispiel vorangehen. Diese im doppelten Sinne Unglücklichen sind es, aus deren Schultern der größte Tell von Veratllworttrng lastet, da naturgemäß ihr ganzes Streben daraus gerichtet ist, ^daß der Oefsentlichkeit von dem verheerenden Laster eine die Tatsachen möglichst abschwächende Auffassuiig vermtttell wird.


