Ausgabe 
15.7.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. L63 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Erscheint täglich «nt AuSnahnre des Sonntags.

DieSietzeuer FmÄkenblätter^' werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kretsfclett fiir den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberhesfen

Freitag IS. Juli 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brüh loschen Unwerfttats - Buch- und Stemdruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e^^5L Redaktion: 112. Lel.-Adru AnzergerGießen.

hessische Zweite Kammer.

R. B. Da rm st adt, 14. Juli.

Die heutige Sitzung wurde vor gut-besetztem Hause und über- stillter Tribüne vom Vizepräsidenten Korell um IOV2 Uhr er­öffnet.

Am Regierungstische: Staatsminister Dr. Ewald, Finanz­minister Dr. Braun, Minister des Innern v. Hombergk, .Geh. Staatsrat Krug v. Nidda, Geheimerat Süffert.

Das Haus verweist zunächst mehrerezur vorläufigen Bc- ratitng im Pleirum" gestellte Vorstellungen an den zuständigen Ausschuß, so den Antrag Köhler, betr. die Sicherst ellirng uitb den Äusbait der hessischen Wetterdienststelle an der Landesuniversität Gießiep und die Vorstellung des' Hessischen Landes-Lehrcrvereins, betr. die Aufhebung des Art. 50 des Volksschulgesetzes. Die Vorstellung des Verbandes der hessi­schen staatlichen Unterbeamten, betr.

Die Gewährung einer Teuerungszulage ruft eine längere Aussprache hervor.

Abg. Dr. Osann weist auf die Wichtigkeit dieser Vorstellung hin und bemerkt, daß seine Partei stets für die Interessen der notleidenden unteren Beamten eingctreten sei. Der Redner er­sucht die Regierung nm eine Erklärung, ob sie angesichts der inztvischen vielleicht etwas gebesserten Finanzlage nicht gewillt sei, diesen Beamten (vor der Erledigung der allgemeinen Be­soldungsrevision eine Deuerungstzulage zu bewilligen.

Abg. Wolf (Bbd.) führt aus, daß die Landwirtschaft an den gegenwärtigen teuren Flleischpreisen nicht die Schuld trage.

Abg. Orb (Soz.) hält es für ausgeschlossen, die unteren Beamten bis zum Abschluß der Besoldungsrevision warten zu lassen: er sei für eine sofortige Deuerurrgstzulage. i

Abg. Finger (natf.) weist namentlich auf die Notlage der unteren Forstbeamten hin.

Abg. Molthan (Zentr.) betont, daß nicht nur die unteren, sondern auch die mittleren Beamten einer Gehaltsaufbesserung bedürften.

Abg. Reh (freis.) unterstützt den Vorschlag auf Bewilligung einer Teuerungszulage.

Abg. Bach- Mainz (natl.) macht auf verschiedene Gesuche der unteren Beamtenkategorien aufmerksam, die schon seit langer Zeit dem Hause vorliegen und unbedingt erledigt werden müßten, so besonders die Gesuche der Lehrer-Witwen und Waisen. Er schlage vor, zu beschließen, daß, falls nicht schon in nächster Zeit eine allgemeine Revision der Besoldungsordnung erfolgen könne, ein Ausschuß des Hauses -ernannt werde, der aus den vorliegenden Gesuchen die dringlichsten auswählt und gemeinsam mit der Negie­rung geeignete Vorschläge macht, inwieweit dem Ersuchen der Bittsteller entsprochen werden kann.

Abg. Braun (Bbd.): Bei dem Wettrennen um die Gunst der Beamten wolle seine Partei, die sonst als beamtcnfeindlichei gelte, nicht zurückbleiben. Doch würden die Herren, die jetzt so für die Aufbesserung der Beamten sprächen, sehr bedenkliche Ge­sichter machen, wenn sie hörten, daß nach einer Erklärung die Regierung 2 Millionen für die beabsichtigte BesyldungserhöhunA notwendig seien. Das bedeute eine Steuererhöhung von 20 Proz. Er für seine Person sei bereit, soweit als möglich diese Erhöhung mitzumachen.

Nach einigen Bemerkungen des Abg. Bähr wird die Vor­stellung an den zuständigen Ausschuß dernteten.

