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Zweites Blatt
160. Jahrgang
Mittwoch 13. April 1010
Erscheint tägtid) mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Stetzener Zamiliendlätter" werden dem „Mngetger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Siehrn" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Ai.Mger
General-Anzeiger für GberheMn
Rotationsdruck und Verlag der BrShl'fchen UnioersilätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und 2)ruderet: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion:^^ 112. Tel.-Adr.: AnzergerGießen.
int englischer Minister bat unter Bezugnahme auf Preußen cs ihg-clehnt, im Auslande Vorbilder für sein Verhalten zu suchen. Tic Junker haben hier mit Königstreuc außerordentlich viel her- imgcivoricn. Es gab aber eilte Zeit, da ihre Vorfahren über fciiigc und Fürsten anders dachten. Waren es dock) gerade die konahren der Konservativen, die einst riefen: „Jochimke, Jochimke, jutc Dich, fangen wir Dich, so hangen wir Dich!" Im Zirkus kusch aber sagte man, bei der Erwähnung des Wortes „Brot- vucher" solle ein kräftiges „Pfui" bis zum Throne hinauf er- svrllen. Hat nicht auch ein konservatives sächsisches Blatt ausge- iühat, wenn das Landvolk zur Verzweiflung getrieben werde, inb' sich mit dem Proletariat der Städte verbünde, dann werden
Die Annahme der preuhijchm wahlreqisoorlagt.
(Fortsetzung aus dem 3. Blatt.)
Abg. Dr. Friedberg (Natl.): Unaufrichtigkeit tvollte ich .Herrn Herold nüt-t vorwerfen. Er hätte aber notwendig erwähnen müssen, daß wir zwar die Maximierung bekämpfen, daß wir cber dafür vorgeschlagen haben die Erhöhung des fingierten Steuersatzes von 3 auf 5 Mart und eine prozentuale Festsetzung der Wählerzaht in den oberen Klassen, wodurch wir eine flackere Besetzung der oberen Klassen herbeigeführt hätten. Im allgemeinen hat die Maximierung einen Teil ihrer Wirkung verloren, aber im einzelnen wird sie genau dieselbe Wirkung haben wie die Trittelung in den Urwahlbezirken. (Beifall bei den Natt., anhaltende Unruhe.)
Abg Tr Bell ^Zentr.): An der Tatfache können doch alle ikwischenruse nichts ändern, daß der plutokratische Charakter des Wahlrechts durch nichts mein abgewendet werden kann als durch bi* Triticiung in den Urwahlbezirken, und daß die Nationalliberalen otgen diese Drittelung bis zur Stunde ankäinvicn, und zwar in Ausführungen, die sich nicht so sehr an dieses Hohe Haus, als an eine andere Stelle richten. Die Lagern diesein Haufe ist doch so: zwei Parteien treten gegen die Drittelung aus, alle Trigen sind dafür. Tos kann doch die Regierung nicht veranlassen, sich auch gegen die Drittelung auszusprechen. Die Na- iwnalliberalen drehen die Sache nun immer so, daß nuft die "ZationQlliberalcn unter der Drittelung leiden, sondern bau. die Zadustrie darunter leidet. Ich muß als Vertreter eines Jndnftrie- fcrises mit allem Nachdruck mich dagegen wenden, daß National- Jiberatc und Industrie dasselbe sind. Auch das Zentrum verleit die Interessen der Industrie. Die Nationalliberalen treten hort, wo es ihnen nützt, für die Drittelung nach Gemeinden ein. Bit einem Artikel der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung" (Zuruf: Ist nicht nattonaltibcral!) wird der krasse Parteistandpunkt ver- ttcten, die Drittelung beruhe halten, denn dann könnten^die Na- hcitanibcralen ein paar Mandate wiedergewinnen. Die Na- tonalliberalen sagen einfach, es ist unsere Pftzicht, die liberale Mehrheit aufrecht zu erhalten. (Zuruf: DaS ist nur natürlich!., :Cbet der Landtag und die Regierung hat doch keine Veranlasfung, ehte bcftiimnte Partei zu unterstützen. (Sehr richtig! auch bei bei Soz.) Ich folge diesmal auch der Ansicht der Sozialdemo- traten. Ich ziehe setzt das Fazit aus meinen Ausführungen. (Zuruf: Zentrum ist Trumpf! — Heiterkeit.) Nein, Zeittrum ist richt Trumpf, aber die Nationalliberalen möchten gern Trumpf Krrben. Noch in letzter Stunde richten wir den Apell an das drhe Haus und die anderen maßgebenden Faktoren, nicht den rationalliberalen Standpunkt zu vertreten: Wahlmacht geht vor Wahlrecht! (Beifall int Zentrum.)
