Ausgabe 
16.9.1910 Erstes Blatt
 
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Rat, fteht mit ihrenA-nzichUngsmittcln" inttner auf der Höhe der Heit, und hat demnach die ganze logische, man könnte fast sagen: selbstverständliche Entscheidung getroffen, sich die Dienste des Kme- ^vtatographen zu Nutze zu machen!

. Da aber in den, Vereinigten Staaten ein Vorschlag fast fannier mit einer halb ausgeführten Tat identisch ist, so darf es eben niemand in Verwunderung setzen, daß kinematographische Schaustellungen in der Kirche bereits stattgefunden haben. Der Pastor der Kirche, Dr. Rai sm er, berichtet, daß das Gotteshaus einen Fassungsraum für 1600 Personen aufweise und daß die Kirche letzten abend überfüllt gewesen sei. Der ,Grund hierfür sei aber auch ein vollkommen hinreichender. Sind doch kinematographische Schaustellungen der Oberammergauer Pas­sionsspiele vorgeführt worden! Um aber der religiösen Verdauung der Newporter nicht aUzu viel zuzumuten, wurden die religiösen Darstellungen hier und da von aktuelleren Bildern unterbrochen, nämlich Darstellungen von Jagden im äußersten Norden des amerikanischen Kontineitts.Lebende Bilder machen das Volk glücklich, unterhalten es zumindest und dienen dabei auch den Zwecken der Erziehung und Bildung. Warum soll die Kirche an Wochentagen leerstehen? Wir werden allabendlich kinemato- graphischenReligionsdienst" abhalten."

Der Vorleser, der die Oberammergauer Passionsspiele lauf dem Kinematograph. durch seinen Text erläuterte, meinte unter anderem auch zu der atemlos lauscheirdenandächtigen" Menge, daß alle Welt mit der Zeit fortschreite. So hätte er vor Jahren dem Darsteller des Christus in den Oberanrmergauer Spielen 3 Mark für Pension täglich bezahlt, aber dieses Jahr hätte er bereits 24 Mark für den Tag bezahlen müssen.

PcrmiMUes.

Dassterilisierte Ki n d" als Sch e id>u n'g s- gründ. Ein seltsamer Scheidnnasprozeß ist nun in Los Angeles in Kalifornien zum Abschluß gekommen: Mr. Tanner und seine Frau Eleanor, die Eltern dessteri­lisierten Kindes", werden fortan getrennt ihren Lebensweg wandeln. Frau Tanner hatte dre Scheidung wegen bös­williger Verfassung beantragt. Er aber erschien überhaupt nicht an Gerichtsstäle, ließ sich durch Freunde vertreten und erklären, daß seine Frau ihn durch ihre Bazillenfurcht aus dem Hauseheraussterilisiert" habe. Frau Tanner ist vielfache Millionärin und ihre kleine Tochter Betty, die dereinst ein Vermögen von 100 Millionen Mark erben wird, ist in ganz Kalifornien alsdie menschliche Orchidee" be­rühmt. Denn mehr Vorsichtsmaßregeln gegen die Gefahren der bazillengetränkten Welt sind wohl kaum für ein Kind getroffen worden. Unmittelbar nach Bettys Geburt siedelte das Ehepaar nach Ios Angeles über, damit der kleine Spräßling ein Leben in frischer, keimfreier Luft führen könne. Mit der Zeit aber wuchs die Angst der Mutter vor den bösen Bazillen immer mehr. Nach den Angaben von

Mrs. Tanner wurde ein besonderes Haus errichtet, das eine seltsame Sehenswürdigkeit von Los Angeles ist. Das Bau­werk wurde buchstäbliche um das Baby herumgebaut. Zuerst wurde das Grundstücksterilisiert", dann jeder Stein, jeder Tropfen Wasser, alles, was nur zum Bau verwendet wurde, unterlag einer peinlichen Behandlung, die alle Krankheits- teinte vernichten sollte. Selbst die Luft, die die kleine Betty einatmet, wird sterilisiert; ebenso ihre Kleider, ihr Spiel­gerät, kurz, das kleine Wesen kann nichts tun, nichts ai^ fassen, nichts berühren, was nicht vorher desinfiziert worden wäre. Der Vater durfte seine kleine Tochter nicht anfassen, nicht auf den iSchöß nehmen, die Mutter fürchtete die Mög­lichkeit von Bazillenübertragung, ja sie selbst verzichtete darauf, ihren kleinen Liebling zu umarmen oder zu küssen, um sein Leben nicht in Gefahr zu bringen. Die Atmosphäre int Hause wurde schließlich sok e i m f r e i", daß Mr. Tanner die Flucht ergriff. Nur wenn seine Frau und sein Kind abwesend waren, besuchte er sein Heim. Nun hat das Gericht auf Scheidung der Ehe erkannt, und Betty ist end­gültig von der Gefahr befreit, durch Berührung mit ihrem Vater ein Opfer der Bazillen zu werden.

