Ausgabe 
14.6.1910 Zweites Blatt
 
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5. Sitzung Ärotzherzoglicher Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

, Protokoll-Auszug.

Lauterbach, den 3. Juni 1910.

Anwesend sind' bid Herren: Kommerzienrat Heichelheim als Vor­sitzender, Kommerzienrat Schirmer als 1. stellvcrtr. Vorsitzender, Kommerzienrat Gri'inewald als 2. stellvertr. Vorsitzender, Dürbeck, Friedberger, Hoos, Klingspor, Noll, Ramspeck, Rinn, Röhr, Mhl, Stammler, Wallach, Zur buch und der Syndikus.

1. Geschäftsbericht.

1. Tie Handelskammer hatte unterm 16. November 1909 beim Großh. Ministerium in Anregung gebracht, daß für das Groß­herzogtum Hessen ein einheitlicher Gebührentarif für W e i n u n t e r s u ch u n g e n ausgestellt werde, welcher entsprechend niedrige Sätze vorsieht. Wie nun das Großh. Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe unterm 23. April d. I. mitgcteilt hat, sei nach einer Note des Herrn Reichskanzlers (Reicysaml des Innern, die einheitliche Regelung der Untcrsuchungsgebühren für das Reich beabsichtigt. Es sei deshalb für das .Großherzogtum Hessen von besonderen Maß­nahmen abzusehen.

2. Die Handelskammer halle Gelegenheit, sich zu einem An­träge üuf Beseittgung des Einsuhrzolls sür Soja­bohnen gutachtlich zu äußern. Aus der Sojabohne der Frucht einer ostasiatischen Staudenpflanze wird in neuerer Zett'Oel gewonnen und dieses ^ojabohnenol eignet sich besonders gut zur Scifenerzeugung. Es haben daher die deutsche Ocl- rnduslrie wie die Seisenindustric an der zollfreien Einfuhr der Sojabohnen ein wesentliches Interesse, und umso mehr, als be­reits die Teutschland benachbarten Staaten die Sojabohnen zollfrei eingehen lassen. Im Falle der Beibehaltung eines Einfuhrzolles für Sojabohnen würde die deutsche Oelmüllerci bezüglich des Sojabohncnols vom Wettbewerb mit dem Ausland ausgeschlossen und dadurch indirekt auch die Seifenindustrie in Mitleidenschaft gezogen werden. Im Interesse der Selsenurdustrie ihres Bezirkes hat die Handelskammer die zollfreie Einfuhr der Aolabohnen als wirtschaftlich gerechtfertigt befürwortet.

3. Tie Handelskammer hatte Bedenken gegen die Zulassung des zollfreienVeredclungSverkehrs mit ausländischen hölzernen Felgen für Fahrräder nicht geltend zu machen, dagegen hat sie sich den Bedenken, welche von verschiedenen Seiten gegen die Zulassung des zollfreien Vcredelungsvcrkchrs mit ausländischem, rohem zweidrähtlgen festen Kammgarn aus Glanzwollc zum Bleichen, Färben, Bedrucken und Zurichten geltend gemacht worden sind, angeschlossen. Ebenso sah sich die Kammer genötigt, int Interesse des Brauereigcwcrbes im Bezirke gegen den Antrag auf Zulassung des zollfreien Veredelungsverkehrs mit Rollgerste (Graupen- Stellung zu nehmen.

4. Der neue japanische Zolltarif-Entwurf sieht für eine ganze Reihe von Exportartikeln wesentliche Zollerhöhungen vor, insbesondere für Metall- und Holzbearbeitungsmaschinen, wo die Erhöhung das 5lo fache des setli-erlgen Zollsatzes, zehn Prozent des Wertes, beträgt. Tie Handelskammer l)at sich im Interesse der Werkzeugmaschinenindustrie ihres Bezirks veranlaßt gesehen, beim Reichsamt des Innern vorstellig zu werden und die Wünsche dieser Industrie in bezug auf einen Handelsvertrag mtt Japan vorzubringen.

