Ausgabe 
16.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. »17 Zweites Blatt

160. Jahrgang

Freitag 16. September 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme de§ Sonntags.

DieSiebener KamiUenblStter" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für bat Kreis Gieße«" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberhefien

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts - Brich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: d^A112. Tel.-Ad ruAnzeigerGießen.

politische Lagesschart.

Unangenehme Ueberraschuugen im Polenlager.

AuS der Metropole der großpolnischen Bewegung, Posen, meldet derWiarus Polsri" -seltsame Enthüllungen. Der Sekretär des polnischen Zentral-Wahl- komitees fürDeutschland, des polnischen Nationnl- verbandes, der Strasch-Zentrale, Leiter und Berater ver­schiedener anderer großpotnischer Agitationsinstrtute, Dr. Daddäus Jaworski, der «aus Mitteln der großpol­nischen Propaganda ein Jahreseinkommen von 6000 Mk. betzog, wird der Unterschlagung und Veruntreu­ung nationaler Gelder berichtigt. Das Bochumer Polenblatt meldet, daß Dr. Jaworski für die verschiedensten polnischnationalen Zwecke reichliche Sammlungen veran­staltete, aber auffallend wenig davon an die eingesetzten Kassierer ablieferte. Ms schließlich alle Mittel erschöpft waren, ein polnisches Institut nach dem anderen fiel, war einer der Nationalgenossen soschlecht erzogen", von Dr. Jaworski eine Abrechnung über die zur Begehung einer Gedenkfeier für den Didier Slowacki veranstaltete Samm­lung KU fordern Dies^yatte ein verblüffendes Ergebnis. Dr. Jaworski mußte in einer von ihm unterzeichneten Er­klärung Kugeben, daß die Revisorenloyal, unparteiisch und Mit aller Rücksicht" ihres Amtes gewaltet haben, dennoch aber der Betrag von 1040 Mk. in der Kasse gefehlt habe. Trotz dieses Vorkommnisses behielt Dr. Jaworski seine gut bezahlten Ehrenämter weiter, war Vermittler in Ehren­sachen und hätte bald wieder -allgemeines Vertrauen ge­nossen, wenn nicht wieder ein Genosse so unhöflich ge­wesen wäre, den Ausschluß Dr. Jaworskis aus einem Ver­ein tzu fordern. Es trat ein Ehrengericht zusammen, dessen Urteil dahin lautete, daß Jaworski die Qualifikation zur Bekleidung von Ehrenämtern abgesprochen werden müsse. Damit kam der Stein ins Rollen, und der Wiarus Polski" meldet weiter, daß sick) Dr. Jaworski auch an Geldern, welche für den Bauern DrKymalla von der pol­nischen Gemeinschaft gesammelt worden tvaren, vergriffen und inraffinierter Weise" zu bereichern versucht habe. Freunde und Verwandte halfen ihm schließlich, den Slo­wacki- und DtHYnrallu-Fonds ccuszuzahlen, aber er zahlte nur soviel, als er wollte, denn Bücher hatte er nicht ge­führt, so daß sich die Höhe der Sammmngen überhaupt nicht festftellen läßt.

*

Die Bedeutnug des englischen Thronwechsels.

Im MünchenerMürz", der lesenswerten Halbmonats­schrift, die in München im Verlage von Albert Langen er­scheint, äußert sich der angesehene englische Politiker H. Perris über die Bedeutung des Thronwech­sels und die damit verbundenen Personalveränderungen im diplomatischen Dienst für die auswärtige Politik Eng­lands und bespricht dabei das Verhältnis zwischen Eng­land und Deutschland. Die Aufme-ryamkeit der englischen Politik richtet sich jetzt, nachdem die Gefahr einer Panik überwunden, wieder auf Heimats- und Reichsprobleme:

