Ausgabe 
2.5.1910 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt

Nr. 101

Erschein! tSgllch mit Ausnahme des ConntagS.

160, Jahrgang

schäften gemeint seien.

oaS uns der Staatssekretär enttoor

Montag 2. Mai 1910

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'sche» Universität; - Brich- und Steindruckerei.

R. Lange, Sieben.

Sozialdemokraten gehen den goldenen Mittelweg (Heiter­keit), der wirklich Gold bringt. Ja, sagt Herr Dernburg, das

Die«ie&ener ZamMenblätler" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das '.Xreirblatt fflr dev Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen Selb fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expeditton und Verlag: Redaktiome^Iir. Tel.-Adr.:Anzeiger<Sieben.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhchen

Deutscher Reichstag.

78. Sitzung, Sonnabend, 80. April.

Am Tische des Bundesrats: Dernburg.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.

Die Kosten des Lübwestafrikanischen AufftanbcS.

Die zweite Lesung des Gesetzentwurfs über die Deckung der Aufstandskosten wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Wiemer (vp.)>

Der Antrag Erzberger aus der Kommission ist nicht wieder eingebracht; die breite Behandlung des Gegenstandes ist daher nur insofern berechtigt, als sie etwa die erste Lesung im Plenum ersetzen soll, die ja für den Antrag Erzberger nicht statt- gefunden hat. Mit Recht ist der Antrag als Feuerbrand bezeichnet worden, und eS hat sich ja auch ein Teil der ZentrumS- presse an seiner Dämpfung beteiligt. Es geht nicht an, datz daS Schwergewicht derart vom Plenum in bte Kommission verlegt wird; über die Ausschaltung deS Plenums ist auch schon im Seniorenkonvent Klage geführt. Die Erzbergerschen Forde­rungen greifen vor allem in die Selbstverwaltung so tief ein, daß wir darüber nicht so kurzer Hand eine Entscheidung treffen können. Wir halten es daher auch nicht für richtig, daß sich die Budaet- kommission die Vorschläge auch nur teilweise angeeignet hat. Meine politischen Freunde werden daher nur für einen Teil der Kommissionsresolution stimmen können. Zunächst müssen wir eine Klarstellung aller einschlägigen Verhältnisse haben. Vor allem lehnen wir im Gegensatz zu den Konservativen unbedingt die Forderung ab, die vor dem Ausbruch deS Aufstandes in Südwest domizilierten leistungsfähigen Personen und Gesellschaften heran­zuziehen. Ist eS denn so sicher, datz sie alle Vorteil vom Aufstand hatten, und wollen Sie den Exekutor nachschicken? Hoffentlich be­kehrt sich Herr Erzbetger in bezug auf die Vermögens- [teuer auch für daS Reich. In der Diamantenfrage können wir dem Staatssekretär nur unsere vollste Billigung auSjprechen. Be- stehende Rechte muffen respektiert werden; die Beseitigung der Hoheitsrechte mutz auf dem Verhandlungswege geschehen. Der ganze Reichstag ist ja darin einig, datz daS BerghoheitS- recht nur dem Fiskus zusteht. Keinesfalls wollen wir die jetzige günstige Entwicklung der Schutzgebiete durch Herrn Erz­berger unterbrechen lasten. Herr Erzberger hat bestritten, datz fein Antrag ein Racheakt gegen den Staatssekretär sei. Nun, das Zentrum würde Herrn Dernburg umbringen, wenn es daS könnte. Auch den Fürsten Bülow hat das Zentrum erst unterstützt und dann zu Fall gebracht. (Beifall 6. d. Freis.)

Abg. Lcdebour (Soz.)

tritt für den Antrag bet Soziabemokraten ein, der durch Aendcrung der Vorlage bestimmen will, datz die Aufstands- kosten, soweit sie aus Anleihen gedeckt sind, eine Schuld b e 5 Schutzgebietes an baS Reich darstellen und Verzinsung und Tilgung durch eine Wertzuwachssteuer erfolgen soll. Herr Erzberger habe ein unbestreitbares Verdienst, da er den grund- sätzlichen Answß zur Heranziehung des Schutzgebietes und der Jntereffenten gegeben habe. Ein SiedelungSgebiet kann Südwcst nie werden, immer nur ein Ausbeutungsgebiet für eine be. schränkte Anzahl von Kapitalisten. Darum haben wir unseren Vorschlag gemacht, den im Prinzip auch die Landkommistion und die Verwaltung anerkannt hat, um wenigstens etwas die deutschen Steuerzahler zu entlasten. Die Linke sagt: die Wertzuwachssteuer

