Rr 1958
Der •ferner 2fo$dgct erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich KietzenerFamilienblätter; zweimal wöchentl.Xreis- blatt für den Ureis Gießen (Dienstag und Freitag); «veimal monatl. Land- >irtschafttiche Zeitfrageu iZernsprech - AnsckKüffe: für die Redaktion 112, Verlag u. Exvedition £>1 Adresse für Depeschen
Anzeiger Stießen.
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«rsttS Blatt 160. Jahrgaag
DoimrrStag 18. August 1919
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“ fw Ak ' V monatlich 75Pf., viertel-
Gietzemr Anzeiger
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Eeneral-Anzeiger für Sberhessen ZW
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Vie Zleischversorgung veutschlMds und Gesterreich-Ungarns.
Der Getreideexport Oesterreich-Ungarns ist gegen früher stark zuruckgegangen; bald wird die Produktion von Brotgetreide kaum mehr für den einheimischen Bedarf ausreichen, und Oesterreich-Ungarn verwandelt sich demgemäß allmählich aus einem Getreide ausführenden in ein Getreide einführendes Land. Aehnlich scheinen sich die Ver- bältnisse hinsichtlich der Schlachtviehproduktion Oesterreich-Ungarns gestalten zu wollen. Veranlaßt durch die hohen Fleischpreise, verlangt man jetzt innerhalb Oesterreich, besonders in Wien, sogar ein Verbot der Ausfuhr von Schlachtvieh. Wäre der Fleischkonsum auf den Kops der Bevölkerung in Oesterreich-Ungarn ebenso groß als in Deutschland, dann hätte ein solches Ausfuhrverbot schon längst erlassen werden nrüssen. Denn der Viehbestand ist in Oesterreich-Ungarw im Verhältnis zur Bevölkerung int ganzen geringer als int Deutschen Reich. Auf den Kopf kommen nämlich
im in
Deutschen Reich Oesterreich-Ungarn
Rindvieh .... 0,322 0,315 Stück
Schweine.... 0,346 0,190 „
Schafe..... 0,120 0,200 „
Ziegen..... 0,055 0,026
Die Kopsguote Oesterreich-Ungarns übertrifft hiernach nur bei Schafvieh diejenige Deutschlands. Bei Rindvieh und besonders bei Schweinen bleibt sie- dagegen hinter dieser zurück. Geflügel und Wild bilden diesem Unterschied gegenüber nur einen geringen Ausgleich. Angesichts des geringen Schweinebestandes der österreich-ungarischen Monarchie ist es sehr erklärlich, warum Oesterreich-Ungarn von dem ihm durch den letzten Handelsvertrag gewährten Kontingent für die Schweine-Einfuhr nach Deutschland bisher keinen Gebrauch gemacht hat. Ar Deutschland kommen auf den Kopf fast doppelt 'soviel Schweine als in Oesterreich-Ungarn. Dagegen war unsere Rindvieh- Einfuhr aus Oesterreich-Ungarn bDher recht bedeutend, und ein Ausfuhrverbot Oesterreich-Ungarns — das aber den Bestimmungen des Handelsvertrags gegenüber sich kaum rechtfertigen ließe — würde in Deutschland, besonders in Bayern, Sachsen, Schlesien, sehr fühlbar werden. In den . wei Jahren 1908 und 1909 zusammen haben wir u. a. nus Oesterreich-Ungarn 87 000 Stück Ochsen int Wert von 58 Millionen Mart, 31000 Stück Kühe im Werte von annähernd 12 Millionen .Mark und 46 500 Stück Jungvieh int Werte von 11—12 Millionen Mark erhalten, außerdem für iy2 Millionen Mark Rindfleisch und für 28 Millionen Mark Federvieh. Früher war diese Einfuhr größer, und besonders in den achtziger Jahren kamen auch sehr viele Schweine aus Oesterreich-Ungarn zur Einfuhr. Hat bisher die Einfuhr von Schlachtvieh nnd Fleisch aus Oesterreich- Ungarn schon nachgelassen, so dürfte fie sich in Zukunft noch weiter vermindern, und Oesterreich-Ungarn wird schließlich an der vertragsmäßigen Herabsetzung unserer Vieh- und Fleischzölle nur noch wenig Interesse haben, wie
es schon jetzt an der Ermäßigung unserer Brotgetreidezölle kein Interesse mehr hat. Dieses Verhältnis wird sich fteilich ändern, wenn nach Ablauf der gegenwärtigen Handelsvertragsperiode Oesterreich und Ungarn sich wirtschaftlich trennen würden und Ungarn zu einem selbständigen Zollgebiet sich entwickelte.