Als Mitglied für den 4. Ausschuß an Stelle des aus- geschiedenen Abg. Dr. Frenay wird auf Vorschlag des Abg. Reh (Bbd.l Abg. Dr. Wolf^Äonsenheim (Fortschr. Vp.) durch Akkla­mation gewählt, als Mitglied für den 5. Ausschuß ebenfalls an Stelle des ausgeschiedenen Abg. Dr. Frenay Abg. Dr. Zuckmayer I3entrum).

Die Ersatzwahl des Abg. Bach (natl.) für die Stadt Mainz wird für gültig erklärt, desgl. die Neuwahl des Abg. Wolf-Gonsen­heim im 9. Wahlbezirk der Provinz Rheinhessen (Nieder-Olm- Ober-Jngelheim).

Die Regierungsvorlage, die Wahlkreiseinteilung be­treffend, wird bis morgen zurückgestellt.

Die Regierungsvorlage, Summarische Uebersicht über die Ein- nabmen und Ausgaben der Großh. Landeskreditkasse für 1904 und ebenso für 1905 werden ohne Aussprache genehmigt.

Es gelangen nun zur Beratung die Vorstellungen gegen 40 von Beamten und Lehrern, Gehaltsaufbesserungen bezw. Teuerungszulagen usw. betreffend. Ein Antrag der Sozialdemo­kraten bezweckt, die Vorstellungen der Unterbeamten heraus­zunehmen und sofort zu berüchichtigen, die sämtlichen übriges Vorstellungen jedoch an den Finanzausschuß zu verweisen. Der Antrag wird vom Abg. Raab (Soz.) begründet. Abg. Bach (natl. stellt den Antrag, sämtliche Vorstellungen an den Finanz­ausschuß zurückzuverweisen mit der Aufgabe, zu prüfen, welche Vorstellungen zunächst unbedingt '§u berücksichtigen sind. Aba. Schmitt (Zentr.) führt aus, hiermit sei den Beamten nicht geholfen, solange die Regierung nicht erkläre, daß sie in der Sage und gewillt sei, die Teuerungszulage vor der Besoldungsordnung zu bewilligen.

Abg. Dr. Osann (natl.) weist auf den Widerspruch hin, in den die Sozialdemokraten sich dadurch setzen, daß sie einerseits! vorgeben, den Beamten die Zulagen zu gewähren, andererseits- aber das Budget ablehnen. Der Wortführer der Partei habe erklärt, daß dem gegenwärtigen Ministerium fein Budget be­willig! werde. Uebrigens sei der Antrag doch bereits erledigt durch den vorhin bereits einstimmig gefaßten Beschluß auf seinen (des Redners) Antrag hin, die Vorstellung der Unterbeamters zur Berücksichtigung zu empfehlen. 1

Abg. Orb (Soz.) unterstützt den Antrag seiner Partei.

Abg. Wolf (Bbd.) führt aus, es sei sehr leicht und sehe sehr schön aus, besonders bei vollbesetzten Galerien, hier mit Pathos zu fordern, den Beamten müsse geholfen werden. Der Redner spricht sich gegen die Verweisung an einen Ausschuß aus, der die Dürftigsten unter den Dürftigen aussuchen solle. Das würde einen Sturm der Unzufriedenheit Hervorrufen.

Abg. Dr. Osann (natl.) als Berichterstatter hält das End­ergebnis des abgeänderten Antrags Raab für kein anderes als das des seinigen, stimmt ihm jedoch zu, worauf er einstimmig angenommen wird.

Die Vorstellung des Fußgendarmen i. P. Höhn zu G i e ß e n, Gewährung einer Dienstbeschädigungszulage betreffend (als An­trag vom Abg. Leun überreicht) ruft eine längere Aussprache hervor. Ein Antrag Breidenbach tritt Gewährung einer jährlichen Unterstützung wird angenommen, nachdem der Minister des Innern darauf hingewiesen hatte, daß eine Dienstbeschädigungszulage nicht in Frage kommen könne unb der Bittsteller inzwischen auch ch< verhältnismäßiges Einkommen erreicht habe.

Es gelangt nun die Regierungsvorlage, die Abänderung des Fürsorgelaffegesctzes betreffend, zur Beratung.

