Ausgabe 
17.6.1910 Erstes Blatt
 
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Monat nach der Bekanntmachung gerichtliche Entschei­dung beantragen."

Die §§ 178 bis 181 werden unverändert angenommen. > 'Somit ist Her Abschnitt über das Ermittelnngsverfahren er­ledigt. Darauf vertagte sich der Ausschuß.

Vas Schiedsgericht im Baugewerbe.

Dresden, 16. .Juni. Das Schiedsgericht im Baugewerbe fällte heute bezüglich der Arbeitsvcrkür- ^ung und der Teuerungszulage folgenden Spruch: Die ArbeitszeitverMrzung in den Orteu mit mel)r als zehn­stündiger Arbeitszeit loird dahin geregelt, daß in den Orten, mo eine mehr als lOi/sstündige Arbeitszeit besteht, diese vom 1. April 1911 auf 10'/» und vom 1. April 1912 auf 10 Stunden zu verkürzen ist. In den Orten, wo sie nicht mehr als 10y2 Stunden beträgt, hat sie vom 1. April 1911 ab 10 Stunden zu betragen; in Frankfurt a. M., Offenbach, -Mannheim, Ludwigshafen und Wiesbaden wird die Arbeits­zeit auf 9/_> Stunden ab 1. April 1911 herabgesetzt. Für alle übrigen Orte der Lohngebicte wird eine Verkürzung der Arbeitszeit abgelehnt. In den genannten Städten tritt die Lohnsteiacrung in folgender Weise ein: sofort um 2 Pfg., am 1. April um 4 Pfg. und am 1. April 1912 um 2 Pfg.; nur in Offenbach und in Wiesbaden sofort um 2 Pfg, am 1. April 1911 um 31/» Pfg. und am 1. April 1912 um 2 Pfg. .Soweit in diesen Städten die Lohnerhöhung mehr beträgt als der Lohnausgleich, gilt sie als Entschädigung für die Teuerungsverhältnisse. Im übrigen ist die Teue­rungszulage abgelehnt worden. Tie Nebenbedingungcn des Vertrages werden zur Verhandlung an die örtlichen In­stanzen verwiesen werden und endgültig entschieden durch die bisherige zweite Instanz. Die Verhandlungen müssen bis zum 8. Juli zu Ende geführt sein. Die zweite Instanz hat bis zum 15. Juli endgültig zu entscheiden. Wo die .Differenz zwischen den: Lohn der Maurer und dem tarif­lichen Höchstlohn der Bauhilfsarbeiter über 13 Pfennig be­trägt, .soll sie im zweiten Vertragsjatzr durch Erhöhung des Bau- und Hilfsarbeiierlohnes um 1 Pfennig ausgeglichen werden. In den Orten unter 10000 Einwohner, in denen die Verkürzung der Arbeitszeit während der Vertragsdauer eine Stunde beträgt, tritt der volle Lohnausgleich nur zur Hälfte ein.

Arrs Hessen.

R. B. Darmstadt, 16. Juni. Tcr Sonderausschuß für d i e Verwaltungsgesetzrevision beschäftigte sich heute mit den Artikeln 103130 der Landgemeindeorb- nung, welche die Bestimmungen über die amtliche Stellung der Gemeinderatsmitglieder, die Sitzungen des Gemeinderats, die Tätigkeit des Bürgermeisters und der Beigeordneten, sowie die Geschäfte des Bürgermeisters behandeln. Bezüglich der Sitzungen des Gemeinderats in der Landgcmeindeordnung wurde im Aus­schuß beantragt, die O e f f e n t l i ch k e i t der Sitzungen zur Regel zu machen. Der Ausschuß hat ober in Ucbcreinstimmung mit der Entscheidung, die für die badische Landgemeindeordnung getroffen wurde, diese Regelung der Frage abgelehnt und dagegen eine Bestimmung angenommen, wonach der Gemeinderat jeder­zeit die Oeffentlichkeit der Sitzungen bescküießen kann. Außerdem wurde eine Bestimmung eingefügt, daß jedesmal zu Beginn des Haushaltsjahres über die Oeffentlichkeit der Sitzungen Beschluß gefaßt werden kann. Hinsichtlich der Giltigkeit eines Gemeinde­ratsbeschlusses wurde vom Ausschuß an der Forderung festgehal­ten, daß in der Sitzung sofort eine Niederschrift der Beschlüsse zu erfolgen hat und daß für die Abstimmenden ein Untere schriftszwang eingeführt wird. Nur ausnahmsweise soll in besonderen Fällen die nachträgliche Einholung der Unterschrift gestattet sein. Es sind im Ausschuß verschiedene Fälle zur Er­örterung gelangt, daß Gemeinderatsmitglieder sich weigerten, ihre Abstimmung anzuerkennen und daß der Bürgermeister rechtlich zur Verantwortung gezogen wurde, weil angeblich kein giltiger Gemeinderatsbeschluß vorlag. Aus diesem Grunde ist die genaue Feststellung der Abstimmung absolut erforderlich. In Art. 115 war nach der Regierungsvorlage bestimmt worden, daß bei Stimmengleichheit in Beschlüssen des Gemeindcrats die Stimme des Vorsitzenden entscheiden soll. Diese Vorschrift hat der Aus­schuß beseitigt, dagegen die weitere Vorschrift aufrecht erhalten, daß in Personalangelegenheiten bei Stimmengleichheit die Stimme des Bürgermeisters ausschlaggebend sein soll. Hinsichtlich der wichtigen Frage, ob es zulässig sein soll, im s z i p l i n ar- verfahren dem Bürgermeister einen Teil seines Ruhegehalts auch dann zu belassen, wenn die Dienstentlassung als Disziplinar- maßnahme erfolgt, jedoch in der Beurteilung des Falles eine mildere _ Beurteilung zulässig erscheine, beschloß der Ausschuß, die Entscheidung zunächst auszusetzen.