briese, in denen auf später festzusetzende Bestimmungen verwiesen wird, sind die Grundlagen für die angeblichen Rechte der Kolonial- gesellschaft. Und solche Rechte erkennt die Regierung als voll- kommen korrekt an! Eine großkapitalistische Kolonialpolitik hat sich in den letzten Monaten in den Vordergrund gedrängt. Auch der neue Vertrag weist solche Spuren auf. Darum lehnen wir ihn ab. In der Presse war jetzt viel die Rede von Dernburgs Sieg. Solche Siege sind die Niederlagen der Zukunft. (Beifall im Zentrum.)

Staatssekretär Dernburg;

Herr Erzberger hat mit der Geschichte von dem G e m e i n be­schul d b r i e f einen Eindruck auf das Haus zu machen gesucht. DaS sind so Fallstricke, in die man beim Eifer gerät. Die lieber» setzung deS Herrn Erzberger war falsch. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, reinen Tisch zu machen, und habe auch schöne Erfolge erzielt. Aber mit dem übereilten und un­gerechten Anträge Erzberger kann ich nichts anfangen. Denken Sie denn, datz die Leute die Steuer ruhig bezahlen wer­den? Sie werden ibre Aktien dort hinbringen, wo sie steuerfrei sind. Ich habe zu den Südwestafrikanern nicht mehr Vertrauen wie zu meinen hiesigen Landsleuten in dieser Beziehung. (Große Heiterkeit.! Man wird alle Werte aus dem Lande bringen, und nur der Grund und Boden und die Minen bleiben dort, weil man die nicht wegnehmen kann. Daher rühren meine Bedenken. Welche Parallele Sie mit deutschen Verhältnissen ziehen, ist Ihre Sache. Gegenwärtig bin ich ganz Afrikaner. (Heiterkeit.)

Die großkapitalistische Kolonialpolitik ist tineS der schlimmsten Schlagwörter, das jemals gebraucht worden ist. Das ist gerade ;o, als wenn man von einer kapitalistischen Nationalpolitik m Deutschland reden wollte. (Sehr richtig! links.) Es ist ein schlimmer Trugschluß, wenn man in bet Welt verbreitet, daß baS Großkapital nur aus reichen Leuten bestände; eS ist ein höchst demagogisches Mitiel. [Sehr richtigl und Unruhe.) Dann ist auch jeher kleine Landwirt, bet sich an einer Gcnossenschaftsmolkerei beteiligt, ein Großkapitalist. Ein Staatss/retär, der erworbene Rechte nicht achtet und nicht nach den Gesetzen handelt, kann nicht auf feinem Posten bleiben. Wir können doch nicht auf einmal sagen, daß, was wir früher unter­schrieben haben, gilt nicht. Das wäre nicht vereinbar mit dem Anstand, den der Fiskus unter allen Umständen aufrecht erhalten mutz. Nun wissen Sie meine Gründe. Was den neuen Vertrag mit der Kolonialgeseli­sch a f t anlangt, so wird eine Einkommens - und Vermö­genssteuer erhoben werden, wenn die entsprechenden lieber- schüffc als Vorbedingung vorhanden sind. Auch damit bin ich ein­verstanden, daß wir als letzte Reserve versuchen sollen, durch eine einmalige Rente gd§r Abzahlung dxe bestehenden Privilegien und

feobeitsredue der Gesellschaft abzulchen. Wenn ich diese orbenm* gen des Reichstags akzepliere, bann sind der Verwaltung außer- ordentlich schwere Aufgaben gestellt. Wir wollen aber versuchen, sie zu lösen. Von all den Borwürfen, die mir gemacht worden sinv, trifft mich einer am Herzen, weil er am wenigsten berechtigt ist. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit niemand bevorzugt.

Wenn ich hier etwas tun mußte, was mir teilweise selbst gegen den Strich ging, so waren die Fehler der Vergangenheit daran schuld und die bestehende Rechtslage. Ich habe immer im treuen Glauben gehandelt und glaube, dem FiSkuS den besten Dienst er­wiesen zu haben. Das sind meine Motive, andere habe ich nicht, und ich bitte, mir auch andere nicht zu unterstellen. (Beifall.)