Me Wege der inneren Politik sind ja noch ungeklärt. Wenn Über die Frage des Oberhauses eine Verständigung erreicht wird, so wird die gegenwärtige Regierung wohl einige Jahre am Ruder bleiben, wenn nicht, werden wir wohl ein kurzes Zwischenspiel des Torysmns erleben, das wegen der Knappheit seiner Majorität wirkungslos bleibt. In jedem Fall wird die englische Politik, bis das Kapital des anglo-deutschen Haders abgeschlossen werden kann, ihre derzeitigen Richtlinien verfolgen. König Georg ist keine sehr bedeutende Persönlichkeit. Er hat

wenig Erfahrung in kontinentalen Fragen und wenig Interesse daran: aber er hat ein gutes Stück von den Kolonien gesehen und ist ein typischer M arineoffizier. Die periodische Konferenz der Premierminister des Reiches wird nächsten Sommer in London stattfinden, und sie wird die Aufmerksamkeit auf den Fortschritt in den vier Dominions und ihre Erfahrungen mit der Demokratie lenken. Ueberdies wird das schwierige Problem, die dreihundert Millionen Indier, zu regieren, manchem zu denken geben, der sich bis jetzt mit einer Politik des Fahnenschwenkens und Redepatriotismus nach Königsberger Art zufrieden gab. Der Osten ist in Bewegung, und ihre Auswüchse, die sich in Drohungen mit Bombenwerfen und Aufruhr äußern und wegen ihrer schreck­lichen Außenseite das meiste Aufsehen en egen, sind wahrscheinlich von geringerer Bedeutung als die religiösen und wirtschaftlichen Probleme, die damit zur Lösung aufgegeben werden.

l)aupiverfammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege.

4 Elberf eld, 15. September.

Der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege, dessen Mitglieder Vertreter staatlicher und städtischer Behörden, ge­meinnützigen Vereinigungen und verschiedener Jnteressenverbände neben Hygienikern, Aerzten und Technikern sind, hält gegen­wärtig im hiesigen Kaisersaale die dreitägigen Beratungen seiner diesjährigen Hauptversammlung ab. Den Vorsitz führt Ober­bürgermeister Dr. v. Borscht (München).

Die Versammlung beschäftigte sich an erster Stelle mit der Frage der Errichtung einfacher Krankenhäuser zur Aufnahme von Leicht- und Chronisch-Kranken. Professor Gro­ber (Essen) legte dazu folgende Leitsätze vor:

1. Die natürlicherweise gestiegenen Kosten der Errich­tung und des Betriebes von allgemeinen Krankenanstalten und ihre mögliche weitere Steigerung weisen auf die Notwendigkeit hin, sie von denjenigen Kranken zu entlasten, die die kost­spieligen Einrichtungen derselben nicht nötig haben. Dies sind vorwiegend Leichtkranke bestimmter Art, namentlich Genesende und chronisch Kranke, Sieche, für die besonders einfachere An­stalten errichtet werden können.

2. Neben vielen Gründen für die Errichtung solcher An­stalten sprechen eine Reihe gewichtiger Gründe dagegen: die schwierige -Leitung größerer Mengen halbgesunder und länger kranker Individuen, die Gefahr der psychischen Uebertragnng von Krankheitssymptomen bei nervösen Menschen, die mögliche Verlänberung des Krankheitsaufenthaltes durch die Aufnahme in zwei Anstalten, die sozial vielfach traurigen Zustande der Siechenanstalten.

ö. Die bisher bestehenden Anstalten dieser Art, die in ver­miedenen Ländern sehr verschieden sind, genügen namentlich deshalb den an sie gestellten Ansprüchen nicht, well sie sich zum Teil in nicht mehr hygienisch einwandfreiem Zustande befinden; außerdem wird ihre zweckmäßige Benutzung dadurch erschwert, daß sie sich in verschiedenen Händen befinden. Ein­heitlichkeit der Oberleitung des gesamten Krankenhauswesens der Kommune oder einer staatlichen Einheit durch einen hierzu geeigneten Arzt ist dringend wünschenswert.

4. Bei der Errichtung einfacher Krankenanstalten für Leicht- und Chronisch-Kranke ist es Aufgabe des Arztes, an­zugeben, welche Einrichtungen und hygienischen Vorschriften für diese Kranke notwendig, welche entbehrlich sind. Danach werden Architekt und Verwaltung sich richten.

5. Die Frage, ob derartige Anstalten sich räumlich an vorhandene oder zu erbauende Krankenanstalten anschließen, oder ob sie entfernt von denselben und außerhalb der Groß­städte auf dem Lande errichtet werden sollen, muß nach ört­lichen Verhältnissen entschieden werden. Bei größerem Betten­bedarf ist das letztere Verfahren vorzuziehen; dazu schließen sich vorteilhaft mehrere besonders kleinere Kommunen genossenschaftlich zusammen.

