Ausgabe 
13.10.1910 Zweites Blatt
 
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Mr. 240

Zweites Blatt

Donnerstag 13. Oktober IN 10

160. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

te

Rotationsdruck und Vertag der Brüht'schnn UniversuätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strage 7. Expeditton und Vertag: 61.

Redakttoru^Elir. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Erscheint tügltch mit Ausnahme des Sonntags.

Dieiiebriier LamttiendlStter" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Xreirdlatt für den Kreis Glehen" zweimal wöchentlich. DieLandvirtschafttichen Sett- fragen" erscheinen monaUich zweimal.

Zur Vereinfachung der Staatsverwaltung

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.»lebertraguna des Revisionswesens auf die Kreisämter sehr Angebracht, da ja durch diese bereits die Visitationen der , gemeindekassen vollzogen werden und da alsdann, Revi- ton und Visitation in dieselbe Hand gelegt, Gewähr für Vl achgernaße Beaufsichtigung geboten wäre. Mein dieses Vorhaben des Staatsministeriums stieß auf energischen

A widerstand der Beamten der Oberrechnungskammer, welche aj ürchten, durch diese Organisationsveränderung aus der Residenz versetzt zu werden. Es wurde geltend gemacht, > nur die Oberrechnungskammer eine Gefahr für die mSgiebige und unabhängige Kontrolle des staatlichen, Kreis- md Gem eind e-Re chrrun gs wes en s bieten könne, eine Behaup- ung, die durchaus nicht durch Beweise unterstützt zu werden i >ermaa und auch durch die Revisionseinrichtungen in an- gieren Bundesstaaten widerlegt wird.

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hreibt man uns aus Darm stadt:

- Der Dereinfachungsgedanke wurde bis jetzt am ein- hneidendsten in dem Ministerium selbst verwirklicht.

Stelle des Vorsitzenden in der Eisenbahnabteilungt, dl atme die Aemter von vortragenden Räten in den Ministeriab- bteilungen für Land wir tscl>aft und für Forstwirtschaft tour­ten nicht wieder besetzt; ein recht guter Anfang. Man hat 2 ber bis jetzt bei dem Heere der mittleren Beamten 'Halt J emacht. Jede Ministerialabteilung hat noch immer ihre besondere Buchhaltung, ihre Registratur und ihre Kanzlei. ^>ie Angliederung dieser Dienststellen an die entsprechender! Illnrter des Mnisteriums selbst könnte dem Lande eine Ij an&e Reihe kostspieliger Beamten ersparen; es würden ierdurch jedenfalls mehr Ersparnisse erhielt werden als nrch die Anordnung, z,u Ausfertigungen nur einen halben i. togen §u benutzen.

II Noch völlig unberührt von der Verwaltungstwreinfach- ng sind bisher die Ständekammern geblieben, ob- A »hl gerade hier der Ausschuß mit leicht zu verwirklichen- ni en Sparvorschlägen kommen Tonnte. Jede Borstel- ung, jeder Antrag und jede Anfrage wird | edruckt, und sie gewinnen dadurch in den Augen des

Zur nachhaltigen Gesundung unserer Finanzen wurde inmutig die Verbilligung der Staatsverwaltung gefordert, V durch Vereinfachung und Herbeiführung von Ersparnissen rreicht werden sollte. Der Antrag der Abgg. Haas, Dr. >sann und Gen., der dies forderte, sand die einmütige Billigung beider Kammern, und der Ausschuß, der aus Wirmer-Mitgliedern zur Verein ftrcl)ung der Staatsverwal- ima gewählt wurde, tagte zum ersten Mal am 31. Mai . 5- unter dem Vorsitz des Staatsministers Dr. Ewald rit den beiden anderen Ministern. Schon in dieser Sitzung Imrden verschiedene geplante Organisationsveränderungen ntgeteilt. Nachdem nun aber seitdem wieder vier Monate 15 Land gegangen sind und die Vorlegung des neuen Ztaatsbudgets für 1911 in nicht ferner Zeit bevorsteht, rscheint es angebracht, zu untersuchen, was bis jetzt in et Richtung der Vereinfachung unserer Staatsverwaltung nternommen wurde und was Aweckmäßigerweise wohl zu nternehmen wäre.