5. Gemeinsam mit den Handelskammern Wetzlar, Limburg, Dillenburg und dem Berg- und hüttenmännischen Verein für die Lahn-, TÜl- und benachbarte Reviere sind von der Kammer bei dem Herrn preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten folgende Anträge gestellt worden: Ausdehnung der Sätze des Brennstofftarifs vom 15. Januar 1905 auf alle Stationen des Lahn- und Dillgebiets, Ausdehnung dieses Tarifs auf die Gruben und Eisengießereien, Ausdehnung des Erz­ausnahmetarifs vom 10. August 1902 auf die Bezüge im Binnenverkehr, Ermäßigung des jetzigen Tarifsatzes für Stein­kohlen und Koks von der Ruhr nach Sieg, Lahn und Till auf den Erzsatz und .Ermäßigung des Tarifs für Roheisen.

6. Von dem Siegerland war beantragt worden, Braun­kohlenbriketts in den Ausnahmetarif für Stein­kohlen, Steinkohlenkoks und Steinkohle n - briketts zum Betriebe der Hochöfen, Stahlwerke, Siemens-, Martin-, Puüdel- und Schweißöfen der Walz- und Hammerwerke des Sicgerlandes und des Dillgebietes aufzunehmen. In einem Bericht an die Kgl. Eiscnbahn-Tirektion Frankfurt a. M. hat sich die Handelskammer dahtn geäußert, daß |ie ihre früher gegen denselben Antrag erhobenen Bedenken fallen lasse, wenn der sog. Notstandstarif nur für die Siemens- und Märtin-Oefen, welche zwischen Betzdorf und Finnentrop liegen, eingeräumt und auf die hessischen Braunkohlcnbrikettstationcn ausgedehnt wird.

7. 'Tie Handelskammer hatte einen von der Handelskammer Altena bei der Kgl. Eisenbahn-Tirektion Elberfeld gestellten An­trag wegen Einlegung von neuen Eilzügen auf den Strecken Hagen Betzdorf Gteßen und Siegen Betzdorf Köln bei der Kgl. Eisenbahn-^Tirektion Frank­furt a. Di. unterstützt. Nach einer Mitteilung der letztgenannten Behörde hat sich diese mit der beteiligten Eifenbahnverwaltung zwecks Anstellung von Erhebungen ins Benehmen gefetzt.

8. Tie Handelskammer war dem Wunsche von Interessenten entsprechend bei der Kgl. Eisenbahn-Direktion dahtn vorstellig geworden, daß seitens der Eisenbahnverwaltung Bestimmungen getroffen werden, wonach bei Probewiegungen sowohl der beladene als auch nach dessen Entladung der leere Wagen ge­wogen wird und eventuelle Frachtzuschläge nur unter Berück­sichtigung des festgestellten .Gewichts bet doppelter Verwiegung erhoben werden. Daraufhin erteilte die genannte Behörde einen ausführlichen Bescheid, aus dem folgende Stellen von allgemeiner Bedeutung hervorzuheben find:

Um die Interessen der Verfrachter so weitgehend als möglich zu wahren, haben wir bereits Ende 1909 ungeordnet, in denjentgcn Fällen tunlichst auch das Leergefvicht des Wagens festzustellen, in denen die Erhebung des Frachtzuschlages in Frage kommt, das ermittelte Mehrgewicht die zulässige Abweichung von 2 Prozent jedoch nur unerheblich überschreitet; im besonderen soll der Wagen auch dann möglichst leer gewogen iverden, wenn infolge von Witterungseinflüssen zu vermuten ist, daß das wirkliche Eigen­gewicht z. Z. höher ist, als das am Wagen angeschriebene Gewicht. Darüber hinaus zu besttmmen, daß in allen Fällen der beladene und leere Wagen gewogen wird, ist aus Betriebsrücksichten nicht angängig, praktisch auch kaum durchführbar.