Reformen im hessischen Schulwesen.
Aus Darmstadt wird uns über zeitgemäße, sehr zu begrüßende Reformen int hessischen Schulwesen geschrieben :
Für das Unterrichts wesen in Hessen steht in nächster Zeit eine anderweite Regelung verschiedener wichtiger Fragen auf dem Gebiet des Volksschulunter- richts bevor. Es wird zunächst gelten, das Verhältnis zwrschen KircheundSchule neuzuregeln, wobei in erster Linie die Frage des Vorsitzes im Schulvorstand und die anderweite Regelung des Organistendienstes in Betracht kommen. Bekanntlich ist schon vielfach von evangelischen Geistlichen an die Behörde das Ersuchen gerichtet worden, sie vom Vorsitz int Schulvorstand zu entbinden, da dieses Amt für beide Teile, Geistliche ioie Lehrer, schon häufig zu mißlichen Lagen geführt hat. Bezüglich des Organistendienstes hat das Großh. Ober- konsistorium eine Verordnung erlassen, die in den interessierten Kreisen zumeist nicht gebilligt wird; eine endgültige Verständigung darüber im Sinne der Lehrer kann auf die Dauer nicht umgangen werden. Auch das Seminarwesen und der Studienplan der Lehrerseminare bedarf einer Neuordnung, wobei auch besonders die Frage zur Entscheidung kommen muß, ob es möglich und namentlich auch praktisch sein wird, die Seminarien mit den Präparandenanstalten zusammenzulegen, was in den Kreisen der Lehrer aus verschiedenen sachlichen Gründen sehr gewünscht wird. Einen weiteren wichtigen Punkt im hessischen Unterrichtswesen bildet dann die Umgestaltung des Lehrplans der höheren Mädchenschulen, der im Hinblick auf die vielfach veränderten Anforderungen des praktischen Lebens eine durchgreifende zweckmäßige Verteilung des Lehrstoffes erfordert.
Zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit gehört auch die anderweite Regelung des Religionsunterrichts, für dcreck Vorbereitung 'auch das Obertonsistorium bereits unter dem Vorsitz seines Präsidenten D. Nebel einen umfangreichen Ausschuß niedergesetzt hat. Natürlich sind bei dieser Neuregelung in erster Linie auch die hessischen Lehrer interessiert, wie die in den Bezirks verein en oes Hessischen Landeslehrervereins darüber gefaßten Beschlüsse beweisen. Wenn auch die Berichte der Bezirksvereine noch nicht vollständig vorliegen, so ist doch jetzt schon die Tatsache festzustellen, daß die Lehrer an dem Religionsunterricht in der Volksschule im vollen Maße festgehalten wissen wollen, dabei aber eine zeitgemäße Reform dieses Unterrichtszweiges für dringend erwünscht halten. Zur Steigerung des Erfolges beim Religionsunterricht wird von den Vereinen zumeist eine wesentliche Beschränkung oder Vermin
derung des Stoffes verlangt, besonders auch, um füch die wichtigeren .Gebiete des Religionsunterrichtes mehr Zeids zu gewinnen. Hier wird die Hauptsache die Heraus--' labe einer neu geordneten biblischen Ge- ch i ch t e sein müssen, mit der z. Z. auch der erwähnte Anschuß befaßt ist. Den Mittelpunkt des Unterrtchts soll! )as Leben und die Lehre Jesu bilden. Der Katechismus- unterricht soll eine einfache Darstellung des religiös-sitt-i lichen Lebens bieten und int allgemeinen wünscht man, daß sich der Religionsunterricht weniger als seither an den Verstand und das Gedächtnis der Schüler wenden soll; vor allem müsse auf die Erweckung des religiösen Lebens Bedacht genommen werden.
Der gesamte Religionsunterricht soll nach der Forderung der Lehrerbezirksvereine nur nach pädagogischen Grundsätzen gestaltet und die Aufstellung des Lehrplans und die Beaufsichtigung des Unterrichts lediglich Sache der Schulbehörden sein. Für die Lehrerseminare wird gleichfalls eine Umgestaltung des Religionsunterrichts in den;
Der Raiser im Taunus.