Abg. U e b e l (Zentr.): Schon seit Jahren habe sich das Revisiousbedürsnis des Fürsorgekassegesetzes herausgestellt, wes­halb einige Neuerungen getroffen worden seien. Die wichtigste sei die in Art. 3, wonach die Regierung ermächtigt werden soll, eine Reihe von Personen, deren seither im Rahmen des Gesetzes nicht gedacht war, beitrittsberechdigt zu machen. Je mehr Väit- glieder die Kasse zähle, desto lebensfähiger und leistungsfähiger würde sie sein. Die Definition desHauptberufs" sei sehr schwierig, deshalb sei es nicht angebracht, den Eintritt von einer haupt­beruflichen Tätigkeit abhängig zu machen. Durch die Erweiterung

des Kreises der in Art. 3 des Gesetzes aufgeführten Personen, würden besonders die Beamten und Bediensteten der gewerblichen Unterrichtsanstalten, . welche der Zentralstelle für die Gewerbe« angehören, sodann die Beamten und Bediensteten der land- und forstwirtschaftlichen Berussgenossenschaft, die Lehrerinnen der Alicv- schule, ferner Beamte und Bedienstete solcher rechtsfähigen Vereine, die sich der .Krankenpflege widmen, auch die Ortsvorsteher, wenn sie das Amt eines Bürgermeisters nicht versehen usw., getroffen. Auch in B^ug auf die Festlegung der Höhe des Gehaltes sei der Begriff Hauptberuf" schwankend. Der Redner bittet die Regierung, auch an eine Revision des Art. 2 heranzutreten, so daß alle kleine Gemeindebeamten das Recht haben, in die Fürsorgekasse einzutreten.

In der folgenden Abstimmung wird der Antrag des Aus­schusses:Das Ministerium des Innern kann, nachdem es den Verwaltungsrat der Fürsorgekasse gehört hat, unter den in Abs. 2 angegebenen Voraussetzungen weiteren Personenklassen ein Bei­trittsrecht einräumen" einstimmig angenommen, desgl. die übriges Anträge auf Zustimmung zu den einzelnen Positionen.

Zur Regierungsvorlage, den Gesetzentwurf, die Herstellung einer Nebenbahn von Kreuznach (Landesgrenze) nach Sprend­lingenSt. Johann betreffend, nimmt zuerst Abg. Eibach (Fortschr. Vp.) das Wort: er bittet, die Regierungsvorlage an­zunehmen. Die Ablehnung würde die dortige Gegend schwer schädigen, da sie den Wegzug kapitalkräftiger Leute nach Preußen zur Folge habe.

Abg. Pennrich (Zentr.) verlieft eine Eingabe der Stadt­verordnetenversammlung der Stadt Bingen an das Kreisamt, aus der hervorgeht, daß durch die Bahn Bingen sehr geschädigt würde, da sie den Verkehr nach Kreuznach ablenke. Der Redner protestiert gegen diese Ablenkung nach einer preußischen Stadt, und ferner auch gegen die Höhe des Staatszuschusses von 30 Prozent. Er stellt den Antrag, die Vorlage an den Ausschuß zurückzuverweisen. Geheimerat Süf- fer t widerspricht den Ausführungen des Aba. Pennrich. Deil Verkehr bewege sich in der dortigen Gegend sowieso schon mehr nach Kreuznach hin. Gegen das frühere Projekt sei das jetzige um 100 000 Mark billiger. Der Staatszuschuß sei auf 20 Proz. heruntergedrückt worden.

Abg. Molthan (Zentr.) führt aus, der Ausschuß sei ein­stimmig der Ansicht, datz dem Anträge Pennrich auf Zurückver­weisung nicht stattgegeben werden könne. Dadurch würde die Angelegenheit nur in die Länge gezogen. Ejr bittet, der Regie- rnngsvorlage zuzustimmen.

Abg. Wolf-Gonsenheim widerspricht ebenfalls den Aus­führungen des Abg. Pennrich, dessen Rede länger gewesen sei als Die ganze Bahnstrecke ist, um die es sich handelt. (Heiterkeit.) Der Verkehr von Sprendlingen gehe hauptsächlich nach Kreuznach, nicht nach Bingen.

Abg. Bach (natl.) bestätigt dies; da er aus der dortigen Gegend sei, kenne er genau die Verhältnisse. Er bittet ebenfalls? den Antrag Pennrich abzulehnen.

Abg. Pennrich (Zentr.) spricht nochmals für seinen An­trag auf Zurückverweisung an den Ausschuß, die jedoch abgelehnt wird. Die Regierungsvorlage wird angenommen.