Periodische Gewichtsnachprüfungen sind insofern angeordnet, als außer täglich vorzunehmenden Probeverwägungen zweimal im Monat tunltchst alle Wagen nachzuwägen sind.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir noch auf einen Punkt besonders aufmerksam machen. In neuerer Zeit ist fest- gestellt worden, daß viele Verfrachter gewöhn- heitsmäßig bei verpackten Gütern, die nach dem Reingewicht behandelt werden (Getreide, Malz, Oelsaaten), im Frachtbriefe nur dieses Rein­gewicht, nicht aber das frachtpflichtige Roh­gewicht, das die Verpackung in s i ch schließt, an­geben. Die Verfrachter sind hierbei vielfach der Meinung, daß ihnen ein frachtfreies Gut­gewicht bis zu 2 Prozent der Frachtbriefangabe rechtlich zusteht. Diese Auffassung ist falsch: maßgebend für die Frachtbcrechnung ist stets das wirkliche Gewicht. Nur da cs wegen der nicht immer ganz überein st immendarbeitendenWagen zweifelhaft ist, ob der Unterschied bis zu 2 v. H. nicht hierin feinen Grund hat, greift die Aus­nahme Platz. Wo aber fest steht, daß das Gewicht absichtlich zu niedrig angegeben ist, muß Mehr­fracht und Zuschlag erhoben werden, unter Um­ständen auch gerichtliche Verfolgung eintreten.

Wir würden es freudig begrüßen, wenn Sie in diesem Sinne aufklärend und belehrend auf die Verfrachter einzuwirken ver­suchten."

10. Der Königl. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. ist der regelmäßige Halbjahrsberi,cht über die Lage des

Eisenerzbergbaues im Kammerbezirk erstattet wor­den. Hiernach ist int Erzgeschäft wahrend der Zeit vom 1. Ok­tober 1909 bis 31. März 1910 eine Besserung nicht eingetreten. Gegen Ende des Jahres 1909 hatte sich wohl eine lebhaftere Nach­frage nach Eisenstein geltend gemacht, aber bessere Preise waren nidjt zu erzielen; zu Beginn des Jahres 1910 war ein Still­stand zu konstatieren.

11. Bei der ständigen Tarifkommission ist beantragt, durch eine Ausführungsbestimmung zu jenem Paragraphen der Eisen­bahnverkehrsordnung auch Frachtbriefvorschriften des Inhaltes zuzulassen, daß das Gut bei Eintritt eines Ablieferungs- Hindernisses ohne vorherige Benachrichtigung des Versenders ent­weder

a) sofort bestmöglichst verkauft oder

b) an einen anderen Empfänger weitergesendet werde.

Die Anregung zu den Vorschlägen geht vom Verein der Fisch- industriellen Deutschlands in Altona aus.

Nach Anhörung der beteiligten Streife hat die Handelskammer in einem Bericht an das Tarifamt der bayerischen Staatseisen­bahnen rechts des Rheins die Frage, ob ein allgemeines und dringendes wirtschaftliches Bedürfnis vorliegt, verneint, dagegen die Frage, ob erhebliche Bedenken gegen die Anträge bestehn, bejaht. Und zwar wird in den Sir ei) en des Fischhandels be­fürchtet, daß durch die vorgeschlagenen Tarifmaßnahmen das Ab­gehen unbestellter Fifchsendungen ganz erheblich gefördert werden würde, was durchaus nicht im Jntepesse des Kleinhandels mit Fischen gelegen sei.