Abg. Schiffer (Natl.): Das war also eine Rede, die einen lmuartciischen Standpunkt ausdrücken sollte. (Heiterkeit.) Ob dieser Zf>eck von dem Abg, Bell erreicht ist, möchte ich allerdings hin- ceil ellt sein lassen. Im übrigen befolgten seine Ausführungen tat Gruitdsatz: Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge, beMft auch rerfft! lHeiterkeit.) Die civige Wiederholung des Satzes, ba> beste Mittel, den vlutotrattschen Charakter des Wahlrechts zu beseitigen, fei die Drittelung, mack)t diesen Satz iwch nick-t richtig. In der Statistik der Regierung ist unwiderleglich dar- gelegt, daß die Drittelung in den Urwahlbezirken nur eine ganz geringe Persclnebung der zweiten und dritten Klasse im Gefolge h.n. Aber aus diesen Teil der Statisttk gehen (Sie, die Sie doch so ererit sonst immer die Stattstik heranziehen, nicht ein. Warum widerlegen Sic die Regierung nicht, warum bekämpfen Sie nicht dir, ' Statistik! Uebrigcns ist die Regierung ja selbst von der drittelung der Urwahlbezirke abgegangen. Nun wagt das Zentrum — Ich kann es nicht anders fassen — uns vorzmverfen, daß wir keine antiplutokratischen Vorschläge gemacht hätten. Der neu-eflc Führer des Zeittrums, Herr Bartfcher (Große,Heiterkeit), — wenigstens Führer in den berühmten Zwischenrufen — bat gesagt, wir hätten nur ein Sinicngeridjt bei der Minimierung gibeten. Za. warum bqben Sie die paar Linsen aber,nicht go noramen? Aber für untere Vorschläge, die zweifellos sich gegen bn vlutokratifchen Charakter richten, waren Sie nicht zu haben, 6it haben sie sogar bekämpft als antiplutokratische Gleichmacherei. Darum ? Weil diese Maßregeln im ganzen Lande gleich wirken nnb nickt allnn Ihren Interessen dienen. So erklärt sich das ganje Bild. Es bleibt trotz vieler Reden nichts anderes übrig: biij diese Vorlage, so wie sie ietzt besteht, im wesentlichen den Interessen des Zentrums dient, desselben Zentrums, das sich hin- ßellt und behauptet, daß es die Unparteilichkeit in diesem Hause bertritt. (Lebh. Beisall links.)
Abg. Lein er t (Soz., mit großer Heiterkeit empfangen, da tr ein großes Aktenbündel hervorzieht): Das Verhalten des Zentrums ist so, daß man es überhaupt nicht mehr bezeichnen Tanii. Tie Verbindung der geheimen Wahl mit der indirekten Wahl ist r.ichts weiter als eine Aushöhlung der geheimen Wahl. Das Zentrum ist sich vollständig klar darüber, daß die geheime Wahl isdeutungslos wird durch die indirekte Wahl. Schon daß die kchcirnc Wahl ein Geschenk der Konservattven ist, muß miß- . ironisch machen. Es ist nur ein Danaergeschenk. Eine Wahl- lckttsreform mit den Konservativen kann es überhaupt nicht jiicn, eine Wahlresorrn kann nur gegen die Konservativen gemacht kerben. Gebet dem Bolle, was des Volkes ist. Aber die Kon- krrvativen wollen das Volk in der Dummheit konservieren. Dxr «.eußische Landtag hat bis 1908 ein bejammernswertes Dasein xführt. Erst als die Sozialdemokratie in dieses. Parlament rintrat, hat es Bedeutung bekommen. iLachen rechts.) Man tiVt sich darauf, das Herrenhaus und die Regierung werden Ls diesem Wcchselbalge etwas Brauchbares machen. Aber eine jifcrc Wahlrechtsreform hätte nur hier im Abgeordnetenhause
yidKifjen werden können. Zentrum und Nationalliberale tragen bh Schuld, daß daS Volk das Naturrecht verloren hat, selbst ji bestimmen, wie es regiert sein will, und das Schlimmste ist, ;k{3 sich das Zentrum bei den Konservattven selbst angeboten it, wie jetzt in der „Schlesischen Zeitung" nachgewicscn ist. 'eir v. Hcvdcb'.and hat den Nationalliberalen gut zugeredet, kscni Wechselbalge ihre Zustimmung zu geben. Draußen heißt . anders. Herr v. Oldenburg hat in einer Versammlung zu lönigsberg erklärt, er wolle lieber vor die Hunde gehen, als rit diesen koddrigen Nationalliberalen zusammen Politik zu machen.
