einmal gründlich Verfahren worden ist. Daß der Zustrom der französischen Kongregationen, der nach dem Inkrafttreten der Trennungsgesetze in Spanien sich bemerkbar machte, sogar innerhalb des spanischen Episkopats mit sorgenvollen Augen verfolgt wurde, ist anscheinend überall im Vatikan bekannt gewesen, nur nicht in den Amtsräumen des Staatssekretärs, der jedoch für die spanischen Angelegenheiten nicht einmal Unkenntnis" der Verhältnisse vorschützen kann. Trotzdem aber hat man die Frage der Behandlung der Kongregationen Jahr für Jahp hinauszuziehen gewußt, bis nunmehr in Madrid ein Mann ans Nalder gelangt ist, der gesonnen scheint, dem Geduldspiel mit dem Vatikan ein rasches Ende zu machen. Wie seinerzeit gegenüber Frankreich, so verlegt der Staatssekretär sich auch jetzt wieder auf das System der öffentlichen Klagen und Beschwerden, das aber nur die Wirkung haben kann, das in Spanien bereits vorhandene Mißvergnügen zu verschärfen. Dies alles hindert nicht, daß die Stellung Merry del Vals nach wie vor als unerschütterlich zu betrachten ist. Pius X. ist nicht nur überzeugt, daß sein Staatssekretär ein Mann von hervorragenden Fähigkeiten und staatsmännischer Begabung ist, sondern auch, daß es lediglich Neid und Mißgunst find, die seine Amtsführung zu tadeln wagen. Da seine Vorliebe für Merry del Val so weit geht, da^ er selbst sehr alten und angesehenen Kardinalen, die gewisse Zweifel an der Ersprießlichkeit der Politik des Staatssetrctärs zu äußern sich erlaubten, zu verstehen gab, er wünsche das Thema der Unterhaltung zu wechseln, ist nicht abzusehen, daß die Verhältnisse sich ändern werden. Das Mißvergnügen in den Kreisen der Kurie ist ganz! beträchtlich.
Die Zlottenfrage im englischen Unterhaus.
Im englischen Unterhaus erwiderte Asquith den Flotten- nörgleru und fand dabei freundliche Worte des Verstäno- nisfes für Deutschlands Sorgen und Ziele. Ob seine Vergleichszahlen der künftigen Schiffe Deutschlands und Englands richtig sind, wird man ja wohl demnächst hören:
London, 14. Juli. Im Unterhaus wies Asquith nachdrücklich darauf hin, wie sehr sich die Regierung in den vergangenen Jahren durch den Wunsch nach Sparsamkeit habe leiten lassen. Niemand, so fuhr btc Premierminister fort, kann die Notwendigkeit vermehrter Flottenausgaben mehr beklagen als ich; abe!r da ist ein anderer sehr wichtiger Grund den Dillon hervorgehoben, und der, wie ich gleich ihm meine, Anlaß zu tiefem Bedauern ist, nämlich, daß die Vermehrung unserer Flottenausgaben mit der Idee verknüpft worden ist, als wären wir in irgendeinem Sinne feindselig gegen die befreundete deutsche Nation, oder als hegten wir irgend welche feindselige Absichten gegen sie. Nichts ist von der Wahrheit werter enfernt als das. (Beifall.) Ich bedaure lebhaft im Interesse der internationalen Freundschaft, daß es Dillon für angezeigt gehalten hat, aus Magazinen anonyme Artikel zu zitieren, um den Eindruck zu erwecken, als ob in einem oder anderen der beiden Länder, die sich zur Vermehrung der Flotten - ausgaben veranlaßt sehen, die feindselige oder aggressive Absicht gegen das andere im Spiele wäre. Nichts ist von der Wahrheit iDcitcr entfernt als das. (Beifall.) Ich kann mit vollkommenster Aufrichtigkeit sagen, daß unsere Beziehungen zu Deutschland vom herzlichsten Charakter getragen sind und ihn noch in diesem Augenblicke tragen. Ich glaube an eine von Jahr zu Jahr zunehmende Wärme und Innigkeit in diesen Beziehungen und begrüße es, wie es jedermann in diesem Hause tun muß, all die verschiedenen Bewegungen durch welche die beiden Völker mehr und mehr zu einem gegenseitigen Verständnis 'gelangen. Deutschland Hot seine eigene .Politik zu verfolgen und seine Interessen zu wahren. Es