12. Beschwerden über die Ueberlastung der Telephonleitungen GießenFrankfurt a. M. und dadurch verursachte Verspätungen in der Vermittlung von Gesprächen zwischen beiden Städten hatten der Handelskammer Veranlagung gegeben, entsprechende Er­hebungen anzustellen und sich bet dieser Gelegenheit überhaupt über Wünsche bezüglich den F e r n s p r e ch v e r h ä l t n i s s e n i m Kammerbezirke zu unterrichten. Als Ergebnis ihrer Er­hebungen hat die Haitdelskammer bei der Kaiser!. Ober-Post- direktion Darmstadt folgende Anträge gestellt: Herstellung einer weiteren Leitung GießenFrankfurt a. M., Herstellung von direkten Leitungen GießenBerlin unb GießenLimburg, Zulassung des Fernsprechverkehrs zwischen Lauterbach einerseits und Alfeld (Leine), Herzberg «Harz), Münden (Hannover), Wa­sungen (Werra), Rheydt, Magdeburg und Rathenow andererseits. Wegen Stellung eines Antrages auf Herstellung einer direkten Fernfprechleitung GießenErfurt schweben zurzett Verhandlungen mit der Handelskammer Erfurt.

13. Die Abhaltung des halbenNachtdienstes beider Fern sprech-Vermittlungs stelle Gieße n entspricht einem offenbaren Bedürfnisse: int abgelaufenen Jahre war nur em Fehlbetrag von 16,80 Mk. zu decken. Die Einrichtung ist auf ein weiteres Jahr verlängert worden, nachdem die Handelskammer wiederum die Gewährleistung einer Mindesteinnahme von 650 Mark für das Jahr übernommen-hat.

14. Bei der ständigen Tarifkommission der deutschen Eisen­bahnen ist beantragt worden, den ArtikelG o n d r o n a n st r i ch" in denSpezialtaris 11 aufzunehmen. In der Begründung dieses Antrages wurdeGondroiianstrich" als Dachschutzanstrich­masse bezeichnet, die aus Steinkohlenteer und verschiedenen mine­ralischen und langfaserigen Bestandteilen zusammengesetzt sei und deren Handelspreis 22 Mart für 100 Kg. betrage.

Die Handelskammer hat int Hinblick darauf, datz der Artikel Rohasphalt auch unter Spezialtarif II geht, den Antrag bei der Kgl. Eisenbahn-Direktion Kattowitz unterstützt.

15. Die Handelskammer hat einen von der Generaldirektion der Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen bei der ständigen Taris- lommijlion eingebrachteu 'Antrag aus Ausnahme von Bohnen- k l e i e und Bohnenschalen in den Spezialtarif III bei der Eisenbahn-Direktion Mainz befürwortet.

16. iDer Syndikus erstattet ferner Bericht über die Verhand­lungen des Hess. Handelskammertages (10. April l. Js. in Mainz), des Deutschen Handelstags (13. und 14. April in Berlin), sowie des 2. Verbandstages des Vereins der Detaillisten im Groß­herzogtum (22. Mai in Friedberg), an welchen Vertreter der Handelskammer teilgenommen haben.

2. .Arzneimittelversorgung an Krankenkassen­mitglieder

(§§ 404406 des Entwurfs einer Reichsversicherungsordnung).

Die außerordentliche Apotheker-Versammlung jam 13. April 1910 in Berlin hat beschlossen, den 8 405 wie .folgt zu fassen:Die Apo­theken haben den Krankenkassen nach näherer Bestimmung der obersten Verwaltungsbehörde einen Abschlag von den Preisen der deutschen Arzneitaxe zu gewähren, falls die Krankenkassen alle Arzneimittel aus den Apotheken beziehen." Es wird also damit die Forderung ausgestellt, daß die dem freien Handel durch die Kaiserin Verordnung vom Jahre 1901 freigegebenen Arzneimittel der Lieferungsmöglichkeit an die Krantenkafsen-Mitglieder ent­zogen werden sollen. Hiergegen wenden sich nun die Drogisten mit aller Entschiedenheit in Eingaben an den Reichstag ünd er­bitten hierzu die Unterstützung der Handelskammern. So hat sich auch der Bezirksverein Hessen des deutschen Drogistenverbandes mit der Bitte an die Handelskammer gewendet, zu befürworten, daß, soweit freigegebene Arzneimittel in Betracht kommen, Drogisten zur Lieferung an Krankenkassen bezw. Krankenkassenmttglieder zuge­lassen werden und die 404406 der Reichsversicherungs­ordnung eine entsprechende Abänderung erfahren. Die Handels­kammer beschliesst in einer Eingabe an die Reichstagsloinmisfion, welcher der Entwurf einer Reichsverficheriingsordnung zur Vor­beratung überwiesen worden ist, die Wünsche der Drogisten, da sie dieselben als durchaus berechtigt anerfeimt, zu befürworten.