Cronberg, 17. Aug. Dec Kaiser ging heute früh mit Herrn v. Plessen und seinen Schwestern im Park zu Friedrichshof spazieren, besuchte dann das Osfiziersheim TaunuS in Falken st ein und den Bankier Karl v. Grunelius auf seiner hiesigen Villa. Zur Frühstückstafel sind geladen: die Professoren Dr. Spieß und Rehm aus Frankfurt a. M., Frau Baronin v. Reischach, Bürgermeister Pitsch und die Offiziere der Wache.
Homburg v. d. H., 17. Aug. Der Kaiser fuhr kurz vor 3 Uhr von Schloß Friedrichshof mit der Kronprinzessin von Griechenland und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen nebst Gefolge zur Saal bürg und besichtigte dort unter der Führung von Landesbau-Jnspektor Jacobi die neuen Funde von den KasteÜs Saalburg, Zugmantel und vom Herzberg. Er fuhr dann nach dem Bahnhof Homburg, wo er unter Führung von Oberbürgermeister Lübke die Modelle zu dem Kaiserin-Auguste-Viktoria-Brunnen und zu der Luftschiffersäule, welche beide für Homburg' bestimmt sind, in Augenschein nahm; dann besah sich der Kaiser noch die Superporte über der Eingangstür des Fürstenpavillons. — Um 4 Uhr 10 Min. reiste der Kaiser im Sonderzug nach Wilhelm shöhe ab.
Berlin, 17. Aug. Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg und Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter sind heute mittag nach Wilhelmshöhe abgereist.
WilhelmShöhe, 17. Aug. Der Kaiser ist heut abend um 7 Uhr 50 Min. hier eingetroffen. Reichskanzle von Bethmann-Hollweg und der Staatssekretär de§ Auswärtigen Amtes v. Kiderlen-Wächter sind gleichfalls hier angekommeü.
Fachkreisen für erforderlich erachtet
Vie Yber bei Gravelotte ((8. August M0).
Erinnerungen eineß alten 116 ers.
Die folgenden Zeilen sind die unter dem frischen Eindruck des Kampfes niedergeschriebenen Erlebnisse eines Veteranen, der an seinen Aufzeichnungen nichts ändern und nichts bessert! wollte, um ihnen den Reiz der unmittelbaren Anschaulichkeit zu erhalten. Auch wir haben nur einige unwesentliche Aenderwngen vorgenommen.
Die Schriftltg.
In meiner Erdmulde, die ich am Wend ausgegraben hatte, schlief es sich etwas hart und feucht, sonst aber recht gut und nach einer so überftanbenen Nacht schmeckt der Frühkaffee, sollte er auch gleich unserem auf den kahlen Feldern bei Gorze, aus zweifelhaftem Wasser bereitet, vor Sonnenaufgang im Frühnebel serviert werden. Das Kaffeegeschirr, d. h. der Deckel des Feldkessels, war wieder auf den Mantel geschnallt (die Tornister waren am 16. August abgelegt worden, kamen erst am 19. oder 20. wieder zu uns), sein Herr saß entweder sinnend auf dem Mantel oder suchte in irgend einer Ecke noch ein kleines Morgenschläfchen zu improvisieren. Bald wird aufgebrochen.
Langsam entwickelt sich das Regiment in Linie und fort über die öden Felder zieht die Division. Manchmal tönt vorn der Rus: „Achtung Granate!" Alles weicht sorgfältig den noch vom 16. her unkrepiert hier am Boden liegenden Geschossen aus, oder die Mannschaften machen einen kleinen Bogen um einen gefallenen Kameraden. Es liegen ihrer noch so viele unbeerdigt umher, zu viele sind beim Kampf um Vionville gefallen, um sie an einem Tage beerdigen zu können.
Die Zeichen der Schlacht von Mars-la-Tour mehrten sich; erst waren es rote Husaren, die den Boden bedeckten, dann tarnen einzelne verlassene französische Lager, Beile und Kochgeschirre lagen zwischen den toten Nochen, dort stand die Gamelle noch mit dem kleingeschlagenen Biskuit; zum Ausguß der Suppe war es nicht gekommen und in der Manille auf dem Feldherd steckte noch ein ganzer Schinken. Trotz des Hungers rührten unsere Leute nichts von all den Sachen an, es war die Scheu vor den Leichen, die dabei lagen, als aber ein Soldat einen Sack ausschüttete, dessen Inhalt sich als weißer französischer Zwieback erwies, da fiel alles aus den Reihen heraus darüber her, um sich den Brotbeutel voll zu stopfen.