' utors an Bedeutung, wenn auch von vornherein klar zu 1 cfeljen ist, daß die vorgetragenen Wünsche unberechtigt der nicht zu verwirklichen sind. Hierzu gehören auch die rogrammatischen Anträge der Parteien, die zu Beginn M ckres Landtags eingebracht werden und außer den jedes- a raligen Drucktasten auch dem Ministerium cüle drei Jahre . neder dieselbe Arbeit der Beantwortung verursachen. Es -st)llte zum mindesten die Wiederholung solcher Anträge und ie damit verbundene Drucklegung, Beantwortung usw. nterbleiben. Zur Verhinderung von unberechtigten, zweck- >fen Bittschriften sollte, wie schon häufiger verlangt wurde, g -ne Instanz ähnlich wie im Reichstag geschaffen werden, Ij Le solche Vorstellungen a limine als ungeeignet Kur Ver­handlung zu erklären hätte. Auch die schon des öfteren Angeregte Ablösung der Diäten bet Abgeord- eten wäre ein Mittel zur heilsamen Beschränkung des Redeschwalls so mancher Abgeordneten, wodurch der Umfang _ er Protokolle und damit der Sitzungen und der Losten dafür Erheblich eingeschränkt werden könnte.

I Im Bereich des St a ats m inist eriums trug man ch im vorigen Jahr mit dem Gedanken einer Reform der )berrechnungskammer, insbesondere durch Uefcertra* ung der Prüfung der nichtstaatlichen Rechnungen von der )berrechnungskammer auf die Lokalverwaltungsbehörden, . i. Kreisämter. Jeder, der einen Einblick in das hessische ötaatsleben und besonders in seinen vielgestaltigen Be­nt tenorganismus zu tun in -der Lage ist, war erfreut L ber die beabsichtigte Reform dieses mit Beamten sehr U eich ausgestatteten Staatsinstituts; vor allem schien diese

d Bei der In st izv e r wa l tung sind bereits eine Reihe nm Veränderungen zur Vereinfachung der Staatsverwal- nng vorgenommen worden. So die Aufhebung der Derber-Strafanstalt in Mainz und der bisher dem

A ^tovinzialarresthaus zu Darmstadt angegliederten Jugend- - icben-Abteilung. Es ist noch manche andere Organisatcons- - rnoerung geplant, wenn auch bei den Gerichten selbst wohl eine Ersparuna von Personal schwerlich Au denken ist. ^böchstens konnte Hier bei kleineren Amtsgerichten an die 1 Zuteilung von Orten aus anderen Gerichtsbezirken gedacht " verden, wodurch eine Entlastung stärker belasteter Aemter fr Hntteten könnte. Auch die Aufhebung kleiner Aemter, wie ^Mmpsen, müßte bei dieser Geleaenheit in Erwägung ge­zogen werden. Dieser Ort mit seinen ca. 3000 Gerrchts- . eingesessenen fanrt die für ein Gericht notwendigen Beiam- ! tpi gar nicht beschäftigen. Ein zwei- bis dreimal monat- ! lich dort abgehaltener Gerichtstag dürfte für die Bedürf- rciffe dieser Enklave vollständig genügen.

An die schon im Frühjahr in der Press/ angeregte eC Reform des Notariats scheint man in den maßgebenden Kreisen nicht herantreten zu wollen.

Zur Volkszählung am Dezember MO.

Nach fünfjähriger Pause findet am 1. Dezember im Deutschen Reiche wieder eine Volkszählung statt, deren Lei- ahmg für Hessen wie bei den früheren Zählungen der Großh. cl Zentralstelle fiir die Landesstatistik übertragen worden ist. Durch die VolTszählung soll die o r t s a n w e s e N d e B e -

v öl kerun g, festgestellt werden, b. h. die Gesamtzahl der innerhalb der Grenzen Tes Großherzogkums in dec Nacht vom 30. November auf 1. Dezember anwesenden Personen, gleichgültig, ob ihre Anwesenheit ständig oder nur vorüber­gehend ist. Me vorübergehend abwesenden Personen wer­den nur zu 'Kontrollzwecken ausgenommen. Gleichzeitig ist damit die Feststellung der bewohnten und un­bewohnten Wohngebäude und der anderen zurzeit der Zählung zu Wohnzwecken benutzten festen oder beweg­lichen Baulichreiten (Schiffe, Wagen, Zelte usw.) verbunden.