3. Eingänge.

Von unterrichteter Seite liegen noch Mitteilungen vor über die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911, sowie über zweifelhafte Firmen in Belgien, Aegypten, Niederlande, Oeftcr- reich-Ungarn, Rumänien, Rußland, Spanien und europäische Türkei.

Interessenten erfahren Näheres hierüber auf dem Sekretariat der Handelskammer.

Das 2s.Gberhessische Zeuerwehrsest.

X Butzbach, 12. Juni.

Aus allen Teilen Oberhessens trafen heute über 1000 Feuer­wehrleute hier ein, um an dem Feuerwehrtag für Ober- Hef) en teilzunehmen. Butzbach prangte im schönsten Festschmuck, besonders der altertümliche Marktplatz mit seinen malerischen Fachwerkbauten. Gestern abend nahm das Fest durch einen Kom­mers in der Festhalle seinen Anfang. Der Kommandant der hiesigen Wehr, Herr Herb old, begrüßte die Vertreter der Behörden. Turnerische Vorführungen, Gesangsvorträge des Ge­sangvereins Orpheus und das Konzert der Hanauer Ulanen ver­schönten die Feier. Heute vormittag tagte im Taunushotel die Delegiertenversammlung unter Leitung des Vorsitzenden für Ober- hesfen, Vetzderger-Nidda. Ärcisamtmann Dr. Gaßncr- Fnedberg sprach namens der staatlichen Behörde, und Beigeord­neter Flach namens der Stadt Butzbach. Die Verhandlungen befaßten sich mit organisatorischen Fragen. Es wurde beschlossen, an den Landesausschuß für Hessen eine Eingabe zu richten, daß bei Befreiungen von den Hebungen unbedingt Gleichmäßigkeit herrschen solle. In den Provinzialausschuß für Oberhessen wurden wiedergewählt: Vetzberger-Nidda, Ferdinand Damm-Friedberg, Brandmeister W i e g a n d t - G i eßen und Kommandant Herbold- Butzbach. Das 22. Oberhessische Feuerwehrfest für 1911 erhält Ober-Rosbach. Das Landesfcuerwebrfest für Hessen findet 1912 in Friedberg statt. Unter Leitung des Pro- vinzialvorsitzenden Vetzderger wurde auf dem Marktplatz eine Hebung der hiesigen Wehr abgehaltcn, bestehend aus einem Brand­ungriff und Geräteexerzieren. Dann sand das Festessen im Hessischen Hof" statt. Herr Vetzderger brachte das Hoch auf den Kaiser und den Großherzvg als den Protektor der hessischen Wehren aus, Herr Da m m - Friedberg toastete auf die Stadt Butzbach, Beigeordneter Flach auf die hessischen Feuerwehren, der Vertreter von Herbstein auf die Bedeutung des Feuerwehr­wesens. .An dem Festzug beteiligten sich 40 Feuerwehren, dar­

unter die Wehren aus Gießen, Lauterbach, Büdingen, Friedbergs Alsfeld, Herbstein,, Vttbel usw. Auch die Wehren von Hanau und Wetzlar hatten Abordnungen entsandt. Auf dem schönen Festplatz entfaltete sich bei Konzert und Tanz ein lebhaftes Treiben, dichte Menschenmassen wogten umher. An den Bahnhöfen herrschte großer Trubel. Die ButzbachLicher Eisenbahn hatte Sonder- zügc eingelegt, die sämtlich stark besetzt waren.