Es wird noch die Tagesordnung für die nächste Sitzung verkündet und dann das Haus aus morgen früh 9 Uhr vertagt.

Schluß nach x/22 Uhr.

Die Reichsversicherung§orünung.

:: Berlin, 14. Juli.

Der Ausschuß für die Reichsversicherungsordnung erledigte am Donnerstag das zweite Buch der Reichsver­sicherungsordnung über die Krankenversicherung und ging dann in die Ferien. Die Beratung begann bei den Ersatz- fassen. Die §§ 538 bis 540 erfahren nur unwesentliche Ver­änderungen. Die §§ 541 bis 548 regeln das Verhältnis der Ersatzkassen zu den Krankenkassen. § 541 bestimmt:

Für Versicherungspflichtige, die Mitglieder einer Ersatz­kasse sind, ruhen auf ihren Antrag die eigenen Rechte und Pflichten als Mitglieder der Orts-, Betriebs- oder Jnnungs- kasse, in die sie gehören. Sie haben keinen Anspruch auf die Leistungen der Krankenkasse und können bei ihr weder Stimm­recht ausüben noch Ehrenämter bekleiden.

Ihre Arbeitgeber haben nur den eigenen Beitragsanteil an die Krankenkasse einzuzahlen, der Anteil der Versicherten fällt weg."

Von fortschrittlicher Seite wurde die Notwendigkeit: der Streichung des zweiten Absatzes an dpr Hand der B r em er Verhältnisse dargelegt. Die kaufmännischen freien Hilfskassen würden durch diese Bestimmung schwer geschädigt werden.

Die Regierungsvertreter wandten sich gegen die drohende Absplitterung. Durch das Ueberwuchern der Ersatz­kassen würden die legitimen Kassen schwer geschädigt.

Staatssekretär Delbrück stellte als letzte Möglichkeit in Aussicht, den Unternehmern, die heute schon Beiträge an die Hilfs fassen zahlen, das Recht zu geben, es auch in Zukunft zu tun.

Ein sozialdemokratischer Redner trat für Beibehal­tung des jetzigen Zustandes ein.

Ein Zentrumsredner äußerte ebenfalls die Befürchtung, daß man die freien Hllfskassen unterdrücken wolle. Er beantragte, es den Unternehmern anheimzustellen, ob sie die Beiträge an die freien Hilfskassen ober an die Ortskrankenkassen ab führen sollen. Schließlich änderte er den Antrag dahin, im zweiten Absatz hinter einzuzahlen" die Worte einzufügenwenn sie nicht den Nachweis erbringen, daß sie ihn an die Ersatzkasse abgeführt haben".

Der Staatssekretär Dr. Delbrück sprach die Hoffnung aus, daß eine bessere Formulierung des Zentrumsantrags bis zur zweiten Lesung sich finden lassen werde.

Darauf wurde § 541 nach der Regierungsvorlage mit dem Zentrumsantrage angenommen. Die §§ 542 und 543 blieben unverändert.

Dann beriet man den zurückgestellten § 462, der auf Antrag der Konservativen folgende Fassung erhielt:

Für die in der Landwirtschaft Beschäftigten gilt § 528 nicht: die §§ 541 bis 544 gelten nicht für Landkrauken- kassen, mit Ausnahme der Ersatzkassen für v e r si cherungspsüchtige Gärtner."

Die §§ 544 bis 548 wurden mit einigen Erleichterungen für die Versicherungspflichtigen angenommen. Die Schlust­und Strafvorschrift en §§ 549 bis 559 blieben unverändert.

Damit mar das zweite BuchKrankenversicherung" ht erster Lesung durchberaten.

Der Ausschuß hatte die Absicht, den § 257 (Betriebs­krankenkassen) sogleich noch einmal zu beraten, um das Vakuum (der Paragraph war gestrichen worden) zu beseitigen.

Da aber in der anberaumten Pause eine Einigung nicht erzielt wurde, so mußte die Sitzung gleich nach der Wiedereröffnung mieber geschlossen werden.