Abg. v. Oerhen (Rp.):

Wir sind hn Prinzip damit einverstanden, daß die Gesellschaf­ten zu den Kriegskosten herangezogen werden. Der Weg ist aber noch nicht klar. Jedenfalls mutz sehr vorsichtig vorgegangen teer­ten, damit nicht die Henne geschlachtet wird, die goldene Eier legt. Wir werden daher gegen den Antrag Laitmann und sür die Re- solution der Dudgetkommisiion stimmen.

Abg. Dr. Mugdan (Vp.);

Zum Anträge Sattmann gehören doch auch die verbündeten Regierungen. Wenn sie ihn nicht billigen, dann ist er doch nur ein Stück wertloses Papier. Vom Zentrum hat nierltoürbiger- weise nur Herr Erzberger gesprochen, obgleich er von der Zen- trumSpresse doch gehörig zerzaust wurde. Das Zentrum steht aljn geschlossen hinter Erzberger. (Widerspruch i. Zentr.) Von einer MittelstandSpolitik ä la Lattmann wollen wir nichts wissen. Die Lüge von unserer Mittelstandsfeindlichkeit ist seit der Finau^- reform gründlich widerlegt. (Lachen i. Zentr. und rechts.) Der Mittelstand wird Ihnen nie vergessen, daß Sie ,hn mit uner- fraglichen Steuern belastet, daß sie die Erbschaftssteuer abgelehnt haben. (Gelächter i. Zentr. und rechts.) Wir werden für die Resolution stimmen. Wir wollen nicht, daß die Meinung aus- kommt, das deutsche Volk wolle der Kolonialverwaltung Schwie- rigfeiten machen. Der Staatssekretär hat die Kabinettsfrage ge­stellt. Er will gehen, wenn der Antrag Latmann Gesetz wird. Das deutsche Volk wird aber sicherlich nicht lange überlegen, wenn es vor die Frage gestellt ist, wem es mehr glauben soll, den Herren Erzberger, Lattmann und Werner ober dem StaatSsekrc- tär. (Beifall, Gelächter i. Zentr.)

Abg. Lattmann (Wirtsch. Vg.)'

stellt au5 dem Protokoll der Budgetkommission fest, daß Dr. Mug- dan erklärt habe, die Entwicklung der Kolonie kann nicht allein auf Mittelstandsexistenzen gestützt werden.

Abg. Dr. Mugdan (93bJ*.

DaS Protokoll ist falsch.

Damit schließt die Diskussion.

Dor der Abstimmung bezweifelt

Abg. Dr. Mugdan (Vp.)' die Beschlußfähigkeit des HcmseS, zieht aber seinen Zweifel tote- der zurück.

Der Antrag Sattmann wird gegen _ die Wirtschaft­liche Vereinigung, die Polen und den Erzbergerschen Flügel deS Zentrums abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wird der sozialdemokratische Antrag.

DaS Gesetz mit der Resolution wirb angenommen. Die Petitionen werben nach bem Vorschläge der Kommission erlebigt

Zur Interpellation Baffermann Über Zollerhöhungen ange­sichts bes Inkrafttretens des französischen Zolltarifs erklärt

Staatssekretär Delbrück, der Reichskanzler sei bereit, die Interpellation beantworten zu lassen. Den Tag könne er heute noch nicht angeben. (Zuruf: Nach Pfingsten!)

Montag 2 Uhr; Posttaxgesetz, Urheberschutz, Skelleuvermitte- [ung, Reichsgericht. - - v

Schluß 7 Uhr.

