A?r.AS Erstes Blatt L 60. Jahrgang Mittwoch 16. Febrnav 1010
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wirtschaftliche Zeitfrage« ^S^^f HT M M ^f H ^f f® ™ Chefredakteur: A Goetz.
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Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.
Die erste hessische Kammer und die Finanzlage.
Die Finanzausschüsse der beiden Ständekammern traten Dienstag nachmittag 4 Uhr, tvie uns aus Darmstadt be- richtet wird, zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen, die bis nach 6 Uhr dauerte. Der Präsident des Finanzausschusses der Ersten Kammer, Graf Erbach-Fürstenau, der auch den Vorsitz dieser Versammlung führte, verlas unter allgemeiner Aufmerksamkeit die folgende Stellungnahme des Finanzausschusses der Ersten Kammer zum Ltaatsvoranschlag 1910, die wir der außerordentlichen Wichtigkeit der Sache wegen ungekürzt abbrucken:
Die von der Großh. Regierung zur Beseitigung des Defizits im Staatshaushalte 1910 vorgeschlagene wesentliche Erhöhung der Einkommen- n n b V er m ö g ens st eu c r entspricht in der .höhe der Anforderung nicht den & rundsätzen, welche bei der Durchführung der Reform der direkten Steuern im Jahre 1899 von der Großh. Negierung und den Ständen ausgestellt wurden. In der gemeinsamen Begründung zu den damals vorgelegten Steuergesetzentwürfen, ward die Begrenzung des gewählten, .in Einkommensteuer bis zu ,-) Prozent des Einkommens gesteigerten Steuerfußes damit gerechtfertigt :
„Daß die erwerbstätige Arbeit in unserem Lande unter leinen Umständen unter nnsentlich ungünstigeren Bedingungen geübt werden darf, als in dem uns zunächst interessierenden preu- Mschen Nachbarstaates
Da inzwischen eine Aendenmg durch Erhöhung der Ver- iitogensfteuer von 55 auf 75 Pfg. für 1000 Mk. eingetreten ist, mürbe die setzt vorgeschlagene Erhöhung der direkten Steuern dieses Verhältnis weiter wesentlich zu Ungunsten des Großherzogtums- verschieben und die Steuerbelastung auf den Kops der Bevölkerung in Hessen gegenüber Preußen nahezu verdoppeln.
Aus den maßgebenden Grundsatz der annähernd gleichmäßigen Belastung der Bevölkerung in Hessen und Preußen hat die hohe erste Kammer wiederholt hingewiesen und an diesen Hinweis ebenso ort die Mahnung zur Sparsamkeit geknüpft.
Bereits int Jahre 1902, als die Großh. Regierung durch Erhöhung der Vermögenssteuer das bestehende, Belastungsoerhalt- nis änderte, wurden von dem 'Finanzausschuß, trotz der-Zusage der Großh. Regierung auf baldige Beseitigung der nur vorübergehend geforderten erhöhten Steuersätze, diejenigen Bedenken ber- ooraehob'M, welche bei einer dauernden Mehrbelastung der Bevölkerung entstehen könnten.
Damals ließ der Finanzausschuß auf die Ausführungen des mnanzministcrs in der zweiten Kammer, — die später ähnlich \n der ersten Kammer wiederholt wurden —:
„Um eine dauernde Mehrbelastung, eine durchgängige Mehrbelastung der Vermögenssteuer um 20 Pfg. pro 1000 Mk. fann es sich, soweit Menschen überhaupt die Verhältnisse über- chen können, im Augenblick nicht handeln ....
erklären:
„Wir haben über unsere Kräfte gewirtschaftet, indem wir weder wohlhabend genug nock mit genügenden Ueberschüssen versehen sind, um das ganzie Land in so kurzer Zeit mit unrentablen Nebenbahnen ziu überziehen, und wenn die Verstaatlichung der Ludwigsbahn nicht durchgesetzt worden wäre — und zwar auch in erster Linie durch die Initiative dieses hohen Hauses — so würden wir heute vor 'einem so Hoheit Fehlbetrag stehen, daß man mit der Möglichkeit des Staatsbanke- rotts zu rechnen haben würde. Infolgedessen ist in der Tat die Herbeirührung von Ersparnissen von der allergrößten Bedeutung."
Im Fahre 1907 gaben die Erhöhung der Stempelsteuer und die Einbeziehung der Erbschaftssteuer in den Ausgleichsfonds erneut Veranlassung, die Wechselwirkung zwischen der Leistungsfähigkeit des Landes und der Steigerung der Ausgaben zu betonen und vorsichtige Fi
nanzgebarung zu fordern, denn schon damals fehlte es an Mitteln, die weiteren großen Ausgaben zu rechtfertigen.