ist eine große Weltmacht und hat weit entfernte Kolonien, e.s sendet unabläßlich seine Söhne 1 und Töchter in die fernsten Weltteile, sein Handel wächst überall. Die deutschen Staatsmänner und das deutsche Volk glauben ehrlich, und haben ein Recht zu glauben, daß sie die Stellung als große Weltmacht nicht behaupten und den vielfachen beständig wachsenden Interessen in allen Weltteilen nicht ohne die Vergrößerung ihrer Flottenmacht verteidigen können. Die Regierung müsse auf das Schiffbouprogramm der Welt ein Auge behalten und jedes mögliche Risiko in ihrer Rechnung aufnehmen. Für die Steigerung der deutschen Leistungsfähigkeit komme nicht so sehr der Umfan# der Bauten, als die Geschwindigkeit ihrer Durchführung in Betracht. In diesem Augenblick seien in England zehn Dreadnoughts und in Deutschland fünf kriegsfertig. Vom Stapel gelaufen seien in Großbritannien sechs und in Deutschland fünf, dabei seien zwei britische Schiffe mitgerechnet, die int nächsten Monat vom Stapel gelassen würden. Auf den Werften lägen in England vier und in Deutschland drei. Nach Informationen der Regierung habe Deutschland vier weitere Dreadnoughts bestellt. Ende 19 12 werde Großbritannien scchszehn kriegsfertigeDreaditoughts haben, Deutschland . e t f. Im kritischen Monat April 1912 aber würde Deutschland 13 haben, England einschließlich der im vorigen Jahre bewilligten Kontingentschiffe 20. Im Frühjahr 1913, vielleicht schon Ende 1912, würden vier weitere deutsche Schiffe vorhanden sein, was den Gesamtbestand der deutschen Flotte an Dreadnoughts auf 17 bringen -würde. England werde unter Einrechnung der fünf Schiffe des Programms dieses Jahres im Frühjahr 1913 25 besitzen.
Der Premierminister fuhr jetzt fort: Ich freue mich, sagen zu können, daß daS Jahr 1911/12 das letzte unter diesem Gesetz ist, in welchem vier Schiffe gebaut werden sollen. Die Zahl sinkt in den folgenden Jahren auf zwei. Wenn es möglich wäre, durch eine Verständigung zwischen den beiden Ländern selbst jetzt । das Baumaß zu verringern, mürbe niemand mehr darüber erfreut fein, als die britische Regierung. Wie das Haus weiß, haben wir uns der deutschen Regierung in dieser Angelegenheit genähert, aber sie hat sich außer Stande gesehen, irgend etwas zu tun und sie -würde nichts tun, ohne den Akt des Parlaments, welcher das Flottengesetz widerruft: sie erklärt uns — ohne Zweifel vollständig der Wahrheit gemäß — daß fie nicht d i e Unterstützung der öffentlichen Meinung Deutschlands haben würde.
Derrtyches Reich.
Aus Balestrand wird gemeldet: Der Kaiser ist nach guter Fahrt am Donnerstag früh 8y2 Uhr in Balholrnen ein- getroffen.
Der König von Sachsen hat beit Staatssekretären Frhr. v Schoen und Dentburg aus Anlaß ihres Llusschewens aus ihren Aerntern das Großkreuz des Albrechtordens mit dem goldenen Stern verliehen.
Der Vertreter der „Kölnischen Zeitung" in Bukarest hatte mit Herrn v. Kid erl e n -W ä cht er eine Unterredung. Dieser erklärte die Nachricht von einer bevorstehenden Begegnung mit dem italienischen Minister des Aeußem für unbegründet. Es läge umsoweniger Anlaß zu einer solchen Begegnung vor, als bi San Giuliano erst vor kurzem sich mit dem Reichskanzler über die Politik ausgesprochen habe.
Zu ben gestern gemeldeten portugiesisch-chinesischen Kämpfen wird heute weiter gemcLbct; Das Feuer des von Maeao entfanbten Kanonenbootes vertrieb die Chinesen aus dem Fort Colowan. Das Kanonenboot brachte zwei Dschunken mit flüchtigen Chinesen rum Sinken; alle Chinesen ertranken. Auf der Rede von Macao wohnten sieben chinesische Kanonenboote den Kämpfen bei. Tvic chinesische Negierung postierte auf der Insel Wungkum bei Colowan 1M0 Soldaten, welche die Entwicklung der Dinge abwarten.