Jeder Haushaltungsvorstand hat die Pflicht, alle über die Personen seiner Haushaltung verlangten Nachweise zu liefern urfb die Zählpapiere tunlichst selbst aus^uTullen. Als Zählpapiere kommen die Zählkarte und die Haushal­tungsliste in Betracht. Erstere ist für jede einzelne Person, letztere jeweils für eine Haushaltung oder einer Haus­haltung gleichzuachtende Gemeinscl>aft auszustellen. In der zur Verwendung kommenden Zählkarte wird erfragt: Vor- und Familienname, Verwandtschaft oder sonstige Stellung zunr Haushaltungsvorstand, Geschlecht, Alter, Familienstand, Hauptberuf, R.llgionsbelenntrris, Staatsangehörigkeit, end­lich, ob aktive Militärperson. Die Fragen sind im Vergleich mit früheren Zählungen sehr eingeschränkt. In die Haus- haltungsliste, die einen Einblick verschaffen soll, wie die einzelnen Personen haushaltungsweise zusammengehören, sind nur wenige Fragen aus der Zählkarte übernommen, nämlich Vor- und Familienname, Geschlecht, Religions­bekenntnis und Verwandtschaft oder sonstige Stellung zum Haushaltungsvorstand. Auch die vorübergehend ab^wesen- den Personen sind in diese Liste em^utragen, während eine Zählkarte für diese nicht au'szufüllen ist.

Die Zusaminenfassung der Personen nach Hausl-altnn- gen im Sinne dieser Zählung ist in manchen Fällen nicht aanz leicht. Die Erläuterungen, die der Haushaltungsliste beigedruckt sind, sagen darüber folgendes:

Für jede Haushaltuna ist eine Haushaltungsliste mit einliegenden Zählkarten bestimmt. EineHaushaltung" bUden die zu einer wohn- und Hauswirtsichrftlichen Ge­meinschaft vereinigten Personen einschl. der Zimmer­abmieter, Logisherren, Schlafgänger usw. Einzeln lebende Personen mit besonderer Wohnung und eigener Haus­wirtschaft gelten als selbständige Haushaltuna.

Gasthäuser, Anstalten (Kasernen, Lazarette, Kranken-, Versorgungs-, Erziehungs-, Strafanstalten, Ge­fängnisse, Klöster, Pensionate usw.), Massenquartiere, Schiffe 8erfaßen gewöhnlich in mehrere Haushaltungen:

a) Es sind einmal soviel Haushaltungslisten auszu­füllen, als Familienhaushaltungen vorhan­den sind, also je eine Haushaltungsliste für die Fa­milie des Gastwirts, für die des Anstaltsvorstehers, Direktors, Verwalters, Aufsehers, Wärters, für die Familien der verheirateten Unteroffiziere usw.

b) Ferner sind in einer besonderen Haushaltungsliste zusammenAusassen die Logiergäste mit dem gewerb­lichen Gasthauspersonal, die Anstaltsinsassen mit dem in der Anstalt untergebrachten und beköstigten un­verheirateten Personal, die Fahrgäste mit der Be­mannung eines Schiffes. Das gewerbliche Perso­nal (Kellner, Zimmermädchen, Krankenwärter, Pfle­gerin, Matrose usw.) ist als solches in der letzten Spalte der Haushaltungsliste besonders kenntlich zu machen.

Wo sich bei Ausfüßung der Zählpapiere Schwierig­keiten ergeben, ist es Sache der Zähler, behilflicb zu sein.

Die Volkszählung ist ein außerordentlich beoeutsames und zugleich sehr interessantes Geschäft. Ihr Zweck ist, über wichtigste nationale Fragen bestimmte und klare Aus­kunft zu schaffen. Diesen Zweck kann sie aber ohne die freiwillige Mitwirkung vieler nicht erreichen. Leider hat man nun bei den letzten Zählungen die Erfahrung machen müssen, daß die Bereitwilligkeit hierzu keineswegs so leb­haft und so allgemein war, wie man hätte wünschen und erwarten sotten. Besonders in den größeren Städten hat es sich als immer schwieriger erwiesen, freiwillige Zähler in genügender Anzahl zu gewinnen. Es handelt sich um ein Ehrenamt, das freilich keineswegs von jedem be- tteidet werden kann; denn es setzt ein nicht geringes Maß von Intelligenz und Gewandtheit voraus. Aber gerade deshalb sottten es sich namentlich die Beamten und die Lehrer, als hierzu vorzugsweise geeignet, nicht verdrießen lassen, durch seine Uebernahme der Mgemeinheit einen wichtigen Dienst zu leisten. Die Staats- und Gemeinde­behörden werden darauf bedacht sein, ihren Beamten und AngesteNten, die sich zur Mitwirkung an dem Zählgeschäft bereit erklären, so weit ttgend möglich, für die Dauer dieses Geschäftes von ihren fonftigen Dienstarbeiten frei zu geben. __________________

Die Verftarbeiter-vewegung.

Hamburg, 12. Okb Die Werftarbetter v erharren im Ausstand; eine Einigung wurde bisher nicht erzielt.