Der Berichterstatter in der hohen ersten Kammer faßte diese Tatsache in die Worte zusammen:
„Die Ausgaben sind so stark gewachsen, daß wir von allen Richtungen das Geld zusammenraffen müssen, um das Defizit zu decken/'
Als int Jahre 1908 durch die Großh. Staatsregierung für Nebenbahnen wiederum rund 8,5 Mill. Mark gefordert wurden, stimmte die hohe erste Kammer zwar dieser Forderung zu, wies aber gleichzeitig nochmals nachdrücklich auf die Finanzlage des Landes hin, die bei so erheblichen «Aufwendungen größte Vorsicht heische. Ihre Geneigtheit, verkehrspolitische Wünsche des Landes nach Kräften zu fördern, hatte sie durch die Bewilligung der bis dahin seit 1897 für Nebenbahnen angeforderten Summe von 7'3 Mill. Mark unzweifelhaft erwiesen, um so mehr mußte sie jetzt ihren ernsten Erwägungen über das weitere Anwachsen der Nebenbahnschuld Ausdruck verleihen. Namentlich wurde auch in Betracht gezogen, daß von der angeforderten, oben erwähnten Summe 4,1 Mill. Mark auf Zuschüsse an Privatbahnen entfielen, also ä fond perdu geleistet werden müßten.
Im Fahre 1909 endlich hat der Finanzausschuß in der Einleitung seines Berichtes zum Staatsvoranschlage alle diese 23ebenfcn abermals zusammengefaßt und namentlich auch auf die starke Inanspruchnahme der Steuerkraft des Landes aufmerksam gemacht. Das Ansteigen des Zuschußbedarfes in den drei Ministerien von 11'4 auf nahezu 17,5 Mill. .Mark, die Ausgaben im Zentralbauwesen — und zwar für Neubauten in den Jahren 1901 bis 1908 insgesamt 26 Mill. Mark, für laufende Bauverwaltung über 1 MÜl. Mark jährlich — waren Gegenstand eines besonderen Hinweises.
Wären unserer Staatskasse nicht in den letzten zwölf Jahren rund 31 Millionen Mark reine Ueberschüsse nach Abzug aller Zinsen und Lasten aus der Eisenbahngemeinschaft — trotz des unrentablen Zuwachses an Nebenbahnen — zugeflossen, so hätten auch die vermehrten Einnahmen aus der Einkommensteuer und die hohen Erträge der Vermögenssteuer nicht ausgereicht, atm die gesteigerten Ausgaben für bie allgemeine Staatsverwaltung und fü?° unrentable Zwecke aufzubringen. Die Krisis wäre mit Notwendigkeit schon früher eingetreten, obwohl die Einkommensteuer in den Jahren 1901 bis 1908 um 36 Prozent (von 8,5 auf 11,6 Mill. Mark), die Vermögenssteuer um 10 Proz. (von 3,1 auf 3,4 Mill. Mark) zunahm.
Die Überschätzung in den Steigerungsmöglichkeiten dieser Einnahmequellen, namentlich der Eisenbahnen und der Stempelsteuer, für welche eine Verantwortlichkeit beider Kammern nicht besteht, und die hierauf sich gründende bedenkliche Vermehrung der Ausgaben haben den Ausbruch der nun vorhandenen schweren Finanzkrisis verursacht, welche die hohe 1. Kammer aus den ungezogenen Gründen nicht überrascht hat, und für welche sic ihrerseits eine Verantwortung ablehnt.
Was die Beseitigung der Differenz zwischen den laufenden Ausgaben der Staatsverwaltung und den Einnahmen des Landes betrifft, so begrüßt der Finanzausschuß die Absicht der Regierung, durch Vereinfachung der Staatsverwaltung eine Verminderung der Ausgaben herbeizuführen. Die Lage des Landes erheischt aber die schleunige Erledigung dieser Reorganisation.
Einer ähnlichen Aufgabe unterzieht man sich auch in Preußen, wo schon im Jahre 1909 zwei Kommissionen eingesetzt wurden, die, soweit Nachrichten vorliegen, in den nächsten Wochen ihren Bericht erstatten werden.
Einer Verichiebuny der Reform bis zum Jahre 1912 muß der Finanzausschuß ferne Zustimmung versagen; er glaubt vielmehr, daß die Großh. Regierung in der Lage sein wird, Ende des Jahres 1910 bestimmte Vorschläge den Ständen unterbreiten und in Verbindung damit die dringend notwendige Revision der Besoldungsordnung ein!eiten zu können.