Bekanntlich handelte es sich bei den Betriebskrankenkassen um zwei Streitpunkte. 1. Zwanzig Versicherungspflichtige sollten nach einem Zentrumsantrage genügen für die Bildung einer land­wirtschaftlichen Betriebskrankenkasse, 'dagegen wandte sich die Linke. 2.^ann sollten die Arbeiter selbst in geheimer Ab­stimmung entscheiden, ob die Betriebskrankenkasse gegründet werden sollte. Dagegen stimmte die Rechte mit den Nationalliberalen. Die Folge war, daß § 257 in der Schlustabstimmnngabgelehnt n/irrbc,.

Die nächste Sitzung findet voraussichtlich am 20. Sep­tember statt. Auf der Tagesordnung steht dann das dritte Bucht Unfallversicherung.

Aus tzem bttafprozetzausschntz.

:: Berlin, 14. Juli.

Der Ausschuß für die Strafprozeßordnung setzte am Donnerstag die Beratung desVepf ährens gegen Jug eitb- liche fort. § 373 erhielt folgende Fassung:

Auch nach Erhebung der Klage gegen einen .Jugendliche« unter 16 Jahren kann das Gericht jederzeit das Verfahren durch Beschluß ein stellen und die Sache an die Vor- mundschaftsbehörde abgeben, wenn sich herausstellt, daß Er- ziehungs- Und Besserungsmaßregeln einer Bestrafung Doryi» ziehen sind. Dabei sind namentlich die Beschaffenheit der Äit, sowie der Charakter und die bisherige Führung des Jugend-' lichen zu berücksichtigen."

Nach einem weiteren Beschlüsse ist gegen diesen Gerichtsbeschluß die sofortige Beschwerde zulässig. § 374 erhielt folgenden Wortlaut! Wird der Jugendliche der Vommndschaftsbel)örde überwiesen, so finden die Vorschriften be3 H 366 Anwendung." § 375 HM unverändert. § 376 erhielt folgende Fassung:

Ist der Verdächtige nicht mehr jugendlich, hat er afirt die Tat vor Vollendung be3 18. Lebensjahres begangen, so kann die Staatsanwaltschaft von Erhebung der Klage absehen, wenn der Fall so liegt, daß sie gemäß § 365 Abs. 1 gegen den jugendlichen Verdächtigen von ihr abgesehen hätte. Hat sie Klage bereits erhoben, so kann das Gericht auf ihren Antrag das Verfahren einstellen."

Ein Antrag wollte die bedingte 93crttrtetC uTtgj für Jugendliche zur -Einführung bringen. Der Antrag wurde aber mit Stimmengleichheit ab gelehnt. Dagegen wurde eine Entschließung angenommen, die verbündeten Regierungen zu ev- suchen, in das künftige Strafgesetzbuch die bedingte Verurteilung aufzunehmen.

Die nächste Sitzung findet am Freitag statt. Der Straß­prozeßausschuß will am Samstag in die Ferien gehen. Die erste Lesung der Vorlage wird nicht beendet werden.

Lstzrrng der Stadtverordneten*

Gießen, 14. Juli-

Anwesend sind: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Keller, Georgi, Heyligenstaedt; die Stadtverordneten: Dr. Biermer, Brück, Dr. Ebel, Eichenauer, Emmelius, Faber, Gabriel, Grüne­wald, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helm, Huhn, Jann, Jug- hardt, Krumm, Leib, Orbig, Petri, Plank, Schaffstaebt, Simon, Troß, Wallenfels, Dr. Wimmenauer und Winn.

Mitteilungen.

Der Vorsitzende macht Mitteilung über das Urteil des Provinzialausschusses in Sachen der Gelä nd ekoften der Bahn Lollar-Londorf (wir haben über bas Urteil bereits eingehenbe Mitteilungen gebracht; Reb.) unb schlägt vor, zunächst bie Begrünbimg bes Spruches abzuwarten, bevor weiter in der Angelegenheit beraten wirb.

Stabtv. Grünewald ist, auch ohne bie Begründung zu kennen, davon überzeugt, baß bie Versammlung weitere Rechts­mittel gegen ben Spruch ergreifen wirb.

Der Vorsitz ende bemerkt dazu, baß schon früher von ber Versammlung beschlossen worben sei, alle zulässigen Rechts­mittel gegen biefe ungerechte Heranziehung der Stadt zu ergreifen.

Eine heute Vormittag cingegangcne Eingabe ersucht um Er­richtung .einer Haltestelle der elektrischen Bahn an der Brau­gasse. Die Eingabe geht zur Vorbereitung an die Elektrizitäts- werksdeputation.