Flensburg, 12. Okt. Auf der hiesigen Werft setzte heute der Aus stand wieder in vollem Umfange ein, da die Werst sich weigerte, die Arbetter sämtlich heute morgen wieder einzuftetten.

Hamburg,. 12. Ott. Die Wörmannlinie ver­handelte heute mit den Vertretern der Arbetter ihrer Re­paraturwerkstätten und erkannte die mit den Werften ge­troffenen Abmachungen an. Die Wiedereinstellung der Llr- t>eiter soll nach Bedarf vorgenommen werden. Die be­antragte Verkürzung der Arbettszett tvurde genehmigt, welche für die Arbeiter bereits erngefthrt ist, die sich dem Ausstande nicht angejchlossen haben. Heute nachmtttag fan­den Verhandlungen zwischen den Verttetern der Werftarbeiter und des Gejamtverbandes deutscher Metallindustriellen statt, die morgen vomrittag fortgesetzt werden sotten.

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23 erlitt , 12. Ott. Die Haupt st elle deutscher Arbeitgeberverbände hält am 28. d. M. eine Vor­stands- und Ausschußsitzung ab. Neben der Erledigung der regelmäßigen geschäftlichen Angelegenheiten sott sich die Erörterung insbesondere auf die umfangreichen Ar­beiterbewegungen des laufenden Jahres uud hie daraus zu ziehenden Folgerungen ersttecken.

Kabinettswedifel in Griechenland.

Athen, 12. Ott. Das Kabinett ist zurück- getreten. Der König hatte mtt dem Ministerpräsi^ deuten eine längere Unterredung über die Demission des Ministeriums. Der König behielt sich vor, zunächst die Parteiführer zu befragen.

Die Reichsversichernngsordnnng.

:: Berlin, 12. Oktober.

Der Reichsversicherunqs'Ausschuß führte heute die Verhand­lungen über die Leistungen der Invalidenversicherung weiter. D»e Sozialdemokraten haben weitgehende Anträge zur Erhöhung der Leistungen gestellt. Ties würde eine Steigerung auch der Beiträge der Arbeitnehmer um mehr als das Doppelte bedingen, von jetzt 218 Millionen aus 450 Millionen. Ter Aus­schuß hält es für unmöglich, der Arbeiterschaft solche Lasten auf­zuerlegen und lehnt die sozialdemokratischen Anträge ab. Die §§ 12821284 der Vorlage wollen eine verschiedene Be- haiidlung der freiwilligen und der Pstichtbeiträge bei der Berechnung der Hinterbliebenenrente einiühren, weil an­genommen wird, daß sonst die Belastung durch die Hinter­bliebenei, - Versicherung zu groß sein würde. Gegen diese Tifferenziertmg sprechen sich aber alle Parteien aus: öie.Durchführung würde die größten Schwierigkeiten machern Diese Paragraphen werden daher gesttichen. Bei § 1290 wirbt ein Anttag angenommen, wonach, wenn beim Tode des Emp­fängers die fällige Rente noch nicht abgehoben ist, nach dem Ehe­gatten, den Kindern und den Eltern auch die Geschwister be-ugs-- beredttigt sind, wenn sie mit ihm in häuslicher Gemeinschaft gelebt haben. Nach § 1292 wird die Rente entzogen, wenn der Emp- tätiger infolge einer Aenderung in seinen Verhältnissen nichts mehr invalide im Sinne der in Frage kommenden Bestimmungen: ist; auf Anttag der Sozialdemokraten wird statt dessen gesagt: infolge einerwesentlichen" Aenderung in seinen Ver­hältnissen.

Nach § 1294 kann die Rente ganz oder teilweise auf Zeck entzogen werden, wenn sich ein Rentenempfänger ohne gesetzt lieben ober sonst triftigen Grund dem Heilverfahren entzieht unä dadurch die Beseitigung der Invalidität verhindert. Das Gleiche gilt nach einem Anträge der Konservativen, der ange­nommen wurde, wenn er sich ohne Grund einer Nachuntersuchung oder Beobachtung in einem Krankenhanse entzieht. Uebet die örtliche Zuständigkeit der Versicherungsanstalten besagt §1315: Tie Versicherungsanstalt umfaßt alle in ihrem Bezirke Besck)äf- tigten, die nicht in Sonder an statt en ihrer Verftchermigs pflicht genügen Werden Personen in einem Betriebe beschäftigt, dessen Sitz in dem Bezirk einer anderen Versicherunosanstatt liegt, sq können sie mit Zustimmung der beteiligten Versrcherungsanstatten auch bei der des Betriebssitzes versichett werden. Der Zusatz^ den § 1315 enthielt, wonach Mitglieder einer Bettiebsttanken^ taffe auf Anttag des Arbeitgebers bort versichett werden müssen­wird gestrichen.