Das Dan der Großh. Regierung vorgeschlagene Amor- tisationsgesetz ist bei der Lage des Landes in diesem Augenblick nicht annehmbar. Es würde zur Durchführung jährlich schon heute mindestens 2,7 Mill. Mark erfordern, während im lausenden Jahre trotz der Zuziehung des Ausgleichsfonds nur 1,7
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Mill. Mark eingestellt werden konnten. Außerdem wären auf e Jahre hinaus Zuschüsse für die allgemeine Verwaltung aus den Eisenbahnen ausgeschlossen. Dieser Vorschlag bedeutete einen völligen Bruch mit der von der Regierung in dem Gesetz über den Ausgleichsfonds getroffenen Regelung und eine 'ehr erhebliche Abweichung von dem seither geltenden, in Preußen. jetzt wieder ausgestellten Prinzipe, daß die lieber« chüssc der Betriebsverwaltungen in erster Linie zur Schonung der Steuerkraft des Landes zu verwenden sind. Als im Fahre 1896 das Land mit der Verstaatlichung der Hessischen Ludwigsbahn ein Risiko übernahm, weil die inzwischen eingetretene glänzende Rentabilität einer derartigen Maßnahme mit völliger Bestimmtheit nicht eingeschätzt werden konnte, hielt die Großh. Regierung trotzdem eine Schuldentilgung von höchstens 600000 Mark jährlich für genügend. Infolgedessen liegt bei der jetzigen Finanzkrisis keine Veranlassung vor, plötzlich höhere Sätze einzuführen.
Die Großh. Regierung und die Erste Kammer haben mehrfach vergleichsweise auf Preußen verwiesen. Nach den Mitteilungen des preußischen Finanzministers würden bei den in Preußen geltenden Tilgungssätzen 75 Proz. der gesamten Staatsschuld erst in 230 Jahren getilgt sein. Bei der Annahme eures Tilgungsplanes, wie ihn der vorgelegte hessische Entwurf vorsieht,^würde. die hessische Eisenbahnsckmld ht 62 Jahren, die übrige Staatsschuld in 51 Jahren verschwunden sein, obwohl nach der Begründung des vorgelegten Tilgungsgesetzes: der Eisenbahnschuld „in dem Anlagekapital der Staatseiftnbahnen ein werbender Vermögenswert gegenübersteht, dessen Substanz sich bei der Art der Wirtschaftsführung der Hess. Preußischen Verwaltung ntcht nur von selbst erneuert, sondern auch noch einen wertvollen Zuwachs erfährt".
Zu einer derartig raschen Tilgung ist jetzt um io weniger Grund geboten, als in den Jahren der hohen liebet!chüste eine Aenderung des seitherigen Tilgungssatzes von der Großh. Regierung nicht vorgeschlagen wurde und als die Tatsache besteht, daß die Reinerträge des werbenden Staatsvermögens die Schuldzinsen in den Fahren 1901 bis 1908 (einschließlich) um durchschnittlich jährlich zirka 4,5 Mill. Mk. übertrafen.
Die E i s e n b a h n e i n n a h m e u zeigen, nach dem Rückgang im Jahre 1908, wieder eine erfreuliche Steigerung, wie sich aus den Ueberschußanteilen ergibt, die in dem preußischen Etat für Hessen angesetzt sind. — Der hessische Anteil wurde 1909 auf 11,5 Mill. Mark berechnet, ergab in Wirklichkeit aber 12,4 Mill. Mark.
Der Etat 1910 sieht auf Grund der günstigen Entwickelung des Eisenbahnverkehrs einen solchen von 12,6 Mill. Mark vor. — Während infolge der wirtschaftlichen Krisis 1908 im Güterverkehr: ein Rückgang um 4 Proz. gegenüber der vorausgegangenen wesentlichen . Steigerung von 1906 aut 1907 stattfand, der Personen - verkehr aber eine geringe Zunahme aufwies, stieg im Laufe des Jahres 1909 der Personenverkehr um 5 Proz. unb der Güterverkehr um 4,8 Proz., so daß schon das Jahr 1909 mit der oben ermähnten, erheblichen Mehreinnahme abfchloß.