In Süddcutschland haben Nationallibcrale und Zentrum sür rs gleiche Wahlrecht gestimmt. Hier verleugnen beide Par- (ieit diesen Standpunkt, nur weil sic sich an den Sonnenstrahlen er Gunst des herrschenden Junkertums wärmen wollen. (Lachen cchts.) Hier herrscht kein Streit um die Red)te des Volkes, endc.n ein unwürdiges Buhlen um die Gunst der preußischen iurifcr. Preußen ist auck im Auslande diskreditiert worden.
Throne krachen. Also: wird nicht der Wunsch der Junker erfüllt, daun krachen die Throne! Kommt da ein neues Jena, fo mußten wir ja Hunde sein, wollten wir auch nur einen Finger rühren, um diesen Junkerstand zu retten. Die Erbitterung und Empörung des Volkes ist jetzt so groß, daß sie auch durch Polizei und Heer nicht beseitigt werden kann. Herr v. Zedlitz freut chhofft auf das Heer. Sie können wohl 10, 100 und 1000 Staatsbürger mit deutschem Militär totschießen, aber nicht die Millionen von Sozialdemokraten. Kommt es zur Revolution, dann nur, weil die nichtsnutzige Junkerkaste in Preußen es versteht, das Volk bis zum Aeußersten zu reizen. (Bravo! bei den Soz.)
Abg. Herold (Zentr.): Gegenüber den Ausführungen des Vorredners muß ich betonen, daß ich ausdrücklich hervorgehoben habe, daß der Herr Minister des Innern — ich bitte dies zu unterscheiden von: Kgl. Staatsregierung —, als er sich mit den Beschlüssen der Kommission einverstanden erklärte, seine Anncht von geltem auf heute geändert hat. Es ist aber weiter gefügt worden, daß er ebenso schnell seine Ansicht von heute auf morgen zurückrevidieren könne.
Minister v. Moltke: Es ist ein Gegensatz zwischen memer Erklärung in der Kommission und der Erklärung, welche der kanzler hier int Hause abgegeben hat, gefolgert worden. Em solcher liegt aber durchaus nicht vor, sondern der Präsident des Staatsministeriums hat crNärt, daß die Regierung den von Ihnen gewünschten Prinzipien bezüglich der indirekten und geheimen Wohl zustimmen würde, aber daß er sich nicht gebunden achten könne bezüglich aller einzelnen übrigen Punkte, die in der Vorlage enthalten wären. Ein derartiger anderer Punkt sei die Drittelungsfrage, und da habe ich erklärt, daß ich dazu er- w.ächttgt sei, daß, wenn der Regierung eine Drittelung aus breiterer Grundlage vorgeschlagen würde, sie sich damit einverstanden erklären würde. Ein Gegensatz zwischen mir und dem Herrn Reichskanzler besteht also nicht. . .
Ein Schlußantrag wird angenommen. Damit schließt die allgemeine Aussprad>e. , ., ,
Abg. Hirsch-Essen (Natl.): Ich bedauere, daß ich durch den Schluß der Debatte verhindert worden,bin, aus meiner genauen Kenntnis der industriellen Verhältnisse heraus, die ich mir glaube tnnbijiercn zu dürfen, festzustellen, daß in der gesamten Industrie ohne Rücksicht auf Parteistellung, gleichviel ob sie kon- fervativ, sreikonservativ oder nationalliberal gerichtet ist, die Auf- rechterhaltimg der Drtttelung nach Urwahlbezirken in Verbindung mit der Maximierung als schreiende Ungerechttgkett empfunden wird, weil diese Bestimmungen mit einem Zuschließen der -tür des Parlaments für die grohgewerblichen, für unser gesamtes Staats- uiid Wirtschaftsleben so überaus wichtigen Kreise gleichbedeutend sind. .
In der Einzelberatung wird Artikel 1 ohne Debatte mit den Stimmen des Zentrums und der Konservativen angenommen, ebenso die 1 bis 3. Bei § 4 verzichtet der konservative Redner Frhr. v. Richthosen auf das Wort, zugleich bringt Abg. v. Arnim (Kons.) einen Schlußantrag ein. Zum Wort ist noch gemeldet Abg. Stroebcl <Soz.). Der Schlußantrag wird angenommen.