ellschäften sollten sich eigentlich schämen, denn Reichtum verpflichtet auch. fSeksr richtigl) Di« Ablösung der Berghoheitsrechte ist gleichfalls nichts Neues. In Deutschland haben wir die Ablösung verpaßt, in Südwest soll- ten wir noch rechtzeitig Hand anlegen. Tie Regierung spricht auch hier von Enteignung. Wie will sie dann die Ent­eignung bei der Polenpolitik noch rechtfer, t i g c n? (Sehr gut! im Zentrum.) Gewiß haben auch wir die Politik deö Herrn Dernburg bisher unterstützt. Aber in allen Parteien, die nicht die wirtschaftlichen Anschauungen deS Libe­ralismus vertreten, zeigt sich ein beängstigendes Mißtrauen gegen eine einseitige kapitalistische Kolonialpolitik. Auch bei der Kolonialpolitrk vollzieht sich die Scheidung von recht? und links. Ein Freisinniger sagte in der Kommission, er halte e$ für falsch, in den Kolonien Mittelstand-- politik zu treiben. (Hörti Hört! im Zentrum.) Wenn der Frei­sinn dem Staatssekretär zustimmt, so scheint unS, als ob der Staatssekretär sich auf dem gleichen Wege befindet. DaS Hin- einführen der Liebig-Cie. in Südwest war ein solcher falscher Weg. (Sehr richtig! im Zentr.) DaS ist eine Politik für Chicago, aber nicht für Südwest, denn diese Compagnie beutet die Farmer au8 und diktiert die Preise. Der Redner ver­liest eine Depesche deSDr. Rohrbach an ihn, wonach man in Südwest in der Frage des Vertrags mit der Kolonialgesellschaft völlig einig gegen die Verwaltung in Berlin sei. Der Tag, an dem Gouverneur von Schuckmann feinen Abschied nahm, war ein dies ater. Möge der Staatssekretär durch die Verhand­lungen dieser Tage stutzig werden und in Zukunft in den Kolo­nien nur noch eine gesunde MittelstandSpolitik führen. Möge der Staatssekretär mit dem Abschluß des neuen Vertrages mit der Kolonialgesellschaft warten, bis mehr Einzelheiten aus dem Lan- desrat bekaimt und bis die Südwestafrikaner hier eingetrosfen sind. '(Beifall rechts und im Zentr.)

Abg. Werner (Ref.) spricht in gleichem Sinne. Die berechtigten Wünsche unserer Süd­westafrikaner muffen erfüllt werden.

Abg. Erzberger (Zentr.) f

Sparsamkeit in der Justiz.

Aus Darmstädter Juristenkreisen schreibt nta-tt uns: Seitdem wir kurz vor Weihnachten in Hessen mit einem Staatsbudget von nahezu fünf Millionen Mark Defizit über­rascht worden sind, hat sich auf fast allen Gebieten des Staatslebens ein lobenswertes Streben nach Sparsamkeit geltend gemacht. Man hat allen dem Finanzministerium unterstellten Bureaubeamten die freien Nachmit- tage gekürzt und im Ministerium des Innern Vor­schriften über Ersparnisse an Schreibwerk und Papier er­lassen, um das alte Sprichwort zu bewahrheiten, datz, wer Pfennige spart, zu Talern kommt. Für die Justizverwaltimg- sind in Kammer und Presse gleichfalls Anregungen zu mancherlei Ersparnissen gegeben worden, und der Minister hat Mich bereitwillig zugesagt, die Vorschläge einer wohl­wollenden Prüfung zu unterziehen. Wenn nun auch ohne weiteres zugegeben werden kann, daß innerhalb der Justiz­verwaltung wohl ebenfalls verschiedene Einschränkungen unb Verbilligungen an einzelnen Teilen des Apparates mög­lich und durchführbar sind, so wird man doch iricht ver­kennen dürfen, daß hierbei mit der größten Vorsicht zu Sßerie gegangen werden muß; denn auf keinem anderen Gebiet können etwaige Ersparnisse mehr Nachteile für das Publikum im Gefolge haben, als auf dem der öffentlichen Rechtspflege. Daß diese Vorsicht aber leider nicht immer in dem erwünschten Maße geübt wird, ergibt sich aus ver­schiedenen Maßregeln in der jüngsten Zeit. Es ist sckwn kürzlich mit Bedauern darauf hingewiesen worden, daß in- olge der Nichtwiederbesetzung einer freigewvrdenen Rats­stelle beim Oberlandesgericht unb anläßlich der Beurlaubung des Präsidenten des höchsten Gerichtshofes abermals ein Mitglied des Landgerichts zur Stellvertretung herangerogen werden mußte, wofür dann wieder als Ersatz beim Land- aericht mehrere Amtsrichter zu Hilfe genommen loorden ftnb. Weiter ist schon in der Presse gerügt worden, daß die Regierung mit den Amfsgeschäften eines Amtsanwalts in Darmstadt für mehrere Wochen einen Assessor beauftragt hat, ohne ihm für seine Tätigkeit eine Vergütung zu ge­währen. Dies Vorgehen der Regierung ist aber leiber iricht vereinzelt gebtieben. So hat ein Richter am Landgericht H in Darmstadt wegen Krankheit mehrere Wochen Urlaub er­halten. Mit seiner Vertretung wurden zwei Assessoren austragt, Urnen aber zugleich mitgeteilt, daß ihnen e g e ir, Mangels an Mitteln" keine Vergütung ge­währt werden könne. Die beiden jungen Leute müssen also die Dienstgeschäfte des Richters versehen, während bic Verantwortung für ihre Arbeit, insbesondere die pekuniäre, den anderen Richtern des Gerichts auf gebürdet wird. Wir sind doch der. Meinung, daß mit derartiges s^rsamkeits-