Nach amtlick>cn Nachrichttn aus Lissabons sandte der Gouverneur von Macao 200 Mann Infanterie und einige Geschütze zur Wiederherstellung der Ordnung nach per Insel Eolowan. Die;
Einstellung der Feindseligkeiten geschah am Donnerstag früh auf Bitten der eingeschlossenen Piraten.
Nach einer offiziellen Depesche aus Holländisch-Jndien ist im Bezirk Moro des Distritts Tapanoeli auf Sumatra eine Patrouille angegriffen worden. Ein europäischer Soldat wurde getötet, wahrscheinlich sind auch acht von ben ein- geborenen Solbaten gefallen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 15. Juli 1910.
Aus der Sitzung der Stadtverordneten.
Gestern versammelten sich unsere Stadtväter nach einer längeren Pause, die durch den Urlaub des Oberbürgermeisters hervorgerufen war, wieder zu einer Sitzung. Die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung war recht lang, aber tm allgemeinen umfaßte sie nur kleinere Gegenstände. Dennoch floß der Redestrom recht munter und namentlich in den Vielen gestellten Anfragen kamen verschiedentlich Gegenstände allgemein interessierender Art zur Sprache. Am meisten geht die Oeffentlichkeit wohl die leidige Bieh- t r a n s p o r t f r a g e an, die an manchen Tagen das Passieren der Bahnhofstraße und der West-Anlage geradezu lebensgefährlich macht. Leider bleibt zunächst alles beim alten, die Bahn verschanzt sich hinter den beauemen Ausweg „betriebstechnische Rücksichten" und so bunbt denn der unwürdige und gefährliche Mißstand weiter bestehen. Nach unserer unmaßgeblichen Meinung sollte es doch möglich sein, die Viehladerampe nach der Westseite des Bahnhofs zu verlegen, und da die Personengleise für den Personenzugverkehr hier in der Hauptsache nur zu ganz bestimmten Zeiten in Anspruch genommen sind, dürfte die Verzögerung in den Viehtransporten durch die Ueberführuna der Viehwagen in ben sonst verkehrsfreien Stunden auch von den Viehhändlern um so lieber in den Kauf genommen werden, wenn ihnen damit die Annehmlichkeit des Viehtreibens längs der elektrischen Bahn erspart würde. Hoffentlich trägt die jetzige Verhandlung dazu bei, daß die wichtige Angelegenheit nicht auch weiterhin nur dilatorisch und von der Bahnverwaltung nur unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen Interessen behandelt wird. Auch bei der Antwort auf die Frage des Stadtv. Grünewald, wie es mit der Erweiterung des Viadukts am Neustädter Tor stehe, konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, daß die Bahnverwaltuna ihre fiskalischen den Verkehrsinteressen voranstellt. Grundsätzlich steht sie nämlich auf dem Standpunkt, daß die Stadt sich erst zur Zahlung der gesamten Kosten verpflichten soll, ehe auch nur einmal an die Pläne der .'Aenderung gedacht werden soll. Also erst zahlen, wenn auch inzwischen vielleicht dadurch Menschenleben zugrunde gehen; das ist der „entgegenlommende" Standpunkt, den auch in dieser Frage wieder die Bahnverwaltung der Stadt Gießen entgegenbringt. — Aus den übrigen Verhandlungen sei noch hervorgehoben, daß beschlossen wurde, beim Verkauf städtischen Geländes in Zukunft den Agenten Provision zu bezahlen. Man erhofft davon einen besseren Absatz des städt. Baugeländes. — Auch die Frage der Errichtung eines Krematoriums wurde gestreift. Der Platz ist dafür auf dem neuen Friedhof schon vorgesehen und auch eine größere Stiftung — 30 000 Mk. — ist, allerdings noch nicht verbindlich, schon in Aussicht gestellt. — Schließlich wurde noch bestimmt, daß die Versammlung vom 5. August biä 22. September Ferien hält.
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Gedenkfeier für Laufach-Frohnhofen.