Im Art. 124 wird bestimmt, daß der Betrieb des Gewerbes inner G a st - und Schankwirtschaft dem Bürgermeister nur mit Zustimmung des Kreisausschusses und unter den von diesem etwa festzusetzenden Bedingungen gestattet sei. Hierzu lag ein Antrag vor, für die Zukunft den Betrieb einer Gast- und Schankwirtschaft für den Bürgermeister überhaupt auszuschließen. Im Ausschuß war man darüber verschiedener Meinung. Die eine .Hälfte entschied sich dahin, daß der Betrieb einer Gast­und Schankwirtschaft dem Bürgermeister unter allen Umständen untersagt sein soll, die andere Hälfte stimmte dafür, daß den Widerruf einer Konzession erfolgen solle, wenn die bei der Kon- zessivnserteilung gestellten Bedingungen nicht eingehalten würden. Da die Stimmengleichheit im Ausschuß als Ablehnung gilt, so ist zunächst die Regierungsvorlage als genehmigt zu betrachten. In der morgigen Sitzung des Ausschusses dürste die vorläufige Be­ratung der Vorlage zu Ende geführt werden.

Deutsches Reich.

Zu Ehren des Justizrats Albert Träger sand am Donnerstag in der Berliner Philharmonie ein Festkommers statt, der stark besucht war und den der Abgeordnete Kops ch mit einer Begrüßungsansprache eröffnete. Abg. Wiemer feierte den Politiker Träger; alsdann sprachen die Abgg. Geheimer Iustizrat Cassel, Mugdan und Herr R ei - Wald. Dem Geburtstagsttnde wurde hierauf von Frl. Margarete Barth nach dem Vortrag eines Huldigungs- gedichtes ein Lorbeertranz aufs .Haupt gesetzt, was stür­mischen Jubel erregte. Zahlreiche Abgeordnete und Stadt­verordnete nahmen an dem Kommers teil.

Aus Wien wird gemeldet: Der deutsche Natio­nalverband hat mit überwiegender Mehrheit beschlossen, der Regierung mitzuteilcn, daß der Verband dem Plane zu sttmmt, auf vier Jahre bis zum Wintersemester 1914 15 provisorisch eine italienische R e ch t S f a ku l t ä t in Wien ins Leben zu rufen. Der deutsch-nationale Verband hat ferner beschlossen, die Regierung eindringlich aufzu- fordern, an die A u s H e st a l t n n g d e r d e u t s ch e n Hoch­schulen mit allem Nachdruck zu gehen. Alsdann wurde einsttmmig der Beschluß gefaßt, die Regierung und die Mehrheitsparteien aufzufordern, für die baldige Vornahme der ersten Lesung der nationalpolitischen Vorlagen und deren Ueberweisung an einen Ausschuß zu sorgen.

Aus Saloniki wird gemeldet: Die Militärbehörde im E l a s s 0 n a meldet, daß eine d r e i ß i g M a n n st a r k e , von einem griechischen Offizier geführte g rie­ch i s ch e B a n d e, welche zwei mit Munition beladene Trag­tiere mit sich führte, die Grenze überschritten hat.