6. Die notwendigen Bauten sollen einfach, dauerhaft, ge­eignet zu dauernder Sauberhaltung hergestellt werden, bei den

(Quer durch 5pitzbergen.'> n.

Unsere beiden Zelte waren für je drei Mann berechnet. Es waren die gleichen, wie sie Shackleton auf Grund seiner Erfah­rungen in der Antarktis empfohlen hatte, in Form einer Pyra­mide, die von fünf Bambusstäben gehalten wurde, über die der Stofs, dünner aber festgewebter Willesdon-Canvas, gelegt war. Als Eingang diente ein etwa dreiviertel Meter langer Schlauch an einer Seitenwand, gerade groß genug, um einen Mann hmein- kriechen zu lassen. Beim Ausschlagen des Zeltes, was in wenigen Minuten geschehen war, wurde das Zelttuch natürlich immer so übergeworfen, daß dieser Schlauch nach der dem Winde abge- wandteu Selle zu liegen kam. Als Unterlage im Zell diente ein kreisrunder Bodenbelag aus dickerem Segeltuchstoff, der vor allem die Schlafsäcke gegen Nässe schützen sollte. Wir hatten solche für je rine Person gewählt, da wir übermäßig große Kälte nicht ßu befürchten hatten und somit nicht auf gegenseitige Unter­stützung in bezug aufanimalische Wärme" angewiesen waren, wie anscheinend Nansen, der bei seiner (schon erwähnten) Grön- landdurchauerung seinen Schlaffack mit noch vier Kameraden teilte! Bei der Auswahl der Kleidung hatten wir gänzlich auf Pelze verzichtet, wie wir auch auf der Hauptexpedllion in die Antarktis keinerlei Pelzwerk verwenden werden. Für Spitzbergen mit seinen relativ hohen Temperaturen ( 4 Grad C. war unsere größte Kälte) war übermäßig dicke Kleidung sowieso überflüssig: aber auch schon not Rücksicht auf die Erprobung für die Antarktis batten wir Lodenanzüge mit Jägerscher Wollunterkleidung gewählt, die besonders Shackleton als völlig ausreichend (und sehr praktisch) empfiehlt. Natürlich waren wir schließlich noch mit den sonst notwendigen praktischen Ausrüftungsgegenständen für Eis und Berg, sowie mit guten Schußwaffen versehen. Unser Proviant war in Holzkisten von besonoers leichter, trotzdem aber wider­standsfähiger Bauart verpackt.

Die Auswahl der Mitglieder hatte sich ebenfalls natb zwei Hauptgesichtspunkten zu richten. Die für die Hauptexpedllion in Aussicht genommenen Herren sollten Erfahrungen über die eigene körperliche Dnpassungs- und Leistungsfähigkeit, über Aus- rüftung, Instrumentarium nsw. unter polaren Verhältnissen sam­meln; die übrigen Tarnen als Teilnehmer mit entweder auf Grund ihrer fachlichen oder ihrer sportlich-touristischen Befähigung. Leiter der Expedition war 1. Wilhelm Filchner, Oberleut­nant im k. bayr. 1. Jnf.-Regiment, kommandiert zum großen Generalstabe in Berlin. Außer der Führung hatte er die Karto­graphie als besonderes Arbeitsfeld. 2. Dr. Erich Barkow vom kgl. preuß. meteorologischen Institut irt Potsdam, Meteoro­loge und Luftelektriker. 3. Dr. Hans Philipp, Privatdozent für Geologie und Mineralogie in Greifswald, Geologe. 4. Dr. Carl Potpeschnigg -Graz, Arzt, hervorragender Mpinist. 5. Dr. Erich Przybyllok, Assistent am kgl. geodätischen In­stitut in Potsdam, Astronom und Erdmagnetiker. 6. Dr. Heinrich Seelheim -Berlin, Geograph.