Vüchertisch.

Der Illustrierte Deutsche Armee-Kalen- d e r (I. C. C. Bruns' Verlag in Minden i. Wests.), der mit seinem Jahrgang 1911 zum 32. Male erschienen ist, stellt sich die Aufgabe, das deutsche Haus in enger Verbindung mit unseren großen nationalen Institutionen zu erhalten, die Liebe zu Kaiser und Reich zu pflegen und die Freude an dem zu wecken, was mit der Geschichte unseres Vaterlandes zusammenhängt. Auch .der neue Jahrgang legt hiervon wieder ein beredtes Zeugnis ab. Er enthält: Erzählungen, Humoresken, Plaudereien, Ge­schichten, Aufsätze aus verschiedenen Gebieten des Wissens, Kriegs­geschichten, Anekdoten, Witze, Rezepte für Küche und Haus, ge­meinnützige Ratschläge, Marinebilder und Marinehumoreskcn, statistische Mitteilungen und praktische Hinweise fürs Leben, Ta­bellen und Tarife mannigfacher Art, eine vollständige Einteilung der Armee und Marine, ein Garnison-Verzeichnis, Messen und Märkte,,Steuertarife usw., und bildlichen Schmuck.

Amtlicher Wetterbericht.

Verlauf der Witterung seit gestern früh: Unter der Ein­wirkung des nördlichen Hochdruckgebietes datiert das heitere und tuoefene Wetter an; nur Süddeutschland und der äußerste Westen haben Nebel. Gestern stiegen die Nachmttlagstemperaturen bis 20 Grad und etwas bariiber. Da der Kern des tiördlicheii Hochs über England jetzt mehr nördliche Luftströmung bringt, wird es bei zeitweise geringer Bewölkung auch nm Tage etwas kühler.

Wetteraussichten in Hessen am Sainstag dein 18. Seplbr. 1910: Zeitweise wolkig und nebelig; nachts kalt, auch am Tage etwas kühler.

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Grigtnal-VrahtmetSungen.

R.B. Friedberg, 16. Sept. Der russische Minister des Auswärtigen, Iswolsky, ist zur Audienz beim Zaren hier eingetroffen.

Allen stein, 16. Sept. Ein Großfeuer legte in Sa­bie l l e n vierzig Gebäude mit großen Erntevorräten nie­der. Von den Abgebrannten sollen nur wenige versichert sein.

Brüssel, 16. Sept. An der belgisch-französischen Grenze bei N u j e v r a u sind 6 Hektar etwa 6 Meter tief gesunken. Infolgedessen riß der Damm von Mons nach Conds und die Kanä le ergossen ihr Wasser über die Felder. Die Senkung soll durch übermäßigen Abbau in den dortigen Berg­werken entstanden sein.

Paris, 16. Sept. Die Fleischhauer beschlossen auf dem Viehmarkt von Vilette keine Kälber zu kaufen, weil die Händler den Preis um einen Franken erhöht haben.

Choisy-le-roi,.16. Sept. Ein Dutzend Arbeiter wurde von 200 Ausständigen überfallen und durchgeprü­gelt. Ein Polizeiuitterossizier, der mit 20 Schutzleuten herbei- eilte, wurde ebenfalls mißhandelt. Erft als Gendarmerie an- rückte, .zogen sich die Ausständigen zurück. Vier konnten ver- h.astet werden.

Madrid, 16. Sept. In einer Rede, die der Justizminifter bei einer diensllichen Veranlassung hielt, erklärte er unter anderem, daß die Regierung sich mit der Frage der Abschaffung der Todesstrafe befasse.

Madrid, 16. Sept. Der König ist wieder nach San Sebastian abgereift.

Athen, 16. Sept. Poligeorgis ließ die Konsuln der Kretaschutzmächte wissen, daß er seine kretischen Aemter niederlege,; unt an der griechischen Nationalversammlung tellzunehmen: fid) aber Vorbehalte, beim Ablauf seines Mandats für die National­versammlung seine Stelle in Kreta wieder einzunehmen.

Johannesburg, 16. Sept. Bei den Wahlen zum südafrikanischen Parlament wurden u. a. gewählt: Minenbesitzer Sir Percy Fitzpatrick-Pretoria Ost gegen Premier­minister Botha-Pretoria-West und Minister Smuts, in Georg- town Minenbesitzer Farrar (Unionist) gegen Finanzminifter Hüll,! in Jcoville Minenbesitzer Philipps (Unionist) gegen Sir William van Hulstehn.

Johannesburg, 16. Sept. Bei den Wahlen zum' südafrikanischen Parlament wurden im ganzen Lande gewählt: 34 Nationalisten, 33 Unionisten, 2 Mitglieder der Ar­beiterpartei und 6 Unabhängige.

Ottawa, 16. Sept. ^Kardinal Vannutelli ist zum Besuch des Premierministers Sir Wilsrid Laurier hier eingetroffen.

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