Die sehr vorsichtigen Schätzungen des preußischen Etats sehen für 1910 eine weitere Zunahme des Personenverkehrs um 2 Prvz. und des Güterverkehrs um 1,7 Proz. gegenüber 1909 vor unb beziffern die reine Mehreinnahme für 1910 auf 10 Mill. Mark. Da es trotz großer sozialpolitischer Aufwendungen gelungen ist, den Betriebskoeffizienten, der im Jahre 1908 auf 74 6 Proz. gewachsen war, für 1909 auf 72,7 Proz. herabzubringen, so rechnet jene preußische Schätzung für das Jahr 1910 mit einem weiteren Rückgänge auf 71,5 Proz., während in Baden das Verhältnis der Ausgaben zu den Einnahmen 1908 auf 86 Proz. gestiegen ist. Diese Entwickelung berechtigt zu der Annahme, daß das Jahr 1910 eine erhebliche Mehreinnahme über den Etat hinaus liefern wird.
Die Reichsfinanzreform des Jahves 1909 hat eine wesentliche Erleichterung für die Finanzen des Landes dadurch gebracht, daß über 4 Mill, seither gestundeter, ietzt aber fällig werdender Matrikularbeiträge auf die Reichskasse übernommen! wurden. Die "FinanzMinister der beiden größten Bundesstaaten, von Preußen und Bayern, haben Veranla'smnng genommen, auf
(Siebener Sfadttbeater«
Strandkinder.
Schauspiel in 4 Alten twn Hermann Sudermann.
Man muß die Küste im deutschen Osten lieb gewonnen haben, muß das historische Weben, das die schlanken und ’tfigen, fein bedachten rötlichen Türme der Marienburg, des stolzen Ordensschlosses, noch heute umrauscht, erlauschen und spuren, um dem neuesten Wurfe Sudermanns von vornherein das größte Interesse entgegenzubringen. Der geschichtliche Rahmen des Werkes übermalt.gc, hat wohl auch die auffallende Teilnahme des Kaisers erweckt, der dem Dichter impulsiv die Hände gedrückt hat. Und doch ist Sudermann ein Moderner geblieben. Die Strandkindcr sprechen seine gewohnte Sprache. Nur das Milieu ist fremd und «igenartig. Wo die Ostsee den Helastrand umspült und die Brandung Trümmer und traurige Menschenlose ausgeworfen hat, soll ein wildes und lautes Strudeln von Menschenerlebnissen die Stimme des Meeres noch übertönen. Man hat von dem frevelnden Ringen rauher Küstenbewohner, zur Zeit, da noch kein Strandrech! war. kein Strandvogt des Gesetzes Waltere, oft erzählen hören. In Romanen unb Geschichten, wo Räuberromantik und Schifferarmut uns seltsam erschüttern, wo die „blaue Göttin, die ewig bewegte", ivic auf Boecklins Bild, wundersam die Harfe schlägt. In Sudermanns brausendem Drama rühren uns mich solche. Klänge, aber die Sehnsuchtslaute, die Melide, das Strandkind, spielt und singt, werden auf der Bühne noch rascher verweht als vom Sturm am Meer. Sudermann hat einen ergiebigen und reich schillernden Romanstosf für die Bühne zurechtgeschnitten, und zwar mit kluger und «eschickrer Technik. Der Faden seiner Erzählung führt in loirksamer Steigerung von Szene zu Szene, hält uns in 'immerwährender Spannung, aber die Strandbewohner flüchten vor uns her, wir erjagen sie nicht, und ihr innerlich armes Erleben faßt und packt uns nicht recht. Zu viel für Äuge und Ohr, zu wenig für die mitschwingende Phantasie, die t)ier und dort verweilen unb die stilleren, innerlicheren Nomente beleben möchte. Sckwn hier darf gesagt werden, an die Sck)auspieler schwere künstlerische Aufgaben des Taktes unb empfindenden Ausgleiches gestellt werden.
_ Sudermann, der die Schrmerigkerten s in s dramatischen Stoffes kannte, hat darum stärker und heftiger in die Saiten
gegriffen, hat den armen Verwaisten am Strande, die das Land der Heimat mit der Seele suchen, Riesenschatten von Menschen "gegenübergestellt. Lange und geheimnisvolle Pläne, stimmungsvolte Wege und Verwicklungen des Schicksals, wie sie ein Romandichter hätte haben müssen, konnte er auf der Bühne nicht brauchen. Darum schuf er dieses Drama der Blutrache zwischen zwei Familien, machte er seine Haupthelden aus gröbstem Stoff. Heimeringk Rvnke- sohn, der jüngere und mildere der beiden Titanenbrüder, der des Blutdunstes satt ist, könnte durch besondere Regungen und Ziele fesseln, aber da, wo der Betrachter dies empfindet, wünscht der Beschützer Melides entweder, sein Bruder Gregor tarne, oder aber es kommen andere, ihm aus der Verlegenheit zu helfen. So wartet einer auf den andern, hängen alle Personen des Stückes vorwiegend durch die Wucht äußeren Geschehens aneinander. Darum strahlt von diesen durch Leidenschaft erhitzten Menschen keine Wärme auf uns über.