Bahnangelegenheiten.

Für die kürzlich in Angriff genommene Erweiterung des Empfangsgebäudes auf dem Bahnhof Gießen ist insofern Dispens erforderlich, weil ein Teil des Bahnhvf- gebäudes in Fachwerk mit Schieferbegleitung ausgeführt werden soll. Die Versammlung befürwortet den Dispens.

Stabtv. Grünewalb fragt nad^ bent Stanb ber Erwei­terung bes Neustäbter Viabukt und ersucht, angesichts ber Un- Haltbarkeit bes jetzigen Zustanbes bie Sache als bringlich zu ver- hanbeln. Weiter lenkt er erneut bie Aufmerksamkeit der Ver­sammlung auf eine anbere Leitung ber Viehtransporte. Durch das Entgegenkommen ber Firma Bär unb Wetterhahn werde es jetzt ohne große Kosten möglich sein, ben Weg an ber Wieseck her für bie Viehtransporte herzurichten.

Der Vorsitzenbe erwiedert, die Firma Bär und Wetter--i Hahn sei auch schon früher zur Geländeabtretung bereit gewesen, aber die beiden unter dieser Voraussetzung bearbeiteten Projekte seien von ber Versammlung abgelehnt worben. Bezüglich der Erweiterung des Neustäbter Viadukts verlange die Bahn, daß die Stadt noch vor Anfertigung ber Pläne sich bereit erkläre, büe gesamten Kosten ber Verbreiterung zu tragen.

Stabtv. Eichenauer ersucht, auf eine Verbesserung ber Bedürfnisanstalt am Bahnhof hinzuwirken.

Stabtv. Grünewalb meint, bas Projekt bei Bär und Wetterhahn sei ausführbar, wenn man ben Stabtgraben dort beseitige.

Der Vorsitzende sagt nochmalige Prüfung der Angelegen­heit zu.

Stadtv. Huhn bemerkt, durch eine Unterführung im Zug ber Liebigstraße sei bie Viehtransportfrage am besten zu lösen, unb fragt weiter nach bem Stand der Verbindung zwischen Stephan- und Ebelstraße.

Der Vorsitzende bemerkt, das vorliegende Projekt müsse auf Verlangen der Bahn noch einmal durchgearbeitet werden.

Stabtv. Winn erklärt, bie Bahn sei nach seiner Information nicht abgeneigt, bie Viehrampe jenseits in ber Nähe bes Güter- bahnhofs anzulegen.

Nach Mitteilung bes Vorsitzenden ist dies nicht der Fall, die Bahn habe dieses Projekt ihm erst Mitte Mai aus betriebs­technischen Gründen abgelehnt.

Stadtv. Habenicht führt aus, die endliche Regelung der Frage sei unbedingt erforderlich. Er beantrage eine Lokalbestch- tigung unter Einladung ber Bahnbehörben, da man an Ort und Stelle leichter zu einem befriebigenben Ergebnis komme

Stabtv. Simon hält ben Einwand, aus betriebstechnischen Gründen sei bie Verlegung der Rampe nicht möglich, für nicht stichhaltig. Auch jetzt würden bie mit ber Lahnbahn und au& Oberhessen kommenden Viehtransporte quer burch ben ganzen Bahnhof gefahren.

Stadtv. Plank hält ben Transport längs ber Wieseck nicht für erforberlich. Man solle alle übermässige Ausgaben vermeiden und im Sinne ber Anregung bes Stadtv. Habenicht Vorgehen.

Stadtv. Petri weist daraus hin, daß man bei der früher beabsichtigten Verlegung des Viehmarktplatzes das Projekt doch auf der Grundlage aufgebaut habe, daß das Vieh jenseits ans- geloben werbe. Damit stehe bie jetzige Haltung der Bahn in Widerspruch, i

Stadtv. Troß spricht sich für eine Gleisanlage nach bem Viehmarktplatz mit UeberbrückunH ber Lahn aus.

Stadtv. .Dr. Biermer meint, wenn man an die höheren. Instanzen gehe, werde man rascher zu einem Ergebnis kommen. Man solle durch eine Deputation der Direktion eine entsprechende Eingabe überreichen lassen unb sie zu einem Biehmarkttage em- laden. Die Behauptung, die Sache könne aus betriebstechnischen