Nach § 1342 muß die Versicherungsanstatt mindestens ein Viertel ihres Vermögens in Anleihen des Reichs oder der Bundes­staaten anlegen. Die Sozialdemokraten beantragen einet Bestimmung, die eine Förderung des Arbetterwohnungsioesenä durch das Vermögen der Versicherungsanstalten bezweckt. Reichs«» schatzsettetär Wermut begründet die Forderung der Vorlage mck dem Stande der Kurse unserer Reichs- und Staatspapiere. Es handele sich hier nur um ein kleines Mittel, immerhin aber um ein Mittel. Opfer werden den B er sicherungs an statten in keiner Weise zugemntet, sondern nur eine kleine Mitwirkung. Die Ver­handlung hierüber wird Donnerstag vormittag sottgesetzt.

An» Stadt unö Land.

Gießen, 13. Oktober 1910.

**ZurStadtverordttetenVahl. Der zur VoD^ bereitung der Stadtverordnetenwahl gebildete Bürgerschafts- ausschuß besteht, wie uns zur Ergänzung unserer gestrigere Meldung nritgcteüt wird, aus je zwei Verttetern deS Bürgervereins und der Handwerkerverevrigung, vier tot tret em der Bezirks vereine und je einem Vertreter den Beamtenschaft, des nationalliberalen Vereins und der po-- littsch rechtsstehenden Gruppen (Deutschlsozialen, Christliche sozialen und Mittelstandsvereinigung), zusammen also auÄ elf Verttetern. Die Erklärung der Vertreter des frei* finnigen Vereins lautete dahin, daß dieser Verein gründe sätzlich auf dem Standpuntte stehe, die Sozialde mo trat en her den Verhandlungen über die Stadtverordnetenwahl zu- zuziehen unb auch soz>ialdemokr. Kandidaten auf die gemein­same Kandidatenliste zu setzen. Diese beiden Ford^Tungerri waren aber mit großer Mehrheit von der Vertteter-iBei> scrmmlung abgelehrtt worden. Daraufhin verließen Idie beiden Vertreter der Freisinnigen den Saal. Wie hoch die Zahk der den Sozialdemottaten zuzubilligenden Sitze sein solle, ist in den beiden vorbereitenden Versammlungen von de« frei)tintigen Verttetern nicht gesagt worden.

** Museum des Obert)eff. GeschichtSvereinS. In dieser Woche haben Ausgrabungen auf dem Reihen- friedhof der fränkischen Zeit am WeftauSgang von Leihgestern stattgefunden, die von außerordentlichem wiffenschaftlichen Werte waren. Die mächtigen Elchensärge enthielten außer dem Skelett zahlreiche seltene Beigaben. ES seien besonder« er­wähnt: Bronze- und Perlenschmuck, GlaS- und Tongefüße, sowie schön bearbeitete flache Holzteller. ES waren Frauen­gräber, davon zellgten die Spinnwirtel und Teile vom Flachs- stock. In einem Sarge lag ein zierlicher unversehtter Schuhleisten und als besonderes Schmuckstück ein durchbohrtttk Reißzahn des Bären, der als Anhänger gedient hat. Kämme und beinerne Zierplatten mit Zeichnungen vervollständigten das Grabinventar. Die interessanten Funde auß dem 5. nach­christlichen Jahrhundert werden der W. Gail-Sttftung ein- verleibt werden und sind in der nächsten Zeit im Museum besichtigen.

X Großen-Linden, 12. Okt. (Volksschulwesen.)! Bis zum Jahre 1848 war hier nur eine Schulklasse^ damals wurde die zweite, 1888 die dritte, 1894 die vierte und heute die fünfte Klasse eingerichtet.

§ Aus dem Kreis Alsfeld, 12. Ott. Mit einer sehr zeitgemäßen Arbett hat unsere Kreisschulbehörde bifl Lehrerschaft des Kreises betraut, nämlich mit der Ab<^ fassung einer Ortschronik. An einer solchen mangelte es seither mit wenigen Ausnahmen in allen Orten des Kreises. Die Ortschroniken bilden aber eine wichtige Grundlage eines Geschichtsunterrichts, der auf ber Heimat^ künde fußt. In unserem Kreise gibt es manche One, wig z. B. Merlau, wo früher ein wichtiges Schloß gestanden