Heber Lärm und Geräusch.

Heber dieses Thema hat kein Geringerer als der Philosoph! Schopenhauer eine Abhandlung verfaßt, welche mit folgenden Ausführungen beginnt.

Kant hat eine Abhandlung über die lebendigen Kräfte ge­schrieben, ich aber möchte einen Trauer- und Klagegesang über dieselben schreiben, weil ihr überaus häufiger Gebrauch im Klopfen, Hämmern und Rammeln mir mein Leben hindurch zur täglichen Pein gereicht hat. Allerdings gibt es Leute, ja recht viele, die hierüber lächeln, weil sie unempfindlich gegen Geräusch find, es sind jedoch eben die, welche auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke, kurz gegen geistige Eindrücke jedcr Art sind, denn es liegt an der zähen Be­schaffenheit und handfesten Teklur ihrer Gehimmasse. Hingegen finde ich Klagen über die Pein, welche denkenden Menschen der Lärm verursacht, in den Biographien fast aller Schriftsteller, z. B. Kants, Goethes, Lichtenbergs, Jean Pauls."

So weit Schopenhauer, der die allgemeine Toleranz gegen unnötigen Lärm geradezu als ein Zeichen der allgemeinen Stumpf-' heit und Gedankenleere ber_ Köpfe bezeichnet.

Es isst! kein Zweifel, daß unsere liebe Stadt, wie in so vielem anderen, auch in der Toleranz des Lärms ohne Rücksicht auf den Nachbarn obenansteht. Ein angenehmes Geräusch ist hier das des Teppich- und Bettenklopfens, welches aus allen Ecken von morgens bis abends ertönt. Aber man nimmt es hin, denn es hat wenigstens einen Zweck, es dient der Reinlichkeit, die mit Recht zur Religion des modernen Menschen gehören soll. Und so muß man sich auch an die Geräusche der Gewerbebetriebe gewöhnen, zwischen die der ruhige Bewohner hier in Gießen so angenehm überall ein­geklemmt ist. Auch sie haben ja einen Zweck und unter dieser geräuschvollen Arbeit hat man doch wenigstens einen himmlisch trostreichen Gedanken: Es gibt einen Feierabend! Um 6 Uhr herrscht Ruhe, die nun doppelt, wohltut. Temzuliebe verzeiht man dem Gewerbe endlich seinen etwas harten Lebensodem.

Aber welchen Zweck hat der Lärm und Radau, der nicht nur am Tage sich breit macht, sondern erst nach Feierabend seine höllischen Orgien beginnt. Da werden Signalhörner aus dem Fenster geblasen, im Hause daneben kräht ein gemeines Grammo­phon, dessen Schallwellen angenehm durchkreuzt, aber leider nicht vernichtet werden von den Tönen einer Ziehharmonika aus dem anderen Stockwerk. Von rechts und links ertönen zwei Pianinos, von denen das eine auf den Chopinschen Walzerfemper idem", das andere bloß aus dieDollarprinzessin" Ebenfalls Marke fernher idem) dressiert ist. Auchein Leu", Mitglied eines Ge­sangvereins,mit Gebrüll richtet sich auf", aber niemals wirds still!