Unsere Ausrüstung für wissenschaftliche Arbeiten war einfach und leicht, aber doch möglichst hinreichend zusammengestelll. Ver-

*) Vergleiche Nr. 2.13 .des. Gieß. An^

vollständigt wurde die Ausrüstung durch eine Anzahl photo­graphischer Apparate für die verschiedensten Zwecke, für Platten und Planfilme, eine 9X12 Stativkamera für photogrammetrische Arbeiten; außerdem führten noch zwei Herren 9X12 Taschen­kameras für Films mit. Alle Objektive (Doppelanastigmate) besaßen abnehmbare Gelbscheibe für Aufnahmen in Gelände mit viel blauen Tönen, wie vor allem int Eis und Schnee. Platten und Fllme waren überreichlich vorhanden.

Trotzdem unsere Ausrüstung recht umfangreich geworden war, hatten wir auf bezahlte Hilfskräfte, wie Träger, Koch oder Diener verzichtet. Was geschaffen werden konnte, sollte aus eigener Kraft geleistet werden.

Nachdem in Tromsoe nicht ohne Schwierigkeiten unsere Aus­rüstung an Bord desBlücher" verstaut worden war, nahm der Ozeanriese Anker auf und dampfte nach Norden. Nach herrlicher Fahrt durch den Jyngenfiord kamen wir am nächsten Morgen nach Hammerfest. Am Abend gingBlücher" am Nordkap vor Anker. Als wir nach ein paar Stunden Schlaf erwachten, war das Festland entschwunden. In stolzer Ruhe zog der eiserne Koloß nach Norden weiter. Wir begegneten dem Treibeise in diesem Jahr schon merkwürdig weit im Süden. Die englische Seekarte verzeichnet die ungefähre Grenze bei etwa 8OV2 Grad; wir waren schon bei 75 Grad 40 Minuten in so dichtem Eis, daßBlücher" nicht wagen durfte, durchzugehen und am Eis­rande entlang nach Westen auswich, wo wir eisfreies Fahrwasser nach Norden sanden. In dieser Tatsache, daß ein Gürtel von Treibeis sich längs der Westküste von Spitzbergen enllang zog, liegt die Erklärung für die auffallend ungünstigen Eisverhältnisse dieses Jahres. Das Eis, das wir antrafen, kam gar nicht von Norden. Es waren vielmehr Schollen, die durch die relativ hohe Wärme des Juni aus den Meeresgebieten östlich von Spitz­bergen losgelöst, von nordöstlichen Winden weiter getrieben und von der Strömung dann um das Südkap Spitzbergens herum und an der Westküste entlang nach Norden geschoben worden waren. Es waren ungeheure Massen, die diesen Weg gemacht haben, denn bis über die Breite des Eisfjords (78 Grad 20 Minuten) und in einer Ausdehnung von etwa fünfzig Seemeilen (neunzig Kllo- meter) in der Gegend des Bellsundes lag ein mächtiges Band dieses Scholleises.

Das sind ja böse Aussichten für unsere Expedition! Wird Blücher unter diesen Umftänbcn uns überhaupt landen können? Im Augenblick zeigt mir der Kompaß nur, daß wir Kurs NW1 laufen, d. h. also, daß wir uns vorläufig von Spitzbergen ent­fernen. Und dabei sind wir schon auf der Höhe des Bellsundes, dem wir eigentlich auch einen Besuch ab stylten wollten. Nun, wir hoffen, daß das Eis doch noch nicht bis zum Eisfford vor- gefchoben fein wird. Und es scheint in der £at so. Auf etwa 77 Grad 50 Min. Breite können wir nachdem Blücher noch verschiedene Wendungsmanöver hat ausführen, ja stellenweise so­gar die Maschinen hat stoppen müssen den Kurs nach Ost zum Nord auf die Mündung des Eisfjords zu nehmen. Es kann also noch gerade glücken, daß wir uns so am Eisrande entlang hineinstehlen. Es ist kalte, triftige Luft. Dennoch sind wir in au feen gespannt, was uns die nächsten Stunden bringen werden. Vorläuftg laufen wir volle Fahrt weiter, dem Ziele zu.. Gegen

Häusern für Leichtkranke mehr als Wohnbauten, bei den für Chronifchkranke als Pflegehaus. Mehrstöckige Kastenbauten un Sinne des modernen Korridorsystems sind durchaus zulässig. Von den in allgemeinen Krankenanstalten nottoent big en Räumen sind eine ganze Reihe hier entbehrlich. Zen-i tralisation der Behandlung für alle Kranken der ganzen Anstalt in besonderen ärztlichen Räumen ist vorteilhaft. Nur für chronisch Tuberkulöse müssen in einem besonderen Hause Des- infektionseinrichtungen einfacher Art geschaffen werden.