Noch an den erbeuteten Biskuits kauend und knackend, zog die 5. Kompagnie weiter, bis sich in einem flachen Tälchen ein Anblick bot, der manchem den Brotbrocken int Halse stecken ließ.
Hier mußten bei dem berühmten Reiterangriff der Brigade Bredow die französischen Kürassiere auf die unsrigen gestoßen sein, denn auf dem grünen Wiesengrund zwischen toten, starken Gäulen lagen riesige, kräftige Gestalten in blankem Stahl- panzer durcheinailder, unsere Reiter im weißen Waffenrock, die Franzosen in den blauen Fräcken und Helm mit Roßschweif, zwischen den vielen toten Reitern steckten die mächtigen Pallasche in der Erde wie Grabfteuze auf einem Friedhos.
Sonst war es ruhig *unb still hier, die Sonne funkelte in den blanken Paukern, den Helmen und den langen Klingen.
Ruhig und schweigend marschierten wir durch die Leichen der tapferen Gefallenen weiter.
Wieder war eine Geländewelle erstiegen, da zeigten sich die charakteristischen und für den, der sie einmal gesehen hat, unvergeßlichen Rauchwölkchen am blauen Himmel ab, und wo sich eines entfaltete, folgte auch bald darauf ein Knall: das Schrapnell war geplatzt. Jetzt war kein Zweifel mehr, es ging wieder los.
Immer munterer flogen die Rauchwölkchen über uns, immer häufiger ertönte der Knall der Geschosse. Die Nähe des Feindes, die Aussicht auf ein Gefecht wirkte, hie und da meldete sich ein Mann zum Austreten; wurde ihm die Erlaubnis gewährt, so blieb ein Unteroffizier mit ihm zurück, üm ihn sofort nachzubringen.
Vor uns verbarg ein Wald die feindliche Stellung sowie jede Aussicht überhaupt; hier wurde Halt gemacht, das 1. Bat. schwenkte mit den Jägern rechts ab, wir nahmen Angriffsstellung. Vom die 8. Kompagnie, dann die 6. und 7., hinten die 5. Komp. Vor uns feuerte unsere Artillerie heftig, rechts neben uns hielt Prinz Ludwig, unser verehrter Divisions-Kommandeur, mit dem Stab und einer Eskadron vom 1. Reiter-Regiment.
Unser Brigadier Wittich ritt wie ein Blitz überall umher. Waren bisher einzelne Granaten herüber geflogen, so entwickelte sich jetzt ein wahres Brillantfeuerwerk von Granaten und Schrapnells, die vorläufig noch meist harmlos in der Luft verpufften Doch ehe die rechts abmarschierenden Jäger im Walde verschwanden, riß eine Granate einen Stabsoffizier vom Pferd; auch bei uns kamen sie immer häufiger und dichter. Die Bedeckung des Divisionsstabes machte stets eine hoffähige Verbeugung, wenn ein französischer Eisengruß über sie weg zischte; Prinz Ludwig jedoch hielt stramm und ruhig, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht, in der Mitte.
Die Herren Franzosen hatten sich allgemach besser eingeschossen, immer mehr schlugen die Gr. ten in die Batterie vor uns; eine Rauch- und Staubwolke hüllt das ganze Geschütz ein, ein Feuerstrahl schießt in die Höhe, Erdschollen, Steine und Fetzen fliegen in dem grauweißen Dunst umher, von der Bedienungsmannschaft fallen einige zur Erde, und einer kriecht mit furchtbarer Hast am Boden weiter, um aus dem Bereich der Spreng- stücke wegzukommen.
Ein Teil der auf der Erde liegenden Kanoniere erhebt sich wieder, blickt sich verwundert um, rückt den HelmGurecht, wischt mit dem Aermel Staub und Erde aus dem' Gesicht und geht wieder an das Geschütz. Der Schuß hat ihnen nicht geschadet; einen mitleidigen Blick gönnt wohl noch jeder dem Kameraden, der so rasch auf allen Vieren aus dem Dampf der springenden Granate kroch, er richtet sich noch einmal jäh in die Höhe, die Hände fahren nach der linken Seite, dann fällt schwer der Kopf hintenüber und in einer Blutlache liegt ein braver Toter; das Sprengstück hat ihm die ganze Seite aufgerissen.