R. B. Darmstadt , 14. Juli. Der Geben ktag von Frohnhofen ist in diesem Jahre besonders feierlich begangen worden. Zur Einweihung des vorn Jnf.-Regt. Nr. 115 gewidmeten Denkmals hatten sich gestern 40 Offiziere und 80 Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments, sowie ncmt| Veteranen, die das Gefecht bei Frohnhofen selber mitgcmacht haben, mit der NegimentSkapelle nach dem Gefechtsfeld begeben ; außerdem nahmen die Offiziere beö1 Konigl. bayerischen Jägerbataillons Nr. 2 und Abordnungen von Oberjägern und Jägern teil. Nach erfolgter Aufstellung am Denkmal — die Musikkapelle batte sich nahe der historischen Kegelbahn postiert — wurde die Feier mit dem Niederländischen Dankgebet eingeleitet. Dann gedachte Oberst v. Etzel (Jnf.-Regt. Nr. 115) der gefallenen 25 Kämpfer des Regiments, deren Namen auch auf dem Denkmal angebracht find. Er widmete beit Gefallenen namens bes G r o ß h e r z o g s einen prächtigen Kranz unb schloß mit einem breifachen Hurra auf Großherzog Ernst Ludwig. Die Musik spielte die Landeshymne, worauf mehrere Kpänz-e niedergelegt wurden, fr. a. legte ein Bruder des hier als ersten gefallenen Feldwebels Jakobi von der Leibkompagttie ebenfalls einen Kranz nieder, ebenso Major Hannappert namens des 2. bayerischen Jägerbataillons. Hauptmann L e Gonllon vom 115. Infanterie-Regiment hielt bei der Kegelbahn einen Vortrag über die Beteiligung des Regiments am Gefecht bei Frohnhausen. Kurz vor 2 Uhr fuhren die Teilnehmer der 115er nach Aschaffenburg zurück und die Unter- offtziere und Mannschaften 'marschierten unter Vorantritt der Regimentskapelle nach ber Kaserne der Jäger, wo fie verpflegt wurden. Nach dem Essen wurde ihnen das Schloß und bas Pompejannm gezeigt. Die Offiziere bes Regiments unb bes Jäaerbataillons, sowie die Veteranen vereinigten sich zu einem einfachen Mittagmahl, bei dein der Regimentskommandeur ein dreifaches Hurra auf ben Kaiser, ben Großherzog von Hessen unb ben Prinzregenten von Bayern ausbrachte.
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* * Pfarrperfonalien. Der Großherzog hat dem Pfarrer Wilh. Fischer zu Nierstein die evang. Pfarrstelle zu Groß-Bieberau und dem Pfarrer Ernst Wagner zu Geinsheim die zweite evang. Pfarrstelle zu Bensheim übertragen.
* * Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Lehrer Wilh. Schmitt zu Haufen (Kr. Friedberg) eine Lehrerstelle an der Gememdeschule zu Sprendlingen (Kr. Offenbach), der Schulamtsaspirantin Anny Peters aus Parchim eine Lehrerinstelle an der höheren Bürger- (Mädchen-) Schule zu Alsfeld.
* * Ernennung. Nach dem „Neichsanzeiger" hat der Kaiser den Postrat Milk au in Darmstadt zum Ober-Post- direktor ernannt.
* * Für die 40jährige Gedenkfeier der Schlachten um Metz hat die Bereinigung zur Schmückung und fortdauernden Erhaltung der Kriegergräber und Dcnttträlcr eine itmsasseitde Festordnung auf- gestellt. Bei den vom 15. bis 18. August sich erstreckenden Gedächtnisfeiern auf den einzelnen Schlachtfeldern wird General-Feldmarschalt Graf v. Häseler Vorträge halten.
* * In ber nichtöfsentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde der Fluchtlinienplan für den großen Mühl w e g usw. festgesetzt.