Kch verspreche, beute wesentlich kürzer zu fein oTS gestern. (Lebhafter Beifall.) Ich kann mit diesen Debatten sehr zufrieden sein. Denn sie haben bewiesen, daß meine Vorschläge, auch wenn sie jetzt keine Majorität finden, schließlich doch zum «iege gelangen werden. Der Staatssekretär hat mir vorgeworfen, daß ich acht mal achtzig mal die Bureaukratie in die Debatte gezogen habe. (Staatssekretär Dernburg: Tas ist ein b i b l i s ch e s W o r t.) Ich weiß wohl, datz es ein biblisches Wort van siebenmal siebzigmal gibt, aber nicht von achtmal achtzigmal. Aber der Herr Staatssekretär hat ja mildernde Umstände für sich, wenn er im Neuen Testament nicht so bewandert ist. (Grotze Heiterkeit.) Der Redner polemisiert dann gegen den Abg. Seniler unb verliest Stimmen nationalliberaler Blätter, die den Antrag Erzberger anerkennend beurteilen Von einer Konfis - fation fanngar keine Rede fein. 2B:nn jeder, der ein Schürfrecht in Südwest hat, die eventl. gefundenen Diamanten an die Regie abliefern muß, ist das nicht viel eher eine Kon­fiskation? Die Berechnungen deS Staatssekretärs Dernburg wer­den mir von Bankfachleuten als ganz unbegreiflich bezeichnet. Er sprach immer davon, daß der Gesamtkurswert aller Gesell-, schäften nur 80 Millionen Mark beträgt, tatsächlich aber betragen sie über 150 Millionen Mark (Staatssekretär Dernburg: Das stimmt, wenn man die englischen Gesellschaften dazu rechnet.) ES ist nie gesagt worden, daß nur die deutschen Gesell- schäften gemeint seien. Dadurch aber ändert sich das ganze Bild, ba3 uns der Staatssekretär entworfen hat, mit einem Schlage. Wir haben daS Recht zu verlangen, daß unS hier richtige Ziffern borgetragen werden. (Sehr gut! im Zentrum.) Wir wollen, baß bie Gesellschaften gut berbienen, aber nicht alles bem Einen, fonbern jedem das Seine. Der Abg. Semler hat am wenigsten Ursache, mir Vorwürfe zu machen, daß Ich ungerecht urteile. Er hat sich bereit erklär:, daS Referat über die Deutsche Kolonial- gesellschaft in der Landkommission zu erstatten, hat es aber nie erstattet. Hätte er eS getan, bann wäre ich vielleicht zu einem anberen Urteil gekommen.

Der Staatssekretär wirft mir vor, ich hätte meine Wunsche nicht genau formuliert. Nun, ich richte folge n b e Fragen an ihn, um beren Beantwortung m bet versprochenen Denkschrift ich bringenb bitte. 1. Hat bte Kolonialgesellschaft auf alle Berg- hoheitsrechte verzichtet? 2. Kann bet FiskuS in biesem Gebiet bet Kolonialgesellschaft Bergbau auf eigene Rechnung treiben? 3. Kann ber FiSkuS für sich sperren unb bauernbe Abbaurechte erhalten? 4. Kann ber Fiskus im Gebiet ber Kolonialgesellschaft Gebühren für sich erheben? Wir wollen alle darüber herrscht wohl Ein- stimmigkeit keine neuen Privilegien an bie G e - sellschaften vergeben. Warum wird dann in dem neuen Vertrag mit der Kolonialgesellschaft ihr vorn 1. April 1611 ab ein dauerndes Abbaurecht verliehen? Einige Gemeinbeschulb-