Zur Verfolgung ist Militär abgegangen. Ungefähr hundert Montenegriner unter dem Befehl eines serbischen Offiziers Martinowitsch haben ein türkisches Blockhaus in der Gegend von Gussinja angegriffen. Zwei Soldaten wurden getötet und drei verwundet. Die Montenegriner traten erst den Rückzug an, als Verstärkungen eingetroffen waren.

Ans Stadt nnd Land.

Gießen, 17. Juni 1910.

*' Tageskalender für Freitag, 17. Juni: Protest- V e r s a in m lang gegen die Borromacns Enzyklika. Abends 8/a Uhr in Steins Garten.

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** La ndeS Universität. Der Groß her zog hat den ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Geheimerat Dr. Rich. Heß in Gießen auf fein Nachsuchen unter Anerkennung feiner langjährigen mit Eifer und Treue geleisteten, sehr ersprießlichen Dtenste mit Wirkung vom 1. Oktober 1910 an in den Ruhestand versetzt und ihm die Krone zum Komturkreuz 2. Klosse des Verdienst­ordens Philipps des Großmütigen verliehen.

** A u s dem Militär-Wochenblatt. Knecht (I Darmstadt), Unterapotheker des Benrlaubtenstandes, zum Oberovotheker befördert. Zahlmeister Werner vom 3. Bat. Jnf.-Negts. Prinz Karl (4. Hess.) Nr. 118, zum Hess. Train-- Bat. Nr. 18 versetzt.

Nene Kammervirtuosin. Der Großherzog hat der Pianistin Frau Hedm. Marx-Kirch in Mannheim den TitelGrößte Hessische Kammervirtuosin" verliehen.

* Lehrerpersonalien. Ernannt wurde der Schnl- verwalter Gg. Kirsch en stein zu Nüsselsheim zum Lehrer an der höh. Bürgerschule daselbst unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer; die Schulverwalterinnen Sophie Cahn und Mana Lehne an der höh. Mädchenschule zu Mainz zu Lehrerinnen an dieser Schule, die Schulverwalterin Lonise Keßler an der Eleonorenschnle zu Worms zur Lehrerin an dieser Schule, sämtlich unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehreriiinen. Ue bertragen wurde dem Lehrer Nob. Henrich zu Astheim die Lehrerstelle an der kath. Schule zu Alsheim und dem Lehrer an der höh. Bürger­schule zu Groß-Bieberait Daniel Komo eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mühlheim. Erledigt ist die mit einem euang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Ge- meindeschule zu Nied er-Stoll. Mit der Stelle ist Organisten- und Leltordienst verbmiden. Ucbcrtragen wurde der Schulanitsaspirantin Maria König aus Ober-Mörlen eine Lehrerinstelle an der Gemeindeschule zu Bieber. In den R u h e st and versetzt wurde die Lehrerin an der Volksschule zu Mainz Elise Dins läge auf ihr Nachsuchen, unter An­erkennung ihrer langjährigen treuen Dienste.

** Nochmals das Schülerwe 1 furnen. Durch die von Freunden des Schülerturnens zur Verfügung gestellten Beträge war es möglich, an unbemittelte V 0 lksschuler 43 Gürtel, 46 Turnhemden und 25 Paar Turn - s ch u h e unentgeltlich abzugeben, bezw. zu verteilen. Die Zahl der mitturnenden Volksschüler betrug etwa 100, so daß annähernd die Hälfte mit Gürtel und Turnhemd ausgestattet werden konnte.

** Ein bruchsdiebsta hl. Am verflossenen Sonntag, abends gegen 7 Uhr, wurde in einem Z i g a rr e n l a d e n am Marktplatz eingebrochen und ein größeres Quantum Zigarren und Zigaretten gestohlen. Der Dieb hatte vom unverschloss.'nen Hausflur aus eine nach dem Laden führende Türe erbrochen.

* In Amerika verstorbene Hessen. Philipp Schröder in New-Pork, 48 Jahre alt, geboren in der Bmger Gegend; I. I. F. O. Toussaint, 82 Jahre alt, in New-Pork; Konr. 9)1 aurer, 74 Jahre alt, in Syrakuse; Jos. Goldschmidt, 70 Jahre alt, in Reading; Konr. Jäkel, 57 Jahre alt, Polizeichef in Belleville.