Doch die Artillerie trifft das Schicksal nicht allein, immer dichter um und in das Viereck, das vier Kompagnien bilden, fallen die Geschosse; in die 7. Komp, hat bereits eine Granada eingeschlagen. Dort am Waldrand sprengt Oberst v. Wittich, da zischt es durch die Lust, und Mann und Roß verschwinden im Feuer und Dampf der springenden Bombe; daß er vom Pferde gleitet, kann ich noch deutlich erkennen. „Er ist gefallen," rufe ich unserem Hauptmann zu, „Ruhig," ist seine gan-e Alttwort,
Rasch, wie er zur Höhe gefahren, ist der Rauch verschwunden: es zeigt sich der alte Oberst unverwundet, nur fein Pferd, von dem er sofort abgesprungen, hat einen Schuß erhalten. Da fallen wieder ein paar Geschosse in die 6. Komp.; aus der 8. steigt auch eine Rauchsäule auf. In unheimlicher Bewegung wälzen sich und kriechen ein paar Körper hinter die Front: schon wieder schlägt eine Granate in die vorderste Kompagnie sie wechselt, um dem Feuer zu entgehen, ihren Platz —, wo sie gestanden, dampfen einige schwarze Höhlungen im Boden> daneben liegen einige tote Soldaten. Hinter mir waren auch in unserer Kompagnie einzelne Leute durch Sprengstücke verwundet worden. Zu dem Sausen der großen Geschosse kam nun; noch das feine Zischen der .Chassepotkugeln — man schlug sich im Walde.
Endlich hieß es: „Auf, das Gewehr über, ohne Tritt, marsch!" So ging es Gott sei Dank vorwärts, denn es ist keineswegs angenehm, von einem unsichtbaren Feind in der freigebigsten! Weise mit Granaten beworfen zu werden, ohne dafür feinen Dank abstatten zu können. Auf gleicher Höhe mit der Artillerie, etwa staute sich der Marsch, wir (die 5. Komp.) kamen direkt? an eine Waldecke zu stehen; das war ein netter Platz. Wie in, einem Kirschbaum voll Spatzen, so zwitscherten und raschelten- hier die Kugeln durch die Aeste; es ist fast buchstäblich zu nehmen, wenn ich sage, die Sträucher an der Waldspitze hatten fast kein grünes Laub mehr, die Blätter waren durchlöchert ober von den Kugeln abgeschlagen. Das Gewehr auf der rechten Schulter^ die Hand am Kolbenhals, trampelte ich am rechten Flügel des Zuges, ich wollte fort, weg von dem unheimlich pfeifenden Waldeck, vorwärts, an die Franzosen. Hier brach hinter mir mein Flügelmann im -weiten Glied lautlos zusammen^
Endlich hieß es: „Los, vorwärts!" Mit einem mächtigen Satz! war ich weg und stand vor einem sehr tiefen, noch frischen Bahneinschnitt; ohne Besinnen sprang ich den steilen Abhang hinunter und dachte noch flüchtig, wie wird wohl unser schwerer Kompagniechef mit seinen Sporen hinunter kommen? Allein, zu langem Nachdenken war keine Zeit; denn hatten die Kugeln schon oben unheimlich gepfiffen, so sausten sie verdoppelt auf der Sohle der Bahn, aber einerlei, vorwärts! Der Anlauf herunter half auf der anderen Seite hinauf. Der Kolben wird noch einmal aufgestemmt und hurra, oben sind wir; da klettern anders auch schon am Rand herauf, ja, vor mir im Feld laufen schon einzelne Musketiere, nur von den Franzosen noch immer keine Spur und doch schießt es heidenmäßig. Also vorwärts, aber da steht ein Drahtzaun im Weg, mit kräftigem Ruck wird ein Pfosten des Zaunes aus der Erde gerissen und ein gutes Stück des Hemmnisses liegt am Boden. Weiter geht es im Laufschritt bat Abhang hinunter durch einen Kleeacker. Vor, hinter und neben mir taufen und stolpern die Kameraden. Von Kompagnie ist keine Rede mehr, alles stürzt durcheiander; der Uebergaiig übet den Bahneinschnitt hat alle Ordnung gelöst.
In der wie eine Herde durcheinander eilenden Menge taucht nun, hier und da den Säbel schwingend, ein Offizier auf Und. in all das Hurrageschrei zischen und pfeifen die Kugeln und brüllt' das schwere Geschütz, begleitet von dem dumpfen Knall der springenden Granaten. Hier fiel mein treuer, lieber Jugend^ freuitb, der Leutnant Georg Gail. Wir mußtar vorwärts, den Hang völlig hinab über ans .kleine