Abg. S t r ö b e l lSoz.): Ich glaube, daß dieser Beschluß in Widerspruch zu den Bestimmungen rn'crer Geschastsordnung sicht. Nach der Gesckäftscronung kann die Debatte nid t gesu.lossen werden, bevor nicht die Besprechung eröffnet ist. Da der Vorredner aufs Wort verzichtet hat, hat keine Debatte stattgefunden, sie konnte auch nicht geschlossen werden. Die Beschlußfassung ist also geschästsordnungs- widrig.
Präsident v. Kröcher: Das Haus hat so bephlopen, und ich werde so verfahren. (Heiterkeit.)
§ 4 wird darauf mit den Stimmen der Konservattven und des Zentrums angenommen.
Sei § 5 wiederholt sich derselbe Vorgang, als sich der Abg. Hirsch iSoz.) zum Wort gemeldet hat. Zur Geschäftsordnung erklärt hierauf
Abg. H i rs ch (Soz.): Ten Standpunkt meines Parteifreundes über die Geschäftsordnungswidrigkeit des Vorgehens dieses Hauses teile ich vollkommen, will seine Gründe aber nicht wiederholen. Jedoch halte ick) es für notwendig, ausdrücklich vor dem Lande sestzustellcn, in welcher Weise in diesem Hause Komödie gespielt wird.
Präsident v. K r ö ch e r: Komödie spielen wir hier nicht.
Abg. H i r s ch <Soz.): Ein Herr von der konservativen Frattion sieht die Rednerliftc nach, und sobald bei irgend einem Paragraphen sich ein Sozialdemokrat zum Worte gemeldet hat, dann springt ein konservativer Abgeordneter vor, nachdem er sich vorher zum Worte gemeldet hat und verzichtet auf das Wort.
Präsident v. K r ö ch er: Abgeordnete springen hier im Hause nicht vor. (Heiterkeit.) n ,
Die §§ 6 und 7 werden angenommen. Sei § 8 haben fich zum Wort gemeldet die Abgg. Strosser (Kons.) und Liebknecht (Soz.). Abg. Strosser verzichtet auss Wort. Darauf wird ein Schlußantrag der Konservativen angenommen.
Abg. Liebknecht (Soz.) zur Geschäftsordnung (mit Heiterleit empfangen): Ich konstatiere vor dem ganzen Lande (Stürmische, langanhaltende Heiterkeit), daß dieses sogenannte Hohe Haus (Lebhafte Oho!- und Pfui-Rufe.)
Präsident v. Kroch er: In dem „sogenannten" liegt eine Seleidigung des Hauses. (Zusttmmung.) Herr Abg. Liebknecht, ick) rufe Sie zur Ordnung. (Beifall.)
Abg. Liebknecht (Soz.): — daß dieses Hohe Haus nicht einmal heute zwei Stunden Zeit hat sür diese wichtige Vorlage. Es ist ja nickt erlaubt, von .Komödie zu reden. Ich nenne es ein schnödes Verbrechen. (Beisall bei den Soz. Unruhe rechts.)
Präsident v. Kröcher: Herr Abg. Liebknecht, ich be- daure, aber ich kann mir nicht helfen, ich rufe Sie zur Ordnung. (Beifall.)
Der Rest des Gesetzes wird angenommen.
Präsident v. Kröcher: Abänderungen zu der Vorlage sind vom Hause nicht angenommen worden. Wir können gleich über das Gesetz int ganzen abftimmen.
Abg. Ströbel (Soz.) (zur Geschäftsordnung): -Ich möchte den Präsidenten und das Haus darauf aufmerksam machen, daß die Abstimmung geschäftsordnungswidrig vor sich gegangen ist, weil die Bestimmungen der Geschäftsordnung nicht eingehalten sind. Ter Präsident war vorhin anderer Meinung. Wir haben aber schon einmal in diesem Hause die Erfahrung gemacht, daß auch ein Präsident die Geschäftsordnung nicht zu kennen braucht. In den Anmerkungen zur Geschäftsordnung steht in dem Buche von Plate: der Schlußantrag kann selbstverständlich nur nach Eröffnung der Besprechung gestellt werden, da eine nicht eröffnete Besprechung nicht gefchlossen werden kann, und nachdem ein Redner das Wort erhalten hat. Eine Kommission hat früher dieser Punkt auch schon einmal beschäftigt, da ist derselbe Standpunkt vertreten worden. Die Abstimmung ist daher geschäftsordnungswidrig und ungültig. 'Lebhafter Widerspruch.)