* * Stadtv. Krum m über- das sozialdemokratische Programm. Im Saale des Cafe Ebel fand gestern eine in erster Linie für die Studenten der hiesigen Landesuniversität^gedachte Versammlung statt, die gut "besucht war. An Stelle des von dem engeren Senat der Landesuniversität bestraften Studenten M. Schmitt führte Rechtsanwalt Dr. Meuser^den Vorsitz. Er verlas ein an den Senat gerichtetes schreiben, in dem die Zweck-
mäßiakeit dieser Vorträge behauptet und der Senat zum Besuch und persönlicher Ueberzeugung gebeten wird. Dann wurde dem Stadtverordneten Krumm das Wort erteilt zu. seinem Vortrage: „lieber den prinzipiellen Teil des sozialdemokratischen Programms/' Da mit Herrn Krumm als sozialdemokratischem Kandidaten für die nächste Reichstags- ; Wahl zu rechnen ist, geben wir feine Ansichten wieder, die nichts Neues waren' und einer besonderen Widerlegung kaum bedürfen. An der Hartd ttmfangreichen statistischen $ Materials für das Königreich Preußen sowie fürs Groß- herzogtum .Hessen stellte er fest: In den letzten 25 Jahren geht die Zahl der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe stets zurück. Arbeiterschaft und landwirtschaftliches Beaufsich- tiaungspersonat ft eigen in der Zahl. Die kleinen industriellen Betriebe und das Kleinhandwerk werden erdrückt von den an Umf(ina und Zahl stetig wachsenden Groß- S betrieben. Die Zahl der in diesen Betrieben angestellten ' Beamten wächst. Die Frauenarbeit nimmt zu. Diese infolge der Anwendung des Dampfes und der Maschinen hervorgerufene Aenderung früherer Verhältnisse ist noch nicht auf ihrem Höhepunkt angetangt. Wer kann heute schon wissen, wer in etwa fünf, Jahren von dieser immer weiter drängenden Entwickelung weggefegt ist? Das Kapital sammelt sich in den Händen Weniger. Die Mehrheit des Volkes wird (immer Ar ehr zur besitzlosen, vorn Großkapital und Großunternehmertum abhängigen Klasse ausgebeutet. Wir leben in einem kapitalistischen Staate, in dem das Einkommen höchst ungleich und ungerecht verteilt ist. Das sozialdemokratische Programm, das stellenweise von dem Redner vorgelesen wurde, will eine gerechtere Verteilung derart, daß die kapitalistischen Produktionsmittel dahin abgeführt werden, wohin sie ihrer Bestimmung nach gehören, damit der Voltsorganismus wieder gesund werde, der zurzeit auf der einen Seite an Blutüberfüllung leidet und auf der anderen Seite an Bleichsucht zugrunde gehen muß. Dieses Staatsqe- bäude müsse mit Naturnotwendigkeit einmal in sich zu- sammenbrechen, denn ber übertoiegenb größte Teil des Volkes' 'habe kein Interesse für den Fortbestand eines solchen Staates, ber ihm feine sichere Existenz biete u. so wenig für sein körperliches u. geistiges 'Wohl tue. Er denke sich eine Bereinigung aller Betriebe zu großen Wirtschaftsgenossenschaften, au denen jeder schon den Platz erhalte, der ihm nach Intelligenz, Bildung und Brauchbarkeit zukomme und den Lohn, der ihm gebühre. Das brauche alles nicht mit Gewalt zu gehen, auch werde man das Gute und Sraudfbare des jetzigen Staates mit hinübernehmen. Er schloß mit der Aufforoe- rung, das sozialdemokratische Programm zu studieren. Bei ber Aussprache hatte sich nur ein Redner zum Wort gemeldet. Er vermißte die genaueren Angaben über ben sozialdemokratischen Zukunftsstaat. Darauf wurde >ihm die Antwort, das sei zunächst gleichgültig, mache sich auch ganz von selbst. Die als richtig erkannten Ideen aber würden sich durchringeu und dem sozialdemokralffchen Staate würde sicher ein noch besserer solgen. Für nächsten Mittwoch wurde noch Oberlehrer S tr e ck e r - Bad-Nauheim als Redner an- ; gemeldet und dann die Versammlung geschlossen.
** V o n ber Eisenbahn. Zur Beruhigung der Reisen- \ ben verfügte ber Eifenbahnminister von Breitenbach, baß in Fällen, wo ber Zug auf freier Strecke zu halten ge- ! zwungen ist, bas Zugpersonal den Reisenden in angemessener Weise die Ursache bes Aufenthalts mitzu- teilen hat.