bulbet baS Verordnungsrecht deS Kaisers nichtI Er ist nicht nur der ausgepichteste, selb st herrlichste Bureau- krat und Autokrat. (Heiterkeit.) Die Linke hat ihm ja gestern hell zugejubelt, wie er die Beamten unb die Leute aus Sübwcst abhalfterte, wie er auftrumpftc. Die Herren auf der Linken glauben ja, weil er aus dem GeschäftSmilieu stammt, sei er Temokrat ober boch halb- ober zehntelliberal. Mir hat ein- mal ein Armenier gesagt: Persien ist doch eigentlich baS bemo- kratischste Laub ber Welt, da kann ber Schah morgen seinen Pfeifenträger oder Barbier zum Großvezier machen! So ist für Sie Herr Dernburg ein Temokrat, weil er in den bureaukra- tischen Apparat hineinlanziert ist durch ba§ autokratische Belie- lieben von S. M. Aber wie die bureaukratischen hat er auch schon ganz diehöfischenAllüren angenommen. Da muß er genau so behandelt werden wie die anderen Teilnehmer der Firma Bethmann Hollweg u. Co. (Heiterkeit.) Um aber die staatsrecht­lichen Bedenken zu erledigen, beantragen wir, daß dies Gesetz hier erst in Kraft treten darf zugleich mit einer Vereinbarung zwischen Reichstag und Reichskanzler, und das geht doch gewiß! Herr Dernburg mit seiner gespreizten Selbstverständlichkeit

Vizepräsident Erbprinz zo Hohenlohe:

DaS dürfen Sie von einem Regierungsvertreter nicht sagen.

Abg. Ledcbour:

Wenn Sie mit einen besseren parlamentarischen Ausdruck' sagen wollen?

Vizepräsident Erbprinz zu Hohenlohe:

Der Präsident ist nicht dazu da, dem Abgeordneten zu sagen, wie er sich ausdrücken soll. (Heiterkeit.)

Abg. Lcdebour:

Das habe ich auch nicht erwartet. Herr Dernburg ist feiner ganzen Auffassung nach Vertreter ber großkapitalistischen Inter­essen, wir haben gegen ihn starkes Mißtrauen. Die Frage nach bem Lanbbesitz ber Eingeborenen hat Herrn Ternburg noch nicht beantwortet. Unsere Ehrenpflicht ist es, un5 dieser unglücklichen, zertretenen Menschen anzunehmen.*

Wg. Lattmann (Wirtsch. Vg.) .

Denn ich meinen Antrag, trotzdem er in der Kommission ab- tzelehnt worden ist, hier wieder cmgebracht habe, so geschah e§, um den Parteien, denen der Erzbergersche ober sozialdemokratische Antrag zu weit geht, die Möglichkeit einer Beschlußfassung zu geben. Für den Grundgedanken des Erzberger- f ch e n A n t r a g e L ist die weit überwiegende Mehrheit deS Reichstages und des deutschen Volkes. Es muß endlich ein­mal reinerTisch mit den Gesellschaften in Süd- west gemacht werden, wenn nicht durch Vereinbarung, so durch Gesetz. Ter Staatssekretär hat nur eine verschwindende Minder­heit deS Reichstages hinter sich. (Sehr richtigl im Zentrum.) ES ist nicht leicht für uns, diesen Standpunkt hier zu vertreten angesichts der 'gehässigen persönlichen Angriffe, die man des­wegen erleiden muß. Wie kläglich und unsachlich man dabei vor-» gegangen ist, möge man daraus ersehen, daß man in mir in die­sem Kampf lediglich den Antisemiten gesehen bat. (Hört! Hört!, im Zentrum.) TaS ist eine beabsichtigte Täuschung der Oeffent- lichkeit. (Zuruf deS Abg. Erzberger: Börsenmanöver!) Man hat ben Abg. Erzberger unb mich sogar bilblich mit dem Staatssekretär dargestellt. Prophete rechts, Prophete links, daS Weltkind (Staatssekretär Dernburg verbeugt sich) m der Mitten! Haben die Propheten Fehler gemacht, das Weltkind ist auch nicht fehlerfrei. (Heiterkeit.) Die wahnwitzige Vermögensbildung in Südwest rechtfertigt unseren Antrag. Sind die Herren Kreplin, Stauch usw. wirklich alles Millionäre geworden, nun, so schmeckt 85 ganz schön, wenn wie diesen Leuten auch etwas aufknallen jaicht nur ben Gesellschaften. (Sehr gut! rechts.), Die Gei

kommt zu spät, bie Rechte sagt: sie kommt zu früh; nun, wir Sozialdemokraten gehen ben golbenen Mittelwe