--- Leihgestern, 16. Juni. Am 26. d. M. begeht der GesangvereinEintracht" hier im Rahmen des Vereins die Feier.seines 49jährigen Bestehens. Mit dem 50jähr. Jubiläum, das 1911 vom 3 bis 5. Juli ge­feiert werden soll, wird ein nationaler Gesangs- w c 11strcit verbunden werden. Der Verein, der 150 Mit­glieder zählt, steht unter Leitung des Dirigenten Arthur Riemann-Gießen. Daß der Verein in seinen gesanglichen Leistungen auf der Höhe der Zeit steht, geht daraus hervor, daß es ihm vergönnt war, 1909 auf' bem G.^angswettstreit in Groß-Auheim tu K asse IV einen 1. 'Preis, Pfingsten d. Is. auf dem nationalen Gesangswettstreit des Gesangvereins Germania"--Großcn-Linden in Kiafic III einen 3. Preis und Ehrenpreis und am 29. Mai d. I. gelegentlich des Reform-, Wettstreits des GesangvereinsHarmönie"-Grvßen-Liiid.n einen 1. Preis und ebenfalls einen Ehrenpreis zu erringen.

X Kinzenbach, 16. Jmn. Heute um die Mittags­stunde ereignete sieh auf der hiesigen Station ein Unglücks- fall Der Landwirt und Metzger Adam Mandler, der sehr schwerhörig und kurzsichtig ist, hatte den herannahenden Zug von Lollar nicht bemerkt und wurde von der Maschine erfaßt. Außer bedenklichen Kopfwunden mag der Verunglückte, der noch nicht wieder zur Besinnung kam, innere Verletzungen davongetragen haben. Bahnarzt Dr. Hoffmann-Heuchelheim leistete bald die erste Hilfe und ordnete die Ueberführung in die Gießener Klinik an. An dem Aufkommen des alten Mannes wird gezweifelt. Das Bahnpersonal trifft keine Schuld.

w. Frankfurt a. M., 16. Juni. Zur Eröffnung der französischen Abteilung der A u s st e l l u n <* für Sport und Spiel hatten sich heute Vertreter des französischen Sportlomitees für Ausstellungen im Auslande eingefunden. Tie französische Ausstellung vt noch be­reichert worden durch einen Salon, in dem sich die Büsten verschiedener belannter französischer Pvliliier, unter ihnen Briand, Elemencean, Brisson und der frühere Kriegsminister Berthean befinden. Nach einem Rundgange durch die Ausstel­lung begrüßte Oberbürgermeister Dr. Ad i cke s die franzöfi- schen Gäste. Generaltonsul Richard u. Präsident M e r i l - l 0 n brachten ihre Anerkennung für das in der Ausstellung Gebotene und ihren Taut für den Empfang zum Ausdruck. Sodann folgte die Ausstellungsleitung einer Einladung der französischen Sektion zu einem Diner, bei dem Präsident Mörillon den Gefühlen der Sympaihie und der Freundschaft Ausdruck gab. Stadtrat von Grunelin s dankte namens der Ausstellungsleitung für die tätige Anteilnahme der Franzosen an dem Ansstellungswetl. 3um Schlüsse brachte Generalkonsul Richard ein .Hoch auf die Stadt Frank­furt a. M. aus. Die Leitung der Ausstellung hat der französischen Mteilung als Landes-Ausstellung den Gro­ßen Preis (Goldene Medaille) zuerlannt.

= Frankfurt a. M., IG. Juni. Ein großer Rep­tilientransport aus Nordamerika langte kürzlich in Hamburg ein. Er enthielt in großer Anzahl riesige Diamant- llapperschtangen, giftige Mokassinschlaiigen verschiedener Art, Ko­rallennattern, ungiftige Korallennattern, sehr große Praan- fri.langen, Corraisnattern und Wassernattern, ferner die ver­schiedensten Zierschildkröten, Klapp und Weichschildkröten, sowie auch mehrere Arten Echsen und außerdem eine Anzahl großen Amphibien. Da der Transport gleich bei seiner Ankunft von Direktor Dr. Priemet vom hiesigen Zoologischen Garten in Emp­fang genommen wurde, hatte dieser die erste Wahl und konnte die schönsten und seltensten Exemplare für das Frankfurter Aquarium erwerben. Der gleiche Importeur brachte auch eine Anzahl nordamerikanischer Säugetiere mit, von denen ein sehr schöner Graufuchs, ein Paar Stinktiere u. a. m. für den Zoologischen Garten angekauft wurden. Tie in diesem Jahre erwartete erste Nachzucht der älteren Seelöwin des Gartens ergab eine Enttäuschung, da das sehr stark entwickelte, gegen 75 Zentimeter lange und 13 Pfund schwere Junge tot zur Welt kam.