** Wär enschwin b el. Gestern kam eine angebliche i Werkmeistersfrau in einen Laben unb kaufte für j 4 Mk. Waren. Auf ihre Bemerkung, sie hätte nicht genügend Geld bei sich, wurde ihr erklärt, daß nicht kreditiert würde. I Hierauf ersuchte sie, ben Hausburschen mitzusenden, dem sie i gegen Aushändigung der Waren das Geld geben würde. Anstatt dies auch zu tun, sagte sie dem Hausburschen, „er sei nur mit geschickt worden, damit er wisse, wo sie wohne." : Wiederholtes Ersuchen um Rückgabe der Waren oder lieber* sendung des Gegenwertes war erfolglos, so daß Anzeige erfolgen mußte.
r. Reis kir ch en, 13. Juli. Heute ging ein s ch w er es Gewitter, verbunden mit Hagelschlag, über unser Dorf nieder. Es hagelte etwa 15 Minuten, die Hagelkörner waren so groß wie Taubeneier und die Frucht hatte sehr zu leiben. 1 In ben benachbarten Dörfern hat es überhaupt nicht geregnet. Unser neues S ch u l h a u s wird in diesem Fahre im Rohbau fertig, es kommt im Laufe dieser Woche noch 1 unter Dach.
O San bad), 14. Juli. Für den im Marz gestorbenen Bürgermeister Jochem war heute Ersatzwahl nnberaumt. Gewählt wurde mit 215 Stimmen Kaufmann Rudolf Ritter, während sein Gegentandidat, Landwirt^ Pitz, 96 Stimmen erhielt. Die Zahl ber Wahlberechtigten betrug 392.
R. B. Da r m st a b t, 14 .Juli. In ber heute nachmittag abgehaltenen Sitzung ber Stadtverordneten wurde u. a. mitgeteilt, daß die am 12. Juni in Wiesbaden verstorbene Witwe Marie S ch m i d t ke, geb. Gilbert, der Stabt Darmstadt ein Legat von 3000 Mk. für Armenzwecke vermacht hat. Die Versammlung genehmigte ein vom Prinzen Otto z u S ch a u m b u r g - L i p p e eingereichtes Gesuch um Dispens für den Umbau seines hier an der Dieburger Straße jüngst erworbenen Palais. — Die vereinigten Bezirksvereine haben an die Bürgermeisterei das Ersuchen gerichtet, eine, elektrische Straßenbahn ins Martiusviertel zu erbauen. — Mit den von der Eisenbahndirektion Mainz gemachten Vorschlägen für das neue Straßeriviertel am Sitd- bahnhof erklärte sich die Versammlung einverstanden.
Darm stabt, 14. Juli. Die B ezirks gruppe Darmstadt des Hansabunbes hat beschlossen, bei den komm end en Stadtverordneten wählen mitzuwirken. Es sollen die hierfür in Frage töminenden Schritte gemeinsam mit ben einzelnen Wahlgruppen unternommen werden. Nachdem mehrere Sitzungen eines zu diesem Zwecke gebildeten Wahlausschusses stattgestlnden hatten, ist nunmehr in der am Montag abaehaltenen Sitzung, zu ber 34 den verschiedensten Erwerbsständen angehörende Herren eingeladen waren, beschlossen ivorden, die einzelnen Wahl- -i gruppen sofort von dem Entschluß der Ortsgruppe des Hansabunbes zu unterrichten. Es sollen die Vereine und Innungen, deren Interessen satzungsgemäß durch den .Hansa- • bunb mitvertreten werden, wie mich die vereinigten Be-H zirksvereine und politischen Parteien ersucht werden, bei der Auswahl und Aufstellung von Kandidaten für die kommenden St adtverorduet e n wah 1 en genieinsam mit der Ortsgruppe des Hansabunbes vorzugehen.
Herrnsheim, 14. Juli. Bei dem gestrigen Gewitter wurde die 16 Jahre alte Tochter des Landwirts Johann Kaltenthaler, die Feldarbeiten verrichtete, vom Blitz er- schlagen. Sie war auf der Stelle tot. Ihre um 2 Jahre jüngere Schwester, die sich 2 Schritte von ihr befand, blieb unverletzt.
[] Marburg, 14. Juli. Ein heftiges Ringen fand gestern früh am Lahnufer unterhalb der Stadt zwischen
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