Abg. Tr. Porsch (Zn r.) (zur Geschäftsordnung): Der Abg. Stroebel hat einen Satz fortgelassen. (Lebhaftes -von, yört!) Dieser Satz lautet — und das ist der entscheidende — das Haus könne in bestimmten Fällen das Bedürfnis empfinden und müsse deshalb die Macht haben, eine Abstimmung ohne Besprechung herbeizuführen. (Stürmisches Hört, hört! rechts und allgemeine große Heiterkeit.) Es ist damit ausdrücklich anerkannt, daß das Haus das Recht haben muß, in jedem Falle Schluß zu machen, wo es ihm angemessen erscheint.
Abg. Fischbeck (Vp., zur Geschäftsordnung): Ich gebe zu, daß man hier verschiedener Meinung sein kann. Iber wenn
man nun auf dem Standpunkt steht, daß es möglich ist, einen Schlußantrag anzunehmen, ohne daß die Debatte vorher eröffnet ist, dann verstehe ich eigentlich nicht die ganze Art, wie die ^ache vorher inszeniert wurde, weshalb die Herren erst vorgeschickt wurden und aufs Wort verzichteten. AuS dieser Art der Inszenierung scheint doch hervorzugehen, daß Ihnen bei dieser Auslegung der Geschäftsordnung doch nicht ganz wohl gewesen ist. . Ich gebe zu, daß man dahin kommen kann, die Geschästsordnung-)o auszulegen. Aber das Interesse und der Ernst der Sache rechtserttgt ein solches Vorgehen nicht, und ich muß vom Standpunkte der Minderhett aus, die das größte Interesse daran hat, daß bic, Geschäftsordnung Dem Sinne und ihrer wahren Geltung gemäß ausgelegt wird, gegen das Vorgehen auch namens meiner politischen Freunde auf das Energischste protestieren. (Lebh. Beifall links.) '
Abg. Dr. Friedberg (Natl., zur Gesckfäftsordnung): bcffnde mich in Uebereinfrimmung mit dem Abg. Porsch, daß btt Rechtscmffassung schließlich nicht zugunsten der Beschwerdeführer gehen kann. Aber etwas anderes ist es, wie man sich materiell« stellt, und da muß idf sagen, daß auch meine politischen Freunde diese Art nicht zu billigen vermögen. (Beifall links.) ^Der Abg. Liebknecht hat vorhin dem Hause einen Vorwurf gemacht. Seine Worte müssen eingeschränkt werden. Nicht das Hauö verdient einen Borwurf, sondern, wenn man ihn erheben will, eine gewisse M ajor ität dieses Hauses. (Aha! bei den Kons, und dem £entr.), die sich zusammensetzt aus Konservattven und Zentrum. (Beifall links.) I
Präsident v. Kröcher: Nach der Geschästsordmoig gibt es- erst eine Wortmeldung, nachdem die Debatte eröffnet ist. Das steht in der Geschäftsordnung. Es ist allerdings nie so gehandhabt worden, weil es physisch unmöglich ist. Aber wenn Sie nach der Geschäftsordnung verfahren wollen, nmssen Sie auch ver- langen, daß erst, nachdem der Präsident die Debatte eröffnet hat, Wortmeldungen entgegengenommen werden.
Nach weiteren Auseinandersetzungen über die Handhabung der Geschäftsordnung ergibt die Abstimmung die An-, nähme der Vorlage mit den Stimmen der Kon" servativen und des Zentrums.
Das Haus ging dann zur Weiterbcratung des Eisenbahnhaus^ Halts über. ___
Ans itaöt nnd Land.
Gießen, 13. April 1910.
•• Der Nachweis der Befähigung zur lieber« nähme eines Kirchenamts ist von den Kandidaten der eoang. Theologie Hans B eynch zu Büdingen, Friedr. Clotz zu Gießen, Hch. Heß zu Pfersdorf, Rich. Högy zu Ruppertsburg, Wilh. K linge lh öffer zu Lich, Leonh. Mangold zu Darmstadt, Hch. Simon zu Eichloch, Mart. Walldorf zu Dolgesheim und Siegfr. Werner zu Nidda erbracht löorben.