Das rein stoffliche Geschehen ist dagegen fesselnd vom Anfang bis zum Ende. Tie den Holzstoß schichtenden Strandkinder klagen nicht nur ihr erbarmungswertes Schicksal, sondern raunen sich auch dramatisch das Geheimnis der Schuld ihrer Bedrücker zu. Gregor Rhnlesohn, der mit Hilst des falsck)en Feuerzeichens seinen Todfeind, den Falmer aus Putzig, ins Verderben gebracht und erschlagen hat, kehrt vom Richterstuhl aus Danzig zurück und trotzt der racheschnaubenden Falknerstochter samt dem ihm zur Untersuchung auf dem Fuße folgenden Komtur mit ungebändigtem Haß. Als Rächerin ihres Vaters, des Falkners, der den Pynkesöhnen den Vater hinweggerissen hatte, entfacht Bri- golla von neuem die Blutrache. Drei Menschen, bei denen die wilde Tatenluft das Innere, die Seele, ersetzen muß. Brigolla, das kriegerische Mannweib, ist die unwahrscheinlichste Figur des Dramas, sie wird durch den Richterspruch der Deutschordensritter als Gattin Heimeringks in das Haus der Rynkesöhne geschlendert, wo auch sie keine seelische Entwicklung durchmacht. Als neue Ueberraschung erfindet Sudermann die Sinnenleidenschaft Gregors und der Fali- nerstochter, um nach einer ziemlich leolosen Fortführung der Neigung z>vischen Heimeringk und Melide di.sen wuchtigen Schluß, die Vereitelung eines Brudermordes durch die Strandkinder und die Vernichtung der beiden Gewaltmenschen G-regor und Brigolla herbeizuführen. Als milde
Versöhnung werben Melide und der neue Ordensritter Heimerlingt zusammengesührt und die Strandkinder in die Obhut des Deutschritterordens gegeben. Der Vorhang fällt vor dem theatralischen Bild, wo Der unentschiedene Charakter des jüngeren Rynkesohnes, auf einmal umgewmidelt, ruft: „Nun, Strandkinder, kommt!"
Der dramatische Griff Sudermanns, der auch in den „Strandkindern" interessant ist und bewundert werden muß, hat doch einige Nebenvorgänge sich teilweise verflüchtigen lassen. So bleibt die Herkunft Melides, das Ergebnis der Inschrift auf der Schaumünze, dunkel. Auch die Aufnahme Heimeringks in den Deutschritterorden erscheint nach den geheimnisvollen Worten über Melides .Ansehen beim Orden nicht völlig geklärt.
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Daß unser Stadttheater dem trotz der erwähnten Mängel überaus interessanten neuen Drama eine so gediegene und würdige Aufführung bereiten konnte, war außerordentlich erfreulich. Im großen wie im kleinen war man mit Ernst unb großem Geschick an die nicht leichte Aufgabe herangegangen. Selten haben wir hier so vollendete Bühnenausstattungen gesehen. Das Strandbild mit dem Dünen Hügel und dem Dorfe im Hintergründe war ganz nach den Absichten des Dichters eingerichtet und sehr wirksam. Auch die Gruppenbewegungen der Strandkinder und das Gericht der Ordensritter im Hofe der Rynkesöhne haben hohe Ansprüche gefriedigt. Wir haben schon erwähnt, baß die Verkörperung ber Sudermannschen Gestalten in diesein Stücke nicht leicht ist. Wo die Handlung dramatische Rubepunl'te hatte, mußte, dem weltabgeschiedenen Hausen und der Gewöhnung dieser Strandbewohner entsprechend, so zurückhaltend und absichtslos gesprochen werden, baß dem Bilde die erwünschte Dauer verliehen werden konnte. In den zu leidenschaftlichen Ausbrüchen gesteigerten Momenten mag dann durch direkte Redeweise und das Jneinanderkrallen der Menschen der Gegensatz um so wirksamer hervorgebracht werden. Der Gesamteindruck wurde durch 'Herrn Direktor Steingötkers sichere und sorgsäl ige Leitung sehr s.sstlnd und lebendig. U..s schien es, als habe Herr Marx als Heimeringk an manchen Stellen auf seinen verwaisten Schützling zu lebhaft eingesprochen, wo das gegenseitige Verhältnis der beiden stimmungsvoll zum Ausdruck kommen sollte. Der Darsteller besitzt sehr gute Mittel, aber mitunter gerät er in Dekla-