7. Besondere wissenschaftliche Einrichtungen neben den Be­handlungsräumen sind entbehrlich. Dringend empfehlenswert! ist die sorgfältige pathologisch-anatomische Untersuchung der Verstorbenen durch eine besondere Prosektur, die jedoch gegebenen-' falls mit derjenigen der zugehörigen allgemeinen Krankenan^ stallen verbunden werden kann.

8. ^Voraussetzung für die Vereinfachung des ärztlichen Dienstes in diesen Anstalten für Leicht- und Chronisch-Kranke ist, daß alle dort Aufgenommenen die allgemeinen Kranken-' anstalten als Durchgangs- respektive Untersuchungsstation passiert haben. Die Verbindung beider Anstalten kann nicht eng ge­nug gestaltet werden. Am zweckmäßigsten ist der Leiter der allgemeinen Krankenanstalten, der, wenn irgend möglich, Arzt fein soll, gleichzellig Setter der Anstalten für Leicht- und Chro» nisck>-Kranke, so daß Behandlungsart, Dauer des Aufenthaltes, Kontrolle des Personals und Disziplinierung des Betriebes gleichmäßig in einem Sinne erfolgen kann. Es bedarf dazu einer vorgebildeten und besonders geeigneten ärztlichen Per« sönlichkeit.

9. Der enge Zusammenhang zwischen beiden Anstalten ist auch wirtschaftlich bei der Beschaffung der Materialien, Nah­rungsmittel usw. von großem Vorteil. Es ist anzustreben/ daß sowohl Leicht- wie Chronisch-Kranke zu Arbeiten für die Anstalten angehalten werden.

10. Die Kosten der Anstalten für Leicht- und Chronisch- Kranke werden unter der Voraussetzung der Vermeidung jeden Luxus erheblich geringer fein, als die heute für die allgemeinen Krankenanstalten anzusetzenden. Man wird je nach dem Boden­wert mit dem Bettpreis von 3- bis höchstens 4000 Mk. nebst Einrichtung zu rechnen haben. Die Betriebskosten werden eben* falls erheblich sinken.

11. Me Errichtung von einfachen Anstalten für Leicht- unb Chronisch-Kranke wirb die Erstellung und Beibehaltung der allgemeinen Krankenanstalten nicht überflüssig machen, aber sie wird ihnen diejenigen Kranken, die ihrer kostspieligen Ein­richtungen nicht bedürfen, entziehen, so daß eine langoauernbc Entlastung der allgemeinen Krankenanstalten zu erwarten ist. Unter der Voraussetzung, daß die letzteren die modernen An­forderungen der Wissenschaft und Hygiene erfüllen, werden somit Kosten für Neubauten und Betrieb erheblich üerminbert werden können.

In der Aussprache machte zunächst Geheimrat Dr. Püt­ter (Berlin), .der Direktor der Charitö, Bedenken geltend, oh nicht die Kosten für die Durchführung der aufgeführten Vorschläge zu hohe seien und ob überhaupt die angeregte Bauweise in der Praxis durchführbar fein werde.

Sanitätsrat Dr. R a b n 0 w (Schöneberg) erllärte sich mll den Grundgedanken des Berichterstatters einverstanden, wandte sich aber gegen eine zuweitgehende Komfortbeschränkung.

Auch Geh. Medizinalrat Dr. Bornträger (Düsseldorf)' meinte, man solle sich ja hüten, bie Forderungen der Behag­lichkeit zuwell zurückzuschrauben. Ein so großes Heruntergehen mit der Zahl des Aerzte- und Pflegerpersonals, wie es die Leit-, sätze forderten, erscheine bedenklich.

Dr. Iraner (Berlin) wünschte ähnliche Leicht-Kranken* Häuser für Kinder.

Ein Beschluß wurde zu der Frage nicht gefaßt.