"Aus dem Militärwochenblatt. Domke, Ober- Intendantur-Sekretär des 9. Armeekorps, zu der Jntendairtur des 18. Armeekorps, Graebcr, Intendantur-Sekretär des 18. Armeekorps, zu der des 17. Armeekorps, Keil, Lazarett-. Oberinspektor in Köln, als Lazarett-Vcrwaltungs-Direktor aufj Probe nach Mainz, Neumann, Lazarett-Oberinspektor in1 Mainz, nach Köln — versetzt.
*' Neue RegierungSbau in ei st er. Ernannt w u r d e n die Negierungsbauführer Paul A r n o l d aus Seligen» Habt, Hch. Ensinger au§ Alzey, Wilh. Fauth aus Gau- Obernheim, Ernst Leb ach aus Arolsen, Franz Röhle auS Solingen, Fritz Rohde aus Darmstadt und Friedr. Wiß- mann aus Darmstadt zu Regierungsbaumelstern.
** In den Ruhestand versetzt wurde der Lokomotivführer in der Hessisch-Preußischen Eiscnbahngemeinschast: Hch. Luft zii Nidda.
*"* Jubiläumsfeier des Männer-TrnrnVereins! Gießen. Die Vorbereitungen zur Feier des 25 fälligen stehens des M.-T.-B., das in diesem Jahr in den Tagen vom 11.—13 Juni auf dem Trieb gefeiert werden soll, sind, wie man uns schreibt, in vollem Gange. Der gcschäftsführende Ausschuß hielt am Montag abend eine Sitzung ab, in der von den Einzel- Ausschüssen über bic Fortschritte und Ergebnisse bezüglich der Voo-- ber ei hingen zum Fest berichtet wurde. Der Voranschlag des Festes wurde cndgülttg festgesetzt, so daß imnmehr die Einzel-Ausschüsse> in dessen Rahmen die Abschlüsse betätigen können. «Die ersten, Einladuiigcn an die Vereine des Turngaues Hessen sind hinaus^ gegangen. Gießen hat es von jeher .verstanden. Feste zu feiern, namentlich Turnfeste. Auswärtige Besuck>cr der früheren. Turnfeste gedenken noch mit Freuden ber fröUichen Festtags und der weitgehendsten Gastfreundschaft, die sie hier ge--. fimben haben. Mitglieder der Ausschüsse gaben aus ihren reichen Erfahrungen vielfache dankenswerte Anregungen, um das Fest) sowohl in turnerischer Weise zu einem guten Gelingen zu führen, als auch in seinen Vergnügungen glanzvoll zu gestalten. Die festgesetzlc Jestordnnng wirb habet ben Gästen unb Bürgern eine- Fülle schöner Vergnügungen bieten. — Es werden darum auch zn^ diesem Feste viele frühere Turner des Vereins, iw" uah unb fern zusammen kommen und sie dürfen versichert sein, daß ihnen in Gießen in alter Herzlichkeit die Tore offen stehen.
**Der Anglcrklnb Gießen teilt uns mit, daß in ber Angelegenheit der Wißmarer Fischerei noch keine Entscheidung der Regierung ergangen ist und auch wegen ber Zahl der auszugebenden Karten noch nichts Bestimmtes, feststeht.
** Amerikanische Geschäfte. Von einem Leser nn-> seres Blattes geht uns bas Schreiben einer Firma „The M A. Winter Eo." in Washington zu, bas in der letzten Zeit an viele Leute in unserer Gegend, namentlich an kleinere Geschäftsleute, gesckstckt worden sein soll. Das Schreiben enthält in wohl absichtlicy sehr allgemein gehaltenen Ausfiihrungen das Angebot einer „sehr guten Anstellung", jedoch ohne die geringftc Angabe, uni was es sich eigentlich dreht. Ta nicht Mizunehmen ist, daß der amerikanische Geschäftsmann, der hinter der Sache steht, aus reiner Menschenfreundlichkeit gerade kleinere Leute in unterer Gegend mit einer guten Vertretung beglücken will, ift seinen Zuschriften gegenüber Vorsicht am Platze.
---- Queckborn, 12. April. Wie in vielen Nachbargemeinden, so ist auch in unserer Gemarkung vor einiger Zeit die Diirchführung der F c l d b e r e i n i g u n g beschlossen worden. Das Ministerium des Innern hat bic Ausführung dem Geometer 1. Klasse Atzbach zu Gießen zugeteilt, der seit zirka acht Tagen hier anwesend ist und bereits mit den BesitzstandS- aufnahmcn begonnen hat.
§ Vom Vogelsberg, 12. April. Die warmen- Frühlingstage haben den Pflanzenwuchs schon sehr gefördert. In besseren Lagen haben die Aecker mit Winter-