Universitäts-Nachrichten.

u M a r b ll r g , 15. Juni. Die diesjährigen Marburger Ferienkurse mit Hebungen in demscher, englischer und fran­zösischer Sprache finden vom 4.-23. Juli und 4.-24. August statt. An dem Unterricht sind namhafte hiesige und auswärtige Gelehrte beteiligt.

Sport.

"Der Ruderklub Hafsia wird für die am 10. Juli d. Is. statlsindeiide Regatta des Süddeutschen Ruderverbandes in M aiuz den Begrüßnngs-Vierer (Mainzer Stadtpreis), den 1. Senior-Vierer, sowie den Junior-Vierer melden. Anßcrdem wird der Sktiller L. Schmalz das Jnnior-Einer-Neimen bestreiten.

9er Allenfteiner Mordprozeh.

: uj. A l l e n st e i n, 16. Juni.

In der heutigen fortgesetzten Zeugenvernehmung wird zu« nächst das weibliche Personal des 2 ch ö n c b e ck ' s ch e n Hauses noch einmal vernommen. Die Verhandlung dreht sich um die Herrenbekanntschasten der Angeklagten und es soll fest- gestellt werden, ob diese in der Nacht Besuche auf ihrem Zimmer empfangen habe. Tie Zeuginnen sagen aus, daß sie davon nichts wissen. Frau v. Schönebeck habe sich zwar die Cour machen lassen, sie hätten aber geglaubt, daß dies in den gesellschaftlichen Grenzen geschehen fei. Nur einmal will Fräulein Eue die Angeklagte mit einem Herrn in einer verfänglichen Situation beobachtet haben, sie habe sich dabei aber nichts gedacht. Daß sie für ihre GesälligkeitSdicnstc je von Hauptmann v. Göben ober der Angeklagten Geschenke bekommen habe, bestreitet diese Zeugin entschieden. .

Tie weitere Verhandlung dreht sich um die Strumpfe des Erschossenen. Hauptmann v. Gäben hat angegeben, daß ihm Frau v. Schönebeck ein Paar Strümpfe ihres Gatten gegeben habe, die er überziehen sollte, um die Hunde nicht auf seine Spur zu bringen. Bei der Haussuchung wurden in der v. Göben'schen Wohnung auch ein Paar Sttümpse mit heraus- geschnittenen Initialen gesunden. Es kann aber nicht sestgestellt werden, ob die Strümpfe mirtlrd) dem Erschossenen gehörten. Die Zeugin Eue bekundet noch, daß das Verhältnis zwischen den Eheleuten in der letzten Zeit gut war. Als die Zeugin das zweite Mal als Angestellte in das Schönebeck'sche Haus kam, war v. Gäben der Bevorzugte bei der Angeklagten. Sie hat von diesem oft Briefe für die Angeklagte in (Smpfang ge­nommen und auch zwei bis drei Mal Briefe an ihn von ber Angeklagten besorgt. Das Mißverhältnis ihrer gestrigen Aussagen zu denen in der Untersuchung will die Zeugin damit erklären, daß sie nicht «'chtig verstanden worden sei. Ter Staatsanwalt beantragt, die Zeugin ivegen Verdachts der Begünstigung nicht zu vereidigen, der Gerichtshof beschließt aber ihre Vereidigung. Der Zeuge Apothekenbesitzer Deus gibt an, daß 5)err v. Gäben zweimal auf Gistschein Arsenik bei ihm gekauft habe, angeblich, um es seinem Bruder in Tirol zur Vergiftung von Füchsen zu schicken. Der Staatsanwalt stellt fest, daß v. Gäben später selbst zugab, daß die Sache mit dem Gift nicht ernstbift gemeint, sondern nur Spielerei war. Zeuge Friseur Sikorski hat dem Hauptniann v. Gäben nm Weihnachtsseste die Maske verkauft. Es war eine weiße Scidenmaske mit grellen Farben bemalt und scheußlich anzusehen. Der Zeuge zeigt eine Kopie der Maske. Der Vorsitzende bemerkt, daß cs sich nicht um eine Maske für einen Weihnachrsmann Händeln könne; wenn jemand mit einer solchen MaSke zu stfin kommen würde, würde er diesen hinaus- rcerfc-it. Zeuge Hauptmaiiii Schwi n d t Allenstein sagt aus, daß Göben sich bei ihm kurz vor Weihnachten nach Reise- Verbindungen nach Schweden erkundigt habe. Die An­geklagte betont, daß ihr von dem Reiseplan Göbens nichts be­kannt gewesen sei. Nächster Zeuge ist der jetzige Kaiserliche Ottomanische Oberstleutnant T u p sch e w s ki aus Adrianopel. der lange Jahre Abteilungskommaiideiir des Hauptmanns v. Göben mar. Vors.: Was haben Sie für Ansichten über Hauptmann v. Gäben in persönlicher und dienstlicher Beziehung? Zeuge: Hauptmann v. Göben war persönlich ein hochanständiger, vornehmer Charakter, dem ich nichts Böses zutrauen würde. Zeitige: Er tvar viel im Auslande, hatte den Buren- stldzug mitgemacht und war auch in Mazedonien. Von der Arbeit, die er im Auslande geleistet, war er sehr eingenommen. Er hatte manchmal ganz eigenartige Ansichten. Wir sind auch hin und wieder aneinander geraten. Es bestand zwischen unS beiden ent freundliches, aber lein freundschaftliches Verhältnis. Göbcii kam mit seiner Mannschaft sehr gut aus. Er war eine durch und durch tiomebmc Natur. Vors.: Aenderke sich das nachlei- im Laufe der Monate? Zeuge: Jawohl, das hat sich geäußert. Ich habe ihn deswegen auch zur Rede gestellt, wi­es meine Pflicht war. Ich war es auch zufälligerweise, der ihn mit der Angeklagten bekannt machte. Es war auf einem Maskenball bei^Exzellenz Scotti. Ich ftihrte Frau v. Schöne- berf zu -bild). Sie fragte mich plötzlich: Wer ist ber Herr dort?