An zweiter Stelle sprach Stadtbauxat Voß (Elberfeld) über die Hygienische Verbesserung alter Stadtteils Auch er legte Leitsätze vor, in denen es u. a. heißt:

Für die Durchführung solcher Altstadt Verbesserungen muß die Enteignungsbefugnis der Stadtgemeinden zum Er­werbe der erforderlichen Grundstücke zu angemessenen Preisen

Abend klart es langsam auf. Mll dem Trieder wird der Hori^ zont abtzesucht und endlich nach einer weiteren Stunde, als die letzten N^bel von der Sonne weggezogen sind, taudjen Berg­umrisse auf. Nun kommen wir rasch näher; deutlich sind die Haupt- formen der Küste zu erkennen, urid Erfahrung des Lotsen unb' Befragen der Karie ergeben, daß wir in der Tat die Mündung des Eisffords vor uns haben.

Aber was ist baS für ein heller Blick gerade vor uns! Da§ ist doch kein Eis, Lotse?Ja, der er isen." Der Kapitän hat auch schon seinen langen Kieker hervorgeholt unb sucht voraus. Eis ist da vorne, das stimmt nun schon mal. Es kann aber nur ein verhältnismäßig schmales Band sein unb ob es so fest zu­sammengeschoben ist, daß wir nicht durch können, ist auch noch die Frage. Vor uns liegt der Eisfjord, von der tief stehcndew Mitternachtssonne märchenhaft mystisch besttahlt. Der Dödman bewacht die Einfahrt int Norden, ihm gegenüber tagen bie Zacken des Starashchin in die klare Luft. Und zwischen ihnen schaut malt in den Fjord hinein nud sieht, wie eine leichte Dünung das Wasser darin in Bewegung hält. Also eisfrei. Aber davor, zwischen uns und der Mündung, eine Barre aus zusammen- geschobenem Treibeis, vielleicht nur zwei bis drei Seemeilen breit. Immerhin breit genug, um uns zu verbieten, mit dem eisernen Schiff ein Durchkommen zu versuchen. Am nächsten Morgen finden wir die Situation unverändert. Der Verfuch, mit einer Dampfbarkasse unb angehängtem Beiboot uns und unsere Ausrüstung an Land zu schaffen, ist aussichtslos. Zu­dem ist ungewiß, ob unsere vier Kameraden uns hier an der breiten Mündung des Fjords entdecken werden, wo sie uns nach Verabredung 35 Krit. wellet östlich 'vermuten müssen. Darum bitten wll den Kapitän, auf den ersten besten Walftschfänger zu­zuhalten, der uns begegnen sollte. Wir wollen versuchen, bet ruhiger See unsere Ausrüstung auf ihn überzuladen unb die Einfahrt in den Fjord zu erzwingen, damit nicht kostbare Zeit und Geld umsonst aufgewenbet sind. Aber auch diese letzte Aus­sicht wird gering, weil bald wieder Nebel aufkommt. Blücher dampft langsam nach Norden, um aus der Nähe des Eises zu fein und allenfalls ein anderes Stück der Mste auf^usuchen. Alle Minuten brummt das Nebelhorn, eine hier eigentlich über­flüssige Vorsicht, da man kaum zu fürchten braucht, Schiffen zu begegnen. Wir haben an diesem und dem folgenden Tag auch nicht eines getroffen; auch keinen Walfischfänger, auf den wll ja untere letzte Hoffnung gefetzt hatten.

iNhin bleibt nur noch eins für uns übrig: so zeitig in Tromsoe zu sein, daß wir unsere vier Kameraden noch erretten, die sechs Tage nach uns von dort nach Spitzbergen zu uns aufbrechen wollten. Der Kapitän kommt unseren Wünschen auf das liebenswürdigste entgegen. Blücher schluckt fleißig Kohlen! unb bringt seine 13,6 Knoten heraus. Pünktlich zur beredmetenk Stunde liegen wll im Tromsoefjord. Der Schwebendampfer isy noch nicht da; das ist eine Beruhigung. Hier nehmen wir Ab­schied von dem stolzen Schiff, das uns fast eine Woche wohnliche Behausung gab und wo wir mit dem Gefühl des Eroberers unb dem Bedrücktsrin des Zurückgeschlagenen unsere erste Fahrt ins arkttsche.Eis erlebten.