Selbst Darwin, der so vieles über Zwecke erforscht hat, würde nicht herausbekommen haben, was diese Emanationen für einenZweck haben, wenn es nicht der ist, seineMttmenfchen zu ärgern. Denn wenn das nicht die Absicht wäre, ließe sich die Frage nicht beantworten, warum werden zu all dem Skandal die Fenster geöffnet. Man ließe sich gefallen, wenn die vielseitigen Künstler ihreMusik" in ihr stilles Stämme-rlein einschlöffen. Sie sollten doch erwägen, daß ihre prunkvollen Leistungen, mit denen sic die Mttwelt be­glücken wollen, nicht bloß von der Kritik der unfreiwilligen Zu­hörer, sondern vor allem durch die Konkurrenz aus den Neben- fenstern völlig. tot gemacht werden.

Der Mensch darf auch einmal luftig sein, und dabei einen gemäßigten Lärm vollführen, der vorübergeht, aber der hier be­zeichnete Lärm kehrt alle Tage wieder und ist keine Aeußerung lustiger Lebensgefühle, fondern bloßer Monomanie, die aus einem dunklen Triebe blasen, quieken, klimpern, brüllen muß.

Ein «einfaches Mittel gibt es dagegen nicht. Schopenhauer, Kant, Goethe lesen diese Leute nicht. Polizeiverordnungen, die, wie die Sage geht, auch hier verlangen, daß Musikathleten ihre Fenster schließen sollen, kümmern sie ebenfalls nicht.

Aber es gäbe dennoch ein Mittel der Abhilfe, und wie wir hören, wird dasselbe in der Stadtverwaltung erwogen. 'Utan.. will im Anschluß an die Neubauten jenseits der Lahnbrücke eine städtische Lärm- und Radauhalle bauen.

Wie man Gelegenheit schafft, daß die Fußball- und Tennis­spieler statt in den Straßen, auf eigenen Plätzen ihre Kräfte aus- toben, so sollen auch die Geräuschathleten ihren Radausaal haben. Ein großer Paukboden für Klaviere soll zur Verfügung stehen, Hörner, Harmonikas, Trommeln und Grammophone stehen in Menge bereit. Jeder Spieler hat an feinem Platze ein Trittbrett, durch dessen Druck sich sämtliche Fenster öffnen, um den Bewohnern der benachbarten Neubauten, deren Gehirnmasse die passende Be­schaffenheit besitzt, den Mitgenuß derMusik" zu ermöglichen.

Spielplan der vereinigten frankfurter Stadttheater.

Opernhaus.

Mittwoch *):Der Freischütz." Donnerstag:Ter Barbier von Sevilla." Freitag, abends 71/, Uhr:Die geschiedene Frau." Samstag, abends 6 Uhr:Die Walküre." Sonntag: ,2er Gras von Luxemburg." Montag, abends 7'/, Uhr:Cavalleria rusticana/ Hierauf:Der Bajazzo." Dienstag:Das Glück." Hierauf:Die Regimentstochter." Mittwoch geschlossen. Donnerstag, abends 6 Uhr:Die Meistersinger von Nürnberg."

Schauspielhaus.

Mittwoch'):Brand." Donnerstag, abends 71/, Uhr:Tas Konzert." Freitag, abends 7'/^ Uhr:Ein Sommeruachlstraum." Samstag:Buridans Esel." Sonntag, abends */,7 Uhr:Faust." Erster Teil (mit Prolog im Himmel). Montag:Ter Raub der Sabinerinnen." Dienstag:Moral." Mittwoch:Ter Raub der Sabinermnen." Donnerstag, abends 7'/, Uhr:Die Braut von Messina."

*) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr.

liiuuer »cye ouveuiman.

Mass erwärme der Lahn 161/, °R.

Meteorologische Beobachtungen der Station (Siegen.

Wetter

eo

S I 2

WNW NW

2

2

7

10

10

Juni

1910

GD

22,9 °a

14,8 °C.

Höchste Temperatur am 12. bis 13. Juni 4-

Riedrigste , , 12. , 13. = +

Ifi IIP

CO x>

5-1

13.

2«

741,8

21,4

13,3

70

13.

9

742,5

19.4

14,3

86

14.

7«

744,6

17,2

13,2

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