antwortete: Das ist Hauptmann v. Göben, einer meiner Offiziere. Ain nächsten Tage traf ich Hauptmann v. Göben und sagte ihm: Nehmen Sie sich in Acht, Frau v. Schönebeck ist verheiratet, hüten Sic sich vor dem Feuer. Da sagte er: Ich gehe zwar jetzt zum Kaffee zur Fraii v. Schönebeck, aber Sie täuschen sich, ich bin gewappnet, mir kann eine Frau über-- haupt nichts anhaben. Nachher ließen seine dienstlichen Leistungen mehr und mehr nach, und gawz zufällig erfuhr ich, daß Frau v. Schönebeck gemeinsam mit ihm in Schwarzort war. Das machte mich stutzig und ich stellte ihn privatim zur Rede. Da sagte er: Herr Major, was Sie benfen, ist nicht ber Fall. Ich bin bann auf Urlaub gegangen unb erst zurückgekehrt, nachdem die Tat geschehen war. Ich sah Herrn v. Göben, kurz nach der Ankunft, von der Tat wußte ich noch nichts. Hauptmann v. Göben hatte zwei Verletzungen über der Nase unb sah sehr bleich aus. Er fragte: Wissen Sie schon, was passiert ist? Ich sagte, nein. Darauf sagte er, Major v. Schönebeck ist cr- scht)ss-cn. Natürlich ging mir in den paar Minuten vieles durch den Kopf. Ich wußte, daß Göben ein sehr energischen Mensch war, aber das traute ich ihm doch nicht zu. Es wurde nun die Frage aufgeworfen, ob ein Raubmord vvrliege, aber allgemein sagte man, daß ein Raubmord ausgesckftossen sei. Wir waren nun beim Regiment zusammen, Göben ging gerate hin­aus. Ich fragte: Wer kann es berat gewesen sein? Unb ba ant­wortete man: Nur ber, ber eben b i n a u 5 g e g a n gen i st. Einen Tag barauf wurde Göben verhaftet. Er war sehr gefaßt. Als ich später mit ihm eine Unterredung hatte, jagte ich zu ihm:Göben, ich habe Sic immer für einen anständigen und ehrlichen Kerl gehalten. Zeigen Sie sich als offener und ehr­licher Offizier und gestehen Sie, Sie sind der Mörder des Majors v. Schönebeck." Ta ivanbte sich Göben zu mir um unb sagte: Herr Major, ich banke Ihnen für Ihre liebenswürdigen Worte und ich habe Sie auch immer für einen anständigen Vorgesetzten gehalten. Ich kann aber nicht sprechen, ehe die Frau nicht

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